Eine Kindheit

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Die wir liebten
Willi Achten
erschienen am 02.03.2020 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-05994-7

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Manchmal kann man Strömungen in der Literatur erkennen, Themen, die mehr oder weniger aufploppen, auf die man plötzlich immer wieder trifft.
Derzeit scheint die Kindheit und Jugend in den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts das Thema der Wahl zu sein. Gerade erst waren gleich zwei Romane auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis, in denen es genau darum geht: Ulrich Woelks „Der Sommer meiner Mutter“ und „Wo wir waren“ von Norbert Zähringer. „Wo wir waren“, „Wen wir liebten“, hier ähneln sich nicht nur die Titel, es gibt weitere Überschneidungen. Die wichtigste ist die Aufarbeitung der Zustände in deutschen Nachkriegskinderheimen, in denen ehemalige Lageraufseher als Betreuer eingesetzt wurden.
Ich bin 1974 geboren. Damals kamen Jugendamtsmitarbeiterin noch unangemeldet zu jungen Müttern nach Hause, um die dortigen Zustände zu überprüfen. Engstirnigkeit, Übergriffigkeit und der Wunsch nach Zucht und Ordnung saßen noch in vielen Köpfen fest und gegen Behördenwillkür war man nahezu machtlos. Meine Mutter berichtete mir von einem solchen Besuch samt Anweisungen, was mit einem Baby zu tun oder zu lassen sei. Dick eingepackt an die frische Luft stellen war nicht vorgesehen. Ersticken im eigenen Mief dagegen schon.
Willi Achten erzählt davon, wie eine Familie langsam zerbricht, wie lang geschürter Rachedurst auf dem Rücken unschuldiger Kinder ausgetragen wird und wie schnell der Stab zerbrochen wird, wenn man den Konventionen nicht genügen kann..
Edgar und Roman leben in einer normalen Mittelklassefamilie in der Provinz. Ihr Vater ist selbständiger Bäckermeister, die Mutter hat eine Lottoannahmestelle. Die Oma und eine geistig verwirrte Großtante leben auch mit in der Familie. Auch, wenn beide Elternteile arbeiten, kümmert sich die Oma, Edgars und Romans Kindheit ist eine liebevolle.
Bis der Vater sich trennt und die Mutter nach und nach dem Alkohol verfällt. Edgar und Roman haben mehr Freiheiten als gern gesehen wird und anstatt ihnen aufgrund ihrer Situation Verständnis entgegen zu bringen, werden sie gegen den Willen der Eltern in ein Heim gebracht. Ein Heim, das sich in nur sehr wenigen Punkten von den Gefangenenlagern brauner Vorzeiten unterscheidet.
Dieser Roman ist keine leichte Kost. Aus heutiger Sicht erscheint der Ablauf geradezu mittelalterlich. Geprügelte und gefolterte Kinder, mißbraucht für Pharmaexperimente auf den Spuren Mengeles. Das mag man sich für die vermeintlich bunten und fröhlichen Siebziger kaum vorstellen. Tatsächlich wurden bis in die Siebziger Jahre hinein ca 800 000 Kinder Opfer dieser Lagerhaltung. Prügelstrafen, Isolierzellen, Zwangsarbeit, schwarze Pädagogik nennt man diese Vorgehensweise. Und unzählige Kinderheime in Deutschland mussten sich ihrer Vergangenheit stellen. Unglaublich eigentlich, dass kaum einer davon weiß, dass es keinen bundesweiten Aufschrei gab, als diese Zahlen bekannt wurden.
Achten hat diesen Kindern Stimmen gegeben und ein Leben. Edgar und Roman stehen exemplarisch für all jene, denen das Grauen die Stimme genommen hat, die bis heute nicht darüber sprechen können, was in ihrer Jugend geschah.

