Ein unvollkommenes Buch über unvollkommene Liebe

Die Unvollkommenheit der Liebe von Elizabeth Strout

Die Unvollkommenheit der Liebe

Elizabeth Strout

Aus dem Amerikanischen von Sabine Roth

erschienen 2018 im btb Verlag

ISBN 978-3-442-71657-9

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Eine Frau liegt einsam im Krankenhaus. Mann und Kinder besuchen sie nur selten, der Mann, weil er Krankenhäuser nicht erträgt. Um die Situation für sie leichter zu machen, organisiert er aber einen Besuch seiner Schwiegermutter, die nun Tag und Nacht am Bett ihrer Tochter wacht.
In Bruchstücken erfährt man etwas über die Mutter-Tochter-Beziehung, über die früheren Familienverhältnisse, über die Kindheit Lucy Bartons, so der Name der Frau. Das erinnert in Teilen an Jeanette Walls „Schloß aus Glas“, gibt aber deutlich weniger Einblicke. Fast alles wird nur angedeutet und der Interpretation des Lesers überlassen. Lucys Jugend war schwierig, ihre Ehe ist es wohl auch, im Gespräch mit der Mutter gibt es viele Stolpersteine. Was am Anfang noch interessant wirkt, weil auch wirklich gut geschrieben, versandet später ein wenig in Überlegungen über Befindlichkeiten. Wie Hundefutterbrocken bekommt der Leser Erinnerungsfetzen vorgeworfen, die er selbst einsortieren und beurteilen muss. Meine Konzentration beim Lesen liess rapide nach, zu nebulös erschien mir das Ganze, zu wenig interessierte mich Lucys Welt. Natürlich ist es ganz spannend zu sehen, welch unterschiedliche Spielformen von Liebe es gibt. Dass eine Mutter, vom Lebenswandel ihres Kindes wenig begeistert, trotzdem zur Hilfe eilt, ist so ungewöhnlich nicht. Dass es dann zu Spannungen im Umgang kommt, auch nicht wirklich.
Nun ist es aber nicht so, dass dieses Büchlein nicht lesenswert wäre. Es ist gut formuliert, auch wenn mir gegen Ende der rote Faden fehlt, und die Personen sind durchaus glaubwürdig. Vom Hocker gerissen hat es mich nicht, neue Erkenntnisse gebracht auch nicht, aber ein paar Zugfahrten verkürzt – und das ist nicht zu unterschätzen.

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Warten

Ein Ire in Paris von Jo Baker

Ein Ire in Paris

Jo Baker

Aus dem Englischen von Sabine Schwenk

erschienen 2018 im Knaus Verlag

ISBN 978-3-8135-0754-6

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Bisweilen passt alles zusammen, Buch, Leser und der Moment,den man zum Lesen eines bestimmten Buches wählt. Mir ging es mit Jo Bakers „Ein Ire in Paris“ so.
Das Leben verläuft leider nicht immer wunschgemäß. Ein mir sehr nahestehender Mensch ist sehr krank geworden und nun besteht mein Leben aus Warten. Warten auf den nächsten Befund, Warten auf Versicherungen, Krankenkassen, Warten auf den nächsten Tag mit neuer Kraft und Hoffnung, Warten…

Und um dieses Warten geht es im Grunde auch in diesem Roman. Jo Baker spürt der Zeit nach, die der irische Schriftsteller Samuel Beckett im Zweiten Weltkrieg in Frankreich verbracht hat. Er ist trotz Kriegsbeginn zu seiner Geliebten Suzanne nach Paris gefahren und schließt sich dort dem Widerstand an. Nachdem seine Zelle auffliegt, müssen Beckett und Suzanne untertauchen. Und nun beginnt es, das Warten. Das Warten auf das Ende des Krieges, das Warten auf Hilfe, auf neue Papiere, auf Unterkunft. Dazwischen immer wieder gefährliche und anstrengende Fluchten, Hunger und Verzweiflung. Dazu die ständige Angst, erkannt oder verraten zu werden.

