Addie und Louis

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Unsere Seelen bei Nacht

Kent Haruf

aus dem Amerikanischen von pociao

am 12.Dezember 2018 in der Taschenbuchausgabe erschienen im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-24465-6

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Addie und Louis sind langjährige Nachbarn. Beide sind über siebzig Jahre alt und kennen sich noch aus der Zeit, als ihre Ehepartner noch lebten. Nun sind sie einsam und so nimmt Addie eines Tages ihren ganzen Mut zusammen und fragt Louis, ob er nicht die Nächte mit ihr zusammen verbringen möchte. Denn die Nächte sind am schlimmsten und vielleicht zu zweit nicht mehr ganz so furchterregend. Louis ist nicht abgeneigt, daher starten sie gleich einen Versuch. Es geht zunächst nicht um Körperliches, es geht um Gespräche, um Nähe, um Zusammenhalt. Doch so nach und nach scheint die Liebe sich einen Weg zu bahnen. Bis Addies Sohn versucht, dem seiner Meinung nach unpassenden Verhalten seiner Mutter ein Ende zu setzen…
Nachdem ein anderer Roman Kent Harufs, „Lied der Weite“, mir zu amerikanisch war, zu lakonisch, bin ich zugegeben diesem Buch gegenüber ein wenig skeptisch gewesen. Andererseits hat mich das Thema interessiert, fand ich diese Idee eines späten Glücks so berührend, dass ich es trotzdem unbedingt lesen wollte. Und „berührend“ ist tatsächlich das richtige Wort für die Geschichte von Addie und Louis. Es ist wunderschön zu lesen, wie sie sich näher kommen, wie zu den Nächten auch Tage kommen, wie sie immer mutiger und glücklicher werden. Ich war bei der Lektüre allerdings auch unendlich wütend. Wütend über den Gegenwind, den sie bekommen, über den Sohn, der seiner Mutter ihr Glück nicht gönnen kann, nur Schlechtes zu sehen vermeint und seine Missgunst zu verbrämen versucht mit der Aussage, er müsse ihren Ruf beschützen. Und so ist dieser Roman leider genauso traurig wie schön.
Denn wie viele ältere Menschen haben mit der Tatsache zu kämpfen, dass späte Liebe gesellschaftlich verpönt ist? Dass sie als ungehörig gilt und man doch lieber brav mit im Schoß zusammengefalteten Händen auf den Tod warten sollte? Dass Kinder und Enkel um ihr Erbe fürchten oder es ihnen schlicht peinlich ist? Aber warum eigentlich? Warum sollten Menschen ab einem gewissen Alter zu Einsamkeit verdammt sein? Warum sollten sie ihr Leben nicht geniessen dürfen und es vor allem leben nach ihren Vorstellungen?
Kent Haruf hat einen nachdenklich stimmenden Roman geschrieben zu einem durchaus aktuellen Thema, aber auch ein anrührendes Gegenstück zu „Romeo und Julia“. Dort ist es die erste Liebe, die gesellschaftlichen Zwängen ausgesetzt ist, hier die letzte Liebe.
Ein feinfühliger Roman über ein ernstes Thema, aber auch in weiten Teilen eine wunderbar warme und zärtliche Liebesgeschichte.

 

