Operation an der lebenden Schriftstellerin

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Erinnerung eines Mädchens
Annie Ernaux
Aus dem Französischen von Sonja Finck
erschienen am 02.10.2018 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-42792-7

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„How can we know the dancer from the dance?“ – Aus „Among School Children“ von William Butler Yeats

Diese Zeile ging mir beim Lesen von Annie Ernauxs Buch nicht aus dem Kopf. Sie schreibt über ihre Erinnerungen an sich selbst als junges Mädchen von 18 Jahren. Es ist der Sommer 1958 und Annie kehrt zum ersten Mal dem Elternhaus den Rücken. Sie ist Jugendbetreuerin in einem Sommercamp und voll freudiger Erwartung der Abenteuer, die da kommen mögen. Die lassen auch nicht auf sich warten. Nur werden sie Annie für immer belasten und Wunden schlagen, die nicht wirklich heilen.
Bücher wie dieses sind wichtig. Es ist gut und richtig, dass Frauen offen sprechen über Mißbrauch, und über das, was man heute Mobbing nennt. Es ist wichtig, dass Mädchen lernen, sich und ihren Körper wertzuschätzen und nicht den Begierden anderer zu unterwerfen.
Denn das, was mit Annie geschehen ist, ist sicherlich viel mehr Frauen genauso ergangen, als wir vermuten. Und solange die Schuld bei sexueller Nötigung auf die Frau abgeladen wird, herrscht eben Scham und Schweigen.
Deshalb ist es großartig, wenn gerade Frauen der älteren Generationen dieses Schweigen brechen, wenn sie imstande sind, die Geschehnisse im Nachhinein richtig einzuordnen, wenn sie erkennen, dass nicht sie diejenigen sind, die sich zu schämen haben.
Aber Annie Ernaux geht weiter. Sie seziert das Mädchen förmlich, das sie einmal war. Kühl und beherrscht analysiert sie die Umstände, versucht Gefühle nachzuvollziehen und daraus resultierende Handlungen. Die junge Annie könnte auch eine Fremde sein, ein erfundener Charakter. Das Ringen um Genauigkeit zeigt, dass es nicht so ist.
Aber, und damit kommen wir zu Yeats, wie tief muss die Verletzung gegangen sein, dass ein Mensch sich derartig von sich selbst trennen kann? Der Text ist in seiner kühlen Emotionslosigkeit erschütternd, emotionslos wohlgemerkt, nicht gefühllos. Annie Ernaux weiß sehr wohl, wie es dem jungen Mädchen ergangen ist, hat sich aber soweit abgekoppelt, dass sie über sich selbst nur Vermutungen anstellen kann:
“ Ich folge diesem Mädchen von Bild zu Bild, seit dem Abend, als sie mit ihrer Zimmergenossin den Keller betreten und H sie zum Tanzen aufgefordert hat, aber es gelingt mir nicht, die Bewegung zu verstehen, die Logik, die zu ihrem derzeitigen Zustand geführt hat.“
Es ist mir nicht leicht gefallen, dieses Buch zu lesen. Da, wo ich wütend geworden bin, blieb Ernaux kühl, da, wo ich am liebsten geschrien und getobt hätte gegen die Ungerechtigkeiten, gegen den Machtmißbrauch, gegen die damaligen Sitten, analysiert sie die Situation.
Und trotzdem, Frauen, lest Annie Ernauxs Erinnerungen, sie sind ein Meilenstein in der Frauenliteratur und öffnen die Augen über Machtstrukturen und die Mechanismen, die Frauen immer wieder in die Schuldfalle schicken. Und geht danach hoffentlich mit geraderem Rücken durchs Leben.

