The beautiful landscape of battlefields, cemeteries and ruins

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Winterbergs letzte Reise
Jaroslav Rudis
erschienen am  25.02.2019 im Luchterhand Literaturverlag
ISBN 978-3-630-87595-8

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Dieses Buch ist eine Zumutung. Es ist großartig, anders, stellenweise unfassbar witzig, abgrundtief traurig, irrsinnig, todlangweilig, aber vor allem eine Zumutung. Man muss es lesen wollen, wirklich wollen. Nur, warum sollte man wollen wollen?
Kurz zum Inhalt, wobei man den Inhalt im Grunde nicht kurz, wenn überhaupt, zusammenfassen kann:
Jan Kraus, gebürtiger Tscheche, ist 1986 nach Deutschland geflohen. Dort ist er über Umwege Krankenpfleger und Sterbebegleiter geworden.
Derzeit versorgt er den 99jährigen Wenzel Winterberg, der schon in den letzten Zügen liegt (was würde er diesen Begriff „in den letzten Zügen liegen“ lieben, zumindest wäre er Anlass für einen Vortrag). Winterberg hat aber noch eine Aufgabe zu erledigen und so reisen die Beiden per Zug (Winterberg liebt Züge), bewaffnet mit einem Baedecker von 1913, durch halb Mitteleuropa.
Der Leser erlebt diese Reise mit den Augen Jan Kraus‘, aber eigentlich ist der Roman ein fast durchgehender Monolog Winterbergs. Über Gott und die Welt, Kriegsschauplätze, Sehenswürdigkeiten, Bahnhöfe und Feuerhallen, jaja, neinnein, darüber, ob man „geschichtlich durchblickt“, über die Schlacht von Königgrätz, tschechisches Bier, Frauen, Zugfahrpläne. Ein nicht endenwollendes Gesabbel (nein, ich will es nicht anders nennen, will ich nicht), ähnlich einlullend wie lange Bahnfahrten. Und in diesem Fluss von Baedeckerabschnitten, Beschreibungen der Landschaft, Betrachtungen zur Geschichte finden sich immer wieder Hinweise auf das, was Winterberg quält, auf das, was Kraus mit sich herumschleppt und nicht verarbeiten kann. So dass man beim Lesen immer wieder aufschreckt, weil man denkt, man hätte den Zielbahnhof verpasst oder den Umsteigehalt, den einen wichtigen Hinweis halt, die Andeutung, die über Sinn und Unsinn entscheidet, aber schnell folgt der nächste Redeschwall, der Zug fährt weiter.
Warum also, zum Henker, sollte man sich das antun? Weder Kraus noch Winterberg sind sympathisch, man beginnt sie trotzdem zu mögen, sicherlich, ein wenig zumindest, aber vor allem beginnt man zu denken. Über den Krieg, über Diktaturen, über den Tod, darüber, was einen Menschen zerbricht und wie schnell das geht, wie unverhofft, wie wenig man planen kann, wie schnell man vom Täter zum Opfer wird und umgekehrt und auch darüber, wie sehr sich die Geschichte immer in der Gegenwart spiegelt.
Dieser Roman ist ein ganz und gar irrwitziges Projekt, sperrig. Er verlangt vom Leser Arbeit und Geduld und Durchhaltewillen. Und das ganz ohne Belohnung. Außer den Erkenntnissen, die man sich vielleicht beim Lesen selbst erarbeitet hat. Was dann wiederum mehr ist, als man von den meisten anderen Büchern sagen kann.
Und soll man diesen Roman nun lesen? Man soll. Wenn man denn bereit ist, sich einzulassen auf diesen Text. Wenn man sich nicht nur besäuseln lassen möchte von Literatur.Wenn man aktiv und selbständig denken möchte. Sonst begibt man sich in die Gefahr an hochgradiger Langeweile zu sterben. Irgendwo zwischen Königgrätz und Sarajewo.

