Einsame Seelen

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Abendrot
Kent Haruf
Aus dem Amerikanischen von pociao
erschienen am 23.01.2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07045-3

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Holt, Colorado. Dies ist nun das dritte Buch des amerikanischen Autors Kent Haruf, das in dieser fiktiven Kleinstadt spielt und inzwischen fühle ich mich dort ganz heimisch. Das Leben ist nicht einfach in Holt, ganz gewiss nicht. Die Farmer ringsum führen ein hartes Leben, geprägt von Trockenheit und Winden, sind Tag und Nacht im Einsatz. Und auch die Stadtbewohner tragen ihre Päckchen.
Haruf erzählt von gescheiterten Ehen, von Alkohol und Mißbrauch, von Armut und Gewalt. Er erzählt von Betty und Luther, die versuchen, am Rande des Existenzminimums ihre Familie zusammenzuhalten, von DJ, der nach dem Tod seiner Eltern bei seinem Großvater wohnt, von Rose, die als Sozialarbeiterin arbeitet. Auch bekannte Gesichter tauchen wieder auf, die man aus „Lied der Weite“ kennt: die McPheron-Brüder und Victoria, Tom Guthrie und seine Partnerin Maggie.
Lakonisch, realistisch, aber liebevoll, so ist der Blick des Autors auf seine Charaktere. Sie wirken echt, aus dem Leben gegriffen, solchen Menschen begegnet man sicher in zig Kleinstädten der USA. Sie kämpfen um ein menschenwürdiges Leben. Manchmal glückt es, manchmal leider auch nicht. Immer aber lässt Haruf ihnen ihre Würde, urteilt nicht vorschnell, zeigt unterschiedliche Blickwinkel.
Nachdem „Lied der Weite“ mir zu blass erschien, zu wortkarg, bin ich diesmal angekommen in Holt. Und das, obwohl dieser Roman düsterer ist und wirklich schmerzhafte Themen berührt. Andererseits lässt Haruf seinen Charakteren immer einen Hoffnungsschimmer, und sei er noch so klein. Außerdem gibt es die McPherons, die ich wirklich nicht mehr missen möchte. Ganz wunderbare Menschen, die der Autor da zum Leben erweckt hat.
Sechs Romane über Holt hat Kent Haruf geschrieben. Inzwischen bin ich wirklich gespannt auf die noch kommenden drei. Ich hoffe auf ein Wiedersehen mit ein paar Bekannten und auf neue Gesichter, hoffe, ich erfahre, was aus DJ wird und ob Roses Liebesgeschichte anhält. Mir sind Holts Bewohner ans Herz gewachsen, zumindest einige und damit hätte ich nach dem ersten Buch so gar nicht gerechnet. Vielleicht lese ich es in einer ruhigen Minute einfach nochmal. Vielleicht war ich damals einfach noch nicht bereit für Holt, Colorado.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar-

American Dream

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Der Winter unseres Missvergnügens

John Steinbeck

Aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Robben

erschienen am 15.10.2018 im Manesse Verlag

ISBN 978-3-7175-2432-8

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Der amerikanische Traum von der Durchlässigkeit der Gesellschaft – vom Tellerwäscher zum Millionär. In diesem Roman zeigt John Steinbeck, welchen Preis man dafür zu zahlen hat und das von Durchlässigkeit kaum die Rede sein kann.
Ethan Allan Hawley, aus sehr gutem Hause stammend, hat sein komplettes Vermögen verloren und arbeitet nun als Angestellter im ursprünglich eigenen Laden. Erstaunlicherweise macht die Tatsache, dass seiner Familie früher ganze Viertel in der Stadt gehört haben, ihm weniger zu schaffen als seinem Umfeld. Durch den Wunsch seiner Frau nach Namen und Geld angetrieben, erwachen bei Hawley kriminelle Energien und Skrupellosigkeit. Von Denunziation über Betrug bis zu einem geplanten Banküberfall rutscht Hawley die moralische Stufenleiter herab, steigt im gesellschaftlichen Ansehen aber gleichzeitig auf. Dabei dürfen wir Leser an seinen Gedanken teilhaben, erkennen die Stolpersteine und die Veränderungen. Mit Hawley hat Steinbeck keinen Unsympathen geschaffen, sondern im Gegenteil einen liebevollen Ehemann und freundlichen Gesellen. Umso erschreckender ist sein Sinneswandel.
Im Nachwort dann stellt Ingo Schulze Vergleiche auf mit Shakespeares Macbeth, der diesen Wandel ja tatsächlich auch macht, aus ähnlichen Beweggründen und mit demselben Motor im Hintergrund. Eine Shakepeare-Adaption also? Ähnlich wie die West Side Story ins moderne Amerika verlegt (also das Steinbecksche moderne Amerika, Ersterscheinungsjahr war 1962, der Roman spielt in den 50igern). Eine geniale Umsetzung wäre Steinbeck da gelungen, denn der Roman zeigt kaum Alterserscheinungen und liest sich trotz aller Gesellschaftskritik wunderbar flüssig. Für mich ist das ja eine Art Markenzeichen Steinbecks, diese bleibende Lesbarkeit, die altersunberührten Themen, der scharfe Blick. Und gerade in Zeiten von „America first“ ist der Roman eigentlich so aktuell wie zu seinen Entstehungszeiten, denn das, was ich als Hawleys moralischen Abstieg bezeichne, ist für Trump-Anhänger wohl nur normales Geschäftsgebaren.
Wieder einmal also ein durch und durch gelungener Band der Manesse Bibliothek.