 

 

Too much

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Bestseller

Beka Adamaschwili

Aus dem Georgischen von Sybilla Heinze

2017 erschienen im Verlag Voland & Quist

ISBN 978-3-86391-183-6

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Es gibt in Hamburg einen Buchhändler, dem ich geradezu blind vertraue. Als dieser vor geraumer Zeit von diesem Buch schwärmte, war klar, irgendwann lese ich den Roman auch. Irgendwann war nun also vor ein paar Tagen.
Der erfolglose Schriftsteller Pierre Sonnage springt als Marketingmasche für ewig währenden Ruhm vom Dach des Burj Khalifa in Dubai. Das bekommt ihm nicht ganz so gut und er landet in der sogenannten Literatenhölle. Dort trifft er berühmte Kollegen und muss knifflige Rätsel lösen.
Die erste Hälfte über war ich durchaus angetan. Adamaschwilis Schreibstil ist wirklich böse und witzig zugleich und die vielen Wendungen und Seitenbemerkungen haben ihren eigenen Reiz. Leider hatte ich dann im zweiten Teil zunehmend den Eindruck, dem Autor wäre so nach und nach die Spritzigkeit verloren gegangen. Man rennt von Rätsel zu Rätsel durch die Hölle und der Witz wirkt dabei immer bemühter. Aber wie soll man das Feuerwerk auch durchhalten, wenn man von Anfang an ungehemmt seine Raketen in die Luft jagt? Dann wieder: vielleicht fehlt mir schlicht die literarische Bildung, um alle Seitenhiebe und Anspielungen verstehen zu können? Ich hatte einfach den Eindruck, es ist Adamaschwili im zweiten Teil schwerer gefallen, immer die unwahrscheinlichste Wendung zu wählen.
Grundsätzlich ist „Bestseller“ aber durchaus ein intelligentes, ironisches, stellenweise hochkomisches Buch. Und grundsätzlich würde ich definitiv eine Leseempfehlung geben, vor allem für die, die überbordende Phantasie und permanentes selbstironisches Geplänkel zu schätzen wissen. Oder für die, die literarische Anspielungen lieben und die Literatenhölle für das Paradies halten. Und auch für jene, die gerne über den Tellerrand schauen und so vielleicht einen Einstieg finden in die georgische Literatur. Es gibt also genug Gründe, den Roman zu lesen und den Autor im Auge zu behalten, denn „Bestseller“ ist ein Debütroman und auf die weitere Entwicklung Adamaschwilis bin ich dann doch wirklich gespannt.

Weitere Besprechungen:

Das Debut https://dasdebuet.com/2018/09/25/rezension-beka-adamaschwili-debuetiert-mit-einem-bestseller/
studierenichtdeinleben https://studierenichtdeinleben.wordpress.com/2017/12/07/rezension-bestseller-beka-adamaschwili/

