Was für ein Theater!

27849517_1711472188898549_1058673969_n

Eine leichte Komödie

Eduardo Mendoza

Aus dem Spanischen von Peter Schwaar

erschienen 1998 im Suhrkamp Verlag

ISBN 351841002-4

 

Der 1943 in Barcelona geborene Eduardo Mendoza ist einer der bekannteren Schriftsteller Spaniens. Als sein größter Erfolg gilt der Roman „Die Stadt der Wunder“, im Grunde ein Buch über Barcelona zwischen 1888 und 1929. Mendoza beschäftigt sich in seinem Werk vornehmlich mit der Zeit des Franco-Regimes und den Auswirkungen auf Land und Menschen.
In „Eine leichte Komödie“ geht es um den alternden Frauenheld und Komödienschreiber Prullas, einen Menschen, der offensichtlich sich selbst ins Zentrum seiner Welt gesetzt hat. Reich verheiratet und somit bar aller drängenden Sorgen, lebt er vergnügt vor sich hin, nimmt es mit der ehelichen Treue nicht allzu ernst und labt sich am Erfolg seiner Bühnenstücke. Die werden traditionell von seinem Jugendfreund Gaudet inszeniert und mit immer derselben Darstellerin in der Hauptrolle aufgeführt. So vergeht die Zeit und unbemerkt von Prullas geraten seine Komödien aus der Mode und seine Freunde entwickeln andere Interessen. Als ein Theatermäzen, mit dem er sich eine Liebschaft geteilt hat, ermordet aufgefunden wird und er unter Hauptverdacht gerät, rüttelt ihn das für eine Zeit auf. Er geht sogar so weit, selbst zu ermitteln und ihm unbekannte Milieus zu erkunden.

Sprachlich ist dieser Roman überragend. Man hat den Eindruck, jede Formulierung, jeder Satz, jedes Wort ist genauestens geprüft und passend geschliffen worden. Der Einblick in die Gesellschaft Spaniens zu Anfang der Fünfziger Jahre ist überaus interessant. Mendoza lässt Prullas durch diverse Gesellschaftsschichten wandern, von der reichen Oberschicht über die Künstlerszene bis zu den Elendsvierteln. Jede Schicht hat ihren eigenen Klang, ihre eigene Art sich auszudrücken und sich zu verhalten. Besonders spannend sind dabei die Beamten der Ermittlungsbehörde, die es gewohnt sind, willkürlich und nach eigenem Ermessen zu arbeiten und dabei als Maßstab durchaus persönliche Zu- und Abneigungen ansetzen.
Ansonsten kann man bei der Lektüre erfahren, wie eine vom „machismo“ geleitete Gesellschaft funktioniert. Frauen sind entweder „hübsche Käferchen“, dann sind sie perfekt für den nächsten Seitensprung oder unansehnlich, dann sind sie einsetzbar als Dienstmädchen. Wenn sie in ihrer Rolle nicht wie gewünscht funktionieren, wird auch schon einmal über eine Lobotomie nachgedacht. Das ist zwar literarisch hochwertig gemacht, aber ansonsten recht wenig erbaulich.

Trotz der meisterhaften Umsetzung, der wohlgewählten Worte, der durchdachten Konstruktion, des interessanten Plots will der Funke allerdings bei mir nicht überspringen. Ich habe mich zwingen müssen, das Buch zu lesen. Das mache ich eher selten, aber in diesem Falle habe ich wirklich alles daran gesetzt, einen Einstieg zu finden. Es war ein Gefühl, als würde ich in einem Museum hinter einer Glasscheibe ausgestellte Artefakte betrachten.
Nun muss ich gestehen, dass mir spanische und lateinamerikanische Literatur häufiger nicht liegt. Ob es an der Sprachmelodie liegt, an der Umsetzung, an den Themen, ich vermag es nicht zu sagen.
Wer Sittenbilder und Gesellschaftsromane mag, und sich vielleicht sogar für Spanien in der Nachkriegszeit interessiert, der sollte zumindest einen Versuch wagen.