Mein schöner Garten

9783608503739

Der Blumensammler

David Whitehouse

Aus dem Englischen von Dorothee Merkel

2018 erschienen im Tropen Verlag

ISBN 978-3-608-50373-9

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Manchmal bin ich mäkelig. Heute ist so ein Tag, da will ich nicht nur gute Unterhaltungsliteratur, da will ich einen Sinn.
Aber ganz von vorn:
1. Worum geht es?
Ein etwas langweiliger Reinigungfachmann findet in einem alten Pflanzenlexikon einen Liebesbrief mit einer Liste der seltensten Blumen weltweit. Aus irgendeinem Grunde macht er sich nun auf, all diese Blumen zu entdecken und begegnet dabei Gefahren, falscher Freundschaft, Hilfsbereitschaft und Liebe.
Jahre später. Ein junger Mann leidet unter Kopfschmerzen, mit denen immer die Erinnerungsschübe eines anderen Menschen verbunden zu sein scheinen.
Wie diese Stränge sich verbinden, mag der geneigte Leser selbst herausfinden.
2. Was möchte der Autor erzählen?
Wenn ich das wüßte… Menschen werden aufwendig eingeführt, die dann im ganzen Rest des Buches nur noch für kurze Nebensätze gut sind. Das gilt auch für Ereignisse, die angerissen, aber nicht weiter verfolgt werden. Wegstrecken, die erst Tage benötigen, um bewältigt zu werden, können im zweiten Anlauf ganz schnell begangen werden. Kurz, es hakt gewaltig im Getriebe. Die Geschichte selbst ist eine Allerwelts-Dreiecks-Liebesgeschichte mit Konsequenzen, wird aber gewaltig aufgebauscht und um eine Reihe recht unwahrscheinlicher Begebenheiten erweitert. Da nimmt einer gewaltig Anlauf, um in die nächste Pfütze zu springen.
3. Wie empfinde ich das?
Um ehrlich zu sein, bin ich sauer. Und enttäuscht. Weil der Roman nämlich richtig gut beginnt und der Autor auch richtig gut schreiben kann. Nur seine Hausaufgaben wollte er wohl nicht machen. Aber nur einen zugegeben kreativen Einfall an den nächsten zu reihen, das reicht mir nicht für einen Roman, Unterhaltungswert hin oder her. Klar könnte man das Ding einfach nur lesen, sich an den Kapriolen und lustigen Ideen Whithouses erfreuen und jauchzen. Will ich aber nicht. Ich will eine durchdachte Konstruktion, auch bei Fantasy- oder Märchenelementen. Die wir hier gar nicht haben, nur esoterisch angehauchte Gedankenübertragung, aber trotzdem. Auch das Unwahrscheinliche sollte in einem Roman seiner eigenen Logik folgen. Dem Leser so etwas vor die Füsse zu werfen und zu sagen „isso“ , ist für mich kein guter Ton. Und dann werde ich mäkelig, wobei wir wieder beim Anfang wären.
Lange Rede, kurzer Sinn: wahnsinnig phantasievoller Autor mit schönem Schreibstil erfindet hanebüchene Story ohne sinnigen Background. Was müsste der für Bücher schreiben können, wenn er vor dem Zerschneiden des Stoffes das Schnittmuster aufzeichnen würde. So sind die Nähte schief und die Passgenauigkeit lässt zu wünschen übrig. Aber das Blümchenmuster ist hübsch.

Ich danke dem Tropen Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

read eat live https://readeatlivelog.wordpress.com/2018/09/16/rezension-der-blumensammler-david-whitehouse/
Zeichen & Zeiten https://zeichenundzeiten.com/2018/09/24/der-verlorene-sohn-david-whitehouse-der-blumensammler/
Literaturgeflüster https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/10/19/der-blumensammler/

