Grimmige Geschichten

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Ein wilder Schwan
Michael Cunningham
Aus dem Amerikanischen von Eva Bonné
erschienen am 13. November 2017 im Luchterhand Verlag
ISBN 978-3-630-87491-3

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Im deutschsprachigen Raum ist Michael Cunningham wohl hauptsächlich für seinen Roman „Die Stunden“ bekannt, der um die Schriftstellerin Virginia Woolf und ihr Werk „Mrs Dalloway“ kreist.
Nun scheint sich der Dozent für kreatives Schreiben dem Thema Märchen zugewandt zu haben. Schon sein 2015 erschienener Roman „Die Schneekönigin“ versucht, ein Märchen in die heutige Zeit zu versetzen. „Ein wilder Schwan“ dagegen ist eine ganze Märchensammlung in neuem Kleide. Dabei stellt sich unwillkürlich die Frage, ob Cunningham erst eine Reihe Märchen probeweise bearbeitet hat, um dann eines dieser Märchen komplett auszuarbeiten, ob also „Ein wilder Schwan“ nicht eigentlich vor der „Schneekönigin“ entstanden ist.
Bei den hier versammelten Märchen bleibt bisweilen der Eindruck des Fragmentarischen, nur Angerissenen. Da verzweifelt der zwölfte Prinz an seinem verbliebenen Schwanenarm, zerreißt es Rumpelstilzchen wortwörtlich vor Sehnsucht nach einem Kind, liebt Schneewittchens Mann es auch weiterhin, sie schlafend im Sarg zu betrachten, wird aus dem Bohnenranken-Hans ein jugendlicher Schwerverbrecher. Allen Texten gemeinsam ist ein düsterer Kern, der das „Alles wird gut“-Ende der meisten Märchen negiert. Es ist ja schön, wenn z.B. elf Prinzen vom Zauber befreit ein normales Leben führen können. Aber was wird aus dem zwölften Prinz, wenn er nicht den Charakter hat, aus seinem Flügel ein Markenzeichen zu machen? Wenn er sich kaum noch aus dem Haus traut, immer dicker wird und sich nur noch mit anderen Märchen-Versagern herumtreibt?
Was bleibt Rapunzel, wenn ihr blinder Prinz sich mehr für ihr Haar als sie selbst interessiert? Ihr Haar, das ja abgeschnitten wurde und daher gar nicht mehr mit ihr verbunden ist?
Wie das häufig mit solchen Geschichtensammlungen ist, empfindet man die Einzeltexte mal mehr, mal weniger gelungen. Spürbar ist aber bei allen der Spass am Abgründigen, am Fabulieren, Hinterfragen und Umformen. Als Leser sollte man allerdings die Vorlagen kennen, denn nur so erschließt sich Cunninghams Idee. Ohne den nötigen Background gelesen, wirken die Geschichten recht dürftig, und das wird ihnen definitiv nicht gerecht. Wer sich also nicht sicher in der Materie ist, sollte sich einen Band Grimms Märchen bereit legen, um gegebenenfalls nachblättern zu können.

Aufbruch

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Damals
Siri Hustvedt
Aus dem Englischen von Uli Aumüller und Grete Oswald
erschienen am 05.März 2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-03041-4