Winter der Seele

Der weite Raum der Zeit von Jeanette Winterson

Der weite Raum der Zeit

Jeanette Winterson

Übersetzung Sabine Schwenk

erschienen 2016 im Knaus Verlag

ISBN 978-3-8135-0673-0

bestellen

 

„Der weite Raum der Zeit“ ist ein weiterer Band der Hogarth Shakespeare-Reihe, in der bekannte Autoren Werke von Shakespeare auf ihre ganz besondere Art nacherzählen. In diesem Falle hat sich Jeanette Winterson dem „Wintermärchen“ gewidmet.
Die 1959 in Manchester geborene Winterson bekam schon für ihr Erstlingswerk „Orangen sind nicht die einzige Frucht“ den angesehenen Whitbread-Prize. Inwischen ist sie eine weithin bekannte Feministin und Autorin, die diverse Bestseller veröffentlicht hat.

Leo, MiMi und Xeno sind bereits sehr lange befreundet. Doch urplötzlich vermutet Leo, seine hochschwangere Frau MiMi habe eine Affaire mit seinem Jugendfreund Xeno. In rasender Eifersucht versucht er Xeno zu ermorden, lässt das neugeborene Mädchen Perdita wegschaffen und verliert bei dem Versuch, das Land zu verlassen, seinen älteren Sohn Milo am Flughafen. Nachdem auch MiMi gegangen ist, bleibt Leo allein zurück.
Jahre später. Aus der kleinen Perdita ist eine junge Frau geworden, die sich durch Zufall in den Sohn Xenos verliebt. Und nach und nach lösen sie gemeinsam die Rätsel ihrer Vergangenheit.

Wintersons Interpretation bewegt sich sehr nah am Original. Im Grunde ist der Roman eine Übertragung der Geschehnisse in die heutige Zeit. Erstaunlich ist, welche Wucht diese uralte Erzählung entwickelt, wenn man das Märchenhafte vorsichtig abstreift und Sprache und Setting dabei anpasst und wie glaubhaft diese doch eigentlich völlig unglaubhafte Geschichte dadurch wird. Winterson gibt ihren Charakteren einen Unterbau, eine Herkunft, die ihre Handlungsweise erklärt und sie nutzt die Gegebenheiten, die unsere Welt heute bietet. Es ist einfach, in einer Großstadt wie Paris spurlos zu verschwinden, ein Mädchen kann im ländlichen Amerika unbemerkt vom in London weilenden Vater aufwachsen und trotzdem ist alles nur wenige Flugstunden voneinander entfernt.
Einzig der Strang um das Computerspiel mit den verlorenen Engeln ist für mich zu übertrieben, will sagen esoterisch dargestellt. Und eigentlich hätte das Buch ihn gar nicht gebraucht, denke ich, denn die Wirkung ist auch ohne herumflatternde Federn enorm.

Das Schöne an den Büchern der Hogarth-Reihe ist, dass jeder Autor einen anderen Weg wählt, Zugang zu den Werken Shakespeares zu finden. Dass jedes Buch völlig anders ist in Stil, Umsetzung und Herangehensweise. Das zeigt, wie vielseitig dieses Werk ist, aber auch, wie viele Interpretationsmöglichkeiten es gibt. „Der weite Raum der Zeit“ ist für mich eine sehr gelungene Mischung aus einem Teil Shakespeare und einem Teil Winterson. Jeanette Winterson verschwindet nicht hinter dem Meister, sie bringt ihren eigenen Stil und ihre eigenen Schwerpunkte in die Geschichte und schafft damit, nicht ganz mühelos, aber trotzdem sehr wirkungsvoll, den Spagat zwischen Alt und Neu, zwischen Gestern und Heute.