300 Jahre Raubbau

Aus hartem Holz von Annie Proulx

Aus hartem Holz

Annie Proulx

Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz und Andrea Stumpf

als TB erschienen am 10.Dezember 2018 im btb Verlag

ISBN 978-3-442-71751-4

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„Schiffsmeldungen“ von Annie Proulx zählt zu meinen liebsten Büchern, daher habe ich diesen Roman mit gemischten Gefühlen begonnen. Einerseits habe ich mich natürlich sehr auf die Lektüre gefreut, andererseits bin ich immer etwas ängstlich bei den Nachfolgern eines Lieblingsbuches. Wird es den hochgesteckten Erwartungen entsprechen? In diesem Falle kann ich das frohen Herzens bejahen. Ein paar Längen gibt es, aber die sind bei einer Zeitspanne von dreihundert Jahren und knapp 900 Seiten Buchumfang kaum zu vermeiden.
Worum geht es? Grob umrissen, geht es um den Werdegang zweier Familien und parallel dazu um die Entwicklung der Holzindustrie. René Sel und Charles Duquet kommen um 1693 nach Neufrankreich, das heutige Kanada. Sie verdingen sich als Holzfäller in den schier endlosen Wäldern dort. Während Sel sesshaft wird, eine Ureinwohnerin heiratet und eine Familie gründet, zieht es Duquet in die Welt hinaus, um Geld zu machen. Sels Nachkommen werden überwiegend Holzarbeiter. Sie ziehen von Lager zu Lager in einem lebensgefährlichen Beruf. Mit den Sels beschreibt Annie Proulx aber auch den Kampf der Ureinwohner um Land, Kultur und Selbstachtung.
Charles Duquet wird tatsächlich ein reicher Holzhändler, Begründer einer Dynastie, der Familie Duke. Auch sie ziehen quasi durch das Land, aber nur um Baum für Baum zu fällen, ohne Rücksicht auf Boden und Natur, ausschließlich auf Profit ausgerichtet. Der Gedanke der Wiederaufforstung entsteht in Amerika erst sehr spät, zu spät, und wird auch lange Zeit belächelt als verträumte Spinnerei.
Während der Lektüre beginnt man die Denkweise eines Donald Trump zu verstehen. Der Gedanke, Natur im „Rohzustand“ wäre unnütz und nicht gottesgefällig, scheint sich über Generationen und Jahrhunderte in vielen amerikanischen Köpfen fest verankert zu haben. Trump ist ein Duke in Reinform.
Und genau das macht diesen Roman so packend. Man liest vom Verschwinden der großen Wälder, von Profitgier und Raubbau und stellt fest, dass zwar mit der Zeit die Methoden moderner geworden, die Argumente dafür aber immer noch dieselben sind.
Die Ureinwohner z.B. galten u.a. deshalb Wilde, weil sie das Land auf dem sie gelebt haben, nicht genutzt haben, sich nicht untertan gemacht haben durch Ackerbau und Viehzucht. Sie haben dort „nur“ gelebt, für damaliges Denken eine geradezu unfassbare Geisteshaltung. Auch heute wäre es für viele Mebschen undenkbar, eine Ölquelle nur deshalb nicht anzuzapfen, weil das Land darüber erhaltenswert ist.
Es ist die Kunst Annie Proulxs alle diese Mißstände quasi nebenbei anzuprangern, sie in den Text einzuflechten. Sie erzählt die Geschichte zweier Familien über Generationen, mit den Problemen, denen jede Generation gegenüber steht, gibt Einblick in typische Denkweisen der jeweiligen Zeit und behält trotz aller Blicke nach rechts und links den roten Faden fest im Auge. Man kann den Roman also auch nur als spannende Familienchronik lesen. Aber wenn man das Gelesene auf sich wirken lässt, sich der Tragweite des Raubbaus an der Natur bewußt wird, dann bekommt man das irre Bedürfnis, Bäume zu pflanzen, so viele wie nur eben möglich, um sich gegen das Rad der Zeit zu stemmen und die Dukes dieser Welt zu stoppen.

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Rezensionen:

gelesen https://gelesenblog.wordpress.com/2018/07/27/aus-hartem-holz-annie-proulx/
lettergirl https://lettergirl.blog/2017/11/01/eine-harte-nuss/