Midwinter Break

getimage

Schnee in Amsterdam

Bernard MacLaverty

Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser

erschienen am 20.September 2018 im C. H. Beck Verlag

ISBN 978-3-406-72700-9

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Stella und Gerry verbringen ein verlängertes Wochenende in Amsterdam. Sie sind ein eingespieltes Paar, beide schon im Ruhestand, der Sohn aus dem Haus. Die Reise ist ein Weihnachtsgeschenk Stellas an ihren Mann, der nicht ahnt, dass sie damit noch anderes bezwecken könnte, als nur ein paar schöne Tage mit Besichtigungen.
Die Ruhe des Erzählens bei Bernard MacLaverty ist trügerisch. Er betrachtet einen Abschnitt aus dem Leben des Paares wie unter dem Mikroskop. Freitag bis Montag –  fast minutiös verfolgen wir den Tagesablauf, die Gespräche, die kleinen Gewohnheiten und Reibereien. Der Leser erfährt wenig über das Davor und nichts über das Danach. Gerry ist Alkoholiker, so viel wird relativ schnell deutlich, und Stella ist damit nicht glücklich, hat dem aber wohl wenig entgegen zu setzen.
Sie machen Besichtigungen und Spaziergänge, gehen in Restaurants, schlafen im Hotel. Es ist nichts Außergewöhnliches an diesem Paar, auf den ersten Blick zumindest nicht. Aber zwischen den Zeilen lauern Risse und Brüche. Stella und Gerry sind von Nordirland nach Schottland gezogen oder doch geflohen, sie haben die Religionskonflikte wohl hautnah erlebt, ihr Leben war scheinbar wenig friedlich.
MacLaverty ist ein Meister der Zwischentöne, der Andeutungen. Nichts liegt hier einfach klar zutage, um alles rankt ein leichter Nebel. Aber Stella und Gerry verhalten sich eben so, wie man das tut, wenn man sich unbeobachtet wähnt. Sie müssen einander nichts erklären und in ihren Gesprächen gibt es Zwischentöne, die nur sie selbst erkennen und verstehen. Der Autor gibt uns Einblick in einen eingegrenzten Zeitraum im Leben der Beiden und lässt uns mit unseren Beobachtungen weitgehend allein.
Ein ständiges „Warum“ war mein Begleiter beim Lesen. Warum macht Gerry dies, warum sagt Stella das, oder auch warum machen oder sagen sie dieses oder jenes nicht. Irgendwann ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass wir in die meisten Leben in unserem Umfeld deutlich weniger Einblick erhalten und trotzdem Urteile fällen. Uns aus wenigen Informationen ein Bild zusammenbasteln, das zu unseren Erfahrungen  passt.
Der Roman hat mich nachdenklich gemacht, die Sprache hat mich begeistert. Trotzdem hat das Buch mich letztendlich nicht völlig überzeugt. Das mag aber daran liegen, dass ich gerne mehr gewusst hätte, dass der kleine Einblick mich irgendwie unbefriedigt zurückliess, dass ich lieber einen Anfang und ein Ende hätte. Dabei ist das Leben ja eher so vage, so fragil, wie hier beschrieben. Wer diese Erkenntnis aushält, der dürfte mit dem Roman sehr glücklich werden.

Ich danke dem C.H. Beck Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Eine Schatzkiste voller Abenteuer

Der Medicus von Noah Gordon

Der Medicus

Noah Gordon

als Taschenbuch erschienen 2013 im Heyne Verlag

ISBN 978-3-453-50394-6

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Nach geschätzt zwanzig Jahren habe ich dieses Buch wieder zur Hand genommen und erneut gelesen. Und es hat nichts an Farbe, Spannung und Deftigkeit verloren.

Um 1021 in England. Robert Jeremy Cole, der, in bitterarmen Verhältnissen aufgewachsen, früh seine Eltern verliert, macht eine Lehre bei einem Bader. Zunehmend leidet er unter seinem mangelnden medizinischen Wissen und beschließt, sich in Isfahan unter Avicenna zum Medicus ausbilden zu lassen. Das ist allerdings nicht ganz einfach, denn nicht nur die große Entfernung ist ein Hindernis, sondern auch die Tatsache, dass dort nur Moslems und Juden aufgenommen werden.

Im Grunde ist das ganze Buch eine farbenprächtige Abenteuersage. Es kommt alles darin vor, was man dafür braucht: der arme Junge, der den Gral  sucht (in diesem Falle medizinisches Wissen) und die Prinzessin bekommt (Mary Cullen, rothaarige Tochter eines schottischen Schafzüchters) und dafür allerhand Abenteuer und Prüfungen durchleben muss. Es wird geprügelt, gemordet, gehurt; es gibt blutige Vollstreckungen, den Kampf gegen die Pest und einen Sandsturm; aber auch die für einen Europäer des Mittelalters ungewöhnliche Erkenntnis, dass Juden und Moslems Menschen sind, mit denen man sich problemlos bestens verstehen und sogar anfreunden kann; es gibt Hass, Wut und Ungerechtigkeit neben Liebe, Milde und Hilfsbereitschaft, kurz, wir erleben das ganze pralle Leben Coles, so unwahrscheinlich es auch ist, mit all seinen Gerüchen, Geschmäckern und Geräuschen.

