Cormoran Strike

Weisser Tod von Robert Galbraith

Weisser Tod

Robert Galbraith

Deutsch von Wulf Bergner, Christoph Göhler und Kristof Kurz

erschienen am27.Dezember 2018 im Blanvalet Verlag

ISBN 978-3-7645-0698-8

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Ich hatte ja so meine Zweifel. Und ich konnte sie verstehen. Joanne K. Rowling meine ich. Ich mag die Harry Potter-Bände, wirklich. Ich finde sie unglaublich phantasievoll, lebendig und hervorragend geschrieben. Aber der Hype darum geht mir nun schon seit geraumer Zeit auf den Nerv.
Als ich dann las, Frau Rowling hätte nun unter dem Pseudonym Robert Galbraith einen Krimi verfasst, dachte ich zuerst etwas eher unfreundliches, etwas in Richtung „auch das noch“. Und fast im selben Augenblick dachte ich, was soll sie auch sonst machen, damit die Leute ihre weiteren Bücher lesen ohne zu vergleichen? Da das Pseudonym ja aber schneller gelüftet war als man „Cormoran Strike“ sagen kann, war es eigentlich auch für die Katz. Oder eine Werbemasche, dann war es erfolgreich. Nichtsdestotrotz hätte ich über all diesen Überlegungen fast vergessen, dass Frau Rowling eines wirklich gut kann, nämlich spannende Geschichten erzählen. Und als mir das wieder einfiel, griff ich zum Buch…
Inzwischen habe ich gerade den vierten Band der Reihe gelesen. Und warte seitdem sehnsüchtig auf den fünften (nicht lachen!). Die Reihe um den Privatdetektiv Cormoran Strike und seine Assistentin Robin Ellacott ist ebenso spannend wie charmant. Besonders beeindruckend finde ich dabei, dass Frau Rowling eigentlich ausschließlich mit altbekannten Versatzstücken arbeitet: der eigenbrötlerische Privatdetektiv, seine attraktive rothaarige Partnerin, die Frage, ob sie nun ein Paar werden oder nicht. Obwohl man das alles kennt, hundertemal woanders gelesen hat, ist es keine Sekunde langweilig. Es sind Details, die den Unterschied machen: Strikes Beinprothese, die eben nicht irgendwie cool ist, sondern bei Belastung schmerzt, Robins Panikattacken, seit sie fast Opfer eines Serienmörders geworden wäre, Geldsorgen, seltsame Klienten – lebendige Charaktere eben und trotz der Schablonenhaftigkeit nicht hölzern. Ein modernisierte Version des klassischen Krimis, nahe an Elizabeth Georges Stil.
Auch, wenn die einzelnen Bände bzw Fälle abgeschlossen sind, würde ich chronologisches Lesen empfehlen, denn die Entwicklung des beständigen Personals ist fortlaufend und der Einstieg in den 4.Band z.B. wird leichter, wenn man weiß, was Strike dazu bringen konnte, unangemeldet in Robins Hochzeit zu platzen.
Wenn man also gut geschriebene Krimis mag, die nicht zielgerichtet kurz und knapp der Lösung zustreben, sondern ausufernd (ca 860 Seiten) den Fall von jeder möglichen Seite betrachten, die genug Raum haben für Privatbesuche bei den Ermittlern und ihrem Umfeld, dann dürfte man an dieser Reihe seinen Spass haben.
Da bisher jeder Band dicker war als der vorhergehende, bin ich übrigens sehr gespannt, welche Seitenzahl uns im fünften Band erwartet. Aber das nur am Rande…

Die Familien-Saga schlechthin

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Die Forsyte Saga

John Galsworthy

erschienen 1951 im Bertelsmann Verlag

Der Verlag edition Oberkassel bringt gerade eine Neuauflage der drei Bände heraus.

