Hinter den Kulissen

Im Hause Longbourn von Jo Baker

Im Hause Longbourn

Jo Baker

Aus dem Englischen von Anne Rademacher

erschienen 2014 im Knaus Verlag

ISBN 978-3-8135-0616-7

 

Als ich Jo Bakers Buch über die Kriegsjahre Samuel Becketts las ( Ein Ire in Paris ), da wußte ich noch nichts von diesem Roman. Das ist ein wenig verwunderlich, ist er doch ein Bestseller zum einen und angelehnt an Jane Austen zum anderen. Und ich lese Jane Austen wirklich gerne. Wie auch immer, der „Ire in Paris“ gefiel mir ausnehmend gut, ist für mich nach wie vor eines der besten in diesem Halbjahr gelesenen Bücher. In der obligatorischen Autorenvorstellung auf dem Umschlag stolperte ich dann über „Im Hause Longbourn“. Und da ich, wie schon erwähnt, Austens Bücher liebe, musste dieser Roman unbedingt gelesen werden.
Jo Baker hat eine Parallelhandlung zu „Stolz und Vorurteil“ verfasst, quasi hinter die Kulissen geschaut, genauer in die Dienstbotenräume. Während die Schwestern Bennet also ihre Heiratspläne schmieden, sind sie umgeben von dienstbaren Geistern, die Schuhe putzen, Unterröcke stopfen, Essen kochen und servieren, eben all die Arbeiten verrichten, die für Frauen von Stand nicht angemessen sind. Die Autorin hat Austens Roman dafür minutiös durchgearbeitet. Wenn in Austens Buch Kirschkuchen serviert wird, wird bei Baker welcher gebacken, wenn bei Austen Mr Darcy des Wegs geritten kommt, nimmt bei Baker James die Zügel entgegen. Das ist in der Grundidee eigentlich ganz spannend. So ein veränderter Blickwinkel kann ja Interessantes zutage fördern. Aber leider ist aus dieser guten Idee schlußendlich eine 08/15 Liebesschmonzette vor historischem Hintergrund geworden. Die Familie Bennet bleibt blass, ihre Angestellten sind Stereotypen. Die dicke resolute Köchin, der schöne und geheimnisvolle Hausdiener, die selbstbewusste anpackende Hausmagd. Um diese Geschichte so zu schreiben, hätte man Austens Roman wahrlich nicht als Vorlage benötigt.
Der Roman ist eine nette Ferienlektüre, durchaus unterhaltsam, ein bißchen romantisch, mit einem Worte : ganz nett. Mehr aber auch nicht. Und so hat es ein Gutes, dass mir der Beckett-Roman zuerst in die Finger geriet. Nach diesem historischen Schwank hätte ich ihn womöglich gar nicht mehr gelesen. Und das wäre wirklich ärgerlich gewesen. Daher mein Rat: lest Austen im Original und von Jo Baker lieber „Ein Ire in Paris“. Denn das ist, ich wiederhole es gern noch einmal, wirklich hervorragend.

