Ulenspiegel

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Tyll
Daniel Kehlmann
erschienen am 09.10.2017 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-03567-9

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Wenn ich an den Dreißigjährigen Krieg denke, fällt mir als Erstes immer der „Wallenstein“ von Gero Mann ein, ein wahres Mammutwerk, das das Leben des Feldherrn geradezu minutiös nachverfolgt. Besonders die seitenlangen Beschreibungen dessen, was ein Tross alles so mitführt, stehen mir da in bleibender Erinnerung vor Augen. Aber gerade diese übergenauen Schilderungen der Abläufe machen auch das Grauen so nachvollziehbar und die Dauer begreifbar.
Zeitgleich denke ich sofort an Grimmelshausens „Die Abenteuer des Simplicius Simplicissimus“ , einen Roman über einen jungen Adligen, der vom Krieg gewaltig gebeutelt wird, aber trotzdem irgendwie versucht zu überleben. Dabei muss der Held mehrfach die Seiten wechseln und findet keinen ruhigen Flecken in einem Land, indem ständig ganze Heere unterwegs sind, die wie die Heuschrecken alles kahlfressen und zum Dank Tod, Pest und Elend hinterlassen.
Kehlmanns „Tyll“ kommt etwas leichtfüssiger daher, aber nicht minder anschaulich. Der Autor verlegt das Leben des berühmten Schelmen Till Eulenspiegel vom 14. in das 17. Jahrhundert und mit diesem Tyll Ulenspiegel, wie Kehlmann ihn zeitgetreu nennt, erlebt der Leser alle Facetten dieses Krieges.
Tyll wächst als Müllersohn auf. Sein Vater ist aber eher an der Erklärung des Wesens der Welt interessiert, an Heilkunde und Magie, als an Mehl. Er gerät in Konflikt mit der Inquisition und wird zum Tode verurteilt. Tyll muss fliehen. Unterwegs schließt er sich einem Schausteller an und zieht alsbald mit Balladen, Seiltanz und Akrobatik durch die Lande. Nach und nach entwickelt er sich zu einer Legende, einem der wenigen Menschen, dem alle Stände in irgendeiner Form Achtung entgegenbringen. Und so ist er das Verbindungsglied in einer Geschichte, die aus vielen einzelnen Mosaikteilchen besteht. Wir erfahren von den Beweggründen und Nöten des Winterkönigs und seiner Frau (so genannt, weil seine Herrschaft nur einen Winter hielt), reiten mit Martin von Wolkenstein in Kriegsgebiet, versuchen mit Athanasius Kircher einen Drachen zu finden oder lesen vom harten Leben der Schausteller, die ja noch weit unter den Bauern stehen und irgendwo bei den Bettlern anzusiedeln sind.
Diese Perspektivwechsel geben dem Buch Tiefe, besonders, weil Kehlmann nie den roten Faden verliert, die Geschichte nie ausfasert oder sich in irgendwelchen Weiten verliert. Kehlmann nähert sich seinem Thema von allen Seiten an und bleibt dabei dem Kern nahe. Der Krieg ist dieses Thema, ob er nun aus religiösen oder machthungrigen Gründen geführt wird, der Krieg und die sich auflösende altbekannte Welt.
Ein großartiges Buch, das ein sehr komplexes Thema in einen wunderbar lesbaren Roman verwandelt. Und Tyll, der passt in diese Zeit deutlich besser als in seine angestammte, sein manchmal fast ans Bösartige grenzender Witz entspricht perfekt dem Lebensgefühl einer haltlosen Zeit.

 

Weitere Besprechungen:

arcimboldisworld https://arcimboldisworld.com/2018/08/25/daniel-kehlmann-tyll/
Zwischen Buchdeckeln https://zwischen-buchdeckeln.blog/2018/08/05/buchgedanken-daniel-kehlmann-tyll/
Culturama https://kulturaspekte.wordpress.com/2017/12/28/der-gestank-des-todes-tyll-von-daniel-kehlmann/
LiteraturReich https://literaturreich.wordpress.com/2017/11/23/daniel-kehlmann-tyll/

