Bruder Cadfael

49653948_1468331396631840_644417447142621184_n

Das Licht auf der Straße nach Woodstock

Ellis Peters

aus dem Englischen von Jürgen Langowski

erschienen 1996 im Heyne Verlag

 

Es ist mal wieder Zeit für Fundstücke im Bücherregal. Wobei das diesmal kein richtiger Fund war, weil ich ja weiß, dass ich Cadfael-Romane dort habe. Aber sie sind im Buchhandel vergriffen, was ich äußerst schade finde.
Bruder Cadfael ist ein Mönch, der zwischen 1120 und 1145, in der Benediktinerabtei Shrewsbury in England, Kriminalfälle löst. In diesem Band erfahren wir, wie es dazu kommt, dass der Krieger Cadfael das Schwert niederlegt, um die Kutte zu wählen. Dabei löst er natürlich gleich seinen ersten Fall und hat sozusagen seine Berufung gefunden. Es ist eine aufregende Zeit, in der er da lebt. Der Thron ist heiß umkämpft. Hunger, Armut und Seuchen bedrücken die Menschen, von denen viele in Leibeigenschaft leben.
20 Bände hat Ellis Peters von 1977 bis 1994 ihrem kämpferischen Mönch gewidmet, der bei Unrecht nicht ruhen kann, bis er den Schuldigen gefunden hat, unabhängig von dessen Stand und Macht. Gut recherchiert, kommt die Reihe mit wenig Blut aus, vielmehr wird die mittelalterliche Abtei und der dazugehörende Ort Shrewsbury zu neuem Leben erweckt. Dank Cadfaels Heilertätigkeiten erfährt man auch viel über Kräuter und Tinkturen, die zu der Zeit genutzt werden.
In den Neunzigern wurde die Reihe mit Sir Derek Jacobi verfilmt. Ich mag die Serie, auch wenn sie natürlich heutigen Verfilmungsansprüchen nicht mehr gerecht wird.
Im Grunde liegt da ein kleiner, inzwischen nahezu unbekannter Schatz, den man wieder auflegen und ganz sicher auch spannend neu verfilmen könnte.

Cormoran Strike

Weisser Tod von Robert Galbraith

Weisser Tod

Robert Galbraith

Deutsch von Wulf Bergner, Christoph Göhler und Kristof Kurz

erschienen am27.Dezember 2018 im Blanvalet Verlag

ISBN 978-3-7645-0698-8

bestellen

 

