Hinter der Maske

9783608504217

Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle
Stuart Turton
Aus dem Englischen von Dorothee Merkel
erschienen am 24. August 2019 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50421-7

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„Agatha Christie meets Und täglich grüßt das Murmeltier“, so steht es auf der Buchrückseite. „Ein teuflisch spannender Kriminalroman.“ meint die Times dazu. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen an das Debüt des Reisejournalisten Stuart Turton.
Der Inhalt ist kompliziert, so kompliziert, dass eine Kurzbeschreibung schwierig ist, will man nicht zuviel verraten. Und das will ich definitiv nicht, sollen doch meine Nachfolger unter ähnlich vor Spannung abgekauten Fingernägeln leiden wie ich.
Irgendwo im Wald, meilenweit vom nächsten Dorf entfernt, liegt das Anwesen der Hardcastles. Die Familie wohnt dort schon lange nicht mehr. Das Haus ist eine Ruine, bewohnbar gemacht nur für ein Ereignis: einen Maskenball. Auf dem Höhepunkt des Festes begeht die Tochter des Hauses, Evelyn Hardcastle, scheinbar einen Selbstmord. Die Besonderheit: der Tag wiederholt sich so oft in Endlosschleife, bis jemand die tatsächlichen Geschehnisse darlegen kann.
Auf den ersten Blick ein klassischer britischer Landhauskrimi, -ein von der Welt abgeschlossenes Gelände, eine begrenzte Anzahl Gäste, ein durch Kombinationsgabe zu lösendes Vergehen – , erhöht Turton mit dem Zeitschleifendreh die Spannung ins Unendliche. Jeder Tag beginnt anders, die Karten müssen quasi neu gemischt werden, nur das Grundgerüst verläuft gleich. Der Leser hetzt mit dem Autor Beweismittel suchend durch den Text, muss Finten erkennen und um das Leben einiger Ballgäste fürchten, während die Zeit von Seite zu Seite abläuft.
Meine Familie musste zwei Tage mit den Buchdeckeln kommunizieren, weil es mir wirklich extrem schwer gefallen ist, Pausen einzulegen. So bin ich tatsächlich in kürzester Zeit durch die 604 Seiten gerauscht und habe mir dabei mehrfach selbst auf die Finger geklopft, um nicht auf die letzten Seiten zu schauen.
Einziger Wermutstropfen: das Ende mit der abschließenden Auflösung des gesamten Geschehens war mir zu weit hergeholt. Ich hatte mich schon während des Lesens danach gefragt und war dann ein wenig enttäuscht. Aber niemand sollte sich davon nun vom Lesen abhalten lassen! Turton ist es wirklich gelungen, den Whodunit in die Gegenwart zu holen, den Staub abzuklopfen und einen unerwartet großartigen Dreh einzuführen, der es ihm erlaubt, fast jeden Ermittlertypus auftreten zu lassen. Und , aber das ist nur eine Vermutung meinerseits, die auch keineswegs stimmen mag, wir treffen auf alte Bekannte im neuen Kleid: Sherlock Holmes, Nero Wolfe, Philip Marlowe. Da ich nicht alle entschlüsseln konnte, kann das jedoch auch schlicht meine blühende Phantasie sein. Passen würde es allerdings zu diesem ausgeklügelten Werk allemal.
Ein abschließender Tipp: man nehme sich Zeit und Ruhe zum Lesen, nebenher laufen lassen kann man diesen komplexen Roman definitiv nicht.

Ich danke dem Tropen Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

Leselust Andreas Kück https://andreaskueckleselust.com/2019/08/25/rezension-stuart-turton-die-sieben-tode-der-evelyn-hardcastle/

Landhaus-Krimi

9783608963922

Dreizehn Gäste
J. Jefferson Farjeon
Aus dem Englischen von Eike Schönfeld
erschienen am 23. März 2019 im Klett-Cotta Verlag
ISBN 978-3-608-96392-2