Ich danke dem Knaus Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Aschenputtel im Savoy

Das Maedchen aus dem Savoy von Hazel Gaynor

Das Mädchen aus dem Savoy

Hazel Gaynor

Übersetzung Claudia Geng

erschienen 2018 bei Blanvalet

ISBN 978-3-7341-0508-1

bestellen

 

Savoy, the home of sweet romance
Savoy, it wins you at a glance
Savoy, give happy feet a chance
To dance
(…)
Dieser berühmte Songtext von Irving Caesar und Vincent Youmans aus den Dreißigern könnte gut als Motto dieses Romans gelten, auch wenn der gut ein Jahrzehnt früher spielt.
Die junge Dorothy ist aus der englischen Provinz nach London gekommen, um dort die Bühnen des West Ends zu erobern. Ihr größter Traum ist es, Revuetänzerin zu werden. Eine Anstellung im glamourösesten Hotel seiner Zeit, dem Savoy, soll ihr weiter helfen. Dort steigen die Stars und Sternchen ab und die Geldgeber, die die Fäden im Hintergrund ziehen. Durch einen Zufall lernt sie den gutaussehenden Komponisten Perry Clements kennen, dessen Schwester Loretta eine der ganz großen West End-Diven ist. Die Steine kommen für Dorothy ins Rollen. Doch zuvor muss sie lernen, dass man die Vergangenheit nicht abstreifen kann wie ein zu alt gewordenes Kleid…
„Das Mädchen aus dem Savoy“ ist ein klassischer Aschenputtelroman, vermischt mit dem „Anna geht zum Ballett“-Thema und einem Hauch von „My fair Lady“. Ein junges Mädchen auf dem steinigen Weg zum Varietestern, Fee in Form von alterndem Showstar inclusive. Kein Klischee wird ausgelassen, von der Besetzungscouch über die „Sei eins mit der Musik“-Nummer bis zu der Tatsache, dass man angeblich Tanzen lernen kann, in dem man bei guten Tänzern abguckt. Ernsthaftes Training wird bei so viel überbordendem Talent scheinbar gar nicht benötigt.
Aber Märchen sind nun einmal nicht logisch oder auch nur wahrscheinlich aufgebaut – und der Roman ist genau das, ein Großstadtmärchen. Zudem ist er auch noch charmant geschrieben, mit wirklich liebenswürdigen Charakteren und trotz der immerhin 511 Seiten keineswegs langweilig. Ideal also um für einige Zeit das winterliche Grau und das Nieselwetter zu vergessen und mit Dorothy den Traum vom Rampenlicht zu träumen, die staubige Theaterluft zu atmen und den Fünf-Uhr-Tee im Savoy zu zelebrieren.
Ein Unterhaltungsroman im besten Sinne, mit der richtigen Mischung aus Glamour und Spannung.
How my heart is singin‘
While the band is swingin‘
Never tired of rompin‘
An‘ Stompin‘ with you at the Savoy
(…)
Ich danke dem Blanvalet Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.
Die im Text verwendeten Liedzeilen entstammen dem Song „Stompin‘ at the Savoy“ von Irving Caesar und Vincent Youmans.

Die ewigen Jagdgründe

Pressebild_Tod-in-HollywoodDiogenes-Verlag_72dpi

Tod in Hollywood

Evelyn Waugh

Übersetzung von Andrea Ott

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-24421-2

bestellen

 

Achtung, dieses Buch ist böse! Es enthält eine geballte Ladung schwarzen Humor aus der spitzen Feder Evelyn Waughs, des Meisters der treffsicheren Pointen und brillanten Formulierungen.

Waugh, der 1947 nach Amerika reiste, um Details zur Verfilmung seines wohl berühmtesten Buches „Wiedersehen in Brideshead“ zu klären, stolperte über den dort üblichen Umgang mit Toten und Beerdigungen. Das inspirierte ihn zu dem Roman „Tod in Hollywood“, wo er mit großem Vergnügen die Kuriositäten des amerikanischen Bestattungswesens unter die Lupe nimmt.

