Hinter der Maske

9783608504217

Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle
Stuart Turton
Aus dem Englischen von Dorothee Merkel
erschienen am 24. August 2019 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50421-7

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„Agatha Christie meets Und täglich grüßt das Murmeltier“, so steht es auf der Buchrückseite. „Ein teuflisch spannender Kriminalroman.“ meint die Times dazu. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen an das Debüt des Reisejournalisten Stuart Turton.
Der Inhalt ist kompliziert, so kompliziert, dass eine Kurzbeschreibung schwierig ist, will man nicht zuviel verraten. Und das will ich definitiv nicht, sollen doch meine Nachfolger unter ähnlich vor Spannung abgekauten Fingernägeln leiden wie ich.
Irgendwo im Wald, meilenweit vom nächsten Dorf entfernt, liegt das Anwesen der Hardcastles. Die Familie wohnt dort schon lange nicht mehr. Das Haus ist eine Ruine, bewohnbar gemacht nur für ein Ereignis: einen Maskenball. Auf dem Höhepunkt des Festes begeht die Tochter des Hauses, Evelyn Hardcastle, scheinbar einen Selbstmord. Die Besonderheit: der Tag wiederholt sich so oft in Endlosschleife, bis jemand die tatsächlichen Geschehnisse darlegen kann.
Auf den ersten Blick ein klassischer britischer Landhauskrimi, -ein von der Welt abgeschlossenes Gelände, eine begrenzte Anzahl Gäste, ein durch Kombinationsgabe zu lösendes Vergehen – , erhöht Turton mit dem Zeitschleifendreh die Spannung ins Unendliche. Jeder Tag beginnt anders, die Karten müssen quasi neu gemischt werden, nur das Grundgerüst verläuft gleich. Der Leser hetzt mit dem Autor Beweismittel suchend durch den Text, muss Finten erkennen und um das Leben einiger Ballgäste fürchten, während die Zeit von Seite zu Seite abläuft.
Meine Familie musste zwei Tage mit den Buchdeckeln kommunizieren, weil es mir wirklich extrem schwer gefallen ist, Pausen einzulegen. So bin ich tatsächlich in kürzester Zeit durch die 604 Seiten gerauscht und habe mir dabei mehrfach selbst auf die Finger geklopft, um nicht auf die letzten Seiten zu schauen.
Einziger Wermutstropfen: das Ende mit der abschließenden Auflösung des gesamten Geschehens war mir zu weit hergeholt. Ich hatte mich schon während des Lesens danach gefragt und war dann ein wenig enttäuscht. Aber niemand sollte sich davon nun vom Lesen abhalten lassen! Turton ist es wirklich gelungen, den Whodunit in die Gegenwart zu holen, den Staub abzuklopfen und einen unerwartet großartigen Dreh einzuführen, der es ihm erlaubt, fast jeden Ermittlertypus auftreten zu lassen. Und , aber das ist nur eine Vermutung meinerseits, die auch keineswegs stimmen mag, wir treffen auf alte Bekannte im neuen Kleid: Sherlock Holmes, Nero Wolfe, Philip Marlowe. Da ich nicht alle entschlüsseln konnte, kann das jedoch auch schlicht meine blühende Phantasie sein. Passen würde es allerdings zu diesem ausgeklügelten Werk allemal.
Ein abschließender Tipp: man nehme sich Zeit und Ruhe zum Lesen, nebenher laufen lassen kann man diesen komplexen Roman definitiv nicht.

Ich danke dem Tropen Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

Leselust Andreas Kück https://andreaskueckleselust.com/2019/08/25/rezension-stuart-turton-die-sieben-tode-der-evelyn-hardcastle/

Landhaus-Krimi

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Dreizehn Gäste
J. Jefferson Farjeon
Aus dem Englischen von Eike Schönfeld
erschienen am 23. März 2019 im Klett-Cotta Verlag
ISBN 978-3-608-96392-2

