Charmanter Roadtrip

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Anatol studiert das Leben

Susanne Falk

2018 erschienen im Picus Verlag

ISBN 978-3-7117-2065-8

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Pünktlich vor Toreschluß, d.h. Weihnachten, möchte ich noch den charmantesten und verrücktesten Roman des Jahres vorstellen. Wer also noch nach Geschenken sucht oder sich selbst eine Freude machen möchte, dem sei dieser wunderbare Roman ans Herz gelegt.
Anatol ist anders. Er hat Anschlußschwierigkeiten, einen Zähltick und weiß trotz intensiver Beobachtung nicht so richtig, wie Menschen eigentlich funktionieren. In seiner großen, lauten, warmherzigen Familie ist das kein Problem, aber im Umgang mit Fremden kommt es doch regelmäßig zu Unstimmigkeiten. Damit er menschliches Verhalten noch besser studieren kann, ist Anatol Museumswärter geworden: die Besucher betrachten die Bilder, Anatol betrachtet die Besucher. Bis sie eines Tages vor einem Chagall steht: Marcelline, Kunststudentin aus Nantes. Und Anatol entdeckt die Liebe. Kurzentschlossen packt er sich bei nächster sich bietender Gelegenheit den Chagall unter den Arm und macht sich auf den Weg nach Nantes. Zu Fuß. Ohne Geld. Ohne Jacke. Mit der Polizei auf den Fersen.
Der Roman ist vollgepackt mit Leben und unzähligen skurrilen Charakteren, allen voran Anatols Großmutter, einer gefeierten Burgschauspielerin mit Josef-Meinrad-Spleen. Eine völlig verrückte, komplett unglaubwürdige Geschichte, die aber so liebenswürdig ist, dass man sich wünscht, sie könne wahr sein. Anatol berührt die Menschen auf seinem Weg und er berührt dabei auch die Leser. Was mich allerdings am meisten beeindruckt hat, ist, wie geschickt Susanne Falk die Waage hält zwischen Skurrilität, Rührseligkeit, Romantik, Spannung, Drama und Abenteuer. Die Mischung ist nämlich genau richtig, kippt nie in ein Extrem und ist auch niemals zu abgedreht. Und sie ist ein Plädoyer für Menschlichkeit und Liebe, für Akzeptanz und gelebtes Anderssein. Weil „anders“ eben meist nicht schlechter ist, sondern nur ein anderer Blickwinkel. Und andere Blickwinkel erweitern den Horizont. Ein wirklich ganz entzückender, vergnüglicher Roman mit einer riesigen Portion Warmherzigkeit. Ein Vorrat für kalte Zeiten.

