Großartige Wiederentdeckung

9783311210047

Leutnant Burda
Ferdinand von Saar
2018 erschienen im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-21004-7

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Diese Novelle von 1887 verdient wirklich eine Wiederentdeckung. Zumal auch die Ausgabe des Kampa Verlags eine Zierde für jedes Bücherregal ist. In Leinen gebunden, mit einem sehr gelungenen Einband, kommt sie k.u.k.-mäßig elegant daher. Überhaupt überzeugt der neu gegründete Kampa Verlag durch ein sorgfältig ausgewähltes Programm.
Aber zurück zu „Leutnant Burda“. Der ist auch sehr schmuck, soll heißen, er zieht die Blicke der Damenwelt auf sich. Im Glauben an seine Vortrefflichkeit, verliebt er sich weit über seinen Stand in die junge Prinzessin Fanny. In der Annahme, seine Liebe würde erwidert, interpretiert er jede Geste seiner Angebeteten in seinem Sinne und verliert dabei jeglichen Halt.
In heutigen Zeiten würde man Burda als Stalker bezeichnen. Er folgt Prinzessin Fanny auf Schritt und Tritt, beobachtet sie, versucht Kontaktaufnahmen, immer überzeugt von ihrer Gegenliebe. Jede Bewegung, die Farbe ihrer Kleidung, die Wahl ihres Ausfahrtweges, alles wird zum geheimen Zeichen, zu einer wichtigen Botschaft. Die Abneigung der jungen Dame dringt in seinem Wahn nicht zu ihm durch.
Ferdinand von Saar stammt selbst aus adligen Kreisen und durchlief eine Offizierslaufbahn. Das gewählte Umfeld der Novelle dürfte ihm also nur allzu bekannt gewesen sein. Er gibt Burda als Freund und Erzähler einen jungen Offizier zur Seite, der von den Verstrickungen berichtet, ihnen aber nicht Einhalt gebieten kann. So ist der Leser nah am Geschehen, sieht Burdas zunehmenden Wahn, ist aber andererseits entfernt genug, um den Wahn als solchen erkennen zu können.
Bemerkenswert ist die Umkehrung der üblichen Abfolge solcher „Liebesgeschichten“ Ist es nämlich doch normalerweise der weibliche Part, der sich unsterblich und blind verliebt, und dann, am besten mit Zurhilfenahme des gesamten Freundinnenkreises, jede Regung des Auserkorenen durchanalysiert und das Gänseblümchenspiel spielt. Ein Mann, der sich solcher Art um Kopf und Kragen liebt, das findet man eher selten in der Literatur.
Umso bedauerlicher ist es, dass diese Novelle in Vergessenheit geraten ist. Ferdinand von Saar zählt zu den bedeutendsten östereichischen Schriftstellern seiner Zeit. Elegant und realistisch zugleich zeichnet er das Bild eines Mannes, der aus der Wirklichkeit in eine Traumwelt abgleitet und dafür einen hohen Preis zahlt.

Ich danke dem Kampa Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Berlin, 1942

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Stella
Takis Würger
erschienen am 11.01.2019 im Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-25993-5

