Hollywood 1922

9783462051414

Der blutrote Teppich
Christof Weigold
erschienen am 11. April 2019 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05141-4

#supportyourlocalbookstore

 

Vor etwa einem Jahr erschien der erste Band dieser Reihe über den deutschen Privatdetektiv Hardy Engel, verkrachter Schauspieler, Expolizist, der im Hollywood der 1920iger gestrandet ist und nun Kriminalfälle löst. Ich war und bin hellauf begeistert von dieser Mischung aus Fakten und Fiktion, von den Charakteren, dem ganzen Aufbau des Romans.
Und nun also Band 2 mit einem weiteren Mordfall hinter den Kulissen. Diesmal geht es um den Regisseur William Desmond Taylor, der offenbar kurz nach einem Telefonat mit Engel ermordet wurde. Und die Polizei ist mehr als gewillt, den aufmüpfigen „Schnüffler“ als Tatverdächtigen festzunehmen.
Wenn der erste Band so hervorragend ist, habe ich beim Nachfolger immer ein wenig Angst. Wird das Niveau bleiben? Wird der nächste Band eigenständig sein oder nur am Vorgänger abgekupfert?
Beim ersten Anblick des Buches war ich ernsthaft enttäuscht. War Band 1 noch fest gebunden, ein goldener Backstein sozusagen und als Mordinstrument durchaus geeignet, handelt es sich nun um ein Taschenbuch mit arg dünnen Seiten. Da hat der Verlag wohl kostengünstig gedacht. Aber vielleicht greift der klassische Krimileser ja auch lieber zu einem Taschenbuch?
Und der Inhalt? Nun…
Offen gestanden gefällt mir der zweite Band noch besser als der erste. Er ist straffer, einen Tick spannender und vertraute Charaktere gewinnen noch mehr Profil.
Man gewinnt den Eindruck, es müsse Christof Weigold höllischen Spass bereiten, Hardy Engel durch das Labyrinth Hollywood zu geleiten und dabei reale Figuren lebensecht einzubauen. Sei es „Uncle Carl“ Laemmle oder Ernst Lubitsch, Charlie Chaplin oder Douglas Fairbanks (Senior, der Junior war zu dem Zeitpunkt erst dreizehn Jahre alt). Es gibt auch ein paar wirklich witzige Szenen mit Dorothy Parker und dem Algonquin Round Table.
Ich finde es immer gerade bei Krimis sehr schwer, eine Besprechung zu schreiben, die alles Wesentliche enthält, aber nicht zu viel verrät. Aber ich muss doch unbedingt verkünden, dass ich stark hoffe, dass Miss Polly Brandeis, die Engel diesmal von Zeit zu Zeit bei seinen Ermittlungen unterstützt, uns für die nächsten Bände erhalten bleibt. Überhaupt, die nächsten Bände: möge dem Autor nicht die Puste ausgehen, möge der Verlag die Reihe weiter verlegen (meinetwegen auch als Taschenbuch), möge es noch genug Stoff geben und Hardy Engel bis ins hohe Alter ermitteln und möge es mindestens die nächsten zehn Jahre im Frühjahr einen weiteren Band geben! Ich erkläre die Hardy Engel-Romane hiermit offiziell zu meiner derzeit liebsten Krimi-Reihe. Ich hoffe sehr, wir kommen noch bis in die Dreißiger Jahre, zu meinen Hausgöttern Astaire, Stewart, Gable, zu Busby Berkeley und Ruby Keeler usw. Und daher lege ich allen Krimi-, Film,- Hollywood,- und Philipp Marlowe- Interessierten diese Reihe ans Herz!

Ich danke Kiepenheuer & Witsch herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Engel im Sündenbabel

9783462051032

Der Mann, der nicht mitspielt

Christof Weigold

erschienen 2018 bei Kiepenheuer & Witsch

ISBN 978-3-462-05103-2

bestellen

 

„Ein netter kleiner Krimi über die Anfänge von Hollywood, warum nicht?“ dachte ich, als ich die Möglichkeit bekam „Der Mann der nicht mitspielt“ vor Erscheinungsdatum zu lesen. „Uff“ dachte ich, als das Buch dann hier ankam. Der nette kleine Krimi entpuppte sich als 640 Seiten schwer, mindestens 300 Seiten mehr als erwartet. Aber er ist jede Seite wert, um das gleich zu Anfang erwähnt zu haben.
Dem Glamour der Roaring Twenties entsprechend mit goldenem Einband und gleichfarbigem Lesebändchen ( Lesebändchen sind für mich wie die Kirsche auf dem Sahnehäubchen), dazu passend ein schwarzweiß gehaltener Schutzumschlag, kommt Christof Weigolds Romanerstling ganz gewiss nicht schüchtern daher, eher gekleidet für den großen Auftritt. Mit Auftritten kennt Weigold sich aus, schrieb er doch bisher Theaterstücke und Drehbücher.

Und worum geht es nun? Der Roman ist Auftakt einer Reihe über Skandale und Mordfälle im alten Hollywood, dem Hollywood der Stummfilmzeit.
Hardy Engel, deutscher Gelegenheitsschauspieler und ehemaliger Polizist, schlägt sich als Privatdetektiv durchs Leben. Als die schöne Pepper Murphy ihn beauftragt nach ihrer verschollenen Freundin Virginia zu suchen, schlittert er unversehens in den ersten großen Skandal der sich noch entwickelnden Filmindustrie und muss bald um sein Leben bangen.