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Ein verregneter Sonntag, keinerlei Verpflichtungen, der Regen prasselt gegen die Scheiben, auf der Couch mit Wolldecke, der Tee dampft, links ein Hund und rechts ein Hund, in der Hand ein klassischer britischer Krimi- das kommt dem Paradies schon recht nahe…
Und darum freut es mich ganz außerordentlich, dass der Klett-Cotta Verlag seit geraumer Zeit wunderschöne leinengebundene britische Krimis veröffentlicht, von mal mehr mal weniger bekannten Autoren.
Diesmal handelt es sich um einen Landhaus-Krimi von J. Jefferson Farjeon, erstmals erschienen 1936. Farjeon war ursprünglich kein Unbekannter in der Krimiwelt, eines seiner Bücher wurde sogar von Hitchcock verfilmt, ist aber inzwischen weitgehend in Vergessenheit geraten. Seine Plots sind oft recht verwickelt, ein klitzekleines bißchen zu konstruiert und die Charaktere dadurch ein wenig blass. Das wird aber aufgehoben durch den Spannungsbogen und die überraschenden Auflösungen.
So auch diesmal. „Dreizehn Gäste“ ist wie ein Ausflug nach Downton Abbey mit Mord zum Dinner. Wir befinden uns auf Bragley Court, dem Anwesen Lord Avelings. Selbiger hat zwölf Gäste zu einer Party eingeladen, durch einen Zufall werden es dreizehn. Eine Unglückszahl! Prompt kommt kurze Zeit später ein Gast ums Leben.
Der Ablauf ist ganz klassisch: als Mörder in Frage kommen nur Hausbewohner, Gäste und Personal. Der Gärtner ist es nicht, so viel verrate ich gerne. Aber gut behütet auf dem Sofa ist es ein Genuss, den Mörder mit zu entlarven, zumal auf detailgetreue Schilderungen etwaiger Verletzungen verzichtet wird. Für mich ist genau das auch der Reiz an diesen Romanen. Es ist mehr eine literarische Form von Sudoku, verlockt zum Kombinieren und Mitraten, und weniger Gemetzel mit ein bißchen Handlung dazwischen.
Wer sich also für derartige Lektüre ähnlich begeistern kann wie ich, der möge einen Blick zu Klett-Cotta werfen und wird dort bestimmt fündig.

Weitere Besprechungen:

KrimiLese https://krimilese.wordpress.com/2019/07/26/j-jefferson-farjeon-dreizehn-gaeste/
Andreas Kück https://andreaskueckleselust.com/2019/04/17/rezension-j-jefferson-farjeon-dreizehn-gaeste/
Buchkenner https://buchkenner.wordpress.com/2019/04/27/dreizehn-gaeste-j-jefferson-farjeon/

Agentenroman

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Kriegslicht
Michael Ondaatje
Aus dem Englischen von Anna Leube
erschienen am 11.August 2018 im Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-25999-7

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Ondaatje gehört für mich zu diesen Schriftstellern, die über Tütensuppen schreiben könnten und ich wäre immer noch begeistert.
Sein neuer Roman „Kriegslicht“ ist nicht zwingend an allen Stellen plausibel, manches erscheint arg überzeichnet, aber Ondaatjes Stil und seine besonderen Charaktere machen auch diesen Roman für mich zum Meisterwerk.
London, 1945. Unter mysteriösen Umständen werden Nathaniel und seine Schwester von den Eltern verlassen. Eine berufliche Reise entpuppt sich als Lüge, die Eltern bleiben spurlos verschwunden. Allerdings nicht ohne völlig fremden Personen die Aufsicht über ihre Kinder übertragen zu haben. Personen mit Namen wie „Der Falter“ oder „Der Boxer“.
Ondaatje beschäftigt sich hier mit den Auswirkungen englischer Spionageaufträge auf die Mitarbeiter. Mit Rache für Kriegsverbrechen. Mit fehlendem Schutz für Familienmitglieder. Stück für Stück gelingt es Nathaniel, die Vergangenheit seiner Mutter aufzudecken, ein Puzzle, bei dem die meisten Teile fehlen. Und er muss erkennen, dass seine Schwester keineswegs seine Erinnerungen teilt, sondern ganz eigene Vorstellungen davon hat, was damals passiert ist.
Ein literarischer Spionage-Roman also, sehr britisch und mit einem Sog, der mich nur ungern Lesepausen einlegen liess.
Ich weiß, dass die Geister sich an diesem Buch scheiden. Einige finden es komplett unrealistisch, andere wiederum, wie ich, lieben den Erzählstil, das Ondaatjesche „Flair“. Ich kenne mich zu wenig mit Wahrscheinlichkeiten im Leben von Spionen aus, um entscheiden zu können, ob die Geschichte so überhaupt hätte passieren können. Muss sie nämlich auch nicht, die Freiheit hat Literatur. Mir ist allerdings meistens wichtig, dass Charaktere in sich schlüssig aufgebaut sind, in ihren Handlungen glaubhaft sind. Und ich zumindest konnte den Verlauf nachvollziehen.
Daher: ein weiterer Roman des großartigen Schriftstellers, spannend, poetisch, gekonnt.