Eine Reise in die Vergangenheit

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Ein mögliches Leben

Hannes Köhler

erschienen 2017 im Ullstein Verlag

ISBN 978-3-550-08185-9

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Martin, Lehrer mit befristeten Verträgen, Single mit unehelichem Kind, das Leben irgendwie ziellos und in der Schwebe, fährt mit seinem Großvater nach Amerika. Der möchte sich noch einmal das Kriegsgefangenenlager in Texas ansehen, in dem er interniert war, möchte noch einmal amerikanische Luft schnuppern. Für den Enkel ist diese Reise nicht einfach, war sein Großvater doch kein liebevoller, in seinem Leben präsenter Mensch. Und so wird diese Reise auch zu einer Annäherung, je mehr Martin über die Vergangenheit seines Großvaters erfährt und seine Beweggründe verstehen lernt.
Wer nun denkt, dies sei „schon wieder einer dieser langweiligen, staubtrockenen “ Romane über den Zweiten Weltkrieg, der irrt gewaltig. Denn diese Spurensuche ist äußerst spannend. Köhler wechselt zwischen Gegenwart und Vergangenheit, räumt Puzzleteilchen zu Puzzleteilchen und hat scheinbar hervorragend recherchiert.
Über das Leben kriegsgefangener deutscher Soldaten in Amerika wußte ich ehrlicherweise nur wenig. Und gar nichts über die Strömungen zwischen den hartgesottenen, unbelehrbaren Hitlerfanatikern und denen, die froh, dem Alptraum entronnen zu sein, mit den Amerikanern kooperieren; nichts über die Brutalität und Bandenbildung, aber auch nichts über die Bildungsmöglichkeiten in den Camps und die gute Versorgung.
Der Autor ist ein Meister der Zwischentöne, einer, der nüchtern und doch einfühlsam schreibt, der nichts beschönigt oder wegredet. Und so wirkt die Unmenschlichkeit, die Verrohung der Hitlergetreuen noch unbegreiflicher, ist teilweise nur schwer erträglich zu lesen, eben weil die Sprache nicht roh ist.
„Ein mögliches Leben“ ist ein grossartiges Buch, ein wichtiges Buch, gerade derzeit, wo die alte Schlange „Faschismus“ wieder ihr Haupt erhebt, wo gesellschaftsfähig wird, was nie wieder aus den Sumpflöchern hätte kriechen dürfen. Es ist aber auch ein großartiges Buch, weil es sich mit einem fast vergessenen Part deutscher Kriegsgeschichte beschäftigt und den Bogen zur Gegenwart zieht, zu den Kindern und Enkeln der Überlebenden, deren eigenes Leben natürlich beeinflußt wird von den Erlebnissen der vorangegangenen Generationen.

Weitere Besprechungen dieses Buches:

Lesen macht glücklich https://lesenmachtgluecklich.wordpress.com/2018/03/22/rezension-hannes-koehler-ein-moegliches-leben/
jancak https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/02/28/ein-moegliches-leben/
Ronja Waldgänger https://notizenderwaldgaengerin.blog/2018/02/16/hannes-koehler-ein-moegliches-leben-mehr-als-ein-reiner-kriegs-und-nachkriegsbericht/
dieartderidagratias https://dieartderidagratias.com/2018/02/25/15245/