300 Jahre Raubbau

Aus hartem Holz von Annie Proulx

Aus hartem Holz

Annie Proulx

Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz und Andrea Stumpf

als TB erschienen am 10.Dezember 2018 im btb Verlag

ISBN 978-3-442-71751-4

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„Schiffsmeldungen“ von Annie Proulx zählt zu meinen liebsten Büchern, daher habe ich diesen Roman mit gemischten Gefühlen begonnen. Einerseits habe ich mich natürlich sehr auf die Lektüre gefreut, andererseits bin ich immer etwas ängstlich bei den Nachfolgern eines Lieblingsbuches. Wird es den hochgesteckten Erwartungen entsprechen? In diesem Falle kann ich das frohen Herzens bejahen. Ein paar Längen gibt es, aber die sind bei einer Zeitspanne von dreihundert Jahren und knapp 900 Seiten Buchumfang kaum zu vermeiden.
Worum geht es? Grob umrissen, geht es um den Werdegang zweier Familien und parallel dazu um die Entwicklung der Holzindustrie. René Sel und Charles Duquet kommen um 1693 nach Neufrankreich, das heutige Kanada. Sie verdingen sich als Holzfäller in den schier endlosen Wäldern dort. Während Sel sesshaft wird, eine Ureinwohnerin heiratet und eine Familie gründet, zieht es Duquet in die Welt hinaus, um Geld zu machen. Sels Nachkommen werden überwiegend Holzarbeiter. Sie ziehen von Lager zu Lager in einem lebensgefährlichen Beruf. Mit den Sels beschreibt Annie Proulx aber auch den Kampf der Ureinwohner um Land, Kultur und Selbstachtung.
Charles Duquet wird tatsächlich ein reicher Holzhändler, Begründer einer Dynastie, der Familie Duke. Auch sie ziehen quasi durch das Land, aber nur um Baum für Baum zu fällen, ohne Rücksicht auf Boden und Natur, ausschließlich auf Profit ausgerichtet. Der Gedanke der Wiederaufforstung entsteht in Amerika erst sehr spät, zu spät, und wird auch lange Zeit belächelt als verträumte Spinnerei.
Während der Lektüre beginnt man die Denkweise eines Donald Trump zu verstehen. Der Gedanke, Natur im „Rohzustand“ wäre unnütz und nicht gottesgefällig, scheint sich über Generationen und Jahrhunderte in vielen amerikanischen Köpfen fest verankert zu haben. Trump ist ein Duke in Reinform.
Und genau das macht diesen Roman so packend. Man liest vom Verschwinden der großen Wälder, von Profitgier und Raubbau und stellt fest, dass zwar mit der Zeit die Methoden moderner geworden, die Argumente dafür aber immer noch dieselben sind.
Die Ureinwohner z.B. galten u.a. deshalb Wilde, weil sie das Land auf dem sie gelebt haben, nicht genutzt haben, sich nicht untertan gemacht haben durch Ackerbau und Viehzucht. Sie haben dort „nur“ gelebt, für damaliges Denken eine geradezu unfassbare Geisteshaltung. Auch heute wäre es für viele Mebschen undenkbar, eine Ölquelle nur deshalb nicht anzuzapfen, weil das Land darüber erhaltenswert ist.
Es ist die Kunst Annie Proulxs alle diese Mißstände quasi nebenbei anzuprangern, sie in den Text einzuflechten. Sie erzählt die Geschichte zweier Familien über Generationen, mit den Problemen, denen jede Generation gegenüber steht, gibt Einblick in typische Denkweisen der jeweiligen Zeit und behält trotz aller Blicke nach rechts und links den roten Faden fest im Auge. Man kann den Roman also auch nur als spannende Familienchronik lesen. Aber wenn man das Gelesene auf sich wirken lässt, sich der Tragweite des Raubbaus an der Natur bewußt wird, dann bekommt man das irre Bedürfnis, Bäume zu pflanzen, so viele wie nur eben möglich, um sich gegen das Rad der Zeit zu stemmen und die Dukes dieser Welt zu stoppen.

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Rezensionen:

gelesen https://gelesenblog.wordpress.com/2018/07/27/aus-hartem-holz-annie-proulx/
lettergirl https://lettergirl.blog/2017/11/01/eine-harte-nuss/

Chandler auf jiddisch

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Die Vereinigung jiddischer Polizisten

Michael Chabon

Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Fischer

erschienen am 16.04.2008 als HC und am 16.08.2018 als TB bei Kiepenheuer & Witsch

