Fünf Frauen

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Die Liebe im Ernstfall
Daniela Krien
erschienen am 27. Februar 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07053-8

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Über fünf Frauenleben erzählt Daniela Krien in ihrem neuen Roman.
Paula, geschieden und alleinerziehende Buchhändlerin, kann den Tod ihres zweiten Kindes nicht verwinden.
Judith, allein lebende Ärztin, sucht über Datingportale nach dem perfekten Match.
Brida, auch geschieden mit zwei Kindern, Schriftstellerin, möchte ihren Exmann zurück erobern.
Malika, Musiklehrerin, hat ihr Liebesleben auf eine Karte gesetzt und verloren.
Jorinde, Schauspielerin, hat aus Trotz geheiratet und möchte sich nun wieder trennen.

Unter den Buchbloggern wird dieser Roman wirklich bejubelt. Und Daniela Krien schreibt auch tatsächlich phantastisch. Einmal begonnen, mochte ich das Buch nicht mehr zur Seite legen.Die Sprache entwickelt einen eigenen Sog. Und das ist umso verwunderlicher, als der Inhalt mich zunehmend weniger packen konnte.
Fünf Frauen, fünf Leben, alle miteinander irgendwie verwoben, Freundinnen, Rivalinnen, Nachfolgerinnen. Und alle kreiseln sie um Liebe, Partnerschaft, Männer.
Paula verliert sich fast selbst für ihren Mann und seine sehr einseitige Weltsicht. Judith sucht den Einen, möchte dafür aber nichts aufgeben. Brida ist fixiert auf ihren Mann, wie auch Malika, ihre Vorgängerin. Und Jorinde hat es schwer, Beruf und Kinder zu vereinbaren.
Alle Frauen sind an der Liebe gescheitert. Das, was im besten Falle ein Leben lang halten sollte, ist zerbrochen. Hier findet man die starken Teile des Romans, in den Beschreibungen der Frauen und ihrer Versuche, sich wieder ans Licht zu kämpfen.
Wenn es allerdings um die Männer geht, dann strauchelt Daniela Krien. Zumindest für mich.
Da ist Ludger, Paulas Mann, ein Ekel erster Güte. Rechthaberisch, unsensibel, rücksichtslos. Wenzel, Paulas nächste feste Beziehung, dagegen ist die Fürsorge in Person. Und scheinbar braucht Paula einen Mann, damit es ihr besser geht.
Dann Götz, dieser schiere Wundermann. Charismatisch, gut aussehend, zärtlich, treu, familienbezogen. Seltsam nur, dass dieser Märchenprinz rücksichtslos seine Frauen verläßt, sobald sich ein neues Abenteuer anbahnt. Dabei aber problemlos die Neue mit der Alten betrügt, wenn es sich gerade so ergibt. Ist Daniela Krien nicht aufgefallen, wie unsensibel gerade dieser Mann geraten ist? Oder soll das so sein?
Torben, Jorindes Mann, hat den Moment verpasst, wo er hätte erwachsen werden müssen. Er ist wie ein großes Kind, extrem in seinen Ansichten und nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen.
Während die Frauen Personen sind, sind die Männer des Romans Schablonen. Der Selbstgerechte, der Superheld, der Egoist…
Auffallend ist, dass die Männer durchgängig ihre Schritte selbst bestimmen. Es sind die Frauen, die sich anpassen, zurückstecken, aufgeben. Die Männer haben bestimmte Ansichten zum Leben, die Frauen akzeptieren das.
Ganz extrem bei Malika, für die Götz ein wahrer Himmelsbote ist, Garant für ein seliges Leben als Mutter und Ehefrau. Und die nach seinem Weggang ihre Träume aufgibt. Denn noch so ein egozentrisches A…, Verzeihung, so einen wunderbaren Mann wird sie nie wieder finden.
Sind Frauen wirklich so? So abhängig, so unselbständig? Oder so hart, wenn sie denn erfolgreich sind? Und sind wir denn wirklich alle nur darauf erpicht, den richtigen Kerl nach Hause zu tragen, um dann mit Kindern und Haustieren glücklich gen Sonnenuntergang zu schielen?
Schlußendlich verliert sich für mich irgendwann der rote Faden. Die Geschichte beginnt irgendwo und endet nirgendwo. Wir blicken auf einen Lebensausschnitt jeder Frau und … Ende. Das ist mir irgendwie zu wenig.
Der Roman ist hervorragend geschrieben, aber mit der Umsetzung des Themas werde ich leider nicht warm. Da es jedoch allen anderen Leserinnen anders zu gehen scheint, mag das auch an meiner ganz persönlichen Weltsicht liegen.

