Ein Portrait

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Ein Bild von Lydia

Lukas Hartmann

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-07012-5

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Lukas Hartmann folgt in seinem Roman den Spuren von Lydia Welti-Escher und Karl Stauffer-Bern. Letzterer ist ein anerkannter Künstler, Lehrer u.a. von Käthe Kollwitz, als er über ihren Mann Emil Welti in Kontakt mit Lydia Welti-Escher kommt. Die Tochter des Eisenbahnkönigs Alfred Escher gilt zeitweise als reichste Frau der Schweiz, ist gebildet, mehrsprachig und sehr kunstinteressiert.
Stauffer bekommt den Auftrag, ein Portrait von ihr zu malen. Dabei werden wohl erste zarte Bande geknüpft, so dass die beiden bei einem späteren Florenzaufenthalt des Ehepaars nach Rom fliehen, um dort zusammen zu leben.
Spätestens an dieser Stelle ist es notwendig, eine Jahreszahl einzuschieben. 1889. Zu diesem Zeitpunkt sind Emanzipation und Frauenrechte unbekannte Begriffe. Und der Umgang mit ungehorsamen Ehefrauen ist rigide. Emil Welti, Sohn eines hohen Politikers, fürchtet den Skandal und ergreift dementsprechende Maßnahmen. Er lässt seine Frau in ein Irrenhaus sperren und Stauffer wegen der Vergewaltigung einer Geisteskranken verhaften.

Das Ganze geht nicht gut aus. Und damit verrate ich nicht zuviel, denn die Lebensgeschichten von Lydia Welti-Escher und Karl Stauffer sind problemlos recherchierbar und nachzulesen. Was diesen Roman von einer reinen Nacherzählung unterscheidet, ist der Blickwinkel. Hartmann erzählt aus der Sicht des Kammermädchens Marie Louise Gaugler, auch sie eine historisch verbriefte Person, die als Fünfzehnjährige im Haushalt der Weltis angestellt wird und Lydia Welti-Escher bis zum Ende beiseite steht. Louise ist sehr nah dran an den Geschehnissen, aber eben nicht selbst betroffen, was Nähe und Abstand zugleich erlaubt.

Lukas Hartmann schreibt schnörkellos, unausweichlich und doch mit Mitgefühl. Es gibt keine reißerischen Momente, keine Skandalausschlachtung, obwohl da doch ein Leben auf die Schlachtbank geführt wird. Es ist beklemmend zu lesen, wie einfach es damals gewesen ist, sich seiner unpassend gewordenen Ehefrau zu entledigen. Wie schnell selbst eine gebildete Frau der oberen Kreise entmündigt, geschieden, ihres Vermögens beraubt, gesellschaftlich geächtet, quasi zum Gashahn getrieben wird. Sie hat gefehlt, falsch geliebt, Gnade gibt es nicht.

Ein hervorragendes Portrait der Belle Epoque, trefflich geschrieben und recherchiert. Ein Roman, der mir intensiver als jeder Krimi, eine andauernde Gänsehaut bereitet hat. Und der zeigt, warum festgeschriebene, gesetzlich verankerte Frauenrechte ein zu schützendes Gut sind und die Gleichstellung der Frau keine zu belächelnde Forderung. Denn die 130 Jahre von damals bis heute sind geschichtlich gesehen ein Katzensprung…

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Leseeindrücke:

Buch und Bücher https://daswortzumbuch.wordpress.com/2018/05/01/die-schweizerische-effi-briest-hiess-lydia/

Feinsinniges Debüt

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Leinsee

Anne Reinecke

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-07014-9

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Mit zehn Jahren wird Karl in ein Internat gebracht. Sein Eltern, ein berühmtes Künstlerpaar, möchten ihm „ein normales Leben ermöglichen“, „einen eigenen Weg außerhalb ihrer Berühmtheit.“ Im Grunde schieben sie ihn aber schlicht ab, weil die Verpflichtung sich um ein Kind zu kümmern sie von der künstlerischen Arbeit abhält. Im Leben des Ehepaars Stiegenhauer ist nur Raum für die Liebe zueinander und die gemeinsame Kunst.
Zwanzig Jahre später reist Karl, inzwischen selbst ein bekannter, aber ins Mittelmaß abrutschender Künstler, zurück nach Leinsee, den Ort, wo er seine Kindheit verbracht hat und wo die Eltern weiterhin gewohnt haben. Seine Mutter liegt unheilbar krank im Krankenhaus, der Vater hat sich daraufhin das Leben genommen. Karl muss sich seinen Erinnerungen stellen und nun tatsächlich einen eigenen Weg finden, sein Leben zu gestalten. Unerwartete Hilfe findet er bei der achtjährigen Tanja, deren unbekümmerte Lebensfreude und Neugier verschlossene Türen öffnet.

„Leinsee“ ist der Debütroman Anne Reineckes, ein Debüt, das beeindruckt und auf weitere Arbeiten der Autorin hoffen lässt.
Feinsinnig und zugleich kraftvoll zeichnet sie Karls Weg, zeigt seine Wunden und Narben und scheut sich auch nicht, dabei an Grenzen gesellschaftlicher Norm zu rütteln. Ihm zur Seite stellt sie Tanja, Elfe und Kobold zugleich, nicht wirklich greifbar, aber spürbar anwesend und Karls Denken vereinnahmend.
Mit scheinbar müheloser Hand malt Anne Reinecke Szenen, weiß, was und wen sie ins Licht stellt, oder wo sie lieber nur andeutet. Sie scheut sich auch nicht zur Karikatur zu greifen, wenn es denn nötig ist, wie geschehen bei „Buddy Holly“, dem Assistenten der Eltern. Und so ist ein, trotz der Ernsthaftigkeit der Themen, schwereloser und luftiger Roman entstanden, ein Aquarell eines Lebenswegs.
Eine ganz besondere Freude waren für mich die Kapitelüberschriften. Eine Farbpalette von „Teichgrün“ über „Gottweiß“ und „Salamirot“ bis zu „Klirrsilbern“ gibt die Stimmung des Kommenden vor oder Erinnerungen eine Farbe. Ein weiteres Zeichen dafür, wie sorgsam dieser Roman komponiert, wie sehr auf Details geachtet wurde.

Ein Künstlerroman, eine Liebesgeschichte, eine Erzählung über Selbstfindung und Vergangenheitsbewältigung, dabei nie überladen und ohne Längen, und daher ein wirklich rundum gelungenes Buch.

Herzlichen Dank an den Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Rezensionen zu diesem Buch:

Buchsichten http://www.buchsichten.de/2018/02/rezension-ingrid-leinsee-von-anne.html
Alues Bücherparadies https://aluesbuecherparadies.wordpress.com/2018/02/28/rezension-leinsee-von-anne-reinecke/