Hamutal

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Die Fremde
Stefan Hertmans
Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm
erschienen am 11.Dezember 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-24506-6

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Stefan Hertmans Roman „Krieg und Terpentin“ war eine der großen Entdeckungen des Jahres 2018 für mich. Selten hat mich ein Buch so in Bann gezogen, wie dieses über das Leben von Hertmans‘ Großvater.
Daher war es sehr naheliegend, auch Hertmans‘ neues Buch zu lesen, das so ganz anders ist und irgendwie doch ähnlich. Auch hier begibt sich Hertmans auf Spurensuche, folgt den Wegen seiner Protagonistin bis nach Kairo, versucht einen Lebensweg zu entschlüsseln. Doch diesmal liegt dieses Leben weit zurück, um 1100 im tiefsten Mittelalter, zur Zeit der Kreuzzüge. Hertmans stößt auf Texte über eine junge Normannin adliger Herkunft, die zum Judentum konvertiert. Und recherchiert, bis er dieses Leben in Grundzügen vor sich sieht.
Vigdis verliebt sich bei Spaziergängen mit ihrer Gouvernante in ihrer Geburtsstadt Rouen in den jungen jüdischen Scholaren David, Sohn des Oberrabiners von Narbonne. Man versucht, diese Liebe zu unterbinden und schickt Vigdis in ein Kloster, aus dem ihr mit Hilfe Davids die Flucht gelingt.
Wenn man bedenkt, in welcher Zeit wir uns befinden, sind diese wenigen Sätze ungeheuerlich. Eine junge Adlige, gebildet und gut ausgebildet, um eine Ehe nach Wunsch des Vaters einzugehen, eine Ware also, die teuerstmöglich verkauft werden soll, um Verbindungen und Reichtum zu bringen, flieht mit einem jüdischen Mann, den sie gar nicht kennen sollte geschweige denn lieben, aus dem Elternhaus. Nicht mit irgendeinem Mann, was schon schlimm genug wäre, nein, sondern mit einem jüdischen, einem Christusmörder. Wir erinnern uns, es wird nicht mehr lange dauern, bis Papst Urban II zu den Kreuzzügen aufrufen wird, um Jerusalem von allem unchristlichen zu befreien.
Die beiden Liebenden ziehen auf geheimen Wegen nach Narbonne, zu Davids Familie. Dort konvertiert die inzwischen schwangere Vigdis und wird sich nun Hamutal nennen.
Welche Eigenständigkeit und Kraft es zu damaliger Zeit von einer jungen Frau verlangt, diesen Weg zu gehen, ist heute kaum noch vorstellbar. Und so wird Hamutal auch kein friedliches Leben verbringen. Beständig auf der Flucht vor den Häschern des Vaters und als Jüdin für viele Freiwild, wird sie nur wenige halbwegs glückliche und ruhige Jahre haben. Sie wird für ihre Kinder bis nach Kairo reisen, wo ihre Lebensgeschichte in der dortigen Synagoge per Zufall erhalten bleibt und lange, lange Zeit später in Hertmans Hände gelangt.
Diese Lebensgeschichte ist genauso faszinierend wie grausam, zeigt sie doch die Kraft der Liebe gegen religiösen Extremismus. Wie friedlich hätte Hamutals Leben verlaufen können, gäbe es keine Religionen mit dem Anspruch auf alleiniges Recht.
Hertmans gelingt es, Hamutal eine Stimme zu geben, einen Platz in der Erinnerung. Es gelingt ihm, ihr besonderes Schicksal behutsam hervorzuheben, vom Staub zu befreien.
Und obwohl Hamutals Leben im dunklen Mittelalter gelebt wurde, weit weg von unserer heutigen Zeit, wie viele Frauen sind wohl heute genauso wie sie auf der Flucht? Um ihre Liebe zu leben, um Kinder in Sicherheit zu bringen, um ein lebenswertes Leben führen zu können? Die Parallelen sind erschreckend. Der religiöse Extremismus ist noch genauso stark wie auch der Judenhass, in weiten Teilen der Welt dürfen Frauen immer noch nicht frei über ihr Leben verfügen und Kreuzzüge heißen inzwischen nur anders. Wie weit also sind wir trotz aller Technisierung wirklich entfernt vom „düsteren“ Mittelalter?

