Im Nebel der Erinnerung

Der begrabene Riese von Kazuo Ishiguro

Der begrabene Riese

Kazuo Ishiguro

Aus dem Englischen von Barbara Schaden

erschienen am 14. November 2016 im Heyne Verlag

ISBN 978-3-453-42000-7

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Britannien im 5.Jahrhundert. Zur Zeit der Märchen und Sagen, kurz nach Artus und seiner Tafelrunde. Das schon nicht mehr junge Paar Axl und Beatrice fühlt sich in seinem Dorf nicht mehr wohl und macht sich auf die Suche nach seinem Sohn. Dabei treffen sie auf edle Ritter und Drachen, auf verräterische Mönche und gutmütige Fährmänner.
Das ist die grobe Zusammenfassung des Geschehens. Aber damit lässt Ishiguro es selbstverständlich nicht bewenden. Der Meister der Zwischentöne erkundet vielmehr das weite Feld der Erinnerung: ist eine Erinnerung an Vergangenes förderlich für das Zusammenleben? Was bleibt vom Tage, wenn die Erinnerung schwindet? Sind wir friedlicher, wenn wir jeglichen Groll gleich wieder vergessen? Oder sind wir unhaltbar verloren im Meer der Zeit, wenn die Erinnerung uns nicht als Anker dient?
In Beatrices und Axls Welt verschwindet die Erinnerung in einem grauen Nebel. Auf ihrer Reise kommen sie dem Ursprung des Nebels auf die Spur und erleben längst vergessenen Schmerz erneut. Macht sie das glücklicher, vollständiger, ihre Beziehung inniger?
In einer eigentümlichen Mischung aus altertümlicher Sprache in modernem Gewande erzählt Ishiguro unendlich feinfühlig von der weiten Reise des Paares zu den Wurzeln ihrer Beziehung. Der dabei zu spürende Unterbau, die Andeutungen und Querverweise liessen mich allerdings an meinem Unwissen verzweifeln. Es war, als fehle mir der Schlüssel für das wahre Textverständnis, als sähe ich nur die Außenmauern, nicht die Inneneinrichtung. Ich fühlte mich ausgeschlossen, die Figuren blieben leblos, die Worte zwar schön formuliert, aber eben Worte, weil ich sie nicht mit Leben füllen konnte.
Und dann kam mir die Frage nach weitergegebener Erinnerung. Hätte ich mich bei Grimms Märchen oder besser den Nibelungen auch so verloren gefühlt? Erkennen Engländer den Unterbau, weil ihnen die Artussage so vertraut ist wie mir Siegfrieds Lindenblatt?
Wie auch immer, ich habe gekämpft und verloren. Der Nebel lichtete sich nicht. Aber es war trotzdem schön, eine Weile mit Sir Gawain zu reiten und den Drachen zu suchen.

Weitere Besprechungen:

buchrevier https://buchrevier.com/2018/11/02/kazuo-ishiguro-der-begrabene-riese-hoerbuch/
Stimmengewirr II https://mischabach.wordpress.com/2018/07/14/the-buried-giant/
Schriftlichkeit https://schriftlichkeit.com/2017/10/23/kazuo-ishiguro-der-begrabene-riese/

American Dream

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Der Winter unseres Missvergnügens

