Sommer in Oxgodby

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Ein Monat auf dem Land
J. L. Carr
Aus dem Englischen von Monika Köpfer
Als Taschenbuch am 19.09.2017 erschienen im Dumont Verlag
ISBN 978-3-8321-6431-7

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1920. Der Kriegsveteran Tom Birkin hat eine Anstellung als Restaurator in dem kleinen Örtchen Oxgodby angetreten. Der traumatisierte, unter Gesichtszuckungen und Stottern leidende Mann, der zudem erst vor kurzem von seiner Frau verlassen wurde, soll dort in der Kirche ein Wandgemälde freilegen.
Tag für Tag steht er nun auf seinem Gerüst und befreit Zentimeter für Zentimeter das Fresko von Schmutz, Staub und Mörtel. Er wohnt unter einfachsten Umständen im Glockenturm, lernt ein paar Menschen kennen, mit denen er sich gut unterhalten kann, wird ein wenig ins Dorfleben eingebunden, aber findet vor allem Ruhe. Ruhe und Sommer und Natur.
Es passiert nicht viel in dieser so leichtfüssig geschriebenen Novelle. Und trotzdem steckt so viel Wissen darin. Das Wissen um die Heilkraft von Frieden, guter Gesellschaft, einer ausfüllenden Beschäftigung, frischer Landluft und ein bisschen Hoffnung auf Liebe. Das mag platt klingen, ist aber so feinfühlig und elegant formuliert, dass man geradezu spüren kann, wie die besondere Stimmung dieses Buches sich überträgt und man die nächsten Tage ein wenig hoffnungsfroher und entspannter in die Zukunft schaut.
Schon Carrs Roman über die Steeple Sinderby Wanderers, einen Dorfverein, der unerwartet einen Fußballpokal erringt, hat mich begeistert. Dieser Roman jedoch hat mich ein wenig verzaubert und ich bin sehr dankbar dafür. Ein ganz, ganz wunderbares Buch!

Bruder Cadfael

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Das Licht auf der Straße nach Woodstock

Ellis Peters

aus dem Englischen von Jürgen Langowski

erschienen 1996 im Heyne Verlag

 

Es ist mal wieder Zeit für Fundstücke im Bücherregal. Wobei das diesmal kein richtiger Fund war, weil ich ja weiß, dass ich Cadfael-Romane dort habe. Aber sie sind im Buchhandel vergriffen, was ich äußerst schade finde.
Bruder Cadfael ist ein Mönch, der zwischen 1120 und 1145, in der Benediktinerabtei Shrewsbury in England, Kriminalfälle löst. In diesem Band erfahren wir, wie es dazu kommt, dass der Krieger Cadfael das Schwert niederlegt, um die Kutte zu wählen. Dabei löst er natürlich gleich seinen ersten Fall und hat sozusagen seine Berufung gefunden. Es ist eine aufregende Zeit, in der er da lebt. Der Thron ist heiß umkämpft. Hunger, Armut und Seuchen bedrücken die Menschen, von denen viele in Leibeigenschaft leben.
20 Bände hat Ellis Peters von 1977 bis 1994 ihrem kämpferischen Mönch gewidmet, der bei Unrecht nicht ruhen kann, bis er den Schuldigen gefunden hat, unabhängig von dessen Stand und Macht. Gut recherchiert, kommt die Reihe mit wenig Blut aus, vielmehr wird die mittelalterliche Abtei und der dazugehörende Ort Shrewsbury zu neuem Leben erweckt. Dank Cadfaels Heilertätigkeiten erfährt man auch viel über Kräuter und Tinkturen, die zu der Zeit genutzt werden.
In den Neunzigern wurde die Reihe mit Sir Derek Jacobi verfilmt. Ich mag die Serie, auch wenn sie natürlich heutigen Verfilmungsansprüchen nicht mehr gerecht wird.
Im Grunde liegt da ein kleiner, inzwischen nahezu unbekannter Schatz, den man wieder auflegen und ganz sicher auch spannend neu verfilmen könnte.

