Fünf Frauen

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Die Liebe im Ernstfall
Daniela Krien
erschienen am 27. Februar 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07053-8

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Über fünf Frauenleben erzählt Daniela Krien in ihrem neuen Roman.
Paula, geschieden und alleinerziehende Buchhändlerin, kann den Tod ihres zweiten Kindes nicht verwinden.
Judith, allein lebende Ärztin, sucht über Datingportale nach dem perfekten Match.
Brida, auch geschieden mit zwei Kindern, Schriftstellerin, möchte ihren Exmann zurück erobern.
Malika, Musiklehrerin, hat ihr Liebesleben auf eine Karte gesetzt und verloren.
Jorinde, Schauspielerin, hat aus Trotz geheiratet und möchte sich nun wieder trennen.

Unter den Buchbloggern wird dieser Roman wirklich bejubelt. Und Daniela Krien schreibt auch tatsächlich phantastisch. Einmal begonnen, mochte ich das Buch nicht mehr zur Seite legen.Die Sprache entwickelt einen eigenen Sog. Und das ist umso verwunderlicher, als der Inhalt mich zunehmend weniger packen konnte.
Fünf Frauen, fünf Leben, alle miteinander irgendwie verwoben, Freundinnen, Rivalinnen, Nachfolgerinnen. Und alle kreiseln sie um Liebe, Partnerschaft, Männer.
Paula verliert sich fast selbst für ihren Mann und seine sehr einseitige Weltsicht. Judith sucht den Einen, möchte dafür aber nichts aufgeben. Brida ist fixiert auf ihren Mann, wie auch Malika, ihre Vorgängerin. Und Jorinde hat es schwer, Beruf und Kinder zu vereinbaren.
Alle Frauen sind an der Liebe gescheitert. Das, was im besten Falle ein Leben lang halten sollte, ist zerbrochen. Hier findet man die starken Teile des Romans, in den Beschreibungen der Frauen und ihrer Versuche, sich wieder ans Licht zu kämpfen.
Wenn es allerdings um die Männer geht, dann strauchelt Daniela Krien. Zumindest für mich.
Da ist Ludger, Paulas Mann, ein Ekel erster Güte. Rechthaberisch, unsensibel, rücksichtslos. Wenzel, Paulas nächste feste Beziehung, dagegen ist die Fürsorge in Person. Und scheinbar braucht Paula einen Mann, damit es ihr besser geht.
Dann Götz, dieser schiere Wundermann. Charismatisch, gut aussehend, zärtlich, treu, familienbezogen. Seltsam nur, dass dieser Märchenprinz rücksichtslos seine Frauen verläßt, sobald sich ein neues Abenteuer anbahnt. Dabei aber problemlos die Neue mit der Alten betrügt, wenn es sich gerade so ergibt. Ist Daniela Krien nicht aufgefallen, wie unsensibel gerade dieser Mann geraten ist? Oder soll das so sein?
Torben, Jorindes Mann, hat den Moment verpasst, wo er hätte erwachsen werden müssen. Er ist wie ein großes Kind, extrem in seinen Ansichten und nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen.
Während die Frauen Personen sind, sind die Männer des Romans Schablonen. Der Selbstgerechte, der Superheld, der Egoist…
Auffallend ist, dass die Männer durchgängig ihre Schritte selbst bestimmen. Es sind die Frauen, die sich anpassen, zurückstecken, aufgeben. Die Männer haben bestimmte Ansichten zum Leben, die Frauen akzeptieren das.
Ganz extrem bei Malika, für die Götz ein wahrer Himmelsbote ist, Garant für ein seliges Leben als Mutter und Ehefrau. Und die nach seinem Weggang ihre Träume aufgibt. Denn noch so ein egozentrisches A…, Verzeihung, so einen wunderbaren Mann wird sie nie wieder finden.
Sind Frauen wirklich so? So abhängig, so unselbständig? Oder so hart, wenn sie denn erfolgreich sind? Und sind wir denn wirklich alle nur darauf erpicht, den richtigen Kerl nach Hause zu tragen, um dann mit Kindern und Haustieren glücklich gen Sonnenuntergang zu schielen?
Schlußendlich verliert sich für mich irgendwann der rote Faden. Die Geschichte beginnt irgendwo und endet nirgendwo. Wir blicken auf einen Lebensausschnitt jeder Frau und … Ende. Das ist mir irgendwie zu wenig.
Der Roman ist hervorragend geschrieben, aber mit der Umsetzung des Themas werde ich leider nicht warm. Da es jedoch allen anderen Leserinnen anders zu gehen scheint, mag das auch an meiner ganz persönlichen Weltsicht liegen.