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Kein Buch bewirbt der Hanser Verlag in diesem Frühjahr so sehr wie dieses: „Stella“. Geschrieben von Takis Würger, einem Journalisten, der 2017 mit seinem Debütroman „Der Club“ große Erfolge feierte. Sein nächster Roman ist bei vielen Lesern heiß ersehnt, doch trotzdem oder auch deshalb ist es sicherlich nicht einfach, einem Überraschungerfolg dieser Größenordnung einen weiteren Roman folgen zu lassen und dann gleich bei einem renommierten Literaturverlag wie Hanser.
Von außen betrachtet ist das Buch sehr gelungen. Der in schwarzgold gehaltene Einband ist auffällig, die darauf abgebildete Stella Goldschlag zieht Blicke auf sich – ganz sicher ein Eyecatcher in den Buchhandlungsauslagen.
Der Roman hangelt sich an einer wahren Geschichte entlang. Anders kann ich es nicht formulieren und anders mag ich es auch nicht nennen. Es geht um Stella Goldschlag, eine Jüdin, die als „Greiferin“ für die Gestapo arbeitete, d.h. versteckte Juden aufspürte und verhaften ließ. Zunächst wohl, um ihre Eltern zu retten, ihre Motive nach dem Tod der Eltern in Auschwitz sind unklar.
Wichtig ist es zu wissen, dass Würgers Roman Fiktion ist, dass er zwar Namen und ein paar äußere Umstände übernommen hat, aber diese Bausteine recht beliebig über den Text verteilt. So beginnt die Geschichte mit dem jungen Schweizer Friedrich, über dessen Herkunft wir tatsächlich mehr erfahren als über Stellas Lebensumstände. Er wächst bei reichen, aber reichlich seltsamen Eltern auf. Seine alkoholkranke Mutter möchte aus dem Jungen unbedingt einen Künstler machen, der Vater schaut mehr oder weniger hilflos zu. Diesen Teil des Textes fand ich übrigens hervorragend geschrieben. Er hilft die spätere grenzenlose Liebesbedürftigkeit Friedrichs zu verstehen, gibt dem ansonsten eher blassen Charakter Struktur.
Friedrich geht als Kriegstourist nach Berlin. Dem reichen Schweizer stehen alle Türen offen, sein Geld sorgt für Annehmlichkeiten, die normale Bürger längst nicht mehr haben. In einer Kunstschule lernt er die junge Kristin kennen, Aktmodell und eher erfolglose Nachtclubsängerin, und verliebt sich in sie. Kristins Gefühle bleiben im Dunkeln. Mag sie Friedrich wirklich oder ist es eher sein Geld und der Luxus, der ihn umgibt, die sie anziehen? Die Beiden werden eine Art Paar, auch als sich herausstellt, dass Kristin eigentlich Stella heißt und einen eher dubiosen Hintergrund hat. Überhaupt scheint nichts so zu sein, wie es scheint. Was machen in einem solchen Chaos also Freundschaft und Liebe aus? Und wie lange kann man zu Menschen stehen, die die eigenen Überzeugungen nicht teilen?
Eigentlich spannende Fragen. Leider bleibt es bei einer eher seichten Liebesgeschichte, einer Mischung aus „Cabaret“ und „Der blaue Engel“. Der naive Friedrich tappt durch das nationalsozialistische Berlin, als wäre er nicht nur farben- sondern auch gesinnungsblind. Kristinchen versucht sich ein wenig als verruchtes Dietrich-Double, wirkt dabei aber eher nervig als interessant.
Insgesamt wäre es wahrscheinlich schlauer gewesen, Friedrich eine weitere erfundene Person zur Seite zu stellen, eine ohne realen Hintergrund. Es reicht nicht, Prozessakten zu zitieren, um der Geschichte einen ernsthafteren Touch zu geben, wenn man dann nicht weiter in die Tiefe geht. Was hat diese Frau getrieben, sich als Menschenjägerin zu betätigen, selbst als der Ursprungsgrund hinfällig war? Was hat sie zu einer lebenslangen Judenhasserin gemacht, sie, die Jüdin?
Es geht in diesem Roman eigentlich um Friedrich, um seine Sicht der Dinge, um sein Zeiterleben. Wozu also einen realen Lebenslauf verbiegen? Weil Literatur das darf? Natürlich darf sie, aber muss sie auch?
Würger kann schreiben, ohne Frage, aber für mich hat er sich an diesem Thema überhoben. Allzu beliebig wurde, was emotionale Wucht hätte haben können. Schade.

Ich danke dem Hanser Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

Weitere Besprechungen dieses Buches:

AstroLibrium https://astrolibrium.wordpress.com/2019/01/11/stella-von-takis-wuerger/
Frau Hemingway https://frau-hemingway.de/stella-von-takis-wuerger-oder-wie-weit-wuerdest-du-gehen/
Wortgelüste http://wortgelueste.de/wuerger-stella/

 

Addie und Louis

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Unsere Seelen bei Nacht

Kent Haruf

aus dem Amerikanischen von pociao

am 12.Dezember 2018 in der Taschenbuchausgabe erschienen im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-24465-6