Die Leiden der Porters

Die Sommer der Porters von Elizabeth Graver

Die Sommer der Porters

Elizabeth Graver

Aus dem Englischen von Juliane Zaubitzer

erschienen 2018 als TB im btb-Verlag

ISBN 978-3-442-71551-0

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„Großartige Sommerlektüre“ laut der Zeitschrift Brigitte, steht zumindest so auf dem Einband. Ich habe das Buch im Frühling gelesen, war das vielleicht mein Fehler?
Aber ich fange besser am Anfang an: seit ewigen Zeiten reist Familie Porter, der amerikanischen Oberschicht angehörend, Jahr für Jahr im Sommer mit dem ganzen Hausstand nach Ashaunt, einer fiktiven Halbinsel vor Massachusetts. „Doch als dort im Sommer 1942 ein Militärstützpunkt entsteht, hat die Idylle ein jähes Ende“, sagt der Klappentext.
Nun, da  muss ich etwas überlesen haben. Oder ich habe gar das Buch nicht verstanden. Für den Sommer 1942 jedenfalls folgen wir einem der Kindermädchen bei der Überlegung, ob sie sich in einen der Soldaten verlieben soll oder nicht. Wir lernen ihren fügsamen Zögling Jane kennen, deren ungebärdigere Schwestern, erzogen von einem anderen Kindermädchen, die überforderte Mutter und den an einer geheimen Krankheit leidenden und daher im Rollstuhl sitzenden Vater. Überhaupt gibt es eine Menge an unnützer Informationen, über die Familie, über Fauna und Flora, über Gott und die Welt, die einen schlußendlich nicht wesentlich weiter bringen. Dafür fehlen ein paar hilfreiche Angaben, um die Fülle dieser Informationen zu bändigen.
Nach der „Kindermädchen-Affaire“ springen wir dann abrupt ins Jahr 1947 und in einen Briefroman und wechseln dabei zu Helen, der ältesten Tochter, die ein bißchen aus ihrem Leben plaudert. Helen wäre gerne studiert, 1947 kein  selbstverständliches Unterfangen für eine Frau. Weil sie aber nette Eltern hat, verbringt sie ihre Sommer und auch den Rest des Jahres zu Sprachstudien in der Schweiz, wo sie, wie wir wenig später erfahren, auch ihren Ehemann findet.
1970 lernen wir dann Helens ältesten Sohn Charlie kennen, der auf Ashaunt wohnt, um dort drogengeschuldete Gehirnschäden zu kurieren. Wobei er die eventuell sowieso gehabt hätte, denn in der Familie Porter hat jeder zweite einen Therapeuten und Tante Dossy verbringt sogar regelmäßig einen Teil ihrer Zeit in „Erholungsanstalten“. Warum, wieso, weshalb diese Familie so anfällig ist, ist der Autorin keine Zeile wert, dafür werden seitenweise Gesteinsbrocken beschrieben. Die Familie ist größer geworden, alle Töchter haben nun selbst Kinder, und zwar mehrere, die alle immer mal wieder irgendwo mitmischen und wieder aus dem Blickfeld verschwinden.
1999 ist Charlie dann schon verheiratet und Helen liegt im Sterben. Man weiß nicht, mit wem man mehr Mitleid haben soll.
Im Grunde geht es gar nicht um die Porters, die kommen und gehen, mal zahlreicher, mal vereinzelt, es geht um Ashaunt und – ja, und was? Das ist es, was ich mich zunehmend gefragt habe, worum geht es eigentlich? Die Geschichte dümpelt dahin, Personen, die im einen Teil wichtig waren, tauchen im nächsten kaum auf und über allem scheint eine merkwürdige Moralvorstellung zu liegen, die mir das Buch endgültig verleidet hat. Die wohlerzogene, gehorsame Jane, später Mutter von zahlreichen wohlerzogenen, gehorsamen und unkompliziert netten Kindern steht neben der als Kind schon anstrengenden Helen, zu lax erzogen, die wegen ihrer Universitätslaufbahn die Kinder vernachlässigt und überhaupt ein recht unsympathisch gezeichneter Charakter ist. Frauen, die arbeiten gehen sind Rabenmütter? Na denn…
Ich hatte zunehmend das Gefühl, dass hier nicht die Spur eines roten Fadens zustande gebracht wurde und die Schriftstellerin von Thema zu Thema hopst wie ein Grashüpfer auf Nahrungssuche, dass es mir eigentlich recht egal ist, wo und wie die Porters ihre Sommer verbringen und dass mir Flora und Fauna einer fiktiven Halbinsel auch keine Begeisterungsrufe entlocken. Gepflegte Langeweile ist die Stimmung, mit der ich das Buch beschreiben würde. Aber vielleicht ist das ja nur meine noch leicht eingefrorene Frühlingsmeinung…

Ich danke dem btb-Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Meinungen zu dem Roman:

buchlese https://buchlese.wordpress.com/2017/04/23/die-sommer-der-porters-elizabeth-graver/

 

 

