Bröckelnde Fassaden

9783803112316

Handauflegen
Alan Bennett
Aus dem Englischen von Ingo Herzke
erschienen 2002 im Wagenbach Verlag
ISBN 978-3-8031-2606-1

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Der englische Schriftsteller Alan Bennett ist hierzulande wohl hauptsächlich durch sein Buch „Die souveräne Leserin“ bekannt, ein charmanter Roman über die Queen und einen Bücherbus.
„Handauflegen“ zeigt ihn von einer bissigeren Seite. Der Kurzroman dreht sich um den Gedenkgottesdienst für einen Promi-Masseur, dessen Todesursache unbekannt ist, der aber wohl auch Leistungen anderer Art erbracht hat und zwar für beiderlei Geschlecht. Nun rutschen diverse Damen und Herren nervös auf den Kirchenbänken herum, belauern sich gegenseitig, während sie gleichzeitig versuchen, ganz ungerührt zu wirken. Über allem schwebt ein Hauch von Todesangst, die Vermutung, der liebe Clive sei etwas potentiell Ansteckendem erlegen.
Auch der Leiter des Gottesdienstes, Pater Joliffe, kannte Clive und erinnert sich an ihn. Aber es scheint durchaus unterschiedliche Erinnerungen an ein und dieselbe Person zu geben…
„Handauflegen“ überzeugt durch seinen pointierten schwarzen Humor, charmante Bissigkeit und einen klaren Blick auf das Wesen des Menschen. Kurz und knapp, ich liebe das englische Wort „concise“ in diesem Zusammenhang, berichtet Bennett über die vielschichtigen Reaktionen der Trauergemeinde, darüber, dass jeder „seinen“ Clive als den einzig wahren betrachtet, über Liebe und Begehren, über Schuld und Gewissen und über die Macht der Berührung.
Ich mag Bennetts Romane sehr. Der ausgeprägt britische Humor in Verbindung mit kluger Beobachtungsgabe ergibt einen unverkennbaren Stil, eine ganz besondere Sicht auf die Menschen und das, was sie bewegt.

Wunderbare Cluny

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Die Abenteuer der Cluny Brown
Margery Sharp
Aus dem Englischen von Wibke Kuhn
erschienen am 09.März 2018 im Eisele Verlag
ISBN 978-3-96161-004-4

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Dieser schon 1944 veröffentlichte Roman ist eine ganz bezaubernde Neuentdeckung des Eisele Verlags. Die junge Cluny Brown passt nicht in das Frauenbild ihrer Zeit und vor allem ihrer Klasse. Sie geht unerhörterweise zur Teatime ins Ritz, bleibt tagelang Orangen essend im Bett und tritt auch ansonsten gerne in sich urplötzlich auftuende Fettnäpfchen. Damit treibt sie ihren rechtschaffenen und ursoliden Onkel in den Wahnsinn, so dass der sehr froh ist, sie als Dienstmädchen auf einen Herrensitz nach Devonshire abschieben zu können. Auch dort treibt sie ihr charmantes „Unwesen“, verdreht gleich zwei Männern die Köpfe und bringt frischen Wind in das etwas verstaubte Leben auf Friars Carmel.
Leichtfüssig und frisch erzählt Margery Sharp aus dem Leben einer Frau, die gar nicht daran denkt, vorgeschriebenen Lebensbahnen zu folgen, die selbstbewusst und frei von Klassenbewußtsein ihren Weg geht und sich nicht scheut, dabei auch anzuecken. Dabei ist Cluny bisweilen herrlich naiv und unbedarft und meistens ziemlich blind für das von ihr hinterlassene Chaos.
Einen zutiefst britischen, lebenslustigen und witzigen Wohlfühlroman hat der Eisele Verlag da aus der Versenkung gezaubert. Einen Roman, der scheinbar kaum gealtert ist, und dessen augenzwinkernder Humor heute noch genauso funktioniert wie vor 75 Jahren. Es war mir durchgängig ein Vergnügen, den verschlungenen Wegen der Miss Brown zu folgen, die eben nicht brav, folgsam und zuckersüß romantisch auf der Suche nach der großen Liebe durchs Leben stolpert, sondern die Merkwürdigkeiten der Herrenwelt durchaus zur Kenntnis nimmt und kommentiert. Ein wunderbares Buch, um eine Zeit lang etwaige Probleme, schlechtes Wetter oder missliebige Stimmungen zu vergessen und stattdessen kichernd in der Badewanne zu liegen oder Orangen essend im Bett oder…