1944

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Unter der Drachenwand

Arno Geiger

erschienen 2018 im Hanser Verlag

ISBN 978-3-446-25812-9

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1944. Der junge Soldat Veit Kolbe wird zur Genesung nach Mondsee geschickt, einem Dorf unterhalb der Drachenwand in Österreich. Dort wird er bei der unfreundlichen Trude Dohm einquartiert. Ebenfalls bei Frau Dohm im Quartier ist Margarete mit ihrem Baby, deren Mann an der Front ist. Aus gelegentlichen Begegnungen werden gemeinsame Abendessen und schlußendlich Liebe. Aber sobald Veits Verletzungen verheilt sind, wird ein neuer Einberufungsbefehl kommen.
Was nach einer romantischen Liebesgeschichte in Kriegszeiten klingt, ist auch genau das, eine romantische Liebesgeschichte in Kriegszeiten. Aber eben nicht nur. Arno Geiger gelingt es, das Große im Kleinen abzubilden, Mondsee als ein Ort unter vielen im sogenannten Deutschen Reich. Da ist der erschöpfte, kriegstraumatisierte Soldat, die Kriegsbraut, die ihren Mann kaum kennt, die Lehrerin, die für Zucht und Ordnung sorgen soll und ihre landverschickten Schützlinge, die kaum zu bändigen sind, der Brasilianer, Bruder der Quartiersfrau Dohm, der für seine offenen Worte schwer bezahlen muss und der Postenkommandant in Mondsee, der sich an jegliche Regeln hält, um nur ja nicht aufzufallen. Sie alle sind Stellvertreter einer kriegsgeschädigten Gesellschaft.
Aber obwohl man die Idee zu diesem Roman, die Konstruktion dahinter zu erkennen vermeint, ist es eben die große Kunst Geigers lebende, atmende Menschen erschaffen zu haben. Menschen, deren Beweggründe man nachvollziehen kann, deren Schicksal einem nahegeht, die eben im Guten wie im Schlechten menschlich handeln. Es gibt keine Bösewichter und Helden, nein, Geigers Gestalten versuchen auf ihre Weise und ihrem Charakter entsprechend mit der Ausnahmesituation zurecht zu kommen. Und das gelingt naturgemäß mal mehr, mal weniger gut.
Was diesen Roman mit seinen vielen Einzelschicksalen zusammenhält, ist die Sprache. Nüchtern, geradlinig und doch feinfühlig erzählt Geiger seine Geschichte. Und der Erzählfluss scheint ihm so wichtig zu sein, dass er dem Lesenden Atempausen in Form von Schrägstrichen vorgibt, wie man das sonst eher aus Theatertexten kennt. Und das ist auch das Besondere, das Großartige an diesem Roman: ein Autor, der seinen Text bis ins Kleinste durchdacht und geplant hat, der jedes Wort und jedes Satzzeichen bewußt gesetzt hat und dem es trotz oder vielleicht auch genau darum gelingt, seiner Geschichte Leben einzuhauchen und, genau dosiert, Gefühl. Hier ist ein Meister seines Fachs am Werk, selten erlebt man eine solche handwerkliche Präzision. Und so war die Nominierung für die Longlist des Deutschen Buchpreises wohl zu erwarten, gefolgt von der Nominierung auch für den Österreichischen Buchpreis.
Und wer sich bisher nicht herangetraut hat an „gehobene“ Literatur, weil er sie für nicht oder nur schwer lesbar hielt, der möge hier einen Versuch wagen. Denn neben all dem oben Gesagten, entwickelt der Roman beim Lesen eine solche Sogwirkung, dass ich ihn mehr oder weniger in einem Zuge gelesen habe, unwillig über jede notwendige Pause. Ich wiederhole es also wirklich gern: ein ganz und gar großartiger Roman!

 

Weitere Besprechungen:

leseninvollenzügen https://leseninvollenzuegen.wordpress.com/2018/05/29/review-unter-der-drachenwand/
literaturgeflüster https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/08/25/unter-der-drachenwand/
literaturleuchtet https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/02/14/arno-geiger-unter-der-drachenwand-hanser-verlag/

Ein gelebtes Leben

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Margaret Stonborough-Wittgenstein

Margret Greiner

erschienen 2018 im Verlag Kremayr & Scheriau

ISBN 978-3-218-01110-5

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Margaret Stonborough-Wittgenstein, sechstes von acht Geschwistern, darunter die bekannten Brüder Paul und Ludwig, Tochter des Wiener Großunternehmers Karl Wittgenstein, Mäzenin, Kunstsammlerin, Intellektuelle. Eine interessante Frau mit einem wechselvollen Leben zwischen Kaiserreich, zwei Kriegen und Neuanfang in der Nachkriegszeit.
Margret Greiner ist es gelungen, eine genauso charmante, wie informative Biographie zu schreiben, die einen Blick wirft auf Charakter, Familie und Ehe, aber auch Zeitströmungen und politische Einflüsse nicht außer acht läßt.