 

Die Forsyte Saga ist die Familien-Saga schlechthin. Sie erzählt das Leben einer englischen Oberschichtfamilie zwischen 1906 und 1921 mit vielen Skandalen, Irrungen, Wirrungen und einer Unmenge an Personal. Da wäre die alte Generation, bestehend aus zehn mehr oder minder wichtigen Geschwistern, die folgende Generation, nicht ganz so umfangreich, und deren wechselnde Partner und auch noch die darauf folgende Generation. Und wie das in traditionellen Familien so üblich ist, tragen sie teilweise auch noch dieselben Vornamen.
Warum sollte man sich das also antun? Weil es hervorragend geschrieben ist, ganz einfach. „Die Forsyte Saga“ ist der Grund füt des Autors Literatur-Nobelpreis, nicht nur, aber wohl doch hauptsächlich. In drei Bänden beschreibt er den Umbruch vom viktorianischen Zeitalter zur damaligen Neuzeit, die gesellschaftlichen Änderungen durch den Ersten Weltkrieg, die Unterschiede zwischen den Generationen. Hauptpersonen sind dabei Soames Forsyte und seine (später geschiedene) Frau Irene, an denen Galsworthy das gesamte Besitzdenken und die moralischen Vorstellungen ihrer Zeit durchexerziert. Irene verliebt sich in den Verlobten der Nichte Soames‘ und Soames spielt alle Register, um seine Ehe aufrecht zu erhalten. Dabei erfahren wir aber ebenso genau, was die anderen Mitglieder der Familie von der Sache halten und vor allem über welche Themen der Familienrat spricht oder lieber schweigt.
Und weil solche Beschreibungen das Salz in der Suppe sind und ein Zeitfenster erst so wirklich öffnen, berichtet Galsworthy auch über die Architektur, die Inneneinrichtung, die Mode, die gesellschaftlichen Anlässe und ist darin ein wahrer Meister.
Somit ist die Forsyte Saga im Grunde Vorgänger aller Dallas, Denver und sonstigen Serien, eingeschlossen Downton Abbey. Verfilmt wurde das Ganze natürlich auch schon mehrfach, zuletzt 2002 als Zehnteiler.
Man braucht ein wenig Durchhaltevermögen, um sich durch die verzweigten Familienverhältnisse zu arbeiten und an Galsworthys Schreibstil mit den vielen Abschweifungen zu gewöhnen, aber mit der Zeit öffnet sich ein Panoramafenster in eine vergangene Zeit, so lebendig, wie man es sich nur wünschen kann.

Scotland Yard mal anders

Das Labyrinth von London von Benedict Jacka

Das Labyrinth von London

Benedict Jacka

Aus dem Englischen von Michelle Gyo

erschienen 2018 im Blanvalet Verlag

ISBN 978-3-7341-6165-0

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Kennt ihr das Spiel „Scotland Yard“? Dieses Spiel, wo ein paar Polizisten den mysteriösen Mr.X durch London jagen? Bei dem X weiß, wo die Polizisten sind und seine Schritte sorgfältig erwägen kann, während die andere Seite im Dunklen tappt?
Dann wisst ihr in etwa, wie dieses Buch funktioniert.
Nur, dass Mr. X Alex Verus heißt und Hellseher ist. Nicht so einer mit Kristallkugel und blühender Phantasie, nein, ein echter, der die Zukunft in Wahrscheinlichkeitsstränge aufteilen und so Ärger weitestgehend aus dem Weg gehen kann. Das klappt aber nicht immer, sonst gäbe es dieses Buch nicht. Verus hat nämlich etwas, das sowohl weiße wie schwarze Magier haben möchten, ein mächtiges Artefakt, um das ein heißer Kampf entbrennt. Mittendrin der immer zu Scherzen aufgelegte Verus. Außenrum die Stadt London mit ihren unwissenden Normalos, die von dem ganzen Trubel selbstredend auch nichts mitbekommen. Dazwischen ein paar seltsame Gestalten, etwa die maßschneidernde Riesentarantel Arachne.
Das ist grundsätzlich ganz witzig umgesetzt, mit mal mehr mal weniger aufregenden Spannungsbögen. Das Grundmuster ist immer gleich: Magier planen Verus oder seine Begleiter zu töten, Verus sieht die beste Fluchtmöglichkeit voraus, stolpert dabei in den nächsten Ärger, hat aber immer eine passende Behelfslösung im Hinterstübchen. Ganz witzig, wie gesagt, und auch wirklich flüssig geschrieben. Ich habe den Band an einem freien Tag komplett gelesen und hatte durchaus meinen Spass dabei.
Eines hat mich allerdings erheblich gestört, die frappierende Ähnlichkeit mit Ben Aaronovitchs „Die Flüsse von London“. Für andere mag das ein Pluspunkt sein, der Verlag macht z.B. genau damit Werbung im Klappentext, ich dagegen fand den Stil zu deckungsgleich. Derselbe Schauplatz, dieselbe Art, Magie in das Alltagsleben einzubauen, dieselbe Art Humor. „Die Flüsse von London“ erschien erstmalig im November 2011, „Das Labyrinth von London“ im März 2012. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Andererseits wollen ja viele Leser genau das. Reihen, die sich in Stil und Aufmachung ähneln und bei denen man schon so ungefähr weiß, auf was man sich einlässt. Diese Leser werden mit Jackas Roman sehr glücklich werden. Und, zugegeben, unglücklich war ich damit ja auch nicht. Ich habe das Buch gern gelesen. Verus und seine Mitspielerin Luna sind ein sympathisches Gespann, die Geschichte ist hinreichend spannend und war eine willkommene Ablenkung vom Alltag. Und das ist mehr, als man von manch anderem Buch behaupten kann.

