Eis und Poesie

Die Eismacher von Ernest van der Kwast

Die Eismacher

Ernest van der Kwast

Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke

erschienen als Taschenbuch 2018 im btb Verlag

ISBN 978-3-442-71597-8

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Das unglaublich sonnige Wetter der letzten Woche bot sich dafür an: für den ersten Sommerroman des Jahres. Und über was liest man bei fast dreißig Grad am liebsten? Richtig, über Eis bzw die Kunst des Eismachens. Daher fiel mein Blick im Regal mit den ungelesenen Büchern recht schnell auf Ernest van der Kwasts Roman.

Er erzählt die Geschichte der Talaminis, Eismacher der ersten Stunde und seit Generationen, aus einem kleinen Dorf in den Dolomiten stammend. Jedes Jahr im Frühjahr fahren sie zu ihrem Eiscafé nach Rotterdam, um erst im Winter nach Hause zurückzukehren.
Der Roman lässt sich gut an, beginnt mit dem Urgroßvater des Erzählers, mit der Idee zur Nutzung von Gebirgsschnee. Eingeschoben sind kleine Exkursionen in die Historie der italienischen Eisherstellung, über die Entwicklung der Maschinen, über die wichtigsten Eismacher, die Traditionen in dem Gewerbe.
Nun sind Schriftsteller aber selten zufrieden damit, nur die Geschichte einer Berufsgruppe in Romanform zu verfassen. Und so entwickelt auch van der Kwast einen vermeintlich spannenden Plot um die jüngsten Talaminis, zwei Brüder. Der ältere wendet sich vom Handwerk ab und widmet sich der Lyrik und Poesie, der jüngere muss somit die Tradition weiterführen. Es kommt zum erwarteten Zwist. Da das aber immer noch nicht reicht, verlieben sich beide in dieselbe Frau. Und auch dazu gibt es noch eine Steigerung, die ich nun nicht weiter ausführe.
Angereichert ist das Ganze mit schwülstigen, Verzeihung, sinnlichen Pettingszenen, und diversen Familienkrächen. Nun denn, wer’s mag…
Was mich persönlich jedoch wirklich geärgert hat, ist die Tatsache, dass van der Kwast diese ganzen Verwicklungen gar nicht nötig gehabt hätte, um ein spannendes Buch zu schreiben. Der Anfang in seinem ruhigen, bildhaften Fluss zeigt nämlich, was dieser Roman auch hätte werden können: eine Familiengeschichte, die das blinde Fortführen von Traditionen hinterfragt, ein Sommerroman, der Einblick gibt in das Leben der Eismacher,wie es sie ja in fast jeder Stadt, jedem Dorf gibt, die Geschichte zweier unterschiedlicher Brüder, die ihren Weg finden müssen. Das alles ist in Anklängen da, und wird dann wieder überdeckt von der Dreiecksgeschichte, die das Lesen für mich irgendwann eher zäh gemacht hat.
Ein Roman mit interessanten Anklängen, bei dem der Autor dem eigenen Können leider nicht getraut oder zu viele Soap Operas geschaut hat.

Ich danke dem btb Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

Weitere Meinungen zu diesem Buch:

Wortgewandetes https://wortgewandetes.com/2017/10/24/poetische-liebesgeschichte-die-eismacher/
KreativKultur https://kreatur.blog/2017/08/13/urlaubslektuere-kapitel-6/

Einbahnstraßen des Lebens

Wege die sich kreuzen von Tommi Kinnunen

Wege, die sich kreuzen

Tommi Kinnunen

Aus dem Finnischen von Angela Plöger

erschienen 2018 bei der Deutschen Verlags-Anstalt

ISBN 978-3-421-04771-7

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Mit „Wege, die sich kreuzen“ legt Tommi Kinnunen einen beachtenswerten Debütroman vor. Er erzählt die Geschichte einer Familie aus Nordfinnland über drei Generationen hinweg. Sehr geschickt verwebt er die einzelnen Stimmen zu einem Ganzen, beginnend mit Maria, die als junge Hebamme in ein nordfinnisches Dorf kommt und sich erst mühsam einen Ruf erarbeiten muss, über ihre Tochter Lahja, die zusammen mit ihrer Familie nach dem Zweiten Weltkrieg gezwungen ist, komplett neu anzufangen, bis zu Kaarina, Lahjas Schwiegertochter, die unter der Herrschsucht und Kälte Lahjas leidet. Aber erst die Stimme Onnis, des Ehemanns von Lahja, komplettiert den wie ein Puzzle angelegten Roman. Mit jeder Stimme erfährt man mehr über die Familie, wechseln die Sichtweisen, wird das Bild genauer.