Über diese Zeit hat Beckett sich immer mehr oder weniger ausgeschwiegen. Umso eindrucksvoller gelingt der Autorin diese Annäherung, die das Werk des Nobelpreisträgers zugänglicher macht. Zugänglicher deshalb, weil das Weglassen alles unnötig Gesagten, die Verknappungen, das Sinnlose im Alltäglichen hier ihren Ursprung gehabt zu haben scheinen. Weil erst das unmittelbare Erfahren des Kriegsalltags als Flüchtling Becketts Ausdruck geschliffen und geprägt hat.

Ein Roman, der mich ergriffen hat. Man erlebt, wie die Wartehallenposition, das beständige kurz vor dem Sterben, aber nur halb tot sein, die Menschen zermürbt, ihre Gefühle untergräbt, wie das Warten an den kaum noch vorhandenen Kräften zehrt, und wie manch einer den Tod vorzieht, weil er den Wechsel zwischen Flucht und Stillstand nicht mehr erträgt.

Wer sich für die Kriegsjahre und Literatur interessiert, dem kann ich nur eine klare Leseempfehlung aussprechen. Für mich ist der Roman eines der Buchhighlights des Halbjahres.

Ich danke dem Knaus Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Rezensionen:

Buchperlenblog https://buchperlenblog.wordpress.com/2018/05/31/rezension-jo-baker-ein-ire-in-paris/

Männer und Fleisch

9783608981124

Der rote Stier

Rex Stout

Ausdem amerikanischen Englisch von Conny Lösch

erschienen 2018 bei Klett-Cotta

ISBN 978-3-608-98112-4

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„Der rote Stier“ ist ein weiterer Roman aus der Nero Wolfe-Reihe um einen schwergewichtigen Detektiv und seinen wortgewandten Handlanger, die Klett-Cotta dankenswerterweise in ausgesprochen schöner Ausstattung wieder auflegt. Geschrieben wurde die Reihe von 1933-1975, wobei dieser Band von 1938 stammt und damit zu den ersten Büchern der Serie zählt.

Es geht um einen höchst wertvollen Zuchtstier, der aus Werbegründen gegrillt werden soll, den Mord an einem Viehzüchtersohn und die Polizeiarbeit auf dem Lande. Außerdem geht es natürlich um Nero Wolfe und seine spezielle Art des Ermittelns. Wolfe scheut aufgrund seines beträchtlichen Übergewichts jede unnötige Bewegung und löst seine Fälle überwiegend durch Denkarbeit. Erzählt wird die Geschichte von Archie Goodwin, Wolfes „Mädchen für alles“, der stellvertretend durch die Gegend streunt und die sportlichen Teile übernimmt.

Rex Stout hat in seinen Kriminalromanen immer wieder mehr oder weniger verdeckt, auf Missstände hingewiesen und seine politische Meinung kundgetan.In diesem Falle scheint es um Auswüchse des Zuchtwesens gegangen zu sein, die horrenden Preise für Einzeltiere und die Kämpfe und Intrigen, die dadurch entstehen. Das wäre durchaus interessant. Wäre, weil hier nun leider einmal deutlich wird, dass im Laufe von achtzig Jahren sich Stil und Gesellschaft eben doch stark verändern. Der Krimi wirkt betulich und langatmig, Wolfe penetrant besserwisserisch und Goodwin hat eine Art mit Frauen umzugehen, die heute wohl kaum noch jemand witzig findet. Das ist schade, aber verständlich.
Seltsamerweise ist es mir mit dem letzten Band keineswegs so gegangen. Da hat der liebe Archie zwar auch „geflirtet“, aber nicht so albern und Wolfe war irgendwie menschlicher. Weil die Qualität bei Buchreihen eben sehr schwankend sein kann, ich diese Art Krimi eigentlich sehr mag und Stouts Stil grundsätzlich auch, werde ich also trotzdem definitiv die Folgebände lesen. Denn vielleicht war mir das Thema einfach zu männlich,  Stier in Scheibchen ist meine Sache nicht und der Kult um das liebe Fleisch desgleichen. Dafür mag ich Orchideen. Und wer diesen bei diesem Satz fragend guckt, der möge selbst lesen.