 

Erinnerungen

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Stummes Echo
Susan Hill
Aus dem Englischen von Andrea Stumpf
am 11.Februar 2019 erschienen im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-21007-8

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Heutzutage einen neuen Verlag gründen? Dazu gehört viel Mut und ein besonderes Programm. Im Kampa Verlag gibt es scheinbar beides. Der junge Verlag zeichnet sich durch eine feine Auswahl und schön gemachte Bücher aus.
In diesem Falle „Stummes Echo“, ein in Leinen gebundener Roman der Engländerin Susan Hill. Vier Geschwister wachsen auf einem abgelegenen Hof im Norden Englands auf. Colin, der besonnene Älteste, die belesene May, die verwöhnte Berenice und Frank, der Außenseiter. Sie haben eine arme, aber glückliche Kindheit. Oder haben sie die dunklen Seiten dieser Zeit nur verdrängt?
Ein Roman, der die Macht der Erinnerung erforscht. Wie sicher sind wir uns der Dinge, die früher passiert sind? Und wie beeinflussbar, z.B. durch die Medien, ist unsere Erinnerung?
Susan Hill hat ein kluges, sehr feinfühliges Buch geschrieben, eines, das man unvoreingenommen, mit wenig Vorwissen lesen sollte. Das macht das Besprechen ein wenig schwierig, will man es weiterempfehlen, aber so wenig wie möglich über den Inhalt verraten.
So viel kann ich dann doch sagen: der Roman liest sich sehr ruhig und ist überaus detailgenau geschrieben. Und trotzdem entwickelt er einen ungeheuren Sog. Man will wissen, was den Geschwistern widerfährt, welcher Antrieb hinter ihren Handlungen steht, wie sie die Geschehnisse überstehen. Denn überstanden werden muss so einiges, was eigentlich nur schwer zu ertragen ist. Dabei ist der Text nicht düster oder anklagend, sondern in seiner Zurückhaltung und seinem taktvollen Umgang mit den Charakteren eher klassisch britisch. Ein ebenso eleganter wie fein gezeichneter Roman, ein wirkliches literarisches Kleinod.

Ich danke dem Kampa Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Hinter Gittern

Mann im Zoo von David Garnett

Mann im Zoo
David Garnett
Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch
erschienen am 14.01.2019 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-71718-7

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Ich lese britische Literatur aus der Zeit von 1850-1950 ja sehr gern. Und daher habe ich letztes Jahr sehr erfreut David Garnett entdeckt, den ich seltsamerweise bis dahin gar nicht kannte. Sein Roman „Dame zu Fuchs“ hat mich fasziniert. Eine britische Landlady verwandelt sich auf einem Spaziergang plötzlich in eine Füchsin, was ihre Ehe durchaus vor Schwierigkeiten stellt. Das völlig absurde Szenario wird ganz ruhig und in seinen Abläufen selbstverständlich dargestellt. Genau so muss/wird es ablaufen, wenn jemand zum Tier wird, besonders, wenn dieser Jemand sehr britisch ist.
Nun veröffentlicht btb eine weitere Novelle Garnetts, „Mann im Zoo“. Ein junges Paar gerät sich bei einem Zoobesuch in die Haare. Im Eifer des Gefechts erklärt sie, er gehöre mit seinen veralteten Ansichten durchaus auch in den Zoo. Woraufhin der junge Mann Nägel mit Köpfen macht und in ein Gehege dort einzieht.
Klug beschreibt Garnett die darauf folgenden Ereignisse: große Besuchermengen, Käfigkoller, eifersüchtige Tiere in den Nebengehegen. Insgesamt zeigen die Tiere aber durchaus bessere Manieren als die Menschen. Besonders ein Karakal, ein Wüstenluchs, freundet sich mit dem jungen Mann an und hilft ihm, das Käfigleben zu bewältigen.
Auch hier beeindruckt die Selbstverständlichkeit, mit der Garnett den Verlauf erzählt.
Eine kleine feine, wieder sehr britische Erzählung, die den Aberwitz zur Normalität macht. Man kann nur hoffen, dass die vereinten Bemühungen von Dörlemann und btb David Garnett zu einem höheren Bekanntheitsgrad verhelfen. Verdient wäre es definitiv.