Düster ist dieses Buch. Dunkel und kalt scheint es in Nordfinnland zu sein, wo die Menschen in Holzhäusern wohnten und zu einem strengen, unnachgiebigen Gott beten. Wo jeder, der von der üblichen Lebensweise auch nur einen Deut abweicht, mißtrauisch beäugt oder sogar zwangsweise auf den „rechten“ Weg zurückgeführt wird. Wo eine Frau zum Gebären und Arbeiten gemacht ist und ein Frauenleben nicht viel Wert hat.
Noch düsterer ist es während und nach dem Krieg, nach Zwangsevakuierung und Verlust aller Habe, wenn die Menschen, in Erdhäusern zusammengepfercht, versuchen, die kalten Winter zu überstehen und Essen und Wärme knapp sind.
Doch am düstersten ist es in den Herzen dieser Menschen, wenn einer vom Weg abgekommen ist, abkommen musste, weil es gar nicht anders sein kann. Einer, der ein guter, heller Mensch ist, ein wunderbarer Vater mit lachenden Augen, der trotzdem kein Verzeihen findet.

Dieser Roman nahm eine völlig andere Wendung, als ich dank des Klappentextes vermutet hätte, ist dunkler, kälter und hoffnungsloser. Und stellt sie wieder, die Frage nach der Menschlichkeit, nach dem Recht der Gesellschaft, zu urteilen und zu bestrafen, obwohl niemandem ein Leid geschah.
Gerechnet hatte ich mit einem typischen Generationenroman – hier ein paar Geheimnisse, dort ein paar unerlaubte Liebschaften -, bekommen habe ich einen Roman, der trotz seiner schlichten Sätze, seinem lakonischen Ton, tiefer geht, mit ein paar Strichen Menschen und Beziehungen seziert, und der nachhallt. Ein Buch, das ich zornig weggelegt habe, zornig und traurig, weil es deutlich zeigt, was Menschen sich anzutun imstande sind, aus Selbstgerechtigkeit, Zorn und Einsamkeit.
Ein Roman, dem ich viele Leser wünsche und ein Autor, der hoffentlich weitere Bücher schreibt.

»Ein eindrucksvolles Plädoyer für die Würde des Menschen.« Aus der Juryerklärung für den Finlandia Preis.

Ich danke dem Verlag ganz herzlich für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

 

Weitere Rezensionen zu diesem Roman:

Zeichen & Zeiten https://zeichenundzeiten.com/2018/04/06/fast-familie-tommi-kinnunen-wege-die-sich-kreuzen/
sl4lifstyle https://sl4lifestyle.wordpress.com/2018/03/22/ein-familienepos-aus-dem-hohen-norden/
AtroLibrium https://astrolibrium.wordpress.com/2018/03/19/wege-die-sich-kreuzen-von-tommi-kinnunen/