 

Ich danke dem Klett-Cotta Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

 

Artus

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Der König auf Camelot

T. H. White

Aus dem Englischen von Rudolf Rocholl

erschienen 2006 im Klett-Cotta Verlag

 

Sieben Tage habe ich gebraucht für T. H. White’s Umsetzung der Artus-Legende. Sieben Tage, in denen ich gelacht, gezittert, gehofft, gebangt, geflucht und mich zu Tode gelangweilt habe. Zwischen 1939 und 1958 geschrieben, mit deutlichen Bezügen zum Dritten Reich, in seinen vier Teilen irgendwie unzusammenhängend und auch nicht unbedingt flüssig lesbar formuliert, ist dieser Wälzer eigentlich eine Zumutung.

Erzählt wird das Leben und Wirken des britischen Sagenkönig Artus, von seiner Jugend als Ziehsohn im Schloß seines Onkels, von den Abenteuern mit seinem Lehrmeister Merlin, vom Aufbau der Tafelrunde und seiner Freundschaft mit Sir Lanzelot bis zum Kampf gegen seinen eigenen Sohn.

Obwohl White Artus‘ Werdegang stets verfolgt und im Auge behält, mäandert der Text um sein Thema herum, schweift ab, erzählt, erklärt und schafft Bezüge zu anderen Zeiten. Das ist sehr lehrreich, was Regeln und Riten des Rittertums angeht, immer wieder witzig, besonders wenn Zauberer Merlin die Bühne betritt, aber auch stellenweise arg langweilig, bei der soundsovielten Aventuire beispielsweise und sogar platt, wenn es um die Vergleiche Mordred/Hitler geht. Die Bücher sind definitiv nicht aus einem Guss und ein paar Straffungen hätten sicherlich nicht geschadet. Aber davon mal abgesehen, ist diese Artus-Sage großartig. Man muss sich an den Schreibstil gewöhnen und bisweilen ein wenig querlesen, dann nimmt das Buch den Leser mit auf eine wundersame Reise. Eine Reise in Zeiten, wo es noch Lindwürmer und sprechende Eulen gibt, wo Ritter gerüstet zum Tjost antreten und ein Junge nur ein Schwert aus dem Stein ziehen muss, um Großkönig von England zu werden.

Auf mich hat die Artus-Sage schon immer großen Reiz ausgeübt. Durch White habe ich das Gefühl, ein tieferes Verständnis für Aussage und Interpretationsweisen dieses Sagenkreises gewonnen zu haben. Und das war das Gefluche und Gezeter allemal wert. Außerdem ist der Schreibstil zwar aufmerksamkeitsfordernd, aber eben auch beeindruckend und des Autors gesammeltes Wissen fast erschlagend in seiner Vielfalt. Eine trotz aller Kritikpunkte großartige Aufarbeitung des Themas.

Ein Portrait

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Ein Bild von Lydia

Lukas Hartmann

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-07012-5

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Lukas Hartmann folgt in seinem Roman den Spuren von Lydia Welti-Escher und Karl Stauffer-Bern. Letzterer ist ein anerkannter Künstler, Lehrer u.a. von Käthe Kollwitz, als er über ihren Mann Emil Welti in Kontakt mit Lydia Welti-Escher kommt. Die Tochter des Eisenbahnkönigs Alfred Escher gilt zeitweise als reichste Frau der Schweiz, ist gebildet, mehrsprachig und sehr kunstinteressiert.
Stauffer bekommt den Auftrag, ein Portrait von ihr zu malen. Dabei werden wohl erste zarte Bande geknüpft, so dass die beiden bei einem späteren Florenzaufenthalt des Ehepaars nach Rom fliehen, um dort zusammen zu leben.
Spätestens an dieser Stelle ist es notwendig, eine Jahreszahl einzuschieben. 1889. Zu diesem Zeitpunkt sind Emanzipation und Frauenrechte unbekannte Begriffe. Und der Umgang mit ungehorsamen Ehefrauen ist rigide. Emil Welti, Sohn eines hohen Politikers, fürchtet den Skandal und ergreift dementsprechende Maßnahmen. Er lässt seine Frau in ein Irrenhaus sperren und Stauffer wegen der Vergewaltigung einer Geisteskranken verhaften.