Krimikomödie

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Immer Ärger mit Harry

Jack Trevor Story

Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow

2018 erschienen im Dörlemann Verlag

ISBN 978-3-03820-054-3

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Der November ist nicht gerade mein liebster Monat. Meistens ist es dunkel, nass und kalt, ich mag mich noch nicht vom Sommer trennen und Weihnachten ist zunächst nur ein kleiner Lichtpunkt am Ende des Tunnels. Zu keinem anderen Zeitpunkt des Jahres findet man mich so sicher mit Buch und Tee unter einer Wolldecke.
Aber wenn mir dann in dieser finst’ren Zeit ein Buch wie dieses in die zähneklappernden Finger gerät, kann es passieren, dass der Sommer für einen Tag zurück kommt. „Immer Ärger mit Harry“ ist ein Schätzchen, eine seltene Perle des schwarzen Humors und in der Ausgabe des Dörlemann Verlags innen wie außen perfekt. In weinrotes Leinen gebunden und mit einer Jagdszene auf dem Vorsatzpapier, ist das Buch einfach wunderschön und hat als I-Tüpfelchen sogar ein Lesebändchen. Wer also noch nach Geschenken sucht, möge dieses Büchlein ins Auge fassen.
Der Roman ist ein Klassiker britischer Krimiliteratur. Veröffentlicht 1949, wurde er 1955 von Alfred Hitchcock verfilmt. In meinem Jahrgang und darunter dürfte wirklich noch jeder den Film oder zumindest den Titel kennen.
Harry liegt tot im Wald. Scheinbar wurde er ermordet und nach und nach tauchen diverse Personen auf, die alle Grund zu der Annahme haben, sie hätten Schuld an seinem verfrühten Ableben. Was nun folgt, ist britischer Humor in Perfektion. Genüsslich beschreibt Jack Trevor Story, wer nun mit wem wie versucht die Leiche zu beseitigen, wer sich dabei in die Quere und wer sich näher kommt. Das ist streckenweise einfach herrlich komisch, auf diese alte elegante Art, ohne unter die Gürtellinie zu gehen oder gewollt zu wirken. Ein charmanter, unbeschwerter Lesespass und gleichzeitig ein Glanzstück englischer Kriminalliteratur -perfekt!

Und keiner hat es gemerkt?

