Beat Generation

Martini fuer drei von Suzanne Rindell

Martini für drei
Suzanne Rindell
Aus dem Amerikanischen von Ute Brammertz
erschienen am 13.Mai 2019 im btb-Verlag
ISBN 978-3-442-71568-8

#supportyourlocalbookstore

 

1958, New York, Greenwich Village. Eine junge Generation mit großen Träumen diskutiert in den Clubs und Cafés über Literatur, Musik, Kunst und Kultur, Gott und die Welt. Sie sind im Aufbruch, bereit die Welt zu ändern, denkenredenhandeln schnell, im Rhythmus des Bebop.
Eden ist aus der Provinz nach New York gekommen. Sie möchte Lektorin werden. Ihr Job als Sekretärin bei einem großen Verlagshaus scheint der rechte Einstieg zu sein.
Cliff dagegen, Sohn eines bekannten Verlegers, sieht sich schon als Bestseller-Autor. Wenn nur das leidige Schreiben nicht wäre…
Miles forscht nach den Spuren seines Vaters in den Weltkriegen. Gleichzeitig arbeitet er zielstrebig daraufhin, Schriftsteller zu werden.
Suzanne Rindell folgt den Dreien auf ihrem Weg durch New York. Wir lesen, wie Cliff nach und nach Alkohol und Größenwahn verfällt, welche Probleme Miles aufgrund von Herkunft und Hautfarbe zu bewältigen hat, wie schwer es für Eden ist, als Frau im Verlagswesen einen Fuss in die Tür zu bekommen. Geschickt werden die drei Lebenswege verknüpft und gleichzeitig ein lebendiger Einblick in das bunte Treiben der Beat Generation gegeben.
Ein gut recherchierter, durchaus spannender Roman, der sich fast ausschließlich mit der Buchszene beschäftigt. Mit Schreibblockaden, Verlegerfreud‘ und Lektorenleid, mit Verlagsparties und der Suche nach dem nächsten Bestseller. Der ideale Sommerferienroman für Menschen wie mich also. Gute Unterhaltung auf sehr gutem Niveau.
Grund genug, auch Rindells bekanntestes Buch lesen zu wollen: „Die Frau an der Schreibmaschine“, über Singlefrauen in den Zwanziger Jahren. Und natürlich vor allem ein Anstoß sich mit den Autoren der Beat Generation zu beschäftigen, Jack Kerouac, Allen Ginsberg, William S. Burroughs, um nur die bekanntesten zu nennen.

Ich danke dem btb Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

reisswolfblog https://reisswolfblog.wordpress.com/2019/07/23/martini-fuer-drei-von-suzanne-rindell/

Lebensentwürfe

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Ich und meine Mutter
Vivian Gornick
Aus dem Englischen von pociao
erschienen am 15.April 2019 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-60030-5

#supportyourlocalbookstore

 

Ein wichtiger Teil der Selbstfindung ist es, sich über die eigenen Möglichkeiten klar zu werden, Lebenswünsche benennen zu können und sie auch umsetzen zu dürfen. Das ist Frauen noch gar nicht so lange möglich. Vieles, was uns heute selbstverständlich erscheint, musste mühsam errungen werden. Und damit wir das nicht vergessen, ist es wichtig, sich zu erinnern bzw die Erinnerungen anderer wahrzunehmen.
Vivian Gornick wurde 1935 in New York geboren. Sie ist gut in der Schule, ein Studium wird ihr ermöglicht, beileibe keine Selbstverständlichkeit in den 50iger Jahren des letzten Jahrhunderts, sie wird Journalistin und Frauenrechtlerin.
Ihre Eltern sind jüdische Einwanderer, der Vater stirbt früh, die Mutter setzt ihr Bestreben darein, eine perfekte Hausfrau zu sein. Sie ist selbstgerecht und tyrannisch, ikonisiert die Liebe zu ihrem Mann. Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter ist schwierig, Neid auf seiten der Mutter, Unverständnis bei der Tochter.
Erst in späteren Gesprächen wird deutlich, wie sehr der Mutter die Flügel gestutzt wurden. Die Liebe zu ihrem Mann wird zum Lebensinhalt, weil ihr Leben keinen anderen Inhalt hat/ haben darf. Sie hätte gerne gearbeitet, wäre gerne gereist, doch das ist für Frauen ihrer Zeit und ihres Standes selten vorgesehen. Tugendhafte Mutter und Hausfrau zu sein, ist das Ideal der Zeit.
Ihre aufgestaute Wut läßt sie an der Tochter aus, die ihre Möglichkeiten nutzt und sich damit von ihrer Familie löst. Andererseits scheint Vivian Gornick ihre Mutter als Spiegel, als Sparringspartner zu brauchen. Die Verbindung hält lebenslang, die Hassliebe auch. Es ist eben schwierig, wenn die Person, die einen am besten versteht, auch diejenige ist, die am härtesten und grausamsten kritisiert.
Vivian Gornick gewährt einen tiefen Einblick in ihr Leben, kommentiert und sinniert klug über ihre Einflüsse, über prägende Persönlichkeiten. Das ist hochinteressant zu lesen, bisweilen auch schmerzhaft, zumal man nicht umhin kommt, über das eigene Leben nachzudenken, über Träume, Wurzeln, Ideale, über das, was einen prägt und Ballast, der einen hemmt.
„Fierce Attachments“, so der Originaltitel, erschien 1987 erstmals und die mir hier vorliegende Ausgabe ist die deutsche Erstausgabe. Mehr noch, es ist laut Verlag das erste ins Deutsche übersetzte Buch der Autorin überhaupt. Und das gibt mir doch sehr zu denken. Und erinnert mich daran, dass es keinen Grund gibt, die Hände in den Schoss zu legen. Denn ein ähnlicher Klassiker eines männlichen Autoren wäre sicherlich schon längt übersetzt worden.