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Eine junge Frau kommt aus der Provinz nach New York, um einen Roman zu schreiben. Komplett auf sich allein gestellt, versucht sie den Alltag zu bewältigen. Dabei trifft sie naturgemäß auf allerhand Menschen, auch sehr skurrile. Großstadt eben. Und nicht irgendeine, sondern New York. In den ersten Wochen erkundet die junge Frau die Stadt, fährt Strassenbahn, hält sich lange in Buchhandlungen auf, schreibt Tagebuch. Ein Jahr hat sie sich gegeben, ein Jahr lang hat sie ein Stipendium für vergleichende Literaturwissenschaften an der Columbia University, in diesem Jahr muss ihr Debütroman fertiggestellt werden, muss aus ihr eine Schriftstellerin werden.
Abgelenkt wird sie von der Nachbarin im angrenzenden Appartement, deren nächtelanges Gemurmel sie wach hält und immer mehr beschäftigt, bis sie sich selbst mit dem Ohr an der Wand wiederfindet…
Siri Hustvedt ist unbestritten eine der intelligentesten Autorinnen der Gegenwart. Und es ist wohl in vielen Teilen ihre eigene Geschichte, die sie hier verarbeitet. Was diesen Text so besonders macht, ist der kluge Blick auf die Details eines weiblichen Lebens in der Großstadt, die ungeschriebenen Do’s und Don’ts für Frauen im öffentlichen Raum, die selbstverständlichen Erwartungen der Männer an gutaussehende Frauen und die genauso selbstverständliche Übergriffigkeit.
Gleichzeitig erlebt man das Werden einer jungen Schriftstellerin, die Prägung der Großstadt auf das Landei, die spürbare Erweiterung des Horizonts und der sich wandelnde Blick auf das Umfeld.
Hustvedt schreibt aus der Warte der gereiften Frau, blickt auf die 23jährige und ihre Vorstellungen und Träume zurück, nutzt Tagebucheinträge, um sich dieser jungen Frau anzunähern. Während Annie Ernaux beispielsweise mit kühlem Blick versucht das frühere Selbst zu sezieren, spielt Hustvedt mit Fiktion und Realität. Der Leser vermeint, die Geschichte der Autorin wiederzuerkennen, kann sich dessen aber nie sicher sein.
„Damals“ ist mein erster Roman von Siri Hustvedt. Und während die Kenner andere Werke bevorzugen, haben mich Schreibstil und Aufbau hier vollkommen überzeugt. Was die Vorfreude auf weitere Romane nur erhöht.
Eine Bemerkung am Rande, die mich aber umtreibt: Siri Hustvedt wird oft vorgeworfen, sie protze beim Schreiben zu sehr mit ihrem Wissen. Warum genau findet man das z.B. bei Umberto Eco charmant und bei einer Frau übertrieben? Und was genau spricht eigentlich dagegen, Wissen einfließen zu lassen, wenn man es denn schon hat?
Es sind Schriftstellerinnen wie Siri Hustvedt, die einen rein männlichen Literaturkanon zu einer verstaubten Lächerlichkeit machen.

Ich danke dem Rowohlt Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

letteratura https://letteraturablog.wordpress.com/2019/06/27/memories-of-the-future-siri-hustvedt-damals/
literaturleuchtet https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/04/06/siri-hustvedt-damals-rowohlt-verlag/
LiteraturReich https://literaturreich.de/2019/04/13/siri-hustvedt-damals/

Ein lebenswertes Leben

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Rückkehr nach Old Buckram
Phillip Lewis
Deutsch von Sigrid Ruschmeier
erschienen am 04.November 2019 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-75845-6

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Fast würde ich ja sagen, „Rückkehr nach Old Buckram“ sei der perfekte Schmöker für freie Tage, wenn nicht das Wort Schmöker ein Hauch von Trivialität umwehen würde. Und trivial ist dieser Roman nun wirklich nicht. Phillip Lewis‘ Debüt besticht durch seine feingezeichneten Charaktere, die Beschreibungen der umgebenden Natur und die Dichte seiner Erzählung. Man fühlt sich förmlich eingeladen nach Old Buckram, dieses Provinznest in den Blauen Bergen North Carolinas. Und damit sind wir dann doch irgendwie wieder beim Schmöker…
Aber von vorne: Henry Astor ist in Old Buckram aufgewachsen. Zusammen mit seinem Vater, seiner Mutter, seinen Schwestern, in einem riesigen alten Haus etwas außerhalb des Ortes. Seine Kindheit ist beileibe nicht unbeschwert, aber geprägt vom Zusammenhalt der Familie und der gemeinsamen Liebe zu Büchern. Henrys Vater arbeitet, unter dem Gespött der anderen Dorfbewohner, an einem Roman und das Leben im Haus wird dem untergeordnet. Still zu sein, wenn der Vater schreibt, auf kleine Aufmerksamkeiten zu hoffen, den Vater durch Bücherwissen zu beeindrucken, das ist Henrys Alltag.
Doch eines Tages stirbt eine der Schwestern und kurz darauf verschwindet der Vater spurlos. Die Familie zerbricht. Und Henry zieht es nach der Schule in die Ferne, weit weg von Old Buckram.
Das Buch beginnt mit seiner Rückkehr. Stück für Stück wird mehr von der Familiengeschichte enthüllt, erfahren wir mehr über die Vorgeschichte der Charaktere, über ihre Träume, Wünsche und Realitäten.
Lewis gelingt es hervorragend, herauszuarbeiten, wie es einem als Außenseiter in einer Dorfgemeinschaft geht, wie einsam Bildung und individuelle Träume machen können. „Rückkehr nach Old Buckram“ ist trotz allen Ernstes ein fast märchenhaft verwunschenes Buch, wozu das Haus mit seiner riesigen geheimnisvollen Bibliothek viel beiträgt und die Abgeschiedenheit des Ortes.
Ein wirklich schönes, anrührendes Buch und ein kleines Geschenk für Bücherfreunde.