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Das Geheimnis der Grays

Anne Meredith

aus dem Englischen von Barbara Heller

erschienen 2018 im Klett-Cotta Verlag

ISBN 978-3-608-96299-4

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Ich liebe britische Krimis. Ja, ich weiß durchaus, dass das einigen schon bekannt ist. Aber ich hätte mich trotzdem unendlich gefreut, die Rezension in bereits bekannter Weise zu verfassen. Ich hätte irgendetwas von Schnee, Kaminen, Tee und Scones erzählen können, von warmen Wolldecken und wohligem Lesegefühl.
Aber mein Lesegefühl war keineswegs wohlig und am Tee hätte ich mich wahrscheinlich verschluckt. Dabei ist der dritte Band der Weihnachtskrimi-Reihe von Klett-Cotta wieder wunderschön aufgemacht und meine Vorfreude war entsprechend groß.
Am Anfang war auch noch alles gut, soweit das bei einem Krimi möglich ist. Die Grays, eine recht verzweigte Familie trifft sich über die Weihnachtsfeiertage bei Adrian Gray, dem Familienoberhaupt. Ein altes Landhaus, Schnee, und jede Menge Menschen mit Sorgen und Nöten. Relativ schnell wird der alte Gray tot aufgefunden. Genauso schnell erfahren wir, wer der Mörder ist. Anne Meredith möchte den Fall nämlich auch aus der Perspektive des Mörders zeigen. Das ist übrigens nicht der Grund meines anhaltenden Ärgers, auch wenn man das meinen könnte. Die Idee ist nicht unspannend.
Der Roman ist von 1933. Man hat das meist so nicht vor Augen, aber weite Teile der Briten waren Hitler durchaus gewogen. Er wurde bewundert und hofiert, seine Pläne keineswegs abgelehnt. Dazu gehörte auch eine Abneigung gegen Juden, die die Autorin scheinbar geteilt hat.
Eine der Töchter des Hauses ist mit einem Aktienspekulanten verheiratet, der an einem riskanten Manöver scheitert und viele Menschen in den Ruin treibt. Zuerst stolperte ich über folgende Formulierung: „Doch er hielt eisern am Familiensinn seines Volkes fest und scheute – seine Frau ausgenommen – körperliche Kontakte.“ (S 38) Welches Volk sollte das denn sein, fragte ich mich, war doch bisher nichts über Eustace berichtet worden, das vermuten liess, er sei kein Engländer. Aufklärung erfolgt nicht, nur auf Seite 41 heißt es dann: „Mit dem feinen theatralischen Gespür seines Volkes fand Eustace genau die pathetischen Phrasen…“ Und immer noch tappte ich im Dunkeln. Auf Seite 42 dann die Lösung: Es hieß, Juden seien korpulent, ja geradezu fett, besonders die Finanzleute unter ihnen, aber man konnte sich niemanden vorstellen, der weniger dem literarischen Bild der Juden entsprach als Eustace. Nur der gewiefte Ausdruck des dunklen Gesichts und das glatt aus der bleichen Stirn gekämmte Haar verrieten seine Abstammung.“ Am gewieften Gesichtsausdruck erkennt man den Juden? Interessant, durchaus. Diesem Mann soll dann die Schuld für den Mord in die Schuhe geschoben werden, er hätte es laut Anne Meredith auch mehr verdient als der Mörder, ein jämmerlicher, selbstsüchtiger Möchtegernkünstler ohne Verantwortungsgefühl, den die Autorin aber deutlich bevorzugt.
Wie kann man ein solches Buch veröffentlichen, ohne im ja doch vorhandenen Nachwort auch nur mit einer Silbe auf diese den Roman durchströmenden Tendenzen einzugehen? Wie kann man nett über diese Autorin plaudern, über ihre Erfolge und Misserfolge und wechselnden Pseudonyme berichten und ihre judenverachtende Schreibweise völlig unter den Tisch kehren? Einer Autorin, die noch in den letzten Sätzen des Romans diesem Eustace, dem Schacherer mit „der markanten Nase“ (damit auch kein Klischee fehlt) jeglichen Lebenswert abspricht.
Nicht eine Kritik erwähnt diesen Umstand, die meisten, die ich gelesen habe, sind wohlwollend. Ernsthaft? Ich lese gerne und häufig Krimis aus dieser Zeit, aber so etwas ist mir noch nicht untergekommen. Es kann doch nicht sein, dass nur ich das so wahrnehme? Ich bin nicht nur nicht amüsiert, ich bin irritiert, traurig und vor allem zornig. Und wenn es nach mir geht, kann Miss Meredith auch wieder in der Versenkung verschwinden, aus der man sie so unverdient hervorgezogen hat.

Durch und durch britisch

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Ohne Furcht und Tadel

Evelyn Waugh

Aus dem Englischen von Werner Peterich

als Taschenbuch am 24.10.2018 erschienen im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-24459-5

