Mrs Parker und das Leben

Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber von Michaela Karl

„Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber“

Michaela Karl

erschienen 2012 im btb Verlag

ISBN 978-3-442-74493-0

 

Gleich zu Anfang muss ich mich einfach über die fatale Neigung Michaela Karls zu kalauernden Titeln äußern. Es handelt sich zwar um ein „mot“ der Parker, aber ob es „bon“ genug ist, um ausgerechnet den Titel abzugeben? Da sie es scheinbar bei all ihren Biographien so macht, hat es zugegeben Wiedererkennungscharakter, aber das macht mich wahrlich nicht glücklicher. Hätte Dorothy Parkers Name nicht dabei gestanden, hätte ich das Buch nicht gelesen – und das wäre überaus bedauerlich gewesen.
Frau Karl kann nämlich hervorragend Biographien schreiben. Sie scheint gründlich zu recherchieren und sich das Leben ihres jeweiligen Titelgebers von allen möglichen Seiten zu betrachten. Dabei schreibt sie klug und warmherzig, ohne reine Fakten aufzuzählen, aber auch ohne in Skandalen zu baden.
In diesem Falle geht es also nun um Dorothy Parker, Society – Ikone der Zwanziger und mit der schärfsten Zunge New Yorks gesegnet. Es ist Frau Karl hoch anzurechnen, dass sie die Parker nicht nur auf Bettgeschichten und Alkohol reduziert (trotz des Titels), sondern ihren Werdegang erzählt, von der Kindheit in einem nicht sehr gläubigen jüdischen Haushalt, über die ersten Schreibversuche, ihre Arbeit bei Vogue und Vanity Fair und ihre Erfolge als Schriftstellerin. Sie gehört zu den großen amerikanischen Autoren ihrer Zeit. Bedauerlich, dass sie in Vergessenheit zu geraten scheint. Ihr Metier waren Gedichte und Kurzgeschichten, am eigenen Roman sollte sie lebenslang scheitern.
Sie ist Mitglied einer Gruppe von Künstlern, die sich regelmäßig im Hotel Algonquin treffen und zu der zeitweise auch F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway gehören. Ironie, Witz, Schlagfertigkeit und ein gewaltiger Alkoholkonsum sind Grundvoraussetzungen, um dort zu bestehen. Dorothy Parker ist die unbestrittene Queen dieser Tafelrunde. Untalentiert ist sie scheinbar nur darin, ihr persönliches Glück zu finden. Sie hat eine fatale Neigung, sich in Alkoholiker zu verlieben und schlußendlich wird kein Beziehungsversuch gelingen. Sehr feinfühlig erzählt Michaela Karl vom Auf und Ab im Leben der Parker, von den absoluten Höhenflügen bis hin zu Selbstmordversuchen. Sie erzählt von der Einsamkeit und fehlenden Liebe, der Kompensation durch Reisen und Feiern, davon , dass der große Teil der Algonquin-Runde nicht alt wird. Denn irgendwann sind die goldenen Zwanziger vorbei, und was vorher spritzig war, verliert an Glanz.
Eine ganz wunderbare Biographie einer hochtalentierten Schriftstellerin, einer Frau mit eigener Meinung, die sich nie gescheut hat, diese auch zu äußern, die ihren eigenen Weg gegangen ist, zu Zeiten, wo das für Frauen eher skandalös war und die schon allein deshalb nicht vergessen werden sollte.

Engel im Sündenbabel

9783462051032

Der Mann, der nicht mitspielt

Christof Weigold

erschienen 2018 bei Kiepenheuer & Witsch

ISBN 978-3-462-05103-2

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„Ein netter kleiner Krimi über die Anfänge von Hollywood, warum nicht?“ dachte ich, als ich die Möglichkeit bekam „Der Mann der nicht mitspielt“ vor Erscheinungsdatum zu lesen. „Uff“ dachte ich, als das Buch dann hier ankam. Der nette kleine Krimi entpuppte sich als 640 Seiten schwer, mindestens 300 Seiten mehr als erwartet. Aber er ist jede Seite wert, um das gleich zu Anfang erwähnt zu haben.
Dem Glamour der Roaring Twenties entsprechend mit goldenem Einband und gleichfarbigem Lesebändchen ( Lesebändchen sind für mich wie die Kirsche auf dem Sahnehäubchen), dazu passend ein schwarzweiß gehaltener Schutzumschlag, kommt Christof Weigolds Romanerstling ganz gewiss nicht schüchtern daher, eher gekleidet für den großen Auftritt. Mit Auftritten kennt Weigold sich aus, schrieb er doch bisher Theaterstücke und Drehbücher.

Und worum geht es nun? Der Roman ist Auftakt einer Reihe über Skandale und Mordfälle im alten Hollywood, dem Hollywood der Stummfilmzeit.
Hardy Engel, deutscher Gelegenheitsschauspieler und ehemaliger Polizist, schlägt sich als Privatdetektiv durchs Leben. Als die schöne Pepper Murphy ihn beauftragt nach ihrer verschollenen Freundin Virginia zu suchen, schlittert er unversehens in den ersten großen Skandal der sich noch entwickelnden Filmindustrie und muss bald um sein Leben bangen.