ISBN des TB 978-3-462-05238-1

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Sitka, Alaska. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Atombombe auf Berlin, durften sich geflüchtete Juden dort mit Erlaubnis der Amerikaner einen eigenen kleinen Staat errichten. Nun soll die Enklave zurück an die USA fallen und die dort wohnenden Juden wären wieder heimat- und staatenlos. In dem Chaos der Abwicklung und inmitten sich auflösender Behörden und Zuständigkeiten geschieht in einem kleinen, schmierigen Hotel ein Mord. Ein junger Schachspieler wird mit einer Kugel im Kopf auf seinem Zimmer aufgefunden. Der zufällig im selben Hotel wohnende Polizist Meyer Landsman beginnt zu ermitteln und sticht dabei in ein Wespennest.
Was für ein grandioser Roman! Einerseits ein Krimi im Stile Chandlers, mit einem Protagonisten, der ähnlich zerbeult agiert wie Philip Marlowe, andererseits aber auch ein Blick auf die unterschiedlichen Strömungen jüdischen Lebens. Die Chassidim und Zionisten kommen dabei eher schlecht weg, verhalten die „Schwarzhüte“ sich doch ähnlich wie die Mafia und haben ihr Netzwerk über ganz Sitka gespannt.
Mit ungeheurer Fabulierlust, viel Wortwitz und genauso viel Einfühlungsvermögen führt uns Chabon durch seine Welt bzw durch Meyer Landsmans Welt. Glaube, Politik, Schach, die große Liebe, Identitätsfragen, Chabon verbindet und mischt diese Themen hemmungslos. Sein Blick ist zugleich zynisch, schwarzhumorig und liebevoll. Das muss einem erst einmal gelingen! Und wenn dann noch Ureinwohnerrecht auf jüdische Befindlichkeiten trifft, wird die Mischung explosiv…
Es ist beeindruckend, wie mühelos Chabon ein Meer durchquert, das klippenreicher nicht sein könnte. Er überschreitet Grenzen und verteilt seine Spitzen hemmungslos in jede Richtung: seien es geldgierige Stammesregierungen, tiefgläubige Mafiosi, gewinnorientierte Amerikaner oder attentatsbereite Zionisten. Und so ganz nebenbei zeigt dieser Roman auch, dass Menschlichkeit und Fanatismus sich ausschließen. Immer.
Wer also Krimis mag, wer… ach, Unfug! Lest dieses Buch, es ist einfach rundherum großartig!

Charmanter Roadtrip

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Anatol studiert das Leben

Susanne Falk

2018 erschienen im Picus Verlag

ISBN 978-3-7117-2065-8

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Pünktlich vor Toreschluß, d.h. Weihnachten, möchte ich noch den charmantesten und verrücktesten Roman des Jahres vorstellen. Wer also noch nach Geschenken sucht oder sich selbst eine Freude machen möchte, dem sei dieser wunderbare Roman ans Herz gelegt.
Anatol ist anders. Er hat Anschlußschwierigkeiten, einen Zähltick und weiß trotz intensiver Beobachtung nicht so richtig, wie Menschen eigentlich funktionieren. In seiner großen, lauten, warmherzigen Familie ist das kein Problem, aber im Umgang mit Fremden kommt es doch regelmäßig zu Unstimmigkeiten. Damit er menschliches Verhalten noch besser studieren kann, ist Anatol Museumswärter geworden: die Besucher betrachten die Bilder, Anatol betrachtet die Besucher. Bis sie eines Tages vor einem Chagall steht: Marcelline, Kunststudentin aus Nantes. Und Anatol entdeckt die Liebe. Kurzentschlossen packt er sich bei nächster sich bietender Gelegenheit den Chagall unter den Arm und macht sich auf den Weg nach Nantes. Zu Fuß. Ohne Geld. Ohne Jacke. Mit der Polizei auf den Fersen.
Der Roman ist vollgepackt mit Leben und unzähligen skurrilen Charakteren, allen voran Anatols Großmutter, einer gefeierten Burgschauspielerin mit Josef-Meinrad-Spleen. Eine völlig verrückte, komplett unglaubwürdige Geschichte, die aber so liebenswürdig ist, dass man sich wünscht, sie könne wahr sein. Anatol berührt die Menschen auf seinem Weg und er berührt dabei auch die Leser. Was mich allerdings am meisten beeindruckt hat, ist, wie geschickt Susanne Falk die Waage hält zwischen Skurrilität, Rührseligkeit, Romantik, Spannung, Drama und Abenteuer. Die Mischung ist nämlich genau richtig, kippt nie in ein Extrem und ist auch niemals zu abgedreht. Und sie ist ein Plädoyer für Menschlichkeit und Liebe, für Akzeptanz und gelebtes Anderssein. Weil „anders“ eben meist nicht schlechter ist, sondern nur ein anderer Blickwinkel. Und andere Blickwinkel erweitern den Horizont. Ein wirklich ganz entzückender, vergnüglicher Roman mit einer riesigen Portion Warmherzigkeit. Ein Vorrat für kalte Zeiten.