Der bislang in Amerika erfolglose britische Schriftsteller Dennis Barlow arbeitet beim Tierbestatter „Die ewigen Jagdgründe“, um finanziell über die Runden zu kommen. Dort werden mit größtem Aufwand und gemäß den Wünschen ihrer Halter die verstorbenen Lieblinge zurecht gemacht und zur letzten Ruhe gelegt. Großes Vorbild dabei sind „Die elysischen Gefilde“, das entsprechende Pendant aus der Menschenwelt, ein riesiges Gelände mit allen Schikanen, dem perfekten Tod gewidmet. Heerscharen von Meistern ihrer Kunst arbeiten an einer durchinszenierten Aufbahrungschoreographie, vom passenden letzten Gesichtsausdruck (erhaben oder amüsiert schmunzelnd, bei Kindern gerne mit strahlendem Engelslächeln), über ein aufhübschendes Makeup bis zum aufwendig bestickten Totenhemd, vom Mahagonisarg bis zum passend duftenden Blumenarrangement.
Als ein Freund Barlows sich das Leben nimmt, ein ehemals erfolgreicher Drehbuchschreiber, der die Erfolgsleiter abwärts gerutscht ist, um schlußendlich sein Büro von jemand anderem besetzt zu sehen und daraufhin den Strick zu wählen, wird dem jungen Mann die Aufgabe übertragen, sich um die entsprechenden Bestattungsmodalitäten zu kümmern. So kommt er in Kontakt mit der liebreizenden Aimée Thanatogenos, einer Makeup-Artistin in den Diensten der „Elysischen Gefilde“ und…

Nun ja, ich möchte nicht zuviel verraten. Nur so viel: dem verstorbenen Freund Barlows dürfte im Leben nicht halb soviel Aufmerksamkeit zuteil geworden sein wie nach seinem Ableben. Und Evelyn Waugh scheint kein Freund amerikanischer Geflogenheiten gewesen zu sein. Selten schreibt er so bitterböse, lässt er an seinen Protagonisten so wenig gute Haare. Waugh wäre aber nicht Waugh, wenn er nicht trotzdem herrlich amüsante Stellen eingebaut hätte, wenn er nicht Witziges im Geschäft mit dem Tod entdeckt und den Finger darauf gelegt hätte, wenn es nicht ein paar entzückend skurrile und überspitzt dargestellte Charaktere gäbe, die einen böse kichernd zurücklassen.

Ich persönlich liebe die Romane Waughs sehr und ich hoffe, dass dieser Autor, dessen Bücher kein bißchen eingestaubt sind, dessen Sprache auch nach Jahrzehnten noch frisch und spritzig geblieben ist, dass dieser Autor noch lange, lange Zeit seine Leser finden wird.

Ich danke dem Diogenes Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Die wilden jungen Leute

Pressebild_Lust-und-LasterDiogenes-Verlag_72dpi

Lust und Laster

Evelyn Waugh

Aus dem Englischen übersetzt von pociao

als tb erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-24383-3

bestellen

 

Evelyn Waugh, 1903 – 1966, gilt als einer der besten Schriftsteller Großbritanniens. Viele seiner Bücher sind Klassiker, weltweit bekannt. Der Verlegersohn veröffentlichte 1928 seinen ersten Roman „Decline and Fall“, der gleich ein Erfolg wurde. 1930 folgte dann „Vile Bodies“, das uns hier in der Übersetzung von der wunderbaren Sylvia de Hollanda, genannt Pociao, vorliegt.

Der junge gutaussehende, aber bedauerlicherweise arme Adam wünscht die gutbetuchte und adelige Nina zu heiraten. Seine Versuche zu Geld und Ansehen zu kommen, um diesen Wunsch in die Tat umzusetzen, nutzt Waugh, um ein Portrait der jungen britischen Upper Class der Zwanziger Jahre zu zeichnen, die den Sinn ihres Lebens darin sieht von Party zu Party und von Skandal zu Skandal zu wandern.

Es gibt eine Tradition englischer Gesellschaftsromane, die mit Humor und Augenzwinkern die Eskapaden der oberen Zehntausend beschreiben. Am bekanntesten ist da sicherlich die Jeeves-Reihe von P.G. Wodehouse. Anders als Wodehouse schreibt Waugh allerdings mit deutlich spitzerer Feder und viel dunklerem Humor. Da bleibt einem bisweilen das Lächeln glatt im Halse stecken, wenn z.B. der abgehalfterte Society-Reporter einen letzten Skandal forciert, um dann den Kopf in den Gasherd zu stecken oder die junge Party-Queen ihre letzte große Party im Irrenhaus feiert.