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen dieses Romans:

Zeilentänzer https://zeilentaenzer.blog/2019/02/27/die-liebe-im-ernstfall/
Studierenichtdeinleben https://studierenichtdeinleben.wordpress.com/2019/02/28/rezension-die-liebe-im-ernstfall-daniela-krien/
Buchstabenfaengerin https://buchstabenfaengerin.wordpress.com/2019/02/27/frisch-rezensiert-die-liebe-im-ernstfall-von-daniela-krien/
Nacht und Tag https://nachtundtag.blog/2019/02/26/meisterhafte-beschreibungen-der-liebe/

Erinnerungen

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Stummes Echo
Susan Hill
Aus dem Englischen von Andrea Stumpf
am 11.Februar 2019 erschienen im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-21007-8

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Heutzutage einen neuen Verlag gründen? Dazu gehört viel Mut und ein besonderes Programm. Im Kampa Verlag gibt es scheinbar beides. Der junge Verlag zeichnet sich durch eine feine Auswahl und schön gemachte Bücher aus.
In diesem Falle „Stummes Echo“, ein in Leinen gebundener Roman der Engländerin Susan Hill. Vier Geschwister wachsen auf einem abgelegenen Hof im Norden Englands auf. Colin, der besonnene Älteste, die belesene May, die verwöhnte Berenice und Frank, der Außenseiter. Sie haben eine arme, aber glückliche Kindheit. Oder haben sie die dunklen Seiten dieser Zeit nur verdrängt?
Ein Roman, der die Macht der Erinnerung erforscht. Wie sicher sind wir uns der Dinge, die früher passiert sind? Und wie beeinflussbar, z.B. durch die Medien, ist unsere Erinnerung?
Susan Hill hat ein kluges, sehr feinfühliges Buch geschrieben, eines, das man unvoreingenommen, mit wenig Vorwissen lesen sollte. Das macht das Besprechen ein wenig schwierig, will man es weiterempfehlen, aber so wenig wie möglich über den Inhalt verraten.
So viel kann ich dann doch sagen: der Roman liest sich sehr ruhig und ist überaus detailgenau geschrieben. Und trotzdem entwickelt er einen ungeheuren Sog. Man will wissen, was den Geschwistern widerfährt, welcher Antrieb hinter ihren Handlungen steht, wie sie die Geschehnisse überstehen. Denn überstanden werden muss so einiges, was eigentlich nur schwer zu ertragen ist. Dabei ist der Text nicht düster oder anklagend, sondern in seiner Zurückhaltung und seinem taktvollen Umgang mit den Charakteren eher klassisch britisch. Ein ebenso eleganter wie fein gezeichneter Roman, ein wirkliches literarisches Kleinod.

Ich danke dem Kampa Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Großartiges Debut

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Liebwies
Irene Diwiak
als Taschenbuch erschienen am 23.Januar 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-24441-0

