Ein Leben im Russland Stalins

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Rote Kreuze
Sasha Filipenko
Aus dem Russischen von Ruth Altenhofer
erschienen am 26.02.2020 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07124-5

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Dieser Roman ist ganz sicher wichtig. Es ist gut, dass er geschrieben und veröffentlicht wurde und er findet hoffentlich viele Leser. Sasha Filipenko, Jahrgang 1984, arbeitet darin die Stalin-Ära auf, vom Umgang mit den eigenen Soldaten im Zweiten Weltkrieg, über die Säuberungswellen danach bis zu den Nachwirkungen auf die heutige Generation. Er schreibt anhand eines Fallbeispiels über auseinander gerissene Familien, Arbeitslager, Kinderheime, über Terror, Angst und verlorene Leben.
Tatjana Alexejewna ist eine über neunzigjährige Dame, die noch einmal ihr Leben erzählen möchte, bevor die Alzheimer-Erkrankung ihr die Erinnerungen nimmt. Und so nötigt sie ihrem jungen neuen Nachbarn die Gespräche geradezu auf. Dessen anfängliche Gereiztheit verwandelt sich zu Interesse und Zuneigung, zumal auch sein Leben alles andere als freundlich verlaufen ist. Und so finden die beiden Zuspruch und Halt im jeweils anderen.
„Rote Kreuze“ hat mich sehr zwiegespalten hinterlassen. Einerseits möchte ich unbedingt, dass dieser Roman gelesen wird, weil zu dieser Thematik noch viel zu wenig veröffentlicht wurde, und er neben aller menschlichen Grausamkeit auch über historisch interessante Aspekte berichtet, die mir so gar nicht bewusst waren, u.a. den Umgang der russischen Behörden mit den Vermisstenlisten des Roten Kreuzes.
Andererseits stellt sich mir nun die Frage: muss ein historisch bedeutsamer Roman auch literarisch gut sein? Denn das ist „Rote Kreuze“ für mich ganz sicher nicht. Filipenko versucht auf schmalem Raum, nämlich gerade mal 278 Seiten, ein weites Feld zu bearbeiten. Neunzig Jahre sind eine lange Zeit und Tatjana Alexejewna hat mehr erlebt, als ein Mensch eigentlich ertragen können müssen sollte. Dazu kommt noch der Gegenwartsstrang um den jungen Ich-Erzähler, der zusätzlichen Platz auf den wenigen Seiten beansprucht. Dadurch wirken die Dialoge oft hölzern, sind reine Stichwortgeber für den nächsten Ausschnitt aus Tatjanas Geschichte. Tatjana selbst bleibt schattenhaft hinter dem ihr zugeschriebenen Leben. Ein Leben, an dem unzweifelhaft nichts übertrieben ist, das Millionen russischer Frauen in Abwandlungen so geführt haben müssen. Die pure Unvorstellbarkeit dieses Lebens, die grausame Kälte, mit der hier Menschen gebrochen werden, treibt einem Tränen der Hilflosigkeit auf die Wangen. Die geschichtlichen Abläufe sind es, die berühren, nicht die Romanfiguren selbst. Tatjana Alexejewna ist, wie oben so hart geschrieben, ein Fallbeispiel des Autors, kein lebendiger literarischer Charakter.
Aber trotzdem, und dabei bleibe ich, ist es gut und richtig, dass dieser Roman geschrieben wurde, dass endlich öffentlich gemacht wird, was so lange verschwiegen wurde.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

 

