Heimaten

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Herkunft
Sasa Stanisic
erschienen am 18. März 2019 im Luchterhand Literaturverlag
ISBN 978-3-630-87473-9

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Deutschland ist im Aufbruch, so mein Eindruck. Wohin die Reise geht ist ungewiss. Auf der einen Seite demonstrieren unzählige Menschen für eine Wandlung im Umgang mit unserer Heimat Erde, auf der anderen Seite erhalten Parteien Zuwachs, die den Begriff „Heimat“ sehr eng fassen. „Deutschland den Deutschen“ ist wieder salonfähig.
Sasa Stanisics Buch trifft somit den Zeitgeist. Herkunft und Zukunft, das sind Themen, die derzeit viele beschäftigen.
Herkunft ist Zufall, der erste von vielen im Leben. Wo wir geboren werden, die Entscheidung liegt nicht bei uns. Stanisic ist in Jugoslawien geboren, einem Staat, den es so nicht mehr gibt. Als Kind hat er in Visegrad gelebt, seine Familie kommt aber ursprünglich väterlicherseits aus einem kleinen Bergdorf mit nur noch wenigen Einwohnern. Wie soll er nun also seine Herkunft benennen: Jugoslawien, Visegrad oder doch Oskorusa? Und was ist Heimat? Der Ort seiner Kindheit, der Herkunftsort seiner Familie, ein Land, das nicht mehr existiert oder Deutschland, wo er den Großteil seines Lebens verbracht hat?
Stanisic läßt den Leser an seinen Überlegungen teilhaben, schreibt sehr eindrücklich über ein Leben als Flüchtling in Deutschland, schreibt über sein Leben vor der Flucht und zeigt dabei, dass Begriffe wie „Heimat“ und „Herkunft“ der eigenen Interpretation überlassen und vor allem wandelbar sind. Heimat kann ein Stück Land sein, eine Person oder auch eine Erinnerung, ist mehr ein Gefühl, als ein konkreter Punkt auf der Landkarte.
Mit „Herkunft“ legt Stanisic sein persönlichstes Buch vor, ein Buch, das zu Recht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2019 steht. Nicht umsonst zählt Stanisic zu Deutschlands derzeit besten Autoren. Sein Umgang mit Sprache, ebenso spielerisch wie präzise, seine ungewöhnliche Herangehensweise, seine Einfühlsamkeit in der Beschreibung seiner Umgebung, das alles macht „Herkunft“ zu einem besonders lesenswerten Buch. Intelligenz und Empathie gegen Stammtischparolen, Weltoffenheit gegen Abschottung und Experimentierfreude in Literatur und Alltag, das wäre ein guter Weg in die Zukunft…

Ich danke dem Luchterhand Literaturverlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Besprechungen:

Zeichen & Zeiten https://zeichenundzeiten.com/2019/09/05/sasa-stanisic-herkunft/
literaturleuchtet https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/07/05/sasa-stanisic-herkunft-der-hoerverlag/
Bookster HRO https://booksterhro.wordpress.com/2019/04/02/sasa-stanisic-herkunft/
letteratura https://letteraturablog.wordpress.com/2019/07/08/was-ist-heimat-sasa-stanisic-herkunft/
Buchrevier https://buchrevier.com/2019/04/06/sasa-stanisic-herkunft/
Lesen in vollen Zügen https://leseninvollenzuegen.wordpress.com/2019/07/07/review-herkunft/

 

Gegen das Vergessen

Nichts um sein Haupt zu betten von Francoise Frenkel

Nichts, um sein Haupt zu betten

Françoise Frenkel

Aus dem Französischen von Elisabeth Edel

erschienen 2018 im btb Verlag

ISBN 978-3-442-71608-1

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1921 eröffnet die junge Françoise Frenkel in Berlin die erste französische Buchhandlung, „La Maison du livre français“. Achtzehn Jahre lang lebt und arbeitet sie dort, bis ihr die französische Regierung 1939 empfiehlt, auszureisen. Françoise Frenkel ist Jüdin. Ein Verbleib in Deutschland erscheint, zumindest zu diesem Zeitpunkt, zu riskant. Sie zieht nach Paris, von dort muss sie jedoch bald über Avignon nach Nizza fliehen. Als das Vichy-Regime auch dort intensive Razzien durchführt, bleibt nur noch eine Ausreise in die Schweiz. Aber wie soll sie unerkannt durch halb Frankreich reisen?

Françoise Frenkel gelingt, was so viele nicht schaffen werden. Im Juni 1943, beim dritten Versuch erreicht sie sicheren Schweizer Boden. Geholfen haben ihr eine erstaunliche Anzahl von Menschen. Menschen, die sich der Gefahr, verhaftet zu werden ausgesetzt haben, um dem Grauen entgegenzustehen, das die Nazis über ihr Land gebracht haben.

Kurz nach ihrer Ankunft in der Schweiz verfasst sie dann diesen Bericht, zur Erinnerung und gegen das Vergessen. Sie ist sich der Tatsache bewußt eine Zeitzeugin zu sein, versucht, möglichst sachlich die Fakten ihrer Odyssee aufzuschreiben. Was sie gefühlt haben mag, scheint trotzdem durch, die Sorge um ihre Familie in Polen, die sie wohl nicht wiedersieht, die Angst in den verschiedenen Verstecken, die völlige Lebensmüdigkeit nach dem mißlungenen Versuch über die Grenze zu kommen, im Anblick der Grenzwache.

Jahrelang war dieser Text verschollen, der 1945 in der Schweiz gedruckt wurde. Erst vor ein paar Jahren wurde er auf einem Flohmarkt in Nizza wiederentdeckt. Über die Autorin weiß man recht wenig, 1889 wurde sie als Frymeta Idesa Frenkel in eine jüdisch-polnische Familie geboren, studierte Musik in Leipzig und Literaturwissenschaften in Paris, promovierte an der Sorbonne. Nach ihrer Ankunft in der Schweiz verlaufen sich die Spuren, 1975 stirbt sie in Nizza.

Es ist wie ein Fingerzeig aus der Vergangenheit, dass Mme Frenkels Bericht gerade jetzt wiedergefunden wurde, in einer Zeit, die einen heftigen Rechtsruck in Europa erlebt,  und das Erstarken von Kräften, die eigentlich gebannt hätten sein müssen, in einer Zeit, in der Kriegsflüchtlinge erneut befürchten müssen, an den Grenzen abgewiesen zu werden, in einer Zeit, in der rechtslastige Parteien Menschenfeindlichkeit wieder gesellschaftsfähig zu machen suchen und reichen Zulauf erhalten.

Und es bleibt zu hoffen, dass Texte wie dieser dafür sorgen, dass immer genügend Menschen sich erinnern und aufstehen gegen Unrecht und Hass, Dummheit und Unmenschlichkeit.

 

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.