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Als Leser springe ich ziemlich häufig in unbekannte Gewässer. Ich schlage ein neues Buch auf und weiß meistens nicht wirklich, was mich erwartet. Natürlich gibt es den Klappentext, natürlich kenne ich die ungefähre Richtung, das Genre, vielleicht auch andere Werke des Autors. Aber ein ungelesenes Buch eröffnet immer eine unbekannte Welt. Bei einem Vielleser, wie ich es ja bin, sind das ziemlich viele Welten, die man da nacheinander, manchmal auch nebeneinander bereist. Nicht alle lassen sich gleich gut bereisen, manche sind arg holperig, manche steinig und manche so langweilig, dass man innerlich Hüpfekästchen spielt. Und dann gibt es Bücher, die sind wie ein erfrischender Sprung ins Meer, Bücher, bei denen man wieder weiß, warum man eigentlich das Lesen so liebt.
„Ohne Furcht und Tadel“ ist so eines. Man atmet förmlich auf, wenn man die wohldurchdachten Formulierungen liest. Kein Geschwafel, keine Klischees und aufgebauschten Banalitäten, dafür ein klares Konzept und rasiermesserscharfe Spitzen. Waugh erzählt von Guy Crouchback, einem liebenswerten Gentleman der britischen Oberschicht, der es trotz fortgeschritteneren Alters für angebracht hält, anläßlich des Zweiten Weltkriegs der britischen Armee beizutreten. Der Leser erfährt von Korpstraditionen, Aufstiegsschacher, wirren Missionen, irren Offizieren. Es ist bemerkenswert, dass jemand so eindringlich über den Krieg schreiben kann, ohne dabei großartig Blut zu vergießen. Waugh bleibt meist hinter den Linien und hat mit Crouchback einen Klischeebriten erfunden, der lernen muss, dass Fairplay für die anderen zumeist ein Fremdwort ist, einen guten Menschen, dessen Qualitäten nicht anerkannt werden, der stets beinahe unter die Räder gerät. Gleichzeitig nimmt Waugh die Abläufe beim Heer auseinander, das starre Regelwerk, Willkür und Kadavergehorsam.
Es gehört schon ein immenses Können dazu, eine 976 Seiten starke Satire auf das englische Kriegswesen zu schreiben, die nicht eine Sekunde langweilig oder -atmig ist. UInd den Leser trotz aller Ironie und eleganten Wendungen nie vergessen zu lassen, dass ein Krieg menschengemacht ist und dass es Menschen gibt, die im Krieg regelrecht aufblühen, dass es immer sinnlose Opfer gibt und eigentlich keine Seite dabei wirklich gewinnen kann.
Es sind Romane wie dieser, die einen Maßstab dafür geben können, was Literatur sein kann. Die geradezu leuchten durch ihre Fabulierlust, einzigartigen Charaktere und geschliffenen Formulierungen. Aus denen man ständig vorlesen oder zitieren möchte, weil man hier eine Wendung gelungen findet und dort eine Bemerkung treffend. Romane, die man drei, viermal lesen kann, um immer noch neue Aspekte zu entdecken.
„Ohne Furcht und Tadel“ ist zu Recht ein Klassiker der englischen Literatur, ein Werk, das auch nach über sechzig Jahren nichts von seinem Funkeln verloren hat.