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Es beginnt alles mit dem Musiklehrer Walther Köck, dessen Lebensweg in Liebwies strandet, einem einsam gelegenen Dörfchen mit Brigadoon-Charakter. Denn an Liebwies ist die Zeit vorbei gegangen, der Krieg, die technischen Neuerungen. Aber genau dort entdeckt Köck eine junge Sängerin mit unfassbarem Talent.
Das Buch wäre ein nettes Romänchen geworden, wäre es so märchenhaft weiter gegangen. Nichts jedoch liegt Irene Diwiak ferner in ihrem Debutroman, der durchzogen ist von tiefschwarzem Humor. Sie nimmt die Mechanismen des Kulturbetriebs auseinander, und daher zieht nicht die hochtalentierte Karoline in die Welt hinaus, sondern ihre unbegabte, aber hübsche Schwester. Denn merke, Schönheit geht vor Talent.
Das bekommt auch Ida Gussendorf zu spüren, die so unscheinbar ist, dass es schon wieder auffällig ist. Niemand nimmt Ida wirklich wahr, nicht ihre Mutter, nicht ihre Brüder und schon gar nicht ihr Gatte, der eitle Möchtegerndichter und -komponist August Gussendorf. Der gibt ungehemmt ihre Kompositionen als seine eigenen aus und sonnt sich in gestohlenem Ruhm.
Wie nun die Erzählstränge von Ida und der schönen Gisela zusammentreffen und was daraus entsteht, das möchte ich hier nicht weiter ausbreiten. Denn der Roman mit seinen teilweise skurrilen Charakteren, den unerwarteten Wendungen und dem sehr pointierten Erzählstil verdient es wirklich, viele Leser zu finden. Selten sieht man einen Debutroman, der schon so ausgewogen und treffsicher formuliert ist und einen so ausgeprägten eigenen Stil erkennen läßt. Ich hatte meine helle Freude an der Idee von einer Oper, bei der die Hauptdarstellerin möglichst nicht singen und schauspielen darf. Und auch, wenn der aufkeimende Nationalsozialismus scheinbar nur am Rande eine Rolle spielt, wird er immer wieder in den Text geflochten, sieht man früh, welche Charaktere sich wie positionieren werden. Ein spannender Blick auf die Zwanziger Jahre und ihre Freiheiten, aber auch auf die Fremdbestimmung, die für Frauen damals als selbstverständlich galt. Vergessen wir nie, welchen Preis andere zahlen mussten dafür, dass wir nun eigene Entscheidungen treffen dürfen und über unseren Körper weitgehend selbst bestimmen können.

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Einsame Seelen

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Abendrot
Kent Haruf
Aus dem Amerikanischen von pociao
erschienen am 23.01.2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07045-3

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Holt, Colorado. Dies ist nun das dritte Buch des amerikanischen Autors Kent Haruf, das in dieser fiktiven Kleinstadt spielt und inzwischen fühle ich mich dort ganz heimisch. Das Leben ist nicht einfach in Holt, ganz gewiss nicht. Die Farmer ringsum führen ein hartes Leben, geprägt von Trockenheit und Winden, sind Tag und Nacht im Einsatz. Und auch die Stadtbewohner tragen ihre Päckchen.
Haruf erzählt von gescheiterten Ehen, von Alkohol und Mißbrauch, von Armut und Gewalt. Er erzählt von Betty und Luther, die versuchen, am Rande des Existenzminimums ihre Familie zusammenzuhalten, von DJ, der nach dem Tod seiner Eltern bei seinem Großvater wohnt, von Rose, die als Sozialarbeiterin arbeitet. Auch bekannte Gesichter tauchen wieder auf, die man aus „Lied der Weite“ kennt: die McPheron-Brüder und Victoria, Tom Guthrie und seine Partnerin Maggie.
Lakonisch, realistisch, aber liebevoll, so ist der Blick des Autors auf seine Charaktere. Sie wirken echt, aus dem Leben gegriffen, solchen Menschen begegnet man sicher in zig Kleinstädten der USA. Sie kämpfen um ein menschenwürdiges Leben. Manchmal glückt es, manchmal leider auch nicht. Immer aber lässt Haruf ihnen ihre Würde, urteilt nicht vorschnell, zeigt unterschiedliche Blickwinkel.
Nachdem „Lied der Weite“ mir zu blass erschien, zu wortkarg, bin ich diesmal angekommen in Holt. Und das, obwohl dieser Roman düsterer ist und wirklich schmerzhafte Themen berührt. Andererseits lässt Haruf seinen Charakteren immer einen Hoffnungsschimmer, und sei er noch so klein. Außerdem gibt es die McPherons, die ich wirklich nicht mehr missen möchte. Ganz wunderbare Menschen, die der Autor da zum Leben erweckt hat.
Sechs Romane über Holt hat Kent Haruf geschrieben. Inzwischen bin ich wirklich gespannt auf die noch kommenden drei. Ich hoffe auf ein Wiedersehen mit ein paar Bekannten und auf neue Gesichter, hoffe, ich erfahre, was aus DJ wird und ob Roses Liebesgeschichte anhält. Mir sind Holts Bewohner ans Herz gewachsen, zumindest einige und damit hätte ich nach dem ersten Buch so gar nicht gerechnet. Vielleicht lese ich es in einer ruhigen Minute einfach nochmal. Vielleicht war ich damals einfach noch nicht bereit für Holt, Colorado.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar-