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Besprechungen:

Feiner reiner Buchstoff https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2019/12/17/rueckkehr-nach-old-buckram/

Erster Auftritt, Philip Marlowe

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Der große Schlaf
Raymond Chandler
Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert
erschienen am 25. September 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07078-1

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Unzählige mit Hut und Trenchcoat ausgestattete, toughe Ermittler lassen sich auf ihn zurückführen: Philip Marlowe. Ich werde ihn auf ewig mit Humphrey Bogart in Verbindung bringen, obwohl der ihn tatsächlich in nur einem einzigen Film verkörpert hat, 1946 in „The big sleep“.
Marlowe ist Privatdetektiv, ehemals Ermittler für die Polizeibehörde, entlassen wegen Befehlsverweigerung. Er ist zielstrebig, wenig auf seine Sicherheit bedacht, ruchlosen Frauen gegenüber mehr oder weniger immun und trinkfest.
In „Der große Schlaf“ hat er seinen ersten Auftritt, weitere Bände folgten.
General Sternwood, alt, reich und mit zwei hübschen Töchtern gesegnet, bittet Marlowe Spielschulden seiner jüngsten Tochter zu überprüfen. Relativ schnell landet er in einem Netz aus Spielhöllen, Schmuddelheft-Dealern und Kleinkriminellen. Und die Töchter des Generals hat er auch noch am Hals.
Mit seinen Romanen führt Chandler die von Dashiell Hammett begründete Tradition der hardboiled novels, des zutiefst amerikanischen Krimis, fort. Handlungsorte sind zumeist unpersönliche Großstädte, die Grundstimmung ist düster, Laster breiten sich aus. Der Ermittler bewegt sich sicher durch diese Schattenwelt, mit einem eigenen Ehrenkodex versehen, wortkarg und hart im Nehmen. Und immer gibt es eine schöne Frau, die ihn in Versuchung führt, selten mit gutem Ausgang.
Diese Krimis stehen im Gegensatz zu den vielfach englischen Vertretern des Genres mit ihren allwissenden Detektiven á la Hercule Poirot, die Verbrechen allein durch Denken lösen, ohne sich großartig die Finger schmutzig zu machen, und häufig in gehobenen Kreisen spielen.
Was ich aber im Vergleich zu heutigen Krimis faszinierend finde: sie kommen ohne großartige Metzeleien oder übertriebene Sexszenen aus. Wenn Blut eingesetzt wird, dann, um einen Tatbestand zu unterstreichen, um der schwarzweißen Stimmung ein rotes Ausrufezeichen hinzuzufügen. An Spannung fehlt es trotzdem nicht.
Die Neuübersetzung des 1939 erschienenen Bandes „Der große Schlaf“ erscheint mir sehr gelungen. Die Sprache ist lakonisch, frisch ohne Schnörkel. Allerdings habe ich auch keine andere deutsche Ausgabe zum Vergleich hier.
Ich hoffe allerdings, dass das nur der Auftakt war für weitere Neuübersetzungen auch der anderen Bände. Denn ein entstaubter Chandler ist eine Zierde für jedes Krimiregal.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

 

Familienbande

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Die Altruisten
Andrew Ridker
Aus dem Englischen von Thomas Gunkel
erschienen am 23. September 2019 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-60024-4