Ich danke dem Penguin Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Besprechungen:

Sätze & Schätze https://saetzeundschaetze.com/2019/04/20/vivian-gornick-ich-und-meine-mutter/

Mazie in New York

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Saint Mazie
Jamie Attenberg
Aus dem Englischen von Barbara Christ
erschienen am 11.Februar 2019 als TB im btb Verlag
ISBN 978-3-442-71643-2

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Manchmal schreibt das Leben die besten Geschichten. Dieser Satz ist platt, aber wahr. Jami Attenbergs Roman „Saint Mazie“ beruht wohl auf der Lebensgeschichte einer realen New Yorkerin, die in den Zwanzigern in Brooklyn gewohnt hat. Sogar eine Bar mit Namen St. Mazie gibt es dort, den Speakeasys der Prohibition nachempfunden.
In Attenbergs Buch erzählt Mazie selbst ihr Leben via Tagebuch. Und auch ihre Nachbarn, Bekannte und ihre Schwester kommen zu Wort. Aus diesen Puzzleteilen bildet sich bald das Bild einer lebenshungrigen, warmherzigen Frau mit einem Faible für die falschen Männer und Alkohol. Einer Frau, die aus armen Verhältnissen stammend, selbstbewusst ihren Weg gegangen ist und der es zur Passion wurde, Notleidenden zu helfen.
New York in den 1920igern. Mazie und ihre Schwester Jeanie wachsen bei ihrer großen Schwester Rose auf. Ihr Vater ist gewalttätig, die Mutter hat dem nichts entgegenzusetzen. Ihr Leben ist sicher nicht einfach, da auch Rose die Familienverhältnisse nicht unbeschadet überstanden hat. Ihr unerfüllter Kinderwunsch führt zu diversen Neurosen und dem Drang, über das Leben der jüngeren Schwestern komplett zu bestimmen. Jeanie entflieht dem, indem sie zum Tingeltangel geht. Mazie bleibt und wird ihr Leben lang im engen Kassenhäuschen des Kinos ihres Schwagers arbeiten. Als Ausgleich geht sie nach der Arbeit gern feiern.
Die Partyzeit hat jedoch ein Ende durch den Zweiten Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise. Immer mehr Menschen leben auf der Straße. Und Mazie hilft, wo sie kann, mit Geld, mit Zuspruch, mit Schlafplätzen im Kino.
Trotz des ernsten Themas, der Armut und psychischen Probleme, ist Attenbergs Roman unglaublich lebensbejahend. Mazie gibt sich und die Menschen um sich herum nicht auf, trotz unzähliger Rückschläge und Lebenskrisen. Sie ist ein innerlich freier Mensch, selbstbewusst und unabhängig von männlicher Willkür. Ungewöhnlich für die Zeit, in der eine Heirat in geordnete Verhältnisse noch als Traum aller weiblichen Wesen galt. Andererseits aber ist sie auch ein Kind ihrer Zeit, weil diese Träume und vorgeschriebenen Lebenswege gerade in den Zwanzigern ins Wanken gerieten.
Von einer Heiligen, wie man sie aus der Bibel kennt, ist sie meilenweit entfernt. Weder neigt sie zum Märtyrertum, noch zur Askese oder zu unbedingtem Gottesglauben. Ursprünglich Jüdin, nähert sie sich dem katholischen Glauben an. Schlußendlich verlässt sie sich aber lieber auf ihren gesunden Menschenverstand. Und der gibt ihr vor, da zu helfen, wo sie es kann und das auf ihre Art.
„Saint Mazie“ ist ein Buch über die schillerndsten Jahre New Yorks, ein Buch über eine besondere Ära in der Geschichte der Stadt und über ihre Bewohner, die diese Zeit so übersprudelnd gelebt haben. Wirklich lesenswert!

