Lady Fox

Dame zu Fuchs von David Garnett

Dame zu Fuchs

David Garnett

übersetzt von Maja Hummitzsch

erschienen 2018 im btb-Verlag

ISBN 978-3-442-71557-2

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Der 1892 geborene David Garnett gehörte zur sogenannten Bloomsbury Group rund um Virginia Woolf, E.M. Forster und einige andere namhafte Autoren, Künstler und Wissenschaftler. Seine Buchhandlung Birrell & Garnett war zeitweise ein beliebter Treffpunkt für die Mitglieder dieses illustren Kreises.
„Dame zu Fuchs“, 1922 erschienen, war Garnetts erster schriftstellerischer Erfolg.

Die Tebricks sind ein frisch verheiratetes Ehepaar und wohnen gerade im ersten gemeinsamen Heim, als Lady Tebrick sich bei einem Spaziergang urplötzlich in eine Füchsin verwandelt.
Naturgemäß bringt eine solche Verwandlung Verwirrungen und Handlungsbedarf mit sich. Geheimhaltungsmaßnahmen werden getroffen, das Personal entlassen und so findet sich der verzweifelte Ehemann allein mit seiner Füchsin wieder, die immer mehr ihren nun tierischen Instinkten nachgibt.

Was man als puren Klamauk hätte inszenieren können, macht Garnett zu einer berührenden Geschichte über die Facetten der Liebe und gesellschaftliche Erwartungen. In urteilsfreiem, leichtem Plauderton erzählt er vom wachsenden Freiheitsdrang der Füchsin, den die Lady niemals offen hätte zeigen dürfen, von Jagdinstinkt und Essmanieren und davon, welche Veränderungen jemand aus Liebe, Einsamkeit und Verzweiflung bereit ist einzugehen, nahezu bis zur Selbstaufgabe.

Die Verwandlung selbst ist nicht der Schwerpunkt des Textes, sondern das, was sie nachfolgend auslöst. Es wird angedeutet, dass es so etwas in der Familie der Lady, gebürtige Fox, schon einmal gegeben haben könnte, beteuert, dass das Erzählte wahr und bewiesen ist und damit sind die Weichen gestellt, um sich auf die Folgen zu konzentrieren. Und die sind beträchtlich. Immer wieder die Frage: kann man jemanden zähmen und auf alte Charaktermerkmale festnageln? Wieviel Veränderung verträgt eine Ehe? Wieviel Freiheit sollte man bereit sein zu geben? Und darf man jemanden schützen, der den Schutz nicht wünscht?

Es freut mich sehr, dass diese feine Erzählung, in der großartigen Übersetzung von Maria Hummitzsch, ihren Weg wieder in die Buchläden findet. Es wäre wahrlich schade gewesen, wäre dieses Kleinod britischer Erzählkunst in Vergessenheit geraten.

Ich danke dem btb-Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Rezensionen zu diesem Buch findet ihr hier:

Vanessas Bücherecke https://vanessasbuecherecke.wordpress.com/2018/01/09/garnett-david-dame-zu-fuchs/
World of tination https://booksoftination.wordpress.com/2018/01/25/david-garnett-dame-zu-fuchs/

 

Eine Bootsfahrt, die ist lustig…

Drei Mann in einem Boot Ganz zu schweigen vom Hund von Jerome K Jerome

Drei Mann in einem Boot

Ganz zu schweigen vom Hund!

Jerome K. Jerome

erschienen 2017 bei Manesse

ISBN 978-3-7175-2440-3

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So darf das Neue Jahr gerne starten! Dieses 1889 erstmals erschienene Buch hat über die Jahre nichts an Charme und Frische verloren und ist noch genauso vergnüglich zu lesen, wie es wohl schon vor fast 130 Jahren der Fall war.

Drei überaus vom Leben erschöpfte Männer und ein überaus wasserscheuer Hund unternehmen eine erholsame zwölftägige Bootsfahrt auf der Themse. Das läuft natürlich nicht reibungslos ab: sie werden nass vom Regen und nass vom Fluss, die Nahrungsbeschaffung und -zubereitung stellt sie vor schier unlösbare Probleme und der Frieden an Bord ist auch nur schwer zu halten.

Im Gegensatz zur Themse ist der Humor trocken. Pointiert beschreibt Jerome die Irrungen und Wirrungen der drei Männer, schweift dabei aber auch gerne ab, erzählt von vergangenen Reisen, plaudert über Pubaufenthalte, Arbeitsgewohnheiten, Lebensumstände. Ohne Klamauk, aber durchaus mit slapstickartigen Szenen, bewältigen die vier Helden Schleusen, sperrige Dosen und unwillige Zelte. Der Leser schmunzelt freudig. Und darf das auch, denn hier wird niemand vorgeführt, niemand lächerlich gemacht oder verunglimpft. Der Ton ist immer höflich, der Blick auf die Charaktere liebevoll ironisch. Ein wirklich unbeschwerter Lesespass also und wohl formuliert noch dazu.