Die junge Margaret kommt aus einem sehr patriarchalen Haushalt, Vater Karl bestimmt geradezu despotisch über das Leben von Frau und Kindern. Gleich drei ihrer Brüder werden daran zerbrechen und sich in noch jungen Jahren das Leben nehmen. Andererseits wird die Förderung von Kunst und Musik bei den Wittgensteins sehr groß geschrieben. Schon früh kommen die Kinder in Kontakt mit den geachtetsten Künstlern ihrer Zeit.
Um dem Elternhaus zu entkommen und weil sie sich in ihren intellektuellen Fähigkeiten von ihm geachtet fühlt, heiratet Margaret den Amerikaner Jerome Stonborough. Die Ehe gelingt jedoch nicht. Das Paar bekommt zwar zwei Söhne, lebt sich aber schnell auseinander. Jerome Stonboroughs unstetes Leben führt zu zahlreichen Umzügen. Margaret füllt ihr Leben mit der Einrichtung und Gestaltung der diversen Unterkünfte, Geld ist immer ausreichend da. Geld, das sie aber auch gerne für karitative Zwecke einsetzt: so organisiert sie nach dem I.Weltkrieg eine Hilfssendung mit Dosenmilch nach Österreich und sammelt später in Amerika noch weitere Hilfsgelder für ihr kriegsgeschädigtes Land.

Alles, was Margaret sich vornimmt, erreicht sie mit Charme, Überlegung, aber auch mit einer gehörigen Portion Durchsetzungswillen. Sie ist sicherlich von allen Geschwistern dem Vater am ähnlichsten, meint häufig, die Entscheidung treffen zu können, was für andere gut oder passend ist. Glück oder Zufriedenheit sind für sie keine Lebensziele. So kritisiert sie ihren jüngeren Sohn dafür, sein Leben zu vergeuden, weil er sich der Verwaltung der Ländereien widmet, die ihm vom Schwiegervater übergeben wurden und ein Leben als englischer Landedelmann führt.
Im dritten Reich zwingt sie ihren Bruder Paul, einen Teil seines Erbes an die Nazis zu geben, damit ihre Schwestern weiterhin unbehelligt in Wien leben können. Die Wittgensteins hatten es ja selbst fast vergessen, aber sie waren jüdischer Herkunft. Ein Großvater musste arifiziert werden. Es bleibt die Frage, ob eine Emigration nicht weniger aufwendig gewesen wäre und das Exil weniger körperlich anstrengend für die beiden älteren Damen.  Aber sie wollten es eben so – und es war keine Frage, dass sie ihren Willen auch bekamen. Selbst bei den Nazis. Der Bruder bricht daraufhin jeglichen Kontakt ab. Margaret selbst verbringt diese Zeit in Amerika, unglücklich und heimwehkrank, aber finanziell ausreichend versorgt. Ob sie überhaupt wirklich wahrnimmt, welche Leiden Hunderttausende anderer Menschen jüdischer Herkunft auf sich nehmen mussten?

Und dies ist auch das Einzige, was man an dieser sehr sorgsam geschriebenen Biographie kritisieren könnte. Dass der Blick auf Margaret Stonborough-Wittgenstein bisweilen ein wenig zu bewundernd wirkt, dass ihre weniger schönen Seiten überspielt werden und nur nebenbei Erwähnung finden.
Aber lässt man diesen Punkt beiseite, dann hat man eine wirklich sehr lesenswerte Biographie vor sich, fast romanhaft geschrieben und mit zahlreichen Bildern untermalt. Langweilig oder trocken ist das Buch an keiner Stelle. Und auch die Ausstattung ist überlegt und liebevoll gemacht. Ein Bild Margarets, von Klimt gemalt, ziert ausschnittsweise den Schutzumschlag, Stammbäume und Zeittafel bieten neben einer Literaturliste weitere Informationen oder dienen dem schnellen Überblick. Insgesamt also ein sehr professionell gemachtes Buch, das Einblick gibt in die längst vergangene Epoche des Großbürgertums und Kaufmannsadels.