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

John Cole

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Nach mir die Flut

Sarah Perry

Aus dem Englischen von Eva Bonné

erschienen 2018 im Eichborn Verlag

ISBN 978-3-8479-0651-3

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Nach dem großen Erfolg von Sarah Perrys Roman „Die Schlange von Essex“ im letzten Jahr, veröffentlicht der Eichborn Verlag nun den Debutroman der Britin „Nach mir die Flut“. Schon hier findet sich, was sie in der „Schlange“ zur Vollendung bringt: das Spiel mit Wahrheit und Schein, mit Realität und Mythen.
John Cole, ein ältlicher Buchhändler mit eher farblosem Leben, verirrt sich auf der Fahrt zu seinem Bruder im Wald und findet dort ein verfallenes Herrenhaus, dessen Bewohner auf ihn gewartet zu haben scheinen. Er wird freudig begrüßt und zu seinem Zimmer geführt, spürt aber sogleich die seltsame Atmosphäre, die Haus und Bewohner umgibt.
Für mich war dieser Anfang, dieser Teil, wo man überhaupt noch nicht wusste, in welche Richtung sich das Ganze entwickeln würde, tatsächlich der beste Part des Buches. Die Bewohner des Herrenhauses umgibt ein Geheimnis, die Stimmung ist leicht bedrohlich und sehr schnell fragt der Leser sich, wer oder was diese Bewohner eigentlich sind, was sie zusammen geführt hat und welche Pläne sie mit Cole haben.
Leider löst Perry dieses Geheimnis recht schnell auf, was ein kleines Spannungstief hervorruft, um dann aber ein kammerspielartiges Szenario aufzubauen, das in seiner Dichte und Eleganz beeindruckt. Und bei ihrem Erstling gefällt mir die Personenführung tatsächlich besser als bei der vielgerühmten „Schlange“. Trotz der Risse und Brüche in ihrem Wesen, handeln alle Personen in sich logisch und individuell nachvollziehbar. Die Handlung entwickelt einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Aufbau und Sprache ziehen den Leser mitten ins Geschehen, man liest wie unter einer Glasglocke, nach außen abgeschlossen.
Wer sucht, wird sicher Kritikpunkte finden: der Roman behandelt nichts Neues, das düstere Herrenhaus ist ein vielgenutzes Bild, die Abgeschlossenheit Grundidee sämtlicher britischen Krimis, aber das ändert alles nichts daran, dass Sarah Perry erzählen kann. Und auch wenn es in diesem Debutroman holprige Stellen gibt, auch wenn der Spannungsbogen nicht immer gehalten wird, ist nicht zu übersehen, dass die Autorin etwas von Konstruktion versteht. Wie auch von Satzbau: ihre filigranen, eleganten Formulierungen haben mich hier genauso wie bei der „Schlange“ beeindruckt.
Und daher habe ich diesen düsteren, ein wenig unheimlichen, viktorianisch anmutenden Roman wirklich gern gelesen, zumal er „schlanker“ ist als der Nachfolger, nicht so vollgepresst mit Wissen und überladen mit Bedeutung. Ich freue mich wirklich auf weitere Romane dieser Autorin und bin gespannt, wie sich ihr Stil weiterentwickelt.

Ich danke dem Eichborn Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Der perfekte Weihnachtskrimi