Die wundersamen Abenteuer des Mr. Smith

978-3-498-06447-1

Neu York

Francis Spufford

Aus dem Englischen von Jan Schönherr

erschienen 2017 im Rowohlt Verlag

ISBN 978-3-498-06447-1

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Neu York, 1746. Zu dieser Zeit ist die spätere Millionenstadt ein kleines englisches Kolonialstädtchen, immer noch geprägt von den holländischen Gründern. Von den beständigen Einwohnern kennt jeder jeden, Neuankömmlinge werden mißtrauisch beäugt. In diese Dorfwelt platzt der Londoner Richard Smith, ausgestattet mit einem Wechsel über tausend Pfund, den einzulösen der zuständige Kontor sich weigert. Eine Anfrage wird zurück nach London geschickt, damals noch per Schiff. Die erhebliche Wartezeit stellt Mr.Smith nicht nur vor finanzielle Probleme, nein, er muss sich auch erwehren gegen Versuche, ihn auszuhorchen oder gar politisch vor einen Karren zu spannen.

Was so zusammengefasst vielleicht ein wenig trocken wirken mag, ist genau das aber keineswegs. Spufford hat einen herrlichen Schelmen- und Abenteuerroman geschrieben um diesen mysteriösen Mr. Smith, der weder die Neu Yorker noch uns Leser hinter die Karten gucken lässt. Was treibt diesen offensichtlichen Großstädter in die Kolonien? Was möchte er mit den tausend Pfund dort erreichen?

Francis Spufford ist eigentlich bekannt als Sachbuchautor. Dies ist sein erster Roman und, das sei gleich dazu gesagt, hoffentlich nicht sein letzter. Denn hier treffen genaue und gekonnte Beschreibungen der damaligen Gegebenheiten auf überbordende Fabulierlust und ein Händchen für geschickte Wendungen. Immer dann, wenn man eine neue Idee entwickelt hat, wohin die Reise gehen könnte, macht Spufford einem charmant lächelnd einen Strich durch die Rechnung. Und so hatte ich hier tatsächlich einen der wenigen Romane vor mir, bei denen ich bis zum Schluss überraschende Entdeckungen machen konnte. Dazu kommen interessant gezeichnete Charaktere, von Mr Smith selbst natürlich, über die ein wenig überspannte Tochter des Kontorbesitzers, bis hin zu den holländischen Platzhirschen vor Ort, einer wirklich freundlichen Familie, mit einer gehörigen Portion Eisen unter dem Zuckerguss.

Um dem Ganzen nun noch die Krone aufzusetzen, hat Rowohlt das Buch auch besonders hübsch gestaltet. Jeder Teil wird mit einer Illustration von Eleanor Crow eingeleitet, die dabei Zeichnungen aus dem 18.Jahrhundert zum Vorbild nahm. Der Schutzumschlag zeigt eine Häuserreihe in holländischem Hansestil mit Goldprägung akzentuiert, und ja, es gibt ein Lesebändchen, für mich immer das seligmachende Tüpfelchen auf dem i.

Scheinbar ist dieser Roman bei den Neuerscheinungen des letzten Jahres unverdient ein wenig untergegangen. Grund genug, jetzt eine definitive Leseempfehlung auszusprechen, denn für mich zählt der Roman zu den besten, die ich dieses Jahr bisher gelesen habe.

 

 

Die ewigen Jagdgründe

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Tod in Hollywood

Evelyn Waugh

Übersetzung von Andrea Ott

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-24421-2

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Achtung, dieses Buch ist böse! Es enthält eine geballte Ladung schwarzen Humor aus der spitzen Feder Evelyn Waughs, des Meisters der treffsicheren Pointen und brillanten Formulierungen.

Waugh, der 1947 nach Amerika reiste, um Details zur Verfilmung seines wohl berühmtesten Buches „Wiedersehen in Brideshead“ zu klären, stolperte über den dort üblichen Umgang mit Toten und Beerdigungen. Das inspirierte ihn zu dem Roman „Tod in Hollywood“, wo er mit großem Vergnügen die Kuriositäten des amerikanischen Bestattungswesens unter die Lupe nimmt.