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Bruder Cadfael

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Das Licht auf der Straße nach Woodstock

Ellis Peters

aus dem Englischen von Jürgen Langowski

erschienen 1996 im Heyne Verlag

 

Es ist mal wieder Zeit für Fundstücke im Bücherregal. Wobei das diesmal kein richtiger Fund war, weil ich ja weiß, dass ich Cadfael-Romane dort habe. Aber sie sind im Buchhandel vergriffen, was ich äußerst schade finde.
Bruder Cadfael ist ein Mönch, der zwischen 1120 und 1145, in der Benediktinerabtei Shrewsbury in England, Kriminalfälle löst. In diesem Band erfahren wir, wie es dazu kommt, dass der Krieger Cadfael das Schwert niederlegt, um die Kutte zu wählen. Dabei löst er natürlich gleich seinen ersten Fall und hat sozusagen seine Berufung gefunden. Es ist eine aufregende Zeit, in der er da lebt. Der Thron ist heiß umkämpft. Hunger, Armut und Seuchen bedrücken die Menschen, von denen viele in Leibeigenschaft leben.
20 Bände hat Ellis Peters von 1977 bis 1994 ihrem kämpferischen Mönch gewidmet, der bei Unrecht nicht ruhen kann, bis er den Schuldigen gefunden hat, unabhängig von dessen Stand und Macht. Gut recherchiert, kommt die Reihe mit wenig Blut aus, vielmehr wird die mittelalterliche Abtei und der dazugehörende Ort Shrewsbury zu neuem Leben erweckt. Dank Cadfaels Heilertätigkeiten erfährt man auch viel über Kräuter und Tinkturen, die zu der Zeit genutzt werden.
In den Neunzigern wurde die Reihe mit Sir Derek Jacobi verfilmt. Ich mag die Serie, auch wenn sie natürlich heutigen Verfilmungsansprüchen nicht mehr gerecht wird.
Im Grunde liegt da ein kleiner, inzwischen nahezu unbekannter Schatz, den man wieder auflegen und ganz sicher auch spannend neu verfilmen könnte.

Eine Schatzkiste voller Abenteuer

Der Medicus von Noah Gordon

Der Medicus

Noah Gordon

als Taschenbuch erschienen 2013 im Heyne Verlag

ISBN 978-3-453-50394-6

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Nach geschätzt zwanzig Jahren habe ich dieses Buch wieder zur Hand genommen und erneut gelesen. Und es hat nichts an Farbe, Spannung und Deftigkeit verloren.

Um 1021 in England. Robert Jeremy Cole, der, in bitterarmen Verhältnissen aufgewachsen, früh seine Eltern verliert, macht eine Lehre bei einem Bader. Zunehmend leidet er unter seinem mangelnden medizinischen Wissen und beschließt, sich in Isfahan unter Avicenna zum Medicus ausbilden zu lassen. Das ist allerdings nicht ganz einfach, denn nicht nur die große Entfernung ist ein Hindernis, sondern auch die Tatsache, dass dort nur Moslems und Juden aufgenommen werden.

Im Grunde ist das ganze Buch eine farbenprächtige Abenteuersage. Es kommt alles darin vor, was man dafür braucht: der arme Junge, der den Gral  sucht (in diesem Falle medizinisches Wissen) und die Prinzessin bekommt (Mary Cullen, rothaarige Tochter eines schottischen Schafzüchters) und dafür allerhand Abenteuer und Prüfungen durchleben muss. Es wird geprügelt, gemordet, gehurt; es gibt blutige Vollstreckungen, den Kampf gegen die Pest und einen Sandsturm; aber auch die für einen Europäer des Mittelalters ungewöhnliche Erkenntnis, dass Juden und Moslems Menschen sind, mit denen man sich problemlos bestens verstehen und sogar anfreunden kann; es gibt Hass, Wut und Ungerechtigkeit neben Liebe, Milde und Hilfsbereitschaft, kurz, wir erleben das ganze pralle Leben Coles, so unwahrscheinlich es auch ist, mit all seinen Gerüchen, Geschmäckern und Geräuschen.

Dabei ist es völlig uninteressant, ob der Autor sich dabei an historische Gegebenheiten gehalten hat, ob Coles Reise so überhaupt jemals möglich gewesen wäre. Es ist ja das Wesen der Sage Unmögliches möglich zu machen, das Alltägliche zu schmücken bis zur Unkenntlichkeit, es größer, schöner und voller zu machen. Und so haben wir hier einen prachtvollen Bilderbogen mit strahlenden Farben und allen möglichen Ausschmückungen, der uns tief hineinführt in eine Phantasiewelt, die grob dem ähnelt, was wir wissen und kennen, und zu einem Helden, der aus jedem Abenteuer gestärkt hervorgeht und unbeirrt an seinem Traum festhält, über alles hinwegschreitend, was man ihm in den Weg wirft.

Und gerade dieses unbekümmert an der Geschichte festhalten, unterscheidet den „Medicus“ von anderen historischen Romanen und ihren Autoren, die zwanghaft versuchen ihre Erzählungen in eine bestimmte Zeit zu zwängen, sich vom Machbaren einschränken lassen und akribisch jeden Löffelstiel beschreiben, um ihr historisches Wissen zu belegen. Dazu hat Noah Gordon keine Zeit. Denn er hat eine Geschichte zu erzählen, die zwar in einer bestimmten Zeit spielt, aber im Grunde zeitlos ist. Die von dem kleinen Jungen, der an seinem Traum festhält, den Drachen besiegt und die Prinzessin gewinnt. Wen kümmern da schon Löffelstiele?