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Ein verregneter Sonntag, keinerlei Verpflichtungen, der Regen prasselt gegen die Scheiben, auf der Couch mit Wolldecke, der Tee dampft, links ein Hund und rechts ein Hund, in der Hand ein klassischer britischer Krimi- das kommt dem Paradies schon recht nahe…
Und darum freut es mich ganz außerordentlich, dass der Klett-Cotta Verlag seit geraumer Zeit wunderschöne leinengebundene britische Krimis veröffentlicht, von mal mehr mal weniger bekannten Autoren.
Diesmal handelt es sich um einen Landhaus-Krimi von J. Jefferson Farjeon, erstmals erschienen 1936. Farjeon war ursprünglich kein Unbekannter in der Krimiwelt, eines seiner Bücher wurde sogar von Hitchcock verfilmt, ist aber inzwischen weitgehend in Vergessenheit geraten. Seine Plots sind oft recht verwickelt, ein klitzekleines bißchen zu konstruiert und die Charaktere dadurch ein wenig blass. Das wird aber aufgehoben durch den Spannungsbogen und die überraschenden Auflösungen.
So auch diesmal. „Dreizehn Gäste“ ist wie ein Ausflug nach Downton Abbey mit Mord zum Dinner. Wir befinden uns auf Bragley Court, dem Anwesen Lord Avelings. Selbiger hat zwölf Gäste zu einer Party eingeladen, durch einen Zufall werden es dreizehn. Eine Unglückszahl! Prompt kommt kurze Zeit später ein Gast ums Leben.
Der Ablauf ist ganz klassisch: als Mörder in Frage kommen nur Hausbewohner, Gäste und Personal. Der Gärtner ist es nicht, so viel verrate ich gerne. Aber gut behütet auf dem Sofa ist es ein Genuss, den Mörder mit zu entlarven, zumal auf detailgetreue Schilderungen etwaiger Verletzungen verzichtet wird. Für mich ist genau das auch der Reiz an diesen Romanen. Es ist mehr eine literarische Form von Sudoku, verlockt zum Kombinieren und Mitraten, und weniger Gemetzel mit ein bißchen Handlung dazwischen.
Wer sich also für derartige Lektüre ähnlich begeistern kann wie ich, der möge einen Blick zu Klett-Cotta werfen und wird dort bestimmt fündig.

Weitere Besprechungen:

KrimiLese https://krimilese.wordpress.com/2019/07/26/j-jefferson-farjeon-dreizehn-gaeste/
Andreas Kück https://andreaskueckleselust.com/2019/04/17/rezension-j-jefferson-farjeon-dreizehn-gaeste/
Buchkenner https://buchkenner.wordpress.com/2019/04/27/dreizehn-gaeste-j-jefferson-farjeon/

Lektorenleid

17738

Die Morde von Pye Hall

Anthony Horowitz

Aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff

erschienen 2018 im Insel Verlag

ISBN 978-3-458-17738-8

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„Die Morde von Pye Hall“ ist der neue Roman des Erfolgsautors Anthony Horowitz, eine Hommage an den klassischen britischen Krimi á la Agatha Christie und zugleich eine spielerische Weiterführung des Themas, ein Roman im Roman.

Die Lektorin Susan Ryeland arbeitet für Cloverleaf Books, den Verlag, der die berühmte Krimiserie um den Detektiv Atticus Pünd verlegt.  Als sie das Manuskript zum neuesten Buch aus der Serie liest, bemerkt sie, dass das letzte Kapitel fehlt. Gleichzeitig nimmt sich der dazugehörige Starautor Alan Conway das Leben. Bei der Recherche nach den letzten Seiten stößt Susan auf Ungereimtheiten und beginnt zu ermitteln…