American Dream

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Der Winter unseres Missvergnügens

John Steinbeck

Aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Robben

erschienen am 15.10.2018 im Manesse Verlag

ISBN 978-3-7175-2432-8

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Der amerikanische Traum von der Durchlässigkeit der Gesellschaft – vom Tellerwäscher zum Millionär. In diesem Roman zeigt John Steinbeck, welchen Preis man dafür zu zahlen hat und das von Durchlässigkeit kaum die Rede sein kann.
Ethan Allan Hawley, aus sehr gutem Hause stammend, hat sein komplettes Vermögen verloren und arbeitet nun als Angestellter im ursprünglich eigenen Laden. Erstaunlicherweise macht die Tatsache, dass seiner Familie früher ganze Viertel in der Stadt gehört haben, ihm weniger zu schaffen als seinem Umfeld. Durch den Wunsch seiner Frau nach Namen und Geld angetrieben, erwachen bei Hawley kriminelle Energien und Skrupellosigkeit. Von Denunziation über Betrug bis zu einem geplanten Banküberfall rutscht Hawley die moralische Stufenleiter herab, steigt im gesellschaftlichen Ansehen aber gleichzeitig auf. Dabei dürfen wir Leser an seinen Gedanken teilhaben, erkennen die Stolpersteine und die Veränderungen. Mit Hawley hat Steinbeck keinen Unsympathen geschaffen, sondern im Gegenteil einen liebevollen Ehemann und freundlichen Gesellen. Umso erschreckender ist sein Sinneswandel.
Im Nachwort dann stellt Ingo Schulze Vergleiche auf mit Shakespeares Macbeth, der diesen Wandel ja tatsächlich auch macht, aus ähnlichen Beweggründen und mit demselben Motor im Hintergrund. Eine Shakepeare-Adaption also? Ähnlich wie die West Side Story ins moderne Amerika verlegt (also das Steinbecksche moderne Amerika, Ersterscheinungsjahr war 1962, der Roman spielt in den 50igern). Eine geniale Umsetzung wäre Steinbeck da gelungen, denn der Roman zeigt kaum Alterserscheinungen und liest sich trotz aller Gesellschaftskritik wunderbar flüssig. Für mich ist das ja eine Art Markenzeichen Steinbecks, diese bleibende Lesbarkeit, die altersunberührten Themen, der scharfe Blick. Und gerade in Zeiten von „America first“ ist der Roman eigentlich so aktuell wie zu seinen Entstehungszeiten, denn das, was ich als Hawleys moralischen Abstieg bezeichne, ist für Trump-Anhänger wohl nur normales Geschäftsgebaren.
Wieder einmal also ein durch und durch gelungener Band der Manesse Bibliothek.

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

Film und Buch https://filmundbuch.wordpress.com/2018/11/03/der-winter-unseres-missvergnuegens-john-steinbecks-letzter-roman/

Oben und unten

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Ich war Diener im Hause Hobbs

Verena Rossbacher

erschienen am 16.08.2018 im Verlag Kiepenheuer & Witsch

ISBN 978-3-462-04826-1

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Ich stelle fest, dass Kiepenheuer & Witsch sich immer mehr zu einem meiner liebsten Verlage entwickelt. Und mit „Ich war Diener im Hause Hobbs“ haben sie meiner Meinung nach einen der besten Romane des Jahres herausgebracht.
Der Diener Christian erinnert sich an seine Zeit bei den Hobbs, einer Zürcher Anwaltsfamilie. Frisch aus der Ausbildung wird er dorthin engagiert und scheint auch zunächst einen Glückstreffer gelandet zu haben. Frau Hobbs ist überaus charmant und nett, ihr Mann meist aushäusig und die Kinder wohlerzogen. Alles läßt sich gut an, bis sich Privates mit Beruflichem mischt und Christians Weltbild langsam ins Rutschen gerät…
Wenn man von einem Diener oder Butler hört, dann hat man automatisch Downton Abbey-ähnliche Bilder vor Augen. Reiche Lords und Ladies, massig Personal und riesige Herrensitze. Vor allem aber denkt man dabei eher an vergangene Zeiten. Dabei gibt es den Beruf des Dieners natürlich auch heute noch, genauso wie es auch heute noch Menschen gibt, die einen Diener engagieren. Obwohl mir das selbstverständlich klar ist, bin ich doch immer wieder über die Stellen gestolpert, die zeigen, dass Christian ein Mensch der heutigen Zeit ist. So sehr ist der Beruf des Dieners ritualisiert, aber so sehr möchte Christian auch den Traditionen entsprechen. Dabei kommt er natürlich nicht aus dem luftleeren Raum: er hat Eltern, Freunde, eine Heimatstadt. Die legt er aber ab, sobald er seine Uniform anlegt. Als Diener ist er nicht privat. Er hört Musik, die seiner Herrschaft gefallen könnte, liest Bücher, über die er befragt werden könnte, scannt seine Umwelt sozusagen mit den Augen der Hobbs. Souverän und Herr der Lage zu sein ist sein größter Wunsch, daher gerät auch seine Welt ins Wanken, als Frau Hobbs per Zufall in sein Privatleben vordringt.
Stück für Stück enthüllt Verena Rossbacher die Tragödie, die sich im Hause Hobbs ereignet hat. Stück für Stück erfahren wir mehr über Christian und dadurch auch mehr über die Hobbs. Denn ein Diener hat tiefen Einblick in die Abläufe in einer Familie, mehr Einblick, als er bisweilen selbst realisiert. Nichts ist an diesem Roman unüberlegt. Jede Handlung, jede Bewegung, jede Person, jedes Wort wirkt genauestens durchdacht, passt perfekt in das große Ganze. Selten habe ich einen so hervorragend durchkomponierten Roman gelesen, der dabei auch noch spannend ist und tagelang im Kopf nachwirkt. Immer wieder habe ich mich dabei ertappt, über das Gelesene nachzudenken, sogar noch mehrere Bücher später. Ein Roman, der eben nicht den Klischees zu Personal in großen Häusern entspricht und sogar gekonnt damit spielt, eine Autorin, die etwas wagt und dem Leser auch schwer Verdauliches zutraut und eine Geschichte, die herausragend zeigt, das nichts wirklich so ist, wie es zu sein scheint.

