Addie und Louis

pressebild_unsere-seelen-bei-nachtdiogenes-verlag_72dpi

Unsere Seelen bei Nacht

Kent Haruf

aus dem Amerikanischen von pociao

am 12.Dezember 2018 in der Taschenbuchausgabe erschienen im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-24465-6

bestellen

 

Addie und Louis sind langjährige Nachbarn. Beide sind über siebzig Jahre alt und kennen sich noch aus der Zeit, als ihre Ehepartner noch lebten. Nun sind sie einsam und so nimmt Addie eines Tages ihren ganzen Mut zusammen und fragt Louis, ob er nicht die Nächte mit ihr zusammen verbringen möchte. Denn die Nächte sind am schlimmsten und vielleicht zu zweit nicht mehr ganz so furchterregend. Louis ist nicht abgeneigt, daher starten sie gleich einen Versuch. Es geht zunächst nicht um Körperliches, es geht um Gespräche, um Nähe, um Zusammenhalt. Doch so nach und nach scheint die Liebe sich einen Weg zu bahnen. Bis Addies Sohn versucht, dem seiner Meinung nach unpassenden Verhalten seiner Mutter ein Ende zu setzen…
Nachdem ein anderer Roman Kent Harufs, „Lied der Weite“, mir zu amerikanisch war, zu lakonisch, bin ich zugegeben diesem Buch gegenüber ein wenig skeptisch gewesen. Andererseits hat mich das Thema interessiert, fand ich diese Idee eines späten Glücks so berührend, dass ich es trotzdem unbedingt lesen wollte. Und „berührend“ ist tatsächlich das richtige Wort für die Geschichte von Addie und Louis. Es ist wunderschön zu lesen, wie sie sich näher kommen, wie zu den Nächten auch Tage kommen, wie sie immer mutiger und glücklicher werden. Ich war bei der Lektüre allerdings auch unendlich wütend. Wütend über den Gegenwind, den sie bekommen, über den Sohn, der seiner Mutter ihr Glück nicht gönnen kann, nur Schlechtes zu sehen vermeint und seine Missgunst zu verbrämen versucht mit der Aussage, er müsse ihren Ruf beschützen. Und so ist dieser Roman leider genauso traurig wie schön.
Denn wie viele ältere Menschen haben mit der Tatsache zu kämpfen, dass späte Liebe gesellschaftlich verpönt ist? Dass sie als ungehörig gilt und man doch lieber brav mit im Schoß zusammengefalteten Händen auf den Tod warten sollte? Dass Kinder und Enkel um ihr Erbe fürchten oder es ihnen schlicht peinlich ist? Aber warum eigentlich? Warum sollten Menschen ab einem gewissen Alter zu Einsamkeit verdammt sein? Warum sollten sie ihr Leben nicht geniessen dürfen und es vor allem leben nach ihren Vorstellungen?
Kent Haruf hat einen nachdenklich stimmenden Roman geschrieben zu einem durchaus aktuellen Thema, aber auch ein anrührendes Gegenstück zu „Romeo und Julia“. Dort ist es die erste Liebe, die gesellschaftlichen Zwängen ausgesetzt ist, hier die letzte Liebe.
Ein feinfühliger Roman über ein ernstes Thema, aber auch in weiten Teilen eine wunderbar warme und zärtliche Liebesgeschichte.

 

Ländliches Amerika

Pressebild_Lied-der-WeiteDiogenes-Verlag_300dpi

Lied der Weite

Kent Haruf

erschienen am 12.01.2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-07017-0

bestellen

 

„Lied der Weite“ ist eines von sechs Büchern, die der Autor Kent Haruf in Holt/Colorado spielen lässt. Holt ist eine fiktive Kleinstadt, steht aber Pate für alle kleinen Städtchen im ländlichen Amerika. Man kennt sich, mehr oder weniger, schätzt sich, mehr oder weniger, und kümmert sich ansonsten hauptsächlich um den eigenen Kram. Die Menschen sind nicht sonderlich mitteilsam, leben nebeneinander her und besprechen nur das Nötigste. Ein sehr amerikanisches Buch mit versteckter Trapper-Mentalität.
Personal haben wir gar nicht mal so wenig: da wäre Guthrie, Lehrer an der örtlichen Schule, mit zwei Söhnen und gescheiterter Ehe. Maggie, seine Kollegin, die mit ihrem etwas wirren Vater zusammenlebt. Victoria, siebzehn und schwanger. Die Brüder McPheron, Viehzüchter und knorrige Eichen. Diverse unliebsame Personen und Raufbolde, weitere Lehrer, Bewohner des Städchens natürlich und die wunderbare Iva Stearns. Ihre Lebenswege kreuzen sich dank Haruf, verknüpfen sich und rufen damit manchmal ungewöhnliche Veränderungen hervor, zwingen Menschen, alte Pfade zu verlassen und sich für Neues zu öffnen. Das scheint das Hauptthema des Romans zu sein: alte Pfade zu verlassen, andere Wege zuzulassen.
In der Grundidee sicherlich sehr spannend, fehlt mir trotzdem der Zugang zu den Charakteren. Ich lese die Ereignisse seltsam unberührt. Es sind alltägliche Ereignisse, schon in unzähligen Büchern behandelt. Nun muss man das Rad nicht jedes Mal neu erfinden und manchmal ist es gerade der Alltag, der ein Buch berührend macht, hier aber ist der Verlauf meistenteils vorhersehbar und die lakonische Schreibweise schafft Abstand, zuviel Abstand für mich. Einzig die oben erwähnte Mrs Stearns, eine alte Dame, zaubert mir zuverlässig ein Lächeln ins Gesicht.
Vielleicht muss man die Bücher ja insgesamt gelesen haben, muss man vertrauter werden mit dem Menschenschlag, der Holt bewohnt. So ist dieser Band sicherlich eine gelungene Filmvorlage, enthält er doch alles, was man dafür so braucht, Herzschmerz, große Probleme, kranke Mütter, sterbende Pferde, schweigsame Viehzüchter, aber als alleinstehender Roman scheint er mir trotzdem ein wenig leblos. Schade.