Ich danke dem Blanvalet Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen findet ihr hier:

Gassenhauer https://gassenhauer.blog/2018/07/30/das-labyrinth-von-london/
Fhina Basbair https://fhinabasbair.wordpress.com/2018/08/07/das-labyrinth-von-london/
Frau Bluhm liest https://buchszene.de/das-labyrinth-von-london-benedict-jackas-rezension/

Und Macheath, der hat ein Messer…

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Gegen alle Zeit

Tom Finnek

erschienen 2011 im Bastei Lübbe Verlag

 

Dieses Buch hat wahrlich lange in meinem Regal ungelesener Bücher geschmort , und das ganz zu unrecht. Tom Finneks Umsetzung der „Dreigroschenoper“ von John Gay und Johann Christoph Pepusch als Abenteuerroman mit Anleihen bei Brecht/Weill, macht einfach Spass. Man muss die Vorlage auch gar nicht kennen, um dem Geschehen im London des 18. Jahrhunderts folgen zu können.
Der Schauspieler Henry Ingram landet nach einer Vorstellung des oben genannten Stücks in der Zeit, kurz bevor es geschrieben werden würde. Er lernt die wahren Vorbilder für die Figuren kennen und zum Teil auch lieben. Er wird hineingezogen in das Bandenwesen rund um den berüchtigten Jack Sheppard, lernt dabei so manche Gosse gründlich kennen und muss mehrfach um sein Leben fürchten. Rettung ist immer wieder die Tatsache, dass er ja weiß, wie die Geschichte ausgeht.
Dieser Roman ist der ideale Ferienschmöker und enthält so ziemlich alles, was einen auf der Strandliege die Zeit vergessen lässt: Liebe natürlich, Verfolgungsjagden, Gaunerehre, Verrat, rasante Abfolgen und spannende Wanderungen durch das „alte“ London. Finnek schreibt keine große Literatur, aber kann ordentliche Spannungsbögen bauen und die Gegebenheiten damals anschaulich beschreiben. Ansonsten lebt der Roman von seiner Atemlosigkeit – Abenteuer folgt auf Abenteuer und der arme Henry muss stets in Bewegung bleiben, um nicht unter die Räder zu kommen. Für die Kenner der Dreigroschenoper, egal ob von Gay/Pepusch oder Brecht/Weill sind natürlich auch die Vergleiche reizvoll und die durchaus witzige Beantwortung der Frage, wer Mackie Messer eigentlich wirklich war.
Wer also aktionsreiche historische Romane mag, die nicht in den oberen Gefilden der Gesellschaft spielen, wer mit verschimmeltem Stroh und aufdringlichen Ratten zurechtkommt, dem sei dieser Roman empfohlen. Gerüche kann man sich ja, gottseidank in diesem Falle, noch nicht erlesen.

