Das Lied bleibt in Ewigkeit

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Der Sänger
Lukas Hartmann
erschienen am 24.April 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07052-1

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Jahrelang blieben meine Schallplatten in Umzugskartons. Ich hatte keinen geeigneten Schallplattenspieler mehr und auch nicht den rechten Platz. Nach einem Umzug ist das nun erfreulicherweise anders. Die erste Stimme, die auf dem neuen Gerät erklingen durfte, war die eines kleinen Sängers mit einer unfassbar großen Stimme: Josef Schmidt. Und unfehlbar stellt sich ein, was mancher als kitschig betrachten mag, das Gefühl, welche Gnade es ist, so eine Stimme hören zu dürfen. Das war schon immer so und es hat sich scheinbar nicht geändert.
Als nun der Diogenes Verlag Hartmanns Buch über Schmidt ankündigte, war sofort klar, dass ich es lesen würde. Schon sein Roman über Lydia Welti-Escher gefiel mir sehr gut und seltsamerweise hatte ich mich mit Schmidts Leben bisher nur wenig beschäftigt. Ich wußte nur Eckdaten: den frühen Tod auf der Flucht vor den Nazis, die Probleme mit seiner Größe auf der Bühne, sein Frauen“verschleiß“.
Lukas Hartmann schreibt vornehmlich über die letzten Wochen Josef Schmidts. In Einschüben erfahren wir etwas über seine Jugend in der Bukowina, über erste Gesangeserfolge in der Synagoge, dann folgt der weltweite Ruhm, den er schlußendlich so bitter mit seinem Tod bezahlen muss. Nach Frankreich ist er zunächst geflohen und möchte nun, da es im besetzten Land nicht mehr sicher ist, über die Grenze in die Schweiz. Die Grenzen sind allerdings für Flüchtlinge geschlossen, ganz speziell für jüdische Flüchtlinge, denn Antisemitismus ist auch in der Schweiz nicht unbekannt. Außerdem quält die Schweizer die Angst um ihren Lebensstandard und natürlich auch vor Hitlers Reaktion. Dank eines Schleppers gelingt es Schmidt dennoch, er kommt in ein Schweizer Flüchtlingslager. Und dort statuiert man ein Exempel an dem müden, kranken Mann. Sein Status als Berühmtheit dürfe ihm nicht zum Vorteil gereichen, er sei zu behandeln wie jeder andere auch. Sein sich zunehmend verschlechternder Gesundheitszustand wird ignoriert, bis Schmidt im Lager elendiglich verreckt. Einen anderen Ausdruck finde ich nicht dafür.
Erschreckend an dem Buch ist nicht nur der letzte Weg des großen Sängers, sondern es sind auch die Parallelen zur Gegenwart, die schaudern machen. Die Argumente gegen die Aufnahme von Flüchtlingen haben sich nämlich in all der Zeit keinen Deut geändert, sind nur alter Wein in neuen Schläuchen. Heute lesen wir mit Entsetzen, dass jüdische Flüchtlinge über die Grenzen zurückgeschickt wurden, zurück in den sicheren Tod. Es bleibt zu hoffen, dass spätere Generationen genauso mit Unverständnis auf mangelnde Hilfeleistung im Mittelmeer und an anderen Brennpunkten schauen. Und vielleicht aus unseren Fehlern lernen. Uns ist das ja scheinbar nicht gelungen.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

literaturreich https://literaturreich.wordpress.com/2019/05/25/lukas-hartmann-der-saenger/
literaturgeflüster https://literaturgefluester.wordpress.com/2019/05/03/der-saenger/

Geschichte eines Hauses

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Gott wohnt im Wedding
Regina Scheer
erschienen am 25. März 2019 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-60016-9