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen dieses Romans:

Zeilentänzer https://zeilentaenzer.blog/2019/02/27/die-liebe-im-ernstfall/
Studierenichtdeinleben https://studierenichtdeinleben.wordpress.com/2019/02/28/rezension-die-liebe-im-ernstfall-daniela-krien/
Buchstabenfaengerin https://buchstabenfaengerin.wordpress.com/2019/02/27/frisch-rezensiert-die-liebe-im-ernstfall-von-daniela-krien/
Nacht und Tag https://nachtundtag.blog/2019/02/26/meisterhafte-beschreibungen-der-liebe/

Wenn der Teufel regiert

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Kind ohne Namen

Christoph Poschenrieder

am 24.10.2018 als tb erschienen im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-24448-9

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Ich habe den Herrn Poschenrieder aus den Augen verloren. Ich weiß gar nicht warum, denn sein Debüt „Die Welt ist im Kopf“ hat mich damals wirklich sehr begeistert. Dafür weiß ich nun, dass mir das ganz bestimmt nicht noch einmal passiert, denn auch der Roman „Kind ohne Namen“ hat mich in weiten Teilen überzeugt.
Die Literaturstudentin Xenia kommt zurück in ihr Heimatdorf, zu ihrer Mutter, der ehemaligen Bürgermeisterin, die sich immer noch für Dorf und Dörfler verantwortlich fühlt, und ihrem Bruder, dessen rechtsextreme Meinungen sie nur schwer erträgt. Der Grund für ihre Rückkehr ist eine uneheliche Schwangerschaft, die aber noch nicht sichtbar ist und von der auch noch niemand weiß.
Großes Dorfthema sind die Flüchtlinge, die in der ehemaligen Schule untergebracht werden. Xenia und ihre Mutter heißen sie willkommen, der Rest des Dorfes pöbelt dagegen oder hält sich bedeckt. Ausschreitungen werden nur durch den „Burgherren“ verhindert, der tatsächlich in einer Burg wohnt, die über dem Dorf thront. Beobachtet vom Verfassungsschutz unterhält er heimlich paramilitärische Truppen, lässt sich wenig in die Karten gucken, hat aber scheinbar nahezu alle Dorfbewohner im Griff. Als Preis für seine Hilfe verlangt er das nächste neugeborene ungetaufte Kind…

Was zunächst wie eine literarische Bearbeitung des Flüchtlingsthemas wirkt, entwickelt bald schon märchenhafte Züge. Poschenrieder hat Motive einer Novelle von Jeremias Gotthelf aus dem Jahre 1842 eingebaut: „Die schwarze Spinne“. Dort verlangt der Teufel für eine Hilfeleistung ebenfalls ein ungetauftes Baby und als ihm dieses mehrfach verweigert wird, überschwemmt eine Flut giftiger schwarzer Spinnen das Dorf.
Mit dieser Verknüpfung hat der Autor es sich nicht leicht gemacht. Es hilft bei der Lektüre, die Novelle gelesen zu haben oder wenigstens ihren Inhalt zu kennen, um die fein ausgearbeiteten Parallelen würdigen zu können. Der Text funktioniert auch komplett ohne Vorkenntnisse, aber die Abfolge der Ereignisse wird logischer mit ein wenig Vorwissen.
Damit ist der Roman indessen zum einen hochaktuell, weil er die Flüchtlingsunterbringung in deutschen Gemeinden und die Reaktion darauf klug analysiert und zum anderen eine literarische Spielerei, weil das aktuelle Geschehen wie eine Folie über die ältere Novelle gelegt wird.
Zum dritten aber ist er ein deutliches Statement gegen Ausländerhass, nationalsozialistisches Gedankengut und andere Teufelsideen, von denen man sich dringend wünscht, dass sie in das Loch zurückkehren, aus dem sie gekommen sind. Sinnbild dafür sind die Spinnen, die plötzlich überall auftauchen und ihr Gift verbreiten.
Mein persönlicher Eindruck ist, dass Poschenrieder mit all dem ein bisschen zuviel für einen einzigen Roman erstrebt hat. Bisweilen ist mir der Text ein wenig zu überladen bzw aufgeladen mit Bedeutung. Das ist aber Jammern auf ganz hohem Niveau. Schlußendlich kann man diesen Roman schon aufgrund seiner Aussage gar nicht oft genug empfehlen und das selbst literarisch Anspruchsvollen, zählt Poschenrieder doch definitiv zur Riege der besten deutschsprachigen Schriftsteller. Also lautet meine Empfehlung: lesen, verschenken, weiter verbreiten und hoffen, dass die Lektüre ein paar Menschen zum Nachdenken und Überdenken festgefahrener Meinungen bringt. Für eine friedvollere Zukunft. (Und eine ohne schwarze Spinnen, bitte.)

