Ohn‘ Macht

Dunbar und seine Toechter von Edward St Aubyn

Dunbar und seine Töchter

Edward St Aubyn

Aus dem Englischen von Nikolaus Hansen

erschienen 2017 im Knaus Verlag

ISBN 978-3-8135-0689-3

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Ein weiterer Band des Hogarth Shakespeare Projects im Knaus Verlag, der vierte für mich inzwischen. Dabei waren bisher Margaret Atwood, Jeanette Winterson und Howard Jacobson. Herausgekommen sind sehr unterschiedliche Interpretationen von Werken Shakespeares, mal als miterlebte Theateraufführung, mal fast soapartig, mal ein Diskurs zum Judentum gestern und heute, aber immer spannend, interessant oder auch lehrreich.
Nun also Edward St Aubyn, einer der besten britischen Schriftsteller derzeit, bekannt dafür, den Finger in Wunden zu legen, die sonst eher im Verborgenen schwelen und kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Er hat „King Lear“ gewählt, ein Familiendrama in höchsten Kreisen, also eigentlich für ihn fast ein Heimspiel.

Der Medienmogul Dunbar, Vater von drei Töchtern, gibt den Firmenvorsitz an zwei seiner Töchter ab und verstößt die dritte. Diese Entscheidung war falsch, denn Abigail und Megan schieben ihn in ein Sanatorium ab und versuchen, Pläne durchzusetzen, die gar nicht in Dunbars Sinne sind. Dunbar entflieht. Und nun hängt sein Leben davon ab, wer ihn zuerst findet, die ihn liebende Dritte im Bunde, Florence, oder die beiden intriganten Biester, die vor nichts zurückschrecken.
St Aubyn hatte definitiv Spass. Megan und Abigail sind die bösen Schwestern Cinderellas, getuned für die heutige Zeit, Karikaturen ihrer Art. Zehen fahren sie lieber anderen ab, statt sie selbst zu verlieren. Ihr Umfeld ist ebenso überzeichnet, der Arzt, der sein eigener bester Kunde ist, der Latino-Bodyguard, der für seine Süße auch mordet. Dagegen bleibt Florence blass. Was soll sie auch machen, sie ist die Gute im Stück und das Gute schillert nie so facettenreich wie der Gegenpart. Das muss auch der Autor so gesehen haben, denn rasanter sind definitiv die Szenen mit den Teufelsschwestern. Dunbar selbst ist gebeutelt, unter Medikamenteneinfluss und verstört von den Ereignissen. Ein armer, alter Mann, dessen Welt zerplatzt ist und der nun versucht,die Scherben zu finden.
St Aubyn ist trotz aller Modernisierungen und Anpassungen recht nah am Stoff geblieben, der Fokus bleibt auf der Familie, darauf, was Macht in den falschen Händen ausrichten kann und wie man gerade denen besonders gut weh tun kann, die einem am nächsten sein sollten, zeigt aber auch die Leere, die diejenigen erfüllt, die Macht besessen und verloren haben.

„Dunbar und seine Töchter“ ist sicherlich das Werk aus der Reihe, das am leichtesten zugänglich ist, für das man eigentlich keine Shakespeare-Kenntnisse braucht, weil es auch eigenständig funktioniert. Keine Werkanalyse, keine anstrengenden Monologe, keine mühsamen Adaptionsversuche. St Aubyn hat einen bösen Unterhaltungsroman über die Medienwelt zum Einen und dysfunktionale Familien zum Anderen geschrieben und ist damit wahrscheinlich sehr nah dran an Shakespeares Intentionen. Gutes Theater, das durch die Darsteller lebt, ohne aus dem Zylinder gezogene Kaninchen, dafür mit einer großen Portion menschlicher Abgründe. Leider allerdings auch mit ein paar Längen. Das Tempo, das das Duo Infernale vorlegt, können die restlichen Mitwirkenden nicht halten. Das ist schade, fällt im Gesamtverlauf aber gar nicht so sehr ins Gewicht.

Eine leichtfüssige Umsetzung eines schwerer wiegenden Themas, gute Unterhaltung und dafer definitiv lesenswert.

