Havarie

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Die Gesichter des Meeres
Leena Lander
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
erschienen am 09. Dezember 2019 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-71883-2

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Diesmal sind Roman, Rezension und Wetter aus einem Guss. Während Sturm Sabine noch tobt und für Land unter hier an der Nordseeküste sorgt, schreibe ich über ein Buch, das einen Schiffbruch vor der irischen Küste während einer Sturmflut beschreibt. Und derweil der Wind den Regen mit Wucht gegen die Fenster schleudert, denke ich an die Männer und Frauen, die damals wie heute ausziehen, um den Schiffbrüchigen zu helfen und dabei ihr eigenes Leben riskieren.
1895. Vor Dun Laoghaire, damals Kingstown, strandet ein finnischer Frachter. In Windeseile fährt ein Rettungsboot der Freiwilligen der Königlichen Seenotretterstation aus. Und kentert bei starkem Wellengang in Sichtweite der Schiffsbesatzung. Es gibt keine Überlebenden. Erst am nächsten Tag gelingt es, die Crew des Frachters heil ans Festland zu bringen.
Leena Landers Roman hat zwei Erzählstränge. Zum einen berichtet sie direkt aus dem Jahr 1895, zum anderen lässt sie eine Schriftstellerin in der heutigen Zeit über die Geschehnisse recherchieren. Bindeglied ist der Großvater, der als Junge auf dem Frachter mitfuhr.
Sehr schnell stellt sich bei Untersuchungen heraus, dass das Rettungsboot wohl nicht seetauglich war. Konstruktionsfehler oder Fehlentscheidungen der Mannschaft? Die Regierung bevorzugt letzteres.
Sehr ruhig, fast schon ein wenig betulich, erzählt Leena Lander von den Ereignissen rund um den Schiffsbruch. Es ist hochspannend zu verfolgen, wie aus den Seehelden Bauernopfer der Politik werden, wie Spendengelder für die Hinterbliebenen in andere Kanäle fließen und daraufhin Familien zerrissen werden und in Armenhäusern landen. Trotzdem hat Lander ihr Boot ein wenig überfrachtet, denn daneben kommen noch Frauenrecht und Kriegstraumata zur Sprache und bisweilen fragt man sich, was der eine Erzählstrang mit dem anderen zu tun hat. Ein paar Kürzungen hätten dem Fluss sicherlich nicht geschadet.
Nichtsdestotrotz ist dies ein eindringlicher, intelligenter Roman, der sich mit Ehre und Mitgefühl beschäftigt, mit Verantwortung und der Frage nach dem richtigen Handeln in schwierigen Situationen.
Wer allerdings einen Abenteuerroman in der Art der Titanic-Verfilmung erwartet, der wird sicherlich enttäuscht. Auch, wenn es durchaus eine kleine romantische Liebesgeschichte gibt.

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Besprechungen:

books and a cuppa tea https://bookscuppatea.home.blog/2020/01/02/rezension-die-gesichter-des-meeres/

Damals

9783462045956

Im Lichte der Vergangenheit

John Banville

Aus dem Englischen von Christa Schuenke

erschienen 2014 bei Kiepenheuer & Witsch

ISBN 978-3-462-04595-6

 

