The beautiful landscape of battlefields, cemeteries and ruins

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Winterbergs letzte Reise
Jaroslav Rudis
erschienen am  25.02.2019 im Luchterhand Literaturverlag
ISBN 978-3-630-87595-8

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Dieses Buch ist eine Zumutung. Es ist großartig, anders, stellenweise unfassbar witzig, abgrundtief traurig, irrsinnig, todlangweilig, aber vor allem eine Zumutung. Man muss es lesen wollen, wirklich wollen. Nur, warum sollte man wollen wollen?
Kurz zum Inhalt, wobei man den Inhalt im Grunde nicht kurz, wenn überhaupt, zusammenfassen kann:
Jan Kraus, gebürtiger Tscheche, ist 1986 nach Deutschland geflohen. Dort ist er über Umwege Krankenpfleger und Sterbebegleiter geworden.
Derzeit versorgt er den 99jährigen Wenzel Winterberg, der schon in den letzten Zügen liegt (was würde er diesen Begriff „in den letzten Zügen liegen“ lieben, zumindest wäre er Anlass für einen Vortrag). Winterberg hat aber noch eine Aufgabe zu erledigen und so reisen die Beiden per Zug (Winterberg liebt Züge), bewaffnet mit einem Baedecker von 1913, durch halb Mitteleuropa.
Der Leser erlebt diese Reise mit den Augen Jan Kraus‘, aber eigentlich ist der Roman ein fast durchgehender Monolog Winterbergs. Über Gott und die Welt, Kriegsschauplätze, Sehenswürdigkeiten, Bahnhöfe und Feuerhallen, jaja, neinnein, darüber, ob man „geschichtlich durchblickt“, über die Schlacht von Königgrätz, tschechisches Bier, Frauen, Zugfahrpläne. Ein nicht endenwollendes Gesabbel (nein, ich will es nicht anders nennen, will ich nicht), ähnlich einlullend wie lange Bahnfahrten. Und in diesem Fluss von Baedeckerabschnitten, Beschreibungen der Landschaft, Betrachtungen zur Geschichte finden sich immer wieder Hinweise auf das, was Winterberg quält, auf das, was Kraus mit sich herumschleppt und nicht verarbeiten kann. So dass man beim Lesen immer wieder aufschreckt, weil man denkt, man hätte den Zielbahnhof verpasst oder den Umsteigehalt, den einen wichtigen Hinweis halt, die Andeutung, die über Sinn und Unsinn entscheidet, aber schnell folgt der nächste Redeschwall, der Zug fährt weiter.
Warum also, zum Henker, sollte man sich das antun? Weder Kraus noch Winterberg sind sympathisch, man beginnt sie trotzdem zu mögen, sicherlich, ein wenig zumindest, aber vor allem beginnt man zu denken. Über den Krieg, über Diktaturen, über den Tod, darüber, was einen Menschen zerbricht und wie schnell das geht, wie unverhofft, wie wenig man planen kann, wie schnell man vom Täter zum Opfer wird und umgekehrt und auch darüber, wie sehr sich die Geschichte immer in der Gegenwart spiegelt.
Dieser Roman ist ein ganz und gar irrwitziges Projekt, sperrig. Er verlangt vom Leser Arbeit und Geduld und Durchhaltewillen. Und das ganz ohne Belohnung. Außer den Erkenntnissen, die man sich vielleicht beim Lesen selbst erarbeitet hat. Was dann wiederum mehr ist, als man von den meisten anderen Büchern sagen kann.
Und soll man diesen Roman nun lesen? Man soll. Wenn man denn bereit ist, sich einzulassen auf diesen Text. Wenn man sich nicht nur besäuseln lassen möchte von Literatur.Wenn man aktiv und selbständig denken möchte. Sonst begibt man sich in die Gefahr an hochgradiger Langeweile zu sterben. Irgendwo zwischen Königgrätz und Sarajewo.