Ich hatte ja so meine Zweifel. Und ich konnte sie verstehen. Joanne K. Rowling meine ich. Ich mag die Harry Potter-Bände, wirklich. Ich finde sie unglaublich phantasievoll, lebendig und hervorragend geschrieben. Aber der Hype darum geht mir nun schon seit geraumer Zeit auf den Nerv.
Als ich dann las, Frau Rowling hätte nun unter dem Pseudonym Robert Galbraith einen Krimi verfasst, dachte ich zuerst etwas eher unfreundliches, etwas in Richtung „auch das noch“. Und fast im selben Augenblick dachte ich, was soll sie auch sonst machen, damit die Leute ihre weiteren Bücher lesen ohne zu vergleichen? Da das Pseudonym ja aber schneller gelüftet war als man „Cormoran Strike“ sagen kann, war es eigentlich auch für die Katz. Oder eine Werbemasche, dann war es erfolgreich. Nichtsdestotrotz hätte ich über all diesen Überlegungen fast vergessen, dass Frau Rowling eines wirklich gut kann, nämlich spannende Geschichten erzählen. Und als mir das wieder einfiel, griff ich zum Buch…
Inzwischen habe ich gerade den vierten Band der Reihe gelesen. Und warte seitdem sehnsüchtig auf den fünften (nicht lachen!). Die Reihe um den Privatdetektiv Cormoran Strike und seine Assistentin Robin Ellacott ist ebenso spannend wie charmant. Besonders beeindruckend finde ich dabei, dass Frau Rowling eigentlich ausschließlich mit altbekannten Versatzstücken arbeitet: der eigenbrötlerische Privatdetektiv, seine attraktive rothaarige Partnerin, die Frage, ob sie nun ein Paar werden oder nicht. Obwohl man das alles kennt, hundertemal woanders gelesen hat, ist es keine Sekunde langweilig. Es sind Details, die den Unterschied machen: Strikes Beinprothese, die eben nicht irgendwie cool ist, sondern bei Belastung schmerzt, Robins Panikattacken, seit sie fast Opfer eines Serienmörders geworden wäre, Geldsorgen, seltsame Klienten – lebendige Charaktere eben und trotz der Schablonenhaftigkeit nicht hölzern. Ein modernisierte Version des klassischen Krimis, nahe an Elizabeth Georges Stil.
Auch, wenn die einzelnen Bände bzw Fälle abgeschlossen sind, würde ich chronologisches Lesen empfehlen, denn die Entwicklung des beständigen Personals ist fortlaufend und der Einstieg in den 4.Band z.B. wird leichter, wenn man weiß, was Strike dazu bringen konnte, unangemeldet in Robins Hochzeit zu platzen.
Wenn man also gut geschriebene Krimis mag, die nicht zielgerichtet kurz und knapp der Lösung zustreben, sondern ausufernd (ca 860 Seiten) den Fall von jeder möglichen Seite betrachten, die genug Raum haben für Privatbesuche bei den Ermittlern und ihrem Umfeld, dann dürfte man an dieser Reihe seinen Spass haben.
Da bisher jeder Band dicker war als der vorhergehende, bin ich übrigens sehr gespannt, welche Seitenzahl uns im fünften Band erwartet. Aber das nur am Rande…

Chandler auf jiddisch

9783462039726_5

Die Vereinigung jiddischer Polizisten

Michael Chabon

Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Fischer

erschienen am 16.04.2008 als HC und am 16.08.2018 als TB bei Kiepenheuer & Witsch

ISBN des TB 978-3-462-05238-1

bestellen

 

Sitka, Alaska. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Atombombe auf Berlin, durften sich geflüchtete Juden dort mit Erlaubnis der Amerikaner einen eigenen kleinen Staat errichten. Nun soll die Enklave zurück an die USA fallen und die dort wohnenden Juden wären wieder heimat- und staatenlos. In dem Chaos der Abwicklung und inmitten sich auflösender Behörden und Zuständigkeiten geschieht in einem kleinen, schmierigen Hotel ein Mord. Ein junger Schachspieler wird mit einer Kugel im Kopf auf seinem Zimmer aufgefunden. Der zufällig im selben Hotel wohnende Polizist Meyer Landsman beginnt zu ermitteln und sticht dabei in ein Wespennest.
Was für ein grandioser Roman! Einerseits ein Krimi im Stile Chandlers, mit einem Protagonisten, der ähnlich zerbeult agiert wie Philip Marlowe, andererseits aber auch ein Blick auf die unterschiedlichen Strömungen jüdischen Lebens. Die Chassidim und Zionisten kommen dabei eher schlecht weg, verhalten die „Schwarzhüte“ sich doch ähnlich wie die Mafia und haben ihr Netzwerk über ganz Sitka gespannt.
Mit ungeheurer Fabulierlust, viel Wortwitz und genauso viel Einfühlungsvermögen führt uns Chabon durch seine Welt bzw durch Meyer Landsmans Welt. Glaube, Politik, Schach, die große Liebe, Identitätsfragen, Chabon verbindet und mischt diese Themen hemmungslos. Sein Blick ist zugleich zynisch, schwarzhumorig und liebevoll. Das muss einem erst einmal gelingen! Und wenn dann noch Ureinwohnerrecht auf jüdische Befindlichkeiten trifft, wird die Mischung explosiv…
Es ist beeindruckend, wie mühelos Chabon ein Meer durchquert, das klippenreicher nicht sein könnte. Er überschreitet Grenzen und verteilt seine Spitzen hemmungslos in jede Richtung: seien es geldgierige Stammesregierungen, tiefgläubige Mafiosi, gewinnorientierte Amerikaner oder attentatsbereite Zionisten. Und so ganz nebenbei zeigt dieser Roman auch, dass Menschlichkeit und Fanatismus sich ausschließen. Immer.
Wer also Krimis mag, wer… ach, Unfug! Lest dieses Buch, es ist einfach rundherum großartig!