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Ein Mord zu Weihnachten

Francis Duncan

Aus dem Englischen von Barbara Först

erschienen 2017 im DuMont Buchverlag

ISBN 978-3-8321-9864-0

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Ich weiß nicht, wie viele Rezensionen ich schon mit diesem Satz begonnen habe, aber sei’s drum: ich liebe britische Krimis! Eine mehr oder weniger geschlossene Gesellschaft, ein Ermittler, der außergewöhnlich kluge Schlüsse ziehen kann und Lokalkolorit in Form von pittoresken Dörfchen, Herrenhäusern und Tee mit Scones – und schon bin ich glücklich.
In diesem Falle stimmt das Gesamtpaket: ein verschneites Cover, das je nach Lichteinfall geheimnisvoll golden zu schimmern beginnt (ich glaube, ich habe eine halbe Stunde damit verbracht, das Buch verzückt hin und her zu drehen), ein mir bisher nicht bekannter Autor mit hervorragendem Schreibstil (mehr als zwanzig Krimis soll Francis Duncan geschrieben haben, wo zum Henker finde ich die restlichen neunzehn und wieso überhaupt kenne ich den Mann nicht?) und ein logisch aufgebauter Plot, der zum Miträtseln einlädt ( der Vollständigkeit halber gehört die Klammer hier hin, nur Füllung habe ich diesmal keine).
Alle Jahre wieder lädt Benedict Grame, Hobbyweihnachtsmann aus Leidenschaft, eine ausgewählte Gästeschar ein, die Weihnachtstage auf seinem Landgut zu verbringen. Die Mischung besteht im Allgemeinen aus Familienmitgliedern, guten Bekannten und Menschen, die Grame im Laufe des Jahres kennenlernt und als interessant einschätzt. Auf diese Weise erhält auch Mordecai Tremaine eine Einladung, ein älterer Herr, dessen bevorzugtes Vergnügen in der Auflösung von Kriminalfällen besteht. Pünktlich zu Weihnachten liegt dann auch eine Leiche unter dem Tannenbaum und Tremaine ist in seinem Element.
Klassischer kann ein britischer Krimi wirklich nicht sein. Ein älterer, überaus höflicher Ermittler mit beständig rutschendem Kneifer, diverse Hausgäste unterschiedlichen Temperaments ( das junge verliebte Paar, die kalte Göttin, die Diva, der Trinker, das unscheinbare Ehepaar etc), ein Butler (jawoll!), ein Herrenhaus in tiefem Schnee und natürlich ein Mord, der relativ unblutig über die Bühne geht und somit den Leser mit relativ wenig Unbehagen erfüllt. Perfekt, und das meine ich ganz unironisch.
Ungefähr an dieser Stelle erwähne ich, auch schon Tradition meiner Besprechungen klassischer englischer Kriminalromane, Kamin, Wolldecke und Hunde, habe aber festgestellt, dass der Roman auch im Bett wunderbar lesbar ist. Und im Zug. Und beim Bäcker. Sogar im Stehen und ganz ohne Hund.
Und ich wünsche mir nun vom Weihnachtsmann (oder dem DuMont Verlag) die restlichen Romane Herrn Duncans, Goldschimmer bitte mit eingeschlossen.

 

Ein weiterer Lobgesang:

Chrissies bunte Lesecouch https://chrissisbuntelesecouch.wordpress.com/2017/12/17/ein-mord-zu-weihnachten-francis-duncan/

Mitford Manor

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Die Schwestern von Mitford Manor – Unter Verdacht

Jessica Fellowes

Aus dem Englischen von Andrea Brandl

2018 erschienen im Piper Verlag

ISBN 978-3-86612-452-3

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Der Herbst ist da. Und mit ihm pünktlich mein Bedürfnis nach Tee, Kamin und Wolldecke. Da aber Tee, Kamin und Wolldecke ohne Buch recht langweilig sind, steigt natürlich auch mein Bedürfnis nach passender Lektüre. Und was könnte passender sein, als ein Krimi in englischen Adelskreisen, geschrieben von der Nichte des britischsten aller Briten Julian Fellowes, dem „Downton Abbey“-Fellowes?
Dem Klappentext entnehme ich, dass Jessica Fellowes die Begleitbände zur Serie geschrieben hat, und das merkt man ihrem eigenen Roman auch deutlich an. Wer also Sehnsucht hat nach dem Downton Abbey- Feeling, der liegt mit Mitford Manor sicher nicht verkehrt.
Mit den Mitfords hat sich die Autorin eine Familie herausgesucht, die wirklich existiert hat. Die Mitford Girls, die sechs Töchter Lord Mitfords, waren zu ihrer Zeit berühmt-berüchtigt sowohl für ihre Schönheit als auch für ihre Exzentrik. Relativ frei, aber ein wenig weltfremd erzogen, fanden sich unter ihnen dann u.a. eine Schriftstellerin, ein Nazi-Fangirl und eine Kommunistin. Die Tischgespräche müssen bisweilen wirklich schwierig gewesen sein…
In diesem Roman nun geht es um Nancy Mitford, die älteste der Schwestern. Intelligent, liebenswürdig, ein wenig oberflächlich, flatterhaft und bisweilen arg spitzzüngig, so wird die junge Dame in ihren Teenagerzeiten dargestellt. Ihr wird Louisa zur Seite gesellt, die, aus schwierigen Verhältnissen stammend, überglücklich ist über ihre Anstellung als Kindermädchen in der hochgeborenen Familie. Diese beiden nun, fast gleichaltrig und fast befreundet, einer echten Freundschaft stehen die gesellschaftlichen Verhältnisse im Weg, rutschen nahezu zufällig in die Ermittlungen zu einem Mord.
Wer nun einen zielgerichteten Krimi erwartet, liegt falsch. Der Autorin geht es mehr um die Beschreibung der adeligen Welt der Zwanziger Jahre, um erste Lieben und kleine Tändeleien, um das Leben in der Familie Mitford, sowohl als Familienmitglied als auch als Bedienstete. Der Mord dient mehr zur Erhöhung der Spannung zwischen Reisen nach London oder an die Küste, verbotenen Bällen und Tee mit Scones. Tatsächlich haben mich der Mordfall und seine Auflösung in einigen Teilen etwas verwirrt zurückgelassen. Aber im Grunde ist das nicht wichtig, denn Jessica Fellowes Schreibstil ist recht charmant und der Roman liest sich so locker-luftig und ist dabei so herrlich snobbish, dass es wirklich Spass macht ihn zu lesen. Geplant ist wohl eine sechsbändige Reihe, in der es in jedem Band um eine andere Schwester gehen soll. Diese Idee finde ich eigentlich recht gelungen und daher werde ich wohl auch die Folgebände lesen.