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Vor einigen Wochen bekam ich überraschend Buchpost aus dem Penguin Verlag. Ich habe mich wirklich sehr darüber gefreut, daher auf diesem Wege herzlichen Dank dafür!
Leider konnte ich trotz meiner Freude wenig mit dem Roman anfangen. Dabei ist er „das Sensationsdebüt aus den USA“, ist „kühn, klug, komisch“ und Gary Shteyngart findet ihn brillant.
Ich nicht. Bedauerlicherweise.
Es geht um die Familie, die man sich ja bekanntermaßen nicht aussuchen kann. In diesem Falle um Francine und Arthur und ihre erwachsenen Kinder Ethan und Maggie. Francine ist der Mittelpunkt, die, die alles zusammenhält. Nach ihrem Krebstod bricht der Kontakt zwischen Arthur und seinen Kindern mehr oder weniger ab. Arthur beschäftigt sich mit seiner nicht vorhandenen Professorenkarriere und seiner Geliebten, Maggie will die Welt retten und Ethan hat sich in seiner Designerwohnung eingeigelt.
Bis Arthur seine Kinder einlädt, um sie zu bitten, auf ihr Erbe zu verzichten, um sein Haus zu retten.
Soweit, so gut. Es hätte mir ungemein geholfen, wenn es eine, nur eine einzige nicht nervige oder unsympathische Person gegeben hätte. Arthur ist eine Vollkatastrophe, Maggie unerträglich und Ethan, naja, Ethan spielt auch mit. Das Lesen hat mich zunehmend angestrengt, zumal mir der Sinn hinter der Geschichte verborgen blieb. Arthur ist ausschließlich mit sich selbst beschäftigt, kreiselt nur um sein Wohl oder Wehe, Maggie leidet am Elend der Welt und Ethan kämpft mit seiner Homosexualität.
Ich fand den Roman nicht kühn, warum auch? Klug ist der Autor sicherlich, keine Frage, der Roman vielleicht auch, aber komisch ganz sicher nicht. Und die feine Ironie ist mir auch entgangen.
Kurz, die Altruisten und ich waren überhaupt nicht auf einer Wellenlänge. Ich finde das schade, freue mich aber für diejenigen, die Humor und Inhalt mehr zu würdigen wußten.

Ich danke dem Penguin Verlag für das Leseexemplar.

 

 

Unveröffentlichte Erzählungen

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Für dich würde ich sterben
F. Scott Fitzgerald
Aus dem Amerikanischen von Gregor Runge, Andrea Stumpf und Melanie Walz
erschienen am 24. Juli 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-24488-5

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Hier haben wir einen der seltenen Fälle, wo das Nachwort spannender ist als die Erzählungen selbst.
F. Scott Fitzgerald, der gestern 123 Jahre alt geworden wäre, hat seine Kerze immer an beiden Enden brennen lassen. Neben den Romanen arbeitete er auch an Drehbüchern und Erzählungen. Sein exzessiver Lebensstil mit Alkohol, Partys und Reisen verschlang viel Geld. Nachschub konnte schnell organisiert werden mit dem Verkauf von Short Stories an Magazine. Eine Sammlung solcher Erzählungen findet sich in diesem Buch, allerdings sind es unveröffentlichte, von den Zeitschriften aus diversen Gründen abgelehnte Arbeiten.
Herausgeberin Anne Margaret Daniel erzählt die Entstehungsgeschichte der einzelnen Texte, führt ein in den Fitzgerald-Kosmos, erläutert und kommentiert einzelne Textstellen. Mit diesem Teil der Ausgabe habe ich mich überaus gern beschäftigt. Man merkt der Autorin an, dass sie Lesungen zum Thema Fitzgerald an Universitäten hält.
In den Erzählungen selbst spürt man Fitzgeralds überbordendes Talent und sein großes Können. Man erkennt aber auch schnell, warum die Texte wohl abgelehnt wurden. Das mag teilweise daran liegen, dass ihre Themen für den damaligen Zeitungsgeschmack zu abgründig waren. Unter den abgelehnten Texten sind aber durchaus auch die erwünschten Liebesgeschichten, u.a. eine Slapstick-Version von Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“. Allen gemeinsam ist jedoch eine fehlende Ausarbeitung. Das Ganze wirkt wie mit der heißen Nadel gestrickt, schablonenhaft.
Da Fitzgerald eine Überarbeitung seiner Stories verweigerte, kam es immer häufiger zu Absagen.
Zusätzlich begann 1927 eine eher unglückliche Zusammenarbeit mit Hollywood, der die drehbuchartigen Texte zu verdanken sind.
Die Herausgabe von nicht veröffentlichten, teils verschollenen Erzählungen und Fragmenten ist sicherlich sehr verdienstvoll und dient der Vervollständigung des Gesamtwerks. Und einen Einblick in die Welt und den Stil Fitzgeralds liefert die Ausgabe natürlich auch. Aber schlussendlich ist diese Sammlung doch eher etwas für Liebhaber.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