Was diesen Roman trotzdem so amüsant und auch charmant macht, sind erstens die einfach brillante Schreibweise, die geschliffenen Pointen und hintersinnigen Formulierungen und zweitens die Art, wie Waugh den Lebenshunger einer Generation zeigt, die einen Krieg überlebt hat und den nächsten schon vor den Toren stehen sieht, einer Generation, die alles mitnimmt, was sich an Erlebnissen bietet, atemlos, masslos, sinnenfreudig. Und drittens ist es Waughs Lust an der Überzeichnung seiner Charaktere, die den wunderbar schrulligen Colonel Blount zum Leben erweckt oder die auf dem Vulkan tanzende Miss Runcible, die unbedacht und liebreizend einen Skandal nach dem nächsten auslöst.

Waugh zeigt meisterhaft, was Gesellschaft und Konventionen oder auch das Verleugnen derselben aus eigentlich liebenswürdigen und bisweilen schlicht unbedarften Menschen machen kann, zeigt, wie Societygrößen entstehen und vergehen, zeigt, was Klatsch anrichten kann, aber auch wie man ihn steuern und nutzen kann und hat mit „Lust und Laster“ den „Roaring Twenties“ ein unvergängliches Denkmal geschaffen, einen Roman, der auch nach fast einhundert Jahren nichts an Frische und Spritzigkeit verloren hat.

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit

46811

Montauk

Max Frisch

erschienen im Suhrkamp Verlag

ISBN 978-3-518-46811-1

bestellen

 

Montauk. Ein kleiner Ort an der Spitze von Long Island, Bundesstaat New York. Benannt nach dem Ureinwohnerstamm der Montaukett, bekannt durch seinen Leuchtturm – und Max Frisch. Der verbrachte 1974 nämlich ein Wochenende dort in weiblicher Begleitung und schrieb darüber.

Und während der alternde Frisch seine Zeit mit der jugendlichen Lynn teilt, sinniert er über vergangene Lieben und Wunden. Er versucht sein Erleben und seine Gedanken möglichst getreu wiederzugeben, ohne Streichungen und Hinzufügungen. Dabei nimmt er keine Rücksichten, nicht auf sich, aber auch wenig auf andere, schreibt über Schwangerschaftsabbrüche, Verletzungen, den Tod naher Personen, über Freunde, seine Frauen und seine Kinder, über seine Impotenz und das Altern.

Naturgemäss reisst er viele Themen nur kurz an, es ist ja eine Erzählung, keine umfassende Autobiographie. Der Veröffentlichung folgte ein Sturm der Entrüstung. Vor allem seine ehemaligen Partnerinnen waren verletzt und empört über die Art seines Schreibens. Als Autor des Textes war es eben Frisch, der entschied, über was er schrieb, wo in einer Erinnerung er den Punkt setzte und was er damit offenlegte und was er verschwieg. Das ihm das bewusst war, zeigt folgender Ausschnitt:

Dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser
und was verschweigt es und warum?

Damit ist „Montauk“ eigentlich nicht sinnvoll lesbar ohne eine genauere Kenntnis von Frischs Lebenslauf. Erst, wenn man die Erinnerungen mit konkreten Daten, den Lebensläufen der erwähnten Personen und den weiteren Verläufen der angerissenen Geschehnisse füllen kann, ergibt sich ein Gesamtbild. Für mich zumindest. Was man aber auch ohne dieses ganze Wissen spüren kann, ist die Einsamkeit, die Frisch scheinbar sein ganzes Leben lang umgeben hat und die aus jeder Seite des Buches dringt. Gescheiterte Beziehungen, wenig Bezug zu den eigenen Kindern, eine Geliebte, die zwar Gesellschaft, aber nicht zwingend Nähe bedeutet, dazu der menschenleere Strand und die Abgeschiedenheit des kleinen Küstenortes…

Und so möchte ich mit einer Strophe aus Erich Kästners Gedicht „Kleines Solo“ enden:

Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine.
Kennst das Leben. Weißt Bescheid.
Einsam bist du sehr alleine-
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.

Ich danke dem Suhrkamp Verlag sehr herzlich für das Leseexemplar.