Ulenspiegel

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Tyll
Daniel Kehlmann
erschienen am 09.10.2017 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-03567-9

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Wenn ich an den Dreißigjährigen Krieg denke, fällt mir als Erstes immer der „Wallenstein“ von Gero Mann ein, ein wahres Mammutwerk, das das Leben des Feldherrn geradezu minutiös nachverfolgt. Besonders die seitenlangen Beschreibungen dessen, was ein Tross alles so mitführt, stehen mir da in bleibender Erinnerung vor Augen. Aber gerade diese übergenauen Schilderungen der Abläufe machen auch das Grauen so nachvollziehbar und die Dauer begreifbar.
Zeitgleich denke ich sofort an Grimmelshausens „Die Abenteuer des Simplicius Simplicissimus“ , einen Roman über einen jungen Adligen, der vom Krieg gewaltig gebeutelt wird, aber trotzdem irgendwie versucht zu überleben. Dabei muss der Held mehrfach die Seiten wechseln und findet keinen ruhigen Flecken in einem Land, indem ständig ganze Heere unterwegs sind, die wie die Heuschrecken alles kahlfressen und zum Dank Tod, Pest und Elend hinterlassen.
Kehlmanns „Tyll“ kommt etwas leichtfüssiger daher, aber nicht minder anschaulich. Der Autor verlegt das Leben des berühmten Schelmen Till Eulenspiegel vom 14. in das 17. Jahrhundert und mit diesem Tyll Ulenspiegel, wie Kehlmann ihn zeitgetreu nennt, erlebt der Leser alle Facetten dieses Krieges.
Tyll wächst als Müllersohn auf. Sein Vater ist aber eher an der Erklärung des Wesens der Welt interessiert, an Heilkunde und Magie, als an Mehl. Er gerät in Konflikt mit der Inquisition und wird zum Tode verurteilt. Tyll muss fliehen. Unterwegs schließt er sich einem Schausteller an und zieht alsbald mit Balladen, Seiltanz und Akrobatik durch die Lande. Nach und nach entwickelt er sich zu einer Legende, einem der wenigen Menschen, dem alle Stände in irgendeiner Form Achtung entgegenbringen. Und so ist er das Verbindungsglied in einer Geschichte, die aus vielen einzelnen Mosaikteilchen besteht. Wir erfahren von den Beweggründen und Nöten des Winterkönigs und seiner Frau (so genannt, weil seine Herrschaft nur einen Winter hielt), reiten mit Martin von Wolkenstein in Kriegsgebiet, versuchen mit Athanasius Kircher einen Drachen zu finden oder lesen vom harten Leben der Schausteller, die ja noch weit unter den Bauern stehen und irgendwo bei den Bettlern anzusiedeln sind.
Diese Perspektivwechsel geben dem Buch Tiefe, besonders, weil Kehlmann nie den roten Faden verliert, die Geschichte nie ausfasert oder sich in irgendwelchen Weiten verliert. Kehlmann nähert sich seinem Thema von allen Seiten an und bleibt dabei dem Kern nahe. Der Krieg ist dieses Thema, ob er nun aus religiösen oder machthungrigen Gründen geführt wird, der Krieg und die sich auflösende altbekannte Welt.
Ein großartiges Buch, das ein sehr komplexes Thema in einen wunderbar lesbaren Roman verwandelt. Und Tyll, der passt in diese Zeit deutlich besser als in seine angestammte, sein manchmal fast ans Bösartige grenzender Witz entspricht perfekt dem Lebensgefühl einer haltlosen Zeit.