Es gibt Bücher, da prägen sich Autor und Titel so miteinander verbunden ins Gedächtnis ein, dass derselbe Autorenname mit anderem Titel irritierend wirkt. Bei mir ist das so bei „John Banville – Die See“. Das gehört genau so zusammen, in einem Atemzug ausgesprochen. Erfreulicherweise hat Banville nicht nur dieses eine Buch geschrieben, aber ich stutze trotzdem jedes Mal für eine Sekunde bei seinen anderen Titeln.
Für mich gehört Banville zu den besten Schriftstellern Irlands derzeit. Ich mag sein Spiel mit der Vergangenheit, der Veränderbarkeit von Erinnerung. Ich mag seine Art zu schreiben, seine klaren, feinsinnigen Sätze, sein Einfühlungsvermögen. Und ich mag seine Charaktere, die nie stromlinienförmig sind, die eigentlich immer auf einer Sinnsuche sind, auch im Alter noch.
In diesem Roman nun erinnert sich der Schauspieler Alex Cleave an seine erste große Liebe, die Mutter seines besten Freundes. Er erinnert sich an die versteckten Treffen, an gemeinsames Lachen und auch an den Skandal, als das ungleiche Paar irgendwann entdeckt wird. Aber war das alles wirklich so? Oder täuscht ihn seine Erinnerung und dieser besondere Sommer ist doch anders verlaufen?
Cleave kämpft auch noch mit anderen Geschehnissen in der Vergangenheit, mit dem Selbstmord seiner Tochter und dem daran zerbrochenen Verhältnis zu seiner Frau.
Es braucht einen großen Schriftsteller, um diese Themen leichtfüssig, aber nicht leichtfertig zu verbinden. Einen Schriftsteller, der das Buch nicht in Schwermut und Bedeutungsschwere ertrinken läßt. Banville ist so ein Schriftsteller. Nie benutzt er seine Figuren, um eigene Meinung oder eigenes Wissen zu demonstrieren, nie hat man als Leser das Gefühl, die eigene Unwissenheit vorgeführt zu bekommen. Banville schreibt ebenso poetisch wie verständlich.
„Im Lichte der Vergangenheit“ ist ein ebenso kluges, wie berührendes Buch, dessen Ende, das sei aber nur kurz angemerkt, mir ein wenig überfrachtet erschien. Das fällt aber im Vergleich zum wunderbaren Rest des Romans kaum zu Gewicht. Eine Kunst ist es übrigens auch, so selbstverständlich und natürlich über Sex zu schreiben, dass der Leser nicht peinlich berührt ob der Wortwahl die Augen schließt oder sich geifernd über die Lippen leckt. Und dabei eine Frau nach zwei Schwangerschaften zu beschreiben, so wie sie eben ist, ohne sie dabei lächerlich zu machen. Es ist für mich einer der großen Pluspunkte des Romans, dass es hier um echte Menschen geht, mit Narben, Dehnungsstreifen und anderen Macken. Aber anderes wäre bei Banville auch gar nicht vorstellbar.
Ein rundherum lesenswertes Buch, feinsinnig, berührend, klug.

Der Welt den Rücken kehren

Teich von Claire-Louise Bennett

Teich

Claire-Louise Bennett

Aus dem Englischen von Eva Bonné

erschienen 2018 im Luchterhand Literaturverlag

ISBN 978-3-630-87556-9

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Während ich diesen Text schreibe, stürmt es draußen. Es regnet, Apfelblüten schneien herab, die Äste der Bäume bewegen sich im Takt des Windes. Und irgendwie erscheint mir das auch richtig so, denn „Teich“ ist kein Buch für leichte, fröhliche, sonnige Tage. „Teich“ ist ein sprachlich wunderschönes, inhaltlich aber recht sperriges Buch und es ist völlig anders als von mir erwartet.
„Vom Leben in einem einsamen Cottage an Irlands Westküste“ heißt es auf dem Umschlag, und sofort sprangen mir Bilder in den Kopf von steinigen Klippen, von selbstgezogenem Gemüse, vom einfachen Leben im Einklang mit der Natur. Nichts davon findet sich in Claire-Louise Bennetts Debütroman wieder, kein Einklang, kein Gemüse.

Eine junge Frau erzählt aus ihrem Leben. In Bruchstücken, unzusammenhängend, eigentlich mehr öffentlich denkend. Antriebslos wirkt sie, fast menschenfeindlich. An Gartenarbeit hat sie kein Interesse, die Nachbarn meidet sie, näheren Kontakt erträgt sie nur mit Alkohol. Einen Freund scheint es zu geben, der regelmäßig vorbei schaut, auch wenn sie ihn lieber gehen als kommen sieht. Sie lebt in ihrer eigenen Welt, die ein wenig verzerrt wirkt, ein wenig wie unter Wasser betrachtet, abgeschlossen. Ihr Blickwinkel auf den Alltag, die Alltagsdinge ist anders, schon das sondert sie ab. Ihr offensichtliches Desinteresse an ihren Mitmenschen tut ein übriges.
Das einfache Leben in dem alten Häuschen, mit wenig Abwechslung und täglichen Abläufen wie Feuer machen, Tee kochen scheint das Maximum dessen zu sein, was sie bewältigen kann. Schon der Gang zur Biotonne ist ein tägliches Zuviel.
Schreiben gibt ihr den selbstgewählten Kontakt zur Außenwelt. Sie spricht nicht mit sich selbst, sondern wendet sich häufig direkt an den Leser, offenbart ihre Gedanken, ihre Überlegungen, sprunghaft, ohne Tabus, scheinbar plötzlichen Eingebungen folgend.

