Liebe, Kunst und Ringelreihen

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Die Sparsholt-Affäre
Alan Hollinghurst
Aus dem Englischen von Thomas Stegers
erschienen am 11.März 2019 im Blessing Verlag
ISBN 978-3-89667-626-9

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Ich springe ausnahmsweise einmal gleich ohne Umschweife in das Thema: Wandlungen in der englischen Gesellschaft von 1940 bis zur Gegenwart, dargestellt anhand des Umgangs mit Homosexualität. Was klingt wie eine trockene Abhandlung, ist stattdessen ein geistreicher, charmanter und absolut lesenswerter Roman.
Zunächst befinden wir uns im Oxford der Kriegsjahre. Freddie Green berichtet von der Liebe seines guten Freundes Evert Dax zu einem Mitstudenten namens David Sparsholt. Dessen Ausrichtung ist unklar, immerhin ist er verlobt und direkte Nachfragen sind aufgrund der Gesetzeslage nicht ungefährlich. Schließlich galt Homosexualität damals als strafbares Delikt.
Was auch immer in Oxford damals geschah, David wird Vater eines Sohnes, Johnny. Und dessen Lebensweg ist der rote Faden des Romans. Wir lesen über die erste Verliebtheit in einen französischen Austauschschüler, erleben, wie der Wunsch wächst, Künstler zu werden, wie Johnny über Umwege Vater einer Tochter wird und versucht, ein glückliches und erfülltes Leben zu führen. Überschattet wird dieser Versuch allerdings von einem Skandal rund um seinen Vater, der dessen Leben und Ehe zerstört und auch den Sohn stark beeinflusst.
Ein sprachlich hervorragender Roman, der feinfühlig mit einem schwierigen Thema umgeht. Was macht es mit einem Menschen, wenn die Hälfte seines Lebens im Verborgenen stattfinden muss, wenn Gesellschaft und nahe Umgebung die Neigungen, die man ja nicht beeinflussen kann, nicht akzeptieren, schlimmer noch verachten? Welche Veränderungen sind möglich, wenn Liebe nicht mehr strafbar ist und verhältnismäßig offen gelebt werden darf?
Der Roman hat eine besondere Ausstrahlung, die ich nur schwer beschreiben kann. Vielleicht ist es die auch heute noch seltene Selbstverständlichkeit, mit der über gleichgeschlechtliche Liebe gesprochen wird. Die sich ja nicht unterscheidet von der gesellschaftlich anerkannten Form.
Vielleicht sind es aber auch die Charaktere, die britische Kultiviertheit und der Schreibstil, „geistreich“ laut Klappentext, „geistreich, berührend und brillant“. Und besser kann man es eigentlich auch gar nicht zusammenfassen.

Ich danke dem Blessing Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Irland im 21.Jahrhundert

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Die Lieben der Melody Shee

Donal Ryan

Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-07023-1

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Melody Shee ist Irin. Und sie ist schwanger. Allerdings nicht von ihrem Ehemann, der sich heimlich sterilisieren liess. Schwanger ist sie von ihrem siebzehnjährigen Nachhilfeschüler, einem Traveller, einem vom fahrenden Volk.
Im streng katholischen Irland ist das eine Todsünde. Was folgt, sind Beschimpfungen und fliegende Steine. Melody dagegen freundet sich immer mehr mit den Travellern an…
Donal Ryan hat mit „Die Lieben der Melody Shee“ einen Roman jenseits aller romantischen Irlandvorstellungen geschrieben, ohne klingende Bächlein und hüpfende Leprechauns. Ryans Irland ist geprägt von uralten Vorurteilen, von verknöcherten Vorstellungen und der Wahrung des Scheins.
Der Roman hat mehrere Erzählstränge, sehr eng verwebt und verknüpft, die Charaktere haben alle tiefwurzelnde Gründe für ihr Handeln. Bei Ryan gibt es kein „schwarz“ oder „weiß“. Keine der auftretenden Personen ist durchgehend böse oder ausschließlich liebevoll. Jeder ist geprägt durch Erlebnisse, sein direktes Umfeld und gesellschaftliche Normen.
Melody nutzt die Zeit der Schwangerschaft, um über ihr Leben nachzudenken, über Liebe und Schuld, über Vergebung und Sühne. Bei den Travellern lernt sie völlig andere Lebensgesetze kennen, Blutrache und arrangierte Ehen, aber auch festen Familienzusammenhalt und Füreinander Einstehen. Und so keimt in ihr ein weitreichender Entschluss…

Ryan zeigt, dass in einer katholisch geprägten, erzkonservativen Gesellschaft ein Fehltritt reicht, um eine unfassbare Brutalität zu entfesseln, dass das Gefühl des „im Recht seins“ es ermöglicht, Hemmungen fallen zu lassen und Jahre des Zusammenlebens zu ignorieren. Und dass eine solche, sich als zivilisiert betrachtende Gesellschaft schlußendlich gar nicht so weit entfernt ist von den archaischen Gesetzen der Traveller, wo eine nicht erfolgende Schwangerschaft, die schuldlose Unfruchtbarkeit einer Frau, einen blutigen Familienkrieg heraufbeschwört.

Ein Roman, der mich so schnell nicht wieder losgelassen hat, der mich wieder einmal hat nachdenken lassen über die Rechte der Frau am eigenen Körper, und wie weit wir immer noch davon entfernt sind, dieses Recht zu besitzen. Darüber, dass immer noch weitestgehend der männliche Blickwinkel zählt und das nicht nur in konservativen katholisch geprägten Gesellschaften.
Ein Roman, der aber nicht nur wegen des Inhalts lesenswert ist, sondern auch aufgrund seiner Sprache, der präzisen Formulierungen. Ryan ist kein Freund von Weitschweifigkeit, er schreibt auf den Punkt, nahezu lakonisch. Und trifft dabei für mich den richtigen Ton, einen Ton, der seine Charaktere menschlich erscheinen lässt, jenseits aller Perfektion.

Ich danke dem Diogenes Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

 

Weitere Eindrücke zu diesem Buch findet ihr bei

quaintthings https://quaintthings.wordpress.com/2017/02/14/all-we-shall-know-donal-ryan/