Eine Schatzkiste voller Abenteuer

Der Medicus von Noah Gordon

Der Medicus

Noah Gordon

als Taschenbuch erschienen 2013 im Heyne Verlag

ISBN 978-3-453-50394-6

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Nach geschätzt zwanzig Jahren habe ich dieses Buch wieder zur Hand genommen und erneut gelesen. Und es hat nichts an Farbe, Spannung und Deftigkeit verloren.

Um 1021 in England. Robert Jeremy Cole, der, in bitterarmen Verhältnissen aufgewachsen, früh seine Eltern verliert, macht eine Lehre bei einem Bader. Zunehmend leidet er unter seinem mangelnden medizinischen Wissen und beschließt, sich in Isfahan unter Avicenna zum Medicus ausbilden zu lassen. Das ist allerdings nicht ganz einfach, denn nicht nur die große Entfernung ist ein Hindernis, sondern auch die Tatsache, dass dort nur Moslems und Juden aufgenommen werden.

Im Grunde ist das ganze Buch eine farbenprächtige Abenteuersage. Es kommt alles darin vor, was man dafür braucht: der arme Junge, der den Gral  sucht (in diesem Falle medizinisches Wissen) und die Prinzessin bekommt (Mary Cullen, rothaarige Tochter eines schottischen Schafzüchters) und dafür allerhand Abenteuer und Prüfungen durchleben muss. Es wird geprügelt, gemordet, gehurt; es gibt blutige Vollstreckungen, den Kampf gegen die Pest und einen Sandsturm; aber auch die für einen Europäer des Mittelalters ungewöhnliche Erkenntnis, dass Juden und Moslems Menschen sind, mit denen man sich problemlos bestens verstehen und sogar anfreunden kann; es gibt Hass, Wut und Ungerechtigkeit neben Liebe, Milde und Hilfsbereitschaft, kurz, wir erleben das ganze pralle Leben Coles, so unwahrscheinlich es auch ist, mit all seinen Gerüchen, Geschmäckern und Geräuschen.

Dabei ist es völlig uninteressant, ob der Autor sich dabei an historische Gegebenheiten gehalten hat, ob Coles Reise so überhaupt jemals möglich gewesen wäre. Es ist ja das Wesen der Sage Unmögliches möglich zu machen, das Alltägliche zu schmücken bis zur Unkenntlichkeit, es größer, schöner und voller zu machen. Und so haben wir hier einen prachtvollen Bilderbogen mit strahlenden Farben und allen möglichen Ausschmückungen, der uns tief hineinführt in eine Phantasiewelt, die grob dem ähnelt, was wir wissen und kennen, und zu einem Helden, der aus jedem Abenteuer gestärkt hervorgeht und unbeirrt an seinem Traum festhält, über alles hinwegschreitend, was man ihm in den Weg wirft.

Und gerade dieses unbekümmert an der Geschichte festhalten, unterscheidet den „Medicus“ von anderen historischen Romanen und ihren Autoren, die zwanghaft versuchen ihre Erzählungen in eine bestimmte Zeit zu zwängen, sich vom Machbaren einschränken lassen und akribisch jeden Löffelstiel beschreiben, um ihr historisches Wissen zu belegen. Dazu hat Noah Gordon keine Zeit. Denn er hat eine Geschichte zu erzählen, die zwar in einer bestimmten Zeit spielt, aber im Grunde zeitlos ist. Die von dem kleinen Jungen, der an seinem Traum festhält, den Drachen besiegt und die Prinzessin gewinnt. Wen kümmern da schon Löffelstiele?

Adelige Seifenoper

Belgravia Zeit des Schicksals von Julian Fellowes

Belgravia

Julian Fellowes

als Taschenbuch erschienen 2017 im Penguin Verlag

ISBN 978-3-328-10195-6

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Wer sich ein Buch von Julian Fellowes zulegt, weiß, was ihn erwartet: Irrungen und Wirrungen in höchsten englischen Adelskreisen. Der Autor, der mit der Serie „Downton Abbey“ weltberühmt wurde, die eben auch genau dies zum Thema hatte, scheint sich dort auszukennen und wohlzufühlen.

„Downton Abbey“ hat mich begeistert – und nicht nur mich, selbst mein Mann hat sich Folge für Folge freiwillig und interessiert angesehen. Da lag es nahe, sich auch Fellowes‘ Bücher anzuschauen. „Snobs“ und „Eine Klasse für sich“ hielten, was sie versprachen. Gut geschriebene Romane mit ein bisschen Herz- und Weltschmerz und genauen Beschreibungen der Gepflogenheiten des britischen Hochadels. Das war amüsant zu lesen, weil mit leichter, aber erfahrener Feder geschrieben.

In „Belgravia“ nun, dem neuesten Roman des Autors, geht es um Anne und James Trenchard, dem Großbürgertum angehörend. Ihre Tochter Sophia verliebt sich in Edward, den kommenden Lord Bellasis. Und es geht um Lady Brockenhurst, Edwards Mutter, die erst nach Jahren von dieser Liaison erfährt und trotzdem Grund hat zu handeln. Mehr möchte ich gar nicht verraten, denn die Richtung, die die Geschichte nimmt, ist schon sehr früh klar.

Auch diesmal ist der Roman durchaus gut geschrieben und alle Bausteine der Fellowes’schen Gedankenwelt sind vorhanden: in ihrer Welt gefangene Adelige, titelsüchtige Verwandte, zickige Zofen… Aber allzu beliebig ist Konstruktion dieses Mal. So vorhersehbar, dass man nach dem ersten Drittel des Buches beginnt, leise zu gähnen und sich zu wünschen, die Protagonisten wären etwas weniger kompliziert und dafür etwas zupackender. Bedauerlicherweise ist auch der strahlende Held Charles Pope -wer das ist und woher er in den Roman kommt, verrate ich nicht – ausschließlich strahlend. Er ist ein lieber, tüchtiger Junge ohne dunkle Seiten und somit die blasseste Gestalt im ganzen Buch. Und so macht sich nach und nach eine eine gehobene Form von Langeweile breit: die Guten sind gut, die Bösen sind böse und der Adel ist kompliziert im Umgang, aber im Grunde doch ganz menschlich. Fein. Für den nächsten Fellowes-Roman wünsche ich mir wieder etwas mehr britischen Humor und eine weniger hanebüchene Story.

Ich danke dem Penguin Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.