John Steinbeck

Aus dem amerikanischen Englisch von Bernhard Robben

erschienen am 15.10.2018 im Manesse Verlag

ISBN 978-3-7175-2432-8

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Der amerikanische Traum von der Durchlässigkeit der Gesellschaft – vom Tellerwäscher zum Millionär. In diesem Roman zeigt John Steinbeck, welchen Preis man dafür zu zahlen hat und das von Durchlässigkeit kaum die Rede sein kann.
Ethan Allan Hawley, aus sehr gutem Hause stammend, hat sein komplettes Vermögen verloren und arbeitet nun als Angestellter im ursprünglich eigenen Laden. Erstaunlicherweise macht die Tatsache, dass seiner Familie früher ganze Viertel in der Stadt gehört haben, ihm weniger zu schaffen als seinem Umfeld. Durch den Wunsch seiner Frau nach Namen und Geld angetrieben, erwachen bei Hawley kriminelle Energien und Skrupellosigkeit. Von Denunziation über Betrug bis zu einem geplanten Banküberfall rutscht Hawley die moralische Stufenleiter herab, steigt im gesellschaftlichen Ansehen aber gleichzeitig auf. Dabei dürfen wir Leser an seinen Gedanken teilhaben, erkennen die Stolpersteine und die Veränderungen. Mit Hawley hat Steinbeck keinen Unsympathen geschaffen, sondern im Gegenteil einen liebevollen Ehemann und freundlichen Gesellen. Umso erschreckender ist sein Sinneswandel.
Im Nachwort dann stellt Ingo Schulze Vergleiche auf mit Shakespeares Macbeth, der diesen Wandel ja tatsächlich auch macht, aus ähnlichen Beweggründen und mit demselben Motor im Hintergrund. Eine Shakepeare-Adaption also? Ähnlich wie die West Side Story ins moderne Amerika verlegt (also das Steinbecksche moderne Amerika, Ersterscheinungsjahr war 1962, der Roman spielt in den 50igern). Eine geniale Umsetzung wäre Steinbeck da gelungen, denn der Roman zeigt kaum Alterserscheinungen und liest sich trotz aller Gesellschaftskritik wunderbar flüssig. Für mich ist das ja eine Art Markenzeichen Steinbecks, diese bleibende Lesbarkeit, die altersunberührten Themen, der scharfe Blick. Und gerade in Zeiten von „America first“ ist der Roman eigentlich so aktuell wie zu seinen Entstehungszeiten, denn das, was ich als Hawleys moralischen Abstieg bezeichne, ist für Trump-Anhänger wohl nur normales Geschäftsgebaren.
Wieder einmal also ein durch und durch gelungener Band der Manesse Bibliothek.

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

Film und Buch https://filmundbuch.wordpress.com/2018/11/03/der-winter-unseres-missvergnuegens-john-steinbecks-letzter-roman/

Die Familien-Saga schlechthin

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Die Forsyte Saga

John Galsworthy

erschienen 1951 im Bertelsmann Verlag

Der Verlag edition Oberkassel bringt gerade eine Neuauflage der drei Bände heraus.

 

Die Forsyte Saga ist die Familien-Saga schlechthin. Sie erzählt das Leben einer englischen Oberschichtfamilie zwischen 1906 und 1921 mit vielen Skandalen, Irrungen, Wirrungen und einer Unmenge an Personal. Da wäre die alte Generation, bestehend aus zehn mehr oder minder wichtigen Geschwistern, die folgende Generation, nicht ganz so umfangreich, und deren wechselnde Partner und auch noch die darauf folgende Generation. Und wie das in traditionellen Familien so üblich ist, tragen sie teilweise auch noch dieselben Vornamen.
Warum sollte man sich das also antun? Weil es hervorragend geschrieben ist, ganz einfach. „Die Forsyte Saga“ ist der Grund füt des Autors Literatur-Nobelpreis, nicht nur, aber wohl doch hauptsächlich. In drei Bänden beschreibt er den Umbruch vom viktorianischen Zeitalter zur damaligen Neuzeit, die gesellschaftlichen Änderungen durch den Ersten Weltkrieg, die Unterschiede zwischen den Generationen. Hauptpersonen sind dabei Soames Forsyte und seine (später geschiedene) Frau Irene, an denen Galsworthy das gesamte Besitzdenken und die moralischen Vorstellungen ihrer Zeit durchexerziert. Irene verliebt sich in den Verlobten der Nichte Soames‘ und Soames spielt alle Register, um seine Ehe aufrecht zu erhalten. Dabei erfahren wir aber ebenso genau, was die anderen Mitglieder der Familie von der Sache halten und vor allem über welche Themen der Familienrat spricht oder lieber schweigt.
Und weil solche Beschreibungen das Salz in der Suppe sind und ein Zeitfenster erst so wirklich öffnen, berichtet Galsworthy auch über die Architektur, die Inneneinrichtung, die Mode, die gesellschaftlichen Anlässe und ist darin ein wahrer Meister.
Somit ist die Forsyte Saga im Grunde Vorgänger aller Dallas, Denver und sonstigen Serien, eingeschlossen Downton Abbey. Verfilmt wurde das Ganze natürlich auch schon mehrfach, zuletzt 2002 als Zehnteiler.
Man braucht ein wenig Durchhaltevermögen, um sich durch die verzweigten Familienverhältnisse zu arbeiten und an Galsworthys Schreibstil mit den vielen Abschweifungen zu gewöhnen, aber mit der Zeit öffnet sich ein Panoramafenster in eine vergangene Zeit, so lebendig, wie man es sich nur wünschen kann.