Krimikomödie

Story-Harry-US-Final-uc.indd

Immer Ärger mit Harry

Jack Trevor Story

Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow

2018 erschienen im Dörlemann Verlag

ISBN 978-3-03820-054-3

bestellen

 

Der November ist nicht gerade mein liebster Monat. Meistens ist es dunkel, nass und kalt, ich mag mich noch nicht vom Sommer trennen und Weihnachten ist zunächst nur ein kleiner Lichtpunkt am Ende des Tunnels. Zu keinem anderen Zeitpunkt des Jahres findet man mich so sicher mit Buch und Tee unter einer Wolldecke.
Aber wenn mir dann in dieser finst’ren Zeit ein Buch wie dieses in die zähneklappernden Finger gerät, kann es passieren, dass der Sommer für einen Tag zurück kommt. „Immer Ärger mit Harry“ ist ein Schätzchen, eine seltene Perle des schwarzen Humors und in der Ausgabe des Dörlemann Verlags innen wie außen perfekt. In weinrotes Leinen gebunden und mit einer Jagdszene auf dem Vorsatzpapier, ist das Buch einfach wunderschön und hat als I-Tüpfelchen sogar ein Lesebändchen. Wer also noch nach Geschenken sucht, möge dieses Büchlein ins Auge fassen.
Der Roman ist ein Klassiker britischer Krimiliteratur. Veröffentlicht 1949, wurde er 1955 von Alfred Hitchcock verfilmt. In meinem Jahrgang und darunter dürfte wirklich noch jeder den Film oder zumindest den Titel kennen.
Harry liegt tot im Wald. Scheinbar wurde er ermordet und nach und nach tauchen diverse Personen auf, die alle Grund zu der Annahme haben, sie hätten Schuld an seinem verfrühten Ableben. Was nun folgt, ist britischer Humor in Perfektion. Genüsslich beschreibt Jack Trevor Story, wer nun mit wem wie versucht die Leiche zu beseitigen, wer sich dabei in die Quere und wer sich näher kommt. Das ist streckenweise einfach herrlich komisch, auf diese alte elegante Art, ohne unter die Gürtellinie zu gehen oder gewollt zu wirken. Ein charmanter, unbeschwerter Lesespass und gleichzeitig ein Glanzstück englischer Kriminalliteratur -perfekt!

Und keiner hat es gemerkt?

9783608962994

Das Geheimnis der Grays

Anne Meredith

aus dem Englischen von Barbara Heller

erschienen 2018 im Klett-Cotta Verlag

ISBN 978-3-608-96299-4

bestellen

 