Weitere Besprechungen:

Esthers Bücher https://esthersbuecher.com/2019/05/04/michael-ondaatje-kriegslicht/
letteratura https://letteraturablog.wordpress.com/2018/08/26/verstehen-was-geschah-michael-ondaatje-kriegslicht-2/
Exlibris https://exlibris-jmalula.com/2018/09/14/kriegslicht/

Liebe, Kunst und Ringelreihen

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Die Sparsholt-Affäre
Alan Hollinghurst
Aus dem Englischen von Thomas Stegers
erschienen am 11.März 2019 im Blessing Verlag
ISBN 978-3-89667-626-9

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Ich springe ausnahmsweise einmal gleich ohne Umschweife in das Thema: Wandlungen in der englischen Gesellschaft von 1940 bis zur Gegenwart, dargestellt anhand des Umgangs mit Homosexualität. Was klingt wie eine trockene Abhandlung, ist stattdessen ein geistreicher, charmanter und absolut lesenswerter Roman.
Zunächst befinden wir uns im Oxford der Kriegsjahre. Freddie Green berichtet von der Liebe seines guten Freundes Evert Dax zu einem Mitstudenten namens David Sparsholt. Dessen Ausrichtung ist unklar, immerhin ist er verlobt und direkte Nachfragen sind aufgrund der Gesetzeslage nicht ungefährlich. Schließlich galt Homosexualität damals als strafbares Delikt.
Was auch immer in Oxford damals geschah, David wird Vater eines Sohnes, Johnny. Und dessen Lebensweg ist der rote Faden des Romans. Wir lesen über die erste Verliebtheit in einen französischen Austauschschüler, erleben, wie der Wunsch wächst, Künstler zu werden, wie Johnny über Umwege Vater einer Tochter wird und versucht, ein glückliches und erfülltes Leben zu führen. Überschattet wird dieser Versuch allerdings von einem Skandal rund um seinen Vater, der dessen Leben und Ehe zerstört und auch den Sohn stark beeinflusst.
Ein sprachlich hervorragender Roman, der feinfühlig mit einem schwierigen Thema umgeht. Was macht es mit einem Menschen, wenn die Hälfte seines Lebens im Verborgenen stattfinden muss, wenn Gesellschaft und nahe Umgebung die Neigungen, die man ja nicht beeinflussen kann, nicht akzeptieren, schlimmer noch verachten? Welche Veränderungen sind möglich, wenn Liebe nicht mehr strafbar ist und verhältnismäßig offen gelebt werden darf?
Der Roman hat eine besondere Ausstrahlung, die ich nur schwer beschreiben kann. Vielleicht ist es die auch heute noch seltene Selbstverständlichkeit, mit der über gleichgeschlechtliche Liebe gesprochen wird. Die sich ja nicht unterscheidet von der gesellschaftlich anerkannten Form.
Vielleicht sind es aber auch die Charaktere, die britische Kultiviertheit und der Schreibstil, „geistreich“ laut Klappentext, „geistreich, berührend und brillant“. Und besser kann man es eigentlich auch gar nicht zusammenfassen.