Das Ganze geht nicht gut aus. Und damit verrate ich nicht zuviel, denn die Lebensgeschichten von Lydia Welti-Escher und Karl Stauffer sind problemlos recherchierbar und nachzulesen. Was diesen Roman von einer reinen Nacherzählung unterscheidet, ist der Blickwinkel. Hartmann erzählt aus der Sicht des Kammermädchens Marie Louise Gaugler, auch sie eine historisch verbriefte Person, die als Fünfzehnjährige im Haushalt der Weltis angestellt wird und Lydia Welti-Escher bis zum Ende beiseite steht. Louise ist sehr nah dran an den Geschehnissen, aber eben nicht selbst betroffen, was Nähe und Abstand zugleich erlaubt.

Lukas Hartmann schreibt schnörkellos, unausweichlich und doch mit Mitgefühl. Es gibt keine reißerischen Momente, keine Skandalausschlachtung, obwohl da doch ein Leben auf die Schlachtbank geführt wird. Es ist beklemmend zu lesen, wie einfach es damals gewesen ist, sich seiner unpassend gewordenen Ehefrau zu entledigen. Wie schnell selbst eine gebildete Frau der oberen Kreise entmündigt, geschieden, ihres Vermögens beraubt, gesellschaftlich geächtet, quasi zum Gashahn getrieben wird. Sie hat gefehlt, falsch geliebt, Gnade gibt es nicht.

Ein hervorragendes Portrait der Belle Epoque, trefflich geschrieben und recherchiert. Ein Roman, der mir intensiver als jeder Krimi, eine andauernde Gänsehaut bereitet hat. Und der zeigt, warum festgeschriebene, gesetzlich verankerte Frauenrechte ein zu schützendes Gut sind und die Gleichstellung der Frau keine zu belächelnde Forderung. Denn die 130 Jahre von damals bis heute sind geschichtlich gesehen ein Katzensprung…

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Leseeindrücke:

Buch und Bücher https://daswortzumbuch.wordpress.com/2018/05/01/die-schweizerische-effi-briest-hiess-lydia/

SPQR

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Rubikon

Tom Holland

Aus dem Englischen von Andreas Wittenburg

erschienen 2015 bei Klett-Cotta

ISBN 978-3-608-94924-7

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Als ich meinen zukünftigen Mann das erste Mal besuchte, er wohnte zwei Stunden Zugfahrt weiter, stolperte ich in seinem Bücherregal über die SPQR-Reihe von John Maddox Roberts. Dabei handelt es sich um gut recherchierte Krimis, die in der Endzeit der römischen Republik spielen. Seitdem lese ich immer mal wieder Bücher, die sich mit diesem Thema befassen. Zuletzt nun also Tom Hollands „Rubikon“.

„Rubikon“ ist für mich ein Glücksfall. Denn es verbindet ein Thema, das mich sehr interessiert, mit einem Autor, dessen Bücher mich immer wieder begeistern. Ich liebe Hollands Art, Geschichte erlebbar zu machen, sie trotz der trockenen Zahlen mit Spannung zu erfüllen. In gut lesbarem Plauderton und mit feinem Humor nimmt er sich die römische Republik vor, von den Anfängen bis zum Untergang, erklärt typische Denk- und Handlungsmuster der Zeit, ordnet übersichtlich politische Verflechtungen und familiäre Verbindungen. Und obwohl es sich um ein Sachbuch handelt, liest sich das Ganze streckenweise wie ein Roman. Holland hält sich an die Faktenlage, weist auch auf andere Interpretationen von Geschehnissen hin, aber verliert dabei nie den Faden und den unangestrengten Ton. Das macht zum einen Spass und zum anderen bleibt so recht viel in Erinnerung.