Natürlich hat Manesse diesem wunderbaren Büchlein den passenden Rahmen verschafft. Es fängt an mit Einband und Lesebändchen in Bootsfahrer-Blau, geht weiter mit drei Schwimmern in Badeanzügen alten Stils auf dem Umschlag und ja, endet mit Hunden auf dem Vorsatzpapier. Perfekt!

Ein kleines Gesamtkunstwerk: ein wirklich lesenswerter Roman und ein Schmuckstück für das Bücherregal – mehr kann man wirklich nicht verlangen.

 

Ich danke dem Manesse Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Kostbarkeiten

Die Kostbarkeiten von Poynton von Henry James

Die Kostbarkeiten von Poynton

Henry James

erschienen 2017 bei Manesse

ISBN 978-3-7175-2352-9

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Manesse. Der Name dieses Verlags zaubert fast jedem Buchliebhaber sogleich ein Lächeln ins Gesicht. Manesse, das ist ein Versprechen auf liebevoll und sorgsam aufgemachte Bücher, ein Versprechen auf hochwertige Übersetzungen. So auch in diesem Falle: in elegantem Grau gebunden, mit farblich passendem Lesebändchen und einem Umschlag mit dem Bild einer Lady vor einem edlen Landsitz, kommt das Buch selbst als kleine Kostbarkeit daher. Und die Übersetzung durch den preisgekrönten Nikolaus Stingl hat zur Folge, dass der Inhalt nicht weniger elegant ins Deutsche übertragen wurde. Bei des Autors Vorliebe für verschachtelte Endlossätze mit Sicherheit kein Spaziergang.

„Die Kostbarkeiten von Poynton“, erstmals erschienen 1897, zählt zum Spätwerk Henry James‘. Der Autor, im angelsächsischen Raum ähnlich bekannt wie hierzulande GoetheSchillerLessing, gilt als einer der besten Schriftsteller seiner Zeit, besonders gerühmt für seine präzisen Charakterzeichnungen.

In diesem Roman nun treffen wir auf Adela Gereth, die zusammen mit ihrem verstorbenen Gatten aus ihrem Landsitz Poynton Park ein erlesenes Kunstwerk gemacht hat. Haus und Garten sind gefüllt mit unzähligen Kostbarkeiten, ein ganzes Eheleben lang liebevoll und mühsam gesammelt. Nach viktorianischer Gesetzgebung gehört das Alles nun ihrem Sohn Owen. Der wiederum möchte eine junge Dame heiraten, der es an jeglichem Kunstverständnis mangelt und zusätzlich seine Mutter in einen im Vergleich spartanischen Witwensitz ausquartieren. Das nimmt Mrs Gereth natürlich, trotz rechtlich fehlender Grundlage, nicht so hin. Sie hat mit der armen, aber dennoch gebildeten Fleda Vetch eine passendere Schwiegertochter gefunden, die sie ihrem Sohn schmackhaft machen möchte. Dabei hat sie aber nicht mit der inneren Moral und Schüchternheit ihres Schützlings gerechnet, die selbst den Leser bisweilen zu hochgezogenen Augenbrauen und genervtem Seufzen bringt. Man wünscht Miss Vetch doch einen etwas zupackenderen Charakter, der die für alle Beteiligten beste Lösung hervorbringen könnte. Den jedoch konnte James ihr nicht geben, wäre das Buch doch dann mit einer gefälligen Liebesgeschichte schnell beendet gewesen.