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

Film und Buch https://filmundbuch.wordpress.com/2018/11/03/der-winter-unseres-missvergnuegens-john-steinbecks-letzter-roman/

Grenzerfahrung

Schlechter tanzen von Paul Beatty

Schlechter Tanzen

Paul Beatty

Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach

erschienen am 12.11.2018 im btb Verlag

ISBN 978-3-442-71665-4

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Paul Beatty ist ein gefeierter Autor, der erste Amerikaner, der den Man-Booker-Preis erhalten hat. Und er entstammt der Slam-Poetry-Szene. Grund genug, um eigene Lesegrenzen zu überschreiten, dachte ich mir. Außerdem interessierte mich das Thema wirklich: ein schwarzer Jugendlicher, aufgewachsen ohne nennenswerte Rassenprobleme in einem schicken Küstenort, zieht in einen Ghettovorort von LA und muss sich dort durchsetzen ohne die Regeln zu kennen.
Es passiert, was passieren muss, er kriegt auf die Fresse. Mehrfach. Entschuldigung, wenn ich das so deutlich schreibe, aber Paul Beatty ist noch deutlicher und detailreicher. „Zum Brüllen komisch“steht auf der Buchrückseite. Mir fehlte der Humor, mir fehlte das Verständnis, ich bin schlicht gescheitert. Ich habe den Roman komplett gelesen, aber bin nur in die oberen Schichten gedrungen. Habe nicht wirklich verstanden, was ernst gemeint ist, was Klischeebeschreibung, wo übertrieben wird und wo nicht.
Bei Sherman Alexie zB, der ja ähnliche Bücher über Indianerreservate geschrieben hat, hatte ich das Problem so nicht. Deshalb habe ich auch nicht damit gerechnet. Ich hatte beim Lesen das ständige Gefühl, draußen vor der Tür zu stehen, während drinnen die Party abgeht.
Gunnar geht seinen Weg, Basketball wird sein Türöffner, er wird sogar eine Art Gangmaskottchen und schafft den Spagat zwischen Hochschulbildung und Ghettobindung.  Glücklich wird er trotzdem nicht, scheint aber auch gar nicht sein Ziel zu sein.
Die Schnitte sind schnell, der Beat ist hörbar, die Sprache temporeich. Und es hat mich geärgert, dass ich so überfordert war, den Einstieg nicht geschafft habe. Das war keine andere Welt, das ist ein anderer Planet, so weit weg von meiner eigenen Lebenserfahrung, dass ich zwar ständig „oh mein Gott“ denken konnte, aber den Humor hinter der Gewalt nicht zu würdigen vermochte. Nun ist es nicht so, dass hier ständig Blut spritzt und die Knochen splittern, aber unterschwellig ist die Gewalt ständig zu spüren. Und zwischendurch gibt es Eskalationen.
Es ist gut und wichtig, dass solche Romane geschrieben werden, dass viele Menschen von den Zuständen erfahren und von der Kraft und auch oft Würde derjenigen, die dort leben müssen und von dem Irrsinn, dem sie ausgesetzt sind.
Paul Beatty ist ein Kultautor, der offenbar einen Nerv trifft bei seinen Lesern. Bei mir leider nicht, aber das dürfte zu verschmerzen sein.

Ivh danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.