Gereon Rath

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Der nasse Fisch
Volker Kutscher
erschienen am 03.01.2020 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-31594-4

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Gefühlt war ich der einzige Mensch in Deutschland, der bisher weder Bücher der Gereon Rath-Reihe gelesen, noch die daraus entstandene Serie Babylon Berlin gesehen hatte. Das hat sich nun tatsächlich geändert. Ein bisschen wundere ich mich im Nachhinein schon, dass ausgerechnet ich diese Mischung aus klassischem hardboiled Krimi und Zwanziger Jahre-Flair so lange nicht wahrgenommen habe. Die sozialen Medien waren voll davon, mein Mann hat von der Serie geschwärmt und … Frau Lehmann war scheinbar nicht anwesend.
Bis ich in der Vorschau des Piper Verlags quasi darüber gestolpert bin. Schallend ausgelacht wurde ich dafür: oh, ein Zwanziger Jahre-Krimi und oh, die Vorlage für Babylon Berlin, davon habe ich Dir schon vor Monaten erzählt, war der Kommentar des besserwissend lächelnden Gatten.
Für eventuell doch noch vorhandene Unwissende, die sich gerade verzweifelt fragen, wovon ich hier eigentlich schreibe, folgt nun eine kleine Zusammenfassung. Alle anderen dürfen diesen Abschnitt getrost überspringen.
Der junge Polizeikommissar Gereon Rath wird wegen eines Vergehens aus dem Kölner Morddezernat nach Berlin zur Sittenpolizei versetzt. Es ist das Jahr 1929, überall machen in Berlin verbotene Clubs auf, die Pornoindustrie boomt, es fließen Ströme von Alkohol und Drogen, der berühmte Tanz auf dem Vulkan ist in vollem Gange. Durch einen Zufall bekommt Rath Informationen zu einer laufenden Mordermittlung. Um sich zu profilieren und gegebenenfalls wieder in eine Mordkommission versetzt zu werden, ermittelt er auf eigene Faust weiter. Dabei verliebt er sich in seine Kollegin Charlotte Richter und stochert in diversen Schlangengruben herum.
Warum ist da eigentlich noch nicht eher einer auf die Idee gekommen, dass das Berlin der Weimarer Republik genau der Ort sein könnte, an dem ein deutscher Philip Marlowe sich heimisch fühlen könnte? Und ist das tatsächlich die erste deutsche Krimireihe, die an die Traditionen Chandler und Hammett anschließt?
Das Setting könnte jedenfalls nicht besser gewählt sein. Der Erste Weltkrieg ist verloren, die Weltwirtschaftskrise droht. Rechte und linke Gruppierungen liefern sich bewaffnete Straßenschlachten, der Nationalsozialismus hat sein hässliches Haupt schon erhoben. Berlin brennt. Die Menschen feiern, um zu vergessen. Kinos, Varietétheater, Nachtclubs schießen aus dem Boden, kontrolliert und geleitet von Verbrecherkartellen. Die Polizei hat es nicht leicht, für Recht und Ordnung zu sorgen, schon allein deshalb nicht, weil hohe Vorgesetzte sich eher von der Politik leiten lassen als von der Gesetzeslage. Es wird geküngelt, vertuscht und gemauschelt, Akten verschwinden, Menschen auch. Sicher ist im Leben nur der Tod.
Gereon Rath muss die Gesetze der Hauptstadt erst lernen. Und stellt dabei fest, dass es gar nicht so leicht ist, in diesem Sumpf ehrenhaft zu handeln. Vor allem dann nicht, wenn einen der eigene Ehrgeiz antreibt, der Wunsch sich zu beweisen. Rath ist kein eindimensionaler Held. Er hat Fehler, Schwächen, er ist unsicher, verrennt sich, raucht wie ein Schlot, säuft ganz gern und ist auch bei Kokain nicht abgeneigt. Und er hat einen Übervater im Nacken, einen mit Verbindungen zum Polizeipräsidenten, der ihn behandelt wie eine Schachfigur. Kurz, Rath ist ein Getriebener. Und passt deshalb so hervorragend in diese atemlose Stadt.
Inzwischen kann ich verstehen, warum die Reihe so beliebt ist. „Der nasse Fisch“ ist im Grunde nahezu perfekt: gut recherchiert, ausgefeilte und ausbaufähige Charaktere in einer hochexplosiven Zeit und ein spannender Fall, geschichtlich plausibel umgesetzt. Mehr kann man eigentlich von einem Krimi kaum verlangen. Gereon Rath hat einen weiteren Fan.

