Eine Reise in die Antike

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Eine Odyssee
Mein Vater, ein Epos und ich
Daniel Mendelsohn
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork
erschienen am 04. März 2019 im Siedler Verlag
ISBN 978-3-8275-0063-2

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Es gibt sie meist nur einmal im Jahr, diese ganz besonderen Bücher, die sich abheben von der Masse, die anders sind, in kein Raster passen. In diesem Jahr scheint das Mendelsohns „Eine Odyssee“ zu sein. Das Buch eines Altphilologen über die Irrfahrten des Odysseus, aber auch darüber, was man heute noch aus einem jahrhundertealten Epos lernen kann und ein Buch über Beziehungen, zwischen Partnern, zwischen Eltern und Kindern. Weiterlesen

Schach

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Ein Kampf
Patrick Süskind
Illustriert von Sempé
erschienen am 20. März 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07011-8

Im lokalen Buchhandel erhältlich.

 

Für mich zählt Patrick Süskind zu den herausragenden Schriftstellern deutschsprachiger Literatur. Egal, ob Theater (Der Kontrabass), Roman (Das Parfum) oder wie hier, eine Kurzgeschichte, sein Stil ist unverkennbar, ebenso elegant wie präzise im Ausdruck.
„Ein Kampf“ erzählt von einem Schachspiel im Jardin du Luxembourg in Paris.
Und Schachspieler im Park sind in der Tat eine Geschichte wert. Mein Exmann verschwand jedes Wochenende über Stunden im Hamburger „Planten und Blomen“, mit dem Schachbrett unter dem Arm. Es trafen sich dort, zumindest zu meiner Zeit, ausschließlich Männer, die ihren eigenen Trojanischen Krieg zu führen schienen. Diejenigen, die gerade keinen Spielpartner hatten, standen dabei leise kommentierend drumherum. Männer, die sich im normalen Alltag nicht einmal angesehen hätten, verbrachten ihre Zeit miteinander. Ausschlaggebend für Anerkennung war nur überlegtes Spiel. Jeder Neuankömmling musste sich seinen Platz in der Gemeinschaft erst erkämpfen. Archaische Stammesrituale sozusagen.
In Süskinds Kurzgeschichte nun treffen ein Unbekannter und der Lokalmatador aufeinander. Aber es geht nicht nur um Schach, sondern auch um Gruppendynamik, Ehre und Moral.
Begleitet und untermalt wird der Text von den hinreissenden Zeichnungen Sempés. Da flanieren Menschen durch den Park, schwingen Schachfiguren das Schwert, schaukeln ältere Herren heimlich beglückt mit der Aktentasche noch im Arm…
Dieses Buch ist ein liebevoll gemachter kleiner Schatz. Ein wunderbares Geschenk für Schachspieler, Liebhaber städtischer Parkanlagen und natürlich für jeden Bücherfreund.

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar. Es war mir ein Fest!

Bewegte Bilder

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Aus dem Licht
Marente de Moor
Aus dem Niederländischen von Bettina Bach
erschienem am 18.02.2019 im Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-26176-1

Erhältlich bei Eurem lokalen Buchhändler.

 

Dieses Lesehalbjahr gestaltet sich seltsam. Das ist nun schon das dritte Buch in Folge, neben „Babel“ und „Winterbergs letzte Reise“, das ich zwar für sprachlich brilliant halte, aber auch unfassbar anstrengend zu lesen. Vielleicht sollte ich meine Auswahlkriterien überarbeiten. Andererseits kann/soll/muss Literatur ja durchaus fordernd sein und eigene Grenzen verschieben… Weiterlesen

Wenn Manen mahnen

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Rückwärtswalzer
Vea Kaiser
erschienen am 07.März 2019 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05142-1