Ich danke dem btb Verlag für daszur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

We read Indie https://readindie.wordpress.com/2017/10/29/david-garnett-mann-im-zoo/

Sommer in Oxgodby

9783832164317

Ein Monat auf dem Land
J. L. Carr
Aus dem Englischen von Monika Köpfer
Als Taschenbuch am 19.09.2017 erschienen im Dumont Verlag
ISBN 978-3-8321-6431-7

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1920. Der Kriegsveteran Tom Birkin hat eine Anstellung als Restaurator in dem kleinen Örtchen Oxgodby angetreten. Der traumatisierte, unter Gesichtszuckungen und Stottern leidende Mann, der zudem erst vor kurzem von seiner Frau verlassen wurde, soll dort in der Kirche ein Wandgemälde freilegen.
Tag für Tag steht er nun auf seinem Gerüst und befreit Zentimeter für Zentimeter das Fresko von Schmutz, Staub und Mörtel. Er wohnt unter einfachsten Umständen im Glockenturm, lernt ein paar Menschen kennen, mit denen er sich gut unterhalten kann, wird ein wenig ins Dorfleben eingebunden, aber findet vor allem Ruhe. Ruhe und Sommer und Natur.
Es passiert nicht viel in dieser so leichtfüssig geschriebenen Novelle. Und trotzdem steckt so viel Wissen darin. Das Wissen um die Heilkraft von Frieden, guter Gesellschaft, einer ausfüllenden Beschäftigung, frischer Landluft und ein bisschen Hoffnung auf Liebe. Das mag platt klingen, ist aber so feinfühlig und elegant formuliert, dass man geradezu spüren kann, wie die besondere Stimmung dieses Buches sich überträgt und man die nächsten Tage ein wenig hoffnungsfroher und entspannter in die Zukunft schaut.
Schon Carrs Roman über die Steeple Sinderby Wanderers, einen Dorfverein, der unerwartet einen Fußballpokal erringt, hat mich begeistert. Dieser Roman jedoch hat mich ein wenig verzaubert und ich bin sehr dankbar dafür. Ein ganz, ganz wunderbares Buch!

Bruder Cadfael

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Das Licht auf der Straße nach Woodstock

Ellis Peters

aus dem Englischen von Jürgen Langowski

erschienen 1996 im Heyne Verlag

 

Es ist mal wieder Zeit für Fundstücke im Bücherregal. Wobei das diesmal kein richtiger Fund war, weil ich ja weiß, dass ich Cadfael-Romane dort habe. Aber sie sind im Buchhandel vergriffen, was ich äußerst schade finde.
Bruder Cadfael ist ein Mönch, der zwischen 1120 und 1145, in der Benediktinerabtei Shrewsbury in England, Kriminalfälle löst. In diesem Band erfahren wir, wie es dazu kommt, dass der Krieger Cadfael das Schwert niederlegt, um die Kutte zu wählen. Dabei löst er natürlich gleich seinen ersten Fall und hat sozusagen seine Berufung gefunden. Es ist eine aufregende Zeit, in der er da lebt. Der Thron ist heiß umkämpft. Hunger, Armut und Seuchen bedrücken die Menschen, von denen viele in Leibeigenschaft leben.
20 Bände hat Ellis Peters von 1977 bis 1994 ihrem kämpferischen Mönch gewidmet, der bei Unrecht nicht ruhen kann, bis er den Schuldigen gefunden hat, unabhängig von dessen Stand und Macht. Gut recherchiert, kommt die Reihe mit wenig Blut aus, vielmehr wird die mittelalterliche Abtei und der dazugehörende Ort Shrewsbury zu neuem Leben erweckt. Dank Cadfaels Heilertätigkeiten erfährt man auch viel über Kräuter und Tinkturen, die zu der Zeit genutzt werden.
In den Neunzigern wurde die Reihe mit Sir Derek Jacobi verfilmt. Ich mag die Serie, auch wenn sie natürlich heutigen Verfilmungsansprüchen nicht mehr gerecht wird.
Im Grunde liegt da ein kleiner, inzwischen nahezu unbekannter Schatz, den man wieder auflegen und ganz sicher auch spannend neu verfilmen könnte.