Ich danke dem Piper Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Ein Jahr ist vergangen

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Niklas Natt och Dag
Aus dem Schwedischen von Leena Flegler
erschienen am 03.01.2020 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-06194-0

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Die Fortsetzung von Niklas Natt och Dags letztjährigem Erfolgsroman ist da. Damit hatte ich nicht zwingend gerechnet. Nachdem Natt och Dag den interessanteren seiner beiden Ermittler im vorherigen Band sterben liess, war mein erster Gedanke, dass daher wohl kein weiterer Band geplant sei. Den Körper ohne den Kopf ermitteln zu lassen, erschien mir begrenzt sinnvoll. Dem Autor ging es wohl ähnlich. Und so hat er für die nun doch erfolgte Fortsetzung eine Lösung ersonnen, die für mich der einzige Haken am ansonsten überaus gelungenen zweiten Teil ist, wenn sie auch die Möglichkeit bietet, nun eine ganze Reihe zu entwickeln. Die Lösung, anders werde ich sie aus Spannungsgründen nicht nennen, erscheint mir wenig plausibel, ein wenig zu sehr aus der Trickkiste des Schriftstellers gezogen. Aber sei’s drum… Denn, es geht weiter!
Jean Michael Cardell, zutiefst getroffenes Überbleibsel eines Duos, ist am Boden angekommen. Um den Schmerz über den Verlust Winges zu ertragen, säuft und prügelt er sich durch die Tage. Bis eine Frau ihn in einem bizarren Mordfall um Hilfe bittet: ihre Tochter wurde in der Hochzeitsnacht bestialisch gefoltert und umgebracht. Angeblicher Täter soll der frisch angetraute Ehemann sein, der nun sein Leben in einem Irrenhaus fristet. Die Frau glaubt dieser offiziellen Version nicht und irgendetwas an ihrer Geschichte bringt Cardells Gerechtigkeitssinn zum Klingen…
Natt och Dags Romane sind definitiv nichts für zartbesaitete Seelen. Sein Stockholm um 1790 hat keine nett für den Leser gefegten Gassen. Der Dreck ist kniehoch, der Gestank unerträglich, die Menschen sind in weiten Teilen verroht und arm jenseits aller heutigen Vorstellungen. Ich bin kein Freund allzu blutiger Darstellungen, aber dieser Autor metzelt sich nicht sinnlos durch seine Bücher. Seine zugegeben sehr drastischen Beschreibungen entsprechen den Verhältnissen. Die Armen- und Irrenhäuser waren eine beständige Drohung für alle Mittellosen, die Zustände grauenerweckend. Und auch das Spinnhaus aus dem ersten Teil hat seine alptraumhafte Existenz nicht aufgegeben. Überhaupt begegnen wir so einigen Charakteren aus dem ersten Teil wieder, etwas, was ich an Reihen durchaus schätze, die Fortentwicklung wichtiger Charaktere. Keine aus der Zeit gefallenen Einzelfälle, sondern ein bleibendes Umfeld, auch das macht eine Romanreihe realistischer.
Fazit: der zweite Teil ist meiner Meinung nach ein kleines bisschen weniger ausgereift als der erste wirklich herausragende Teil. Das sollte aber für den Leser keinen Ausschlag geben, denn auch der zweite Teil besticht durch einen ungewöhnlichen Kriminalfall, tiefe Einblicke in die schwedische Gesellschaft um 1790, sehr realistische Beschreibungen, eine akribische Recherche zu den Gegebenheiten und Spannungsbögen, die ununterbrochenes Lesen zu einem Muss machen. Chapeau!

Ich danke dem Piper Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.