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Blut ist eben doch dicker als Wasser und niemand wird zurückgelassen. Zumindest nicht in der Familie Prischinger. Als Lorenz vor der Pleite steht und seine Freundin ihn verläßt, darf er ganz selbstverständlich bei seiner Tante Hedi und ihrem Lebensgefährten Willi einziehen. Seine beiden anderen Tanten Mirl und Wetti gehen dort auch ein und aus. In Notfällen halten die Prischinger eben zusammen. Ein ebensolcher Notfall ist Willis plötzlicher Tod. Denn der gebürtige Montenegriner möchte in seinem Heimatland begraben werden, allein es fehlt das Geld für die Überführung. Und so machen Lorenz und seine Tanten sich mit dem gefrorenen Willi auf dem Beifahrersitz seines Pandas auf den langen Weg nach Montenegro…
Vea Kaiser hat mit „Rückwärtswalzer“ ein gleichermaßen charmantes, witziges und berührendes Buch geschrieben. Leichtfüssig, aber nie seicht, erzählt sie mit Rückblenden vom Leben der Protagonisten von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart und macht damit deutlich, wie sehr unsere Vergangenheit uns prägt bzw. die Erlebnisse der Elterngeneration auf das Werden der Kinder einwirken. Sepp zum Beispiel, Lorenz‘ Vater, hätte sich als Kind Anerkennung für seinen Lerneifer gewünscht und darum überschüttet er seinen Sohn mit Lob, weshalb der wiederum sich für ein verkapptes Genie hält und erst lernen muss, auch auf andere einzugehen. So trägt jeder sein Päckchen und gibt es gewissermaßen unbewußt weiter. Und wird dabei seinerseits beeinflusst von den Taten der Ahnen (im Alten Rom „Manen“ genannt).
Dass man auch bei den engsten Verwandten häufig den größten Teil der prägenden Ereignisse nicht kennt, macht die Sache nicht einfacher. Denn so entstehen im Grunde unnötige Konflikte und Mißverständnisse.
Was hier eher dramatisch klingt, beschreibt Vea Kaiser schwungvoll und mit treffsicherem Humor. Ich habe mit den Schwestern gelacht, geweint, gelitten und gehofft, der Roadtrip möge einen guten Verlauf nehmen und Onkel Willi friedlich in montenegrinischer Erde enden.
Ich kann es nur wiederholen: ein charmanter, leichtfüssiger Roman, dem ich von Herzen viele Leser wünsche! Meine Leseliste jedenfalls ist mal wieder länger geworden, weil ich nun natürlich auch die anderen Romane der Autorin lesen möchte…

Ich danke dem Verlag Kiepenheuer & Witsch herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen zu diesem Roman:

Buchrevier https://buchrevier.com/2019/03/07/vea-kaiser-rueckwaertswalzer/
Andreas Kück Leselust https://andreaskueckleselust.com/2019/03/12/rezension-vea-kaiser-rueckwaertswalzer-oder-die-manen-der-familie-prischinger/

Unweit von Bagdad

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Babel
Kenah Cusanit
erschienen am 28.01.2019 im Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-26165-5