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Um damit zu beginnen, ich habe „Machandel“ leider noch nicht gelesen, den preisgekrönten Debütroman Regina Scheers. Daher kann ich über „besser“ oder „schlechter“ nicht urteilen. Und eigentlich bin ich ganz froh darüber, ohne Erwartungen an diesen Roman gegangen zu sein. Es wäre nämlich immens schade gewesen, wenn er mich auch nur ein Deut weniger berührt hätte, weil ich falsche Vorstellungen im Kopf gehabt hätte.
Das Buch erzählt die Geschichte eines Hauses im Wedding, einem an Geschichten reichen Berliner Stadtteil. 1890 erbaut, steht nun sein Abriss bevor. Zuletzt haben rumänische Wanderarbeiter dort gewohnt, meist Roma, und seit ihrer Geburt 1918 die alte Frau Romberg.
Intensiv und mit offensichtlich viel Hintergrundwissen berichtet Frau Scheer über die Parallelen und Unterschiede im Umgang mit den Juden und den Roma im Dritten Reich. Sie erzählt von U-Booten (untergetauchte Juden, die versuchen den Häschern zu entkommen), von Arbeitslagern, von Schmerz, Verrat und Tod. Sie erzählt von den „Zigeunern“, die vor, während und vor allem auch nach dem Krieg überall unerwünscht sind, von fehlender Anerkennung, mangelndem Schuldbewußtsein der Deutschen und Behördenterror.
Ich habe mich immer für geschichtsbewußt gehalten und dennoch ist mir der Umgang mit den Sinti, den deutschen Roma, nur am Rande bewußt gewesen und schon gar nicht das Ausmaß der Verfolgung.
Das Alles in einen Roman verpackt zu haben, der einerseits spannend geschrieben ist und andererseits die Zusammenhänge verdeutlicht, ist eine Kunst. In dem Berliner Mietshaus treffen Juden, Roma und Deutsche aufeinander, kreuzen sich Lebenswege. Da trifft der alte Leo Lehmann, gerade aus Israel mit seiner Enkelin eingetroffen, auf Gertrud Romberg, die ihn und einen Freund vermutlich an die Gestapo verraten hat. Aber hat sie wirklich? Dort wohnt Laila Fidler, die nicht ahnt, dass ihre Großeltern auch schon genau dieses Haus bewohnt haben. Laila, die in Deutschland aufgewachsen ist, versucht auch den vielen aus Rumänien eingereisten Roma bei den Behördengängen zu helfen. Ihr Stiefvater ist Mitglied einer Organisation, die Sinti und Roma eine Stimme geben möchte.
Der Roman ist sicherlich nicht dafür geeignet, einfach zur Unterhaltung gelesen zu werden. Er ist nicht schwer zu lesen, nein, aber der Inhalt ist bisweilen schwer zu fassen. Und man muss schon bereit sein, mit dem großen Personal zu leben. Man kann eine derart breit gefächerte Geschichte nicht mit drei Personen erzählen. Schließlich wird ein Zeitraum von fast einhundert Jahren abgedeckt.
Und dann, ja, das muss ich noch schreiben, brauchen wir solche Bücher derzeit. Jetzt, wo der Ruck nach Rechts deutlich spürbar wird und die braune Sauce wieder aus allen Abwasserkanälen quillt, sollten wir uns immer und immer wieder bewusst machen, dass wir unsere Geschichte noch lange nicht aufgearbeitet haben. Dass man eben nicht den Deckel auf den Topf setzen und die Geschichte verleugnen oder zu den Akten legen kann. Daher kann ich diesen Roman wirklich nur jedem ans Herz legen.

Ich danke dem Penguin Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

Kuhle Bücher https://kuhlebuecher.com/2019/04/20/gott-wohnt-im-wedding-von-regina-scheer/
Cascarax https://cascarax.wordpress.com/2019/04/22/viele-geschichten-und-ein-sprechendes-haus-regina-scheers-neuer-roman-gott-wohnt-im-wedding/
Jüdische Allgemeine https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/gehen-oder-bleiben-2/

Berlin, 1942

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Stella
Takis Würger
erschienen am 11.01.2019 im Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-25993-5