Dabei ist es völlig uninteressant, ob der Autor sich dabei an historische Gegebenheiten gehalten hat, ob Coles Reise so überhaupt jemals möglich gewesen wäre. Es ist ja das Wesen der Sage Unmögliches möglich zu machen, das Alltägliche zu schmücken bis zur Unkenntlichkeit, es größer, schöner und voller zu machen. Und so haben wir hier einen prachtvollen Bilderbogen mit strahlenden Farben und allen möglichen Ausschmückungen, der uns tief hineinführt in eine Phantasiewelt, die grob dem ähnelt, was wir wissen und kennen, und zu einem Helden, der aus jedem Abenteuer gestärkt hervorgeht und unbeirrt an seinem Traum festhält, über alles hinwegschreitend, was man ihm in den Weg wirft.

Und gerade dieses unbekümmert an der Geschichte festhalten, unterscheidet den „Medicus“ von anderen historischen Romanen und ihren Autoren, die zwanghaft versuchen ihre Erzählungen in eine bestimmte Zeit zu zwängen, sich vom Machbaren einschränken lassen und akribisch jeden Löffelstiel beschreiben, um ihr historisches Wissen zu belegen. Dazu hat Noah Gordon keine Zeit. Denn er hat eine Geschichte zu erzählen, die zwar in einer bestimmten Zeit spielt, aber im Grunde zeitlos ist. Die von dem kleinen Jungen, der an seinem Traum festhält, den Drachen besiegt und die Prinzessin gewinnt. Wen kümmern da schon Löffelstiele?

Eine Bootsfahrt, die ist lustig…

Drei Mann in einem Boot Ganz zu schweigen vom Hund von Jerome K Jerome

Drei Mann in einem Boot

Ganz zu schweigen vom Hund!

Jerome K. Jerome

erschienen 2017 bei Manesse

ISBN 978-3-7175-2440-3

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So darf das Neue Jahr gerne starten! Dieses 1889 erstmals erschienene Buch hat über die Jahre nichts an Charme und Frische verloren und ist noch genauso vergnüglich zu lesen, wie es wohl schon vor fast 130 Jahren der Fall war.

Drei überaus vom Leben erschöpfte Männer und ein überaus wasserscheuer Hund unternehmen eine erholsame zwölftägige Bootsfahrt auf der Themse. Das läuft natürlich nicht reibungslos ab: sie werden nass vom Regen und nass vom Fluss, die Nahrungsbeschaffung und -zubereitung stellt sie vor schier unlösbare Probleme und der Frieden an Bord ist auch nur schwer zu halten.

Im Gegensatz zur Themse ist der Humor trocken. Pointiert beschreibt Jerome die Irrungen und Wirrungen der drei Männer, schweift dabei aber auch gerne ab, erzählt von vergangenen Reisen, plaudert über Pubaufenthalte, Arbeitsgewohnheiten, Lebensumstände. Ohne Klamauk, aber durchaus mit slapstickartigen Szenen, bewältigen die vier Helden Schleusen, sperrige Dosen und unwillige Zelte. Der Leser schmunzelt freudig. Und darf das auch, denn hier wird niemand vorgeführt, niemand lächerlich gemacht oder verunglimpft. Der Ton ist immer höflich, der Blick auf die Charaktere liebevoll ironisch. Ein wirklich unbeschwerter Lesespass also und wohl formuliert noch dazu.

Natürlich hat Manesse diesem wunderbaren Büchlein den passenden Rahmen verschafft. Es fängt an mit Einband und Lesebändchen in Bootsfahrer-Blau, geht weiter mit drei Schwimmern in Badeanzügen alten Stils auf dem Umschlag und ja, endet mit Hunden auf dem Vorsatzpapier. Perfekt!

Ein kleines Gesamtkunstwerk: ein wirklich lesenswerter Roman und ein Schmuckstück für das Bücherregal – mehr kann man wirklich nicht verlangen.