Weitere Rezensionen zu diesem Roman:

LiteraturZeit https://lifeforliterature.wordpress.com/2018/10/28/verena-rossbacher-ich-war-diener-im-hause-hobbs/
Meine Bücherbar https://buecherbar.wordpress.com/2018/10/11/ich-war-diener-im-hause-hobbs/
Literaturgeflüster https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/11/08/ich-war-diener-des-hauses-hobbes/
nachtundtag https://nachtundtag.blog/2018/09/08/sex-luegen-und-champagner-agieren-im-menschlichen-chaos/

„De Welt geiht ünner.“

Mittagsstunde von Doerte Hansen

Mittagsstunde

Dörte Hansen

erschienen am 15.10.2018 im Penguin Verlag

ISBN 978-3-328-60003-9

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„De Welt geiht ünner.“ Diese Botschaft trägt Marret Feddersen, genannt Marret Ünnergang, durch das Dorf. Brinkebüll ist ein typisches nordfriesisches Dorf, wo seit Generationen alles seinen gewohnten Lauf nimmt und jeder jeden kennt. Doch mit der Flurbereinigung in den sechziger Jahren beginnen die Veränderungen. Die alten Kastanien werden gefällt, die Dorfstraße asphaltiert und verbreitert, Pferde durch Maschinen ersetzt. Und irgendwann kommen die Störche nicht mehr und der Fortschritt überrollt die Menschen.
Ingwer Feddersen ist in Brinkebüll groß geworden, hat studiert und ist dann nach Kiel gezogen. Nun kommt er zurück, um sich um seine Großeltern zu kümmern.
„Mittagsstunde“ ist ein Roman über das Dorfsterben, über fehlenden Nachwuchs, schließende Schulen und Läden, zerfallende Dorfstrukturen. Es ist aber auch ein Roman über Zusammenhalt, Mitmenschlichkeit und Fürsorge.
Mit den Dorfgemeinschaften verschwindet eine ganze Welt. Traditionen werden bedeutungslos, Wissen über das Land und seine Besonderheiten geht verloren, die Kinder sollen hochdeutsch sprechen. Das ist der Fortschritt und der Fortschritt kommt von außen. Während der Flurbereinigung wird die alte Felderstückelung aufgelöst, die Knicks niedergebaggert, der Weg frei gemacht für Großmaschinen. Wer nicht mitspielt geht unter. Ein Bauer nach dem anderen gibt auf, bis nur noch ein paar Großbauern überlebt haben. Das zieht natürlich Konsequenzen nach sich. Höfe stehen leer und verfallen oder werden von Fremden bezogen, indes nicht mehr bewirtschaftet. Die bringen ihre Kinder aber nicht zur Dorfschule und kaufen auch lieber in den Supermärkten außerhalb ein. Und ja, auch das verbesserte Bildungsangebot beschleunigt das Dorfsterben. Der Nachwuchs zieht in die Welt hinaus, das Dorf ist ihnen zu klein und eng, nur die Alten bleiben zurück.
Wer nun aber denkt, Dörte Hansen hätte ein düsteres und hoffnungsloses Buch über alte Zeiten geschrieben, der irrt. Warm und ein bisschen wehmütig erzählt sie von den vergangenen Zeiten, zeigt aber auch, wie sehr die Dorfgemeinschaften unser heutiges Heimatbedürfnis ansprechen. Feinfühlig wechselt sie zwischen Gestern und Heute, porträtiert gekonnt Land und Leute. Ihre Charaktere sind das Besondere, jeder Einzelne ist einzigartig und so voller Leben, dass es nur schwer vorstellbar ist, dass Brinkebüll und seine Bewohner fiktiv sind, Erfindungen einer Autorin. „Mittagsstunde“zählt für mich definitiv zu den wunderbarsten Neuerscheinungen dieses Jahres. Es ist warmherzig, humorvoll, nachdenklich und lebensnah und ich habe jede Sekunde Lesezeit geliebt.
Ein bißchen Angst hat es mir aber doch auch gemacht. Wir hoffen demnächst in ein reales Brinkebüll zu ziehen, einen Neunhundert-Seelen-Ort direkt an der Nordseeküste. Und werden dort sicherlich erstmal die Zugezogenen sein, die Fremden, die einen der alten Höfe gekauft haben. Aber eines ist sicher: „moin“ sagen, das können wir immer und in jedem Fall. Das hätten wir sogar vor der Lektüre dieses Romans gekonnt. Und irgendwie macht mir das dann wieder Hoffnung.