Krimikomödie

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Immer Ärger mit Harry

Jack Trevor Story

Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow

2018 erschienen im Dörlemann Verlag

ISBN 978-3-03820-054-3

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Der November ist nicht gerade mein liebster Monat. Meistens ist es dunkel, nass und kalt, ich mag mich noch nicht vom Sommer trennen und Weihnachten ist zunächst nur ein kleiner Lichtpunkt am Ende des Tunnels. Zu keinem anderen Zeitpunkt des Jahres findet man mich so sicher mit Buch und Tee unter einer Wolldecke.
Aber wenn mir dann in dieser finst’ren Zeit ein Buch wie dieses in die zähneklappernden Finger gerät, kann es passieren, dass der Sommer für einen Tag zurück kommt. „Immer Ärger mit Harry“ ist ein Schätzchen, eine seltene Perle des schwarzen Humors und in der Ausgabe des Dörlemann Verlags innen wie außen perfekt. In weinrotes Leinen gebunden und mit einer Jagdszene auf dem Vorsatzpapier, ist das Buch einfach wunderschön und hat als I-Tüpfelchen sogar ein Lesebändchen. Wer also noch nach Geschenken sucht, möge dieses Büchlein ins Auge fassen.
Der Roman ist ein Klassiker britischer Krimiliteratur. Veröffentlicht 1949, wurde er 1955 von Alfred Hitchcock verfilmt. In meinem Jahrgang und darunter dürfte wirklich noch jeder den Film oder zumindest den Titel kennen.
Harry liegt tot im Wald. Scheinbar wurde er ermordet und nach und nach tauchen diverse Personen auf, die alle Grund zu der Annahme haben, sie hätten Schuld an seinem verfrühten Ableben. Was nun folgt, ist britischer Humor in Perfektion. Genüsslich beschreibt Jack Trevor Story, wer nun mit wem wie versucht die Leiche zu beseitigen, wer sich dabei in die Quere und wer sich näher kommt. Das ist streckenweise einfach herrlich komisch, auf diese alte elegante Art, ohne unter die Gürtellinie zu gehen oder gewollt zu wirken. Ein charmanter, unbeschwerter Lesespass und gleichzeitig ein Glanzstück englischer Kriminalliteratur -perfekt!

Und keiner hat es gemerkt?

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Das Geheimnis der Grays

Anne Meredith

aus dem Englischen von Barbara Heller

erschienen 2018 im Klett-Cotta Verlag

ISBN 978-3-608-96299-4

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Ich liebe britische Krimis. Ja, ich weiß durchaus, dass das einigen schon bekannt ist. Aber ich hätte mich trotzdem unendlich gefreut, die Rezension in bereits bekannter Weise zu verfassen. Ich hätte irgendetwas von Schnee, Kaminen, Tee und Scones erzählen können, von warmen Wolldecken und wohligem Lesegefühl.
Aber mein Lesegefühl war keineswegs wohlig und am Tee hätte ich mich wahrscheinlich verschluckt. Dabei ist der dritte Band der Weihnachtskrimi-Reihe von Klett-Cotta wieder wunderschön aufgemacht und meine Vorfreude war entsprechend groß.
Am Anfang war auch noch alles gut, soweit das bei einem Krimi möglich ist. Die Grays, eine recht verzweigte Familie trifft sich über die Weihnachtsfeiertage bei Adrian Gray, dem Familienoberhaupt. Ein altes Landhaus, Schnee, und jede Menge Menschen mit Sorgen und Nöten. Relativ schnell wird der alte Gray tot aufgefunden. Genauso schnell erfahren wir, wer der Mörder ist. Anne Meredith möchte den Fall nämlich auch aus der Perspektive des Mörders zeigen. Das ist übrigens nicht der Grund meines anhaltenden Ärgers, auch wenn man das meinen könnte. Die Idee ist nicht unspannend.
Der Roman ist von 1933. Man hat das meist so nicht vor Augen, aber weite Teile der Briten waren Hitler durchaus gewogen. Er wurde bewundert und hofiert, seine Pläne keineswegs abgelehnt. Dazu gehörte auch eine Abneigung gegen Juden, die die Autorin scheinbar geteilt hat.
Eine der Töchter des Hauses ist mit einem Aktienspekulanten verheiratet, der an einem riskanten Manöver scheitert und viele Menschen in den Ruin treibt. Zuerst stolperte ich über folgende Formulierung: „Doch er hielt eisern am Familiensinn seines Volkes fest und scheute – seine Frau ausgenommen – körperliche Kontakte.“ (S 38) Welches Volk sollte das denn sein, fragte ich mich, war doch bisher nichts über Eustace berichtet worden, das vermuten liess, er sei kein Engländer. Aufklärung erfolgt nicht, nur auf Seite 41 heißt es dann: „Mit dem feinen theatralischen Gespür seines Volkes fand Eustace genau die pathetischen Phrasen…“ Und immer noch tappte ich im Dunkeln. Auf Seite 42 dann die Lösung: Es hieß, Juden seien korpulent, ja geradezu fett, besonders die Finanzleute unter ihnen, aber man konnte sich niemanden vorstellen, der weniger dem literarischen Bild der Juden entsprach als Eustace. Nur der gewiefte Ausdruck des dunklen Gesichts und das glatt aus der bleichen Stirn gekämmte Haar verrieten seine Abstammung.“ Am gewieften Gesichtsausdruck erkennt man den Juden? Interessant, durchaus. Diesem Mann soll dann die Schuld für den Mord in die Schuhe geschoben werden, er hätte es laut Anne Meredith auch mehr verdient als der Mörder, ein jämmerlicher, selbstsüchtiger Möchtegernkünstler ohne Verantwortungsgefühl, den die Autorin aber deutlich bevorzugt.
Wie kann man ein solches Buch veröffentlichen, ohne im ja doch vorhandenen Nachwort auch nur mit einer Silbe auf diese den Roman durchströmenden Tendenzen einzugehen? Wie kann man nett über diese Autorin plaudern, über ihre Erfolge und Misserfolge und wechselnden Pseudonyme berichten und ihre judenverachtende Schreibweise völlig unter den Tisch kehren? Einer Autorin, die noch in den letzten Sätzen des Romans diesem Eustace, dem Schacherer mit „der markanten Nase“ (damit auch kein Klischee fehlt) jeglichen Lebenswert abspricht.
Nicht eine Kritik erwähnt diesen Umstand, die meisten, die ich gelesen habe, sind wohlwollend. Ernsthaft? Ich lese gerne und häufig Krimis aus dieser Zeit, aber so etwas ist mir noch nicht untergekommen. Es kann doch nicht sein, dass nur ich das so wahrnehme? Ich bin nicht nur nicht amüsiert, ich bin irritiert, traurig und vor allem zornig. Und wenn es nach mir geht, kann Miss Meredith auch wieder in der Versenkung verschwinden, aus der man sie so unverdient hervorgezogen hat.