Nun gibt die römische Republik auch einiges an Erzählstoff her: eine Zeit, in der man so dicht gedrängt einige der größten Namen der Geschichte antrifft, Caesar, Pompeius, Cicero, Sulla, ist ja an sich schon spannend. Da gibt es die Diktatur Sullas, den Aufstand des Spartacus, die Verschwörung des Catilina, das Triumvirat und natürlich die Überschreitung des Rubikons durch Caesar samt Truppen. Roberts musste für seine oben erwähnten Krimis recht wenig dazu erfinden.
Die Fülle der Ereignisse kann aber auch erschlagen. Das alles zu sortieren und nebenher noch interessante Zusatzinformationen einzuflechten, ohne den Leser heillos zu verwirren, ist durchaus eine Kunst. Wer z.B. weiß denn, was die Austernbänke des Orata mit der Lockerung der spartanischen Sitten der Römer zu tun haben und das nämlicher Herr auch das beheizte Schwimmbecken erfunden hat?
Nun könnte mancher sagen, man müsse so etwas wissenschaftlicher und ohne humorige Bemerkungen angehen. Der fände aber sicherlich ausreichend trockene und weitaus ausführlichere Texte auch anderswo. Ich jedenfalls freue mich nun auf den zweiten Teil von Hollands Ausflug in das Alte Rom, wo er sich, hoffentlich genauso gelungen, dem Kaiserreich widmet.

 

Wunscherfüllung

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Das Leben der Wünsche

Thomas Glavinic

erschienen 2009 im Hanser Verlag

ISBN 978-3-446-23390-4

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Jonas, Mitte Dreißig, verheiratet, zwei Kinder, Geliebte, mittelmäßiger Job in einer Werbeagentur – also der Durchschnittsmann schlechthin – trifft auf einen Mann, der behauptet ihm drei Wünsche erfüllen zu können. Dem alten Märchenmotiv folgend, wünscht sich Jonas, daß alle seine Wünsche in Erfüllung gehen. In den folgenden Wochen geschieht nicht viel. Jonas wünscht sich Wohlstand und Weltfrieden. Nichts passiert.
Doch dann scheinen sich Dinge zu verändern, die gewohnten Bahnen zu verlassen. Zunächst steigen Jonas Aktienwerte, die vermutete Wachstumsstörung eines seiner Söhne löst sich auf, positive Dinge also, Dinge, die aber auch nichts mit der Wunscherfüllung zu tun haben müssen.
Allmählich jedoch kippt die Stimmung. An einem Zebrastreifen wird ein Fußgänger, über den sich Jonas gerade ärgert, spontan von einem Lastwagen überfahren. Seine Frau stirbt und macht somit den Weg zu seiner geliebten Marie frei, ein Dammbruch setzt die nächtliche Stadt unter Wasser, der Geliebte seiner Frau stirbt einen grausamen Tod…

Und neben all dem scheint eine seltsame Macht Jonas zu verfolgen, um ihn zu töten. Er wird auf dunkle Feldwege gelockt, sein Auto dabei durchlöchert, er hat mehr als einmal das Gefühl, nicht allein zu sein.

Glavinic erklärt nicht, er beschreibt nur und läßt damit viel Platz für die Gedanken und Interpretationen des Lesers. Gibt es eine höhere Macht, die nicht dulden kann, daß jemand wie Jonas lebt? Wenn ja, gibt es dann auch ein Leben nach dem Tode oder gar mehrere Leben? Was passiert, wenn wirklich unsere tiefsten und innersten Wünsche erfüllt werden, Wünsche, die eigentlich nie das Tageslicht erblicken? Werden wir dadurch glücklicher, wird unser Leben lebenswerter? Können wir unseren Mitmenschen helfen oder zerstört unsere Willkür dabei eher Menschenleben? Wie gottgleich kann und darf der Mensch sein?
Werden überhaupt Wünsche erfüllt? Was genau passiert eigentlich mit und in Jonas‘ Leben?

Der Schreibstil ist klar und flüssig, bewußt schlicht und somit ein Gegenpol zu den beschriebenen Ereignissen, zu Jonas Leben, das sich immer mehr verknäuelt und verwirrt. Nur die Unaufgeregtheit des Autors selber macht es möglich, dem Buch zu folgen, die schnellen Schnitte und Sprünge zu überleben ohne den Faden komplett zu verlieren.