Erdtoffeln

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Die Gleichung des Lebens

Norman Ohler

erschienen 2017 im Verlag Kiepenheuer & Witsch

ISBN 978-3-462-04968-8

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1747. Friedrich der Große möchte aus Teilen des Oderbruchs Ackerland schaffen, um dort Kolonisten anzusiedeln und somit die Bevölkerungszahl Preussens schnell zu erhöhen. Ernährt werden sollen die Neubürger mit den bislang noch relativ unbekannten „Erdtoffeln“, sprich mit Kartoffeln. Die bisherigen Bewohner der Gegend, traditionell Fischer, sind nicht erfreut, Widerstand beginnt sich zu regen. Als der zuständige Ingenieur Mahistre tot aufgefunden wird, beruft der König den Mathematiker Leonhard Euler auf den Plan, der den Fall mit der ihm eigenen Logik lösen und dabei auch das Gebiet gleich ausmessen soll.
Eine grandiose Mischung aus Geschichtslektion und Krimi legt Ohler hier vor. Während man Euler durch das Oderbruch folgt, erfährt man wie nebenbei viel über die ursprüngliche Lebensweise dort, über die Landschaft, über Traditionen und schlußendlich auch darüber, dass Geschichte zu Wiederholungen neigt. Denn zum einen ist eine Trockenlegung natürlich ein riesiger Eingriff in die Natur mit nicht berechenbaren Folgen und zum anderen führt eine großräumige Neuansiedlung ebenso natürlich nicht zu Jubelgeschrei der bereits Anwesenden. Friedrich kümmert das herzlich wenig. Der König bestimmt und seine Untertanen mögen… nein, gehorchen nicht, verstehen und beipflichten sollen sie ihm, der ja nur ihr Bestes will. Das sein Plan nur am Reißbrett entworfen wurde, ohne wirkliche Kenntnis der örtlichen Gegebenheiten, ist dabei zweitrangig.
Scheinbar gründlich recherchiert, hat mich der Roman auf ganzer Linie überzeugt. Selbst die Sprache, mit verschachtelten Endlossätzen, normalerweise der Tod jedweder Spannung, erscheint hier nur richtig und passend. Erinnern die Formulierungen doch an die damals übliche Redeweise. Die Charaktere sind schlüssig, wenn auch nicht alle gleich gut ausgearbeitet, das wäre aber auch rahmensprengend gewesen. Die Erinnerung an Preussens Verknüpfung mit dem Sklavenhandel in Westafrika fand ich äußerst interessant, war mir das Wirken der Brandenburgisch-Afrikanischen Companie doch gänzlich unbekannt. Ohler führt einige hoch spannende Fäden zusammen und gibt damit Einblick in eine Zeit, die romantechnisch noch ziemliches Brachland ist. Wer also Bücher mit historischem Hintergrund mag, der dürfte mit diesem Roman sicherlich glücklich werden.

Weitere Besprechungen des Romans:

Max Kuhlmann https://maxkuhlmann.com/2018/02/07/literatur-norman-ohler-die-gleichung-des-lebens/

Die Familien-Saga schlechthin

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Die Forsyte Saga

John Galsworthy

erschienen 1951 im Bertelsmann Verlag

Der Verlag edition Oberkassel bringt gerade eine Neuauflage der drei Bände heraus.

 

Die Forsyte Saga ist die Familien-Saga schlechthin. Sie erzählt das Leben einer englischen Oberschichtfamilie zwischen 1906 und 1921 mit vielen Skandalen, Irrungen, Wirrungen und einer Unmenge an Personal. Da wäre die alte Generation, bestehend aus zehn mehr oder minder wichtigen Geschwistern, die folgende Generation, nicht ganz so umfangreich, und deren wechselnde Partner und auch noch die darauf folgende Generation. Und wie das in traditionellen Familien so üblich ist, tragen sie teilweise auch noch dieselben Vornamen.
Warum sollte man sich das also antun? Weil es hervorragend geschrieben ist, ganz einfach. „Die Forsyte Saga“ ist der Grund füt des Autors Literatur-Nobelpreis, nicht nur, aber wohl doch hauptsächlich. In drei Bänden beschreibt er den Umbruch vom viktorianischen Zeitalter zur damaligen Neuzeit, die gesellschaftlichen Änderungen durch den Ersten Weltkrieg, die Unterschiede zwischen den Generationen. Hauptpersonen sind dabei Soames Forsyte und seine (später geschiedene) Frau Irene, an denen Galsworthy das gesamte Besitzdenken und die moralischen Vorstellungen ihrer Zeit durchexerziert. Irene verliebt sich in den Verlobten der Nichte Soames‘ und Soames spielt alle Register, um seine Ehe aufrecht zu erhalten. Dabei erfahren wir aber ebenso genau, was die anderen Mitglieder der Familie von der Sache halten und vor allem über welche Themen der Familienrat spricht oder lieber schweigt.
Und weil solche Beschreibungen das Salz in der Suppe sind und ein Zeitfenster erst so wirklich öffnen, berichtet Galsworthy auch über die Architektur, die Inneneinrichtung, die Mode, die gesellschaftlichen Anlässe und ist darin ein wahrer Meister.
Somit ist die Forsyte Saga im Grunde Vorgänger aller Dallas, Denver und sonstigen Serien, eingeschlossen Downton Abbey. Verfilmt wurde das Ganze natürlich auch schon mehrfach, zuletzt 2002 als Zehnteiler.
Man braucht ein wenig Durchhaltevermögen, um sich durch die verzweigten Familienverhältnisse zu arbeiten und an Galsworthys Schreibstil mit den vielen Abschweifungen zu gewöhnen, aber mit der Zeit öffnet sich ein Panoramafenster in eine vergangene Zeit, so lebendig, wie man es sich nur wünschen kann.

