Gallowglass

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Liebesbeweise
Barbara Vine
Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann
erschienen am 20. März 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-24493-9

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„Gallowglass“ ist der Originaltitel dieses Romans von Barbara Vine alias Ruth Rendell, der englischen Queen of Crime. „Gallowglass“ kommt vom gälischen „gallóglach“ und bedeutet in etwa Söldner, Vasall. Genauer bezeichnet man damit schottische Krieger, die für irische Könige im Mittelalter als Leibwache, aber auch Handlanger arbeiteten und aufgrund ihres Status als Landesfremde nicht durch persönliche Bande gehemmt und somit als ihrem Herrn treu ergeben betrachtet wurden.

„Ich wußte jetzt, was ich war, was er in mir sah. Einen Gallowglass, den Gefolgsmann seines obersten Dienstherrn.“

Sandor bewahrt Klein-Joe davor, sich vor eine Londoner U-Bahn zu werfen. Er nimmt den depressiven jungen Mann auf und behauptet, sein Leben gehöre nun ihm. Schnell sieht Klein-Joe in Sandor Elternersatz, Lehrer und Befehlsgeber. Aber Sandor plant ein Verbrechen und Klein-Joe soll ihm dabei helfen…

Wer nun einen blutigen, nervenzerfetzenden Thriller erwartet, möge sich lieber bei den skandinavischen Thrillerautoren umsehen. Denn Barbara Vine entwickelt ihren Plot in aller Ruhe. Dabei lässt sie sich immer wieder in die Karten sehen, man meint schon vorauszuahnen, was passieren wird, aber schlußendlich ist es dann immer doch ein wenig anders als gedacht. Fast gemächlich entfaltet sich das Szenario, größtenteils beschrieben von Klein-Joe, der, man merkt es zügig, nicht die hellste Kerze am Baum ist. Während jener noch unsicher durch die Lande tappst, sieht der Leser das Unheil schon kommen, langsam und unaufhaltsam. Barbara Vine läßt sich Zeit. Zeit für ihre Figuren und deren Geschichte, Zeit für den Handlungsverlauf, Zeit für die Beschreibung der Spielorte. Das ist heute so nicht mehr üblich. Aber zum einen ist der Roman von 1990, also fast dreißig Jahre alt, damals liefen die Uhren irgendwie noch langsamer, und zum anderen schreibt sie so gekonnt und elegant, dass man einen schnelleren Handlungsverlauf gar nicht vermisst. Fast bin ich geneigt, in diesem Falle von „herrlich altmodisch“ zu sprechen. Denn ich schätze diese unblutige Eleganz, die Fähigkeit, bedrohliche Situationen subtil und ohne Kettensäge aufzubauen sehr. Ich möchte mich nach dem Lesen nämlich gar nicht alptraumgeplagt im Bett wälzen, mir reicht der leichte Schauer und die Gänsehaut während der Lektüre völlig aus.
Ein wenig lebendigere Charaktere hätte ich mir gewünscht und einen etwas glaubhafteren Schluß, aber insgesamt habe ich diesen Roman mit Vergnügen gelesen.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Schach

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Ein Kampf
Patrick Süskind
Illustriert von Sempé
erschienen am 20. März 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07011-8

Im lokalen Buchhandel erhältlich.

 

Für mich zählt Patrick Süskind zu den herausragenden Schriftstellern deutschsprachiger Literatur. Egal, ob Theater (Der Kontrabass), Roman (Das Parfum) oder wie hier, eine Kurzgeschichte, sein Stil ist unverkennbar, ebenso elegant wie präzise im Ausdruck.
„Ein Kampf“ erzählt von einem Schachspiel im Jardin du Luxembourg in Paris.
Und Schachspieler im Park sind in der Tat eine Geschichte wert. Mein Exmann verschwand jedes Wochenende über Stunden im Hamburger „Planten und Blomen“, mit dem Schachbrett unter dem Arm. Es trafen sich dort, zumindest zu meiner Zeit, ausschließlich Männer, die ihren eigenen Trojanischen Krieg zu führen schienen. Diejenigen, die gerade keinen Spielpartner hatten, standen dabei leise kommentierend drumherum. Männer, die sich im normalen Alltag nicht einmal angesehen hätten, verbrachten ihre Zeit miteinander. Ausschlaggebend für Anerkennung war nur überlegtes Spiel. Jeder Neuankömmling musste sich seinen Platz in der Gemeinschaft erst erkämpfen. Archaische Stammesrituale sozusagen.
In Süskinds Kurzgeschichte nun treffen ein Unbekannter und der Lokalmatador aufeinander. Aber es geht nicht nur um Schach, sondern auch um Gruppendynamik, Ehre und Moral.
Begleitet und untermalt wird der Text von den hinreissenden Zeichnungen Sempés. Da flanieren Menschen durch den Park, schwingen Schachfiguren das Schwert, schaukeln ältere Herren heimlich beglückt mit der Aktentasche noch im Arm…
Dieses Buch ist ein liebevoll gemachter kleiner Schatz. Ein wunderbares Geschenk für Schachspieler, Liebhaber städtischer Parkanlagen und natürlich für jeden Bücherfreund.

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar. Es war mir ein Fest!