„Im Frühling liebe ich die Morgendämmerung“

Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

Kopfkissenbuch
Sei Shonagon
Aus dem Japanischen von Michael Stein
erschienen am 15.April 2019 im Manesse Verlag
ISBN 978-3-7175-2488-5

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Sei Shonagon erblickt um 966 in Japan das Licht der Welt, als Tochter eines Provinzstatthalters. Sie erhält schon früh Zugang zu Literatur und Lyrik, ihr Vater ist ein anerkannter Experte für Dichtkunst. Das ist ungewöhnlich für ein Mädchen, aber es wird von einem sehr engen Verhältnis zwischen Vater und Tochter berichtet.
Etwa um 990 tritt Shonagon in den Dienst als Zofe der Kaiserin Sadako, dort beginnt sie ihr Kopfkissenbuch zu schreiben, eine Art Tagebuch. Sie berichtet über Hofklatsch und Intrigen, über Feste, ihr Verhältnis zur Kaiserin, über Vorlieben und Abneigungen.
Dem Manesse Verlag ist es zu verdanken, dass dieses Tagebuch nun erstmals vollständig übersetzt vorliegt. Nachwort, Personenverzeichnis und Anmerkungen komplettieren diese sorgfältig gestaltete Ausgabe, die es dem Leser ermöglicht seinen Blick eintausend Jahre zurück zu senden, an den japanischen Kaiserhof der Heian-Zeit. Shonagons Betrachtungen sind erstaunlich wenig gealtert, elegant formuliert und zeigen einen intelligenten und klaren Blick auf ihr Umfeld. Ihre Beschreibungen des Hofzeremoniells oder diverser Festlichkeiten sind lebendig und farbenfroh, ihre Charakterisierungen hochrangiger Persönlichkeiten sind zumeist überaus scharfzüngig und pointiert. Es ist ein wahres Lesevergnügen, Shonagon in ihre Welt zu folgen. Beeindruckend ist ihr Blick für Stimmungen, Natur oder Schönheit im Alltag. Die Kehrseite ist die Verachtung alles Häßlichen und Ärmlichen, ein typisches Verhalten privilegierter Menschen ihrer Zeit.
Besonders hervorzuheben ist an dieser Übersetzung das Fehlen jeglichen Japankitschs. Die Sprache ist poetisch und präzise, ohne falsche Überzuckerungen oder schwülstige Formulierungen. Daher ist es nur angemessen, Michael Stein für diese wunderbar feinfühlige Ausgabe zu danken, die einen Klassiker japanischer Literatur zu neuem Leben erweckt hat.

Ich danke dem Manesse Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Bis zum bitteren Ende

Beim Morden bitte langsam vorgehen von Sara Paborn

Beim Morden bitte langsam vorgehen

Sara Paborn

Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn

erschienen 2018 in der Deutschen Verlags-Anstalt

ISBN 978-3-421-04802-8

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Um das gleich zu Beginn festzustellen: bei diesem wunderschön gestalteten Buch handelt es sich nicht um einen Krimi, auch wenn Titel und Aufmachung das vermuten lassen. Es gibt keine teetrinkende Miss Marple oder einen schnurrbartzwirbelnden Hercule Poirot, nein , vielmehr beobachten wir eine Mörderin Schritt für Schritt bei ihrem Denken und Tun.
In fast jeder Ehe gibt es diesen Punkt, wo man ausruft „ich könnte ihn umbringen!“ und sich das vielleicht in dem Moment sogar genüßlich ausmalt. Wenn der Gatte verspricht, den Rasen zu mähen und sich dann bis zum einsetzenden Regen vor dem Fernseher platziert, wenn man aufwendig gekocht hat und der Lieblingsmann auf dem Heimweg bei McDonald’s abbiegt, wenn das strahlend überreichte Geburtstagspäckchen einen Eierschneider enthält…

Irene hat mit Horst einen dieser „Traummänner“ gefunden, deren ganzes Leben nur aus solchen Schnitzern zu bestehen scheint. Horst hat keine Phantasie, keinen Sinn für Bücher und lässt nur seine Meinung gelten. Mit rücksichtsloser Selbstverständlichkeit bestimmt er über Irenes Leben und drängt sie mehr oder weniger aus dem gemeinsamen Haus, bis ihr nur noch eine Leseecke im Keller bleibt. Als sie eines Tages nach Hause kommt und feststellen muss, dass Horst ihre Bücherkisten entsorgt hat, ist das Maß voll. Und als ihr dann noch eine alte Schachtel Vorhang-Bleibänder in die Hände kommt, keimt eine Idee…