Und Macheath, der hat ein Messer…

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Gegen alle Zeit

Tom Finnek

erschienen 2011 im Bastei Lübbe Verlag

 

Dieses Buch hat wahrlich lange in meinem Regal ungelesener Bücher geschmort , und das ganz zu unrecht. Tom Finneks Umsetzung der „Dreigroschenoper“ von John Gay und Johann Christoph Pepusch als Abenteuerroman mit Anleihen bei Brecht/Weill, macht einfach Spass. Man muss die Vorlage auch gar nicht kennen, um dem Geschehen im London des 18. Jahrhunderts folgen zu können.
Der Schauspieler Henry Ingram landet nach einer Vorstellung des oben genannten Stücks in der Zeit, kurz bevor es geschrieben werden würde. Er lernt die wahren Vorbilder für die Figuren kennen und zum Teil auch lieben. Er wird hineingezogen in das Bandenwesen rund um den berüchtigten Jack Sheppard, lernt dabei so manche Gosse gründlich kennen und muss mehrfach um sein Leben fürchten. Rettung ist immer wieder die Tatsache, dass er ja weiß, wie die Geschichte ausgeht.
Dieser Roman ist der ideale Ferienschmöker und enthält so ziemlich alles, was einen auf der Strandliege die Zeit vergessen lässt: Liebe natürlich, Verfolgungsjagden, Gaunerehre, Verrat, rasante Abfolgen und spannende Wanderungen durch das „alte“ London. Finnek schreibt keine große Literatur, aber kann ordentliche Spannungsbögen bauen und die Gegebenheiten damals anschaulich beschreiben. Ansonsten lebt der Roman von seiner Atemlosigkeit – Abenteuer folgt auf Abenteuer und der arme Henry muss stets in Bewegung bleiben, um nicht unter die Räder zu kommen. Für die Kenner der Dreigroschenoper, egal ob von Gay/Pepusch oder Brecht/Weill sind natürlich auch die Vergleiche reizvoll und die durchaus witzige Beantwortung der Frage, wer Mackie Messer eigentlich wirklich war.
Wer also aktionsreiche historische Romane mag, die nicht in den oberen Gefilden der Gesellschaft spielen, wer mit verschimmeltem Stroh und aufdringlichen Ratten zurechtkommt, dem sei dieser Roman empfohlen. Gerüche kann man sich ja, gottseidank in diesem Falle, noch nicht erlesen.

Die Überschrift stammt aus der „Moritat von Mackie Messer“ aus der Dreigroschenoper von Brecht/Weill.