Durch und durch britisch

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Ohne Furcht und Tadel

Evelyn Waugh

Aus dem Englischen von Werner Peterich

als Taschenbuch am 24.10.2018 erschienen im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-24459-5

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Als Leser springe ich ziemlich häufig in unbekannte Gewässer. Ich schlage ein neues Buch auf und weiß meistens nicht wirklich, was mich erwartet. Natürlich gibt es den Klappentext, natürlich kenne ich die ungefähre Richtung, das Genre, vielleicht auch andere Werke des Autors. Aber ein ungelesenes Buch eröffnet immer eine unbekannte Welt. Bei einem Vielleser, wie ich es ja bin, sind das ziemlich viele Welten, die man da nacheinander, manchmal auch nebeneinander bereist. Nicht alle lassen sich gleich gut bereisen, manche sind arg holperig, manche steinig und manche so langweilig, dass man innerlich Hüpfekästchen spielt. Und dann gibt es Bücher, die sind wie ein erfrischender Sprung ins Meer, Bücher, bei denen man wieder weiß, warum man eigentlich das Lesen so liebt.
„Ohne Furcht und Tadel“ ist so eines. Man atmet förmlich auf, wenn man die wohldurchdachten Formulierungen liest. Kein Geschwafel, keine Klischees und aufgebauschten Banalitäten, dafür ein klares Konzept und rasiermesserscharfe Spitzen. Waugh erzählt von Guy Crouchback, einem liebenswerten Gentleman der britischen Oberschicht, der es trotz fortgeschritteneren Alters für angebracht hält, anläßlich des Zweiten Weltkriegs der britischen Armee beizutreten. Der Leser erfährt von Korpstraditionen, Aufstiegsschacher, wirren Missionen, irren Offizieren. Es ist bemerkenswert, dass jemand so eindringlich über den Krieg schreiben kann, ohne dabei großartig Blut zu vergießen. Waugh bleibt meist hinter den Linien und hat mit Crouchback einen Klischeebriten erfunden, der lernen muss, dass Fairplay für die anderen zumeist ein Fremdwort ist, einen guten Menschen, dessen Qualitäten nicht anerkannt werden, der stets beinahe unter die Räder gerät. Gleichzeitig nimmt Waugh die Abläufe beim Heer auseinander, das starre Regelwerk, Willkür und Kadavergehorsam.
Es gehört schon ein immenses Können dazu, eine 976 Seiten starke Satire auf das englische Kriegswesen zu schreiben, die nicht eine Sekunde langweilig oder -atmig ist. UInd den Leser trotz aller Ironie und eleganten Wendungen nie vergessen zu lassen, dass ein Krieg menschengemacht ist und dass es Menschen gibt, die im Krieg regelrecht aufblühen, dass es immer sinnlose Opfer gibt und eigentlich keine Seite dabei wirklich gewinnen kann.
Es sind Romane wie dieser, die einen Maßstab dafür geben können, was Literatur sein kann. Die geradezu leuchten durch ihre Fabulierlust, einzigartigen Charaktere und geschliffenen Formulierungen. Aus denen man ständig vorlesen oder zitieren möchte, weil man hier eine Wendung gelungen findet und dort eine Bemerkung treffend. Romane, die man drei, viermal lesen kann, um immer noch neue Aspekte zu entdecken.
„Ohne Furcht und Tadel“ ist zu Recht ein Klassiker der englischen Literatur, ein Werk, das auch nach über sechzig Jahren nichts von seinem Funkeln verloren hat.