 

Weitere Besprechungen:

arcimboldisworld https://arcimboldisworld.com/2018/08/25/daniel-kehlmann-tyll/
Zwischen Buchdeckeln https://zwischen-buchdeckeln.blog/2018/08/05/buchgedanken-daniel-kehlmann-tyll/
Culturama https://kulturaspekte.wordpress.com/2017/12/28/der-gestank-des-todes-tyll-von-daniel-kehlmann/
LiteraturReich https://literaturreich.wordpress.com/2017/11/23/daniel-kehlmann-tyll/

300 Jahre Raubbau

Aus hartem Holz von Annie Proulx

Aus hartem Holz

Annie Proulx

Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz und Andrea Stumpf

als TB erschienen am 10.Dezember 2018 im btb Verlag

ISBN 978-3-442-71751-4

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„Schiffsmeldungen“ von Annie Proulx zählt zu meinen liebsten Büchern, daher habe ich diesen Roman mit gemischten Gefühlen begonnen. Einerseits habe ich mich natürlich sehr auf die Lektüre gefreut, andererseits bin ich immer etwas ängstlich bei den Nachfolgern eines Lieblingsbuches. Wird es den hochgesteckten Erwartungen entsprechen? In diesem Falle kann ich das frohen Herzens bejahen. Ein paar Längen gibt es, aber die sind bei einer Zeitspanne von dreihundert Jahren und knapp 900 Seiten Buchumfang kaum zu vermeiden.
Worum geht es? Grob umrissen, geht es um den Werdegang zweier Familien und parallel dazu um die Entwicklung der Holzindustrie. René Sel und Charles Duquet kommen um 1693 nach Neufrankreich, das heutige Kanada. Sie verdingen sich als Holzfäller in den schier endlosen Wäldern dort. Während Sel sesshaft wird, eine Ureinwohnerin heiratet und eine Familie gründet, zieht es Duquet in die Welt hinaus, um Geld zu machen. Sels Nachkommen werden überwiegend Holzarbeiter. Sie ziehen von Lager zu Lager in einem lebensgefährlichen Beruf. Mit den Sels beschreibt Annie Proulx aber auch den Kampf der Ureinwohner um Land, Kultur und Selbstachtung.
Charles Duquet wird tatsächlich ein reicher Holzhändler, Begründer einer Dynastie, der Familie Duke. Auch sie ziehen quasi durch das Land, aber nur um Baum für Baum zu fällen, ohne Rücksicht auf Boden und Natur, ausschließlich auf Profit ausgerichtet. Der Gedanke der Wiederaufforstung entsteht in Amerika erst sehr spät, zu spät, und wird auch lange Zeit belächelt als verträumte Spinnerei.
Während der Lektüre beginnt man die Denkweise eines Donald Trump zu verstehen. Der Gedanke, Natur im „Rohzustand“ wäre unnütz und nicht gottesgefällig, scheint sich über Generationen und Jahrhunderte in vielen amerikanischen Köpfen fest verankert zu haben. Trump ist ein Duke in Reinform.
Und genau das macht diesen Roman so packend. Man liest vom Verschwinden der großen Wälder, von Profitgier und Raubbau und stellt fest, dass zwar mit der Zeit die Methoden moderner geworden, die Argumente dafür aber immer noch dieselben sind.
Die Ureinwohner z.B. galten u.a. deshalb Wilde, weil sie das Land auf dem sie gelebt haben, nicht genutzt haben, sich nicht untertan gemacht haben durch Ackerbau und Viehzucht. Sie haben dort „nur“ gelebt, für damaliges Denken eine geradezu unfassbare Geisteshaltung. Auch heute wäre es für viele Mebschen undenkbar, eine Ölquelle nur deshalb nicht anzuzapfen, weil das Land darüber erhaltenswert ist.
Es ist die Kunst Annie Proulxs alle diese Mißstände quasi nebenbei anzuprangern, sie in den Text einzuflechten. Sie erzählt die Geschichte zweier Familien über Generationen, mit den Problemen, denen jede Generation gegenüber steht, gibt Einblick in typische Denkweisen der jeweiligen Zeit und behält trotz aller Blicke nach rechts und links den roten Faden fest im Auge. Man kann den Roman also auch nur als spannende Familienchronik lesen. Aber wenn man das Gelesene auf sich wirken lässt, sich der Tragweite des Raubbaus an der Natur bewußt wird, dann bekommt man das irre Bedürfnis, Bäume zu pflanzen, so viele wie nur eben möglich, um sich gegen das Rad der Zeit zu stemmen und die Dukes dieser Welt zu stoppen.