Ich danke dem Piper Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen dieses Romans:

Nana – Der Bücherblog https://nanafkb.wordpress.com/2018/09/23/rezension-die-schwestern-von-mitford-manor-unter-verdacht-jessica-fellowes/
Streifis Bücherkiste https://streifisbuecherkiste.wordpress.com/2018/09/04/die-schwestern-von-mitford-manor-unter-verdacht-jessica-fellowes/
Esthers Bücher https://esthersbuecher.wordpress.com/2018/09/26/jessica-fellowes-die-schwestern-von-mitford-manor-unter-verdacht/

Für regnerische Herbsttage

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Mord in Cornwall

John Bude

Deutsch von Eike Schönfeld

erschienen 2018 im Klett-Cotta Verlag

ISBN 978-3-608-96238-3

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Klett-Cotta nimmt sich gerade auf liebevolle Weise des britischen Krimis an. In schönster Regelmäßigkeit erscheinen fast vergessene Romane mehr oder weniger bekannter Autoren in bester Agatha Christie-Manier. Und die Bücher sind schon ohne Inhalt wahre Schmuckstücke.
Dieses hier nun ist ein etwas betulicher Whodunnit, der in einem kleinen Fischerdorf an Cornwalls Küste spielt. In seinem Herrenhaus wird der wenig beliebte Julius Tregarthan erschossen aufgefunden. Die Polizei beginnt zu ermitteln, bedarf aber bisweilen der Hilfe des krimibegeisterten Pfarrers, der seine angelesenen Deduktionskünste nun in einem echten Mordfall nutzen kann. Wer schnelle Schnitte, rasante Verfolgungsfahrten oder blutige Gemetzelszenen erwartet, der wird sich hier relativ schnell langweilen. In dem Dörfchen geht alles weiter seinen Gang, jeder kennt jeden und jeder spekuliert. Spannend ist dabei nur das Mordsetting: ein Herrenhaus, einsam auf den Klippen, zwei Schüsse, aber keine Fußspuren, ein unbeliebter Toter und so einige in Frage kommende Verdächtige. Neben Reverend Dodd wäre auch Miss Marple auf ihre Kosten gekommen. Diese Art Krimi liest man am besten an einem regnerischen Herbsttag unter einer Wolldecke auf dem Sofa, selbstverständlich mit einem Tee und, für Perfektionisten, einem angekuschelten britischen Jagdhund. Ich bin Perfektionistin.
„Mord in Cornwall“ ist der erste Kriminalroman John Budes, und das merkt man dem Buch nicht wirklich an. Später wurde Bude unter seinem richtigen Namen Ernest Carpenter Elmore, John Bude ist ein Pseudonym, Mitbegründer der Crime Writers‘ Association und schrieb noch zahlreiche weitere Krimis.
Was ich an diesen klassischen britischen Krimis so liebe, ist die Tatsache, daß sie ein bißchen wie Märchen für Erwachsene funktionieren. Am Ende ist immer alles gut, der Mörder wurde gefasst, der Ermittler ist selten in unmittelbarer Gefahr und die Spannung entsteht durch das Miträtseln. Ein mit einem solchen Krimi gemütlich verbrachter Nachmittag erholt mich manchmal mehr, als aufwendig geplante Urlaube. Und deshalb hoffe ich, dass Klett-Cotta diese Reihe noch lange weiterführt.