Die Leiden der Porters

Die Sommer der Porters von Elizabeth Graver

Die Sommer der Porters

Elizabeth Graver

Aus dem Englischen von Juliane Zaubitzer

erschienen 2018 als TB im btb-Verlag

ISBN 978-3-442-71551-0

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„Großartige Sommerlektüre“ laut der Zeitschrift Brigitte, steht zumindest so auf dem Einband. Ich habe das Buch im Frühling gelesen, war das vielleicht mein Fehler?
Aber ich fange besser am Anfang an: seit ewigen Zeiten reist Familie Porter, der amerikanischen Oberschicht angehörend, Jahr für Jahr im Sommer mit dem ganzen Hausstand nach Ashaunt, einer fiktiven Halbinsel vor Massachusetts. „Doch als dort im Sommer 1942 ein Militärstützpunkt entsteht, hat die Idylle ein jähes Ende“, sagt der Klappentext.
Nun, da  muss ich etwas überlesen haben. Oder ich habe gar das Buch nicht verstanden. Für den Sommer 1942 jedenfalls folgen wir einem der Kindermädchen bei der Überlegung, ob sie sich in einen der Soldaten verlieben soll oder nicht. Wir lernen ihren fügsamen Zögling Jane kennen, deren ungebärdigere Schwestern, erzogen von einem anderen Kindermädchen, die überforderte Mutter und den an einer geheimen Krankheit leidenden und daher im Rollstuhl sitzenden Vater. Überhaupt gibt es eine Menge an unnützer Informationen, über die Familie, über Fauna und Flora, über Gott und die Welt, die einen schlußendlich nicht wesentlich weiter bringen. Dafür fehlen ein paar hilfreiche Angaben, um die Fülle dieser Informationen zu bändigen.
Nach der „Kindermädchen-Affaire“ springen wir dann abrupt ins Jahr 1947 und in einen Briefroman und wechseln dabei zu Helen, der ältesten Tochter, die ein bißchen aus ihrem Leben plaudert. Helen wäre gerne studiert, 1947 kein  selbstverständliches Unterfangen für eine Frau. Weil sie aber nette Eltern hat, verbringt sie ihre Sommer und auch den Rest des Jahres zu Sprachstudien in der Schweiz, wo sie, wie wir wenig später erfahren, auch ihren Ehemann findet.
1970 lernen wir dann Helens ältesten Sohn Charlie kennen, der auf Ashaunt wohnt, um dort drogengeschuldete Gehirnschäden zu kurieren. Wobei er die eventuell sowieso gehabt hätte, denn in der Familie Porter hat jeder zweite einen Therapeuten und Tante Dossy verbringt sogar regelmäßig einen Teil ihrer Zeit in „Erholungsanstalten“. Warum, wieso, weshalb diese Familie so anfällig ist, ist der Autorin keine Zeile wert, dafür werden seitenweise Gesteinsbrocken beschrieben. Die Familie ist größer geworden, alle Töchter haben nun selbst Kinder, und zwar mehrere, die alle immer mal wieder irgendwo mitmischen und wieder aus dem Blickfeld verschwinden.
1999 ist Charlie dann schon verheiratet und Helen liegt im Sterben. Man weiß nicht, mit wem man mehr Mitleid haben soll.
Im Grunde geht es gar nicht um die Porters, die kommen und gehen, mal zahlreicher, mal vereinzelt, es geht um Ashaunt und – ja, und was? Das ist es, was ich mich zunehmend gefragt habe, worum geht es eigentlich? Die Geschichte dümpelt dahin, Personen, die im einen Teil wichtig waren, tauchen im nächsten kaum auf und über allem scheint eine merkwürdige Moralvorstellung zu liegen, die mir das Buch endgültig verleidet hat. Die wohlerzogene, gehorsame Jane, später Mutter von zahlreichen wohlerzogenen, gehorsamen und unkompliziert netten Kindern steht neben der als Kind schon anstrengenden Helen, zu lax erzogen, die wegen ihrer Universitätslaufbahn die Kinder vernachlässigt und überhaupt ein recht unsympathisch gezeichneter Charakter ist. Frauen, die arbeiten gehen sind Rabenmütter? Na denn…
Ich hatte zunehmend das Gefühl, dass hier nicht die Spur eines roten Fadens zustande gebracht wurde und die Schriftstellerin von Thema zu Thema hopst wie ein Grashüpfer auf Nahrungssuche, dass es mir eigentlich recht egal ist, wo und wie die Porters ihre Sommer verbringen und dass mir Flora und Fauna einer fiktiven Halbinsel auch keine Begeisterungsrufe entlocken. Gepflegte Langeweile ist die Stimmung, mit der ich das Buch beschreiben würde. Aber vielleicht ist das ja nur meine noch leicht eingefrorene Frühlingsmeinung…

Ich danke dem btb-Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Meinungen zu dem Roman:

buchlese https://buchlese.wordpress.com/2017/04/23/die-sommer-der-porters-elizabeth-graver/