Ich danke dem Knaus Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Rezensionen zu dem Buch findet ihr hier:

LiteraturReich https://literaturreich.wordpress.com/2017/12/30/edward-st-aubyn-dunbar-und-seine-toechter/
BritLitScout https://britlitscout.wordpress.com/2017/11/20/king-lear-als-medienmogul/

 

Ehejahre

Licht und Zorn von Lauren Groff

Licht und Zorn

Lauren Groff

Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs

als tb erschienen im Februar 2018 im btb Verlag

ISBN 978-3-442-71550-3

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In ihrem Roman „Licht und Zorn“ zeigt Lauren Groff die hellen und schattigen Seiten der Ehe von Lotto und Mathilde. Die Beiden lernen sich auf dem College kennen und heiraten wenige Wochen später, gegen den Willen von Lottos Mutter, die ihm daraufhin jegliche finanzielle Unterstützung entzieht. Lotto versucht mehr schlecht als recht, sich als Schauspieler durchzusetzen, Mathilde verdient derweil den Lebensunterhalt. Als Lotto sich einen Namen als Dramatiker und Schriftsteller macht, wird es Mathildes Aufgabe, ihm den Rücken freizuhalten und das ganze „Drumherum“ zu leiten. Erzählt wird diese Geschichte einer Ehe zunächst ausschließlich aus Lottos Sicht. Lotto, der immer im Vordergrund steht, der Bewunderung braucht, um zu überleben, der aus seiner Frau eine Heilige macht, eine Ikone und der gar nicht merkt, wie sehr er von Mathilde abhängt und ihren Fähigkeiten, den Alltag zu managen.
Nach der Hälfte des Buches wechselt Groff in Mathildes Sicht und rollt die Geschichte neu auf. Und wir erleben, dass Mathilde ein eigenständiger Mensch ist, kein blasses Anhängsel von Lotto und ihm mehr als ebenbürtig.

Ein interessantes Konzept und auch eine durchaus interessante Umsetzung. Groff gelingt es, den Leser immer wieder zu überraschen, ihm zu zeigen, dass die Dinge keineswegs sein müssen, was sie zu sein scheinen; dass hinter dem strahlendsten Licht auch häufig das dichteste Dunkel herrscht. Es ist eine geschickte Idee, erst Lottos Teil ohne Unterbrechungen zu erzählen, dem Leser Zeit zu lassen, sich eine Meinung zu den Geschehnissen zu bilden, um dann mit Mathildes Part alles in Frage zu stellen…

Was diesem insgesamt sehr gelungenen Buch allerdings nicht geschadet hätte: ein paar Straffungen im Gesamtablauf. Es ist teilweise doch ermüdend, den Tiraden des selbstverliebten Lotto zu folgen. Und auch bei Mathilde wären ein paar Dramen weniger nicht ins Gewicht gefallen. So wurde mir manches zu breit ausgewälzt, ohne dass es dadurch neue Erkenntnisse oder Einblicke gegeben hätte. Das ist schade, schmälert es doch den Gesamteindruck dieses Buches erheblich und führte bei mir zu leichtem Unmut während der Lektüre.

Insgesamt bleibt „Licht und Zorn“ aber trotz der Längen ein wirklich lesenswertes Buch über die Abgründe einer Ehe, über Schein und Wahrheit und darüber, wie sehr man nur sieht, was man auch sehen möchte.

 

Ich danke dem btb Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Rezensionen zu diesem Roman findet ihr hier:

Die Buchblogger https://diebuchblogger.wordpress.com/2018/01/30/licht-und-zorn-lauren-groff/
Meine Literaturwelt https://meineliteraturwelt.wordpress.com/2017/05/08/zwei-menschen-eine-ehe-wie-ist-es-wirklich/
Buch-Haltung http://buch-haltung.com/lauren-groff-licht-und-zorn/

Prosperos Rache

Hexensaat von Margaret Atwood

Hexensaat

Margaret Atwood

erschienen 2017 im Knaus Verlag innerhalb der Hogarth Shakespeare-Reihe

ISBN 978-3-8135-0675-4

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Innerhalb der Hogarth Shakespeare-Reihe erscheinen Neubearbeitungen von Shakespeares Werken und zwar von international bekannten Autoren. So hat z.B. Anne Tyler „Der Widerspenstigen Zähmung“ ein neues Kleid verpasst oder Edward St Aubyn sich mit „König Lear“ auseinandergesetzt. Margaret Atwood, die Grande Dame der kanadischen Literatur, hat „Der Sturm“ gewählt.