Die Bibliothekarin https://diebibliothekarin1.wordpress.com/2019/08/19/f-scott-fitzgerald-fuer-dich-wuerde-ich-sterben/

Sehnsucht

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West
Carys Davies
Deutsch von Eva Bonné
erschienen am 10. Juni 2019 im Luchterhand Literaturverlag
ISBN 978-3-630-87606-1

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In der heutigen Zeit einen Western zu schreiben, das ist schon eher ungewöhnlich. Diesen dann mit 204 Seiten eher anzulegen wie eine Novelle, das ist gewagt.
Carys Davies gelingt dieses Wagnis. Die Geschichte über Cy Bellman, der 1815 auszieht das Fürchten zu lernen, ist so voller Poesie, Melancholie und Sehnsucht, dass man sie so schnell nicht vergisst.
Besagter Cy Bellman ist Maultierzüchter in Pennsylvania, die Frau ist verstorben, er hat eine 12jährige Tochter Bess und eine Schwester namens Julie. Durch kluge Entscheidungen und harte Arbeit hat er ein gutes Auskommen, Lesen und Schreiben beherrscht er auch leidlich. In der Zeitung liest er vom Knochenfund eines unbekannten Wesens. Die Idee, dieses Wesen aufzuspüren, lässt ihn nicht mehr los. Und so entschließt er sich, gen Westen zu ziehen und danach zu suchen in den unerforschten Teilen des Kontinents. Bess bleibt mit ihrer Tante Julie zurück. Bis auf die Hilfe eines Nachbarn sind sie auf sich allein gestellt.
Von diesem Moment an verläuft die Erzählung zweigleisig. Wir lesen über Bellmans Abenteuer, die Einsamkeit, die Härten der Natur, über seine wenigen Begegnungen mit Menschen. Parallel dazu erfahren wir, wie es Bess geht mit ihrer wenig liebevollen Tante, lesen über ihre zunehmende Einsamkeit und die Gefahren für ein junges, sich entwickelndes Mädchen ohne Vater.
„West“ hat in weiten Teilen eine fast märchenhafte Stimmung, besonders am Ende, wo eine sehr spezielle gute Fee ihren Auftritt hat, und trotzdem geht es hier nicht um Wildwest-Romantik. Bellman folgt zwar seinen Träumen, zahlt aber den Preis dafür in einer realen Welt, während Bess wenig Spielraum für Träume hat. Ihr bleibt nur die Hoffnung, ihr Vater käme irgendwann zurück.
Es ist eine Kunst, so viel Stoff in so kurzer Form zu bearbeiten, ohne dass der Text überladen und gekünstelt wirkt. So sehr man es sich auch wünscht, der Roman dürfte nicht länger sein, er würde seinen Zauber verlieren. Cary Davies gelingt es, alle Elemente des klassischen Westerns einzubauen, den „lonesome rider“, die „weißer Mann trifft roten Mann“-Thematik, die Freiheit in der Natur, ohne Klischees zu übernehmen. Sie schreibt über einen Mythos und entmythisiert ihn gleichzeitig. Eine wirklich großartige Umsetzung und Neuinterpretation eines scheinbar altbekannten Sujets.

Ich danke dem Luchterhand Literaturverlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Besprechungen:

Buchperlenblog https://buchperlenblog.com/2019/06/20/rezension-carys-davies-west/
letusreadsomebooks https://letusreadsomebooks.com/2019/07/31/carys-davies-west/
Esthers Bücher https://esthersbuecher.com/2019/08/13/carys-davies-west/
Kuhle Bücher https://kuhlebuecher.com/2019/06/22/west-von-carys-davies/

 

 

Herman Melville

Meistererzählungen
Billy Budd

Herman Melville
Aus dem Amerikanischen von Richard Moering und Günther Steinig
erschienen am 26.Juni 2019 im Diogenes Verlag
Billy Budd ISBN 978-3-257-24490-8
Meistererzählungen ISBN 978-3-257-24496-0