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1913. Robert Koldewey leitet die Ausgrabung Babylons und leidet an einer Blinddarmentzündung. Das ist, sehr knapp formuliert, der Inhalt des Debütromans von Kenah Cusanit. Die Altorientalistin legt mit ihrem ersten Roman ein sprachliches Meisterwerk vor. Selten habe ich so sprachverliebte, wohlformulierte Sätze gelesen. Dennoch, der Funke springt nicht über. Schon nach kurzer Zeit habe ich das Gefühl, Cusanit schreibt für einen exklusiven Menschenschlag, den Archäologie studiert habenden Leser. Minutiös breitet sie Koldeweys Handlungen vor uns aus, mit der Geduld, die wohl auch von Nöten ist, will man dem Boden historische Schätze entreissen. Mir wird der Text dadurch jedoch zu langatmig, kurz, er überfordert mich.
Die Überraschung: lautes Vorlesen hilft, den feinen Humor zu erkennen, den Faden zu behalten und mich nicht im Wortgewirr zu verlieren (da gewinnt der Titel noch eine ganz andere Bedeutung). Aber auch mein Mann winkt nach kurzer Zeit ab, dabei ist er deutlich geschichtsinteressierter als ich. Also kämpfe ich einsam weiter, hoffe auf Zugang, scheitere.
Mein Fazit: „Babel“ ist ein unglaublich sprachverliebter Text, fast schon zu durchformuliert. Cusanit schreibt sichtlich nicht für den Leser, sie schreibt eine Gesamtkomposition, in der jedes Wort sorgsam ausgewählt wurde. Und das ist tatsächlich auch der Grund, warum ich nicht aufgegeben habe. In diesem Roman finden sich großartige Sätze, Abschnitte. Da rückt der Inhalt tatsächlich in den Hintergrund.
Wahrscheinlich ist es Jammern auf ganz hohem Niveau, aber ich vermisse trotzdem eine gewisse Lebendigkeit zwischen den funkelnden Wortjuwelen. Und dann: eine Blinddarmentzündung bleibt eben eine Blinddarmentzündung, egal wie nett man sie beschreibt. Und 267 Seiten Blinddarm sind mir dann doch zuviel.

Weitere Besprechungen zu diesem Roman:

Die letzten kritischen Leser https://kritischeleser.wordpress.com/2019/03/12/babel/

 

Das Gespenst aus dem Hause Indebetou

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1793
Niklas Natt och Dag
Aus dem Schwedischen von Leena Flegler
erschienen am 01.03.2019 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-06131-5

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„Ein wilder und ungewöhnlicher Mix, der das ganze Krimigenre revolutioniert.“ So äußert sich laut Buchrückseite der Schriftsteller Arne Dahl zu diesem Roman. Ganz soweit würde ich nicht gehen, aber „1793“ gehört definitiv zum Besten, was ich an historischen Kriminalromanen bisher gelesen habe.
Dunkle Zeiten sind es, die Niklas Natt och Dag da ins Leben zurückruft. Die französische Revolution droht auch nach Schweden überzugreifen, der Thron ist umstritten, die Rechtsprechung willkürlich. Die Reichen sind sehr reich, die Armen bitterarm. Stockholm riecht in weiten Teilen nach Kloake, ein Menschenleben hat nicht viel Wert. In diesen Zeiten erregt eine Leiche recht wenig Aufsehen. Die eine aber, die diesen Roman in Gang bringt, ist so verstümmelt, dass doch zwei Menschen sich berufen fühlen, nach dem Mörder zu suchen: der an Tuberkulose im Endstadium erkrankte Jurist Cecil Winge und der einarmige Ex-Matrose Mickel Cardell. Dieses ungleiche Duo ergänzt sich erstaunlich gut, leider wird Winges Zustand keine Fortsetzungen zulassen.
Es ist nicht leicht zu lesen, was Winge und Cardell im Laufe ihrer Ermittlungen zu Tage bringen. Brutal ist der Roman, detailgenau und düster. Darin erinnert er mich an die Reihe um den französischen Kommissar Le Floch, die durchaus einen ähnlichen Aufbau hat und auch durch Detailtreue und historische Genauigkeit beeindruckt. Zudem ermittelt Le Floch in vergleichbaren Zeiten, nämlich kurz vor der Revolution in Frankreich.
Was diesen Roman für mich so außergewöhnlich macht, sind allerdings nicht der Mordfall und seine Grausamkeiten. Es ist die Zeit, die sich Natt och Dag für die Entwicklung seiner Charaktere läßt. Wir erfahren, wo sie herkommen, was sie umtreibt, wovon sie träumen oder was sie sich erhoffen. Und es gelingt ihm, den Roman dadurch spannender zu machen statt langatmiger. Im Grunde erleben wir eine Führung durch das Stockholm des Jahres 1793, durch Weinstuben und Gerichtssäle, vom Spinnhaus bis zum Adelsgut. Der Mord dient dabei streckenweise als roter Faden, der alles zusammenhält. Eine solche Konstruktion ist durchaus gewagt, aber in diesem Falle mehr als gelungen. Es ist also gar nicht genau zu sagen, was man da eigentlich liest, einen historischen Roman oder einen Krimi. Im Grunde ist das aber gleichgültig, wenn es denn so hervorragend geschrieben ist wie „1793“.