„Der Sturm“ gilt als Shakespeares letztes Werk, von dem die Sage geht, der Zauberer Prospero sei er selbst, der am Ende seines Lebens den Zauberstab zerbricht und die Bücher vernichtet. Das ist begrenzt glaubwürdig, wenn man die vielen noch offenen Fragen in der Shakespeare-Forschung bedenkt, zu denen unter anderem die Frage zählt, wer eigentlich der Autor war, den wir Shakespeare nennen… Margaret Atwood hat es sich also definitiv nicht leicht gemacht mit der Wahl dieses Stückes. Für eine Komödie ist es zu tragisch, für eine Tragödie gibt es zu wenig Tote und das Ende ist zu freundlich, was ist es also?

Prospero, ehemals Herzog von Mailand, wird von seinem eigenen Bruder gestürzt und in einem lecken Boot im Meer ausgesetzt. Er erreicht in letzter Not eine Insel, auf der er zusammen mit seiner Tochter Miranda die kommenden Jahre verbringen wird. Und nun wird es kompliziert: es gibt dort Luftgeister, Göttinnen, Hexen, Trolle und den im Umgang etwas schwierigen Caliban. Der Zauberer Prospero schwingt sich zum Herrscher der Insel auf und schlußendlich gelingt es ihm sogar, Rache zu nehmen und seine Tochter geschickt zu verheiraten. Dafür braucht es viele Worte und Verwicklungen und so einiges an Personal.

Mrs Atwood verlegt die Geschichte auf eine moderne Insel, einen Ort, der mehr oder weniger abgeschlossen ist von der Aussenwelt, ein Männergefängnis. Dort probt der gealterte, ehemals berühmte Regisseur und Schauspieler Felix Phillips mit den Insassen für eine Aufführung von „Der Sturm“. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere als Leiter eines Theaterfestivals wurde er von seinem Freund und Mitarbeiter Tony betrogen und aus dem Amt entfernt. Er hat Rache geschworen und jetzt endlich scheint die Gelegenheit da zu sein…

Was für ein Kunstgriff! Die ursprüngliche Geschichte wird also quasi umrahmt von der Neubearbeitung. Und der Leser darf rätseln, wer nun in der Jetztzeit welchen Charakter des Stückes darstellt. Zeitgleich bekommen wir aber auch noch eine Stückanalyse frei Haus, da Felix mit den Strafgefangenen, und somit ja auch mit dem Leser, das Drama in seine Bestandteile zerlegt, um es für den ungebildeten Laien verständlich zu machen. Denn in einem Gefängnis sitzen ja nun meistens alles andere als gebildete Theaterkenner.

Natürlich muss man das Buch als das lesen, was es ist: eine Bearbeitung mit einem in groben Zügen vorgegebenen Inhalt. Es ist nicht zu vergleichen mit anderen Werken der Autorin, die besser durchkomponiert sind und prägnanter formuliert. Man sollte es als das sehen, was auch Margaret Atwood offensichtlich darin gesehen hat: einen riesengroßen Spass und eine Spielwiese für kreative Ideen. Sie hatte sicherlich nicht die Absicht, mit diesem Buch nobelpreiswürdige Lektüre abzuliefern. Sie hat sich ausprobiert, hat Raps im Shakespeare-Stil geschrieben, hat an den passenden Stellen Glitzerkonfetti verstreut und nicht jede Handlung auf ihre Wahrscheinlichkeit überprüft. Mir hat sie mit der Idee, dass während der Proben nur Schimpfwörter aus dem shakespeare’schen Original benutzt werden dürfen, viel Freude gemacht. Ich war im Übrigen überrascht, wie viele das Stück hergibt, aber das nur am Rande.