 

Ich danke dem Manesse Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Paris – Eine Kulturgeschichte

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Paris – Lichte Straßen im Abglanz der Zeiten

Markus Spiegelhalder

erschienen 2016 im Provinz Verlag

ISBN 978-88-99444-08-2

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Mit „Paris – Lichte Straßen im Abglanz der Zeiten“ legt Markus Spiegelhalder ein Buch über die Geschichte und Entwicklung von Frankreichs Hauptstadt vor. Vom römischen Lutetia bis zu den Haussmannschen Boulevards, erklärt er die Gründe für Auf- und Umbauten, zeigt er, wie sich Paris scheinbar von innen heraus vergrößert hat. Hilfreich sind dabei die jedem Kapitel vorangestellten Karten, anhand derer man Veränderungen, Stadtgrenzen, markante Gebäude der jeweiligen Epoche sofort erkennen kann. Der Leser erfährt allerhand über die Verknüpfung von Herrscherhaus und Prestigebauten, über Einflüsse durch Kunst und Zeitgeist, über der technischen Entwicklung geschuldete Veränderungen im Stadtbild.

Mit Hilfe der Karten und der Informationen in den einzelnen Kapiteln wäre es wahrscheinlich sogar möglich, sich die Geschichte von Paris zu „erwandern“, sich die markanten Gebäude oder ihre ehemaligen Standorte gezielt den Epochen zugeordnet anzusehen. Das ist zwar zeitraubend, dürfte aber ein äußerst spannendes Unterfangen sein. Auf jeden Fall ist dieses Buch jedoch eine hervorragende Vorbereitung für jeden Parisreisenden, der sich neben den Daten seines Baedeckers einen umfassenden Rundumblick verschaffen möchte.

Zwei Punkte, die mir nicht so gut gefallen haben, möchte ich trotz meiner grundsätzlichen Begeisterung nicht verschweigen: des Autors Schreibstil und die Bildauswahl.  Für ein Buch dieser Art hätte ich mir einen weniger verschnörkelten Stil gewünscht, etwas geradliniger und ohne Bandwurmsätze. Andererseits ist die Begeisterung des Autors für sein Thema mehr als deutlich zu spüren und macht die teilweise etwas antiquierte Wortwahl dadurch wieder wett.

Die Bildauswahl dagegen ist leider zur Gänze mißlungen. Wünschenswert wären Bilder gewesen, die, ähnlich wie die wunderbaren Karten, den Kapitelinhalt unterstützen. Stattdessen haben wir touristische Schnappschüsse zweifelhafter Qualität. Das ist äußerst schade, wären doch passende Bilder eine echte Bereicherung und begleitende Informationsquelle gewesen.

Aber davon sollte sich kein Parisreisender abschrecken lassen. Lesenswert ist Spiegelhalders Kulturgeschichte definitiv. Und nach einem Besuch dieser wunderbaren Stadt hat sicher auch jeder die passenden Bilder im Kopf.

Ich danke dem Autor Markus Spiegelhalder für das Leseexemplar.

Gartenreisen

Reiselust und Gartentraeume von Heidi Howcroft

Reiselust & Gartenträume

Heidi Howcroft

erschienen 2017 bei DVA

ISBN 978-3-421-04081-7

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Wir haben vor geraumer Zeit ein altes Bauernhaus mit einem wunderschönen, aber völlig verwilderten Garten übernommen. Seitdem beschäftige ich mich mit Gartengestaltung. Dabei schaue ich gern auch über den Tellerrand bzw. Holzzaun in andere Länder und Gärten und bin immer auf der Suche nach spannenden Büchern, die genau das ermöglichen.

Die gerade in der Deutschen Verlags-Anstalt erschienene Anekdotensammlung der britischen Gartenarchitektin Heidi Howcroft ist äußerlich ein echtes Schmuckstück. Ein Gemälde von Binette Schroeder, „Das Palmenschiff“, ziert den Schutzumschlag, der sich passenderweise auch anfühlt wie Leinwand. Der Untertitel „Geschichten über Reisen zu fernen Gartenparadiesen“ weckte sofort mein Interesse und ein Blick in das Inhaltsverzeichnis sofortige Leselust. Da findet man u.a. Kapitel über maurische, italienische, karibische, chinesische Gärten.

Und die Autorin Heidi Howcroft ist in Gartenkreisen ja auch keine Unbekannte. Sie hat diverse Bücher veröffentlicht, schreibt Kolumnen und gibt Gartentipps in Zeitschriften. Ihr letztes Buch „Tee und Rosen“ wurde mir unlängst von einer Bekannten wärmstens empfohlen. Hier nun berichtet sie von ihren Reisen mit der MS Deutschland, einem Kreuzfahrtschiff, in die unterschiedlichsten Gegenden der Welt. Sie war wohl längere Zeit als Reiseleitung für Gartenreisen tätig und hat ihre Eindrücke in einem Buch zusammengefasst.