So darf man dem Autor also dabei zusehen, wie er seine Charaktere meisterhaft in moralische und sonstige Verstrickungen stürzt, dabei Wendungen findet, die den Leser überraschen und aus dem vermeintlichen Konzept bringen, und so das viktorianische Zeitalter mit all seinen Ungerechtigkeiten, besonders die Stellung der Frau betreffend, zum Leben erweckt. Immer höchst elegant formuliert wohlgemerkt. Es sind tatsächlich die Frauen, denen das Hauptaugenmerk gilt: Fleda, die gezwungen ist, sich bei Bekannten einzuquartieren, da ihr Vater sie ungern bei sich wohnen haben möchte und die im Grunde nur eine Heirat erlösen könnte; Mrs Gereth, die durch den Tod ihres Gatten alle Rechte am gemeinsam Erschaffenen verliert und vom guten Willen ihres Sohnes abhängig ist; aber auch Mona Brigstock, die ungewollte Verlobte, die froh sein kann, einen so wohlhabenden Verehrer gefunden zu haben und diesen natürlich auch nicht „von der Angel“ lassen möchte. Eher schattenhaft gleiten die männlichen Charaktere durch das Buch, immer vom Vorrang des männlichen Geschlechts überzeugt, auf ihre Rechte pochend, weil sie sie ja nun einmal haben und die armen Frauen ja gar nicht wissen, was gut für sie ist. Und doch sind es meistens die Frauen, die die Fäden in der Hand haben, ständig bemüht es die Herren nicht merken zu lassen. Erstaunlich konzipiert für einen männlichen Schriftsteller dieses Zeitalters. Und ein Punkt, der Henry James so lesenswert macht: die scheinbare Fortschrittlichkeit seiner Ansichten. Dazu kommt die wunderbar durchkomponierte Sprache und der genaue Blick auf seine Charaktere, auf ihre Gedanken, die Gründe ihres Handelns.

Es ist wirlich großartig, die Möglichkeit zu haben, diesen hervorragenden Schriftsteller neu zu entdecken. Dem Verlag und dem Übersetzer dafür einen herzlichen Dank. Für den interessierten Leser: bei Manesse finden sich übrigens noch weitere Werke Henry James‘ in ähnlicher Aufmachung.

 

Ich danke dem Manesse Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Klassischer Weihnachtskrimi

9783608961027

Geheimnis in Weiss

J. Jefferson Farjeon

erschienen 2016 bei Klett-Cotta

ISBN 978-3-608-96102-7

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„Geheimnis in Weiss“ scheint der Auftakt zu einer Reihe mit klassischen Weihnachtskrimis zu sein, die Klett-Cotta in diesem Jahr mit „Geheimnis in Rot“ fortgesetzt hat. Die liebevolle Aufmachung macht beide Bücher zu wunderbaren Weihnachtsgeschenken: Leineneinband mit stimmungsvoller Illustration und einem Lesebändchen. Lesebändchen machen mich glücklich, liegen meine Lesezeichen doch immer da, wo ich gerade nicht bin…

Der Autor diesen Bandes ist eine spannende Wiederentdeckung. J.Jefferson Farjeon war zu seiner Zeit, d.h. in den zwanziger bis vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts, durchaus kein Unbekannter. Er verfasste ca sechzig Bücher, wovon eines sogar von Alfred Hitchcock höchstselbst verfilmt wurde.

In diesem Krimi nun bleibt ein Zug in einem Schneesturm stecken. Ein Teil der Reisenden sucht Zuflucht in einem am Wege liegenden Landhaus. Kein Bewohner ist anwesend, und trotzdem brennt der Kamin und der Tisch ist gedeckt. Sogar das Teewasser wurde bereits aufgesetzt. In dieser mysteriösen Umgebung und durch den Schneefall abgeschlossen von der Außenwelt, geschieht ein Mord…

Was nun folgt, ist meisterhaft komponiert. Eine Handlung setzt die nächste in Gang, Personen verschwinden, andere kommen hinzu, die Spannung erhöht sich stetig und über allem liegt lautlos eine immer höher werdende Schneedecke. Für heutige Thrillerleser ungewohnt, fliesst kaum Blut und der Autor lässt seinen Charakteren Zeit zum Grübeln und Gruseln.

Einziger Minuspunkt für mich: das Ganze ist für meinen Geschmack zu kontruiert und hat entschieden zu viele Charaktere, die aus dem Nichts/dem Schneesturm in die Geschichte taumeln. Das schmälert ein wenig das Lesevergnügen, ist aber eventuell auch dem Zeitgeschmack geschuldet. Man darf ja nicht vergessen, dass die englische Originalausgabe bereits 1937 erschien.

Es ist eine überaus gelungene Idee von Klett-Cotta, diesen Klassiker der englischen Krimi-Literatur endlich auch dem deutschen Leser zugänglich zu machen. Hoffentlich wird die Reihe fortgeführt, denn es warten doch bestimmt noch mehr solcher Juwelen auf ihre Wiederentdeckung.

