Ein dramatisches Märchen

978-3-15-004385-1

Der Traum ein Leben

Franz Grillparzer

erschienen in der Universal-Bibliothek vom Reclam-Verlag

ISBN 978-3-15-004385-1

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Franz Grillparzer, österreichischer Dramatiker und hier in Deutschland zu Unrecht ein wenig in Vergessenheit geraten. „Der Traum ein Leben“ ist eines seiner bekannteren Werke. Grillparzer war Verehrer der spanischen Dramatiker, Pedro Calderon de la Barcas Werk „Das Leben ein Traum“ ist der Titel nachempfunden. Dort wird ein Thronfolger vom König unter Drogen gesetzt und darf probeherrschen. Als es misslingt, teilt man ihm mit, er hätte nur geträumt.

Hier nun möchte der junge Jäger Rustan, verführt durch die schmeichelnden Worte seines Sklaven Zanga, aus der dörflichen Enge ausbrechen und in die weite Welt hinausziehen, um Ruhm und Ehre zu suchen. Als es weder seiner Verlobten Mirza noch seinem Onkel Massud gelingt, ihn umzustimmen, bitten sie um eine weitere Nacht in ihrem Hause. Und diese Nacht hat es in sich: Rustan träumt sehr intensiv von der Zukunft, die schlußendlich so ruhm- und ehrvoll gar nicht ist. Am nächsten Morgen ist er heilfroh nur geträumt zu haben, lässt Zanga allein ziehen und bleibt glücklich im vertrauten Umfeld.

Was sich so simpel zusammenfassen lässt, ist eigentlich ein sehr farbenprächtiges Schauspiel mit Schlangen, Prinzessinnen, Kämpfen und viel orientalischem Klimbim, ein rechtes Märchen eben. Jedoch geschrieben in der Zeit des Biedermeier, daher endend mit der Besinnung auf Bescheidenheit und häusliches Glück. Die ganze pralle, lebensvolle Welt ist gefährlich, so scheint es. Sicherheit gewährt nur der heimische Herd.

Bis zu dieser Erkenntnis allerdings schwelgt Grillparzer in Abenteuern, in bunten Kostümen und Settings, in märchenhafter Pracht. Verführerisch ist seine „große, weite Welt“ allemal, der Fall ist umso tiefer, als Rustan erkennt, dass auch diese Pracht ihre Tücken hat.

„Der Traum ein Leben“ würde ich zu gern auf einer Bühne erleben. Und zwar in einer angemessen opulenten Inszenierung.  Angestaubt ist dieses Märchen noch lange nicht, auch wenn die Uraufführung schon 1834 stattfand. Und den biedermeierlichen Hintersinn kann man getrost auf die heutige Medienwelt übertragen. Da ist auch nicht alles Gold, was glänzt und die Qualität findet sich häufig in der Nische und nicht auf freiem Feld.

Nach dem dritten Lesen…

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Die Brautprinzessin

William Goldman

erschienen 1977 bei Ernst Klett, nun Klett-Cotta

ISBN 978-3-608-93871-5

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Dies wird eine traurige Rezension. Ich sage es gleich zu Anfang, damit niemand sich später beschwert, er hätte es nicht gewusst. Dreimal habe ich Goldman’s „Brautprinzessin“ nun über die Jahre gelesen: beim ersten Mal wurde es mir vorgelesen von einem Verehrer, beim zweiten Mal las ich es quasi als Erinnerung zum ersten Mal und erst beim dritten Male las ich für mich allein. Und stolperte. Immer wieder.

Aber zunächst zum Inhalt. Ich bin eigentlich keine Klappentextkopiererin, aber dieser ist so bekannt und berühmt, dass er zitiert werden muss, weil anderenfalls etwas fehlt. Daher : „Worum es geht in diesem Buch? – Fechten. Ringkämpfe. Folter. Gift. Wahre Liebe. Haß. Rache. Riesen. Jäger. Böse Menschen. Gute Menschen. Bildschöne Damen. Schlangen. Spinnen. Wilde Tiere jeder Art und in mannigfaltigster Beschreibung. Schmerzen. Tod. Tapfere Männer. Feige Männer. Bärenstarke Männer. Verfolgungsjagden. Entkommen. Lügen. Wahrheiten. Leidenschaften. Wunder. (…)“