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Rezensionen:

gelesen https://gelesenblog.wordpress.com/2018/07/27/aus-hartem-holz-annie-proulx/
lettergirl https://lettergirl.blog/2017/11/01/eine-harte-nuss/

Chandler auf jiddisch

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Die Vereinigung jiddischer Polizisten

Michael Chabon

Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Fischer

erschienen am 16.04.2008 als HC und am 16.08.2018 als TB bei Kiepenheuer & Witsch

ISBN des TB 978-3-462-05238-1

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Sitka, Alaska. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Atombombe auf Berlin, durften sich geflüchtete Juden dort mit Erlaubnis der Amerikaner einen eigenen kleinen Staat errichten. Nun soll die Enklave zurück an die USA fallen und die dort wohnenden Juden wären wieder heimat- und staatenlos. In dem Chaos der Abwicklung und inmitten sich auflösender Behörden und Zuständigkeiten geschieht in einem kleinen, schmierigen Hotel ein Mord. Ein junger Schachspieler wird mit einer Kugel im Kopf auf seinem Zimmer aufgefunden. Der zufällig im selben Hotel wohnende Polizist Meyer Landsman beginnt zu ermitteln und sticht dabei in ein Wespennest.
Was für ein grandioser Roman! Einerseits ein Krimi im Stile Chandlers, mit einem Protagonisten, der ähnlich zerbeult agiert wie Philip Marlowe, andererseits aber auch ein Blick auf die unterschiedlichen Strömungen jüdischen Lebens. Die Chassidim und Zionisten kommen dabei eher schlecht weg, verhalten die „Schwarzhüte“ sich doch ähnlich wie die Mafia und haben ihr Netzwerk über ganz Sitka gespannt.
Mit ungeheurer Fabulierlust, viel Wortwitz und genauso viel Einfühlungsvermögen führt uns Chabon durch seine Welt bzw durch Meyer Landsmans Welt. Glaube, Politik, Schach, die große Liebe, Identitätsfragen, Chabon verbindet und mischt diese Themen hemmungslos. Sein Blick ist zugleich zynisch, schwarzhumorig und liebevoll. Das muss einem erst einmal gelingen! Und wenn dann noch Ureinwohnerrecht auf jüdische Befindlichkeiten trifft, wird die Mischung explosiv…
Es ist beeindruckend, wie mühelos Chabon ein Meer durchquert, das klippenreicher nicht sein könnte. Er überschreitet Grenzen und verteilt seine Spitzen hemmungslos in jede Richtung: seien es geldgierige Stammesregierungen, tiefgläubige Mafiosi, gewinnorientierte Amerikaner oder attentatsbereite Zionisten. Und so ganz nebenbei zeigt dieser Roman auch, dass Menschlichkeit und Fanatismus sich ausschließen. Immer.
Wer also Krimis mag, wer… ach, Unfug! Lest dieses Buch, es ist einfach rundherum großartig!

