Meister der Novelle

9783423143479

Katz und Maus

Günter Grass

bei dtv erschienen im September 1993

ISBN 978-3-423-14347-9

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Wer meinen Blog verfolgt, hat ja eventuell schon meine Rezension zu Grass‘ „Hundejahre“ gelesen. Dort habe ich geschrieben, dass ich mich mit der ausufernden, männlich protzenden Schreibweise nicht anfreunden konnte. In „Katz und Maus“ nun erweist Grass sich als Meister der schlanken und punktgenauen Formulierung, als Meister der Novelle.

Erzählt wird von den Jugendjahren eines Joachim Mahlke im Danzig des 2. Weltkriegs. Mahlke, ein eher sonderbarer Einzelgänger, dessen Schwimmkünsten und Schwanzlänge seine Klassenkameraden eine eher unfreiwillige Bewunderung entgegen bringen, ringt um Aufmerksamkeit und Anerkennung. Dabei steigert er sich in einen religiösen Marienwahn und erhofft sich von der Erlangung des Ritterkreuzes eine Art Erlösung.

Die Art, wie Grass den verzweifelten Jüngling und seine Umgebung portraitiert, wie er eine Bande pubertierender Jungs dem Ernst des Lebens gegenüber stellt, wie er insgesamt trotz Kürze der Form seine Charaktere ausformuliert, ist, ich schrieb es schon, meisterhaft. Kein Wort zu wenig, keins zuviel und trotzdem unverkennbar Grass.

„Wenn Mahlke in Brustlage schwamm, tanzte ihm der Schraubenzieher deutlich, denn das Ding hatte einen Holzgriff, zwischen den Schulterblättern. Schwamm Mahlke auf dem Rücken, torkelte der Holzgriff auf seiner Brust, verdeckte aber nie vollkommen jenen fatalen Knorpel zwischen Kinnlade und Schlüsselbein, der als Rückenflosse ausgefahren blieb und eine Kielspur riß.“

Wortspiele, bildhafte Sprache, Bandwurmsätze, Anspielungen und Verknüpfungen zur „Blechtrommel“, das gesamte Grass’sche Programm wird aufgefahren, aber eben in gekürzter, gestraffter Form. Und in der Essenz zeigt sich, was für ein phantastischer Schriftsteller er war, selbst für einen Literaturlaien wie mich. Ich hätte mir mehr davon auch für die „Hundejahre“ gewünscht, mehr Straffung, mehr Zuspitzung und ja, mehr Mut zum reinen Erzählen. In dieser Novelle hatte er das alles, und erschafft mit Mahlke einen modernen Ritter von der traurigen Gestalt.

Eine Annäherung

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Hundejahre

Günther Grass

TB erschienen 1968 bei Rowohlt

Erhältlich derzeit beim dtv-Verlag

 

Günther Grass. Umstrittener Nobelpreisträger, bewundert, gehasst, heiss diskutiert. Kann man als „Normalsterblicher“, als jemand, der zwar gerne und viel liest, aber kein dahingehendes Studium, keine literaturbehandelnde Lehre oder Ausbildung absolviert hat, sich überhaupt zu Grass‘ Werk äußern? Kann man überhaupt der Vielschichtigkeit, den Zitaten und Anspielungen gerecht werden? Ich denke, dass kaum ein Autor nur für die Literaturwissenschaftler oder das Feuilleton schreibt, aber für welchen Leser schreibt Grass?

„Hundejahre“ ist Teil der Danzig-Trilogie, zu der auch die berühmte „Blechtrommel“ und „Katz und Maus“ gehören. Aufgeteilt in drei Teile, mit drei Erzählstimmen, berichtet „Hundejahre“ vom ersten Weltkrieg bis ins Nachkriegsdeutschland der Wirtschaftswunderzeit. Es geht um Eduard Amsel, jüdischer Herkunft, mit dem Talent gesegnet oder verflucht, lebensechte Vogelscheuchen herzustellen, und es geht um Walter Matern, seinen anfänglichen Freund und Beschützer. Natürlich gibt es weitaus mehr Personal, aber schlußendlich wichtig sind diese Beiden und eine Reihe von Schäferhunden edler Abstammung, die ihre verschiedenen Lebensabschnitte begleiten.