Frühling, Sommer und Herbst

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Die dunkle Blume

John Galsworthy

Aus dem Englischen von Christiane Agricola

erschienen 1986 im Gustav Kiepenheuer Verlag

 

John Galsworthy, 1867-1933, Nobelpreisträger. Wenn man ihn hierzulande noch kennt, dann wahrscheinlich, weil er Autor der „Forsyte Saga“ ist, eines Epos über Aufstieg und Niedergang einer englischen Familie.
„Die dunkle Blume“ ist eines seiner unbekannteren Werke. Es erzählt über Frühling, Sommer und Herbst im Leben des Künstlers Mark Lennan: die erste Liebe, die große Liebe und die letzte Liebe. Als junger Mann verliebt sich Lennan in Anna, die Frau seines Mentors. Eine schnell aufflackernde Leidenschaft, die ebenso schnell verlischt. Jahre später trifft er auf Olive, die leider schon verheiratet ist. Ein Kampf zwischen Liebhaber und Ehemann fordert ein schreckliches Opfer. Und im Herbst seines Lebens trifft Lennan, inzwischen selbst verheiratet, auf die deutlich jüngere Tochter eines alten Bekannten und muss sich der Frage stellen, ob ein neuer Anfang für ihn noch möglich ist.

Ein feinsinnig geschriebenes Buch über das Leben und seinen mäandernden Verlauf, mit wunderbaren Landschaftsbeschreibungen. Außerdem eine Gesellschaftsstudie des Lebens im viktorianischen Zeitalter mit all seiner Enge und Fremdbestimmtheit.
Galsworthy hat wohl durchaus eigene Erlebnisse und Erfahrungen einfließen lassen und seine Charakere teilweise an reale Personen angelehnt. So ähnelt Olive wohl seiner späteren Frau Ada, die zum Zeitpunkt des Kennenlernens noch mit Galsworthys Vetter verheiratet war.

Es ist bedauerlich, dass Galsworthy nicht (mehr) bekannter ist. Denn es lohnt sich definitiv auch heute noch seine wohl komponierten Werke zu lesen und neu zu entdecken. Vielleicht wäre es ja auch an der Zeit, eine Neuauflage zu wagen? Oder gibt es sie schon und ich weiß es nur nicht? Wünschenswert wäre es ja…

Warten

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Ein Ire in Paris

Jo Baker

Aus dem Englischen von Sabine Schwenk

erschienen 2018 im Knaus Verlag

ISBN 978-3-8135-0754-6

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Bisweilen passt alles zusammen, Buch, Leser und der Moment,den man zum Lesen eines bestimmten Buches wählt. Mir ging es mit Jo Bakers „Ein Ire in Paris“ so.
Das Leben verläuft leider nicht immer wunschgemäß. Ein mir sehr nahestehender Mensch ist sehr krank geworden und nun besteht mein Leben aus Warten. Warten auf den nächsten Befund, Warten auf Versicherungen, Krankenkassen, Warten auf den nächsten Tag mit neuer Kraft und Hoffnung, Warten…