Einen wirklich bösen, schwarzhumorigen Roman hat Sara Paborn da geschrieben. Einen Roman, bei dem einem so manches Kichern im Halse stecken bleibt. Einen Roman, der das bis zum Ende durchspielt, was man selbst manchmal vielleicht andenkt. Und obwohl Horst ein Schwager von Ekel Alfred sein könnte, ist Irene keine Sympathieträgerin. Man versteht ihr Handeln, kann die Gründe nachvollziehen, sieht aber auch mit Unbehagen ihre kleinen gemeinen Machtspielchen, ihre Faszination für Gifte, ihre Selbstgerechtigkeit. Und zittert doch um sie, wenn die Situation brenzlig wird, wenn ihr Tun entdeckt werden könnte.

Durch die Tagebuchform, dadurch, dass Irene selbst erzählt, ist man nah am Geschehen, teilt ihre Gedanken und Überlegungen. Das erhält die Spannung, obwohl man ja von Anfang an genau weiß, wie das Ende aussieht. Ein interessantes Gedankenspiel, konsequent durchgeführt, mit allen schönen und unschönen Begleiterscheinungen. Und eine Anleitung, sollte jemals jemand planen, meine Bücher wegzuwerfen…

Ich danke der DVA herzlich für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

 

Lied der Freiheit

100

Kastelau

Charles Lewinsky

erschienen 2014 im Verlag Nagel & Kimche

ISBN 978-3-312-00630-4

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Um den Kriegswirren in Berlin 1944 zu entkommen, reist ein Filmteam der UFA zu angeblichen Dreharbeiten in die bayrischen Alpen, in das verschlafene Dörfchen Kastelau. Auf engstem Raum und mit primitiven Mitteln versuchen sie den Eindruck aufrechtzuerhalten, sie drehten einen kriegswichtigen Film. Im Laufe der Zeit und unter dem Druck der Situation zeigt dabei jeder seinen wahren Charakter.
Erzählt wird in der Rückblende, mit Hilfe von Material, bestehend aus Drehbuchschnipseln, Interviews mit einer Darstellerin und Tagebucheinträgen des Drehbuchschreibers, die ein junger Amerikaner für seine Doktorarbeit zusammengetragen hat.

Angelehnt an die letzten Kriegsmonate Erich Kästners, die dieser in seinem literarischen Tagebuch „Notabene 45“ beschrieb und die er in Tirol bei den Dreharbeiten zu dem Film „Das falsche Gesicht“ verbrachte, verfasste Charles Lewinsky einen faszinierenden Roman, der Puzzleteilchen für Puzzleteilchen die (fiktiven) Geschehnisse in dem kleinen Bergdörfchen Kastelau enthüllt. Er erzählt von Werner Wagenknecht, einem von den Nazis mit Schreibverbot belegten Autor, der unter dem Decknamen Frank Ehrenfels das Drehbuch zu dem Film namens „Lied der Freiheit“ verfasst, von Tiziana Adam, einer jungen aufstrebenden Schauspielerin und von dem später sogar in Hollywood berühmten Schauspieler Walter Arnold, der ein Meister darin ist, das Fähnlein karrierefördernd mit dem Wind zu drehen.

Trotz der nicht immer zusammenhängenden Schnipsel, gelingt Lewinsky eine eindringliche Personenzeichnung, wird Kastelau mit seinen Einwohnern und dem Filmteam lebendig. Das ist natürlich vor allem den Interviewteilen mit der wunderbaren  Tiziana Adam zu verdanken, bei der man sich wirklich nicht vorstellen kann, dass es sich um eine erfundene Person handeln soll. Man wünscht sich fast, man könne sie in ihrer Berliner Kneipe aufsuchen. (Würde sie wohl gar nicht wollen. Aber trotzdem.)

Die Geschehnisse in Kastelau hallen auch nach Beenden des Buches nach. Gerade weil die Abläufe so wahrscheinlich und nachvollziehbar sind, weil sie in Teilen sicher in ganz Deutschland ähnlich abgelaufen sind, hinterlassen sie fast unmerklich Frösteln und Gänsehaut. Nicht ohne Grund stand „Kastelau“ 2014 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Ein phantastisch komponierter Roman über die letzten Kriegsmonate, ein Kammerspiel über Menschen unter Druck, mehr oder weniger abgeschlossen von der Außenwelt. Über Kadavergehorsam und Mutterliebe. Über Lebenslügen und den Preis ihrer Aufrechterhaltung.

