Unweit von Bagdad

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Babel
Kenah Cusanit
erschienen am 28.01.2019 im Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-26165-5

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1913. Robert Koldewey leitet die Ausgrabung Babylons und leidet an einer Blinddarmentzündung. Das ist, sehr knapp formuliert, der Inhalt des Debütromans von Kenah Cusanit. Die Altorientalistin legt mit ihrem ersten Roman ein sprachliches Meisterwerk vor. Selten habe ich so sprachverliebte, wohlformulierte Sätze gelesen. Dennoch, der Funke springt nicht über. Schon nach kurzer Zeit habe ich das Gefühl, Cusanit schreibt für einen exklusiven Menschenschlag, den Archäologie studiert habenden Leser. Minutiös breitet sie Koldeweys Handlungen vor uns aus, mit der Geduld, die wohl auch von Nöten ist, will man dem Boden historische Schätze entreissen. Mir wird der Text dadurch jedoch zu langatmig, kurz, er überfordert mich.
Die Überraschung: lautes Vorlesen hilft, den feinen Humor zu erkennen, den Faden zu behalten und mich nicht im Wortgewirr zu verlieren (da gewinnt der Titel noch eine ganz andere Bedeutung). Aber auch mein Mann winkt nach kurzer Zeit ab, dabei ist er deutlich geschichtsinteressierter als ich. Also kämpfe ich einsam weiter, hoffe auf Zugang, scheitere.
Mein Fazit: „Babel“ ist ein unglaublich sprachverliebter Text, fast schon zu durchformuliert. Cusanit schreibt sichtlich nicht für den Leser, sie schreibt eine Gesamtkomposition, in der jedes Wort sorgsam ausgewählt wurde. Und das ist tatsächlich auch der Grund, warum ich nicht aufgegeben habe. In diesem Roman finden sich großartige Sätze, Abschnitte. Da rückt der Inhalt tatsächlich in den Hintergrund.
Wahrscheinlich ist es Jammern auf ganz hohem Niveau, aber ich vermisse trotzdem eine gewisse Lebendigkeit zwischen den funkelnden Wortjuwelen. Und dann: eine Blinddarmentzündung bleibt eben eine Blinddarmentzündung, egal wie nett man sie beschreibt. Und 267 Seiten Blinddarm sind mir dann doch zuviel.

Weitere Besprechungen zu diesem Roman:

Die letzten kritischen Leser https://kritischeleser.wordpress.com/2019/03/12/babel/

 

Mosaikteilchen

Sofia traegt immer Schwarz von Paolo Cognetti

Sofia trägt immer schwarz

Paolo Cognetti

Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt

erschienen am 24.09.2018 im Penguin Verlag

ISBN 978-3-328-60027-5

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Paolo Cognettis Roman „Acht Berge“ über eine Männerfreundschaft war im letzten Jahr gefühlt eines der meisterwähnten Bücher in den digitalen Medien. Nun bringt der Penguin Verlag seinen 2012 erschienenen, laut Klappentext „vielfach ausgezeichneten“, Debütroman heraus, erstmals auf Deutsch. Warum erst jetzt, fragt man sich, wenn der Roman doch schon vor sechs Jahren eine so gute Aufnahme erfahren hat?
Meine Antwort darauf ist leider die Vermutung, dass man ihn damals, als der Bestsellerautor Cognetti noch der Erstlingsautor Cognetti war, übersehen haben muss oder ihn , oh Frevel, vielleicht gar nicht so spannend fand.
So ging es nämlich mir mit diesem Roman, der sich gar nicht wie einer anfühlt, eher wie eine Kurzgeschichtensammlung, die um das Thema „Sofia Muratore“ kreiselt. Selbige ist erst ein junges Mädchen, später eine junge Frau aus schwierigen Verhältnissen. Unglückliche Mutter, fremdgehender Vater, im Teenageralter versucht Sofia einen Selbstmord, wird nach dessen Mißlingen dann aber lieber Schauspielerin. Verschiedene Stimmen bekommen je ein Kapitel Zeit, eine Façette aus Sofias Leben und Umfeld zu erzählen, dabei springt der Text munter in der Zeit. Jedes Mal ist eine Neuorientierung auf seiten des Lesers erforderlich, näher kommt man Sofias Wesen dabei aber keinen Zentimeter. Die junge Frau bleibt, nein, nicht geheimnisvoll, sondern blass, und irgendwo in ihren Dreißigern bricht der Roman dann auch ab. Alternde Frauen sind scheinbar weniger interessant als junge magersüchtige vagabundierende Schönheiten. Vielleicht wollte Cognetti auch nicht schreiben über Altersarmut und Magengeschwüre, Falten und Gesichtsverlust.
Nun ist es nicht so, dass dieser Roman nicht lesenswert wäre, Bestsellerautoren kommen ja im Allgemeinen nicht talentlos daher und schon dieses Debüt zeigt, dass Cognetti mit Worten wunderschöne Bilder erschaffen kann. Und auch, wenn Sofia selbst blass bleibt, treten andere Gestalten in den Vordergrund: ihr Vater oder ihre Tante Marta zum Beispiel. Das schönste Kapitel ist für mich das, welches eine Kinderfreundschaft mit dem Sohn eines Arbeitskollegen von Sofias Vater zum Thema hat. Überhaupt hatte ich den Eindruck, dass der Autor sich in „Männerwelten“ wohler fühlt. Sei es nun der Junge, dessen Mutter im Sterben liegt oder Sofias Vater, dessen Fremdgehen mehr Verständnis erfährt als die Probleme der eher als nervig beschriebenen lebensunfähigen Mutter. Und Tante Marta, die Terroristin und Alleinlebende wäre auch als Onkel Eduardo durchgegangen.
Der Hauptgrund aber, weshalb ich mit diesem Roman so gar nicht warm geworden bin, ist ein Gefühl der Beliebigkeit, das sich recht schnell beim Lesen einstellte. Große Worte, schöne Formulierungen, feinsinnige Bilder, unausgesprochene Gefühle, Lug und Trug, Drama, Tragödie, alles vorhanden; kein Zweifel, das hier soll Kunst sein, soll besonders sein, und die dazugehörigen alten Fabrikhallen und der kunstbesessene ältere Liebhaber sind auch an Bord. Kein Klischee, das nicht Aufnahme gefunden hätte in diesem Strom ausgewogener Formulierungen. Nur echtes Gefühl, das habe ich persönlich vergebens gesucht.