Ich danke dem Piper Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen zu diesem Roman:

literaturwerkstatt-kreativ/blog https://literaturwerkstattkreativblog.wordpress.com/2019/03/10/1793-von-niklas-natt-och-dag/
zeilenliebe https://zeilenliebe.com/2019/03/01/1793/

Charmante Überraschung

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Rendezvous mit einem Oktopus
Sy Montgomery
Aus dem Amerikanischen von Heide Sommer
am 27.Februar 2019 als Taschenbuch erschienen im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-24453-3

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Sie heißen Athena, Octavia oder Kali und sie sind empfindsame weibliche Wesen, neugierig, stark, selbstbewußt, aber auch voller Vertrauen und Kontaktfreude. Jede von ihnen ist ein Oktopus. Ein Oktopus? Auch Krake oder Tintenfisch genannt? Richtig, ein Oktopus.
Ein erzählendes Sachbuch nennt der Diogenes Verlag diesen wunderbaren Text von Sy Montgomery, der sich mit dem Wesen und der Seele dieser charmanten Tiere befasst. Nun liebe ich das Meer, wohne direkt an der Nordseeküste, aber mit Tintenfischen habe ich mich bisher nicht einmal frittiert beschäftigt. Ich habe sie mir, geprägt durch die Darstellungen in Büchern oder Filmen, immer als eklige Glibberteile mit Saugnäpfen vorgestellt, die mit Vorliebe in der Tiefsee lauern, um in passenden Momenten Hollywood-Piraten des Schiffs zu berauben. Oder so. Falls ich mir überhaupt Gedanken dazu gemacht habe.
Niemals wäre ich auf den Gedanken gekommen, ihnen das zuzusprechen, was ich für meine Haustiere als selbstverständlich betrachte: Gefühle und Intelligenz. Generell scheinen viele Menschen sich persönlich angegriffen zu fühlen, wenn man Tieren einen gleichwertigen Platz einräumt. „Vermenschlichen“ nennen sie das, wenn man von Bindung, Vorlieben und Abneigungen spricht und schütteln entsetzt das weise Haupt. Der Mensch als Krone der Schöpfung, das steckt in den meisten christlich geprägten Köpfen unverrückbar fest. Und so gilt es auch in der Verhaltensforschung als unprofessionell, Tieren Denkfähigkeit zuzusprechen.
Aber der Mensch scheint umdenken zu müssen. Und Bücher wie dieses, helfen dabei, sich selbst darüber klarzuwerden, wie vorurteilsbehaftet man mit Tieren umgeht.
Wenn selbst ein Seestern ohne Gehirn Neugier zeigen kann, wenn Fische ihre Pfleger erkennen, Kühe kuschelbedürftig sind und Hühner gerne umarmt werden, dann ist die Welt vielleicht gar nicht so, wie es uns der Biologieunterricht in der Schule weissmachen wollte.
Oktopusse jedenfalls sind hochintelligente Wesen, problemlösungsorientiert und humorvoll, gewitzt im Umgang mit Werkzeugen, bindungsfähig und charaktervoll. Nie hätte ich gedacht, dass mich ein Sachbuch über Kraken so begeistern könnte. Aber ich kann es wirklich jedem naturwissenschaftlich interessierten Menschen ans Herz legen. Und keine Sorge, Sy Montgomery weiß, wovon sie schreibt. Sie beobachtet diese Tiere schon lange, in Aquarien und auch in freier Wildbahn. „Rendezvous mit einem Oktopus“ ist ein ungewöhnlich spannendes und anrührendes Buch und definitiv lesenswert.