„Teich“ ist ein Buch, das sich nicht sofort öffnet. Man muss sich dem Sprachfluss anvertrauen, in der Stimmung sein für eine Blickwinkeländerung, sich einlassen. Und auch dann ist der Inhalt nicht leicht zu fassen, muss man Puzzleteilchen aneinander reihen, bereit sein, dem nächsten Gedankensprung zu folgen. Dabei ist der Roman nicht hektisch, eher im Gegenteil fokussiert auf einzelne Momente, Überlegungen. Und da hat der Gedanke, ob eine Banane zum Frühstückskaffee passt, dieselbe Wertigkeit wie die Frage, ob von dem einsamen männlichen Wanderer irgendeine Gefahr ausgeht.

Es gibt Schriftsteller, deren Gedanken mäandern flussgleich. Hier dagegen passt der Buchtitel „Teich“ hervorragend, denn es werden immer neue Aspekte einer in sich abgeschlossenen Welt betrachtet. Die Frau, das Cottage, die Landschaft drumherum. Mehr braucht es nicht.

Ich danke dem Luchterhand Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

Irland im 21.Jahrhundert

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Die Lieben der Melody Shee

Donal Ryan

Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-07023-1

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Melody Shee ist Irin. Und sie ist schwanger. Allerdings nicht von ihrem Ehemann, der sich heimlich sterilisieren liess. Schwanger ist sie von ihrem siebzehnjährigen Nachhilfeschüler, einem Traveller, einem vom fahrenden Volk.
Im streng katholischen Irland ist das eine Todsünde. Was folgt, sind Beschimpfungen und fliegende Steine. Melody dagegen freundet sich immer mehr mit den Travellern an…
Donal Ryan hat mit „Die Lieben der Melody Shee“ einen Roman jenseits aller romantischen Irlandvorstellungen geschrieben, ohne klingende Bächlein und hüpfende Leprechauns. Ryans Irland ist geprägt von uralten Vorurteilen, von verknöcherten Vorstellungen und der Wahrung des Scheins.
Der Roman hat mehrere Erzählstränge, sehr eng verwebt und verknüpft, die Charaktere haben alle tiefwurzelnde Gründe für ihr Handeln. Bei Ryan gibt es kein „schwarz“ oder „weiß“. Keine der auftretenden Personen ist durchgehend böse oder ausschließlich liebevoll. Jeder ist geprägt durch Erlebnisse, sein direktes Umfeld und gesellschaftliche Normen.
Melody nutzt die Zeit der Schwangerschaft, um über ihr Leben nachzudenken, über Liebe und Schuld, über Vergebung und Sühne. Bei den Travellern lernt sie völlig andere Lebensgesetze kennen, Blutrache und arrangierte Ehen, aber auch festen Familienzusammenhalt und Füreinander Einstehen. Und so keimt in ihr ein weitreichender Entschluss…

Ryan zeigt, dass in einer katholisch geprägten, erzkonservativen Gesellschaft ein Fehltritt reicht, um eine unfassbare Brutalität zu entfesseln, dass das Gefühl des „im Recht seins“ es ermöglicht, Hemmungen fallen zu lassen und Jahre des Zusammenlebens zu ignorieren. Und dass eine solche, sich als zivilisiert betrachtende Gesellschaft schlußendlich gar nicht so weit entfernt ist von den archaischen Gesetzen der Traveller, wo eine nicht erfolgende Schwangerschaft, die schuldlose Unfruchtbarkeit einer Frau, einen blutigen Familienkrieg heraufbeschwört.