Einfach nur ärgerlich

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Die Spionin

Paulo Coelho

Aus dem Brasilianischen von Maralde Meyer-Minnemann

erschienen 2017 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-24410-6

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Nun also zum ersten Mal Paulo Coelho. Trotz des hohen Bekanntheitsgrades habe ich mich nie durchringen können, ein Buch dieses Autors zu lesen. Und das eigentlich ohne Grund. Hohe Auflagenzahlen und das Erscheinen im Diogenes Verlag sprechen eigentlich für sich.
Bei diesem Roman hat mich das Bild auf dem Umschlag gleich angezogen. Es zeigt das Sepiabild einer Frau in orientalisch anmutendem Kostüm. Der Klappentext verrät, es geht um Mata Hari, die deutsche Tänzerin, um deren Tätigkeit als Spionin im Ersten Weltkrieg sich Legenden gebildet haben. Ein Thema, für das ich mich, schon weil ich selbst Tänzerin war, durchaus interessiere.
Mit Aufschlagen des Buches begann eine tour d’horreur, wie ich sie schon lange nicht mehr erlebt habe. Der Roman beginnt mit der Erschießung Mata Haris durch ein französisches Kommando, die der Autor genüßlich langsam und reißerisch ausbreitet. Ich hatte schnell das Gefühl, mich in einem drittklassigen Groschenheftchen zu befinden. Und dieses Gefühl hat mich bis zum Schluß nicht verlassen. In Ermangelung anderer Lektüre zu diesem Zeitpunkt, habe ich das unsägliche Machwerk nicht aus dem Zugfenster gepfeffert, obwohl mein Handgelenk so manches Mal verlangend zuckte. Hölzerne Dialoge, platte esoterische Sentenzen, leblose Charaktere. Das Ganze wirkt wie aus vorgefertigten Versatzstücken lieblos zusammengesetzt, nach Erfolgsrezept angerührt: ein bißchen Drama, ein bißchen aufgesetzte Lebensweisheit, ein bißchen Sex und Tragödie und ein bißchen Vergewaltigung. Das Alles oberflächlich zusammen gemischt, nur bloß nicht tiefere Schichten ankratzen, und fertig ist der Bestseller.
Unfassbarerweise geht die Rechnung tatsächlich auf, der Roman wird teilweise hymnisch gelobt. Ich konnte nach Zuklappen des Buches nur höchst ärgerlich mit dem Kopf schütteln und beschließen, dass es bei diesem einen Coelho bleiben wird. Wenn ich so etwas lesen möchte, greife ich tatsächlich lieber zu einem Groschenheft, als mir dieses in den Mantel der Literatur gewandete Geschreibsel anzutun.
Den Grad meines Unwillens kann jeder ermessen, der weiß, dass Verrisse nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen zählen. Daher noch einmal die gemäßigte Variante: Ich mag dieses Buch nicht, keine einzige Seite davon. Aber ich gönne den Coelho-Fans natürlich trotzdem ihren Spass.

Weitere Meinungen zu diesem Buch:

Bücher vom Mars https://buechervommars.wordpress.com/2017/09/28/paulo-coelho-die-spionin/
Livricieux https://livricieux.wordpress.com/2017/05/29/quicktipp-die-spionin-von-paulo-coelho/

Darwin und der Regenwurm

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Und Marx stand still in Darwins Garten

Ilona Jerger

erschienen 2017 im Ullstein Verlag

ISBN 978-3-550-08189-7

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Mit ihrem ersten Roman gelingt Ilona Jerger ein ruhiges, melancholisches Bild des gealterten Charles Darwin. Als Berühmtheit ungewollt vor alle möglichen Karren gespannt, von seiner tiefgläubigen Frau unter Druck gesetzt und von diversen Zipperlein geplagt, zieht er sich zurück, um den Regenwurm zu erforschen. Zeitgleich zieht er Bilanz, sinniert über den Sinn und Zweck seines Forschens. Ein gern gesehener Gesprächspartner ist dabei sein Hausarzt Dr. Beckett, ein angesehener Mediziner und angenehmer Gesellschafter.
Der unaufgeregte Ton und die langsame Entfaltung des Geschehens haben mich ein wenig an Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ denken lassen, das ich zu meinen Lieblingsbüchern zähle.
Die Charaktere fand ich glaubwürdig gezeichnet, insbesondere auch Darwins Frau Emma, die zerrissen wird von der starken Liebe zu ihrem Gatten, ihrem tiefen Glauben und der Angst ihren ungläubigen Mann nach dem Tode nicht wiedersehen zu dürfen. Aber auch Dr. Beckett, aufgeschlossen und nach Wissen strebend, ist ein durchaus interessanter Mann. Schlußendlich ist er auch verantwortlich für das Zusammentreffen von Darwin und Marx.
Und hier kommen wir zu dem für mich unverständlichen Teil des Romans. Karl Marx wird anfänglich ähnlich umfassend eingeführt wie Darwin, es scheint alles auf das Treffen zuzulaufen und dann läßt die Autorin Marx mehr oder weniger im Regen stehen und sein Part verläuft im Sande. Das ist schade. Denn auf der einen Seite hätte es Marx‘ nicht bedurft, um Darwins letzte Jahre zu beschreiben und auf der anderen Seite wäre es spannender gewesen, hätte man die Beiden zu Gegenpolen aufgebaut. So nun aber wird Marx immer mal wieder ins Gedächtnis des Lesers gebracht, sein Tun bleibt aber für das Geschehen irrelevant. Was also genau macht er in Darwins Garten und wieso ist gerade der Schwerpunkt eines Buches sein am wenigsten ausgearbeiteter Part? Ein interessantes Gedankenspiel hätte man ja durchaus daraus entwickeln können, denn zu einer realen Begegnung ist es nie gekommen. Auf der einen Seite der unermüdliche Forscher und Weltentdecker, auf der anderen Seite der Schreibtischphilosoph und Denker, das hätte Potenzial gehabt.
So kann ich abschließend nur sagen, dass mir Stil, Sprache und Thema des Romans grundsätzlich sehr gut gefallen haben, mir aber eine rote Linie fehlt (im wahrsten Sinne des Wortes) und das Ganze mich deshalb etwas uninspiriert zurück gelassen hat.