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Fünf Frauen

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Die Liebe im Ernstfall
Daniela Krien
erschienen am 27. Februar 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07053-8

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Über fünf Frauenleben erzählt Daniela Krien in ihrem neuen Roman.
Paula, geschieden und alleinerziehende Buchhändlerin, kann den Tod ihres zweiten Kindes nicht verwinden.
Judith, allein lebende Ärztin, sucht über Datingportale nach dem perfekten Match.
Brida, auch geschieden mit zwei Kindern, Schriftstellerin, möchte ihren Exmann zurück erobern.
Malika, Musiklehrerin, hat ihr Liebesleben auf eine Karte gesetzt und verloren.
Jorinde, Schauspielerin, hat aus Trotz geheiratet und möchte sich nun wieder trennen.

Unter den Buchbloggern wird dieser Roman wirklich bejubelt. Und Daniela Krien schreibt auch tatsächlich phantastisch. Einmal begonnen, mochte ich das Buch nicht mehr zur Seite legen.Die Sprache entwickelt einen eigenen Sog. Und das ist umso verwunderlicher, als der Inhalt mich zunehmend weniger packen konnte.
Fünf Frauen, fünf Leben, alle miteinander irgendwie verwoben, Freundinnen, Rivalinnen, Nachfolgerinnen. Und alle kreiseln sie um Liebe, Partnerschaft, Männer.
Paula verliert sich fast selbst für ihren Mann und seine sehr einseitige Weltsicht. Judith sucht den Einen, möchte dafür aber nichts aufgeben. Brida ist fixiert auf ihren Mann, wie auch Malika, ihre Vorgängerin. Und Jorinde hat es schwer, Beruf und Kinder zu vereinbaren.
Alle Frauen sind an der Liebe gescheitert. Das, was im besten Falle ein Leben lang halten sollte, ist zerbrochen. Hier findet man die starken Teile des Romans, in den Beschreibungen der Frauen und ihrer Versuche, sich wieder ans Licht zu kämpfen.
Wenn es allerdings um die Männer geht, dann strauchelt Daniela Krien. Zumindest für mich.
Da ist Ludger, Paulas Mann, ein Ekel erster Güte. Rechthaberisch, unsensibel, rücksichtslos. Wenzel, Paulas nächste feste Beziehung, dagegen ist die Fürsorge in Person. Und scheinbar braucht Paula einen Mann, damit es ihr besser geht.
Dann Götz, dieser schiere Wundermann. Charismatisch, gut aussehend, zärtlich, treu, familienbezogen. Seltsam nur, dass dieser Märchenprinz rücksichtslos seine Frauen verläßt, sobald sich ein neues Abenteuer anbahnt. Dabei aber problemlos die Neue mit der Alten betrügt, wenn es sich gerade so ergibt. Ist Daniela Krien nicht aufgefallen, wie unsensibel gerade dieser Mann geraten ist? Oder soll das so sein?
Torben, Jorindes Mann, hat den Moment verpasst, wo er hätte erwachsen werden müssen. Er ist wie ein großes Kind, extrem in seinen Ansichten und nicht bereit, Verantwortung zu übernehmen.
Während die Frauen Personen sind, sind die Männer des Romans Schablonen. Der Selbstgerechte, der Superheld, der Egoist…
Auffallend ist, dass die Männer durchgängig ihre Schritte selbst bestimmen. Es sind die Frauen, die sich anpassen, zurückstecken, aufgeben. Die Männer haben bestimmte Ansichten zum Leben, die Frauen akzeptieren das.
Ganz extrem bei Malika, für die Götz ein wahrer Himmelsbote ist, Garant für ein seliges Leben als Mutter und Ehefrau. Und die nach seinem Weggang ihre Träume aufgibt. Denn noch so ein egozentrisches A…, Verzeihung, so einen wunderbaren Mann wird sie nie wieder finden.
Sind Frauen wirklich so? So abhängig, so unselbständig? Oder so hart, wenn sie denn erfolgreich sind? Und sind wir denn wirklich alle nur darauf erpicht, den richtigen Kerl nach Hause zu tragen, um dann mit Kindern und Haustieren glücklich gen Sonnenuntergang zu schielen?
Schlußendlich verliert sich für mich irgendwann der rote Faden. Die Geschichte beginnt irgendwo und endet nirgendwo. Wir blicken auf einen Lebensausschnitt jeder Frau und … Ende. Das ist mir irgendwie zu wenig.
Der Roman ist hervorragend geschrieben, aber mit der Umsetzung des Themas werde ich leider nicht warm. Da es jedoch allen anderen Leserinnen anders zu gehen scheint, mag das auch an meiner ganz persönlichen Weltsicht liegen.

