Wenn Manen mahnen

9783462051421_10

Rückwärtswalzer
Vea Kaiser
erschienen am 07.März 2019 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05142-1

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Blut ist eben doch dicker als Wasser und niemand wird zurückgelassen. Zumindest nicht in der Familie Prischinger. Als Lorenz vor der Pleite steht und seine Freundin ihn verläßt, darf er ganz selbstverständlich bei seiner Tante Hedi und ihrem Lebensgefährten Willi einziehen. Seine beiden anderen Tanten Mirl und Wetti gehen dort auch ein und aus. In Notfällen halten die Prischinger eben zusammen. Ein ebensolcher Notfall ist Willis plötzlicher Tod. Denn der gebürtige Montenegriner möchte in seinem Heimatland begraben werden, allein es fehlt das Geld für die Überführung. Und so machen Lorenz und seine Tanten sich mit dem gefrorenen Willi auf dem Beifahrersitz seines Pandas auf den langen Weg nach Montenegro…
Vea Kaiser hat mit „Rückwärtswalzer“ ein gleichermaßen charmantes, witziges und berührendes Buch geschrieben. Leichtfüssig, aber nie seicht, erzählt sie mit Rückblenden vom Leben der Protagonisten von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart und macht damit deutlich, wie sehr unsere Vergangenheit uns prägt bzw. die Erlebnisse der Elterngeneration auf das Werden der Kinder einwirken. Sepp zum Beispiel, Lorenz‘ Vater, hätte sich als Kind Anerkennung für seinen Lerneifer gewünscht und darum überschüttet er seinen Sohn mit Lob, weshalb der wiederum sich für ein verkapptes Genie hält und erst lernen muss, auch auf andere einzugehen. So trägt jeder sein Päckchen und gibt es gewissermaßen unbewußt weiter. Und wird dabei seinerseits beeinflusst von den Taten der Ahnen (im Alten Rom „Manen“ genannt).
Dass man auch bei den engsten Verwandten häufig den größten Teil der prägenden Ereignisse nicht kennt, macht die Sache nicht einfacher. Denn so entstehen im Grunde unnötige Konflikte und Mißverständnisse.
Was hier eher dramatisch klingt, beschreibt Vea Kaiser schwungvoll und mit treffsicherem Humor. Ich habe mit den Schwestern gelacht, geweint, gelitten und gehofft, der Roadtrip möge einen guten Verlauf nehmen und Onkel Willi friedlich in montenegrinischer Erde enden.
Ich kann es nur wiederholen: ein charmanter, leichtfüssiger Roman, dem ich von Herzen viele Leser wünsche! Meine Leseliste jedenfalls ist mal wieder länger geworden, weil ich nun natürlich auch die anderen Romane der Autorin lesen möchte…

Ich danke dem Verlag Kiepenheuer & Witsch herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen zu diesem Roman:

Buchrevier https://buchrevier.com/2019/03/07/vea-kaiser-rueckwaertswalzer/
Andreas Kück Leselust https://andreaskueckleselust.com/2019/03/12/rezension-vea-kaiser-rueckwaertswalzer-oder-die-manen-der-familie-prischinger/

My Old Kentucky Home

Der Sport der Koenige von C E Morgan

Der Sport der Könige

C.E. Morgan

Aus dem Amerikanischen von Thomas Gunkel

erschienen am 29.10.2018 im Luchterhand Literaturverlag

ISBN 978-3-630-87299-5

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The sun shines bright in the old Kentucky home,
This summer, the darkies are gay;
The corn-top’s ripe and the meadow’s in the bloom
While the birds make music all the day.
The young folks roll on the little cabin floor
All merry, all happy and bright;
By’n by hard times comes a knocking at the door
Then my old Kentucky home, Good-night!
Weep no more my lady. Oh! Weep no more today!
We will sing one song for my old Kentucky home
For the old Kentucky home, far away.