 

 

 

Amüsant, aber…

Tagebuch einer Lady auf dem Lande von E M Delafield

Tagebuch einer Lady auf dem Lande

E.M. Delafield

erschienen 2012 im Manhattan Verlag

ISBN 978-3-442-54691-6

bestellen

 

Ich gestehe, ich habe eine relativ ungefilterte Vorliebe für alles Britische und tappe dabei auch gern in jede Klischeefalle, die meinen Weg kreuzt. Tee, Scones, Kamin, Jagdhunde, geblümte Tassen, Gartenbau – herrlich!

Daher ist es auch kaum verwunderlich, dass das „Tagebuch einer Lady auf dem Lande“ bei erster Sichtung sofort und augenblicklich erworben werden musste. Dieses Cover! Eine überaus elegante und erkennbar britische Lady betrachtet liebevollen Blickes eine Hyazinthe – mehr braucht es nicht, um mich zu überzeugen. Klappentexte, Buchvorstellungen, alles überbewertet. Mehr Ladies mit Hyazinthen oder Schneeglöckchen, meinetwegen auch Möhren, auf den Umschlägen und ich würde im Büchermeer versinken…

Nun gehöre ich aber zu den seltsamen Menschen, die die erworbenen Bücher auch lesen. Müsste man ja gar nicht. Man könnte ja auch Cover sammeln, so wie andere Briefmarken. Das wäre in diesem Falle allerdings doch schade, denn lesenswert ist das Tagebuch allemal.

Das 1930 erstmals veröffentlichte Buch enthält die gesammelten Texte einer wöchentlichen Zeitungskolumne und ist daher aufgeteilt in mehr oder weniger zusammenhängende Abschnitte. Das ist gut zu wissen, denn das Wort „Roman“ ist in diesem Falle tatsächlich eher irreführend. Die Tagebuchform macht aber alle eventuellen Zeitsprünge plausibel, die ursprüngliche Verwendung erklärt, warum vieles nur kurz angerissen und nicht weiter verfolgt wird. Berichtet wird über die Erlebnisse einer verheirateten Frau mit zwei Kindern, die mit Mann, Köchin und Kindermädchen in einem kleinen Dorf in Devon wohnt. Es geht um Geldprobleme, ungebetene Gäste, Dorffeste und dergleichen mehr. Das Ganze ist vergnüglich und frisch formuliert, besonders die kleinen Spitzen der französischen Gouvernante haben mir Freude bereitet.

Doch so ganz allmählich verging meine Freude. Man merkt nämlich auch deutlich, wie eingesperrt diese Lady ist durch die Konventionen ihrer Zeit. Die Kinder lieben und gerne um sich haben – das zeigt man besser nicht öffentlich, denn Disziplin und Benehmen sind es , was man von Kindern und Eltern erwartet; der Ehemann möchte ein auf seine Bedürfnisse ausgerichtetes Hauswesen, die seiner Frau sind da eher uninteressant – wie unliebsam, wenn eine Erkrankung ihrerseits alles durcheinander bringt; die Dorfgemeinschaft bestimmt über das Leben ihrer Mitglieder, ein Wohltätigkeitsbasar scheint sich an den nächsten zu reihen und immer ist tatkräftige Unterstützung vonnöten, eine Widerrede nutzlos, und der örtliche Adel sorgt mit Sonderwünschen für noch mehr Chaos. Zeitgleich müssen finanzielle Mißstände, aufsässiges Personal und andere Katastrophen bewältigt werden, so dass die Dame eigentlich immer vor der totalen Erschöpfung steht, das aber auf gar keinen Fall und niemals sich anmerken lassen darf, denn neben der ganzen zu bewältigenden Arbeit wird erwartet, dass sie adrett, gepflegt, hilfsbereit und immer liebenswürdig durch den Tag schwebt. Eigentlich unfassbar, aber wahrscheinlich trotz Überspitzung gar nicht so weit entfernt vom Alltag vieler Frauen Anfang des letzten Jahrhunderts.

Und nach der Lektüre habe ich mich gefragt, warum wir Frauen eigentlich auch heute noch viele unserer Rechte nicht wahrnehmen und uns reduzieren lassen auf Aussehen und Figur. Immerhin gibt es nun keine Ehemänner mehr, die uns vorschreiben dürfen, ob wir Freunde besuchen oder nicht, was für Bücher wir lesen und ob es Schinken zum Frühstück gibt oder Porridge. Nutzen wir also die Möglichkeiten, die wir haben und seien wir froh, dass Zeiten wie im Buch beschrieben, hoffentlich nicht wiederkehren!