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen dieses Romans:

Zeilentänzer https://zeilentaenzer.blog/2019/02/27/die-liebe-im-ernstfall/
Studierenichtdeinleben https://studierenichtdeinleben.wordpress.com/2019/02/28/rezension-die-liebe-im-ernstfall-daniela-krien/
Buchstabenfaengerin https://buchstabenfaengerin.wordpress.com/2019/02/27/frisch-rezensiert-die-liebe-im-ernstfall-von-daniela-krien/
Nacht und Tag https://nachtundtag.blog/2019/02/26/meisterhafte-beschreibungen-der-liebe/

The beautiful landscape of battlefields, cemeteries and ruins

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Winterbergs letzte Reise
Jaroslav Rudis
erschienen am  25.02.2019 im Luchterhand Literaturverlag
ISBN 978-3-630-87595-8

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Dieses Buch ist eine Zumutung. Es ist großartig, anders, stellenweise unfassbar witzig, abgrundtief traurig, irrsinnig, todlangweilig, aber vor allem eine Zumutung. Man muss es lesen wollen, wirklich wollen. Nur, warum sollte man wollen wollen?
Kurz zum Inhalt, wobei man den Inhalt im Grunde nicht kurz, wenn überhaupt, zusammenfassen kann:
Jan Kraus, gebürtiger Tscheche, ist 1986 nach Deutschland geflohen. Dort ist er über Umwege Krankenpfleger und Sterbebegleiter geworden.
Derzeit versorgt er den 99jährigen Wenzel Winterberg, der schon in den letzten Zügen liegt (was würde er diesen Begriff „in den letzten Zügen liegen“ lieben, zumindest wäre er Anlass für einen Vortrag). Winterberg hat aber noch eine Aufgabe zu erledigen und so reisen die Beiden per Zug (Winterberg liebt Züge), bewaffnet mit einem Baedecker von 1913, durch halb Mitteleuropa.
Der Leser erlebt diese Reise mit den Augen Jan Kraus‘, aber eigentlich ist der Roman ein fast durchgehender Monolog Winterbergs. Über Gott und die Welt, Kriegsschauplätze, Sehenswürdigkeiten, Bahnhöfe und Feuerhallen, jaja, neinnein, darüber, ob man „geschichtlich durchblickt“, über die Schlacht von Königgrätz, tschechisches Bier, Frauen, Zugfahrpläne. Ein nicht endenwollendes Gesabbel (nein, ich will es nicht anders nennen, will ich nicht), ähnlich einlullend wie lange Bahnfahrten. Und in diesem Fluss von Baedeckerabschnitten, Beschreibungen der Landschaft, Betrachtungen zur Geschichte finden sich immer wieder Hinweise auf das, was Winterberg quält, auf das, was Kraus mit sich herumschleppt und nicht verarbeiten kann. So dass man beim Lesen immer wieder aufschreckt, weil man denkt, man hätte den Zielbahnhof verpasst oder den Umsteigehalt, den einen wichtigen Hinweis halt, die Andeutung, die über Sinn und Unsinn entscheidet, aber schnell folgt der nächste Redeschwall, der Zug fährt weiter.
Warum also, zum Henker, sollte man sich das antun? Weder Kraus noch Winterberg sind sympathisch, man beginnt sie trotzdem zu mögen, sicherlich, ein wenig zumindest, aber vor allem beginnt man zu denken. Über den Krieg, über Diktaturen, über den Tod, darüber, was einen Menschen zerbricht und wie schnell das geht, wie unverhofft, wie wenig man planen kann, wie schnell man vom Täter zum Opfer wird und umgekehrt und auch darüber, wie sehr sich die Geschichte immer in der Gegenwart spiegelt.
Dieser Roman ist ein ganz und gar irrwitziges Projekt, sperrig. Er verlangt vom Leser Arbeit und Geduld und Durchhaltewillen. Und das ganz ohne Belohnung. Außer den Erkenntnissen, die man sich vielleicht beim Lesen selbst erarbeitet hat. Was dann wiederum mehr ist, als man von den meisten anderen Büchern sagen kann.
Und soll man diesen Roman nun lesen? Man soll. Wenn man denn bereit ist, sich einzulassen auf diesen Text. Wenn man sich nicht nur besäuseln lassen möchte von Literatur.Wenn man aktiv und selbständig denken möchte. Sonst begibt man sich in die Gefahr an hochgradiger Langeweile zu sterben. Irgendwo zwischen Königgrätz und Sarajewo.