Und um dieses Warten geht es im Grunde auch in diesem Roman. Jo Baker spürt der Zeit nach, die der irische Schriftsteller Samuel Beckett im Zweiten Weltkrieg in Frankreich verbracht hat. Er ist trotz Kriegsbeginn zu seiner Geliebten Suzanne nach Paris gefahren und schließt sich dort dem Widerstand an. Nachdem seine Zelle auffliegt, müssen Beckett und Suzanne untertauchen. Und nun beginnt es, das Warten. Das Warten auf das Ende des Krieges, das Warten auf Hilfe, auf neue Papiere, auf Unterkunft. Dazwischen immer wieder gefährliche und anstrengende Fluchten, Hunger und Verzweiflung. Dazu die ständige Angst, erkannt oder verraten zu werden.

Über diese Zeit hat Beckett sich immer mehr oder weniger ausgeschwiegen. Umso eindrucksvoller gelingt der Autorin diese Annäherung, die das Werk des Nobelpreisträgers zugänglicher macht. Zugänglicher deshalb, weil das Weglassen alles unnötig Gesagten, die Verknappungen, das Sinnlose im Alltäglichen hier ihren Ursprung gehabt zu haben scheinen. Weil erst das unmittelbare Erfahren des Kriegsalltags als Flüchtling Becketts Ausdruck geschliffen und geprägt hat.

Ein Roman, der mich ergriffen hat. Man erlebt, wie die Wartehallenposition, das beständige kurz vor dem Sterben, aber nur halb tot sein, die Menschen zermürbt, ihre Gefühle untergräbt, wie das Warten an den kaum noch vorhandenen Kräften zehrt, und wie manch einer den Tod vorzieht, weil er den Wechsel zwischen Flucht und Stillstand nicht mehr erträgt.

Wer sich für die Kriegsjahre und Literatur interessiert, dem kann ich nur eine klare Leseempfehlung aussprechen. Für mich ist der Roman eines der Buchhighlights des Halbjahres.

Ich danke dem Knaus Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Rezensionen:

Buchperlenblog https://buchperlenblog.wordpress.com/2018/05/31/rezension-jo-baker-ein-ire-in-paris/

Bride and Prejudice

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Gott, hilf dem Kind

Toni Morrison

Aus dem Englischen von Thomas Piltz

erschienen 2017 im Rowohlt Verlag

ISBN 978-3-498-04531-9

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„Gott, hilf dem Kind“ ist ein weiterer Roman der Nobelpreisträgerin Toni Morrison, in dem es auch um Rassenfragen geht. Lula Ann, Tochter zweier Farbiger mit hellem Hautton, kommt als tiefschwarzes Baby zur Welt. Daraufhin verlässt der Vater die Familie, und die Mutter zieht ihre Tochter nur mit Widerwillen groß. Später macht Lula Ann unter dem Namen Bride Karriere in der Kosmetikindustrie, findet und verliert ihre große Liebe. Auf der Suche nach Booker, der sie plötzlich und ohne Vorwarnung verlassen hat, erfährt sie viel über sich und die Welt, in der sie lebt.
Erzählt wird Brides Geschichte im Wechsel von ihr selbst, ihrer Mutter, einer Freundin und einigen anderen Personen, die jeweils ein weiteres Puzzleteil zum Geschehen hinzufügen.

Wie ein roter Faden zieht sich das Thema Kindesmißbrauch durch den Roman und das Schweigen, das zu diesem Thema allerorten gemeinhin herrscht. Toni Morrison erzählt davon, was dieses Schweigen macht mit denen, die nicht reden dürfen, können oder wollen, mit denen, deren Trauer öffentlich unerwünscht ist, weil das Leben ja weiter geht, mit denen, die die Schuld spüren, die in diesem Schweigen liegt.