Die Überschrift stammt aus der „Moritat von Mackie Messer“ aus der Dreigroschenoper von Brecht/Weill.

Chani und Rivka

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Die Hochzeit der Chani Kaufman

Eve Harris

Aus dem Englischen von Kathrin Bielfeld

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-24430-4

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Eve Harris ist mit ihrem ersten Roman ein großartiges Buch gelungen. Sie erzählt die Geschichte von Chani und Baruch und wie es zu ihrer Hochzeit kommt. Und gibt liebevoll und kritisch zugleich Einblick in die Welt des orthodoxen Judentums, in eine Welt, die geprägt ist von strengen Riten und Regeln, von vermittelten Ehen und wenig Selbstbestimmung.
Chani ist erst neunzehn. Trotzdem befürchtet ihre Mutter, sie fände keinen passenden Ehemann mehr. Zu viele hat sie abgelehnt, zu wenige haben Interesse. Chani ist zu selbstbewusst, zu neugierig, zu unangepasst. Auf einer Hochzeit sieht Baruch sie und weiß sofort, das ist sie, die Frau, die er heiraten möchte. Doch so einfach funktioniert das in einer strenggläubigen jüdischen Gemeinde nicht.
Unerwartete Hilfe bekommt Chani von Rivka Zilberman, der Rebbetzin. Sie steht ihr mit Rat und Tat zur Seite, weiß sie doch aus eigener Erfahrung, wie starr die Gebräuche sind, wie wenig Luft zur Selbstfindung den Menschen gelassen wird.
Obwohl Eve Harris auch von den Problemen und Grenzen der Männer erzählt, gilt ihr Augenmerk doch den Frauen. Wie behauptet man sich in einer Welt, in der es für alles eine Regel oder ein Gesetz und wenig Toleranz für eigene Träume und Vorstellungen gibt? Eve Harris berichtet von den kleinen Schlupflöchern, von der inneren Kraft, die einen Weg findet, aber auch von denen, die gehen müssen, um atmen zu können.
Der Autorin gelingt dabei ein bemerkenswerter Spagat. Denn obwohl sie in aller Deutlichkeit die Schwierigkeiten des Lebens in einer strenggläubigen Gemeinde beschreibt, zeigt sie auch die schönen Momente, den Zusammenhalt, den ein gemeinsamer Glaube mit festen Ritualen schafft.
Ihre Charaktere sind durchgehend glaubwürdig in ihrer Zerrissenheit, ihrem Aufbegehren, aber auch in ihrem tiefen Glauben, ihrem Wunsch, ein guter Mensch zu sein. Es gibt keine schwarzweißen Schablonen, jeder Charakter hat seine eigenen Licht- und Schattenseiten. Besonders angerührt hat mich dabei die Rebbetzin, und, ja, auch ihr Mut und die Kraft, sich ihr eigenständiges Wesen zu erhalten und sich nicht fremdbestimmen zu lassen. Chani und Baruch dagegen wünscht man, sie mögen sich ihr Aufbegehren gegen unsinnige Regeln bewahren und einen Weg finden, ihre Ehe möglichst eigenbestimmt zu führen. Zimmen tov.
Trotz des ganz bestimmt nicht einfachen Themas, liest sich der Roman wunderbar leicht und mitreißend. Die vielen jüdischen Begriffe sind meistens selbsterklärend, aber verstärken das Gefühl, einen Einblick in eine völlig andere Welt zu bekommen, eine Welt, die in diesem Falle in einem Stadtteil Londons liegt. Ich habe das Buch in einem Atemzug gelesen, alles um mich her vergessen und war fasziniert von der Dichte dieses Erstlings. Ich hoffe, es bleibt nicht bei diesem einen Roman. Von dieser Autorin würde ich definitiv gern mehr lesen.