Ich danke dem Blessing Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Arg betulich

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Mord auf Selchester Castle
Elizabeth Edmondson
Aus dem Englischen von Peter Beyer
erschienen am 18.02.2019 im Goldmann Verlag
ISBN 978-3-442-48824-7

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Ich habe ja nun schon diverse Male erwähnt, dass ich gerne britische Krimis lese. Bei mir muss es durchaus nicht blutig sein, solange das Buch charmant, gerne ein wenig verschroben, aber logisch aufgebaut ist. Eben passend zu Kamin, Gummistiefeln und Hochmoor. Oder Scones, Tee und Hochadel. Ich scheue da kein Klischee…
Der Vorgänger dieses Romans, „Der Tote in der Kapelle“, entsprach dem weitestgehend. Schauplatz ist eine alte Burg und das dazugehörige Dorf. Es gibt ein ansprechendes Ermittlerduo, eine Teestube, einen Buchladen und einen verschwundenen Earl. Wunderbar zum Schmökern und Entspannen.
Der zweite Band nun baut auf dem ersten auf. Wobei das schon fast übertrieben formuliert ist. Sagen wir besser, der zweite Band spielt im gleichen Setting. Allerdings gibt es kaum Besuche im Dorf und somit auch keine putzigen Dorfbewohner, fehlt das Knistern zwischen den beiden Hauptpersonen Hugo und Freya zur Gänze, wirkt es ein wenig so, als wären der Autorin die Ideen ausgegangen. Kurz, die Handlung stagniert. Zwar wurde ein Nachfolge-Earl aus dem Hut gezaubert, ein Amerikaner gar, aber das Potential, das ein waschechter Amerikaner im traditionell-dörflichen Britannien geboten hätte, das wurde nicht andeutungsweise ausgeschöpft. Man überlege sich nur, welche schönen Szenen sich da auf der kalten, uralten Burg seiner Vorfahren hätten ergeben können. Stattdessen gibt es ein paar halbgare Mordversuche, denen der gute Mann mühelos entrinnt bzw die er kaum wahr nimmt. Wenn man auf mich mit einer Armbrust schießen würde, würde ich danach übrigens nicht entspannt durchs Dorf tapsen. Aber ich bin ja auch kein Earl.
Nein, dieser zweite Band war selbst mir zu spannunglos. Da helfen auch keine Spielchen mit alten elektrischen Leitungen im Wintergarten. Da hätte nur noch ein erzählerischer Blitzschlag helfen können, aber der blieb leider aus.

Weitere Besprechungen:

Esthers Bücher https://esthersbuecher.wordpress.com/2019/02/24/elizabeth-edmondson-mord-auf-selchester-castle/

Leider belanglos

17746

Sniffler der englische Dachshund
Hans Traxler
erschienen am 12.03.2018 im Insel Verlag
ISBN 978-3-458-17746-3

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Was habe ich mich auf dieses Buch gefreut. Es geht um einen Hund, es gibt Zeichnungen von Hans Traxler und laut Klappentext ist die Geschichte spannend, komisch und unterhaltsam.
Ein Ehepaar macht Urlaub im ländlichen England. Sie wohnen bei Freunden, die ihnen Haus und Hof zur freien Nutzung überlassen haben, solange sie nur auf Sniffler aufpassen, den geliebten Hund. Sniffler nun aber hasst nichts mehr, als allein gelassen zu werden und findet sich daher ganz selbstverständlich im Bett oder auf dem Beifahrersitz im Auto ein.
Komik soll entstehen durch die Vorstellungen des Ehepaars zu Hundehaltung und Snifflers Ideen dazu. Und ja, bisweilen musste ich auch schmunzeln. Aber wirklich komisch fand ich die Story nicht. Sniffler ist eine ziemlich Nervensäge und das Ehepaar übertrieben hilflos im Umgang mit dem tyrannischen „Viech“.
Daher ist das, was eigentlich charmant hätte werden können, einfach nur belanglos. Die Illustrationen sind deutlich gelungener als der Text, typisch Traxler eben, und zeigen auch durchaus mehr Situationskomik.
Alles in allem ein hübsches Büchlein mit einer leidlich gelungenen Geschichte. Schade.