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Am 01. August 2019 wäre Herman Melville 200 Jahre alt geworden. Ein Anlass für mich, ihn neu zu entdecken. Mit etwa vierzehn Jahren habe ich seinen weltberühmten Roman „Moby Dick“ gelesen, damals ein eher traumatisches Leseerlebnis.
Diesmal habe ich mich für Melvilles Erzählungen entschieden, zu denen auch „Billy Budd“ gehört. Ein vorsichtiger Einstieg also, die Romane haben gerne ihre 800 Seiten.

Als drittes von acht Kindern wird Melville am 01. August 1819 in eine verarmende großbürgerliche Familie geboren. Der Vater versucht den Lebensstandard zu erhalten, verschuldet sich dabei jedoch hoffnungslos. Nach seinem frühen Tod versucht Melvlle sich mit allerhand Jobs über Wasser zu halten. Mit 21 Jahren heuert er auf einem Walfänger an, flieht aber beim ersten Zwischenhalt. Die nun folgenden recht abenteuerlichen Jahre führen zu Melvilles erstem Roman 1846 „Typee“. Weitere Werke folgen.
Melvilles Arbeit ist in weiten Teilen, nun, „maritim angehaucht“, man sollte ihn jedoch keineswegs darauf reduzieren. Vier der hier vorliegenden Erzählungen haben mich besonders angesprochen: Billy Budd, Benito Cereno, Bartleby und Der Glockenturm.
In „Billy Budd“ geht es um einen jungen Seemann, der nach einem scheinbaren Mord im Affekt zum Tode verurteilt wird. Die drohende ausbrechende Meuterei verhindert er noch selbst durch seinen letzten Ausspruch. Das Ganze hat mich sehr an die Hornblower-Romane erinnert: strenges, aber gerechtes Reglement auf englischen Kriegsschiffen etc. Ich muss gestehen, es war weniger der Inhalt als vielmehr die Umsetzung, die mich begeistert hat. Der Schreibstil entwickelt definitiv einen eigenen Sog, während der Inhalt mich recht kalt liess. Das liegt aber daran, dass diese ganze „ein Menschenleben für die Disziplin“-Geschichte, die ja oft Inhalt von Kriegsromanen ist, mir immer schon unverständlich war und ist.
Anders dagegen „Benito Cereno“. Der Befehlshaber eines Robbenfängers entdeckt ein gekentertes Sklavenschiff und leitet die Rettung ein. Melville gelingt es durchgängig, eine unterschwellig bedrohliche Stimmung aufzubauen. Der Leser erkennt recht früh, dass etwas nicht stimmt und ahnt auch, was es sein könnte, während der Protagonist im Dunkeln tappt. Nach heutigem Denken ist allerdings die Beschreibung der Sklaven sehr fragwürdig, 1855 dachte man da definitiv anders.
„Bartleby“ hat weitestgehend die Wallstreet als Schauplatz und ist einfach großartige Literatur. Bartleby, der namensgebende Protagonist, beginnt als Gerichtsschreiber in einer Kanzlei. Er ist unauffällig bis zu dem Tag, wo er eine Bitte mit „Ich möchte lieber nicht.“ beantwortet. Die sich daraus entwickelnde Geschichte ist surreal, kafkaesk (lange vor Kafka) und perfekt umgesetzt – ein echtes Juwel.
„Der Glockenturm“ handelt vom Bau eines ebensolchen Turmes, dem Guss der Glocke und einem dämonischen Baumeister. E.T.A. Hoffmann hätte das Thema nicht besser umsetzen können. Sein Coppelius hätte sich auf diesem Glockenturm recht wohl gefühlt.

Es war definitiv sinnvoll, Melville erneut zu lesen. Sein Schreibstil, sein Sprachfluss haben mich begeistert, wenn auch eher bei den weniger meerlastigen Werken. Als nächstes werde ich wohl „Mardi“ lesen,  eine literarische Umsetzung seiner Erlebnisse nach der Flucht von dem Walfänger und Verbindungsglied zwischen „Typee“ und „Moby Dick“.

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für die zur Verfügung gestellten Leseexemplare.