Ein Roman, der mich so schnell nicht wieder losgelassen hat, der mich wieder einmal hat nachdenken lassen über die Rechte der Frau am eigenen Körper, und wie weit wir immer noch davon entfernt sind, dieses Recht zu besitzen. Darüber, dass immer noch weitestgehend der männliche Blickwinkel zählt und das nicht nur in konservativen katholisch geprägten Gesellschaften.
Ein Roman, der aber nicht nur wegen des Inhalts lesenswert ist, sondern auch aufgrund seiner Sprache, der präzisen Formulierungen. Ryan ist kein Freund von Weitschweifigkeit, er schreibt auf den Punkt, nahezu lakonisch. Und trifft dabei für mich den richtigen Ton, einen Ton, der seine Charaktere menschlich erscheinen lässt, jenseits aller Perfektion.

Ich danke dem Diogenes Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

 

Weitere Eindrücke zu diesem Buch findet ihr bei

quaintthings https://quaintthings.wordpress.com/2017/02/14/all-we-shall-know-donal-ryan/

 

All die Probleme

100

All die Jahre

J. Courtney Sullivan

Aus dem Englischen von Henriette Heise

erschienen 2018 im Deuticke Verlag

ISBN 978-3-552-06366-2

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Es ist schon ein paar Jahre her, da las ich den Roman „Die Verlobungen“ von J. Courtney Sullivan und mochte das Buch sehr. Als ich nun sah, dass demnächst ein neuer Sullivan-Roman erscheinen würde, habe ich mich wirklich gefreut. Leider zu früh. Aber beginnen wir mit dem Wichtigsten, dem Inhalt:

Wir lesen über das Leben von Nora und Theresa, zweier Schwestern, die 1957 von Irland nach Amerika auswandern. In Zeitsprüngen zwischen Vergangenheit und Gegenwart wechselnd, erfahren wir ihre Wünsche, Träume, Hoffnungen und was schlußendlich davon übrig geblieben ist.

Was zunächst recht spannend klingt, entpuppt sich als schicksalsschwangere, in Problemen schwelgende Erzählung, die zugegebenerweise aber ansprechend formuliert ist. Jede, wirklich jede Person des an Personen nicht armen Romans, immerhin bringt es Nora allein auf vier Kinder, trägt ihr Päckchen. Sohn Nr. 1 ist dem Alkohol recht zugetan und geht auch sonst Ärger ungern aus dem Weg, Sohn Nr. 2 dreht sein Fähnlein in jede erfolgsversprechende Richtung und lebt über seine Verhältnisse, Sohn Nr.3 weiß nichts mit seinem Leben anzufangen und die Tochter ist die Quotenlesbe, ohne die ein moderner Roman, der etwas auf sich hält, ungern auskommt. Dazu kommt noch ein großes Geheimnis, das den beiden Schwestern das Leben in weiten Teilen vergällt. Sie haben es schon nicht leicht, die Charaktere dieses Romans…
Beherrschendes Thema des Buches, das sich wie ein roter Faden durch alle Schicksale zieht, ist die familieneigene Unfähigkeit über Probleme zu reden und die daraus entstehenden Mißverständnisse und Unannehmlichkeiten.
Sullivan kann schreiben, ohne Frage. Und auch die Idee hinter dieser Geschichte ist wirklich vielversprechend. Leider ist die Ausführung dann aber weniger gelungen. Völlig überladen dümpelt das Ganze vor sich hin, die Protagonisten bleiben seltsam blass, und bisweilen ertappe ich mich beim Überfliegen der aufgezählten Irrungen. Nach Beenden des Romans bleiben viele Fragen offen. Das kann einen Leser dazu animieren, über wichtige Fragen des Lebens nachzudenken, eigene Lösungen zu finden…oder es kann den Eindruck erwecken, die Autorin hätte selbst ein wenig den Überblick verloren. Wenig überraschend tendiere ich zu letzterem.
Ein netter Unterhaltungsroman für Leser, die es schätzen, wenn die Personen im Buch deutlich mehr Probleme haben als sie selbst. Ansonsten leider eher belanglos.

Ich danke dem Deuticke Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Rezensionen zu diesem Roman findet ihr hier:

letteratura https://letteraturablog.wordpress.com/2018/02/05/entscheidung-mit-folgen-j-courtney-sullivan-all-die-jahre/

the lost art of keeping secrets https://thelostartofkeepingsecrets.wordpress.com/2018/02/09/all-die-jahre/

Puppet’s Leseblog https://puppetsleseblog.wordpress.com/2018/02/08/all-die-jahre-von-j-courtney-sullivan/