Ich liebe britische Krimis. Ja, ich weiß durchaus, dass das einigen schon bekannt ist. Aber ich hätte mich trotzdem unendlich gefreut, die Rezension in bereits bekannter Weise zu verfassen. Ich hätte irgendetwas von Schnee, Kaminen, Tee und Scones erzählen können, von warmen Wolldecken und wohligem Lesegefühl.
Aber mein Lesegefühl war keineswegs wohlig und am Tee hätte ich mich wahrscheinlich verschluckt. Dabei ist der dritte Band der Weihnachtskrimi-Reihe von Klett-Cotta wieder wunderschön aufgemacht und meine Vorfreude war entsprechend groß.
Am Anfang war auch noch alles gut, soweit das bei einem Krimi möglich ist. Die Grays, eine recht verzweigte Familie trifft sich über die Weihnachtsfeiertage bei Adrian Gray, dem Familienoberhaupt. Ein altes Landhaus, Schnee, und jede Menge Menschen mit Sorgen und Nöten. Relativ schnell wird der alte Gray tot aufgefunden. Genauso schnell erfahren wir, wer der Mörder ist. Anne Meredith möchte den Fall nämlich auch aus der Perspektive des Mörders zeigen. Das ist übrigens nicht der Grund meines anhaltenden Ärgers, auch wenn man das meinen könnte. Die Idee ist nicht unspannend.
Der Roman ist von 1933. Man hat das meist so nicht vor Augen, aber weite Teile der Briten waren Hitler durchaus gewogen. Er wurde bewundert und hofiert, seine Pläne keineswegs abgelehnt. Dazu gehörte auch eine Abneigung gegen Juden, die die Autorin scheinbar geteilt hat.
Eine der Töchter des Hauses ist mit einem Aktienspekulanten verheiratet, der an einem riskanten Manöver scheitert und viele Menschen in den Ruin treibt. Zuerst stolperte ich über folgende Formulierung: „Doch er hielt eisern am Familiensinn seines Volkes fest und scheute – seine Frau ausgenommen – körperliche Kontakte.“ (S 38) Welches Volk sollte das denn sein, fragte ich mich, war doch bisher nichts über Eustace berichtet worden, das vermuten liess, er sei kein Engländer. Aufklärung erfolgt nicht, nur auf Seite 41 heißt es dann: „Mit dem feinen theatralischen Gespür seines Volkes fand Eustace genau die pathetischen Phrasen…“ Und immer noch tappte ich im Dunkeln. Auf Seite 42 dann die Lösung: Es hieß, Juden seien korpulent, ja geradezu fett, besonders die Finanzleute unter ihnen, aber man konnte sich niemanden vorstellen, der weniger dem literarischen Bild der Juden entsprach als Eustace. Nur der gewiefte Ausdruck des dunklen Gesichts und das glatt aus der bleichen Stirn gekämmte Haar verrieten seine Abstammung.“ Am gewieften Gesichtsausdruck erkennt man den Juden? Interessant, durchaus. Diesem Mann soll dann die Schuld für den Mord in die Schuhe geschoben werden, er hätte es laut Anne Meredith auch mehr verdient als der Mörder, ein jämmerlicher, selbstsüchtiger Möchtegernkünstler ohne Verantwortungsgefühl, den die Autorin aber deutlich bevorzugt.
Wie kann man ein solches Buch veröffentlichen, ohne im ja doch vorhandenen Nachwort auch nur mit einer Silbe auf diese den Roman durchströmenden Tendenzen einzugehen? Wie kann man nett über diese Autorin plaudern, über ihre Erfolge und Misserfolge und wechselnden Pseudonyme berichten und ihre judenverachtende Schreibweise völlig unter den Tisch kehren? Einer Autorin, die noch in den letzten Sätzen des Romans diesem Eustace, dem Schacherer mit „der markanten Nase“ (damit auch kein Klischee fehlt) jeglichen Lebenswert abspricht.
Nicht eine Kritik erwähnt diesen Umstand, die meisten, die ich gelesen habe, sind wohlwollend. Ernsthaft? Ich lese gerne und häufig Krimis aus dieser Zeit, aber so etwas ist mir noch nicht untergekommen. Es kann doch nicht sein, dass nur ich das so wahrnehme? Ich bin nicht nur nicht amüsiert, ich bin irritiert, traurig und vor allem zornig. Und wenn es nach mir geht, kann Miss Meredith auch wieder in der Versenkung verschwinden, aus der man sie so unverdient hervorgezogen hat.