Ich danke dem DiogenesVerlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Rezensionen zu diesem Buch:

LiteraturZeit https://lifeforliterature.wordpress.com/2017/04/24/eve-harris-die-hochzeit-der-chani-kaufman/

Inside John Lennon

Lennon von David Foenkinos

Lennon

David Foenkinos

Aus dem Französischen von Christian Kolb

erschienen 2018 im DVA Verlag

ISBN 978-3-421-04799-1

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Obwohl 1974 geboren, bin ich mit den Beatles groß geworden. Meine Mutter war Fan, die Platten liefen bei uns rauf und runter. Um es zu präzisieren, sie war McCartney-Fan und ließ kein gutes Haar an John Lennon, noch weniger an Yoko Ono. Und damit wären wir auch schon beim Thema.

Der Bestseller-Autor David Foenkinos, bekannt u.a. durch „Nathalie küsst“, hat sich an die Mammutaufgabe gemacht, John Lennons Leben zu erzählen. Aber nicht nur das, er lässt Lennon selbst sprechen, und zwar bei nicht näher definierten Sitzungen, vermutlich bei einem Psychiater, über Jahre hinweg.
Beginnend mit seiner Kindheit und Jugend, berichtet Lennon vom schwierigen Verhältnis zu seinen Eltern, von der in ihm heranwachsenden Wut, der Einsamkeit, der Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit. Weiter geht es mit der Bandgründung, den ersten Alkohol- und Drogenerfahrungen, den ersten Gewaltausbrüchen, Erfolgen und Niederlagen. Was dann kommt, weiß eigentlich jeder: Beatlemania, der Aufstieg zur bekanntesten Popband aller Zeiten, ein nicht fassbarer Irrsinn mit Millionen von Fans weltweit. Danach kann es nur noch bergab gehen, bis zur Auflösung der Truppe, Lennons Beziehung zu der japanischen Künstlerin Yoko Ono und seinem Tod durch einen Attentäter 1980.

Das ist viel Stoff für ein eigentlich gar nicht so dickes Büchlein. Und so fliegt man durch Lennons Leben, reißt hier etwas an, schaut da ein bißchen hin, es fühlt sich an wie eine Fahrt auf der Wasserrutsche. Man erfährt, dass er gar nicht der nette Nachbarsjunge ist, als den ihn die Medien eine Zeit lang darstellen, dass er die meiste Zeit seines Lebens betrunken oder stoned oder beides war, dass er wohl durchs Leben ging ohne Rücksichtnahme oder Mitgefühl, insgesamt also ein riesengroßer … war.

Foenkinos gelingt es sehr gut, einen Ton zu finden zwischen Selbstverherrlichung und Minderwertigkeitskomplexen, der wohl tatsächlich Lennons Wesen ausmacht. Er hat sicherlich gut recherchiert, Interviews ausgewertet, Artikel gelesen und sich auch sonst alle Mühe gegeben. Und trotzdem bleibt John Lennon blass. Es ist eben nicht Lennon, der da spricht, sondern Foenkinos, der versucht, sich in Lennon hineinzudenken. So könnte es aber die Stimme jedes beliebigen Popstars sein. Die Eckdaten stimmen, lebendig gerät der Text dadurch noch lange nicht. Wahrscheinlich ist es schlichtweg nicht möglich, sich in den sprunghaften, teilweise wirren Geist Lennons einzudenken, so wie es ja auch nicht möglich ist, das Phänomen „Beatles“ wirklich zu erklären.

Ein unterhaltsamer Roman, der für manchen eventuell ein paar Überraschungen bereit hält. Man muss die Beatles nicht kennen, um das Buch zu lesen, es könnte aber beim Verständnis der Abläufe helfen.