Adamsberg auf Abwegen

Der Zorn der Einsiedlerin von Fred Vargas

Der Zorn der Einsiedlerin

Fred Vargas

Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze

am 29.10.2018 erschienen im Limes Verlag

ISBN 978-3-8090-2693-8

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Um damit gleich zu beginnen, ich liebe die Krimis von Fred Vargas und sie stehen ausnahmslos alle in meiner Bibliothek. Ich mag die Art, wie Kommissar Adamsbergs mäandernde Gedanken mich zwingen mein Lesetempo herunterzufahren, damit ich nichts Entscheidendes verpasse; ich mag es, wie die Realität an den Rändern verschwimmt, um dem Unwahrscheinlichen Raum zu geben; ich mag Vargas‘ ungewöhnliche Ideen, den häufigen geschichtlichen Bezug, bei dem ich immer auch etwas lerne. Daher musste der neue Roman auch am Tag des Erscheinens bei mir einziehen.
Doch ich muss gestehen, ich bin enttäuscht. So wie Adamsberg kurz vor einem Burn-out zu stehen scheint, scheint auch seiner Autorin die Luft auszugehen. Gerade das Privatleben des Kommissars, sein Sohn, seine verlorene Liebe waren der Gegenpol zu den bizarren Fällen, machten Adamsberg menschlich. Das Alles fehlt in diesem Band zur Gänze. Nun ist er nur noch unfehlbarer Ermittler, der seine Kollegen in den Wahnsinn treibt, Kollegen, die übrigens auch von lebendigen Charakteren zu Schablonen erstarrt zu sein scheinen. Man verstehe mich nicht falsch, Vargas komponiert und formuliert nach wie vor fabelhaft, aber es wirkt eher mühselig als leichtfüssig. Ich glaube, eine etwas weniger außergewöhnliche Ermittlung und etwas mehr Konzentration auf die Entwicklung der Charaktere könnte dem Ganzen gut tun.
Der Hauptfall ist so ungewöhnlich, wie man es von der Autorin gewohnt ist. Es geht um Spinnenbisse und Einsiedlerinnen, um Vergeltung und Missbrauch. Und auch, wenn ich diesen Band deutlich schlechter im Vergleich zu den anderen fand, habe ich ihn an einem Tag gelesen. 506 Seiten. Unansprechbar für die Aussenwelt. Was nur zeigt, dass auch ein mittelprächtiger Vargas immer noch deutlich besser ist als neunzig Prozent aller anderen Krimis. Und nun bleibt mir nur zu hoffen, dass der nächste Band wieder besser gelingt und Fred Vargas wieder zurückfindet zu ihrer wunderbaren Truppe, die sich ja dadurch ausgezeichnet hat, dass sie eben nicht nur Stereotypen abgebildet hat, formelhaft erstarrte Gestalten, sondern aus lebendigen Charakteren besteht.
Für Ersttäter empfiehlt es sich übrigens tatsächlich mit Band 1 zu beginnen und nicht mittendrin, finde ich. Auch wenn die Fälle abgeschlossen sind, baut das Zwischenmenschliche aufeinander auf, versteht man die Menschen besser mit ihrem Hintergrund. Wer also mit den Vargas-Krimis beginnen möchte, der greife zu „Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord“.

Déodat und Trémière

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Happy End

Amélie Nothomb

Aus dem Französischen von Brigitte Große

2018 erschienen im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-07042-2

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Mit Amélie Nothomb verbinde ich intelligente, hinter- und abgründige, schwarzhumorige Bücher, die gerne mit der Lesererwartung spielen. Ich mag das, sehr sogar. Daher habe ich mich schon auf den Tag gefreut, an dem ich endlich „Happy End“ in den Händen halten würde, Nothombs Adaption von Charles Perraults Märchen „Riquet mit der Locke“. Und schon der erste Satz nahm mich gefangen:

Als Énide mit achtundvierzig Jahren ihr erstes Kind erwartete, fieberte sie der Entbindung entgegen wie andere einer Partie Russisch Roulette.

Und recht hatte sie, in der Sache etwas mißtrauisch zu sein, denn sie bringt ein so abgrundtief hässliches Kind zur Welt, dass sie und ihr Mann den Jungen zunächst mehr oder weniger verstecken, um ihn vor Gehässigkeiten und Verletzungen zu schützen. Was Déodat, so nennen sie den Knaben, aber eigentlich auszeichnet, ist eine außergewöhnliche Klugheit und Auffassungsgabe, die ihn dann auch die Mechanismen des Spotts, der über ihn hereinbricht, verstehen läßt. Und so wird aus Déodat ein äußerst erfolgreicher Wissenschaftler, durch seine Redegewandheit und seinen Humor beliebt.
Trémière dagegen ist schon als Baby wunderschön, so außergewöhnlich schön, dass ihre Umgebung das Bedürfnis verspürt, sie zu quälen, um einen Ausgleich zu schaffen. Zudem gilt sie als unbeschreiblich dumm, weil sie selten spricht und lieber beobachtet.
Wie diese beiden, der hässliche Déodat und die schöne Trémière oder auch der wortgewandte Déodat und die schweigsame Trémière, sich entwickeln, aufeinander zu leben und sich schlußendlich dann auch begegnen, das ist das Thema dieses Romans.
Stimmung und Schreibstil liessen in meinem Hinterkopf immer wieder ein Glocke klingen, der Tonfall kam mir bekannt vor. Und irgendwann kam ich auf des Rätsels Lösung: an Süskinds „Das Parfum“ erinnerte mich der Text, nicht so sehr inhaltlich als mehr in der Wortwahl, in der Satzmelodie. Eine Lektüre dieses Buches lohnt tatsächlich schon allein wegen dieses grandiosen Stils.
Aber. Ja, es kommt leider ein Aber. Der Text ist eine Neuinterpretation eines Märchens von Perrault, erschienen 1697. Dort wird der hässliche Riquet mit der Gabe geboren, jemandem von seiner Klugheit einen Teil zu schenken, während die schöne, aber dumme Prinzessin einen Teil ihrer Schönheit abgeben kann, Happy End inbegriffen.
Wenn ein Schriftsteller sich die Mühe macht, einen solchen Text in die heutige Zeit zu versetzen, dann steht dahinter zumeist ein Anliegen, etwas, das dem Autor am Herzen liegt. Denn warum sich sonst die Mühe machen, wenn man nicht versuchen würde, dem heutigen Leser damit einen Fingerzeig zu geben? Aber genau den verstehe ich scheinbar nicht. Achte weniger auf das Aussehen, auf die inneren Werte kommt es an? Oder teile Deine Talente mit Deinen Mitmenschen und Dir wird mehr gegeben als genommen? Oder wer bestimmt überhaupt, was Werte sind und wie sie auszusehen haben? Eine im Grunde so simple Botschaft kann ich mir bei der tiefgründigen Nothomb eigentlich nicht vorstellen. Eine andere erkenne ich jedoch leider nicht. Und so blieb mir am Schluss des Romans, trotz aller sprachlichen Schönheit, ein leichter Anflug von Beliebigkeit gemischt mit dem Verdacht, ich sei doch dümmer als gedacht…