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Addie und Louis sind langjährige Nachbarn. Beide sind über siebzig Jahre alt und kennen sich noch aus der Zeit, als ihre Ehepartner noch lebten. Nun sind sie einsam und so nimmt Addie eines Tages ihren ganzen Mut zusammen und fragt Louis, ob er nicht die Nächte mit ihr zusammen verbringen möchte. Denn die Nächte sind am schlimmsten und vielleicht zu zweit nicht mehr ganz so furchterregend. Louis ist nicht abgeneigt, daher starten sie gleich einen Versuch. Es geht zunächst nicht um Körperliches, es geht um Gespräche, um Nähe, um Zusammenhalt. Doch so nach und nach scheint die Liebe sich einen Weg zu bahnen. Bis Addies Sohn versucht, dem seiner Meinung nach unpassenden Verhalten seiner Mutter ein Ende zu setzen…
Nachdem ein anderer Roman Kent Harufs, „Lied der Weite“, mir zu amerikanisch war, zu lakonisch, bin ich zugegeben diesem Buch gegenüber ein wenig skeptisch gewesen. Andererseits hat mich das Thema interessiert, fand ich diese Idee eines späten Glücks so berührend, dass ich es trotzdem unbedingt lesen wollte. Und „berührend“ ist tatsächlich das richtige Wort für die Geschichte von Addie und Louis. Es ist wunderschön zu lesen, wie sie sich näher kommen, wie zu den Nächten auch Tage kommen, wie sie immer mutiger und glücklicher werden. Ich war bei der Lektüre allerdings auch unendlich wütend. Wütend über den Gegenwind, den sie bekommen, über den Sohn, der seiner Mutter ihr Glück nicht gönnen kann, nur Schlechtes zu sehen vermeint und seine Missgunst zu verbrämen versucht mit der Aussage, er müsse ihren Ruf beschützen. Und so ist dieser Roman leider genauso traurig wie schön.
Denn wie viele ältere Menschen haben mit der Tatsache zu kämpfen, dass späte Liebe gesellschaftlich verpönt ist? Dass sie als ungehörig gilt und man doch lieber brav mit im Schoß zusammengefalteten Händen auf den Tod warten sollte? Dass Kinder und Enkel um ihr Erbe fürchten oder es ihnen schlicht peinlich ist? Aber warum eigentlich? Warum sollten Menschen ab einem gewissen Alter zu Einsamkeit verdammt sein? Warum sollten sie ihr Leben nicht geniessen dürfen und es vor allem leben nach ihren Vorstellungen?
Kent Haruf hat einen nachdenklich stimmenden Roman geschrieben zu einem durchaus aktuellen Thema, aber auch ein anrührendes Gegenstück zu „Romeo und Julia“. Dort ist es die erste Liebe, die gesellschaftlichen Zwängen ausgesetzt ist, hier die letzte Liebe.
Ein feinfühliger Roman über ein ernstes Thema, aber auch in weiten Teilen eine wunderbar warme und zärtliche Liebesgeschichte.

 

Charmanter Roadtrip

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Anatol studiert das Leben

Susanne Falk

2018 erschienen im Picus Verlag

ISBN 978-3-7117-2065-8

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Pünktlich vor Toreschluß, d.h. Weihnachten, möchte ich noch den charmantesten und verrücktesten Roman des Jahres vorstellen. Wer also noch nach Geschenken sucht oder sich selbst eine Freude machen möchte, dem sei dieser wunderbare Roman ans Herz gelegt.
Anatol ist anders. Er hat Anschlußschwierigkeiten, einen Zähltick und weiß trotz intensiver Beobachtung nicht so richtig, wie Menschen eigentlich funktionieren. In seiner großen, lauten, warmherzigen Familie ist das kein Problem, aber im Umgang mit Fremden kommt es doch regelmäßig zu Unstimmigkeiten. Damit er menschliches Verhalten noch besser studieren kann, ist Anatol Museumswärter geworden: die Besucher betrachten die Bilder, Anatol betrachtet die Besucher. Bis sie eines Tages vor einem Chagall steht: Marcelline, Kunststudentin aus Nantes. Und Anatol entdeckt die Liebe. Kurzentschlossen packt er sich bei nächster sich bietender Gelegenheit den Chagall unter den Arm und macht sich auf den Weg nach Nantes. Zu Fuß. Ohne Geld. Ohne Jacke. Mit der Polizei auf den Fersen.
Der Roman ist vollgepackt mit Leben und unzähligen skurrilen Charakteren, allen voran Anatols Großmutter, einer gefeierten Burgschauspielerin mit Josef-Meinrad-Spleen. Eine völlig verrückte, komplett unglaubwürdige Geschichte, die aber so liebenswürdig ist, dass man sich wünscht, sie könne wahr sein. Anatol berührt die Menschen auf seinem Weg und er berührt dabei auch die Leser. Was mich allerdings am meisten beeindruckt hat, ist, wie geschickt Susanne Falk die Waage hält zwischen Skurrilität, Rührseligkeit, Romantik, Spannung, Drama und Abenteuer. Die Mischung ist nämlich genau richtig, kippt nie in ein Extrem und ist auch niemals zu abgedreht. Und sie ist ein Plädoyer für Menschlichkeit und Liebe, für Akzeptanz und gelebtes Anderssein. Weil „anders“ eben meist nicht schlechter ist, sondern nur ein anderer Blickwinkel. Und andere Blickwinkel erweitern den Horizont. Ein wirklich ganz entzückender, vergnüglicher Roman mit einer riesigen Portion Warmherzigkeit. Ein Vorrat für kalte Zeiten.