Wenn man sich auf Autor und Buch einläßt, bietet sich ein vielschichtiges Leseerlebnis mit interessanten Interpretationsmöglichkeiten und Fragen zu Glauben, Hoffnungen und Wünschen. Allerdings bleibt auch sehr viel offen und arg in der Schwebe. Dafür bietet die Sprache ein ganz eigenes Lesevergnügen, tatsächlich unabhängig vom Inhalt.

Ohne Worte

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Ein Engel für Miss Flint

Moira Young

Aus dem Englischen von Alice Jakubeit

erschienen 2017 im S. Fischer Verlag

ISBN 978-3-596-29836-5

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Es wird Bloggern ja recht häufig vorgeworfen, sie schrieben zu unkritisch, man fände zu selten richtige Verrisse, alles wäre immer zu positiv. Das liegt meines Erachtens daran, dass man mit der Zeit schon ein Gefühl dafür entwickelt, welche Bücher man lesen möchte und welche einem so gar nicht gefallen würden. Daher findet man bei mir beispielsweise keine Thrillerrezensionen. Außerdem sehe ich keinen Wert darin, die Arbeit eines anderen mit Gehässigkeiten, egal wie wohlformuliert, zu überhäufen. Seine Meinung schreiben, sicher, aber muss ich dazu ausfallend werden?
Wie auch immer, heute ist alles anders. Heute gibt es hier einen Verriss. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich freundlich bleibe.

Ich habe mich vergriffen. Das ist natürlich mein eigenes Versagen. Scheinbar braucht es nur einen kleinen Jungen mit Hund und den Vergleich mit „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ im Klappentext und mein sonst so untrügliches Bauchgefühl schlägt Purzelbäume. Ich habe mir diesen Roman selbst gekauft, er wurde mir nicht zugesendet, nicht von wohlmeinenden Freunden geschenkt, nein, ich habe ihn ausgesucht und zur Kasse getragen.

Der Inhalt ist kurz skizziert. Kleiner Waisenjunge, obdachlos, wächst in grauer, freudloser Stadt auf. Malen, singen, tanzen, alles verboten. Trifft alte Schabracke, die ihn (13 Jahre alt) als Chauffeur anstellt. Die Dame verstirbt unterwegs und reist als Geist weiter.


Ja, nicht? Habe ich auch gedacht.
Dabei wird jedes mögliche Klischee bis zum Äußersten ausgereizt. Fast wäre es der Autorin gelungen, mir meinen liebsten Weihnachtsfilm „Ist das Leben nicht schön?“ mit James Stewart zu verleiden. Auch ich habe nämlich durchaus meine kitschigen Momente. Aber ununterbrochenes Gebimmel zur Fließbandengelproduktion macht mich grantig. Sehr grantig. Später kommen dann noch die Kelten ins Spiel. Kein mystisches Buch ohne Keltengefasel. Denen müssen doch im Grabe die Ohren klingeln. Bekommt davon eigentlich auch ein Engel Flügel? Egal, dank diesem Buch herrscht da oben eh Überfüllung.
Davy David, so heißt phantasievollerweise das Oldtimer fahrende Bengelchen, ist übrigens der nächste Fra Angelico. Malt mit Stöckchen hochkünstlerische Engel auf nicht schnell genug fliehende Untergründe.

Ich könnte so noch geraume Zeit fortfahren. Aber das wäre ernsthaft zuviel der Aufmerksamkeit. Ich erfreue mich gerade an dem Gedanken, diesen Text auf dem Laptop zu formulieren. Bei einer Schreibmaschine wäre ich eventuell ja selbst zur Flügelproduzentin geworden. Klimbim.