 

Amüsantes Kammerspiel

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Der Pfau

Isabel Bogdan

erschienen 2016 bei Kiepenheuer und Witsch

ISBN: 978-3-462-04800-1

 

„Einer der Pfauen war verrückt geworden. Vielleicht sah er auch nur schlecht, jedenfalls hielt er mit einem Mal alles, was blau war und glänzte, für Konkurrenz auf dem Heiratsmarkt.“

So beginnt Isabel Bogdans Roman, in dem nachfolgend beschrieben wird, was nämlicher Pfau nun auf dem Anwesen von Lord und Lady McIntosh nahe der schottischen Highlands an Ereignissen in Gang setzt. Mitspieler in diesem Kammerspiel feinster britischer Art sind die bereits oben erwähnten McIntoshs, Ryszard, der „Mann für alles“, die Hausverwalterin Aileen und eine Gästegruppe, bestehend aus Londoner Investmentbankern, die eine Köchin und eine Psychologin im Schlepptau, angereist sind für eine Teambuilding – Maßnahme.

Pointiert und unaufgeregt entwickelt Isabel Bogdan ihre Geschichte, logisch folgt ein Schritt dem nächsten. Von anfänglich leisem Schmunzeln, über verhaltenes Gekicher bis zu schallendem Gelächter führt die Autorin den Leser durch alle Irrungen und Wirrungen, spielt, ohne dabei jemals wirklich bösartig zu werden oder ihre Charaktere bloßzustellen, mit der Schadenfreude des Lesenden. Die Komik entsteht aus der Diskrepanz zwischen dem Wissen des Lesers und dem unterschiedlich gestalteten Teilwissen der einzelnen Personen und ihren, auf eben diesem Scheinwissen beruhenden Taten und Reaktionen.

Ebendiese Personen sind fein gezeichnet, haben eine Vorgeschichte, ein Leben und daraus resultierende Charaktereigenschaften. Sie sind alle liebenswert, diese Charaktere, so unterschiedlich sie auch sein mögen: die pragmatische Lady, die tierliebende Aileen, die resolute Köchin. Sie sind nicht eindimensional nur für ihren Zweck geschaffen worden, sind keine Karikaturen, nur für humoristische Gründe erfunden. Und auch das macht den Charme dieses Buches aus: Personen, in die man sich hineinfühlen kann, deren Entwicklung man verfolgen kann.

Alles in allem ist dieses Buch ein echter Glücksgriff. Eine Autorin, die das Schreiben einer Komödie ernsthaft angegangen ist, die dabei ihren eigenen Stil herausgearbeitet hat, die auf reißerische Aktionen und unglaubliche Wendungen komplett verzichtet hat, die stattdessen auf leisen Humor und präzise Pointen setzt, auf einprägende Charaktere und logische Abläufe und so ein ebenso komisches, wie charmantes Buch geschrieben hat; eine Buchgestaltung, die mit schlicht weißem Cover und leuchtend blauem Pfau wunderbar zur Geschichte passt und sogar bei genauerer Betrachtung englische Gepflogenheiten verrät – was kann man sich mehr wünschen?

Eine Einführung in den schwarzen, britischen Humor, wie man sie besser nicht hätte gestalten können! Kein Wunder, dass allein schon das erste Kapitel den Hamburger Förderpreis für Literatur erhielt. Ich persönlich würde mich freuen, von Isabel Bogdan in den nächsten Jahren noch mehr zu lesen und hoffe sehr, dass sie sich ihren wunderbaren Stil und die Präzision ihres Schreibens für weitere Bücher erhalten kann.

Mit leichter Feder geschrieben

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Mavis Doriel Hay

erschienen 2017 bei Klett-Cotta

ISBN 978-3-608-96189-8

Wie schon im letzten Jahr mit „Geheimnis in weiß“, legt Klett – Cotta nun erneut einen Weihnachtskrimi vor: diesmal „Geheimnis in rot“. Beide Bände sind liebevoll aufgemacht, gebunden, mit Lesebändchen und einem weihnachtlich-winterlich gestalteten Cover. Ein tolles Weihnachtsgeschenk für Freunde des klassischen englischen Krimis. Was die Bücher für mich aber umso interessanter macht, ist der Versuch, damit hervorragende Autoren dieses Genres aus dem unverdienten Vergessen zu holen. So wurde ein Roman von J.Jefferson Farjeon, dem Schriftsteller von „Geheimnis in weiß“, tatsächlich von Alfred Hitchcock verfilmt.

Mavis Doriel Hay nun hat nur drei Kriminalromane geschrieben, einer davon, „The Santa Klaus Murderer“, ist jetzt also erstmals auf Deutsch erschienen.