Wie sag ich’s nur?

Der Augenblick der Zeit von Stephanie Schuster

Der Augenblick der Zeit

Stephanie Schuster

erschienen 2018 im Blessing Verlag

ISBN 978-3-89667-569-9

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Nun ist also geschehen, was ich immer befürchtet habe, seit ich Bücher öffentlich bespreche. Was mich bei Leserunden mit Autor innerlich nervös macht. Der Grund, warum ich Leserunden mit Autor normalerweise meide.
Das hätte ich in diesem Falle auch tun sollen, aber ich hatte das Buch schon in der Verlagsvorschau entdeckt, und da es um Leonardo da Vinci geht, zumindest am Rande, und ich der italienischen Renaissance ja sehr zugetan bin, wollte ich es unbedingt lesen. Und da war sie plötzlich, die Leserunde mit Stephanie Schuster für ihren Roman „Der Augenblick der Zeit“, es war einfach zu verlockend: ich bewarb mich und gewann.

Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen. Wir verfolgen zum einen um 1493 Georg Tannstetters Erlebnisse am Mailänder Hof unter Il Moro, wo er sich im Auftrage des deutschen Königs Maximilian aufhält. Er soll Il Moros Nichte „besichtigen“, die Hochzeitsverhandlungen sind im Gange. Tannstetter trifft dort auf Leonardo da Vinci und führt auch sonst ein recht abenteuerliches Leben.
Der zweite Erzählstrang beschäftigt sich mit Ina Kosmos, einer jungen Künstlerin im heutigen München. Sie entdeckt bei einer Versteigerung ein Bild, bei dem sie die Handschrift da Vincis zu erkennen glaubt. Sie begibt sich auf die Suche nach dem Bild und steht bald vor der Frage, welchen Weg im Leben sie wählen soll.

Der Roman kam ziemlich rasch bei mir an, beiliegend eine nette Grußkarte der Autorin. Überhaupt wirkt Stephanie Schuster so, als wäre sie eine wirklich nette, feinfühlige Frau. Sie ist engagiert in der Leserunde, beantwortet unermüdlich Fragen, liest und leidet und freut sich mit den Teilnehmern. Die nun wiederum auch alle bisher das Buch phantastisch fanden. Nur eine nicht, fürchte ich.

Und nun sitze ich hier und möchte diese Rezension nur ungern schreiben. Weil ich mir vorstellen kann, wieviel Recherchearbeit hinter diesem Roman steckt und wieviel Herzblut. Weil es eben deutlich schwerer ist, ein Buch zu bemängeln, wenn man den Autor sympathisch findet. Andererseits aber mag ich nicht aus Sympathie beschönigen,  was mir nur mittelprächtig gefällt.