Der Welt den Rücken kehren

Teich von Claire-Louise Bennett

Teich

Claire-Louise Bennett

Aus dem Englischen von Eva Bonné

erschienen 2018 im Luchterhand Literaturverlag

ISBN 978-3-630-87556-9

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Während ich diesen Text schreibe, stürmt es draußen. Es regnet, Apfelblüten schneien herab, die Äste der Bäume bewegen sich im Takt des Windes. Und irgendwie erscheint mir das auch richtig so, denn „Teich“ ist kein Buch für leichte, fröhliche, sonnige Tage. „Teich“ ist ein sprachlich wunderschönes, inhaltlich aber recht sperriges Buch und es ist völlig anders als von mir erwartet.
„Vom Leben in einem einsamen Cottage an Irlands Westküste“ heißt es auf dem Umschlag, und sofort sprangen mir Bilder in den Kopf von steinigen Klippen, von selbstgezogenem Gemüse, vom einfachen Leben im Einklang mit der Natur. Nichts davon findet sich in Claire-Louise Bennetts Debütroman wieder, kein Einklang, kein Gemüse.

Eine junge Frau erzählt aus ihrem Leben. In Bruchstücken, unzusammenhängend, eigentlich mehr öffentlich denkend. Antriebslos wirkt sie, fast menschenfeindlich. An Gartenarbeit hat sie kein Interesse, die Nachbarn meidet sie, näheren Kontakt erträgt sie nur mit Alkohol. Einen Freund scheint es zu geben, der regelmäßig vorbei schaut, auch wenn sie ihn lieber gehen als kommen sieht. Sie lebt in ihrer eigenen Welt, die ein wenig verzerrt wirkt, ein wenig wie unter Wasser betrachtet, abgeschlossen. Ihr Blickwinkel auf den Alltag, die Alltagsdinge ist anders, schon das sondert sie ab. Ihr offensichtliches Desinteresse an ihren Mitmenschen tut ein übriges.
Das einfache Leben in dem alten Häuschen, mit wenig Abwechslung und täglichen Abläufen wie Feuer machen, Tee kochen scheint das Maximum dessen zu sein, was sie bewältigen kann. Schon der Gang zur Biotonne ist ein tägliches Zuviel.
Schreiben gibt ihr den selbstgewählten Kontakt zur Außenwelt. Sie spricht nicht mit sich selbst, sondern wendet sich häufig direkt an den Leser, offenbart ihre Gedanken, ihre Überlegungen, sprunghaft, ohne Tabus, scheinbar plötzlichen Eingebungen folgend.

„Teich“ ist ein Buch, das sich nicht sofort öffnet. Man muss sich dem Sprachfluss anvertrauen, in der Stimmung sein für eine Blickwinkeländerung, sich einlassen. Und auch dann ist der Inhalt nicht leicht zu fassen, muss man Puzzleteilchen aneinander reihen, bereit sein, dem nächsten Gedankensprung zu folgen. Dabei ist der Roman nicht hektisch, eher im Gegenteil fokussiert auf einzelne Momente, Überlegungen. Und da hat der Gedanke, ob eine Banane zum Frühstückskaffee passt, dieselbe Wertigkeit wie die Frage, ob von dem einsamen männlichen Wanderer irgendeine Gefahr ausgeht.

Es gibt Schriftsteller, deren Gedanken mäandern flussgleich. Hier dagegen passt der Buchtitel „Teich“ hervorragend, denn es werden immer neue Aspekte einer in sich abgeschlossenen Welt betrachtet. Die Frau, das Cottage, die Landschaft drumherum. Mehr braucht es nicht.

Ich danke dem Luchterhand Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

Machtspiele

Der Neue von Tracy Chevalier

Der Neue

Tracy Chevalier

Aus dem Englischen von Sabine Schwenk

erschienen 2018 im Knaus Verlag

ISBN 978-3-8135-0671-6

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Und wieder ein neuer Band im Hogarth Shakespeare Project. Diesmal ist es Tracy Chevaliers Bearbeitung von „Othello“. Die Autorin selbst war mir kein Begriff, ihren Bestseller „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ habe ich nicht gelesen, andere Bücher auch nicht. Vielleicht wird sich das ändern, denn ihre Version von „Othello“ hat mir wirklich gut gefallen. Ich mag ihre Art zu schreiben, zu beschreiben, den Fluß, die Sprache.