Ich danke dem btb Verlag für das zur Vefügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Rezensionen:

Paper and Poetry Blog https://paperandpoetryblog.de/2017/10/03/rezension-saint-mazie-jami-attenberg/

Mrs Parker und das Leben

Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber von Michaela Karl

„Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber“

Michaela Karl

erschienen 2012 im btb Verlag

ISBN 978-3-442-74493-0

 

Gleich zu Anfang muss ich mich einfach über die fatale Neigung Michaela Karls zu kalauernden Titeln äußern. Es handelt sich zwar um ein „mot“ der Parker, aber ob es „bon“ genug ist, um ausgerechnet den Titel abzugeben? Da sie es scheinbar bei all ihren Biographien so macht, hat es zugegeben Wiedererkennungscharakter, aber das macht mich wahrlich nicht glücklicher. Hätte Dorothy Parkers Name nicht dabei gestanden, hätte ich das Buch nicht gelesen – und das wäre überaus bedauerlich gewesen.
Frau Karl kann nämlich hervorragend Biographien schreiben. Sie scheint gründlich zu recherchieren und sich das Leben ihres jeweiligen Titelgebers von allen möglichen Seiten zu betrachten. Dabei schreibt sie klug und warmherzig, ohne reine Fakten aufzuzählen, aber auch ohne in Skandalen zu baden.
In diesem Falle geht es also nun um Dorothy Parker, Society – Ikone der Zwanziger und mit der schärfsten Zunge New Yorks gesegnet. Es ist Frau Karl hoch anzurechnen, dass sie die Parker nicht nur auf Bettgeschichten und Alkohol reduziert (trotz des Titels), sondern ihren Werdegang erzählt, von der Kindheit in einem nicht sehr gläubigen jüdischen Haushalt, über die ersten Schreibversuche, ihre Arbeit bei Vogue und Vanity Fair und ihre Erfolge als Schriftstellerin. Sie gehört zu den großen amerikanischen Autoren ihrer Zeit. Bedauerlich, dass sie in Vergessenheit zu geraten scheint. Ihr Metier waren Gedichte und Kurzgeschichten, am eigenen Roman sollte sie lebenslang scheitern.
Sie ist Mitglied einer Gruppe von Künstlern, die sich regelmäßig im Hotel Algonquin treffen und zu der zeitweise auch F. Scott Fitzgerald und Ernest Hemingway gehören. Ironie, Witz, Schlagfertigkeit und ein gewaltiger Alkoholkonsum sind Grundvoraussetzungen, um dort zu bestehen. Dorothy Parker ist die unbestrittene Queen dieser Tafelrunde. Untalentiert ist sie scheinbar nur darin, ihr persönliches Glück zu finden. Sie hat eine fatale Neigung, sich in Alkoholiker zu verlieben und schlußendlich wird kein Beziehungsversuch gelingen. Sehr feinfühlig erzählt Michaela Karl vom Auf und Ab im Leben der Parker, von den absoluten Höhenflügen bis hin zu Selbstmordversuchen. Sie erzählt von der Einsamkeit und fehlenden Liebe, der Kompensation durch Reisen und Feiern, davon , dass der große Teil der Algonquin-Runde nicht alt wird. Denn irgendwann sind die goldenen Zwanziger vorbei, und was vorher spritzig war, verliert an Glanz.
Eine ganz wunderbare Biographie einer hochtalentierten Schriftstellerin, einer Frau mit eigener Meinung, die sich nie gescheut hat, diese auch zu äußern, die ihren eigenen Weg gegangen ist, zu Zeiten, wo das für Frauen eher skandalös war und die schon allein deshalb nicht vergessen werden sollte.