Je mehr ich von diesem Roman gelesen habe, desto mehr kam ich zu dem Schluß: er ist noch nicht ausgereift, so kann man das eigentlich noch nicht herausgeben. Die Geschichte an sich ist spannend und man merkt deutlich, dass Frau Schuster sich mit Farben, Pigmenten und ihrer Nutzung über die Jahrhunderte sehr gut auskennt. Immer, wenn sie über das Malen an sich schreibt, über die Verwendung von Farben, über ihre Herkunft, dann scheint sie in ihrem Element zu sein, dann ist alles stimmig.
Aber wenn es um ihre Charaktere und deren Entwicklung geht, dann scheint es zu haken, so zumindest mein Eindruck. Da kündigt ihre Geschäftspartnerin hinter Inas Rücken nach zehn Jahren die gemeinsame Galerie und was passiert? Nichts, denn praktischerweise kommt so der neue Partner für Ina ins Geschehen. Der alte hat dann ausgedient und darf gehen, mit der Geschäftspartnerin versteht sie sich weiterhin bestens. Personen ploppen auf wie Jack in der Box und werden wieder in die Schachtel zurückgesteckt nach Gebrauch. Ich würde das gerne an weiteren Beispielen aufzeigen, würde aber dummerweise damit entschieden zu viel verraten für diejenigen, die planen das Buch selbst zu lesen. Es gibt einige Stellen im menschlichen Zusammenwirken, die ich einfach nicht plausibel finde, zuviele Andeutungen, deren Auflösung in einem Nebensatz erfolgt, zuviele Ideen für die Dicke des Buches. Andererseits aber dienen die Personen nur dazu, den erdachten Erzählstrang zu füllen, tauchen just da auf, wo man sie braucht und verschwinden dann flugs wieder in der Materialkiste. So kommt nicht wirklich Leben ins Geschehen, wirkt das Ganze durchinszeniert und gekünstelt. Das ist schade, wäre doch Potential zu einem wirklich spannenden Roman da gewesen. So habe ich mich zunehmend gelangweilt und nur der Part um Tannstetter hat mich weiterlesen lassen. Wobei auch da die Ausarbeitung der Charaktere dem oben genannten Muster folgt.

Und nun? Nun bin ich mir ziemlich sicher, die Autorin gekränkt zu haben. Und das tut mir ehrlich leid. Andererseits scheine ich ja wirklich die Einzige zu sein, die das Buch nicht in höchsten Tönen lobt. Und so ist es vielleicht zu verschmerzen, wenn da eine Person quer springt.

Ich danke Stephanie Schuster und dem Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

Weitere Eindrücke zu diesem Roman:

lesbarer https://lesbarer.wordpress.com/2018/04/06/der-augenblick-der-zeit/

Ein Leben

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Krieg und Terpentin

Stefan Hertmans

Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-24431-1

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Es gibt sie, diese Bücher, die einen von der ersten Zeile an in Bann schlagen, die einen vergessen lassen, dass man Pläne hatte, womöglich sogar Termine, die einen mitreißen, durchrütteln, nicht los lassen, bis man die letzte Zeile gelesen hat und noch lange danach. „Krieg und Terpentin“ ist so ein Buch. Allerdings ist es nicht thrillerartige Spannung, die einen festhält, sondern die Geschichte eines Lebens, des Lebens von Stefan Hertmans‘ Großvater.
Zwei Hefte hinterlässt er seinem Enkel, eines über seine Kinder- und Jugendjahre in Gent und eines über seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg. Hertmans beginnt zu recherchieren, zu rekonstruieren, verbindet Erinnerungen mit neu gefundenen Erkenntnissen und schreibt schlußendlich dieses Buch.
Geboren 1891, gestorben 1981. „Doch zwischen diese beiden Daten drängen sich zwei Kriege, unvorstellbare Massaker, das rücksichtsloseste Jahrhundert der Menschheitsgeschichte, Aufstieg und Verfall der modernen Kunst, die weltweite Expansion der Motorindustrie, der Kalte Krieg, Bildung und Zerfall großer Ideologien(…)“
Schon die Beschreibung der Jugendjahre ist fesselnd. Der Vater ist Kirchenmaler und gesundheitlich sehr angeschlagen, die Mutter hält die Familie zusammen, näht neben der täglichen Arbeit, um Geld dazu zu verdienen für die fünf Kinder. Schon früh muss jeder seinen Teil beitragen, um die Familie über Wasser zu halten. Mit dreizehn Jahren beginnt Urbain Martien, so der Name des Großvaters, eine Lehre in einem Eisenhüttenwerk. Narben auf seinem Rücken zeugen von Härte und Gefahren dieses Handwerks. Später wechselt er zum Militär. Und damit beginnt die prägende Zeit in seinem Leben. Er erlebt den Ersten Weltkrieg in all seinem Grauen, wird dreimal schwer verwundet und dreimal nach der Genesung zurückgeschickt in diese Hölle. Er zeichnet sich durch besondere Tapferkeit aus, erhält Medaillen ohne Zahl, aber keine Beförderung, da er als Flame in einem wallonisch geführten Heer einen schlechten Stand hat.
Diese Kriegsbeschreibungen, teilweise fast unerträglich zu lesen, sind es, die den Kern des Buches ausmachen. Die das Leben des Großvaters ausmachen. Der Versuch, das Erlebte zu verarbeiten, allein, denn Kriegstraumata-Behandlung gab es zu dem Zeitpunkt nicht, führt zu Verfolgungswahn und zeitweiliger Einweisung. Das „danach“ wird still ertragen, mit erhobenem Haupt, aber zerbrochenem Rücken. Die Welt, in der er aufgewachsen ist, gibt es nicht mehr.