Der erste Teil wird erzählt von einem Herrn Brauchsel/ Brauxel/ Brauksel, dem Leiter eines Bergwerks, in dem statt Kohle zu fördern, Vogelscheuchen hergestellt werden. In passend als „Frühschichten“ bezeichneten Kapiteln wird von der Jugend Amsels und Materns berichtet, vom Beginn ihrer Freundschaft, über ihre Herkunft und ihren Charakter. Sie leben in einem kleinen Dorf in der Weichselniederung, jeder kennt jeden und die ersten Jahre gehen verhältnismäßig friedlich dahin. Grass findet dafür einen sehr eigenen Erzählstil: „Und die Weichsel fließt, und die Mühle mahlt, und die Kleinbahn fährt, und die Butter schmilzt, und die Milch wird dick, bißchen Zucker drauf, und der Löffel steht, und die Fähre kommt, und die Sonne weg, und die Sonne da, und der Seesand geht, und die See leckt Sand…“ Solche Satzbandwürmer findet man im gesamten Buch, mal mehr, mal weniger kompliziert gebaut. Bei Herrn Brauchsel, so stellt es sich später heraus, handelt es sich um Eduard Amsel, der in späteren Jahren den Namen wechselt.

Den zweiten Teil übernimmt ein Harry Liebenau, der in Briefen an seine Cousine Tulla den Faden weiterspinnt. Mit Harry erfindet Grass einen blassen Charakter, einen, der immer nur zuschaut, der nie eingreift, selbst nicht in den schlimmsten Momenten, der sich nicht wehrt und der scheinbar auch kaum Ansätze einer eigenen Meinung hat. Im Gegenzug dazu erschafft Grass mit der Cousine Tulla eine der widerlichsten Gestalten der mir bekannten Literatur. Tulla kennt keine Moral, keine Bindungen, keine Hemmungen und keine Liebe. Besonders eindringlich wird das in einer Szene, in der der Schäferhund Harras auf ihr Kommando hin vergiftetes Fleisch frisst. Der Hund, in dessen Hütte sie nach dem Unfalltod ihres Bruders gewohnt hat, der sie beschützt und sich gekümmert hat, wie es zu dem Zeitpunkt wohl kein Mensch gekonnt hätte. Auf die Frage Harrys nach dem Warum antwortet Tulla nur „Na, darum“ und geht. Genauso wie Harry, dessen Familie der Hund gehört. Harry geht protestlos schlafen. Der Hund im Hof krepiert allein. Dieser Harry nun erzählt von den Hitlerjahren, davon, wie sich Amsel den schönen Künsten zuwendet, dem Ballett, dem Gesang, davon wie Matern erst Kommunist wird und dann in die SA eintritt und davon, wie die Freundschaft von Amsel und Matern ein seltsames Ende findet.

Im dritten Teil kommt Matern zu Wort. Matern, der sich seine Geschichte zurecht dreht, seine Schuld anderen zuweist und sich bei ihnen für von ihm begangenes Unrecht rächt. Dieser Teil ist mit Sicherheit der anstrengendste des Buches. Besonders eine Rundfunkdiskussion verlangt dem Leser einiges ab. Damit schließt sich der Kreis: Opfer, Mitläufer und Täter sind zu Wort gekommen. Am leichtesten zu lesen sind sicherlich Harrys Briefe. Hier findet sich am ehesten so etwas wie Erzählfluss und ein nachvollziehbarer Erzählstrang. Und hier sieht man auch,was für ein begnadeter Erzähler Grass war. Wie er mit leichtem Pinselstrich Szenen entwirft, Charaktere skizziert.

Damit kommen wir zur anfänglichen Frage zurück: für wen schreibt Grass? Ich, als einfach nur Lesende ohne Fachhintergrund, bin nach der Lektüre bitterböse. Da kann einer erzählen, schafft eine eigene Welt mit eigener Sprache, und es reicht ihm nicht. Er muss herumexperimentieren, alles ausprobieren, zusammenwürfeln, was Sprache und Literatur hergeben. Da will einer den Leser nicht lesen lassen, er will ihm die Geschichte entziehen, ihn immer wieder aus dem Fluss holen. Aber warum? Weil er zeigen will, was er alles kann, was für ein schriftstellerischer Tausendsassa er ist? Oder vertraut er seiner Idee nicht? Seinen Figuren, seiner Geschichte? Oder lebt er in einer anderen Welt, in die jemand wie ich nicht folgen kann? Ich werde die Antworten nicht finden, aber was bleibt, ist der Eindruck, einen phantastischen Schriftsteller gelesen zu haben, der nicht möchte, dass der „gemeine“ Leser ihn liest und versteht.