Ich danke dem Piper Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen des Buches:

Leseschatz https://leseschatz.com/2020/03/02/willi-achten-die-wir-liebten/

Rundherum schön

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Meine Familie und andere Tiere

Gerald Durrell

Aus dem Englischen von Andree Hesse

erschienen am 02.11.2018 im Piper Verlag

ISBN 978-3-492-05917-6

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Endlich kann ich mal wieder hemmungslos schwärmen! Dieses Buch ist nahezu perfekt. Zum einen hat es einen wunderbar passenden Einband, auf dem viele der Tierchen zu sehen sind, denen man im Laufe der Lektüre begegnet und zum anderen ist es einfach so charmant und lustig geschrieben, dass man es nur höchst ungern wieder aus der Hand legt.
Auf der Flucht vor dem nasskalten Wetter Englands zieht die Familie Durrell auf die griechische Sonneninsel Korfu. Fünf Jahre bleiben sie dort, fünf Jahre, die allen unvergesslich geblieben sein dürften. Zu diesem Zeitpunkt ist der Autor Gerald Durrell zehn Jahre alt und interessiert sich zum Leidwesen seiner Familie sehr für die Fauna der Insel. Im Laufe der Jahre nehmen sie vier Hunde, diverse Schildkröten, eine Möwe, zwei Elstern und anderes Getier, einschließlich einer Skorpionmutter und Brut, bei sich auf. Meine Bewunderung gilt dabei Mutter Louisa, die mit unendlicher Ruhe und Liebenswürdigkeit die Eskapaden ihrer Kinder ausbadet. Denn neben Gerry wären da noch der dreiundzwanzigjährige Larry, auf dem Wege zum Schriftsteller, allwissend und über den Dingen stehend; der neunzehnjährige Leslie, ein Waffennarr und Traumschiffbauer und die achtzehnjährige Margo, deren knappe Badeanzüge die gesamte männliche Inseljugend auf den Plan ruft.
Selten habe ich ein so unbeschwert fröhliches Buch gelesen, so durchgehend geschmunzelt und gekichert. Diese Erinnerungen sind sonnenwarm und liebevoll und so gut geschrieben, dass ich sogar die detaillierten Beschreibungen diverser Insekten hochspannend fand. Und ich bin sonst kein großer Freund langbeiniger Krabbelviecher…
Eine meiner liebsten Szenen ist diese: Gerry hat Geburtstag und die Familie plant eine kleine, feine Feier. “ Wir hatten abgemacht, nur wenige Leute zur Party einzuladen. Menschenmassen seien nicht unsere Sache, sagten wir uns, und deshalb hielten wir zehn sorgfältig ausgesuchte Gäste für das Äußerste, worauf wir uns einlassen wollten. (…) Nachdem wir uns einvernehmlich darauf geeinigt hatten, ging jedes Familienmitglied los und lud zehn Leute ein.“ Erst am Tag vor der Party fällt auf, dass jeder andere zehn Leute geladen hatte und es nun 46 zu erwartende Gäste sind. Natürlich rettet die Mutter die Situation und es wird ein schönes Fest.
Aus dem kleinen Gerry wurde übrigens ein weltweit bekannter Tierschützer und Erforscher seltener Arten. Das mag auch daran gelegen haben, wie offen seine Familie seine Interessen unterstützt und gefördert hat. Und so ist dieses Buch eigentlich nicht nur charmant, sondern auch eine Art Lehrbuch für den Umgang mit Kindern. Obwohl ich persönlich keine Wasserschlangen in der Badewanne haben möchte, aber sogar die findet man ganz nett, so lange, wie sie in der Geschichte bleiben jedenfalls.
„Meine Familie und andere Tiere“ ist meine diesjährige Empfehlung für Weihnachtsgeschenkesuchende. Es ist herzerwärmend, aber nicht kitschig, leicht zu lesen, aber nicht seicht, witzig, aber nicht albern, kurz: es ist nahezu perfekt.

Ich danke dem Piper Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.