Ich danke dem Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Die Königin schweigt

Der heutige Buchtipp zum Wochenende kommt von der lieben Niamh. Sie führt den überaus interessanten Blog www.britlitscout.com , in dem ich unglaublich gerne stöbere. Dementsprechend freue ich mich sehr, sie hier zu Gast haben zu dürfen. Sie stellt uns „Die Königin schweigt“ von Laura Freudenthaler vor:

Fanny ist eine Bauerntochter. Ihr Vater brachte ihr bei, dass man schweigt, wenn es nichts Wichtiges zu sagen gibt, von ihrer Mutter erlernte sie alle für eine Bäuerin wichtigen Arbeiten. Trotzdem war Fanny anders als die anderen Mädchen im Dorf. Sie war auffallend hübsch, und sie besuchte als einzige eine höhere Schule. Daher überraschte es auch niemanden, dass der Lehrer sie zur Frau nahm. Er brachte ihr das Tanzen bei und machte sie zur Schulmeisterin. Sie organisierte eine Schulausspeisung und lernte, schulterfreie Kleider aus feinen Stoffen zu nähen. Gleichzeitig half sie weiterhin jeden Tag ihren Eltern auf dem kleinen Bauernhof.  

Jetzt ist Fanny 80 Jahre alt und lebt alleine. Ihre Enkelin möchte, dass sie ihre Erinnerungen aufschreibt, nicht die Märchen aus dem Dorf, sondern was wirklich war, aber das Notizbuch, das sie ihrer Großmutter zu diesem Zweck geschenkt hat, bleibt leer. Fanny erinnert sich dennoch. In kurzen Kapiteln erfahren wir, wie sie mit den Schicksalsschlägen umgeht, die das Leben für sie bereithält: Wie eine Königin, Haltung bewahrend und schweigend.

Laura Freudenthaler hat ihren Roman Die Königin schweigt vergangenen Herbst auf der BuchWien 2017 vorgestellt und mich dabei sofort beeindruckt. Die 1984 geborene Autorin betonte im Interview, dass sie selbst nicht vom Land kommt, aber die Widmung Meinen Vorfahrinnen lässt erraten, woher sie Einblick in das Leben in einer bäuerlichen Gemeinschaft hat. Ihr Ziel sei es, gegen das Schweigen anzukämpfen und den Frauen eine Stimme zu geben. Das ist ihr zweifellos gelungen.

Es ist eine nur auf den ersten Blick einfache Geschichte über das Leben einer Frau vom Dorf, die aufgrund der Umstände ein selbstständiges, modernes Leben führt, aber von den Wertvorstellungen bestimmt bleibt, die ihr zuhause mitgegeben wurden. Laura Freudenthaler gelingt es, die Stimmung einer Zeit einzufangen, die weit vor ihrer eigenen liegt. Besonders beeindruckt hat mich, dass ihr die Charakterisierung der Personen weitgehend durch die Beschreibung ihrer Entscheidungen und Handlungen gelingt, in einer ruhigen Sprache, die ohne Extreme auskommt.

Als ich die Einladung bekam, einen Buchtipp zum Wochenende zu gestalten, habe ich sofort an diesen Roman gedacht. Eine leise Geschichte in schlichten Worten, ein wunderbarer Begleiter für ein Wochenende, der aber ganz bestimmt noch lange nachklingt.

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Die Königin schweigt

Laura Freudenthaler

erschienen 2017 im Droschl Verlag

ISBN 9783990590010

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Über mich: 

Immer schon habe ich gerne gelesen, mal mehr, mal weniger, abhängig von den aktuellen Lebensumständen. Und immer schon wollte ich auch schreiben, irgendwann. Fürs Erste studierte ich Übersetzungswissenschaften und Publizistik und lebte meine Freude an sprachlicher Gestaltung dann als Übersetzerin von Gebrauchstexten aus.
Heute untIMG_0710errichte ich an einer Fachhochschule in Wien und mache nur mehr selten Übersetzungen. Die Idee, über Bücher zu schreiben, hatte ich, als mir eine meiner Studentinnen von ihrem Fashionblog erzählte. Von dieser ersten Idee bis zur Umsetzung waren es dann nur noch wenige Wochen, und seither verbinde ich auf meinen Blogs www.britlitscout.com und www.chicklitscout.com meinen Spaß am Lesen mit dem Spaß am Schreiben. Dort erzähle ich das eine oder andere rund um Literatur und stelle Bücher vor, die für mich ein Lesevergnügen oder zumindest eine interessante Herausforderung waren.