A dance to the music of time

9783423145947

Eine Frage der Erziehung

Anthony Powell

Aus dem Englischen von Heinz Feldmann

erschienen 2017 im dtv Verlag

ISBN 978-3-423-14594-7

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„Eine Frage der Erziehung“ ist der erste Band der zwölfbändigen Reihe „Ein Tanz zur Musik der Zeit“ des englischen Schriftstellers Anthony Hopkins. Darin wird die englische Gesellschaft und ihr Wandel vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zum Ende der Sechziger Jahre sehr detailgetreu und umfassend beschrieben.
Der erste Band nun beginnt 1921 in einem britischen Internat. Wir beobachten Nick Jenkins, dessen Leben in dem Zyklus erzählt wird, und seine Freunde Charles Stringham und Peter Templer beim traditionellen Tee, bei Verwandtenbesuchen, im Umgang mit dem Lehrpersonal. Sofort stolpert man über offensichtliche Eigentümlichkeiten britischen Internatswesens, darüber, dass es akzeptierte Arten des Benehmens und selbst des „Über die Stränge Schlagens“ gibt und unakzeptable. Den Unterschied kennt man – oder verrät sogleich die Nichtzugehörigkeit zu entsprechenden Gesellschaftsschichten.
Im weiteren Verlauf begleiten wir Jenkins zu einem Sprachaufenthalt nach Frankreich, bei den ersten Schritten auf der Universität und erleben seine ersten Verliebtheiten. Im Grunde passiert nicht viel. Jenkins berichtet über seine Erlebnisse, teilt seine Gedanken dazu und öffnet dabei ganz nebenbei und im Plaudertone die Tore zu einer verlorenen Welt.
Ich glaube, man muss diese Art des Schreibens mögen. Es ist wie mit Koriander, entweder man liebt ihn oder man findet ihn seifenartig im Geschmack, dazwischen gibt es nichts. Hier ist es wohl ebenso. Ich kenne diverse Stimmen, die dem Buch gepflegte Langeweile vorwerfen, denen Handlung fehlt, Spannung, Ereignisse. Ich habe diesen ersten Band geliebt und fast ohne Unterbrechung gelesen, wollte und konnte mich nicht trennen von diesem anderen Leben, diesem durchaus auch ereignislosen Alltag in einer mir eher fremden Gesellschaft, diesem Blick auf Personen und die Gründe ihres Verhaltens. Und ich freue mich darüber, dass ja nun noch elf weitere Bände auf mich warten, sofern dem Verlag nicht zwischendrin die Puste ausgeht, was ich mir gar nicht ausdenken mag. Zwei weitere Bände sind schon erschienen, zwei werden demnächst erscheinen. Sollte also in nächster Zeit hier Stille herrschen, dann tanze ich zur Musik der Zeit.

 

Weitere Rezensionen zu diesem Buch:

Blog des Bücherladens Appenzell https://buecherladenappenzell.wordpress.com/2018/01/05/eine-frage-der-erziehung/

Die wilden jungen Leute

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Lust und Laster

Evelyn Waugh

Aus dem Englischen übersetzt von pociao

als tb erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-24383-3

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Evelyn Waugh, 1903 – 1966, gilt als einer der besten Schriftsteller Großbritanniens. Viele seiner Bücher sind Klassiker, weltweit bekannt. Der Verlegersohn veröffentlichte 1928 seinen ersten Roman „Decline and Fall“, der gleich ein Erfolg wurde. 1930 folgte dann „Vile Bodies“, das uns hier in der Übersetzung von der wunderbaren Sylvia de Hollanda, genannt Pociao, vorliegt.

Der junge gutaussehende, aber bedauerlicherweise arme Adam wünscht die gutbetuchte und adelige Nina zu heiraten. Seine Versuche zu Geld und Ansehen zu kommen, um diesen Wunsch in die Tat umzusetzen, nutzt Waugh, um ein Portrait der jungen britischen Upper Class der Zwanziger Jahre zu zeichnen, die den Sinn ihres Lebens darin sieht von Party zu Party und von Skandal zu Skandal zu wandern.

Es gibt eine Tradition englischer Gesellschaftsromane, die mit Humor und Augenzwinkern die Eskapaden der oberen Zehntausend beschreiben. Am bekanntesten ist da sicherlich die Jeeves-Reihe von P.G. Wodehouse. Anders als Wodehouse schreibt Waugh allerdings mit deutlich spitzerer Feder und viel dunklerem Humor. Da bleibt einem bisweilen das Lächeln glatt im Halse stecken, wenn z.B. der abgehalfterte Society-Reporter einen letzten Skandal forciert, um dann den Kopf in den Gasherd zu stecken oder die junge Party-Queen ihre letzte große Party im Irrenhaus feiert.

Was diesen Roman trotzdem so amüsant und auch charmant macht, sind erstens die einfach brillante Schreibweise, die geschliffenen Pointen und hintersinnigen Formulierungen und zweitens die Art, wie Waugh den Lebenshunger einer Generation zeigt, die einen Krieg überlebt hat und den nächsten schon vor den Toren stehen sieht, einer Generation, die alles mitnimmt, was sich an Erlebnissen bietet, atemlos, masslos, sinnenfreudig. Und drittens ist es Waughs Lust an der Überzeichnung seiner Charaktere, die den wunderbar schrulligen Colonel Blount zum Leben erweckt oder die auf dem Vulkan tanzende Miss Runcible, die unbedacht und liebreizend einen Skandal nach dem nächsten auslöst.

Waugh zeigt meisterhaft, was Gesellschaft und Konventionen oder auch das Verleugnen derselben aus eigentlich liebenswürdigen und bisweilen schlicht unbedarften Menschen machen kann, zeigt, wie Societygrößen entstehen und vergehen, zeigt, was Klatsch anrichten kann, aber auch wie man ihn steuern und nutzen kann und hat mit „Lust und Laster“ den „Roaring Twenties“ ein unvergängliches Denkmal geschaffen, einen Roman, der auch nach fast einhundert Jahren nichts an Frische und Spritzigkeit verloren hat.

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.