1944

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Unter der Drachenwand

Arno Geiger

erschienen 2018 im Hanser Verlag

ISBN 978-3-446-25812-9

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1944. Der junge Soldat Veit Kolbe wird zur Genesung nach Mondsee geschickt, einem Dorf unterhalb der Drachenwand in Österreich. Dort wird er bei der unfreundlichen Trude Dohm einquartiert. Ebenfalls bei Frau Dohm im Quartier ist Margarete mit ihrem Baby, deren Mann an der Front ist. Aus gelegentlichen Begegnungen werden gemeinsame Abendessen und schlußendlich Liebe. Aber sobald Veits Verletzungen verheilt sind, wird ein neuer Einberufungsbefehl kommen.
Was nach einer romantischen Liebesgeschichte in Kriegszeiten klingt, ist auch genau das, eine romantische Liebesgeschichte in Kriegszeiten. Aber eben nicht nur. Arno Geiger gelingt es, das Große im Kleinen abzubilden, Mondsee als ein Ort unter vielen im sogenannten Deutschen Reich. Da ist der erschöpfte, kriegstraumatisierte Soldat, die Kriegsbraut, die ihren Mann kaum kennt, die Lehrerin, die für Zucht und Ordnung sorgen soll und ihre landverschickten Schützlinge, die kaum zu bändigen sind, der Brasilianer, Bruder der Quartiersfrau Dohm, der für seine offenen Worte schwer bezahlen muss und der Postenkommandant in Mondsee, der sich an jegliche Regeln hält, um nur ja nicht aufzufallen. Sie alle sind Stellvertreter einer kriegsgeschädigten Gesellschaft.
Aber obwohl man die Idee zu diesem Roman, die Konstruktion dahinter zu erkennen vermeint, ist es eben die große Kunst Geigers lebende, atmende Menschen erschaffen zu haben. Menschen, deren Beweggründe man nachvollziehen kann, deren Schicksal einem nahegeht, die eben im Guten wie im Schlechten menschlich handeln. Es gibt keine Bösewichter und Helden, nein, Geigers Gestalten versuchen auf ihre Weise und ihrem Charakter entsprechend mit der Ausnahmesituation zurecht zu kommen. Und das gelingt naturgemäß mal mehr, mal weniger gut.
Was diesen Roman mit seinen vielen Einzelschicksalen zusammenhält, ist die Sprache. Nüchtern, geradlinig und doch feinfühlig erzählt Geiger seine Geschichte. Und der Erzählfluss scheint ihm so wichtig zu sein, dass er dem Lesenden Atempausen in Form von Schrägstrichen vorgibt, wie man das sonst eher aus Theatertexten kennt. Und das ist auch das Besondere, das Großartige an diesem Roman: ein Autor, der seinen Text bis ins Kleinste durchdacht und geplant hat, der jedes Wort und jedes Satzzeichen bewußt gesetzt hat und dem es trotz oder vielleicht auch genau darum gelingt, seiner Geschichte Leben einzuhauchen und, genau dosiert, Gefühl. Hier ist ein Meister seines Fachs am Werk, selten erlebt man eine solche handwerkliche Präzision. Und so war die Nominierung für die Longlist des Deutschen Buchpreises wohl zu erwarten, gefolgt von der Nominierung auch für den Österreichischen Buchpreis.
Und wer sich bisher nicht herangetraut hat an „gehobene“ Literatur, weil er sie für nicht oder nur schwer lesbar hielt, der möge hier einen Versuch wagen. Denn neben all dem oben Gesagten, entwickelt der Roman beim Lesen eine solche Sogwirkung, dass ich ihn mehr oder weniger in einem Zuge gelesen habe, unwillig über jede notwendige Pause. Ich wiederhole es also wirklich gern: ein ganz und gar großartiger Roman!

 

Weitere Besprechungen:

leseninvollenzügen https://leseninvollenzuegen.wordpress.com/2018/05/29/review-unter-der-drachenwand/
literaturgeflüster https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/08/25/unter-der-drachenwand/
literaturleuchtet https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/02/14/arno-geiger-unter-der-drachenwand-hanser-verlag/