Adamsberg auf Abwegen

Der Zorn der Einsiedlerin von Fred Vargas

Der Zorn der Einsiedlerin

Fred Vargas

Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze

am 29.10.2018 erschienen im Limes Verlag

ISBN 978-3-8090-2693-8

bestellen

 

Um damit gleich zu beginnen, ich liebe die Krimis von Fred Vargas und sie stehen ausnahmslos alle in meiner Bibliothek. Ich mag die Art, wie Kommissar Adamsbergs mäandernde Gedanken mich zwingen mein Lesetempo herunterzufahren, damit ich nichts Entscheidendes verpasse; ich mag es, wie die Realität an den Rändern verschwimmt, um dem Unwahrscheinlichen Raum zu geben; ich mag Vargas‘ ungewöhnliche Ideen, den häufigen geschichtlichen Bezug, bei dem ich immer auch etwas lerne. Daher musste der neue Roman auch am Tag des Erscheinens bei mir einziehen.
Doch ich muss gestehen, ich bin enttäuscht. So wie Adamsberg kurz vor einem Burn-out zu stehen scheint, scheint auch seiner Autorin die Luft auszugehen. Gerade das Privatleben des Kommissars, sein Sohn, seine verlorene Liebe waren der Gegenpol zu den bizarren Fällen, machten Adamsberg menschlich. Das Alles fehlt in diesem Band zur Gänze. Nun ist er nur noch unfehlbarer Ermittler, der seine Kollegen in den Wahnsinn treibt, Kollegen, die übrigens auch von lebendigen Charakteren zu Schablonen erstarrt zu sein scheinen. Man verstehe mich nicht falsch, Vargas komponiert und formuliert nach wie vor fabelhaft, aber es wirkt eher mühselig als leichtfüssig. Ich glaube, eine etwas weniger außergewöhnliche Ermittlung und etwas mehr Konzentration auf die Entwicklung der Charaktere könnte dem Ganzen gut tun.
Der Hauptfall ist so ungewöhnlich, wie man es von der Autorin gewohnt ist. Es geht um Spinnenbisse und Einsiedlerinnen, um Vergeltung und Missbrauch. Und auch, wenn ich diesen Band deutlich schlechter im Vergleich zu den anderen fand, habe ich ihn an einem Tag gelesen. 506 Seiten. Unansprechbar für die Aussenwelt. Was nur zeigt, dass auch ein mittelprächtiger Vargas immer noch deutlich besser ist als neunzig Prozent aller anderen Krimis. Und nun bleibt mir nur zu hoffen, dass der nächste Band wieder besser gelingt und Fred Vargas wieder zurückfindet zu ihrer wunderbaren Truppe, die sich ja dadurch ausgezeichnet hat, dass sie eben nicht nur Stereotypen abgebildet hat, formelhaft erstarrte Gestalten, sondern aus lebendigen Charakteren besteht.
Für Ersttäter empfiehlt es sich übrigens tatsächlich mit Band 1 zu beginnen und nicht mittendrin, finde ich. Auch wenn die Fälle abgeschlossen sind, baut das Zwischenmenschliche aufeinander auf, versteht man die Menschen besser mit ihrem Hintergrund. Wer also mit den Vargas-Krimis beginnen möchte, der greife zu „Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord“.

Der perfekte Weihnachtskrimi

9783832198640

Ein Mord zu Weihnachten

Francis Duncan

Aus dem Englischen von Barbara Först

erschienen 2017 im DuMont Buchverlag

ISBN 978-3-8321-9864-0

bestellen

 