Osei, Sohn eines ghanaischen Diplomaten, kommt im letzten Monat des Schuljahres in eine neue Klasse. Eigentlich unnötig, denn der Wechsel zur Junior High steht bevor und die Klassen werden somit umverteilt. Osei hat einige Erfahrung mit Schulwechseln, für einen Diplomatensohn ist das unvermeidbar. Erfahrungen hat er auch damit, das einzige farbige Kind zu sein, er weiß, wie er sich zu verhalten hat, was zu beachten ist.
Mit seiner Ankunft verschieben sich Interessenströme auf dem Schulhof, etwas, das Ian, der diese Strömungen zu kontrollieren vermeint, nicht zulassen kann. Und so hat Osei nur durch den Umstand seiner Ankunft einen geheimen Feind…

Tracy Chevalier verlegt Shakespeares Tragödie auf den Schulhof einer Elementary School in den 1970er Jahren. Dabei unterlaufen ihr in der Anlage des Romans zwei Schnitzer, die ich gleich zu Anfang erwähnen möchte. Zum einen sind die Schüler dieses Romans zehn, elf Jahre alt, ihr Verhalten entspricht aber dem von ca Dreizehnjährigen. Aufgefallen ist mir dies nur, weil ich nachgeschlagen habe, in welchem Alter eigentlich die Junior Highschool in den USA beginnt. Wenn man sich also vorstellt, man hätte es mit Teenagern zu tun, dann liest sich der Roman weitaus schlüssiger. Zum anderen geht es um die Rassentrennung und ihre Aufhebung. Die erfolgte 1964. Und nicht friedlich. Noch in den Siebziger Jahren wurden farbige Schüler teilweise mit Bussen in weit entfernte Schulen gefahren, um eine „gleichmäßige Mischung“ zu gewährleisten. Kein farbiger Vater, keiner der Rassismus am eigenen Leib erlebt hat, hätte sein Kind an eine rein weiße Schule geschickt, nicht für einen Monat bis zum Schulwechsel. Das wäre ein lebensgefährliches Unterfangen gewesen, ein gänzlich unnötiges Risiko.

Von diesen beiden grundlegenden Schnitzern abgesehen, ist der Roman sehr dicht geschrieben. Gemäß den aristotelischen Regeln der Einheit von Zeit und Ort spielt sich alles an einem Tag in der Schule ab. Dadurch ist der Handlungsrahmen sehr eng gesteckt, die Handlung intensiv und unverwässert durch Nebenhandlungsstränge. Alles baut sich, zumindest für mich, schlüssig aufeinander auf, auch wenn das Ende dann recht plötzlich kommt.
Als Mutter, und „Othello“ kennend, habe ich den Roman mit einem stetig wachsenden Stein im Magen gelesen. Man weiß ja, was kommt, kommen muss, und hofft doch darauf, dass in diesem Falle irgendjemand rechtzeitig eingreift, dass es nur dieses eine Mal gut ausgeht.
Heutzutage benimmt sich ja kaum noch jemand tragödiengemäß, daher ist es eine großartige Idee, Kinder auf der Schwelle zum Jugendlichen zu wählen, Teenager, die ja doch immer zwischen tiefster Trauer und höchster Freude schwanken, die sich emotional noch nicht eingependelt haben, die einen Tag mit Puppen spielen und am nächsten verliebt sind „auf immer und ewig“. Nur dort können Gefühle in so kurzer Zeit so hoch kochen, kann erste Liebe in abgrundtiefe Verzweiflung umkippen innerhalb eines Tages.

Und so kann ich sagen, ganz aus dem Bauch heraus, ohne Sprache, Stil, Aufbau etc mit den anderen Büchern der Reihe zu vergleichen, dass dieser Band für mich der bisher schlüssigste ist, der, der mich am meisten gepackt hat, der, der für mich am ehesten den Kern der Sache erfasst hat, nämlich an die Wurzel der Urgefühle des Menschen zu gehen und das, was dort lauert, in Worte gefasst ans Tageslicht zu bringen.

Ich danke dem Knaus Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

Weitere Besprechungen zu diesem Buch:

BritLitScout https://britlitscout.wordpress.com/2018/04/16/othello-auf-dem-pausenhof/