Ich finde, Margaret Atwood hat ihre Aufgabe sehr selbstbewusst erledigt, aber auch sehr achtungsvoll vor dem Werk des Mannes, den man Shakespeare nennt. Für einen Schriftsteller, egal wie berühmt, ist es nicht leicht, sich mit dieser Ikone zu messen. Eine Neubearbeitung muss, verglichen mit dem Original, mit großer Sicherheit abfallen. Sie hat sich also gar nicht erst auf einen Vergleich eingelassen, sondern eher eine Hommage geschrieben oder auch eine kleine Werkanalyse verpackt in einen Roman. Wer das vor Augen hat, kann mit diesem Buch zum einen viel Spass haben und zum anderen auch einiges über den Sturm lernen. Und ganz unabhängig davon, ob man diesen Roman nun als großen Wurf betrachtet oder nicht, kann Margaret Atwood hervorragend schreiben. Ubd damit, ich sage es ganz unverblümt, wird die Kritik, das Werk wäre zu oberflächlich und nicht aussagekräftig genug, zu Jammern auf hohem Niveau.

Daher meine Empfehlung: lesen, lernen, Spass haben.

 

Ich danke dem Knaus Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen

978-3-15-004394-3

Die Jüdin von Toledo

Franz Grillparzer

erschienen in der Universal-Bibliothek von Reclam

ISBN 978-3-15-004394-3

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Toledo, um 1195. Rahel, die schöne und verwöhnte Tochter Isaaks des Juden, trifft bei einem verbotenen Spaziergang in den königlichen Gärten auf Alfonso VIII, den König von Kastilien. Alfonso, dessen Ehe mit Eleonore von England von Pflichterfüllung geprägt ist, verfällt dem lebensfrohen Mädchen. Das erfreut Königin und Hofstaat naturgemäß recht wenig und sie schmieden verhängnisvolle Pläne.

München, 1846. Die schöne, aber halbseidene Tänzerin Lola Montez wird Geliebte König Ludwigs I. von Bayern. Nachdem sie für einigen Aufruhr gesorgt hatte, wurde sie 1848 des Landes verwiesen und floh in die Schweiz. Kurze Zeit später dankte der König ab.

Mit diesem Stück schlug Grillparzer sozusagen zwei Fliegen mit einer Klatsche. Als Bewunderer der spanischen Dramatiker, bearbeitete er Lope de Vegas Stück „Die Versöhnung des Königspaares und die Jüdin von Toledo – Los paces de los reyes y judia de Toledo“ von 1612 neu. Und er kommentierte unter der Hand die Ereignisse im bayrischen Königshaus. Denn obwohl das Stück erst 1872 posthum erstmalig aufgeführt wurde, war es schon um 1855 entstanden, also relativ kurz nach der weitreichenden Affaire.

Es macht tatsächlich Sinn, die geschichtlichen Geschehnisse im Hinterkopf zu haben, wenn man „Die Jüdin“ liest. Denn als alleinstehendes Drama ist sie doch recht blass. Der König ist schwach, Rahel eitel und naiv, Isaak den Vorstellungen der Zeit entsprechend kriecherisch, aber geldgierig. Und die einzige Figur mit Ausstrahlung und Gedankenweite, Rahels Schwester Esther, ist eine Nebenrolle, der allerdings die Endworte gegönnt sind.

Eine interessante Analyse des Trauerspiels bietet Wolfgang Paulsens Nachwort. Hier erzählt er über Grillparzers Sicht des Dramas, über die Wahl der Versform, über die Entwicklung der Charaktere. Ich muss gestehen, ich fand das Nachwort spannender als das Stück selbst.

Darf man das als Laie schreiben? Ich denke, man darf. Denn ein Theaterstück soll für den Zuschauer wirken und nicht nur für den studierten Theaterwissenschaftler. Wobei die Wirkung auf der Bühne belebter sein kann. Rein gelesen war „Die Jüdin von Toledo“ für mich, wie schon erwähnt, blass.

Schicksalsdrama

978-3-15-004377-6

Die Ahnfrau

Franz Grillparzer

erstmals erschienen 1817, heutzutage u.a. bei Reclam erhältlich

ISBN 978-3-15-004377-6

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Franz Grillparzer, österreichischer Dichter des 19. Jahrhunderts, legte mit „Die Ahnfrau“ sein erstes Drama vor, ein sogenanntes Schicksalsdrama. Was heisst das nun: „Schicksalsdrama“?

Im Grunde ist das einfach zu verstehen. Der Kuchen verbrennt. Egal, wie sorgsam Sie den Ofen eingestellt haben, egal, wie sehr Sie ihr Backwerk bewachen, der Kuchen verbrennt. Und sollten Sie ihn triumphierend, weil vorausschauend, rechtzeitig aus dem Ofen genommen haben, dann geht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Ihre Küche in Flammen auf. Der Kuchen kann seinem Schicksal nicht entkommen und alles, und jeder, das oder der seinen Weg kreuzt, gerät in Gefahr.