Das ist die offizielle Hymne Kentuckys, das traditionelle Lied des Kentucky Derbys, 1853 von Stephen Foster verfasst (Quelle: wikipedia). Kentucky, ein Teil der Südstaaten, bekannt für Pferdezucht und -rennen. Und genau darum geht es in C. E.Morgans Roman „Der Sport der Könige“. Um Pferde, um Rennen und andere Traditionen der Gegend. Zum Beispiel die Sklavenhaltung. Wer Südstaatenromantik erwartet, „Vom Winde verweht“ vielleicht und ein bißchen „Fury“, der wird schnell eines besseren belehrt. Dieser Roman ist brutal ehrlich, düster und schmerzhaft hoffnungslos. Und großartig, wenn auch schwer auszuhalten.
Henry Forge entstammt einer Farmersfamilie, die ihr Land schon zu Zeiten von Adam und Eva bebaut haben. Die Familienehre wird ihm von seinem Vater mit der Peitsche regelrecht ins Hirn getrieben. Und Henry wird auch seine Tochter Henrietta zwingen, sich den vermeintlichen Bedürfnissen der Familie zu beugen.
Allmon dagegen stammt mütterlicherseits von entlaufenen Sklaven ab. Sein Ururgroßvater schwamm über den Ohio in die Freiheit, zahlte dafür aber einen hohen Preis. Allmons Vater ist ein weißer Trucker, der sich wenig um seinen Sohn kümmert. Als seine Mutter schwer erkrankt, versinken sie immer mehr in Armut und Kriminalität. Schlußendlich landet Allmon für Jahre im Gefängnis, erlernt dort aber immerhin den Beruf des Pferdewirts.
Er bewirbt sich auf der Farm der Forges, wo Henrietta ihn einstellt, nicht ahnend, dass ihr Vater Gründe hat, keine Farbigen zu beschäftigen.
Das Unheil lauert immer und überall. Das Verhältnis zwischen Weißen und Farbigen ist ein Minenfeld, geprägt durch Hass, Arroganz, fehlendes Verständnis und traditionelles Denken. Für jemanden wie Henry Forge sind Farbige minderwertig, nicht aus dem selben edlen Holz.
C.E. Morgan lässt sich Zeit. Sie holt weit aus, bis zu den Wurzeln des Zusammenlebens, erzählt aus der „guten“ alten Zeit, als das Wort „Nigger“ noch normaler Sprachgebrauch war, als man Sklavinnen zwecks Vermehrung decken liess, als man Ungehorsam noch entsprechend bestrafen durfte. Und sie zeigt, dass das Denken sich auch in modernen Zeiten gar nicht so grossartig geändert hat. Deshalb muss es zur Eskalation kommen, als Henrietta sich in Allmon verliebt….
Auch die Pferde werden behandelt wie Sklaven. Das ist einer der großartigen Parts dieses Buches, wie sich Pferdezucht und Menschenhaltung spiegeln, die Grenzen verwischen. Die Pferde sind keine geliebten Lebewesen, sie sind Werte, abhängig von ihrer Qualität und nur so lange umsorgt, wie sie den Erwartungen entsprechen. Morgan arbeitet diesen Vergleich bis in die letzten möglichen Bereiche aus, schwer zu lesen und noch schwerer zu fassen.
Man muss diesen 951 Seiten starken Backstein schon lesen wollen, um den Inhalt ertragen zu können. Die Autorin legt die Mechanismen des Zusammenlebens in einem ehemaligen Sklavenhalterstaat bloss, sie räumt mit jeglicher Romantik auf und zeigt die hemmungslose Brutalität mit der Menschen ihresgleichen und andere Lebewesen unterdrücken, sobald sich eine legale Möglichkeit dazu findet. Und ja, dafür braucht sie diese 951 Seiten. 951 Seiten, die in jeder Zeile widerlegen, dass Mammy ein gutes Leben bei Miss Scarlett hatte, 951 Seiten, die beweisen, das „Life, Liberty and the pursuit of Happiness“ eben nicht das Recht eines Jeden sind, sondern nur für bestimmte Klassen gelten, deren simples Merkmal eine helle Haut ist.