Ich danke dem Penguin Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

 

 

 

 

Martha Gellhorn

9783351037451

Hemingway und ich

Paula McLain

Aus dem Englischen von Yasemin Dinçer

am 05.10.2018 erschienen im Aufbau Verlag

ISBN 978-3-351-03745-1

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Derzeit ist mein Leseglück doch recht wechselhaft. Ein paar der letzten Romane, auf deren Erscheinungsdatum ich mich gefreut hatte, entsprechen leider so gar nicht meinen Erwartungen. Dazu zählt auch dieser Roman.
Nun, was habe ich hier erwartet? Paula McLain baut ihre Bücher immer gleich auf: sie sucht sich eine interessante, ungewöhnliche Frau und erzählt ihr Leben in einer Mischung aus Fakten und Fiktion. Bei Ernest Hemingways erster Frau Hadley ist ihr das meiner Meinung nach recht gut gelungen, zumindest habe ich gute Erinnerungen an dieses schon vor längerer Zeit gelesene Buch. Daher war ich durchaus glücklich, als ich gesehen habe, dass sie sich nun auch Martha Gellhorns angenommen hat, Hemingways dritter Frau.
Martha Gellhorn war eine der ersten weiblichen Kriegsberichterstatterinnen, immer mitten im Geschehen und der Gefahrenzone. Sie war ihrer Zeit in vielen Punkten voraus, emanzipiert, eigenständig und auf Augenhöhe mit ihren männlichen Kollegen. Die kurze Ehe mit Hemingway war eher eine Fußnote in ihrem Leben, ein Irrtum in jungen Jahren und wohl auch eine wenig glückliche Zeit insgesamt.
Sie lernt den deutlich älteren Hemingway per Zufall in einem Familienurlaub kennen und folgt ihm 1937 an die spanische Front. Dort werden die beiden ein Liebespaar. Hemingway bewundert die durchsetzungsfähige, selbstbewusste Martha. Nach dem Krieg lassen sie sich auf Kuba nieder und heiraten zügig nach Hemingways Scheidung. Doch das, was früher Bewunderung auslöste, sorgt nun für Probleme. Martha arbeitet weiterhin an einer eigenen Karriere, will nicht nur Mrs Hemingway sein.
Eigentlich ein Selbstgänger: zwei hochinteressante Protagonisten, eine Ehe mit allen Höhen und Tiefen und das in einer Zeit, in der die ganze Welt brennt. McLain dagegen gelingt es fast durchgängig, gepflegte Langeweile mit pathetischem Geschwafel zu verbinden. Nur an wenigen Stellen hatte ich das Gefühl, sie habe sich Gellhorn annähern können. Bei McLain wirkt sie wie eine risikosüchtige verwöhnte High Society-Schönheit, die per Zufall zu ihren Erfolgen kommt. Man kommt Martha als Leser nicht näher, sie bleibt kühl und unnahbar. Nun war sie ja auch keine einfache Persönlichkeit und vielleicht war der Aufbau des Romans mit Gellhorn selbst als Erzählstimme unklug gewählt. Für die hochintelligente Frau, die sie ja war, wirkt sie so nämlich reichlich naiv und unbedarft. In die Beziehung mit Hemingway rutscht sie quasi unvorbereitet und selbst überrascht hinein, der Großteil des Romans besteht aus Gejammer über ihre Schreibblockade und -probleme. Das wird dieser großartigen, aber wohl zu sich und anderen knallharten Frau wirklich nicht gerecht.
Der Roman ist mir, mit einem Wort gesagt, zu seicht. Das ist äußerst schade, wenn man das verschenkte Potential bedenkt.