Es fällt mir tatsächlich ein wenig schwer, über diesen Roman zu schreiben ohne zu viel zu verraten. Aber so viel sei gesagt: ich hätte liebend gerne die komplette Reihe der Atticus Pünd -Romane auch gelesen, so gelungen finde ich den „letzten“ Band. Falls Horowitz also irgendwann die Themen ausgehen, wäre das ein wunderbares Projekt!
Die Idee, die Rahmenhandlung zu einem zweiten Krimi zu erweitern, ist ein geschickter Kunstgriff, der die Lesefreude definitiv verdoppelt. Was dieses Buch aber schlußendlich so besonders macht, ist die deutliche Freude, mit der der Autor sich in dieses Genre wirft, der spielerische Umgang mit den klassischen Versatzstücken. Man sieht das verschmitzte Grinsen fast vor sich, wenn Horowitz den Leser auf falsche Fährten zu locken versucht. Dabei versteht er eindeutig sein Handwerk, kennt den Tonfall und das Personal britischer Krimis in- und auswendig: vom adeligen Grundbesitzer über den Pfarrer bis zum Gärtner, von der ehemaligen Ehefrau über den verschmähten Liebhaber bis zum geheimnisvollen Fremden. Das liest sich sehr vertraut und hat trotzdem neue Elemente, ein bißchen, als hätte jemand ein geliebtes altes Buch entstaubt und neu einbinden lassen. Eines ist der Roman trotz bekannter Abläufe jedoch auf keinen Fall: langweilig! Wer, wie ich, gerne Kriminalromane liest, aber mit brutalen Gemetzeln wenig anfangen kann, wer gerne rätselt und den Fehler in den geschilderten Abläufen sucht, wer zwar gerne ermittelt, aber dabei auf allzu blutige Details verzichten kann, der wird mit diesem Roman nach klassischer Art seinen Spass haben.

Ich danke dem Insel Verlag herzlich für das zur Verfügung gestelle Leseexemplar.

Weitere Rezensionen zu diesem Buch:

lovely testing https://lovelytesting.wordpress.com/2018/03/19/die-morde-von-pye-hall-von-anthony-horowitz/
Das Blog für Hörbücher https://buecherhoererin.wordpress.com/2018/03/20/anthony-horowitz-die-morde-von-pye-hall/

 

Klassische Unterhaltungsliteratur

Der Tote in der Kapelle von Elizabeth Edmondson

Der Tote in der Kapelle

Elizabeth Edmondson

Aus dem Englischen von Peter Beyer

erschienen 2018 im Goldmann Verlag

ISBN 978-3-442-48612-0

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„Der Tote in der Kapelle“ ist, und das darf durchaus verraten werden, der scheinbar schon vor Jahren verschwundene Earl of Selchester. Bei Reparaturen in der Schlosskapelle taucht er höchst unlebendig wieder auf und weckt damit die Neugier Hugo Hawksworths (allein für diesen Namen könnte ich die Autorin küssen), eines ehemaligen Geheimagenten. Der begibt sich zusammen mit der Nichte des Earls auf die Spur des Mörders.

Dieser Roman ist britische Unterhaltungsliteratur vom Feinsten. Am besten zu lesen bei Tee und Gurkensandwiches. Das Ganze spielt im Jahre 1953 in einer mittelalterlichen Burg mit dazugehörendem Dorf, einschließlich einer Einwohnerschar, bei der es mich nicht gewundert hätte, wenn Pater Brown zu Besuch gekommen wäre, um Miss Marple ein versprochenes Kuchenrezept vorbeizubringen. Alles, wirklich alles, was man sich bei Krimis im dörflichen England so wünscht, wird erfüllt: es gibt einen geheimnisvollen Kater, eine fürsorgliche Köchin, eine Ahnengalerie, Ausritte im Moor, ein Kirchenkomitee und ein schnuckeliges Café.

Das Buch ist solide geschrieben, der Plot ist nachvollziehbar und an den richtigen Stellen spannend. Und vor allem: es versucht nicht mehr zu sein als es ist, eben ein klassisch britischer Kriminalroman. Und das finde ich ganz wunderbar so. Denn einen solchen Roman zu lesen, ist ein bißchen wie ein Besuch im alten Zuhause: warm, anheimelnd, man kennt sich aus und weiß, dass es noch den Lieblingskuchen zum Kaffee geben wird, man hört Geschichten über altbekannte Nachbarn und trinkt aus der Tasse mit dem Ditsch, den man… nun, man versteht sicherlich, was ich meine, auch ohne weitere Ausführungen. So ein Buch zu lesen macht einfach Spass und ist erholsam – keine verdeckten Sinnebenen und Anspielungen, keine verschnörkelten Endlossätze, dafür britische Hausmannskost (nein, nicht erschrecken, im ganzen Buch taucht Minzsauce nicht einmal auf) der feinen Art. Well done!

Ich danke dem Goldmann Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.