Wenn das Cover schöner ist, als der Inhalt…

27267062_1697414030304365_1799804414_o

Tatjana

Curt Goetz

erschienen 1946 im Artemis Verlag, Zürich

Dieses Schätzchen stand schon länger ungelesen in meiner Bibliothek. Es ist ein Flohmarktfund, mitgenommen, weil erstens das Cover wunderschön ist und ich zweitens dachte, es ist von Curt Goetz, also ist es lesenswert.

Es ist ein schlichtes Taschenbüchlein, nicht besonders dick und vom Cover mal abgesehen, gänzlich unauffällig. Die Seiten sind vergilbt, die Ecken abgestossen, kurz: es wurde mehrfach gelesen, aber dabei offensichtlich liebevoll behandelt.

Curt Goetz war zu seiner Zeit, d.h. Mitte der zwanziger bis Ende der fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, einer der begabtesten deutschsprachigen Komödienschreiber. Seine Stücke wurden in fast allen Theatern aufgeführt, zu Hörspielen verarbeitet und unzählige Male verfilmt. Am bekanntesten ist wohl „Das Haus in Montevideo“, u.a. 1963 von Helmut Käutner verfilmt mit damaligen Größen wie Heinz Rühmann, Ruth Leuwerik, Paul Dahlke und Victor de Kowa.

„Tatjana“ nun entstand in der Zeit, in der Goetz in Amerika lebte und schrieb. Er war dort vom Ausbruch des Zweiten Weltkriegs überrascht worden und blieb. Der Inhalt ist kurz zusammengefasst: Ein gestandener Mann, verheiratet, Kinder, Arzt, verliebt sich unsterblich in eine minderjährige Cellospielerin. Er wirft sein ganzes vorheriges Leben über den Haufen, um mit Tatjana und ihrer Mutter um die Welt zu reisen. Als sie eine Lungenentzündung bekommt, heiratet er sie noch kurz vor ihrem Tode und vegetiert fürderhin als gebrochener Mann dahin.

Was klingt wie ein melodramatischer Abklatsch von Nabokovs „Lolita“, ist tatsächlich schon vorher, nämlich 1944 entstanden. Das Thema scheint also in der Luft gelegen zu haben. So wunderbar Goetz seine Komödien konstruiert hat, pointiert und wohlformuliert, so sehr ist ihm diese Novelle mißlungen. Allzu dramatisch sind manche Ereignisse, zu gefühlsduselig ist die Umsetzung. Wobei andere Leser das durchaus anders empfinden mögen.

Nichtsdestotrotz werde ich mein Büchlein natürlich weiterhin behütet im Regal stehen lassen. Aufgrund der Menge meiner gelesenen Bücher muss ich immer genau überlegen, was bleibt und was geht. Dieses bleibt. In Erinnerung an einen eigentlich hervorragenden Schriftsteller und weil jemand es trotz aller weiteren Schlichtheit sehr liebevoll mit diesem Cover ausgestattet hat.

 

Betörend

Pressebild_Das-ParfumDiogenes-Verlag_72dpi

Das Parfum

Patrick Süskind

erschienen 1985 im Diogenes Verlag

ISBN 3-257-22800-7

bestellen

 

Immer wieder wird die Frage gestellt, ob ich eigentlich ein Lieblingsbuch hätte. Und immer wieder muss ich sagen, dass es eine Reihe von Lieblingsbüchern gibt, aber nicht das Eine und Einzige. Süskinds „Das Parfum“ kommt dem jedoch recht nahe. Es muss etwa 1994 gewesen sein, als ich es zum ersten Male las. Ich war zwanzig und gerade in die Welt hinaus gezogen, vorher hatte ich jedoch am heimischen Theater eine Aufführung von „Der Kontrabass“ gesehen, ebenfalls von Süskind, und war mehr als begeistert. Damals hatte ich einen recht knappen finanziellen Rahmen, aber als ich „Das Parfum“ in der Auslage einer Buchhandlung sah, musste es mit. Und ich eine Woche hungern. aber das war es definitiv wert…

Seitdem habe ich den Roman bestimmt fünfzehn Mal oder mehr gelesen und kann mich immer noch begeistern am Sprachfluss und der Handlungsführung. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass alle wirklich großen Romane zeitlos sind? Dass wir in ihnen versinken unabhängig von Entstehungszeit und Moden? Dass ihr Inhalt funktioniert und ihre Charaktere lebendig bleiben auch nach Jahrzehnten?