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Ein Frauenschicksal

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Ein Leben

Guy de Maupassant

Aus dem Französischen von Cornelia Hasting

erschienen 2015 im Mare Verlag

ISBN 978-3-86648-194-7

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1883 ist dieses Romandebut Guy de Maupassants erschienen. Ein Debut, das es in sich hat und mit Donnerhall auf diesen ungeheuer begabten Autor aufmerksam macht. Allerdings nicht wegen der wunderbaren Sprache oder der gelungenen Gesamtkomposition, nein, die ungewohnte Freizügigkeit ist es, die teilweise Anstoss erregt.
De Maupassant beschreibt in seinem Erstling ein Frauenleben in höheren Kreisen. Die junge Jeanne kehrt mit siebzehn Jahren zu ihren Eltern zurück. In den Jahren davor hat sie ein strenges und weltabgeschiedenes Leben in einem Kloster geführt. Nun freut sie sich auf ein freieres Leben und hegt recht romantische Ideen, was Männer betrifft. Kaum in dem Landgut angekommen, das sie mit ihren Eltern bewohnen wird und das gerade erst als Mitgift zurecht gemacht wurde, verliebt sie sich in  Julien de Lamare und glaubt ihre Liebe erwidert. Der aus verarmten Adel stammende Lamare bittet um ihre Hand… und das Elend nimmt seinen Lauf. Und was für ein Elend! Jeanne, die das Leben mit ihren liebenswürdigen und großzügigen Eltern gewohnt ist, muss schnell feststellen, dass ihr Mann weder das eine noch das andere ist. Sie hat einen Geizhals geheiratet, der sie zudem mit anderen Frauen betrügt. Jeanne tröstet sich mit der ungebremsten Liebe zu ihrem Sohn, der noch in den Flitterwochen produziert worden ist. Aber auch diese Liebe soll nicht glücklich bleiben…
Maupassant zeigt den freien Fall einer wohlgeborenen Frau, die lebenslange Fremdbestimmung, erst durch die Eltern und das Kloster, wo jegliche Lebenserfahrung fern gehalten und das junge Mädchen grenzenlos naiv entlassen wird, dann durch ihren Mann, dem sie laut Gesetz zu gehorchen und dessen zunehmende Regelbrüche und Verletzungen sie laut Gesellschaft hinzunehmen hat. Und so wird ihr nach und nach jeder Wunsch nach Selbsterfüllung, jeder Funken Lebensfreude ausgetrieben. Jeannes Leben ist gleichförmig grau und lieblos. Nur ihr Sohn, den sie haltlos verwöhnt, bedeutet ihr noch etwas. Aber auch er wird ihre Liebe nicht erwidern, nur seinen Nutzen daraus ziehen.
Ein derart trostloses Buch so spannend zu schreiben, dass man es nicht mehr aus der Hand legen mag, das ist große Kunst. Maupassant gelingt die Charakterisierung Jeannes mit viel Einfühlungsvermögen und psychologischem Hintergrund. Für einen Mann seiner Zeit eher ungewöhnlich. Denn noch sind Frauenrechte kein großes Thema, unter Napoleon wurden Frauen von den Bürgerrechten ausgeschlossen und einer Gehorsamspflicht unterworfen. Und warum sollte man kritisieren, was zum eigenen Vorteil gereicht? Maupassant tut es trotzdem und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Ein grandioser Erstling also, der mich sprachlich und kompositorisch begeistert hat. Wobei mich das im Grunde natürlich wenig verwundert hat. Heute weiß man ja, was die Menschen damals nur ahnen konnten: dass da ein außergewöhnlich guter Autor am Anfang seines Weges steht.