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

John Cole

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Nach mir die Flut

Sarah Perry

Aus dem Englischen von Eva Bonné

erschienen 2018 im Eichborn Verlag

ISBN 978-3-8479-0651-3

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Nach dem großen Erfolg von Sarah Perrys Roman „Die Schlange von Essex“ im letzten Jahr, veröffentlicht der Eichborn Verlag nun den Debutroman der Britin „Nach mir die Flut“. Schon hier findet sich, was sie in der „Schlange“ zur Vollendung bringt: das Spiel mit Wahrheit und Schein, mit Realität und Mythen.
John Cole, ein ältlicher Buchhändler mit eher farblosem Leben, verirrt sich auf der Fahrt zu seinem Bruder im Wald und findet dort ein verfallenes Herrenhaus, dessen Bewohner auf ihn gewartet zu haben scheinen. Er wird freudig begrüßt und zu seinem Zimmer geführt, spürt aber sogleich die seltsame Atmosphäre, die Haus und Bewohner umgibt.
Für mich war dieser Anfang, dieser Teil, wo man überhaupt noch nicht wusste, in welche Richtung sich das Ganze entwickeln würde, tatsächlich der beste Part des Buches. Die Bewohner des Herrenhauses umgibt ein Geheimnis, die Stimmung ist leicht bedrohlich und sehr schnell fragt der Leser sich, wer oder was diese Bewohner eigentlich sind, was sie zusammen geführt hat und welche Pläne sie mit Cole haben.
Leider löst Perry dieses Geheimnis recht schnell auf, was ein kleines Spannungstief hervorruft, um dann aber ein kammerspielartiges Szenario aufzubauen, das in seiner Dichte und Eleganz beeindruckt. Und bei ihrem Erstling gefällt mir die Personenführung tatsächlich besser als bei der vielgerühmten „Schlange“. Trotz der Risse und Brüche in ihrem Wesen, handeln alle Personen in sich logisch und individuell nachvollziehbar. Die Handlung entwickelt einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Aufbau und Sprache ziehen den Leser mitten ins Geschehen, man liest wie unter einer Glasglocke, nach außen abgeschlossen.
Wer sucht, wird sicher Kritikpunkte finden: der Roman behandelt nichts Neues, das düstere Herrenhaus ist ein vielgenutzes Bild, die Abgeschlossenheit Grundidee sämtlicher britischen Krimis, aber das ändert alles nichts daran, dass Sarah Perry erzählen kann. Und auch wenn es in diesem Debutroman holprige Stellen gibt, auch wenn der Spannungsbogen nicht immer gehalten wird, ist nicht zu übersehen, dass die Autorin etwas von Konstruktion versteht. Wie auch von Satzbau: ihre filigranen, eleganten Formulierungen haben mich hier genauso wie bei der „Schlange“ beeindruckt.
Und daher habe ich diesen düsteren, ein wenig unheimlichen, viktorianisch anmutenden Roman wirklich gern gelesen, zumal er „schlanker“ ist als der Nachfolger, nicht so vollgepresst mit Wissen und überladen mit Bedeutung. Ich freue mich wirklich auf weitere Romane dieser Autorin und bin gespannt, wie sich ihr Stil weiterentwickelt.

Ich danke dem Eichborn Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.