Großartiges Debut

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Liebwies
Irene Diwiak
als Taschenbuch erschienen am 23.Januar 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-24441-0

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Es beginnt alles mit dem Musiklehrer Walther Köck, dessen Lebensweg in Liebwies strandet, einem einsam gelegenen Dörfchen mit Brigadoon-Charakter. Denn an Liebwies ist die Zeit vorbei gegangen, der Krieg, die technischen Neuerungen. Aber genau dort entdeckt Köck eine junge Sängerin mit unfassbarem Talent.
Das Buch wäre ein nettes Romänchen geworden, wäre es so märchenhaft weiter gegangen. Nichts jedoch liegt Irene Diwiak ferner in ihrem Debutroman, der durchzogen ist von tiefschwarzem Humor. Sie nimmt die Mechanismen des Kulturbetriebs auseinander, und daher zieht nicht die hochtalentierte Karoline in die Welt hinaus, sondern ihre unbegabte, aber hübsche Schwester. Denn merke, Schönheit geht vor Talent.
Das bekommt auch Ida Gussendorf zu spüren, die so unscheinbar ist, dass es schon wieder auffällig ist. Niemand nimmt Ida wirklich wahr, nicht ihre Mutter, nicht ihre Brüder und schon gar nicht ihr Gatte, der eitle Möchtegerndichter und -komponist August Gussendorf. Der gibt ungehemmt ihre Kompositionen als seine eigenen aus und sonnt sich in gestohlenem Ruhm.
Wie nun die Erzählstränge von Ida und der schönen Gisela zusammentreffen und was daraus entsteht, das möchte ich hier nicht weiter ausbreiten. Denn der Roman mit seinen teilweise skurrilen Charakteren, den unerwarteten Wendungen und dem sehr pointierten Erzählstil verdient es wirklich, viele Leser zu finden. Selten sieht man einen Debutroman, der schon so ausgewogen und treffsicher formuliert ist und einen so ausgeprägten eigenen Stil erkennen läßt. Ich hatte meine helle Freude an der Idee von einer Oper, bei der die Hauptdarstellerin möglichst nicht singen und schauspielen darf. Und auch, wenn der aufkeimende Nationalsozialismus scheinbar nur am Rande eine Rolle spielt, wird er immer wieder in den Text geflochten, sieht man früh, welche Charaktere sich wie positionieren werden. Ein spannender Blick auf die Zwanziger Jahre und ihre Freiheiten, aber auch auf die Fremdbestimmung, die für Frauen damals als selbstverständlich galt. Vergessen wir nie, welchen Preis andere zahlen mussten dafür, dass wir nun eigene Entscheidungen treffen dürfen und über unseren Körper weitgehend selbst bestimmen können.

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Die Macht

Der Laerm der Zeit von Julian Barnes

Der Lärm der Zeit

Julian Barnes

Aus dem Englischen von Gertraude Krueger

2018 als Taschenbuch erschienen im btb Verlag

ISBN 978-3-442-71652-4

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1937, Russland zu Zeiten Stalins. Während einer Aufführung von Dmitri Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ verlässt Stalin das Theater. Für uns heute ist das kaum noch vorstellbar, aber das ist Grund genug für den Komponisten um sein Leben zu fürchten. Nacht für Nacht steht er nun mit gepacktem Koffer am Aufzug und wartet auf seine Abholung. Er möchte nicht vor den Augen der Familie aus dem Bett gezerrt werden.
Es sind Bilder wie diese, die Barnes‘ Roman unfassbar beklemmend machen. Wie erträgt man das, Nacht für Nacht? Und was macht die Angst um Leben und Familie mit und aus einem Menschen? Ja, auch Angst um die Familie, denn Schostakowitschs Tod könnte dem Diktator noch nicht ausreichend erscheinen, auch das Leben seiner Frau ist in Gefahr und die Zukunft der Kinder. Unfassbar ist das eigentlich, in lebensbedrohender Gefahr zu sein, nur, weil einem anderen ein Musikstil nicht behagt.
Für dieses Mal geht es gut aus, keine Schergen des Diktators erscheinen, langsam kehrt die Familie in den Alltag zurück. Nur was für ein Alltag ist das, ohne Entwarnung, unter ständiger Anspannung, immer unter Beobachtung der „Macht“, die unberechenbar bleibt?
Wir folgen Schostakowitschs Gedankengängen, die durch sein Leben mäandern, immer wieder verweilen, weiterziehen, zurückkehren. Drei Teile hat der Roman, um drei verschiedene Lebensabschnitte geht es: die Zeit als geächteter Komponist, die Zeit nach einem Amerikabesuch, der ihn weite Teile seiner Selbstachtung kostet und die Zeit des Alters mit Rückblicken auf sein Leben. Immer wollte er eigentlich nur komponieren, doch nie durfte er ein selbstbestimmtes Leben führen. Der Druck von oben, die ständige Angst –  hätte er sich wehren sollen? Müssen? Können? Hätte er sein Leben aufs Spiel setzen sollen, um sein Rückgrat zu bewahren, das Wohlergehen seiner Kinder? Hätte er das Risiko eingehen sollen, dass sie ihr Leben in Waisenhäusern verbringen, den Eltern entzogen und gezwungen, die eigene Familie zu verleugnen und zu verachten? Hätte er damit und mit dem eigenen Tod ein Zeichen gesetzt und wenn ja, für wen?
Julian Barnes gelingt es, die unsichtbaren Fäden sichtbar zu machen, mit der in einer Diktatur Menschen gefügig gemacht werden. Er zeigt, dass die Angst vor dem, was kommen könnte, den Menschen schlimmer zusetzen kann, als das tatsächliche Ereignis. Aber was viel wichtiger ist, er findet auch deutliche Worte dafür, dass wir in unserer sicheren Welt uns kein Urteil erlauben sollten darüber, was Menschen in einer solchen Situation antreibt. Schostakowitsch ist lange für seine Kooperation mit dem russischen Regime kritisiert worden. Von seinen Kollegen im sicheren Ausland.
Dieser Roman hat mir streckenweise schlimmere Atemnot bereitet als jeder Thriller, so hervorragend vermittelt er den Freiheitsentzug, das völlige Ausgeliefertsein und die Hoffnungslosigkeit, diesem Käfig zu entkommen. Ein großartiges Buch, beklemmend, realitätsnah und aktuell – denn Diktaturen funktionieren immer und zu allen Zeiten nach den hier beschriebenen Mustern.

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

Muromez https://muromez.com/2017/03/12/julian-barnes-der-laerm-der-zeit/
literaturleuchtet https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/03/03/julian-barnes-der-laerm-der-zeit-kiepenheuer-witsch/