Wurzeln

Heimat von Nora Krug

Heimat – Ein deutsches Familienalbum

Nora Krug

erschienen 2018 im Penguin Verlag

ISBN 978-3-328-60005-3

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Nora Krug hat sich mit ihrem Buch einem schwierigen Thema angenähert. Was ist Heimat? Und inwiefern nimmt unsere Herkunft Einfluss auf unser Verhalten? Und speziell für Deutsche: warum fühlen wir uns schuldig für das Grauen, dass unsere Vorfahren verbreitet haben? Und daraus abgeleitet: haben eigentlich die eigenen Vorfahren überhaupt daran teilgehabt? Und wenn ja, wie?
In den meisten deutschen Familien herrscht Schweigen über die Vergangenheit. Inzwischen ist die „Täter“-Generation in großen Teilen verstorben, direkte Nachfragen zu dem Verhalten im Dritten Reich sind so nicht möglich. Von den Kindern, also unseren Eltern, hört man auch häufig nur wenig: „der Opa war nicht so“ oder „die Oma hat es schwer gehabt“. Aber was ist denn nun wirklich passiert?
Nora Krug beginnt nachzuforschen. Sie befragt Familienmitglieder, durchforstet alte Akten, besucht Wohnorte, Archive, Bibliotheken. Und das, was sie herausfindet, bildet die Grundlage für ihr Buch. Dazu kommen Flohmarktfunde, Bilder aus der Zeit, angeordnet unter verschiedensten Gesichtspunkten, Soldaten mit Tieren z.B. oder KZ-Wärterinnen, Zeichnungen, Exkurse zu typisch deutschen Dingen wie Hansaplast oder Brot…
„Heimat“ ist ein ganz besonderes Buch. Gestaltet wie eine Graphic Novel, kommt es leichtfüssig daher, aber es ist kein Leichtgewicht. Es stellt unseren Umgang mit Geschichte in Frage, die Tatsache, dass wir zwar alle Daten und Fakten über die Gesamtvorgänge kennen, aber selten sagen können, welche Geschäfte in unserem Heimatort eigentlich in jüdischem Besitz waren, ob unsere Großväter in der Partei waren, wie der Krieg mit unserem Wohnort umgegangen ist.
„Ach, lass die Toten doch ruhen“, war die Antwort meiner Mutter auf Nachfragen. Gleichzeitig hat sie aber ein ungutes Gefühl, wenn z.B. Deutsche bei der Fußballweltmeisterschaft die Flagge im Gesicht aufgemalt herumtragen, wie alle anderen teilnehmenden Völker auch. Ruhen die Toten dann wirklich?
Und hilft es uns wirklich weiter, lieber unsere gesamte Vergangenheit pauschal zu verdammen, von den Germanen über das Nibelungenlied bis zur Pickelhaube, weil Teile davon von den Nationalsozialisten für ihre Zwecke mißbraucht wurden, statt endlich aufzuarbeiten, was eben nicht ein ganzes Volk dazu bewogen hat mitzulaufen, mitzumachen, sondern viele einzelne, individuelle Personen unterschiedlichster Herkunft, meinen Großvater eingeschlossen?
Nora Krug liefert eine ganze Reihe kluger Denkanstöße ohne zu Dozieren. Sie läßt uns schlicht teilhaben an ihrer persönlichen Suche nach Erkenntnis. Und das macht sie so wunderbar, dass ich ihr ganz viele Leser wünsche, ganz besonders unter den heutigen Schülern. Denn wir sollten unsere Vergangenheit nicht denen überlassen, die sie wieder zu mißbrauchen gedenken.

Spurensuche in Mexiko

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Wer ist B. Traven?

Torsten Seifert

erschienen 2017 im Tropen Verlag

ISBN 978-3-608-50347-0

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Mexiko 1947. Der junge Journalist Leon Borenstein begibt sich auf die Spur eines Phantoms. Ein Phantom, das immer mal wieder die Schlagzeilen beherrscht, schon allein deshalb, weil die Suche danach scheinbar mit einem Fluch belegt ist. Kaum ein Suchender überlebt das Unterfangen. Die Rede ist von dem Schriftsteller B. Traven, bekannt durch Bücher wie „Das Totenschiff“ oder „Der Schatz der Sierra Madre“. Wenig weiß man wirklich über ihn, aber unzählige Vermutungen ranken um sein Leben und seine Herkunft. Nun soll „Der Schatz der Sierra Madre“ mit großem Staraufgebot verfilmt werden. Walter Huston und Humphrey Bogart sind mit von der Partie, John Huston führt Regie. Gedreht wird irgendwo in Mexiko, in einem staubigen Wüstenstädtchen…

Torsten Seifert vermischt gekonnt Wirklichkeit und Fiktion. Der PR-Journalist mit Wohnort Babelsberg scheint dort viel Filmluft geatmet zu haben, jedenfalls gelingt es ihm mühelos, die Welt des Schwarzweißfilms wieder aufleben zu lassen, die alten Hollywoodgrößen zu neuem Leben zu erwecken. Das Buch wirkt in Teilen wie eine Hommage an die großen Detektivfilme á la Philipp Marlowe oder „Der Malteserfalke“. Es fliesst reichlich Alkohol, die Damen sind schön und gefährlich und natürlich gibt es auch ausreichend lebensgefährliche Situationen. Das Ganze geschrieben in einem männlich-flapsigen Ton, der auch die größten Unannehmlichkeiten mit einem Schulterzucken übergeht. So ist es nicht wirklich ein Wunder und absolut verdient, dass Seifert mit diesem Buch den Blogbuster-Preis der Literaturblogger gewann.

Einzig im ersten Teil des letzten Drittels entgleitet ihm meines Erachtens der Stoff ein wenig und die Erzählung gerät zu einer Aneinanderreihung von „Männersachen“: Stierkampf, Bordell, Auftragsmörder, alles wird im Schnelldurchlauf abgehakt. Das Ende dagegen ist wieder sehr gelungen und macht den kleinen Ausrutscher definitiv mehr als wett.

Und wer ist nun B. Traven? Das sollte der interessierte Leser selbst herausfinden, vorzugsweise mit Hilfe dieses amüsanten, spannenden, gut recherchierten und daher absolut zu empfehlenden Buches.