Ich weiß nicht, wie viele Rezensionen ich schon mit diesem Satz begonnen habe, aber sei’s drum: ich liebe britische Krimis! Eine mehr oder weniger geschlossene Gesellschaft, ein Ermittler, der außergewöhnlich kluge Schlüsse ziehen kann und Lokalkolorit in Form von pittoresken Dörfchen, Herrenhäusern und Tee mit Scones – und schon bin ich glücklich.
In diesem Falle stimmt das Gesamtpaket: ein verschneites Cover, das je nach Lichteinfall geheimnisvoll golden zu schimmern beginnt (ich glaube, ich habe eine halbe Stunde damit verbracht, das Buch verzückt hin und her zu drehen), ein mir bisher nicht bekannter Autor mit hervorragendem Schreibstil (mehr als zwanzig Krimis soll Francis Duncan geschrieben haben, wo zum Henker finde ich die restlichen neunzehn und wieso überhaupt kenne ich den Mann nicht?) und ein logisch aufgebauter Plot, der zum Miträtseln einlädt ( der Vollständigkeit halber gehört die Klammer hier hin, nur Füllung habe ich diesmal keine).
Alle Jahre wieder lädt Benedict Grame, Hobbyweihnachtsmann aus Leidenschaft, eine ausgewählte Gästeschar ein, die Weihnachtstage auf seinem Landgut zu verbringen. Die Mischung besteht im Allgemeinen aus Familienmitgliedern, guten Bekannten und Menschen, die Grame im Laufe des Jahres kennenlernt und als interessant einschätzt. Auf diese Weise erhält auch Mordecai Tremaine eine Einladung, ein älterer Herr, dessen bevorzugtes Vergnügen in der Auflösung von Kriminalfällen besteht. Pünktlich zu Weihnachten liegt dann auch eine Leiche unter dem Tannenbaum und Tremaine ist in seinem Element.
Klassischer kann ein britischer Krimi wirklich nicht sein. Ein älterer, überaus höflicher Ermittler mit beständig rutschendem Kneifer, diverse Hausgäste unterschiedlichen Temperaments ( das junge verliebte Paar, die kalte Göttin, die Diva, der Trinker, das unscheinbare Ehepaar etc), ein Butler (jawoll!), ein Herrenhaus in tiefem Schnee und natürlich ein Mord, der relativ unblutig über die Bühne geht und somit den Leser mit relativ wenig Unbehagen erfüllt. Perfekt, und das meine ich ganz unironisch.
Ungefähr an dieser Stelle erwähne ich, auch schon Tradition meiner Besprechungen klassischer englischer Kriminalromane, Kamin, Wolldecke und Hunde, habe aber festgestellt, dass der Roman auch im Bett wunderbar lesbar ist. Und im Zug. Und beim Bäcker. Sogar im Stehen und ganz ohne Hund.
Und ich wünsche mir nun vom Weihnachtsmann (oder dem DuMont Verlag) die restlichen Romane Herrn Duncans, Goldschimmer bitte mit eingeschlossen.

 

Ein weiterer Lobgesang:

Chrissies bunte Lesecouch https://chrissisbuntelesecouch.wordpress.com/2017/12/17/ein-mord-zu-weihnachten-francis-duncan/

Mitford Manor

produkt-10003830

Die Schwestern von Mitford Manor – Unter Verdacht

Jessica Fellowes

Aus dem Englischen von Andrea Brandl

2018 erschienen im Piper Verlag

ISBN 978-3-86612-452-3

bestellen

 