Liebe und Melancholie

Das Adelsgut von Iwan Turgenjew

Das Adelsgut

Iwan Turgenjew

Aus dem Russischen von Christiane Pöhlmann

erschienen am 15.10.2018 im Manesse Verlag

ISBN 978-3-7175-2448-9

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Kürzlich stellte sich bei einem Gespräch die Frage, wen denn eigentlich bei Rezensionen „dieses ganze Geschwafel über Ausstattung und Lesebändchen – ja oder nein – und derartige Dinge“ interessiere. Nun, mich. Und zwar sehr. Gibt es mehrere Ausgaben eines Buches, nehme ich mit Sicherheit erstens die gebundene und zweitens die mit Lesebändchen. Und bei einem Verlag wie Manesse kann es mir passieren, dass mich der Inhalt überhaupt nicht interessiert, aber das Buch so schön ist, dass ich es trotzdem  haben will. In diesem Fall war das ganz sicher nicht so, aber dazu kommen wir gleich. Bleiben wir noch ein bißchen bei der Ausstattung. Fast nichts macht mich so glücklich wie eine liebevolle und wohldurchdachte Ausgabe eines Werkes der Weltliteratur, eine, wo Schutzumschlag, Lesebändchen und Vorsatz eine Einheit ergeben, eine mit sinnvollen Anmerkungen und einer Einführung in Werk, Leben und Zeit des betreffenden Autors. Das gelingt kaum einem Verlag so durchgehend auf gleichbleibendem Niveau wie Manesse. Und dafür möchte ich mich einfach mal bedanken bei den Menschen, die sich so viele Gedanken machen und diese dann so liebevoll umsetzen. Also ganz, ganz lieben Dank für diese wunderschönen Bände!

Und hier beginnt nun die Rezension für Kaltduscher und Lesebändchenverachter. Alle anderen lesen hoffentlich auch weiter…

Ich habe schon immer ein besonderes Verhältnis zu russischer Literatur gehabt. Ich liebe die Sprache seit ich in der Schule die Möglichkeit hatte, sie zu lernen. Das war an westdeutschen Schulen nicht üblich, daher war es ein glücklicher Zufall, dass es bei uns eine Lehrerin für Deutsch und Russisch gab, die nachmittags eine AG eingerichtet hat, um uns Sprache und Kultur zu vermitteln. Mit fünfzehn, sechzehn Jahren habe ich dann angefangen, mich durch die russische Literatur zu lesen: Dostojewski, Tolstoi, Puschkin, Gogol, Tschechov… Kein Turgenjew. Warum? Das weiß ich nicht. Es ist mir aber wieder einmal bewußt geworden als ich „Das Adelsgut“ entdeckte. Und so ist diese Erzählung tatsächlich meine erste Berührung mit diesem so wunderbar lyrischen Schriftsteller.
Ich kann mir vorstellen, dass der Inhalt heutzutage die Geister scheidet. Der unglücklich verheiratete Fjodor Lawretzki verliebt sich in Lisa, die tugendhafte Tochter einer Verwandten. Als er eine Meldung vom Tod seiner Frau erhält, scheint das Glück kurz möglich, wird aber durch ihr persönliches Erscheinen zunichte gemacht. Lisa geht daraufhin in ein Kloster.
Ich persönlich tue mich immer sehr schwer mit religiöser Schwärmerei und dem Versuch, andere zu einem entsagungsvollen Leben zu zwingen. Von daher musste Lisa mir sehr fremd bleiben. Ich glaube auch, dass der liebe Fjodor vom Regen in die Traufe gekommen wäre, aber darum geht es eigentlich nicht. An der Geschichte selbst ist nichts Besonderes. Ähnliches wurde schon zig Male geschrieben. Älterer Mann liebt unschuldiges junges Mädchen und möchte durch diese Liebe sein Leben quasi neu starten.
Aber wie sie geschrieben wurde, dass ist schlicht wundervoll. Turgenjew lässt sich Zeit. Für Gespräche, Einrichtung, Charakterbeschreibungen, Lebensläufe. Er lässt eine ganze Welt entstehen, die des russischen Adels um 1842 mit seinen Landgütern, Kutschen, Bediensteten, mit seinen Eigenheiten und der Zerrissenheit zwischen traditionellem Russland und dem eleganteren Europa, zwischen Landesliebe und dem Wunsch auf der Höhe der Zeit zu sein. Durch das ruhige überlegte Erzählen erhält die Geschichte einen Fluss, der verhindert, dass man das Buch zwischendurch weglegen möchte. Man liest, ohne zu merken, dass die Zeit vergeht. Das Bemerkenswerte daran ist, dass gar nicht so viel passiert. Man sitzt am Klavier, man spielt Karten, man geht zur Messe, man plaudert. Und zwischen all diesen Alltäglichkeiten erblüht und vergeht eine Liebe und ein junges Mädchen nimmt den Schleier, um der grausamen Welt zu entsagen. Das ist exzellent komponiert und so wundervoll formuliert, dass man eigentlich ständig ganze Passagen vorlesen möchte. Ich bin also sehr glücklich mit meiner ersten Begegnung mit Turgenjew, und werde sicherlich weitere folgen lassen.

Ich danke dem Manesse Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.