Charmanter Roadtrip

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Anatol studiert das Leben

Susanne Falk

2018 erschienen im Picus Verlag

ISBN 978-3-7117-2065-8

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Pünktlich vor Toreschluß, d.h. Weihnachten, möchte ich noch den charmantesten und verrücktesten Roman des Jahres vorstellen. Wer also noch nach Geschenken sucht oder sich selbst eine Freude machen möchte, dem sei dieser wunderbare Roman ans Herz gelegt.
Anatol ist anders. Er hat Anschlußschwierigkeiten, einen Zähltick und weiß trotz intensiver Beobachtung nicht so richtig, wie Menschen eigentlich funktionieren. In seiner großen, lauten, warmherzigen Familie ist das kein Problem, aber im Umgang mit Fremden kommt es doch regelmäßig zu Unstimmigkeiten. Damit er menschliches Verhalten noch besser studieren kann, ist Anatol Museumswärter geworden: die Besucher betrachten die Bilder, Anatol betrachtet die Besucher. Bis sie eines Tages vor einem Chagall steht: Marcelline, Kunststudentin aus Nantes. Und Anatol entdeckt die Liebe. Kurzentschlossen packt er sich bei nächster sich bietender Gelegenheit den Chagall unter den Arm und macht sich auf den Weg nach Nantes. Zu Fuß. Ohne Geld. Ohne Jacke. Mit der Polizei auf den Fersen.
Der Roman ist vollgepackt mit Leben und unzähligen skurrilen Charakteren, allen voran Anatols Großmutter, einer gefeierten Burgschauspielerin mit Josef-Meinrad-Spleen. Eine völlig verrückte, komplett unglaubwürdige Geschichte, die aber so liebenswürdig ist, dass man sich wünscht, sie könne wahr sein. Anatol berührt die Menschen auf seinem Weg und er berührt dabei auch die Leser. Was mich allerdings am meisten beeindruckt hat, ist, wie geschickt Susanne Falk die Waage hält zwischen Skurrilität, Rührseligkeit, Romantik, Spannung, Drama und Abenteuer. Die Mischung ist nämlich genau richtig, kippt nie in ein Extrem und ist auch niemals zu abgedreht. Und sie ist ein Plädoyer für Menschlichkeit und Liebe, für Akzeptanz und gelebtes Anderssein. Weil „anders“ eben meist nicht schlechter ist, sondern nur ein anderer Blickwinkel. Und andere Blickwinkel erweitern den Horizont. Ein wirklich ganz entzückender, vergnüglicher Roman mit einer riesigen Portion Warmherzigkeit. Ein Vorrat für kalte Zeiten.

American Dream

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Der Winter unseres Missvergnügens

John Steinbeck

Aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Robben

erschienen am 15.10.2018 im Manesse Verlag

ISBN 978-3-7175-2432-8

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Der amerikanische Traum von der Durchlässigkeit der Gesellschaft – vom Tellerwäscher zum Millionär. In diesem Roman zeigt John Steinbeck, welchen Preis man dafür zu zahlen hat und das von Durchlässigkeit kaum die Rede sein kann.
Ethan Allan Hawley, aus sehr gutem Hause stammend, hat sein komplettes Vermögen verloren und arbeitet nun als Angestellter im ursprünglich eigenen Laden. Erstaunlicherweise macht die Tatsache, dass seiner Familie früher ganze Viertel in der Stadt gehört haben, ihm weniger zu schaffen als seinem Umfeld. Durch den Wunsch seiner Frau nach Namen und Geld angetrieben, erwachen bei Hawley kriminelle Energien und Skrupellosigkeit. Von Denunziation über Betrug bis zu einem geplanten Banküberfall rutscht Hawley die moralische Stufenleiter herab, steigt im gesellschaftlichen Ansehen aber gleichzeitig auf. Dabei dürfen wir Leser an seinen Gedanken teilhaben, erkennen die Stolpersteine und die Veränderungen. Mit Hawley hat Steinbeck keinen Unsympathen geschaffen, sondern im Gegenteil einen liebevollen Ehemann und freundlichen Gesellen. Umso erschreckender ist sein Sinneswandel.
Im Nachwort dann stellt Ingo Schulze Vergleiche auf mit Shakespeares Macbeth, der diesen Wandel ja tatsächlich auch macht, aus ähnlichen Beweggründen und mit demselben Motor im Hintergrund. Eine Shakepeare-Adaption also? Ähnlich wie die West Side Story ins moderne Amerika verlegt (also das Steinbecksche moderne Amerika, Ersterscheinungsjahr war 1962, der Roman spielt in den 50igern). Eine geniale Umsetzung wäre Steinbeck da gelungen, denn der Roman zeigt kaum Alterserscheinungen und liest sich trotz aller Gesellschaftskritik wunderbar flüssig. Für mich ist das ja eine Art Markenzeichen Steinbecks, diese bleibende Lesbarkeit, die altersunberührten Themen, der scharfe Blick. Und gerade in Zeiten von „America first“ ist der Roman eigentlich so aktuell wie zu seinen Entstehungszeiten, denn das, was ich als Hawleys moralischen Abstieg bezeichne, ist für Trump-Anhänger wohl nur normales Geschäftsgebaren.
Wieder einmal also ein durch und durch gelungener Band der Manesse Bibliothek.