Große Themen, großartige Sprache und trotzdem ist dieser Roman im Vergleich zu früheren Werken der Autorin eher blass. Zu viel wird nur angerissen, zu viele Erzählstränge werden nicht weitergeführt, zu viel, das passiert in der Kürze des Buches. Ich hätte mir einen breiter angelegten Roman gewünscht, den Dingen mehr Zeit sich zu entwickeln, den Charakteren mehr Tiefe. Vor allem Brides körperliche Veränderungen und ihre Ursache hätten in meinen Augen mehr Raum beanspruchen dürfen.
Das ist natürlich schon Jammern auf hohem Niveau, aber in diesem Roman steckt einfach so viel mehr, das zu erzählen wäre, blitzt soviel Fabulierlust und Formulierkunst auf, dass man am Ende das Buch zuklappt und denkt „Das war’s schon? Das kann nicht sein…“ Viele Fragen bleiben offen, viele Lebensläufe unerzählt und manche Charaktere wirken eher wie Mittel zum Zweck. Besonders auffällig ist das bei Sofia, die durch eine untilgbare Schuld mit Bride verbunden ist und trotzdem nur eine kleine Nebenrolle spielt, gerade so lange bis der Anfang gemacht ist und sie im Dunkel der nicht weiter Erwähnenswerten verschwindet.

Wer sich allerdings einen Einblick in das Werk Toni Morrisons verschaffen möchte, der findet hier ihre Hauptthemen auf dem Silbertablett: afroamerikanischer Überlebenswillen, Rassismus und starke Frauen, die ihren Weg suchen und finden, trotz oder weil die Umstände es eigentlich nicht zulassen. Der findet hier auch den Sprachreichtum und die überbordende Phantasie, die die Romane Morrisons auszeichnen und den Humor, der auch nach den düstersten Szenen Licht in das Geschehen bringt.

Ein Einstieg in das Werk Toni Morrisons, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

 

Weitere Rezensionen zu diesem Buch findet ihr hier:

Live your life with books: https://liveyourlifewithbooks.wordpress.com/2017/10/14/gott-hilf-dem-kind-toni-morrison/
literaturleuchtet: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/07/25/toni-morrison-gott-hilf-dem-kind-rowohlt-verlag/
aufgeblättert https://aufgeblaettert.org/2017/08/04/schwarze-braut/
Buzzaldrins Bücher: http://buzzaldrins.de/2017/05/23/gott-hilf-dem-kind-toni-morrison/

Die letzten Tage

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Wiesenstein

Hans Pleschinski

erschienen 2018 im C.H. Beck Verlag

ISBN 978-3-406-70061-3

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Selten sieht man ein Buch, bei dem wirklich alles passt und ineinandergreift. Wo Inhalt und Aufmachung eine Einheit sind, offenbar überlegt aufeinander abgestimmt. „Wiesenstein“ ist so ein Buch.

Es beschreibt die letzten Lebenswochen Gerhard Hauptmanns, des großen Dichters und Literaturnobelpreisträgers von 1912 in Romanform. Romanform heißt in diesem Falle, dass neben dem großen Teil gut recherchierten Materials aus Tagebüchern, überlieferten Worten und Schriften, auch ein Teil erdacht ist, Dialoge beispielsweise, immer mit dem Hintergedanken „so könnte es gewesen sein“.
Nachdem ein Aufenthalt im zerbombten Dresden nicht mehr sinnvoll erscheint, wo der 83jährige Hauptmann und seine Frau Margarete in einem Sanatorium weilten, beschließen sie nach Hause zurückzukehren. Zuhause, das ist ihre Villa Wiesenstein in Schlesien. 1945 ein geradezu wahnwitziges Unternehmen. Aber dank der immensen Berühmtheit des Schriftstellers und der daraus sich ergebenden Privilegien gelingt das Unterfangen. In Wiesenstein nehmen die Hauptmanns ihr gewohntes Leben auf, samt Köchin, Gärtner, Hausdiener, Zofe, Sekretärin und Masseur. Und während um sie herum die Welt zerbricht, werden mehrgängige Menüs gereicht, fließt der Wein und es gibt sogar einen Filmabend für Freunde und Bedienstete.