Der Herbst ist da. Und mit ihm pünktlich mein Bedürfnis nach Tee, Kamin und Wolldecke. Da aber Tee, Kamin und Wolldecke ohne Buch recht langweilig sind, steigt natürlich auch mein Bedürfnis nach passender Lektüre. Und was könnte passender sein, als ein Krimi in englischen Adelskreisen, geschrieben von der Nichte des britischsten aller Briten Julian Fellowes, dem „Downton Abbey“-Fellowes?
Dem Klappentext entnehme ich, dass Jessica Fellowes die Begleitbände zur Serie geschrieben hat, und das merkt man ihrem eigenen Roman auch deutlich an. Wer also Sehnsucht hat nach dem Downton Abbey- Feeling, der liegt mit Mitford Manor sicher nicht verkehrt.
Mit den Mitfords hat sich die Autorin eine Familie herausgesucht, die wirklich existiert hat. Die Mitford Girls, die sechs Töchter Lord Mitfords, waren zu ihrer Zeit berühmt-berüchtigt sowohl für ihre Schönheit als auch für ihre Exzentrik. Relativ frei, aber ein wenig weltfremd erzogen, fanden sich unter ihnen dann u.a. eine Schriftstellerin, ein Nazi-Fangirl und eine Kommunistin. Die Tischgespräche müssen bisweilen wirklich schwierig gewesen sein…
In diesem Roman nun geht es um Nancy Mitford, die älteste der Schwestern. Intelligent, liebenswürdig, ein wenig oberflächlich, flatterhaft und bisweilen arg spitzzüngig, so wird die junge Dame in ihren Teenagerzeiten dargestellt. Ihr wird Louisa zur Seite gesellt, die, aus schwierigen Verhältnissen stammend, überglücklich ist über ihre Anstellung als Kindermädchen in der hochgeborenen Familie. Diese beiden nun, fast gleichaltrig und fast befreundet, einer echten Freundschaft stehen die gesellschaftlichen Verhältnisse im Weg, rutschen nahezu zufällig in die Ermittlungen zu einem Mord.
Wer nun einen zielgerichteten Krimi erwartet, liegt falsch. Der Autorin geht es mehr um die Beschreibung der adeligen Welt der Zwanziger Jahre, um erste Lieben und kleine Tändeleien, um das Leben in der Familie Mitford, sowohl als Familienmitglied als auch als Bedienstete. Der Mord dient mehr zur Erhöhung der Spannung zwischen Reisen nach London oder an die Küste, verbotenen Bällen und Tee mit Scones. Tatsächlich haben mich der Mordfall und seine Auflösung in einigen Teilen etwas verwirrt zurückgelassen. Aber im Grunde ist das nicht wichtig, denn Jessica Fellowes Schreibstil ist recht charmant und der Roman liest sich so locker-luftig und ist dabei so herrlich snobbish, dass es wirklich Spass macht ihn zu lesen. Geplant ist wohl eine sechsbändige Reihe, in der es in jedem Band um eine andere Schwester gehen soll. Diese Idee finde ich eigentlich recht gelungen und daher werde ich wohl auch die Folgebände lesen.

Ich danke dem Piper Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen dieses Romans:

Nana – Der Bücherblog https://nanafkb.wordpress.com/2018/09/23/rezension-die-schwestern-von-mitford-manor-unter-verdacht-jessica-fellowes/
Streifis Bücherkiste https://streifisbuecherkiste.wordpress.com/2018/09/04/die-schwestern-von-mitford-manor-unter-verdacht-jessica-fellowes/
Esthers Bücher https://esthersbuecher.wordpress.com/2018/09/26/jessica-fellowes-die-schwestern-von-mitford-manor-unter-verdacht/

Für regnerische Herbsttage

9783608962383

Mord in Cornwall

John Bude

Deutsch von Eike Schönfeld

erschienen 2018 im Klett-Cotta Verlag

ISBN 978-3-608-96238-3

bestellen

 