Little Summerford

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Charley Moon

Reginald Arkell

Aus dem Englischen von Brigitte Heinrich

erschienen 2018 im Unionsverlag

ISBN 978-3-293-00538-9

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Eine Bekannte bemerkte unlängst, derzeit gäbe es recht viele Neuerscheinungen über Krieg, Tod und Verderben. Und ja, ich teile ihren Eindruck, es erscheinen momentan viele Bücher, die sich mit den Weltkriegen beschäftigen, mit den körperlichen und seelischen Schäden, die auch Generationen danach noch beeinflussen. Mit Schuld, Trauer und Verarbeitung. Und das ist auch sehr gut so, betrachtet man die gesellschaftlichen Entwicklungen in jüngster Zeit.
Trotzdem möchte man hin und wieder in eine heile Welt flüchten, eine Welt, wo das Ende immer gut ist und die Liebe immer ewig. In meinem Falle darf diese Flucht allerdings nicht zuviel rosaroten Kitsch aufweisen und schwülstige Liebesschwüre schon gar nicht. Aber dem Klischee vom britischen Landleben entsprechen, darf ein Roman bei mir jederzeit.
Und da wären wir dann bei „Charley Moon“ angekommen. Die wunderschöne Leinenausgabe des Unionsverlags stach mir schon drei Tische weiter in der Buchhandlung ins Auge und als ich näherkommend den Autor las, konnte ich ein verzücktes „ooooh“ nicht unterdrücken. Reginald Arkell schrieb nämlich schon eines meiner Lieblingsbücher über die britische Gartenwelt, „Pinnegars Garten“. Und der Klappentext lies mich endgültig jauchzend zur Kasse hüpfen:
Sie mieten ein Boot und rudern die Themse hinauf, bis Sie nicht mehr weiterkommen. Dann steigen Sie aus und ziehen das Boot, bis Sie es nicht mehr weiterziehen können. Sie lassen das Boot in den Binsen zurück und gehen über die Wiesen, bis Sie zu einer Mühle, sechs Häusern und einem Kramladen kommen. Das ist Little Summerford.
Und dort beginnt die Geschichte von Charley Moon, dem Müllerssohn, der als Komiker Englands Bühnen erobert und erst alles verlieren muss, um zu begreifen, was ihm wirklich wichtig ist. Und diese Geschichte, die zugegeben gar nicht so besonders oder herausragend ist, erzählt Arkell mit so viel Wärme und britischem Witz, dass ich das Buch, einmal begonnen, nicht mehr zur Seite legen mochte. Und obwohl ich deshalb auf einen großen Teil meines Nachtschlafs verzichtet habe, hielt der Zauber noch den nächsten Tag über an, wo mich die Welt mit rabenschwarzen Schatten unter den Augen und einem seligen Grinsen zu Gesicht bekam. Wer also ein bißchen anglophil veranlagt ist, sich nach ein wenig heiler Welt und einer heißen Tasse Tee sehnt, der möge sich aufmachen nach Little Summerford, er wird es wohl nicht bereuen…
Reginald Arkell war übrigens ein bekannter englischer Bühnenautor, der so einige Musicals für Londoner Theater verfasste. Die Erlebnisse seines Charley Moon dürften daher nicht völlig aus der Luft gegriffen sein.