Hans Pleschinski gelingt es mühelos, die verlorene Welt des Großbürgertums und der damaligen Künstlerkreise wieder aufleben zu lassen. Er beschreibt die Abläufe in der Villa sehr genau, von der Küche bis zum Salon. Erschütternd zu lesen, wie sehr die Menschen um Hauptmann herum, seien es Kollegen oder Angestellte auf seinen Schutz hoffen, darauf, dass sowohl Nazis als auch Russen ihn kennen und schätzen, und vor allem erschütternd, wie wenig das die Hauptmanns beschäftigt. Besonders Margarete Hauptmann muss eine sehr standesbewußte, kühle Frau gewesen sein, deren einzige Sonne ihr Mann und sein Ruhm waren und die das Wohlergehen anderer schlichtweg nicht interessierte.
Unfassbar die Geschehnisse in den Städten und Dörfern rundherum, während die Schlinge immer enger wird um die Villa. Verbrannte Häuser, vergewaltigte Frauen, Leichengestank, Plünderer, Hunger, Angst, Verzweiflung – in Wiesenstein werden Literaturabende veranstaltet mit Lesungen aus dem Werk Hauptmanns.
Und als es tatsächlich funktioniert, als sowohl Russen als auch Polen den Sonderstatus Hauptmanns aufrecht erhalten, wie wenig Dankbarkeit spürt man da, wie selbstverständlich wird das doch aufgenommen.
Und trotzdem  – Hauptmann muss innerlich gespalten gewesen sein, denn im Gegensatz zu seiner Frau und trotz schwerer Erkrankung, scheint er mehr von dem Geschehen um sich herum wahrzunehmen, als er zeigen mag, macht er sich mehr Gedanken um die Richtigkeit seines Handelns, als man zunächst vermuten mag. Und er muss eine enorme Ausstrahlung besessen haben, denn er wird von allen verehrt, die mit ihm in Berührung kommen, auch von denen, die um seine Fehler wissen.

Hans Pleschinski hat mit „Wiesenstein“ eine berührende Annäherung an einen großen Dichter geschrieben und ein Stück Zeitgeschichte in all seiner Grausamkeit erhellt. Für mich ist dieser Roman eines der großartigsten Bücher, die ich bisher lesen durfte.
Der C.H. Beck Verlag hat diesem besonderen Roman einen passenden Rahmen gegeben: der Schutzumschlag zeigt einen Turm Wiesensteins, das Vorsatzpapier die Fresken in der Eingangshalle, Photos von den Hauptmanns und der gesamten Villa runden das Ganze ab. Ein Buch, dem ich viele Leser wünsche, schon allein, um das inzwischen in Vergessenheit geratende Werk Gerhard Hauptmanns wieder in das Bewußtsein zu rufen.

Geschichten aus dem Dschungelbuch

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Das Dschungelbuch

Rudyard Kipling

erschienen 2004 im Cecilie Dressler Verlag

ISBN 3-7915-3605-2

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Ich mag Disney-Filme. Wirklich. Aber ich mag nicht, was sie so manchem Buch angetan haben. Bis zur Unkenntlichkeit verzuckert, kennt kaum noch jemand die ursprüngliche Vorlage. Die Kinderklassiker-Reihe von Dressler verschafft Abhilfe. Man erhält dort nicht nur die Bücherreihe von Pamela L. Travers zu einer überaus strengen Gouvernante namens Mary Poppins, sondern auch Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“. Zwar ist auch dies eine Ausgabe für Kinder, aber sie hält sich weitgehend an Inhalt und Wortlaut des Originals.