Das klingt dann in etwa so: “ Die Schlange der Wartenden war lang, der servizio-Bus des Parco Reale, des königlichen Gartens von Caserta, entsprach der kleinsten Ausgabe eines Pendelbusses, der ich je begegnet bin, und der Weg durch den Park bis hin zu unserem Ziel, dem Englischen Garten und unserem dort organisierten Mittagessen, schien endlos zu sein.“

Dass die Engländer Meister der belanglosen Konversation sind, ist ja landläufig bekannt. Aber das jemand ein ganzes Buch damit füllt, ist doch grenzwertig. Natürlich beschreibt Frau Howcroft auch die einzelnen Gärten mal mehr mal weniger anschaulich, aber weite Teile des Buches bestehen aus Geplänkel über Mittagessen, Freunde von Freunden und die Wetterlage. Das ist allenfalls für Mitreisende spannend.

Das größte Manko dieses Büchleins sind aber die fehlenden Bilder. Es gibt tatsächlich in diesem Buch, das die exotischsten, interessantesten Gärten ferner Länder beschreibt, kein einziges Bild. Da kann die Autorin noch so genau den Wegeverlauf eines chinesischen Gartens beschreiben, der Leser muss entweder seine Phantasie bemühen oder die Tastatur des Computers, um einen Eindruck zu bekommen. Es hätte ja schon ein Stimmungsbild am Anfang jeder Anekdote gereicht, um eine Idee des jeweils beschriebenen Gartens zu vermitteln.

Ein schön aufgemachtes Buch mit belanglosen Plaudereien über Gartenreisen.

 

Vielen Dank an die DVA für das Leseexemplar.

Zauberhaft

Das Lavendelzimmer

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erschienen 2013 im Knaur Verlag

ISBN 078-3-426-65268-8

Der Buchhändler Jean Perdu erhält nach etlichen Jahren eine Nachricht einer verlorenen Liebe, die sein ganzes Leben umwirft. Er löst buchstäblich alle Leinen und geht mit einem Hausboot auf die Reise zu sich selbst. So einfach wäre wohl der Inhalt des Buches skizziert. Aber so einfach ist es natürlich nicht, denn Perdu lebt ja nicht im luftleeren Raum. Und gerade das Drumherum ist es, was diesen Roman so zauberhaft macht: die vorbeiziehenden Dörfer, Städchen und Landschaften, die Personen am Wegesrand, die ihn mal länger, mal kürzer begleiten. Da wäre der junge Bestseller-Autor Max Jordan, auf der Flucht vor seinen Fans und mit seiner Schreibblockade hadernd oder Cuneo, der Italiener, der seit Jahrzehnten Frankreichs Kanäle nach seiner großen Liebe absucht, die er einst auf einem Hausboot traf.

Nina George schafft es, auch an schwerer wiegende Lebensthemen heranzugehen ohne den luftig-leichten, fließenden Ton zu verlieren, der dieses Buch ausmacht. So entwickelt die Geschichte ihren eigenen Sog, ihren ganz eigenen Erzählfluss, der den Leser einfach mitnimmt auf die Reise durch Frankreich und Perdus Leben, ihn mitfühlen, mitzittern, mithadern und -weinen lässt.

„Dieser Geschichte wohnt ein unglaublich feiner Zauber inne.“ meint Christine Westermann und beschreibt damit das Gefühl, das auch ich beim Lesen hatte. Das Gefühl, in eine Welt einzutauchen, in der man Schmerz fühlen und auch loslassen darf, in der das Leben intensiver, die Liebe strahlender und Freundschaft etwas Festes und Unvergängliches ist.

Ein nettes Beiwerk sind die angehängten Listen mit Rezepten der Gerichte, die Jeans Reise begleiten und der Bücher, die, als Jean Perdus literarische Notapotheke bezeichnet, bei allerlei Leiden und passenden oder unpassenden Gefühlen helfen sollen.

Auch wenn das Buch schon 2013 erschienen ist, für mich zählt es zu den Leseentdeckungen des Jahres und ich werde es sicherlich nicht nur einmal lesen und genauso sicher auch anderen als Leseempfehlung ans Herz legen.