Stefan Hertmans ist es gelungen, einen autobiographischen Roman zu schreiben, der ein anonymes Grauen mit Gesichtern und Namen versieht und es damit einerseits erfassbar macht und andererseits die Unfassbarkeit des Geschehens verdeutlicht, und der ein Schlaglicht wirft auf einen Krieg, der immer im Schatten des nachfolgenden Krieges steht, aber doch den apokalyptischen Reitern Tür und Tor geöffnet und damit eine neue Zeit der Kriegsführung eingeläutet hat.

Ein berührendes Buch, großartig geschrieben, eine Liebeserklärung an den Großvater, dessen Eigenarten und Verhalten dem Autor erst lange nach seinem Tod erklärbar werden.

Ich danke dem Diogenes Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Serge Diaghilev

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Diaghilev and the Golden Age of the Ballets Russes 1909-1929

herausgegeben von Jane Pritchard

erschienen 2010 bei V&A Publishing

ISBN 978-1-851-77613-9

 

Jeder Mensch, der sich nur halbwegs mit Ballettgeschichte beschäftigt, dürfte bei diesem Buch Schnappatmung bekommen. Zum einen, weil es ein echter Backstein von einem Bildband ist und wunderbar geeignet, Armmuskeln in Form zu bringen, zum anderen aber, weil es wirklich fast jeden Schnipsel enthält, der von der Hoch-Zeit der Ballets Russes noch zu finden ist. Gestaltet als Begleitband zu einer Ausstellung im Victoria & Albert Museum in London, findet man Bilder von Originalkostümen, Theaterplakaten, Bühnenbildern und dergleichen mehr.

In den ausführlichen Essays geht es dann, wie der Titel schon impliziert, hauptsächlich um Serge Diaghilev und seine Rolle als Impresario und Kunstförderer. Man findet neben den selbstverständlichen Texten zu seiner Herkunft und seinem Lebenslauf auch Analysen seines Verhältnisses zur Kunst, besonders im Bezug auf die Bühnenbilder und Kostüme der Truppe, die u.a. von Leon Bakst, Natalia Goncharova oder Pablo Picasso geschaffen wurden, oder zur Musik: Komponisten wie Strawinsky, Debussy oder Prokofiev schufen Stücke für die Ballets Russes und verdanken Diaghilev große Teile ihres Ruhms. Dieses Gespür für Strömungen, für vielversprechende Talente in allen Formen von Kunst, ist es, was ihn so besonders gemacht hat, ihn abgehoben hat von den anderen Kunstkennern und -förderern seiner Zeit.

Natürlich kann man kein Buch über die Ballets Russes herausbringen, ohne die Tänzer zu benennen, die maßgeblichen Anteil am triumphalen Aufstieg der Truppe hatten. Aber der Tanz selber ist tatsächlich kaum Thema, es geht mehr um die Choreographen und ihren Mut, althergebrachte Regeln zu brechen und Neues zu schaffen, darum, dass den männlichen Tänzern eine andere Rolle zugeteilt wurde, als Ballerinen von rechts nach links zu reichen, dass sogar der männliche Tänzer eher im Mittelpunkt stand als die Damen.