Bröckelnde Fassaden

9783803112316

Handauflegen
Alan Bennett
Aus dem Englischen von Ingo Herzke
erschienen 2002 im Wagenbach Verlag
ISBN 978-3-8031-2606-1

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Der englische Schriftsteller Alan Bennett ist hierzulande wohl hauptsächlich durch sein Buch „Die souveräne Leserin“ bekannt, ein charmanter Roman über die Queen und einen Bücherbus.
„Handauflegen“ zeigt ihn von einer bissigeren Seite. Der Kurzroman dreht sich um den Gedenkgottesdienst für einen Promi-Masseur, dessen Todesursache unbekannt ist, der aber wohl auch Leistungen anderer Art erbracht hat und zwar für beiderlei Geschlecht. Nun rutschen diverse Damen und Herren nervös auf den Kirchenbänken herum, belauern sich gegenseitig, während sie gleichzeitig versuchen, ganz ungerührt zu wirken. Über allem schwebt ein Hauch von Todesangst, die Vermutung, der liebe Clive sei etwas potentiell Ansteckendem erlegen.
Auch der Leiter des Gottesdienstes, Pater Joliffe, kannte Clive und erinnert sich an ihn. Aber es scheint durchaus unterschiedliche Erinnerungen an ein und dieselbe Person zu geben…
„Handauflegen“ überzeugt durch seinen pointierten schwarzen Humor, charmante Bissigkeit und einen klaren Blick auf das Wesen des Menschen. Kurz und knapp, ich liebe das englische Wort „concise“ in diesem Zusammenhang, berichtet Bennett über die vielschichtigen Reaktionen der Trauergemeinde, darüber, dass jeder „seinen“ Clive als den einzig wahren betrachtet, über Liebe und Begehren, über Schuld und Gewissen und über die Macht der Berührung.
Ich mag Bennetts Romane sehr. Der ausgeprägt britische Humor in Verbindung mit kluger Beobachtungsgabe ergibt einen unverkennbaren Stil, eine ganz besondere Sicht auf die Menschen und das, was sie bewegt.

Wunderbare Cluny

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Die Abenteuer der Cluny Brown
Margery Sharp
Aus dem Englischen von Wibke Kuhn
erschienen am 09.März 2018 im Eisele Verlag
ISBN 978-3-96161-004-4

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Dieser schon 1944 veröffentlichte Roman ist eine ganz bezaubernde Neuentdeckung des Eisele Verlags. Die junge Cluny Brown passt nicht in das Frauenbild ihrer Zeit und vor allem ihrer Klasse. Sie geht unerhörterweise zur Teatime ins Ritz, bleibt tagelang Orangen essend im Bett und tritt auch ansonsten gerne in sich urplötzlich auftuende Fettnäpfchen. Damit treibt sie ihren rechtschaffenen und ursoliden Onkel in den Wahnsinn, so dass der sehr froh ist, sie als Dienstmädchen auf einen Herrensitz nach Devonshire abschieben zu können. Auch dort treibt sie ihr charmantes „Unwesen“, verdreht gleich zwei Männern die Köpfe und bringt frischen Wind in das etwas verstaubte Leben auf Friars Carmel.
Leichtfüssig und frisch erzählt Margery Sharp aus dem Leben einer Frau, die gar nicht daran denkt, vorgeschriebenen Lebensbahnen zu folgen, die selbstbewusst und frei von Klassenbewußtsein ihren Weg geht und sich nicht scheut, dabei auch anzuecken. Dabei ist Cluny bisweilen herrlich naiv und unbedarft und meistens ziemlich blind für das von ihr hinterlassene Chaos.
Einen zutiefst britischen, lebenslustigen und witzigen Wohlfühlroman hat der Eisele Verlag da aus der Versenkung gezaubert. Einen Roman, der scheinbar kaum gealtert ist, und dessen augenzwinkernder Humor heute noch genauso funktioniert wie vor 75 Jahren. Es war mir durchgängig ein Vergnügen, den verschlungenen Wegen der Miss Brown zu folgen, die eben nicht brav, folgsam und zuckersüß romantisch auf der Suche nach der großen Liebe durchs Leben stolpert, sondern die Merkwürdigkeiten der Herrenwelt durchaus zur Kenntnis nimmt und kommentiert. Ein wunderbares Buch, um eine Zeit lang etwaige Probleme, schlechtes Wetter oder missliebige Stimmungen zu vergessen und stattdessen kichernd in der Badewanne zu liegen oder Orangen essend im Bett oder…

 

Erinnerungen

9783311210078

Stummes Echo
Susan Hill
Aus dem Englischen von Andrea Stumpf
am 11.Februar 2019 erschienen im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-21007-8