Der Inhalt ist klassisch und daher schnell umrissen: jedes Jahr trifft sich die Familie von Sir Osmond Melbury in Flaxmere, dem Stammhaus der Melburys, zu einem mehr oder weniger fröhlichen Weihnachtsfest. Während dieses Festes jedoch wird Sir Osmond erschossen im Arbeitszimmer vorgefunden. Bei der Suche nach dem Mörder stellt man fest, daß fast jeder der Anwesenden Motiv und Gelegenheit gehabt hätte…

Charmant und mit leichter Feder geschrieben, ist dieser Roman ein kleiner Lesegenuß. Wie in britischen Krimis üblich, wird der Suche nach dem Täter mehr Zeit eingeräumt als der Greueltat selber, die einzelnen Personen und ihre Eigenarten werden schön charakterisiert und auch ein wenig schwarzer Humor darf nicht fehlen.

Mir bleibt nun zweierlei zu hoffen: erstens, dass auch die anderen beiden Romane von Mrs Hay übersetzt und veröffentlicht werden und zweitens, daß Klett-Cotta die „Geheimnis in „-Reihe auch im nächsten Jahr fortführt. Es gibt doch sicherlich noch weitere englische Krimiautoren, die ihrer Neuentdeckung entgegen harren?

Ein schmuckes Buch mit einem nicht ganz so schmucken Inhalt

Die Schlange von Essex 22712680_1601564779889291_1493919714_o

Sarah Perry

erschienen 2017 bei Eichborn

ISBN 978-3-8479-0030-6

Ein wunderschönes, nein, ein prächtiges Buch. Gebunden und mit einem schlangenhautähnlichen Material bezogen. Ein Lesebändchen, das schlangenzungenorange aus dem Buch züngelt. Ein Schutzumschlag in leuchtenden Farben mit geprägtem Schriftzug und dem namensgebenden Tierchen darauf abgebildet.

Ein wahres Schatzkästlein – aber birgt es auch einen Schatz?

„Anmutig und intelligent erzählt dieser Roman von der Liebe und den unzähligen Verkleidungen,in denen sie uns gegenübertritt“ heißt es im Klappentext. Anmutig ist diese Geschichte tatsächlich geschrieben. Ich mochte den Erzählfluss, die Wortwahl, die Stimmungen, die Sarah Perry scheinbar mühelos zu schaffen imstande ist. Das Unheimliche und Dunkle, das die Ufer und Salzwiesen des Blackwater überschwemmt, die Hysterie eines ganzen Dorfes, die Wandlungen der Natur innerhalb eines Jahres, das alles erfüllt sie mit Leben, lässt es lebendig werden.

Intelligent geschrieben ist der Roman definitiv auch. Das ganze Wissen und Wirken des viktorianischen Zeitalters, eingewoben in einen Roman, unfassbar detailreich herausgearbeitet. Chirurgie, Wohnungsbau, Darwin, Sarah Perry weiß umfassend darüber zu berichten, jeder Satz birgt unzählige Informationen, unangestrengt, fast nebenbei.

Was ihr leider nicht mühelos gelingt, ist das Erschaffen von eigenständigen Charakteren. Hier erkennt man zu stark die Konstruktion, die Idee dahinter. Der leidenschaftliche Arzt und Wissenschaftler, der reiche Erbe auf der Suche nach Lebenssinn, die Kämpferin für bessere Lebensbedingungen in den unteren Schichten, der Pfarrer zwischen Glaube und Wissenschaft, die Ehefrau, die nett plaudernd, klug eine schützende Hand über ihre Familie hält, sie alle sind nur Abbilder des typischen Personals in den Gesellschaftsschichten ihrer Zeit. Und werden auch nicht über ihren Zweck hinweg zum Leben erweckt. Sämtliche Personen handeln seltsam gefühlsarm, allen voran die Protagonistin Cora Seaborne, die über Eigennutz hinaus scheinbar keine Regungen für andere entwickelt, sämtliche Personen bleiben gefangen in dem Zweck, der ihnen zugeschrieben wurde.

So bleibt dieser Roman distanziert, in sich abgeschlossen, ohne Verbindung zum Leser. Ich habe an keiner Stelle mitgeweint, -gelebt, -gelacht oder -gefiebert. Ich habe mich an Wortwendungen und Satzkonstruktionen erfreut, habe Landschaftsbeschreibungen bewundert und mich gewundert, dass manche Möwe mir lebendiger erschien als die Hauptpersonen. Aber: ich habe den Roman durchweg gern gelesen, denn sprachlich ist er meisterhaft komponiert, durchweg schlüssig konstruiert und erweckt eine Epoche zum Leben, da kann man leblose Einzelpersonen getrost übersehen.

Und worum geht es nun? Um das Universum und den ganzen Rest, um Liebe, Aberglaube, Wissenschaft und blaue Gegenstände, ja, vielleicht vor allem um blaue Gegenstände.