Und welch ein Schatz an Geschichten und Liedern ist dort zu entdecken! Natürlich lesen wir von Mowgli, Baloo und Bagheera, aber eben auch von Kotick, einem weißen Robbenmännchen, der sein Leben der Suche nach einem Ort widmet, wo er und seine Artgenossen sicher sind vor dem Zugriff menschlicher Robbenschlächter. Oder von Rikki-tikki-tavi, einem Mungo, der seine Familie vor einem Angriff durch Königskobras schützt. Und von dem Jungen Toomai, der beim Tanz der Elefanten anwesend sein darf. Allen Geschichten gemeinsam ist die Achtung vor dem Wesen und Können der Tiere und die offensichtliche Liebe zur wilden Seite der Natur.

Rudyard Kipling wurde 1865 in Indien geboren und lebte dort bis zum Alter von fünf Jahren. Danach wurde er, wie für die Kinder der in den Kolonien lebenden Engländer üblich, per Schiff nach Großbritannien verfrachtet, um dort zur Schule zu gehen. Der Schock über den Verlust alles Gewohnten, einschließlich der Eltern, muss riesig gewesen sein. Erst mit sechzehn Jahren kehrt er zurück. Bis 1889 bereist er als Zeitungskorrespondent den indischen Subkontinent. „Das Dschungelbuch“ entsteht allerdings wesentlich später erst, nach der Geburt seiner ersten Tochter. 1907 erhält Kipling für sein Gesamtwerk den Literaturnobelpreis. Und dürfte der einzige Preisträger sein, der hauptsächlich bekannt ist für ein Kinderbuch. Vielleicht sollte Disney auch die Werke anderer Preisträger bearbeiten?

Was die Erzählungen und Lieder, man darf sie auf keinen Fall vergessen, die Lieder, die jeder Erzählung zugeordnet sind, so besonders macht, ist der meisterhafte Sprachgebrauch. Die Genauigkeit, mit der alles beschrieben wird, die Stimmungen, die Kipling mühelos hervorruft. Man sieht den Dschungel, die Robbenfelsen, den Elefantentanzplatz, hört das Lärmen der Affen, den Wellenschlag, das Trommeln der Elefantenfüsse, riecht das Feuer, den Geruch von Meer und Salzluft. Er ist ein echter Geschichtenerzähler, einer, dessen Gestalten beim Lesen lebendig werden.

Und so ist es im Grunde gar kein Wunder, dass seine Geschichten um Mowgli, das Menschenkind, das im Dschungel aufwächst und den mächtigen Tiger Shir Khan besiegt, die Vorlage wurden für einen der berühmtesten Disney-Filme. Was ich den Machern des Films allerdings nie verzeihen werde, ist, was sie aus Kaa, der mächtigen und weisen Baumpython gemacht haben. Denn die Achtung, die Kipling seinen Lebewesen entgegen bringt und das Wissen um ihr Wesen und ihre Lebensweise, die findet man im Film nicht mehr. Und darum wird es Zeit, dass das wirkliche Dschungelbuch wieder gelesen wird. Damit nicht nur Mowgli, sondern auch Kotick und Rikki-tikki-tavi unvergessen bleiben.

Aus des Autors Schatzkästlein

Günter Grass

Fünf Jahrzehnte. Ein Werkstattbericht

Erschienen 2001 in der editionWelttag

 

Heute stelle ich wieder ein Fundstück aus meinen Bücherregalen vor. 2001 veröffentlichte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels dieses Büchlein anläßlich des Welttages des Buches. Günter Grass plaudert darin über sein Schreiben, darüber wie sich bei ihm bildende Kunst und Schreibkunst vermischen, ergänzen und gegenseitig befruchten. Enthalten sind auch unveröffentlichte Gedichte und Textstücke, Zeichnungen und Arbeitsnotizen.