Ich danke dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

A dance to the music of time

9783423145947

Eine Frage der Erziehung

Anthony Powell

Aus dem Englischen von Heinz Feldmann

erschienen 2017 im dtv Verlag

ISBN 978-3-423-14594-7

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„Eine Frage der Erziehung“ ist der erste Band der zwölfbändigen Reihe „Ein Tanz zur Musik der Zeit“ des englischen Schriftstellers Anthony Hopkins. Darin wird die englische Gesellschaft und ihr Wandel vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zum Ende der Sechziger Jahre sehr detailgetreu und umfassend beschrieben.
Der erste Band nun beginnt 1921 in einem britischen Internat. Wir beobachten Nick Jenkins, dessen Leben in dem Zyklus erzählt wird, und seine Freunde Charles Stringham und Peter Templer beim traditionellen Tee, bei Verwandtenbesuchen, im Umgang mit dem Lehrpersonal. Sofort stolpert man über offensichtliche Eigentümlichkeiten britischen Internatswesens, darüber, dass es akzeptierte Arten des Benehmens und selbst des „Über die Stränge Schlagens“ gibt und unakzeptable. Den Unterschied kennt man – oder verrät sogleich die Nichtzugehörigkeit zu entsprechenden Gesellschaftsschichten.
Im weiteren Verlauf begleiten wir Jenkins zu einem Sprachaufenthalt nach Frankreich, bei den ersten Schritten auf der Universität und erleben seine ersten Verliebtheiten. Im Grunde passiert nicht viel. Jenkins berichtet über seine Erlebnisse, teilt seine Gedanken dazu und öffnet dabei ganz nebenbei und im Plaudertone die Tore zu einer verlorenen Welt.
Ich glaube, man muss diese Art des Schreibens mögen. Es ist wie mit Koriander, entweder man liebt ihn oder man findet ihn seifenartig im Geschmack, dazwischen gibt es nichts. Hier ist es wohl ebenso. Ich kenne diverse Stimmen, die dem Buch gepflegte Langeweile vorwerfen, denen Handlung fehlt, Spannung, Ereignisse. Ich habe diesen ersten Band geliebt und fast ohne Unterbrechung gelesen, wollte und konnte mich nicht trennen von diesem anderen Leben, diesem durchaus auch ereignislosen Alltag in einer mir eher fremden Gesellschaft, diesem Blick auf Personen und die Gründe ihres Verhaltens. Und ich freue mich darüber, dass ja nun noch elf weitere Bände auf mich warten, sofern dem Verlag nicht zwischendrin die Puste ausgeht, was ich mir gar nicht ausdenken mag. Zwei weitere Bände sind schon erschienen, zwei werden demnächst erscheinen. Sollte also in nächster Zeit hier Stille herrschen, dann tanze ich zur Musik der Zeit.

 

Weitere Rezensionen zu diesem Buch:

Blog des Bücherladens Appenzell https://buecherladenappenzell.wordpress.com/2018/01/05/eine-frage-der-erziehung/

Winter der Seele

Der weite Raum der Zeit von Jeanette Winterson

Der weite Raum der Zeit

Jeanette Winterson

Übersetzung Sabine Schwenk

erschienen 2016 im Knaus Verlag

ISBN 978-3-8135-0673-0

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„Der weite Raum der Zeit“ ist ein weiterer Band der Hogarth Shakespeare-Reihe, in der bekannte Autoren Werke von Shakespeare auf ihre ganz besondere Art nacherzählen. In diesem Falle hat sich Jeanette Winterson dem „Wintermärchen“ gewidmet.
Die 1959 in Manchester geborene Winterson bekam schon für ihr Erstlingswerk „Orangen sind nicht die einzige Frucht“ den angesehenen Whitbread-Prize. Inwischen ist sie eine weithin bekannte Feministin und Autorin, die diverse Bestseller veröffentlicht hat.

Leo, MiMi und Xeno sind bereits sehr lange befreundet. Doch urplötzlich vermutet Leo, seine hochschwangere Frau MiMi habe eine Affaire mit seinem Jugendfreund Xeno. In rasender Eifersucht versucht er Xeno zu ermorden, lässt das neugeborene Mädchen Perdita wegschaffen und verliert bei dem Versuch, das Land zu verlassen, seinen älteren Sohn Milo am Flughafen. Nachdem auch MiMi gegangen ist, bleibt Leo allein zurück.
Jahre später. Aus der kleinen Perdita ist eine junge Frau geworden, die sich durch Zufall in den Sohn Xenos verliebt. Und nach und nach lösen sie gemeinsam die Rätsel ihrer Vergangenheit.