 

Weitere Rezensionen zu diesem Buch findet ihr hier:

Literaturgeflüster https://literaturgefluester.wordpress.com/2014/09/21/kastelau/

 

Amüsant, aber…

Tagebuch einer Lady auf dem Lande von E M Delafield

Tagebuch einer Lady auf dem Lande

E.M. Delafield

erschienen 2012 im Manhattan Verlag

ISBN 978-3-442-54691-6

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Ich gestehe, ich habe eine relativ ungefilterte Vorliebe für alles Britische und tappe dabei auch gern in jede Klischeefalle, die meinen Weg kreuzt. Tee, Scones, Kamin, Jagdhunde, geblümte Tassen, Gartenbau – herrlich!

Daher ist es auch kaum verwunderlich, dass das „Tagebuch einer Lady auf dem Lande“ bei erster Sichtung sofort und augenblicklich erworben werden musste. Dieses Cover! Eine überaus elegante und erkennbar britische Lady betrachtet liebevollen Blickes eine Hyazinthe – mehr braucht es nicht, um mich zu überzeugen. Klappentexte, Buchvorstellungen, alles überbewertet. Mehr Ladies mit Hyazinthen oder Schneeglöckchen, meinetwegen auch Möhren, auf den Umschlägen und ich würde im Büchermeer versinken…

Nun gehöre ich aber zu den seltsamen Menschen, die die erworbenen Bücher auch lesen. Müsste man ja gar nicht. Man könnte ja auch Cover sammeln, so wie andere Briefmarken. Das wäre in diesem Falle allerdings doch schade, denn lesenswert ist das Tagebuch allemal.

Das 1930 erstmals veröffentlichte Buch enthält die gesammelten Texte einer wöchentlichen Zeitungskolumne und ist daher aufgeteilt in mehr oder weniger zusammenhängende Abschnitte. Das ist gut zu wissen, denn das Wort „Roman“ ist in diesem Falle tatsächlich eher irreführend. Die Tagebuchform macht aber alle eventuellen Zeitsprünge plausibel, die ursprüngliche Verwendung erklärt, warum vieles nur kurz angerissen und nicht weiter verfolgt wird. Berichtet wird über die Erlebnisse einer verheirateten Frau mit zwei Kindern, die mit Mann, Köchin und Kindermädchen in einem kleinen Dorf in Devon wohnt. Es geht um Geldprobleme, ungebetene Gäste, Dorffeste und dergleichen mehr. Das Ganze ist vergnüglich und frisch formuliert, besonders die kleinen Spitzen der französischen Gouvernante haben mir Freude bereitet.

Doch so ganz allmählich verging meine Freude. Man merkt nämlich auch deutlich, wie eingesperrt diese Lady ist durch die Konventionen ihrer Zeit. Die Kinder lieben und gerne um sich haben – das zeigt man besser nicht öffentlich, denn Disziplin und Benehmen sind es , was man von Kindern und Eltern erwartet; der Ehemann möchte ein auf seine Bedürfnisse ausgerichtetes Hauswesen, die seiner Frau sind da eher uninteressant – wie unliebsam, wenn eine Erkrankung ihrerseits alles durcheinander bringt; die Dorfgemeinschaft bestimmt über das Leben ihrer Mitglieder, ein Wohltätigkeitsbasar scheint sich an den nächsten zu reihen und immer ist tatkräftige Unterstützung vonnöten, eine Widerrede nutzlos, und der örtliche Adel sorgt mit Sonderwünschen für noch mehr Chaos. Zeitgleich müssen finanzielle Mißstände, aufsässiges Personal und andere Katastrophen bewältigt werden, so dass die Dame eigentlich immer vor der totalen Erschöpfung steht, das aber auf gar keinen Fall und niemals sich anmerken lassen darf, denn neben der ganzen zu bewältigenden Arbeit wird erwartet, dass sie adrett, gepflegt, hilfsbereit und immer liebenswürdig durch den Tag schwebt. Eigentlich unfassbar, aber wahrscheinlich trotz Überspitzung gar nicht so weit entfernt vom Alltag vieler Frauen Anfang des letzten Jahrhunderts.

Und nach der Lektüre habe ich mich gefragt, warum wir Frauen eigentlich auch heute noch viele unserer Rechte nicht wahrnehmen und uns reduzieren lassen auf Aussehen und Figur. Immerhin gibt es nun keine Ehemänner mehr, die uns vorschreiben dürfen, ob wir Freunde besuchen oder nicht, was für Bücher wir lesen und ob es Schinken zum Frühstück gibt oder Porridge. Nutzen wir also die Möglichkeiten, die wir haben und seien wir froh, dass Zeiten wie im Buch beschrieben, hoffentlich nicht wiederkehren!