James Stewart? Oder doch eher Humphrey Bogart? Beim Lesen des Romans hat man unwillkürlich eine mögliche Verfilmung vor Augen, besetzt mit den Stars des goldenen Filmzeitalters, das, zugegeben, ein Jahrzehnt später beginnt. Aber dieser Roman ist so sehr Hommage an die frühen Krimiverfilmungen, mit schweigsamen Ermittlern, die nur halb so „hardboiled“ sind wie gedacht und schönen Frauen, die ihnen das Leben schwer machen, dass man solche Überlegungen automatisch anstellt. Ich habe mich für Stewart entschieden, er entspricht am ehesten meiner Vorstellung von dem vom Leben gebeutelten Engel, der sich aber doch eine gewisse Ehrbarkeit erhalten hat.
Christof Weigold gelingt es hervorragend, seine Geschichte in die tatsächlichen Geschehnisse einzubinden und die Nahtstellen zu verwischen. Er lässt alte Hollywoodgrößen wieder aufleben, ohne dass es bei schlichtem Namedropping und Schablonengestalten bleibt, gibt ihnen Leben und einen Charakter. Vieles wirkt dabei sehr gut recherchiert, die Abläufe in den Studios, die Lebensläufe der „Gründerväter“- der Studiobosse, der exzessive Genuss von Alkohol und Koks und die Tatsache, dass die Studios selbst für die Drogen sorgten, um die Schauspieler bei Laune zu halten.
Aber vor allem ist dieser Krimi eines: nicht vorhersehbar. Trotz der schon erwähnten 640 Seiten ist nicht eine davon langweilig, habe ich nur höchst ungern Lesepausen eingelegt. Zu spannend ist die Geschichte, mit unerwarteten Wendungen und ihren Einblicken in eine vergangene Welt.

Für mich bisher die Krimi-Neuentdeckung des Jahres, ohne Wenn und Aber empfehlenswert. Bleibt nur die Frage, die mich schon seit Beendigung des Buches umtreibt: wann kommt der nächste Band?

Ich danke Kiepenheuer & Witsch herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Rezensionen zu diesem Buch findet ihr hier:

Sapadi https://sapadi.wordpress.com/2018/02/15/der-mann-der-nicht-mitspielt-hollywood-1921-hardy-engels-erster-fall-von-christof-weigold/

Die ewigen Jagdgründe

Pressebild_Tod-in-HollywoodDiogenes-Verlag_72dpi

Tod in Hollywood

Evelyn Waugh

Übersetzung von Andrea Ott

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-24421-2

bestellen

 

Achtung, dieses Buch ist böse! Es enthält eine geballte Ladung schwarzen Humor aus der spitzen Feder Evelyn Waughs, des Meisters der treffsicheren Pointen und brillanten Formulierungen.

Waugh, der 1947 nach Amerika reiste, um Details zur Verfilmung seines wohl berühmtesten Buches „Wiedersehen in Brideshead“ zu klären, stolperte über den dort üblichen Umgang mit Toten und Beerdigungen. Das inspirierte ihn zu dem Roman „Tod in Hollywood“, wo er mit großem Vergnügen die Kuriositäten des amerikanischen Bestattungswesens unter die Lupe nimmt.

Der bislang in Amerika erfolglose britische Schriftsteller Dennis Barlow arbeitet beim Tierbestatter „Die ewigen Jagdgründe“, um finanziell über die Runden zu kommen. Dort werden mit größtem Aufwand und gemäß den Wünschen ihrer Halter die verstorbenen Lieblinge zurecht gemacht und zur letzten Ruhe gelegt. Großes Vorbild dabei sind „Die elysischen Gefilde“, das entsprechende Pendant aus der Menschenwelt, ein riesiges Gelände mit allen Schikanen, dem perfekten Tod gewidmet. Heerscharen von Meistern ihrer Kunst arbeiten an einer durchinszenierten Aufbahrungschoreographie, vom passenden letzten Gesichtsausdruck (erhaben oder amüsiert schmunzelnd, bei Kindern gerne mit strahlendem Engelslächeln), über ein aufhübschendes Makeup bis zum aufwendig bestickten Totenhemd, vom Mahagonisarg bis zum passend duftenden Blumenarrangement.
Als ein Freund Barlows sich das Leben nimmt, ein ehemals erfolgreicher Drehbuchschreiber, der die Erfolgsleiter abwärts gerutscht ist, um schlußendlich sein Büro von jemand anderem besetzt zu sehen und daraufhin den Strick zu wählen, wird dem jungen Mann die Aufgabe übertragen, sich um die entsprechenden Bestattungsmodalitäten zu kümmern. So kommt er in Kontakt mit der liebreizenden Aimée Thanatogenos, einer Makeup-Artistin in den Diensten der „Elysischen Gefilde“ und…

Nun ja, ich möchte nicht zuviel verraten. Nur so viel: dem verstorbenen Freund Barlows dürfte im Leben nicht halb soviel Aufmerksamkeit zuteil geworden sein wie nach seinem Ableben. Und Evelyn Waugh scheint kein Freund amerikanischer Geflogenheiten gewesen zu sein. Selten schreibt er so bitterböse, lässt er an seinen Protagonisten so wenig gute Haare. Waugh wäre aber nicht Waugh, wenn er nicht trotzdem herrlich amüsante Stellen eingebaut hätte, wenn er nicht Witziges im Geschäft mit dem Tod entdeckt und den Finger darauf gelegt hätte, wenn es nicht ein paar entzückend skurrile und überspitzt dargestellte Charaktere gäbe, die einen böse kichernd zurücklassen.

Ich persönlich liebe die Romane Waughs sehr und ich hoffe, dass dieser Autor, dessen Bücher kein bißchen eingestaubt sind, dessen Sprache auch nach Jahrzehnten noch frisch und spritzig geblieben ist, dass dieser Autor noch lange, lange Zeit seine Leser finden wird.

Ich danke dem Diogenes Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.