In diesem Falle ist der Kuchen das Geschlecht der Borotins. Durch ein Vergehen der titelgebenden Ahnfrau verflucht, leben die Nachkommen sozusagen auf ihr Ende hin, die Auslöschung. Denn erst, wenn der letzte Borotin gegangen ist, ist der Ahnfrau die letzte Ruhe vergönnt. Bis dahin ist allerdings mit reichlich Verwicklungen zu rechnen.

Erfreulicherweise hält Grillparzer sich an die drei aristotelischen Einheiten, betreffend Handlung, Zeit und Ort. Die Handlung ist geschlossen, hat Anfang, Mitte und Ende und ist nicht als Fortsetzungsgeschichte geplant. Die Zeit ist überschaubar, in diesem Falle eine Nacht, und der Ort ist gleichbleibend, die Burg der Borotins mit angeschlossener Kapelle. Selbst das Personal ist nicht sonderlich zahlreich, als da wären Graf Borotin, seine Tochter Berta, ihre heimliche Liebe Jaromir, dessen Vater Boleslav, der Kastellan Günther, ein Hauptmann nebst Soldat und natürlich die Ahnfrau.

In der Burghalle sitzen Vater und Tochter bei trautem Gespräche zusammen. Der Graf erläutert seiner Tochter (und somit eigentlich dem Publikum, die Tochter dürfte das Ganze schon hunderte Male gehört haben) die Familiengeschichte mitsamt Vergehen der Ahnfrau und Verlust des eigenen Sohnes, der im Alter von drei Jahren spurlos verschwand und vermutlich im nahen Weiher ertrank. Zwischendurch verläßt Berta kurz den Raum, was der Ahnfrau ein kleines, gruseliges Zwischenspiel ermöglicht, sieht sie Berta doch zum Verwechseln ähnlich. Wer es bis jetzt noch nicht erkannt hat, die Dame ist ein Geist und wandelt des Nachts durch die Gänge.

Wenig später klopft der von Räubern verfolgte Jaromir ans Tor und wird sogleich als gewünschter Schwiegersohn dem Grafen ans Herz gelegt. Der hat nichts dagegen und wenn wir nicht in einem Drama wären, könnte nun alles ein wunderbares Ende nehmen. Nimmt es aber nicht. Erst gehen wir noch auf Räuberjagd, spielen ein wenig „Vater, wechsle Dich“ und zum Schluß sind erwartungsgemäß alle Borotins dahin und das Hausgespenst geht zur letzten Ruh‘.

Was heute der Thriller ist, war damals das Drama. Eine spannende Geschichte, ein wenig Blut und/oder Gemetzel, eine hübsche Blonde, ein etwas angestoßener Held, Action, Kämpfe, Schwerter und für das gruselige Gefühl gerne auch ein paar Geister, falls gerade vorhanden, das lockte die Menschen ins Theater. Und zu recht. Denn was sich als Text bisweilen etwas amüsant liest, entfaltet auf der Theaterbühne, entsprechende Schauspieler vorausgesetzt, seine ganz eigene Kraft. Und ist auch heute noch packend. Denn in der Erfindung von überraschenden Wendungen, Finten und falsch gelegten Fährten waren viele Dramatiker Meister. Und die oben erwähnten Einheiten machen den Stoff sehr dicht. Alles passiert sehr zeitnah, sehr gleichzeitig und jeder Faden muss im Stück noch aufgerollt werden.

Wenn man bedenkt, dass dieses Stück ein Erstling ist, dann zeigt sich hier schon Grillparzers Gespür fürs Theatralische. Und, ich muss es gestehen, obwohl es sich um ein Trauerspiel handelt, hatte ich doch meinen Spass daran zu sehen, wie die Handlung vorangetrieben wird, sich zuspitzt und wie nah dem Ende noch ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert wird. Es mag bessere Dramen geben, aber lesenswert ist dieses in jedem Falle auch. Und sollte ich tatsächlich eine Aufführung in erreichbarer Nähe entdecken, würde ich nicht zögern, diese zu besuchen.