Ich danke dem Penguin Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:
Buchstabenträumerei https://buchstabentraeumerei.wordpress.com/2018/10/16/sofia-traegt-immer-schwarz-von-paolo-cognetti-rezension/

John Cole

978-3-8479-0651-3-Perry-Nach-mir-die-Flut-org

Nach mir die Flut

Sarah Perry

Aus dem Englischen von Eva Bonné

erschienen 2018 im Eichborn Verlag

ISBN 978-3-8479-0651-3

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Nach dem großen Erfolg von Sarah Perrys Roman „Die Schlange von Essex“ im letzten Jahr, veröffentlicht der Eichborn Verlag nun den Debutroman der Britin „Nach mir die Flut“. Schon hier findet sich, was sie in der „Schlange“ zur Vollendung bringt: das Spiel mit Wahrheit und Schein, mit Realität und Mythen.
John Cole, ein ältlicher Buchhändler mit eher farblosem Leben, verirrt sich auf der Fahrt zu seinem Bruder im Wald und findet dort ein verfallenes Herrenhaus, dessen Bewohner auf ihn gewartet zu haben scheinen. Er wird freudig begrüßt und zu seinem Zimmer geführt, spürt aber sogleich die seltsame Atmosphäre, die Haus und Bewohner umgibt.
Für mich war dieser Anfang, dieser Teil, wo man überhaupt noch nicht wusste, in welche Richtung sich das Ganze entwickeln würde, tatsächlich der beste Part des Buches. Die Bewohner des Herrenhauses umgibt ein Geheimnis, die Stimmung ist leicht bedrohlich und sehr schnell fragt der Leser sich, wer oder was diese Bewohner eigentlich sind, was sie zusammen geführt hat und welche Pläne sie mit Cole haben.
Leider löst Perry dieses Geheimnis recht schnell auf, was ein kleines Spannungstief hervorruft, um dann aber ein kammerspielartiges Szenario aufzubauen, das in seiner Dichte und Eleganz beeindruckt. Und bei ihrem Erstling gefällt mir die Personenführung tatsächlich besser als bei der vielgerühmten „Schlange“. Trotz der Risse und Brüche in ihrem Wesen, handeln alle Personen in sich logisch und individuell nachvollziehbar. Die Handlung entwickelt einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Aufbau und Sprache ziehen den Leser mitten ins Geschehen, man liest wie unter einer Glasglocke, nach außen abgeschlossen.
Wer sucht, wird sicher Kritikpunkte finden: der Roman behandelt nichts Neues, das düstere Herrenhaus ist ein vielgenutzes Bild, die Abgeschlossenheit Grundidee sämtlicher britischen Krimis, aber das ändert alles nichts daran, dass Sarah Perry erzählen kann. Und auch wenn es in diesem Debutroman holprige Stellen gibt, auch wenn der Spannungsbogen nicht immer gehalten wird, ist nicht zu übersehen, dass die Autorin etwas von Konstruktion versteht. Wie auch von Satzbau: ihre filigranen, eleganten Formulierungen haben mich hier genauso wie bei der „Schlange“ beeindruckt.
Und daher habe ich diesen düsteren, ein wenig unheimlichen, viktorianisch anmutenden Roman wirklich gern gelesen, zumal er „schlanker“ ist als der Nachfolger, nicht so vollgepresst mit Wissen und überladen mit Bedeutung. Ich freue mich wirklich auf weitere Romane dieser Autorin und bin gespannt, wie sich ihr Stil weiterentwickelt.

Ich danke dem Eichborn Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.