Ich danke dem Aufbau Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Wenn der Teufel regiert

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Kind ohne Namen

Christoph Poschenrieder

am 24.10.2018 als tb erschienen im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-24448-9

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Ich habe den Herrn Poschenrieder aus den Augen verloren. Ich weiß gar nicht warum, denn sein Debüt „Die Welt ist im Kopf“ hat mich damals wirklich sehr begeistert. Dafür weiß ich nun, dass mir das ganz bestimmt nicht noch einmal passiert, denn auch der Roman „Kind ohne Namen“ hat mich in weiten Teilen überzeugt.
Die Literaturstudentin Xenia kommt zurück in ihr Heimatdorf, zu ihrer Mutter, der ehemaligen Bürgermeisterin, die sich immer noch für Dorf und Dörfler verantwortlich fühlt, und ihrem Bruder, dessen rechtsextreme Meinungen sie nur schwer erträgt. Der Grund für ihre Rückkehr ist eine uneheliche Schwangerschaft, die aber noch nicht sichtbar ist und von der auch noch niemand weiß.
Großes Dorfthema sind die Flüchtlinge, die in der ehemaligen Schule untergebracht werden. Xenia und ihre Mutter heißen sie willkommen, der Rest des Dorfes pöbelt dagegen oder hält sich bedeckt. Ausschreitungen werden nur durch den „Burgherren“ verhindert, der tatsächlich in einer Burg wohnt, die über dem Dorf thront. Beobachtet vom Verfassungsschutz unterhält er heimlich paramilitärische Truppen, lässt sich wenig in die Karten gucken, hat aber scheinbar nahezu alle Dorfbewohner im Griff. Als Preis für seine Hilfe verlangt er das nächste neugeborene ungetaufte Kind…

Was zunächst wie eine literarische Bearbeitung des Flüchtlingsthemas wirkt, entwickelt bald schon märchenhafte Züge. Poschenrieder hat Motive einer Novelle von Jeremias Gotthelf aus dem Jahre 1842 eingebaut: „Die schwarze Spinne“. Dort verlangt der Teufel für eine Hilfeleistung ebenfalls ein ungetauftes Baby und als ihm dieses mehrfach verweigert wird, überschwemmt eine Flut giftiger schwarzer Spinnen das Dorf.
Mit dieser Verknüpfung hat der Autor es sich nicht leicht gemacht. Es hilft bei der Lektüre, die Novelle gelesen zu haben oder wenigstens ihren Inhalt zu kennen, um die fein ausgearbeiteten Parallelen würdigen zu können. Der Text funktioniert auch komplett ohne Vorkenntnisse, aber die Abfolge der Ereignisse wird logischer mit ein wenig Vorwissen.
Damit ist der Roman indessen zum einen hochaktuell, weil er die Flüchtlingsunterbringung in deutschen Gemeinden und die Reaktion darauf klug analysiert und zum anderen eine literarische Spielerei, weil das aktuelle Geschehen wie eine Folie über die ältere Novelle gelegt wird.
Zum dritten aber ist er ein deutliches Statement gegen Ausländerhass, nationalsozialistisches Gedankengut und andere Teufelsideen, von denen man sich dringend wünscht, dass sie in das Loch zurückkehren, aus dem sie gekommen sind. Sinnbild dafür sind die Spinnen, die plötzlich überall auftauchen und ihr Gift verbreiten.
Mein persönlicher Eindruck ist, dass Poschenrieder mit all dem ein bisschen zuviel für einen einzigen Roman erstrebt hat. Bisweilen ist mir der Text ein wenig zu überladen bzw aufgeladen mit Bedeutung. Das ist aber Jammern auf ganz hohem Niveau. Schlußendlich kann man diesen Roman schon aufgrund seiner Aussage gar nicht oft genug empfehlen und das selbst literarisch Anspruchsvollen, zählt Poschenrieder doch definitiv zur Riege der besten deutschsprachigen Schriftsteller. Also lautet meine Empfehlung: lesen, verschenken, weiter verbreiten und hoffen, dass die Lektüre ein paar Menschen zum Nachdenken und Überdenken festgefahrener Meinungen bringt. Für eine friedvollere Zukunft. (Und eine ohne schwarze Spinnen, bitte.)