Trotz der vielen Daten und Namen ist das Alles keineswegs trocken geraten, die Essays sind sicherlich auch für jene lesbar, deren Englisch Lücken aufweist, und die Bilder geben einen tiefen Einblick in Diaghilevs Welt. Ich konnte Stunden damit verbringen, mir Details einzelner Kostüme anzusehen und mir ihre Wirkung in Bewegung vorzustellen. Leider gibt von dieser so lebendigen und noch heute das Ballett beeinflussenden Truppe keine Filmaufnahmen. Einzelne Tänzer sind später gefilmt worden oder haben sogar Tanzfilme gedreht, aber für Aufführungen der Ballets Russes unter Diaghilev gilt das nicht. Und so bleiben eben nur Bilder, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was diese Gruppe von Künstlern ausgemacht hat, die die Ballettwelt so revolutioniert hat.

Ein traumhafter Bildband für Ballettliebhaber und ein schickes Coffeetablebook für die, die es noch werden wollen…

Die wundersamen Abenteuer des Mr. Smith

978-3-498-06447-1

Neu York

Francis Spufford

Aus dem Englischen von Jan Schönherr

erschienen 2017 im Rowohlt Verlag

ISBN 978-3-498-06447-1

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Neu York, 1746. Zu dieser Zeit ist die spätere Millionenstadt ein kleines englisches Kolonialstädtchen, immer noch geprägt von den holländischen Gründern. Von den beständigen Einwohnern kennt jeder jeden, Neuankömmlinge werden mißtrauisch beäugt. In diese Dorfwelt platzt der Londoner Richard Smith, ausgestattet mit einem Wechsel über tausend Pfund, den einzulösen der zuständige Kontor sich weigert. Eine Anfrage wird zurück nach London geschickt, damals noch per Schiff. Die erhebliche Wartezeit stellt Mr.Smith nicht nur vor finanzielle Probleme, nein, er muss sich auch erwehren gegen Versuche, ihn auszuhorchen oder gar politisch vor einen Karren zu spannen.

Was so zusammengefasst vielleicht ein wenig trocken wirken mag, ist genau das aber keineswegs. Spufford hat einen herrlichen Schelmen- und Abenteuerroman geschrieben um diesen mysteriösen Mr. Smith, der weder die Neu Yorker noch uns Leser hinter die Karten gucken lässt. Was treibt diesen offensichtlichen Großstädter in die Kolonien? Was möchte er mit den tausend Pfund dort erreichen?

Francis Spufford ist eigentlich bekannt als Sachbuchautor. Dies ist sein erster Roman und, das sei gleich dazu gesagt, hoffentlich nicht sein letzter. Denn hier treffen genaue und gekonnte Beschreibungen der damaligen Gegebenheiten auf überbordende Fabulierlust und ein Händchen für geschickte Wendungen. Immer dann, wenn man eine neue Idee entwickelt hat, wohin die Reise gehen könnte, macht Spufford einem charmant lächelnd einen Strich durch die Rechnung. Und so hatte ich hier tatsächlich einen der wenigen Romane vor mir, bei denen ich bis zum Schluss überraschende Entdeckungen machen konnte. Dazu kommen interessant gezeichnete Charaktere, von Mr Smith selbst natürlich, über die ein wenig überspannte Tochter des Kontorbesitzers, bis hin zu den holländischen Platzhirschen vor Ort, einer wirklich freundlichen Familie, mit einer gehörigen Portion Eisen unter dem Zuckerguss.

Um dem Ganzen nun noch die Krone aufzusetzen, hat Rowohlt das Buch auch besonders hübsch gestaltet. Jeder Teil wird mit einer Illustration von Eleanor Crow eingeleitet, die dabei Zeichnungen aus dem 18.Jahrhundert zum Vorbild nahm. Der Schutzumschlag zeigt eine Häuserreihe in holländischem Hansestil mit Goldprägung akzentuiert, und ja, es gibt ein Lesebändchen, für mich immer das seligmachende Tüpfelchen auf dem i.

Scheinbar ist dieser Roman bei den Neuerscheinungen des letzten Jahres unverdient ein wenig untergegangen. Grund genug, jetzt eine definitive Leseempfehlung auszusprechen, denn für mich zählt der Roman zu den besten, die ich dieses Jahr bisher gelesen habe.