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

letteratura https://letteraturablog.wordpress.com/2018/03/04/die-fremde-christoph-poschenrieder-kind-ohne-namen/

„Ich hab alles erlebt.“

42793

Der Gott jenes Sommers

Ralf Rothmann

erschienen 2018 im Suhrkamp Verlag

ISBN 978-3-518-42793-4

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In letzter Zeit sind ein Reihe hervorragender Romane erschienen, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg bzw dem Leben im Nationalsozialismus beschäftigen und zwar aus deutscher Sicht. Ich finde das sehr gut und richtig so, denn nur, wenn man sich erinnert, wenn aus „den Deutschen“ Einzelschicksale werden, wenn Menschen agieren und nicht eine anonyme Masse, kann man das Geschehene verarbeiten und einen persönlichen Bezug herstellen. Und das ist gerade für die heutigen Generationen immens wichtig, herrscht doch in den meisten Familien immer noch betretenes Schweigen darüber, was Großvater oder Großmutter wohl zu der Zeit getan haben, gibt es zwar Zahlen- und Zeittafeln im Geschichtsunterricht, aber nur selten die Frage, wie ist es in meinem Heimatort gewesen, was genau ist da eigentlich passiert.
Ralf Rothmann nun hat so einen Roman geschrieben, der nicht im Nirgendwo spielt, sondern auf dem Lande in der Nähe von Kiel. Dorthin flüchtet die zwölfjährige Lisa mit Mutter und Schwester 1945 aus der zerbombten Stadt. Dort ist das Gut ihres Schwagers Vinzent, eines SS-Offiziers, wo sie unterschlüpfen dürfen. Und dort lässt Rothmann auf engstem Raum mit kleinem Personal ein fast klassisches Drama entstehen.
Während Lisa sich das erste Mal verliebt, beginnt ihre lebenslustige Schwester eine Affaire mit Vinzent, die die Familie letztendlich in den Abgrund reißen wird. Und so kann Lisa am Ende des Krieges sagen „ich hab alles erlebt“. Und überlebt.
Der Autor zeigt, wie Hass und Eifersucht Familienbande zerstören, wie ideologischer Glaube und die Macht zur Willkür jegliche Moral vernichten. Wenn man ein überzeugter Herrenmensch ist, dann fehlt jegliches menschliche Maß, dann steht man über der Menschlichkeit, bietet sich die Möglichkeit zu hemmungslosem Machtmißbrauch, denn die anderen haben es ja nicht besser verdient.
Wie die Hitlergetreuen damals alle menschlichen Werte untergraben haben, eine Atmosphäre von Angst und Denunziation geschaffen haben, das zeigt dieser Roman sehr leise und trotzdem unglaublich eindrücklich. Man sieht das Große im Kleinen, die Abläufe in Deutschland anhand einer Stadt, eines Dorfes, eines Gutes, einer Familie unter der Lupe. Wie man eben plötzlich der eigenen Tochter, Schwester, dem Schwager, Schwiegersohn nicht mehr trauen kann und wie schleichend diese Machtverhältnisse sich verlagert haben. Man sieht aber auch, wie sehr die Menschen versucht haben, sich den Alltag zu erhalten, ein Stück Normalität.
In der heutigen Zeit und besonders nach den Ereignissen in Chemnitz, wünsche ich diesem Roman viele Leser. Leser, die mit der Lektüre begreifen, dass diese Atmosphäre doch wirklich nichts sein kann, was man sich für sich und sein Land erneut wünschen kann. Die erkennen, dass Menschlichkeit eines unserer höchsten Güter ist.