Der bislang in Amerika erfolglose britische Schriftsteller Dennis Barlow arbeitet beim Tierbestatter „Die ewigen Jagdgründe“, um finanziell über die Runden zu kommen. Dort werden mit größtem Aufwand und gemäß den Wünschen ihrer Halter die verstorbenen Lieblinge zurecht gemacht und zur letzten Ruhe gelegt. Großes Vorbild dabei sind „Die elysischen Gefilde“, das entsprechende Pendant aus der Menschenwelt, ein riesiges Gelände mit allen Schikanen, dem perfekten Tod gewidmet. Heerscharen von Meistern ihrer Kunst arbeiten an einer durchinszenierten Aufbahrungschoreographie, vom passenden letzten Gesichtsausdruck (erhaben oder amüsiert schmunzelnd, bei Kindern gerne mit strahlendem Engelslächeln), über ein aufhübschendes Makeup bis zum aufwendig bestickten Totenhemd, vom Mahagonisarg bis zum passend duftenden Blumenarrangement.
Als ein Freund Barlows sich das Leben nimmt, ein ehemals erfolgreicher Drehbuchschreiber, der die Erfolgsleiter abwärts gerutscht ist, um schlußendlich sein Büro von jemand anderem besetzt zu sehen und daraufhin den Strick zu wählen, wird dem jungen Mann die Aufgabe übertragen, sich um die entsprechenden Bestattungsmodalitäten zu kümmern. So kommt er in Kontakt mit der liebreizenden Aimée Thanatogenos, einer Makeup-Artistin in den Diensten der „Elysischen Gefilde“ und…

Nun ja, ich möchte nicht zuviel verraten. Nur so viel: dem verstorbenen Freund Barlows dürfte im Leben nicht halb soviel Aufmerksamkeit zuteil geworden sein wie nach seinem Ableben. Und Evelyn Waugh scheint kein Freund amerikanischer Geflogenheiten gewesen zu sein. Selten schreibt er so bitterböse, lässt er an seinen Protagonisten so wenig gute Haare. Waugh wäre aber nicht Waugh, wenn er nicht trotzdem herrlich amüsante Stellen eingebaut hätte, wenn er nicht Witziges im Geschäft mit dem Tod entdeckt und den Finger darauf gelegt hätte, wenn es nicht ein paar entzückend skurrile und überspitzt dargestellte Charaktere gäbe, die einen böse kichernd zurücklassen.

Ich persönlich liebe die Romane Waughs sehr und ich hoffe, dass dieser Autor, dessen Bücher kein bißchen eingestaubt sind, dessen Sprache auch nach Jahrzehnten noch frisch und spritzig geblieben ist, dass dieser Autor noch lange, lange Zeit seine Leser finden wird.

Ich danke dem Diogenes Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit

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Montauk

Max Frisch

erschienen im Suhrkamp Verlag

ISBN 978-3-518-46811-1

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Montauk. Ein kleiner Ort an der Spitze von Long Island, Bundesstaat New York. Benannt nach dem Ureinwohnerstamm der Montaukett, bekannt durch seinen Leuchtturm – und Max Frisch. Der verbrachte 1974 nämlich ein Wochenende dort in weiblicher Begleitung und schrieb darüber.

Und während der alternde Frisch seine Zeit mit der jugendlichen Lynn teilt, sinniert er über vergangene Lieben und Wunden. Er versucht sein Erleben und seine Gedanken möglichst getreu wiederzugeben, ohne Streichungen und Hinzufügungen. Dabei nimmt er keine Rücksichten, nicht auf sich, aber auch wenig auf andere, schreibt über Schwangerschaftsabbrüche, Verletzungen, den Tod naher Personen, über Freunde, seine Frauen und seine Kinder, über seine Impotenz und das Altern.

Naturgemäss reisst er viele Themen nur kurz an, es ist ja eine Erzählung, keine umfassende Autobiographie. Der Veröffentlichung folgte ein Sturm der Entrüstung. Vor allem seine ehemaligen Partnerinnen waren verletzt und empört über die Art seines Schreibens. Als Autor des Textes war es eben Frisch, der entschied, über was er schrieb, wo in einer Erinnerung er den Punkt setzte und was er damit offenlegte und was er verschwieg. Das ihm das bewusst war, zeigt folgender Ausschnitt:

Dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser
und was verschweigt es und warum?