Arg betulich

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Mord auf Selchester Castle
Elizabeth Edmondson
Aus dem Englischen von Peter Beyer
erschienen am 18.02.2019 im Goldmann Verlag
ISBN 978-3-442-48824-7

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Ich habe ja nun schon diverse Male erwähnt, dass ich gerne britische Krimis lese. Bei mir muss es durchaus nicht blutig sein, solange das Buch charmant, gerne ein wenig verschroben, aber logisch aufgebaut ist. Eben passend zu Kamin, Gummistiefeln und Hochmoor. Oder Scones, Tee und Hochadel. Ich scheue da kein Klischee…
Der Vorgänger dieses Romans, „Der Tote in der Kapelle“, entsprach dem weitestgehend. Schauplatz ist eine alte Burg und das dazugehörige Dorf. Es gibt ein ansprechendes Ermittlerduo, eine Teestube, einen Buchladen und einen verschwundenen Earl. Wunderbar zum Schmökern und Entspannen.
Der zweite Band nun baut auf dem ersten auf. Wobei das schon fast übertrieben formuliert ist. Sagen wir besser, der zweite Band spielt im gleichen Setting. Allerdings gibt es kaum Besuche im Dorf und somit auch keine putzigen Dorfbewohner, fehlt das Knistern zwischen den beiden Hauptpersonen Hugo und Freya zur Gänze, wirkt es ein wenig so, als wären der Autorin die Ideen ausgegangen. Kurz, die Handlung stagniert. Zwar wurde ein Nachfolge-Earl aus dem Hut gezaubert, ein Amerikaner gar, aber das Potential, das ein waschechter Amerikaner im traditionell-dörflichen Britannien geboten hätte, das wurde nicht andeutungsweise ausgeschöpft. Man überlege sich nur, welche schönen Szenen sich da auf der kalten, uralten Burg seiner Vorfahren hätten ergeben können. Stattdessen gibt es ein paar halbgare Mordversuche, denen der gute Mann mühelos entrinnt bzw die er kaum wahr nimmt. Wenn man auf mich mit einer Armbrust schießen würde, würde ich danach übrigens nicht entspannt durchs Dorf tapsen. Aber ich bin ja auch kein Earl.
Nein, dieser zweite Band war selbst mir zu spannunglos. Da helfen auch keine Spielchen mit alten elektrischen Leitungen im Wintergarten. Da hätte nur noch ein erzählerischer Blitzschlag helfen können, aber der blieb leider aus.

Weitere Besprechungen:

Esthers Bücher https://esthersbuecher.wordpress.com/2019/02/24/elizabeth-edmondson-mord-auf-selchester-castle/