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

letteratura https://letteraturablog.wordpress.com/2018/03/04/die-fremde-christoph-poschenrieder-kind-ohne-namen/

Mosaikteilchen

Sofia traegt immer Schwarz von Paolo Cognetti

Sofia trägt immer schwarz

Paolo Cognetti

Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt

erschienen am 24.09.2018 im Penguin Verlag

ISBN 978-3-328-60027-5

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Paolo Cognettis Roman „Acht Berge“ über eine Männerfreundschaft war im letzten Jahr gefühlt eines der meisterwähnten Bücher in den digitalen Medien. Nun bringt der Penguin Verlag seinen 2012 erschienenen, laut Klappentext „vielfach ausgezeichneten“, Debütroman heraus, erstmals auf Deutsch. Warum erst jetzt, fragt man sich, wenn der Roman doch schon vor sechs Jahren eine so gute Aufnahme erfahren hat?
Meine Antwort darauf ist leider die Vermutung, dass man ihn damals, als der Bestsellerautor Cognetti noch der Erstlingsautor Cognetti war, übersehen haben muss oder ihn , oh Frevel, vielleicht gar nicht so spannend fand.
So ging es nämlich mir mit diesem Roman, der sich gar nicht wie einer anfühlt, eher wie eine Kurzgeschichtensammlung, die um das Thema „Sofia Muratore“ kreiselt. Selbige ist erst ein junges Mädchen, später eine junge Frau aus schwierigen Verhältnissen. Unglückliche Mutter, fremdgehender Vater, im Teenageralter versucht Sofia einen Selbstmord, wird nach dessen Mißlingen dann aber lieber Schauspielerin. Verschiedene Stimmen bekommen je ein Kapitel Zeit, eine Façette aus Sofias Leben und Umfeld zu erzählen, dabei springt der Text munter in der Zeit. Jedes Mal ist eine Neuorientierung auf seiten des Lesers erforderlich, näher kommt man Sofias Wesen dabei aber keinen Zentimeter. Die junge Frau bleibt, nein, nicht geheimnisvoll, sondern blass, und irgendwo in ihren Dreißigern bricht der Roman dann auch ab. Alternde Frauen sind scheinbar weniger interessant als junge magersüchtige vagabundierende Schönheiten. Vielleicht wollte Cognetti auch nicht schreiben über Altersarmut und Magengeschwüre, Falten und Gesichtsverlust.
Nun ist es nicht so, dass dieser Roman nicht lesenswert wäre, Bestsellerautoren kommen ja im Allgemeinen nicht talentlos daher und schon dieses Debüt zeigt, dass Cognetti mit Worten wunderschöne Bilder erschaffen kann. Und auch, wenn Sofia selbst blass bleibt, treten andere Gestalten in den Vordergrund: ihr Vater oder ihre Tante Marta zum Beispiel. Das schönste Kapitel ist für mich das, welches eine Kinderfreundschaft mit dem Sohn eines Arbeitskollegen von Sofias Vater zum Thema hat. Überhaupt hatte ich den Eindruck, dass der Autor sich in „Männerwelten“ wohler fühlt. Sei es nun der Junge, dessen Mutter im Sterben liegt oder Sofias Vater, dessen Fremdgehen mehr Verständnis erfährt als die Probleme der eher als nervig beschriebenen lebensunfähigen Mutter. Und Tante Marta, die Terroristin und Alleinlebende wäre auch als Onkel Eduardo durchgegangen.
Der Hauptgrund aber, weshalb ich mit diesem Roman so gar nicht warm geworden bin, ist ein Gefühl der Beliebigkeit, das sich recht schnell beim Lesen einstellte. Große Worte, schöne Formulierungen, feinsinnige Bilder, unausgesprochene Gefühle, Lug und Trug, Drama, Tragödie, alles vorhanden; kein Zweifel, das hier soll Kunst sein, soll besonders sein, und die dazugehörigen alten Fabrikhallen und der kunstbesessene ältere Liebhaber sind auch an Bord. Kein Klischee, das nicht Aufnahme gefunden hätte in diesem Strom ausgewogener Formulierungen. Nur echtes Gefühl, das habe ich persönlich vergebens gesucht.

Ich danke dem Penguin Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:
Buchstabenträumerei https://buchstabentraeumerei.wordpress.com/2018/10/16/sofia-traegt-immer-schwarz-von-paolo-cognetti-rezension/