Und ich bin ja nicht die Einzige, die den Roman liebt: neun (!) Jahre lang stand er auf der Spiegelbestsellerliste, wurde in über fünfzig Sprachen übersetzt und schlußendlich auch verfilmt. Und das trotz des öffentlichkeitsscheuen Autors, der genau ein Interview gab – und dann keines mehr.

Zum Inhalt möchte ich gar nichts sagen. Ich weiß, das gehört sich nicht bei einer Besprechung, aber trotzdem. Die, die es gelesen haben, kennen den Inhalt und die, die es noch nicht gelesen haben, diese Glücklichen, denen das erste Mal noch bevorsteht, die sollten das Buch einfach aufschlagen und beginnen zu lesen:

Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte.“ (…)

Wie gut, dass es nicht bei der eigentlich geplanten Kurzgeschichte geblieben ist…

 

Ein dramatisches Märchen

978-3-15-004385-1

Der Traum ein Leben

Franz Grillparzer

erschienen in der Universal-Bibliothek vom Reclam-Verlag

ISBN 978-3-15-004385-1

bestellen

 

Franz Grillparzer, österreichischer Dramatiker und hier in Deutschland zu Unrecht ein wenig in Vergessenheit geraten. „Der Traum ein Leben“ ist eines seiner bekannteren Werke. Grillparzer war Verehrer der spanischen Dramatiker, Pedro Calderon de la Barcas Werk „Das Leben ein Traum“ ist der Titel nachempfunden. Dort wird ein Thronfolger vom König unter Drogen gesetzt und darf probeherrschen. Als es misslingt, teilt man ihm mit, er hätte nur geträumt.

Hier nun möchte der junge Jäger Rustan, verführt durch die schmeichelnden Worte seines Sklaven Zanga, aus der dörflichen Enge ausbrechen und in die weite Welt hinausziehen, um Ruhm und Ehre zu suchen. Als es weder seiner Verlobten Mirza noch seinem Onkel Massud gelingt, ihn umzustimmen, bitten sie um eine weitere Nacht in ihrem Hause. Und diese Nacht hat es in sich: Rustan träumt sehr intensiv von der Zukunft, die schlußendlich so ruhm- und ehrvoll gar nicht ist. Am nächsten Morgen ist er heilfroh nur geträumt zu haben, lässt Zanga allein ziehen und bleibt glücklich im vertrauten Umfeld.

Was sich so simpel zusammenfassen lässt, ist eigentlich ein sehr farbenprächtiges Schauspiel mit Schlangen, Prinzessinnen, Kämpfen und viel orientalischem Klimbim, ein rechtes Märchen eben. Jedoch geschrieben in der Zeit des Biedermeier, daher endend mit der Besinnung auf Bescheidenheit und häusliches Glück. Die ganze pralle, lebensvolle Welt ist gefährlich, so scheint es. Sicherheit gewährt nur der heimische Herd.

Bis zu dieser Erkenntnis allerdings schwelgt Grillparzer in Abenteuern, in bunten Kostümen und Settings, in märchenhafter Pracht. Verführerisch ist seine „große, weite Welt“ allemal, der Fall ist umso tiefer, als Rustan erkennt, dass auch diese Pracht ihre Tücken hat.

„Der Traum ein Leben“ würde ich zu gern auf einer Bühne erleben. Und zwar in einer angemessen opulenten Inszenierung.  Angestaubt ist dieses Märchen noch lange nicht, auch wenn die Uraufführung schon 1834 stattfand. Und den biedermeierlichen Hintersinn kann man getrost auf die heutige Medienwelt übertragen. Da ist auch nicht alles Gold, was glänzt und die Qualität findet sich häufig in der Nische und nicht auf freiem Feld.