Wintersons Interpretation bewegt sich sehr nah am Original. Im Grunde ist der Roman eine Übertragung der Geschehnisse in die heutige Zeit. Erstaunlich ist, welche Wucht diese uralte Erzählung entwickelt, wenn man das Märchenhafte vorsichtig abstreift und Sprache und Setting dabei anpasst und wie glaubhaft diese doch eigentlich völlig unglaubhafte Geschichte dadurch wird. Winterson gibt ihren Charakteren einen Unterbau, eine Herkunft, die ihre Handlungsweise erklärt und sie nutzt die Gegebenheiten, die unsere Welt heute bietet. Es ist einfach, in einer Großstadt wie Paris spurlos zu verschwinden, ein Mädchen kann im ländlichen Amerika unbemerkt vom in London weilenden Vater aufwachsen und trotzdem ist alles nur wenige Flugstunden voneinander entfernt.
Einzig der Strang um das Computerspiel mit den verlorenen Engeln ist für mich zu übertrieben, will sagen esoterisch dargestellt. Und eigentlich hätte das Buch ihn gar nicht gebraucht, denke ich, denn die Wirkung ist auch ohne herumflatternde Federn enorm.

Das Schöne an den Büchern der Hogarth-Reihe ist, dass jeder Autor einen anderen Weg wählt, Zugang zu den Werken Shakespeares zu finden. Dass jedes Buch völlig anders ist in Stil, Umsetzung und Herangehensweise. Das zeigt, wie vielseitig dieses Werk ist, aber auch, wie viele Interpretationsmöglichkeiten es gibt. „Der weite Raum der Zeit“ ist für mich eine sehr gelungene Mischung aus einem Teil Shakespeare und einem Teil Winterson. Jeanette Winterson verschwindet nicht hinter dem Meister, sie bringt ihren eigenen Stil und ihre eigenen Schwerpunkte in die Geschichte und schafft damit, nicht ganz mühelos, aber trotzdem sehr wirkungsvoll, den Spagat zwischen Alt und Neu, zwischen Gestern und Heute.

Ich danke dem Knaus Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Aschenputtel im Savoy

Das Maedchen aus dem Savoy von Hazel Gaynor

Das Mädchen aus dem Savoy

Hazel Gaynor

Übersetzung Claudia Geng

erschienen 2018 bei Blanvalet

ISBN 978-3-7341-0508-1

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Savoy, the home of sweet romance
Savoy, it wins you at a glance
Savoy, give happy feet a chance
To dance
(…)
Dieser berühmte Songtext von Irving Caesar und Vincent Youmans aus den Dreißigern könnte gut als Motto dieses Romans gelten, auch wenn der gut ein Jahrzehnt früher spielt.
Die junge Dorothy ist aus der englischen Provinz nach London gekommen, um dort die Bühnen des West Ends zu erobern. Ihr größter Traum ist es, Revuetänzerin zu werden. Eine Anstellung im glamourösesten Hotel seiner Zeit, dem Savoy, soll ihr weiter helfen. Dort steigen die Stars und Sternchen ab und die Geldgeber, die die Fäden im Hintergrund ziehen. Durch einen Zufall lernt sie den gutaussehenden Komponisten Perry Clements kennen, dessen Schwester Loretta eine der ganz großen West End-Diven ist. Die Steine kommen für Dorothy ins Rollen. Doch zuvor muss sie lernen, dass man die Vergangenheit nicht abstreifen kann wie ein zu alt gewordenes Kleid…
„Das Mädchen aus dem Savoy“ ist ein klassischer Aschenputtelroman, vermischt mit dem „Anna geht zum Ballett“-Thema und einem Hauch von „My fair Lady“. Ein junges Mädchen auf dem steinigen Weg zum Varietestern, Fee in Form von alterndem Showstar inclusive. Kein Klischee wird ausgelassen, von der Besetzungscouch über die „Sei eins mit der Musik“-Nummer bis zu der Tatsache, dass man angeblich Tanzen lernen kann, in dem man bei guten Tänzern abguckt. Ernsthaftes Training wird bei so viel überbordendem Talent scheinbar gar nicht benötigt.
Aber Märchen sind nun einmal nicht logisch oder auch nur wahrscheinlich aufgebaut – und der Roman ist genau das, ein Großstadtmärchen. Zudem ist er auch noch charmant geschrieben, mit wirklich liebenswürdigen Charakteren und trotz der immerhin 511 Seiten keineswegs langweilig. Ideal also um für einige Zeit das winterliche Grau und das Nieselwetter zu vergessen und mit Dorothy den Traum vom Rampenlicht zu träumen, die staubige Theaterluft zu atmen und den Fünf-Uhr-Tee im Savoy zu zelebrieren.
Ein Unterhaltungsroman im besten Sinne, mit der richtigen Mischung aus Glamour und Spannung.
How my heart is singin‘
While the band is swingin‘
Never tired of rompin‘
An‘ Stompin‘ with you at the Savoy
(…)
Ich danke dem Blanvalet Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.
Die im Text verwendeten Liedzeilen entstammen dem Song „Stompin‘ at the Savoy“ von Irving Caesar und Vincent Youmans.