Ich danke dem Luchterhand Literaturverlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

All die Probleme

100

All die Jahre

J. Courtney Sullivan

Aus dem Englischen von Henriette Heise

erschienen 2018 im Deuticke Verlag

ISBN 978-3-552-06366-2

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Es ist schon ein paar Jahre her, da las ich den Roman „Die Verlobungen“ von J. Courtney Sullivan und mochte das Buch sehr. Als ich nun sah, dass demnächst ein neuer Sullivan-Roman erscheinen würde, habe ich mich wirklich gefreut. Leider zu früh. Aber beginnen wir mit dem Wichtigsten, dem Inhalt:

Wir lesen über das Leben von Nora und Theresa, zweier Schwestern, die 1957 von Irland nach Amerika auswandern. In Zeitsprüngen zwischen Vergangenheit und Gegenwart wechselnd, erfahren wir ihre Wünsche, Träume, Hoffnungen und was schlußendlich davon übrig geblieben ist.

Was zunächst recht spannend klingt, entpuppt sich als schicksalsschwangere, in Problemen schwelgende Erzählung, die zugegebenerweise aber ansprechend formuliert ist. Jede, wirklich jede Person des an Personen nicht armen Romans, immerhin bringt es Nora allein auf vier Kinder, trägt ihr Päckchen. Sohn Nr. 1 ist dem Alkohol recht zugetan und geht auch sonst Ärger ungern aus dem Weg, Sohn Nr. 2 dreht sein Fähnlein in jede erfolgsversprechende Richtung und lebt über seine Verhältnisse, Sohn Nr.3 weiß nichts mit seinem Leben anzufangen und die Tochter ist die Quotenlesbe, ohne die ein moderner Roman, der etwas auf sich hält, ungern auskommt. Dazu kommt noch ein großes Geheimnis, das den beiden Schwestern das Leben in weiten Teilen vergällt. Sie haben es schon nicht leicht, die Charaktere dieses Romans…
Beherrschendes Thema des Buches, das sich wie ein roter Faden durch alle Schicksale zieht, ist die familieneigene Unfähigkeit über Probleme zu reden und die daraus entstehenden Mißverständnisse und Unannehmlichkeiten.
Sullivan kann schreiben, ohne Frage. Und auch die Idee hinter dieser Geschichte ist wirklich vielversprechend. Leider ist die Ausführung dann aber weniger gelungen. Völlig überladen dümpelt das Ganze vor sich hin, die Protagonisten bleiben seltsam blass, und bisweilen ertappe ich mich beim Überfliegen der aufgezählten Irrungen. Nach Beenden des Romans bleiben viele Fragen offen. Das kann einen Leser dazu animieren, über wichtige Fragen des Lebens nachzudenken, eigene Lösungen zu finden…oder es kann den Eindruck erwecken, die Autorin hätte selbst ein wenig den Überblick verloren. Wenig überraschend tendiere ich zu letzterem.
Ein netter Unterhaltungsroman für Leser, die es schätzen, wenn die Personen im Buch deutlich mehr Probleme haben als sie selbst. Ansonsten leider eher belanglos.

Ich danke dem Deuticke Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Rezensionen zu diesem Roman findet ihr hier:

letteratura https://letteraturablog.wordpress.com/2018/02/05/entscheidung-mit-folgen-j-courtney-sullivan-all-die-jahre/

the lost art of keeping secrets https://thelostartofkeepingsecrets.wordpress.com/2018/02/09/all-die-jahre/

Puppet’s Leseblog https://puppetsleseblog.wordpress.com/2018/02/08/all-die-jahre-von-j-courtney-sullivan/