Klett-Cotta nimmt sich gerade auf liebevolle Weise des britischen Krimis an. In schönster Regelmäßigkeit erscheinen fast vergessene Romane mehr oder weniger bekannter Autoren in bester Agatha Christie-Manier. Und die Bücher sind schon ohne Inhalt wahre Schmuckstücke.
Dieses hier nun ist ein etwas betulicher Whodunnit, der in einem kleinen Fischerdorf an Cornwalls Küste spielt. In seinem Herrenhaus wird der wenig beliebte Julius Tregarthan erschossen aufgefunden. Die Polizei beginnt zu ermitteln, bedarf aber bisweilen der Hilfe des krimibegeisterten Pfarrers, der seine angelesenen Deduktionskünste nun in einem echten Mordfall nutzen kann. Wer schnelle Schnitte, rasante Verfolgungsfahrten oder blutige Gemetzelszenen erwartet, der wird sich hier relativ schnell langweilen. In dem Dörfchen geht alles weiter seinen Gang, jeder kennt jeden und jeder spekuliert. Spannend ist dabei nur das Mordsetting: ein Herrenhaus, einsam auf den Klippen, zwei Schüsse, aber keine Fußspuren, ein unbeliebter Toter und so einige in Frage kommende Verdächtige. Neben Reverend Dodd wäre auch Miss Marple auf ihre Kosten gekommen. Diese Art Krimi liest man am besten an einem regnerischen Herbsttag unter einer Wolldecke auf dem Sofa, selbstverständlich mit einem Tee und, für Perfektionisten, einem angekuschelten britischen Jagdhund. Ich bin Perfektionistin.
„Mord in Cornwall“ ist der erste Kriminalroman John Budes, und das merkt man dem Buch nicht wirklich an. Später wurde Bude unter seinem richtigen Namen Ernest Carpenter Elmore, John Bude ist ein Pseudonym, Mitbegründer der Crime Writers‘ Association und schrieb noch zahlreiche weitere Krimis.
Was ich an diesen klassischen britischen Krimis so liebe, ist die Tatsache, daß sie ein bißchen wie Märchen für Erwachsene funktionieren. Am Ende ist immer alles gut, der Mörder wurde gefasst, der Ermittler ist selten in unmittelbarer Gefahr und die Spannung entsteht durch das Miträtseln. Ein mit einem solchen Krimi gemütlich verbrachter Nachmittag erholt mich manchmal mehr, als aufwendig geplante Urlaube. Und deshalb hoffe ich, dass Klett-Cotta diese Reihe noch lange weiterführt.

Der Krimi und das ländliche England

Mit_Miss_Marple_aufs_Land-500x400

Mit Miss Marple aufs Land

Luise Berg-Ehlers

erschienen 2013 im Elisabeth Sandmann Verlag

ISBN 978-3-938045-77-0

 

Ich muss gestehen, ich liebe den klassischen britischen Kriminalroman. Ein Mord in einem hübschen, kleinen Dörfchen mit ein bißchen Dorfklatsch anbei, ein behagliches Kaminfeuer und eine gute Tasse Tee. Das Ganze nicht zu blutig und vor allem nicht zu actionreich und schon bin ich zufrieden.
Daher lag es nahe, mir diesen wirklich schön aufgemachten Bildband über englische Krimischriftstellerinnen zuzulegen. Unzählige Bilder aus dem idyllischen, ländlichen England, Informationen zu den bekanntesten Reihen, ich dachte, das alles wäre Grund genug.
Es gibt vereinzelte Ausschnitte aus den erwähnten Romanen, die ruhig ein wenig länger hätten sein dürfen, mit Sepiabildern ausgestattete Kurzbiographien und so possierliche Kapitelüberschriften wie „Alltägliches – Zwischen Tearoom und Pub“ oder „Sonntägliches – Es läuten die Glocken“. Dazwischen finden sich Texte über die Eigenheiten der Engländer im Allgemeinen und Besonderen, über typische Mordschauplätze im typischen Krimi, über Cricket und Krocket, über Dorffeste und Kirchgänge.
Schlußendlich sind mir persönlich die Texte zu oberflächlich und die Bilder zu nichtssagend, obwohl nett anzuschauen. Der ganze Band ist darauf ausgerichtet, Leute wie mich anzulocken, was ja auch gelungen ist, bleibt aber letztlich ein Staubfänger auf dem Wohnzimmertisch.
Die Autorin ist allerdings geschickter als ich darin, die Länge ihrer Texte auszudehnen, unverfänglich zu plaudern ohne zu große Langeweile aufkommen zu lassen. Daher wird meine Besprechung heute ungewöhnlich kurz ausfallen, denn mehr will mir zu diesem Buch einfach nicht einfallen. Netter Geschenkband für Bekannte mit einem Faible für Krimis.