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Kein Buch bewirbt der Hanser Verlag in diesem Frühjahr so sehr wie dieses: „Stella“. Geschrieben von Takis Würger, einem Journalisten, der 2017 mit seinem Debütroman „Der Club“ große Erfolge feierte. Sein nächster Roman ist bei vielen Lesern heiß ersehnt, doch trotzdem oder auch deshalb ist es sicherlich nicht einfach, einem Überraschungerfolg dieser Größenordnung einen weiteren Roman folgen zu lassen und dann gleich bei einem renommierten Literaturverlag wie Hanser.
Von außen betrachtet ist das Buch sehr gelungen. Der in schwarzgold gehaltene Einband ist auffällig, die darauf abgebildete Stella Goldschlag zieht Blicke auf sich – ganz sicher ein Eyecatcher in den Buchhandlungsauslagen.
Der Roman hangelt sich an einer wahren Geschichte entlang. Anders kann ich es nicht formulieren und anders mag ich es auch nicht nennen. Es geht um Stella Goldschlag, eine Jüdin, die als „Greiferin“ für die Gestapo arbeitete, d.h. versteckte Juden aufspürte und verhaften ließ. Zunächst wohl, um ihre Eltern zu retten, ihre Motive nach dem Tod der Eltern in Auschwitz sind unklar.
Wichtig ist es zu wissen, dass Würgers Roman Fiktion ist, dass er zwar Namen und ein paar äußere Umstände übernommen hat, aber diese Bausteine recht beliebig über den Text verteilt. So beginnt die Geschichte mit dem jungen Schweizer Friedrich, über dessen Herkunft wir tatsächlich mehr erfahren als über Stellas Lebensumstände. Er wächst bei reichen, aber reichlich seltsamen Eltern auf. Seine alkoholkranke Mutter möchte aus dem Jungen unbedingt einen Künstler machen, der Vater schaut mehr oder weniger hilflos zu. Diesen Teil des Textes fand ich übrigens hervorragend geschrieben. Er hilft die spätere grenzenlose Liebesbedürftigkeit Friedrichs zu verstehen, gibt dem ansonsten eher blassen Charakter Struktur.
Friedrich geht als Kriegstourist nach Berlin. Dem reichen Schweizer stehen alle Türen offen, sein Geld sorgt für Annehmlichkeiten, die normale Bürger längst nicht mehr haben. In einer Kunstschule lernt er die junge Kristin kennen, Aktmodell und eher erfolglose Nachtclubsängerin, und verliebt sich in sie. Kristins Gefühle bleiben im Dunkeln. Mag sie Friedrich wirklich oder ist es eher sein Geld und der Luxus, der ihn umgibt, die sie anziehen? Die Beiden werden eine Art Paar, auch als sich herausstellt, dass Kristin eigentlich Stella heißt und einen eher dubiosen Hintergrund hat. Überhaupt scheint nichts so zu sein, wie es scheint. Was machen in einem solchen Chaos also Freundschaft und Liebe aus? Und wie lange kann man zu Menschen stehen, die die eigenen Überzeugungen nicht teilen?
Eigentlich spannende Fragen. Leider bleibt es bei einer eher seichten Liebesgeschichte, einer Mischung aus „Cabaret“ und „Der blaue Engel“. Der naive Friedrich tappt durch das nationalsozialistische Berlin, als wäre er nicht nur farben- sondern auch gesinnungsblind. Kristinchen versucht sich ein wenig als verruchtes Dietrich-Double, wirkt dabei aber eher nervig als interessant.
Insgesamt wäre es wahrscheinlich schlauer gewesen, Friedrich eine weitere erfundene Person zur Seite zu stellen, eine ohne realen Hintergrund. Es reicht nicht, Prozessakten zu zitieren, um der Geschichte einen ernsthafteren Touch zu geben, wenn man dann nicht weiter in die Tiefe geht. Was hat diese Frau getrieben, sich als Menschenjägerin zu betätigen, selbst als der Ursprungsgrund hinfällig war? Was hat sie zu einer lebenslangen Judenhasserin gemacht, sie, die Jüdin?
Es geht in diesem Roman eigentlich um Friedrich, um seine Sicht der Dinge, um sein Zeiterleben. Wozu also einen realen Lebenslauf verbiegen? Weil Literatur das darf? Natürlich darf sie, aber muss sie auch?
Würger kann schreiben, ohne Frage, aber für mich hat er sich an diesem Thema überhoben. Allzu beliebig wurde, was emotionale Wucht hätte haben können. Schade.

Ich danke dem Hanser Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

Weitere Besprechungen dieses Buches:

AstroLibrium https://astrolibrium.wordpress.com/2019/01/11/stella-von-takis-wuerger/
Frau Hemingway https://frau-hemingway.de/stella-von-takis-wuerger-oder-wie-weit-wuerdest-du-gehen/
Wortgelüste http://wortgelueste.de/wuerger-stella/