Damit ist „Montauk“ eigentlich nicht sinnvoll lesbar ohne eine genauere Kenntnis von Frischs Lebenslauf. Erst, wenn man die Erinnerungen mit konkreten Daten, den Lebensläufen der erwähnten Personen und den weiteren Verläufen der angerissenen Geschehnisse füllen kann, ergibt sich ein Gesamtbild. Für mich zumindest. Was man aber auch ohne dieses ganze Wissen spüren kann, ist die Einsamkeit, die Frisch scheinbar sein ganzes Leben lang umgeben hat und die aus jeder Seite des Buches dringt. Gescheiterte Beziehungen, wenig Bezug zu den eigenen Kindern, eine Geliebte, die zwar Gesellschaft, aber nicht zwingend Nähe bedeutet, dazu der menschenleere Strand und die Abgeschiedenheit des kleinen Küstenortes…

Und so möchte ich mit einer Strophe aus Erich Kästners Gedicht „Kleines Solo“ enden:

Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine.
Kennst das Leben. Weißt Bescheid.
Einsam bist du sehr alleine-
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Ich danke dem Suhrkamp Verlag sehr herzlich für das Leseexemplar.

 

 

 

Ländliches Amerika

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Lied der Weite

Kent Haruf

erschienen am 12.01.2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-07017-0

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„Lied der Weite“ ist eines von sechs Büchern, die der Autor Kent Haruf in Holt/Colorado spielen lässt. Holt ist eine fiktive Kleinstadt, steht aber Pate für alle kleinen Städtchen im ländlichen Amerika. Man kennt sich, mehr oder weniger, schätzt sich, mehr oder weniger, und kümmert sich ansonsten hauptsächlich um den eigenen Kram. Die Menschen sind nicht sonderlich mitteilsam, leben nebeneinander her und besprechen nur das Nötigste. Ein sehr amerikanisches Buch mit versteckter Trapper-Mentalität.
Personal haben wir gar nicht mal so wenig: da wäre Guthrie, Lehrer an der örtlichen Schule, mit zwei Söhnen und gescheiterter Ehe. Maggie, seine Kollegin, die mit ihrem etwas wirren Vater zusammenlebt. Victoria, siebzehn und schwanger. Die Brüder McPheron, Viehzüchter und knorrige Eichen. Diverse unliebsame Personen und Raufbolde, weitere Lehrer, Bewohner des Städchens natürlich und die wunderbare Iva Stearns. Ihre Lebenswege kreuzen sich dank Haruf, verknüpfen sich und rufen damit manchmal ungewöhnliche Veränderungen hervor, zwingen Menschen, alte Pfade zu verlassen und sich für Neues zu öffnen. Das scheint das Hauptthema des Romans zu sein: alte Pfade zu verlassen, andere Wege zuzulassen.
In der Grundidee sicherlich sehr spannend, fehlt mir trotzdem der Zugang zu den Charakteren. Ich lese die Ereignisse seltsam unberührt. Es sind alltägliche Ereignisse, schon in unzähligen Büchern behandelt. Nun muss man das Rad nicht jedes Mal neu erfinden und manchmal ist es gerade der Alltag, der ein Buch berührend macht, hier aber ist der Verlauf meistenteils vorhersehbar und die lakonische Schreibweise schafft Abstand, zuviel Abstand für mich. Einzig die oben erwähnte Mrs Stearns, eine alte Dame, zaubert mir zuverlässig ein Lächeln ins Gesicht.
Vielleicht muss man die Bücher ja insgesamt gelesen haben, muss man vertrauter werden mit dem Menschenschlag, der Holt bewohnt. So ist dieser Band sicherlich eine gelungene Filmvorlage, enthält er doch alles, was man dafür so braucht, Herzschmerz, große Probleme, kranke Mütter, sterbende Pferde, schweigsame Viehzüchter, aber als alleinstehender Roman scheint er mir trotzdem ein wenig leblos. Schade.