Die wilden jungen Leute

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Lust und Laster

Evelyn Waugh

Aus dem Englischen übersetzt von pociao

als tb erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-24383-3

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Evelyn Waugh, 1903 – 1966, gilt als einer der besten Schriftsteller Großbritanniens. Viele seiner Bücher sind Klassiker, weltweit bekannt. Der Verlegersohn veröffentlichte 1928 seinen ersten Roman „Decline and Fall“, der gleich ein Erfolg wurde. 1930 folgte dann „Vile Bodies“, das uns hier in der Übersetzung von der wunderbaren Sylvia de Hollanda, genannt Pociao, vorliegt.

Der junge gutaussehende, aber bedauerlicherweise arme Adam wünscht die gutbetuchte und adelige Nina zu heiraten. Seine Versuche zu Geld und Ansehen zu kommen, um diesen Wunsch in die Tat umzusetzen, nutzt Waugh, um ein Portrait der jungen britischen Upper Class der Zwanziger Jahre zu zeichnen, die den Sinn ihres Lebens darin sieht von Party zu Party und von Skandal zu Skandal zu wandern.

Es gibt eine Tradition englischer Gesellschaftsromane, die mit Humor und Augenzwinkern die Eskapaden der oberen Zehntausend beschreiben. Am bekanntesten ist da sicherlich die Jeeves-Reihe von P.G. Wodehouse. Anders als Wodehouse schreibt Waugh allerdings mit deutlich spitzerer Feder und viel dunklerem Humor. Da bleibt einem bisweilen das Lächeln glatt im Halse stecken, wenn z.B. der abgehalfterte Society-Reporter einen letzten Skandal forciert, um dann den Kopf in den Gasherd zu stecken oder die junge Party-Queen ihre letzte große Party im Irrenhaus feiert.

Was diesen Roman trotzdem so amüsant und auch charmant macht, sind erstens die einfach brillante Schreibweise, die geschliffenen Pointen und hintersinnigen Formulierungen und zweitens die Art, wie Waugh den Lebenshunger einer Generation zeigt, die einen Krieg überlebt hat und den nächsten schon vor den Toren stehen sieht, einer Generation, die alles mitnimmt, was sich an Erlebnissen bietet, atemlos, masslos, sinnenfreudig. Und drittens ist es Waughs Lust an der Überzeichnung seiner Charaktere, die den wunderbar schrulligen Colonel Blount zum Leben erweckt oder die auf dem Vulkan tanzende Miss Runcible, die unbedacht und liebreizend einen Skandal nach dem nächsten auslöst.

Waugh zeigt meisterhaft, was Gesellschaft und Konventionen oder auch das Verleugnen derselben aus eigentlich liebenswürdigen und bisweilen schlicht unbedarften Menschen machen kann, zeigt, wie Societygrößen entstehen und vergehen, zeigt, was Klatsch anrichten kann, aber auch wie man ihn steuern und nutzen kann und hat mit „Lust und Laster“ den „Roaring Twenties“ ein unvergängliches Denkmal geschaffen, einen Roman, der auch nach fast einhundert Jahren nichts an Frische und Spritzigkeit verloren hat.

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.