So ein Einblick kann ja durchaus interessant sein. Vor allem bei einem Autor, an dessen Werk man sich so abkämpfen kann, das sich teilweise so wenig erschließt, wie das von Grass. Wie ist er auf einzelne Motive gekommen, was hat ihn beeinflusst, wie viel persönliches Erleben fließt ein? Nun kann so ein schmales Buch darüber nicht umfassend Auskunft geben. Aber man erkennt zumindest, was dem Autor wichtig genug war, um es in den „Werkstattbericht“ aufzunehmen. Und gegebenenfalls auch, was er lieber weggelassen hat.

Der Anlass der Veröffentlichung macht deutlich, wofür das Buch gedacht war. Es soll neugierig machen, zum Lesen animieren, anfüttern. Dafür ist es bestens geeignet, ist es doch ansprechend gestaltet, gebunden, mit großem Photo des Autors auf dem Einband.

Eigentlich ist es schade, dass diese wunderbare Idee, deutschsprachige Autoren vorzustellen, nicht weiter geführt wurde. Aber vielleicht fanden sich nicht genug Interessenten für diese Art Buch. Was wirklich traurig wäre…

Meister der Novelle

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Katz und Maus

Günter Grass

bei dtv erschienen im September 1993

ISBN 978-3-423-14347-9

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Wer meinen Blog verfolgt, hat ja eventuell schon meine Rezension zu Grass‘ „Hundejahre“ gelesen. Dort habe ich geschrieben, dass ich mich mit der ausufernden, männlich protzenden Schreibweise nicht anfreunden konnte. In „Katz und Maus“ nun erweist Grass sich als Meister der schlanken und punktgenauen Formulierung, als Meister der Novelle.

Erzählt wird von den Jugendjahren eines Joachim Mahlke im Danzig des 2. Weltkriegs. Mahlke, ein eher sonderbarer Einzelgänger, dessen Schwimmkünsten und Schwanzlänge seine Klassenkameraden eine eher unfreiwillige Bewunderung entgegen bringen, ringt um Aufmerksamkeit und Anerkennung. Dabei steigert er sich in einen religiösen Marienwahn und erhofft sich von der Erlangung des Ritterkreuzes eine Art Erlösung.

Die Art, wie Grass den verzweifelten Jüngling und seine Umgebung portraitiert, wie er eine Bande pubertierender Jungs dem Ernst des Lebens gegenüber stellt, wie er insgesamt trotz Kürze der Form seine Charaktere ausformuliert, ist, ich schrieb es schon, meisterhaft. Kein Wort zu wenig, keins zuviel und trotzdem unverkennbar Grass.

„Wenn Mahlke in Brustlage schwamm, tanzte ihm der Schraubenzieher deutlich, denn das Ding hatte einen Holzgriff, zwischen den Schulterblättern. Schwamm Mahlke auf dem Rücken, torkelte der Holzgriff auf seiner Brust, verdeckte aber nie vollkommen jenen fatalen Knorpel zwischen Kinnlade und Schlüsselbein, der als Rückenflosse ausgefahren blieb und eine Kielspur riß.“

Wortspiele, bildhafte Sprache, Bandwurmsätze, Anspielungen und Verknüpfungen zur „Blechtrommel“, das gesamte Grass’sche Programm wird aufgefahren, aber eben in gekürzter, gestraffter Form. Und in der Essenz zeigt sich, was für ein phantastischer Schriftsteller er war, selbst für einen Literaturlaien wie mich. Ich hätte mir mehr davon auch für die „Hundejahre“ gewünscht, mehr Straffung, mehr Zuspitzung und ja, mehr Mut zum reinen Erzählen. In dieser Novelle hatte er das alles, und erschafft mit Mahlke einen modernen Ritter von der traurigen Gestalt.