 

 

 

Ein charmanter Schwindler

Thomas der Schwindler von Jean Cocteau

Thomas der Schwindler

Jean Cocteau

Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer

erschienen 2018 im Manesse Verlag

ISBN 978-3-7175-2420-5

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Jean Cocteau. Mir natürlich schon seit Ewigkeiten durch seine Zusammenarbeit mit den Ballets Russes bekannt. Bekannt war mir auch sein Dasein als etwas überkandidelter Dandy. Aber gelesen hatte ich von Cocteau noch nichts.
Nun hat der Manesse Verlag gerade eine manessetypisch schöne Ausgabe von „Thomas der Schwindler“ herausgebracht, die Gelegenheit also, eine Bildungslücke zu schließen und das auch noch mit Stil.

Erster Weltkrieg. Der junge Thomas sieht das Leben als großes Abenteuer an, tänzelt hindurch wie die berühmte Grille aus der Fabel, sucht die Gefahr, findet Liebe und Kameradschaft, kann aber selbst nur oberflächliche Gefühle empfinden. Eine Namensverwechslung, die ihn als Neffe eines großen Generals erscheinen lässt, öffnet ihm Tür und Tor, für die Dauer seines kurzen Lebens kann er seiner Abenteuerlust frönen und die Realität ausblenden.

Ein Roman, für den ich mich nur oberflächlich begeistern konnte. Oberflächlich deshalb, weil Personal und Geschichte mich völlig kalt liessen. Wobei das gar nicht stimmt, „irritiert zurück liessen“ wäre korrekter formuliert. Die Schützengräben des Ersten Weltkrieges als großen Abenteuerspielplatz darzustellen, die Gräuel dabei auszublenden und einen amüsanten Schelmenroman darzubieten, dazu gehört schon eine gewisse Kaltschnäuzigkeit. Der Krieg als Spektakel, wieviel gepflegte Langeweile muss jemand in sich tragen, um diese Sichtweise anzunehmen?
Begeistern konnte mich trotzdem die Sprache, die kristallklaren Formulierungen, die eleganten Wendungen. Cocteau gelingt der Spagat zwischen moderner Sprache und „Bel Ami“- Ambiente. Er verlegt einen für das 19.Jahrhundert typischen Erzählstil in die damalige Neuzeit, ein Schelmenroman im neuen Gewand sozusagen.

Aber reichen gewandte Formulierungen, um einen Roman groß zu machen? Laut Iris Radisch handelt es sich hier um ein Meisterwerk. Wenn es denn so ist, dann handelt es sich um einen kalt funkelnden, perfekt geschliffenen Diamanten, bei dem man Wärme oder Mitgefühl vergeblich suchen wird. Das Leben als Spiel, als russisches Roulette, immer das Risiko ausblendend, dass die Kugel einen auch treffen könnte.

Für mich leider kein Roman, der einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Vielleicht bin ich aber auch einfach schon zu fern dieser Zeit, um diese Lebenseinstellung nachvollziehen zu können.

Ich danke dem Manesse Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.