James Stewart? Oder doch eher Humphrey Bogart? Beim Lesen des Romans hat man unwillkürlich eine mögliche Verfilmung vor Augen, besetzt mit den Stars des goldenen Filmzeitalters, das, zugegeben, ein Jahrzehnt später beginnt. Aber dieser Roman ist so sehr Hommage an die frühen Krimiverfilmungen, mit schweigsamen Ermittlern, die nur halb so „hardboiled“ sind wie gedacht und schönen Frauen, die ihnen das Leben schwer machen, dass man solche Überlegungen automatisch anstellt. Ich habe mich für Stewart entschieden, er entspricht am ehesten meiner Vorstellung von dem vom Leben gebeutelten Engel, der sich aber doch eine gewisse Ehrbarkeit erhalten hat.
Christof Weigold gelingt es hervorragend, seine Geschichte in die tatsächlichen Geschehnisse einzubinden und die Nahtstellen zu verwischen. Er lässt alte Hollywoodgrößen wieder aufleben, ohne dass es bei schlichtem Namedropping und Schablonengestalten bleibt, gibt ihnen Leben und einen Charakter. Vieles wirkt dabei sehr gut recherchiert, die Abläufe in den Studios, die Lebensläufe der „Gründerväter“- der Studiobosse, der exzessive Genuss von Alkohol und Koks und die Tatsache, dass die Studios selbst für die Drogen sorgten, um die Schauspieler bei Laune zu halten.
Aber vor allem ist dieser Krimi eines: nicht vorhersehbar. Trotz der schon erwähnten 640 Seiten ist nicht eine davon langweilig, habe ich nur höchst ungern Lesepausen eingelegt. Zu spannend ist die Geschichte, mit unerwarteten Wendungen und ihren Einblicken in eine vergangene Welt.

Für mich bisher die Krimi-Neuentdeckung des Jahres, ohne Wenn und Aber empfehlenswert. Bleibt nur die Frage, die mich schon seit Beendigung des Buches umtreibt: wann kommt der nächste Band?

Ich danke Kiepenheuer & Witsch herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Rezensionen zu diesem Buch findet ihr hier:

Sapadi https://sapadi.wordpress.com/2018/02/15/der-mann-der-nicht-mitspielt-hollywood-1921-hardy-engels-erster-fall-von-christof-weigold/

Die wilden jungen Leute

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Lust und Laster

Evelyn Waugh

Aus dem Englischen übersetzt von pociao

als tb erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-24383-3

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Evelyn Waugh, 1903 – 1966, gilt als einer der besten Schriftsteller Großbritanniens. Viele seiner Bücher sind Klassiker, weltweit bekannt. Der Verlegersohn veröffentlichte 1928 seinen ersten Roman „Decline and Fall“, der gleich ein Erfolg wurde. 1930 folgte dann „Vile Bodies“, das uns hier in der Übersetzung von der wunderbaren Sylvia de Hollanda, genannt Pociao, vorliegt.

Der junge gutaussehende, aber bedauerlicherweise arme Adam wünscht die gutbetuchte und adelige Nina zu heiraten. Seine Versuche zu Geld und Ansehen zu kommen, um diesen Wunsch in die Tat umzusetzen, nutzt Waugh, um ein Portrait der jungen britischen Upper Class der Zwanziger Jahre zu zeichnen, die den Sinn ihres Lebens darin sieht von Party zu Party und von Skandal zu Skandal zu wandern.

Es gibt eine Tradition englischer Gesellschaftsromane, die mit Humor und Augenzwinkern die Eskapaden der oberen Zehntausend beschreiben. Am bekanntesten ist da sicherlich die Jeeves-Reihe von P.G. Wodehouse. Anders als Wodehouse schreibt Waugh allerdings mit deutlich spitzerer Feder und viel dunklerem Humor. Da bleibt einem bisweilen das Lächeln glatt im Halse stecken, wenn z.B. der abgehalfterte Society-Reporter einen letzten Skandal forciert, um dann den Kopf in den Gasherd zu stecken oder die junge Party-Queen ihre letzte große Party im Irrenhaus feiert.

Was diesen Roman trotzdem so amüsant und auch charmant macht, sind erstens die einfach brillante Schreibweise, die geschliffenen Pointen und hintersinnigen Formulierungen und zweitens die Art, wie Waugh den Lebenshunger einer Generation zeigt, die einen Krieg überlebt hat und den nächsten schon vor den Toren stehen sieht, einer Generation, die alles mitnimmt, was sich an Erlebnissen bietet, atemlos, masslos, sinnenfreudig. Und drittens ist es Waughs Lust an der Überzeichnung seiner Charaktere, die den wunderbar schrulligen Colonel Blount zum Leben erweckt oder die auf dem Vulkan tanzende Miss Runcible, die unbedacht und liebreizend einen Skandal nach dem nächsten auslöst.

Waugh zeigt meisterhaft, was Gesellschaft und Konventionen oder auch das Verleugnen derselben aus eigentlich liebenswürdigen und bisweilen schlicht unbedarften Menschen machen kann, zeigt, wie Societygrößen entstehen und vergehen, zeigt, was Klatsch anrichten kann, aber auch wie man ihn steuern und nutzen kann und hat mit „Lust und Laster“ den „Roaring Twenties“ ein unvergängliches Denkmal geschaffen, einen Roman, der auch nach fast einhundert Jahren nichts an Frische und Spritzigkeit verloren hat.

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.