 

Weitere Besprechungen dieses Romans:

buchrevier https://buchrevier.com/2018/07/20/ralf-rothmann-der-gott-jenes-sommers/
literaturleuchtet https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/07/20/ralf-rothmann-der-gott-jenes-sommers-suhrkamp-verlag/
LiteraturReich https://literaturreich.wordpress.com/2018/06/12/ralf-rothmann-der-gott-jenes-sommers/

Denk ich an Deutschland in der Nacht…

Ein Garten im Norden von Michael Kleeberg

Ein Garten im Norden

Michael Kleeberg

erschienen 2018 im Penguin Verlag

ISBN 978-3-328-10314-1

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Ein echter Backstein von einem Roman, dick, sperrig und deutschen Traditionen folgend. Selten war ich so froh, ein Buch zuklappen zu dürfen. Meine Bildung reichte definitiv nicht aus, um sämtlichen Verästelungen, Andeutungen und Querverweisen zu folgen. Das war wohl so auch nicht ganz ungewollt. Daher bitteschön, einmal laut für alle: Herr Kleeberg ist ein ungeheuer weitläufig gebildeter Mensch (oder gut im Recherchieren). Dieses Protzen mit Wissen ist ja auch etwas sehr Deutsches, nach dem Motto, ein Buch ist dann erst hohe Literatur, wenn das Gros der Leser daran verzweifelt. Nun bin ich nicht das Gros der Leser, aber immerhin verzweifelt.
Worum geht es? Um Deutschland, deutsche Geschichte, deutsche Befindlichkeiten. Da wäre Albert Klein, Wäregern-Schriftsteller, lange im Ausland gelebt, im Heineschen Exil quasi, der nach dem Selbstmord seiner französischen Frau bei den Eltern in Hamburg unterkriecht. Nicht ohne selbstmitleidiges Genörgel darüber, wie schön es doch anderswo wäre. Selbiger Albert hat im hassgeliebten Deutschland noch eine unerledigte Liebe herumlaufen, die er neu zu aktivieren gedenkt. Warum, das bleibt mir schleierhaft, ich fand diese Bea schlicht unnötig anstrengend. Aber Geschmäcker sind ja bekanntlich unterschiedlich. Und weil das für einen Bildungsroman natürlich noch nicht ausreicht, verknüpft Kleeberg einen zweiten Strang mit einem gleichnamigen Protagonisten, Albert Klein im Doppelpack also, der rund um den Ersten und Zweiten Weltkrieg spielt. Zusammengehalten werden die Stränge durch einen geheimnisvollen tschechischen Antiquar, der Klein dem Jüngeren ein Buch zur Verfügung stellt, mit dem er an der Vergangenheit herumspielen kann.
Nun, was genau war eigentlich mein Problem? Der ein wenig blutleer geratene Part um Klein, den Bankier mit den Völkerverständigungsvisionen? Die Langeweile, wenn ausufernd Zusammenhänge erläutert wurden und belehrende Dialoge kein Ende nahmen? Der Part in der Neuzeit, der mich bisweilen an Schweighöfer-Komödien erinnert hat, aber weniger charmant? Die durchweg unsympathischen Personen der Jetztzeit? Der Antiquar, mit Hang zu besserwisserischen Kommentaren? Das alles zusammen natürlich, aber auch das Ende mit den vielen losen Fäden und der kleindeutschen statt der großdeutschen Lösung. Ein Stück Garten im Norden gerettet, den Rest mit Pauken und Trompeten vergeigt. Und wenn mich die Geschichte nicht doch stellenweise gepackt hätte,wäre dieser Roman wohl eines der wenigen von mir abgebrochenen Bücher gewesen. Aber es gibt sie, diese Stellen, die mich aufatmen und seitenweise Gartenbeschreibungen vergessen liessen. Nein, dieser Roman war leider nichts für mich. Aber jeder, der in der Kultur- und Geistesszene des beginnenden 20. Jahrhunderts fest im Sattel sitzt und somit die Anspielungen, verdeckt oder nicht, entdecken, einordnen und geniessen kann, der dürfte glücklicher werden mit dieser Lektüre als ich. Es sei ihm gegönnt.

Ich danke dem Penguin Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Der Titel entstammt Heinrich Heines „Nachtgedanken“.