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

Film und Buch https://filmundbuch.wordpress.com/2018/11/03/der-winter-unseres-missvergnuegens-john-steinbecks-letzter-roman/

Oben und unten

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Ich war Diener im Hause Hobbs

Verena Rossbacher

erschienen am 16.08.2018 im Verlag Kiepenheuer & Witsch

ISBN 978-3-462-04826-1

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Ich stelle fest, dass Kiepenheuer & Witsch sich immer mehr zu einem meiner liebsten Verlage entwickelt. Und mit „Ich war Diener im Hause Hobbs“ haben sie meiner Meinung nach einen der besten Romane des Jahres herausgebracht.
Der Diener Christian erinnert sich an seine Zeit bei den Hobbs, einer Zürcher Anwaltsfamilie. Frisch aus der Ausbildung wird er dorthin engagiert und scheint auch zunächst einen Glückstreffer gelandet zu haben. Frau Hobbs ist überaus charmant und nett, ihr Mann meist aushäusig und die Kinder wohlerzogen. Alles läßt sich gut an, bis sich Privates mit Beruflichem mischt und Christians Weltbild langsam ins Rutschen gerät…
Wenn man von einem Diener oder Butler hört, dann hat man automatisch Downton Abbey-ähnliche Bilder vor Augen. Reiche Lords und Ladies, massig Personal und riesige Herrensitze. Vor allem aber denkt man dabei eher an vergangene Zeiten. Dabei gibt es den Beruf des Dieners natürlich auch heute noch, genauso wie es auch heute noch Menschen gibt, die einen Diener engagieren. Obwohl mir das selbstverständlich klar ist, bin ich doch immer wieder über die Stellen gestolpert, die zeigen, dass Christian ein Mensch der heutigen Zeit ist. So sehr ist der Beruf des Dieners ritualisiert, aber so sehr möchte Christian auch den Traditionen entsprechen. Dabei kommt er natürlich nicht aus dem luftleeren Raum: er hat Eltern, Freunde, eine Heimatstadt. Die legt er aber ab, sobald er seine Uniform anlegt. Als Diener ist er nicht privat. Er hört Musik, die seiner Herrschaft gefallen könnte, liest Bücher, über die er befragt werden könnte, scannt seine Umwelt sozusagen mit den Augen der Hobbs. Souverän und Herr der Lage zu sein ist sein größter Wunsch, daher gerät auch seine Welt ins Wanken, als Frau Hobbs per Zufall in sein Privatleben vordringt.
Stück für Stück enthüllt Verena Rossbacher die Tragödie, die sich im Hause Hobbs ereignet hat. Stück für Stück erfahren wir mehr über Christian und dadurch auch mehr über die Hobbs. Denn ein Diener hat tiefen Einblick in die Abläufe in einer Familie, mehr Einblick, als er bisweilen selbst realisiert. Nichts ist an diesem Roman unüberlegt. Jede Handlung, jede Bewegung, jede Person, jedes Wort wirkt genauestens durchdacht, passt perfekt in das große Ganze. Selten habe ich einen so hervorragend durchkomponierten Roman gelesen, der dabei auch noch spannend ist und tagelang im Kopf nachwirkt. Immer wieder habe ich mich dabei ertappt, über das Gelesene nachzudenken, sogar noch mehrere Bücher später. Ein Roman, der eben nicht den Klischees zu Personal in großen Häusern entspricht und sogar gekonnt damit spielt, eine Autorin, die etwas wagt und dem Leser auch schwer Verdauliches zutraut und eine Geschichte, die herausragend zeigt, das nichts wirklich so ist, wie es zu sein scheint.

Weitere Rezensionen zu diesem Roman:

LiteraturZeit https://lifeforliterature.wordpress.com/2018/10/28/verena-rossbacher-ich-war-diener-im-hause-hobbs/
Meine Bücherbar https://buecherbar.wordpress.com/2018/10/11/ich-war-diener-im-hause-hobbs/
Literaturgeflüster https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/11/08/ich-war-diener-des-hauses-hobbes/
nachtundtag https://nachtundtag.blog/2018/09/08/sex-luegen-und-champagner-agieren-im-menschlichen-chaos/