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Heutzutage einen neuen Verlag gründen? Dazu gehört viel Mut und ein besonderes Programm. Im Kampa Verlag gibt es scheinbar beides. Der junge Verlag zeichnet sich durch eine feine Auswahl und schön gemachte Bücher aus.
In diesem Falle „Stummes Echo“, ein in Leinen gebundener Roman der Engländerin Susan Hill. Vier Geschwister wachsen auf einem abgelegenen Hof im Norden Englands auf. Colin, der besonnene Älteste, die belesene May, die verwöhnte Berenice und Frank, der Außenseiter. Sie haben eine arme, aber glückliche Kindheit. Oder haben sie die dunklen Seiten dieser Zeit nur verdrängt?
Ein Roman, der die Macht der Erinnerung erforscht. Wie sicher sind wir uns der Dinge, die früher passiert sind? Und wie beeinflussbar, z.B. durch die Medien, ist unsere Erinnerung?
Susan Hill hat ein kluges, sehr feinfühliges Buch geschrieben, eines, das man unvoreingenommen, mit wenig Vorwissen lesen sollte. Das macht das Besprechen ein wenig schwierig, will man es weiterempfehlen, aber so wenig wie möglich über den Inhalt verraten.
So viel kann ich dann doch sagen: der Roman liest sich sehr ruhig und ist überaus detailgenau geschrieben. Und trotzdem entwickelt er einen ungeheuren Sog. Man will wissen, was den Geschwistern widerfährt, welcher Antrieb hinter ihren Handlungen steht, wie sie die Geschehnisse überstehen. Denn überstanden werden muss so einiges, was eigentlich nur schwer zu ertragen ist. Dabei ist der Text nicht düster oder anklagend, sondern in seiner Zurückhaltung und seinem taktvollen Umgang mit den Charakteren eher klassisch britisch. Ein ebenso eleganter wie fein gezeichneter Roman, ein wirkliches literarisches Kleinod.

Ich danke dem Kampa Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Hinter Gittern

Mann im Zoo von David Garnett

Mann im Zoo
David Garnett
Aus dem Englischen von Maria Hummitzsch
erschienen am 14.01.2019 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-71718-7

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Ich lese britische Literatur aus der Zeit von 1850-1950 ja sehr gern. Und daher habe ich letztes Jahr sehr erfreut David Garnett entdeckt, den ich seltsamerweise bis dahin gar nicht kannte. Sein Roman „Dame zu Fuchs“ hat mich fasziniert. Eine britische Landlady verwandelt sich auf einem Spaziergang plötzlich in eine Füchsin, was ihre Ehe durchaus vor Schwierigkeiten stellt. Das völlig absurde Szenario wird ganz ruhig und in seinen Abläufen selbstverständlich dargestellt. Genau so muss/wird es ablaufen, wenn jemand zum Tier wird, besonders, wenn dieser Jemand sehr britisch ist.
Nun veröffentlicht btb eine weitere Novelle Garnetts, „Mann im Zoo“. Ein junges Paar gerät sich bei einem Zoobesuch in die Haare. Im Eifer des Gefechts erklärt sie, er gehöre mit seinen veralteten Ansichten durchaus auch in den Zoo. Woraufhin der junge Mann Nägel mit Köpfen macht und in ein Gehege dort einzieht.
Klug beschreibt Garnett die darauf folgenden Ereignisse: große Besuchermengen, Käfigkoller, eifersüchtige Tiere in den Nebengehegen. Insgesamt zeigen die Tiere aber durchaus bessere Manieren als die Menschen. Besonders ein Karakal, ein Wüstenluchs, freundet sich mit dem jungen Mann an und hilft ihm, das Käfigleben zu bewältigen.
Auch hier beeindruckt die Selbstverständlichkeit, mit der Garnett den Verlauf erzählt.
Eine kleine feine, wieder sehr britische Erzählung, die den Aberwitz zur Normalität macht. Man kann nur hoffen, dass die vereinten Bemühungen von Dörlemann und btb David Garnett zu einem höheren Bekanntheitsgrad verhelfen. Verdient wäre es definitiv.

Ich danke dem btb Verlag für daszur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

We read Indie https://readindie.wordpress.com/2017/10/29/david-garnett-mann-im-zoo/