Goldman schrieb „Die Brautprinzessin“ als Buch im Buch. Angeblich soll es sich beim Hauptteil um eine gekürzte Fassung des Buches eines S. Morgensterns handeln, mit einer erklärenden Rahmenhandlung Goldmans. Eine schöne Idee. Wirklich. Das ganze Buch ist überhaupt eine wunderbare Idee, wenn, ja, wenn nicht…

Westley liebt Butterblume, die aber Prinz Humperdinck von Florin heiraten soll. Das ist der berühmte rote Faden, um den herum sich alles verwickelt. Goldman hat eine übersprudelnde Phantasie, fröhlich reiht er Abenteuer an Abenteuer. Das Buch ist die Essenz aller Mantel- und Degen-Filme, aller Märchen, aller Liebesschmonzetten. Und man soll/ muss/ darf es ironisch lesen.

Aber, nun kommt es, das große „aber“: auch mit noch so viel Humor kann ich die Tatsache nicht überlächeln, dass mir Goldman schlicht unsympathisch ist. In seiner Rahmenhandlung folgt Seitenhieb auf Seitenhieb gegen seine fiktive Ehefrau, die nämlich – o Graus! – dünn, intelligent und erfolgreich ist. Was man als wahrhaft weibliche Person ja gar nicht sein kann / darf. Da gefällt ihm das vollbusige Sternchen gleich viel besser, das versucht den vermeintlich erfolgreichen Autor „anzugraben“. Sein pummeliger Sohn ist natürlich zeitgleich nicht der hellste, weil ja „dumm und gefräßig“ so gut zusammen passen, nicht wahr? In diesem Tenor zieht der gute Mann über alles her, was fahrlässigerweise seinen Weg kreuzt.

Und das nicht nur in der Rahmenhandlung. Butterblume hat so viel Energie in ihre atemberaubende Schönheit gesteckt, dass leider keine Gehirnzelle mehr Platz fand in ihrem hübschen Köpfchen. Westley dagegen hat Kraft, Intelligenz und Mut für zwei. Natürlich.Und es reicht auch noch, um zusätzlich zwei hilfreiche Haudegen zu lenken, den dicken und dummen ( hatten wir das nicht schon einmal?), aber starken Fezzik und den versoffenen, rachegeleiteten Meisterschwertkämpfer Inigo.

Wir stolpern also von Klischee zu Klischee. Dass das so gewollt ist, ist mir durchaus klar. Aber ist es denn auch wirklich lustig? Eine ferngesteuerte Barbiepuppe trifft auf einen mittelalterlichen Old Shatterhand, drumherum tummeln sich Ko-Helden und Bösewichter, von denen aber keiner dem Haupthelden so richtig das Wasser reichen kann. Das ist die böse Interpretation.

Ganz so böse muss man es nicht auffassen. Das Buch macht ja durchaus Spass, es ist romantisch, es ist heldenhaft, es ist abenteuerlich. Aber hätte ein Funken von Intelligenz denn wirklich das Gebäude um Butterblume zum Einsturz gebracht?  Muss ein Kind wirklich fett und dumm sein, damit es ungern liest? Welchen Sinn und Nutzen hat es, auf denen herumzuhacken, die sich eh schon begrenzt wehren können? Und welches Vorbild gibt man damit?

Ich bin überkritisch? Ich hänge mich an Details auf? Ich muss das wunderbare Ganze betrachten? Das Buch ist ein Kultroman, das muss doch Gründe haben? Vielleicht. Vielleicht sind wir aber nur schon ausreichend gewöhnt an Texte dieser Art, um die Sticheleien zu überlesen. Vielleicht finden wir ja auch, dass Frauen besser hübsch sind als klug. Und dass fette Kinder nervig sind. Vielleicht…

Mir jedenfalls hat es gehörig die Suppe versalzen. Und ich lasse mich eher humorlos schimpfen, als diese Ansammlung von kleinen Gehässigkeiten unkommentiert zu loben. Auch bei einem von Generationen gefeierten Roman. Gerade da.