The Honourable Miss Fisher

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Tod am Strand
Kerry Greenwood
Aus dem australischen Englisch von Regina Rawlinson
erschienen am 13.Mai 2019 im Insel Verlag
ISBN 978-3-458-36405-4

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Ich bekenne es freimütig: ja, auch ich bin Miss Fisher-Fan. Ich habe sämtliche Staffeln der Serie gesehen und geliebt. Und es hat mich geärgert, dass die Buchreihe auf der die Serie beruht, allenfalls antiquarisch erhältlich war. Nun hat der Fischer Verlag einen Band der Reihe veröffentlicht. Nicht den ersten, nein, irgendeinen und ob weitere folgen, steht in den Sternen. Ich muss gestehen, dass mich das arg irritiert.
Aber nun zum Roman. Eine Blumenparade mit Miss Fisher als Blumenkönigin steht an, als eines der Blumenmädchen halbtot am Strand aufgefunden wird und Adoptivtochter Ruth spurlos verschwindet. Natürlich beginnt Phryne Fisher sofort zu ermitteln…
Dies ist tatsächlich einer der seltenen Fälle, in denen die Verfilmung besser ist als die Vorlage. Was im Film keck und spritzig daher kommt, ist im Buch doch eher betulich und altbekannt. Die spannungsgeladene Verbindung zu Inspector Jack Robinson, die in der Serie großen Raum einnimmt, ist im Buch eher nebensächlich als erotisch, dafür hält sich Phryne einen asiatischen Liebhaber nebst Ehefrau. Tatsächlich liest sich der Roman ganz nett und ist im Urlaub oder nach stressigen Arbeitstagen eine hübsche, aber seichte Ablenkung, mehr jedoch nicht. Ein Hoch auf die Serienmacher, die diese australische Miss Marple in die energiegeladene und glamouröse Miss Fisher verwandelt und damit die Serie so großartig gemacht haben!
2020 soll übrigens ein Miss Fisher-Film in die Kinos kommen, der Phryne wohl in die Kronkolonie Indien schicken wird. Ich bin gespannt.
Was nun den Verlag geritten hat, einen wahllosen Einzelband zu veröffentlichen, bleibt geheimnisvoll. Das nun wiederum passt aber irgendwie zum Titel der Reihe „Miss Fishers mysteriöse Mordfälle“. Vielleicht sind bei dem Blumenfest ja auch die Vorgängerbände verschollen…

Beat Generation

Martini fuer drei von Suzanne Rindell

Martini für drei
Suzanne Rindell
Aus dem Amerikanischen von Ute Brammertz
erschienen am 13.Mai 2019 im btb-Verlag
ISBN 978-3-442-71568-8

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1958, New York, Greenwich Village. Eine junge Generation mit großen Träumen diskutiert in den Clubs und Cafés über Literatur, Musik, Kunst und Kultur, Gott und die Welt. Sie sind im Aufbruch, bereit die Welt zu ändern, denkenredenhandeln schnell, im Rhythmus des Bebop.
Eden ist aus der Provinz nach New York gekommen. Sie möchte Lektorin werden. Ihr Job als Sekretärin bei einem großen Verlagshaus scheint der rechte Einstieg zu sein.
Cliff dagegen, Sohn eines bekannten Verlegers, sieht sich schon als Bestseller-Autor. Wenn nur das leidige Schreiben nicht wäre…
Miles forscht nach den Spuren seines Vaters in den Weltkriegen. Gleichzeitig arbeitet er zielstrebig daraufhin, Schriftsteller zu werden.
Suzanne Rindell folgt den Dreien auf ihrem Weg durch New York. Wir lesen, wie Cliff nach und nach Alkohol und Größenwahn verfällt, welche Probleme Miles aufgrund von Herkunft und Hautfarbe zu bewältigen hat, wie schwer es für Eden ist, als Frau im Verlagswesen einen Fuss in die Tür zu bekommen. Geschickt werden die drei Lebenswege verknüpft und gleichzeitig ein lebendiger Einblick in das bunte Treiben der Beat Generation gegeben.
Ein gut recherchierter, durchaus spannender Roman, der sich fast ausschließlich mit der Buchszene beschäftigt. Mit Schreibblockaden, Verlegerfreud‘ und Lektorenleid, mit Verlagsparties und der Suche nach dem nächsten Bestseller. Der ideale Sommerferienroman für Menschen wie mich also. Gute Unterhaltung auf sehr gutem Niveau.
Grund genug, auch Rindells bekanntestes Buch lesen zu wollen: „Die Frau an der Schreibmaschine“, über Singlefrauen in den Zwanziger Jahren. Und natürlich vor allem ein Anstoß sich mit den Autoren der Beat Generation zu beschäftigen, Jack Kerouac, Allen Ginsberg, William S. Burroughs, um nur die bekanntesten zu nennen.

Ich danke dem btb Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

reisswolfblog https://reisswolfblog.wordpress.com/2019/07/23/martini-fuer-drei-von-suzanne-rindell/

Herman Melville

Meistererzählungen
Billy Budd

Herman Melville
Aus dem Amerikanischen von Richard Moering und Günther Steinig
erschienen am 26.Juni 2019 im Diogenes Verlag
Billy Budd ISBN 978-3-257-24490-8
Meistererzählungen ISBN 978-3-257-24496-0

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Am 01. August 2019 wäre Herman Melville 200 Jahre alt geworden. Ein Anlass für mich, ihn neu zu entdecken. Mit etwa vierzehn Jahren habe ich seinen weltberühmten Roman „Moby Dick“ gelesen, damals ein eher traumatisches Leseerlebnis.
Diesmal habe ich mich für Melvilles Erzählungen entschieden, zu denen auch „Billy Budd“ gehört. Ein vorsichtiger Einstieg also, die Romane haben gerne ihre 800 Seiten.

Als drittes von acht Kindern wird Melville am 01. August 1819 in eine verarmende großbürgerliche Familie geboren. Der Vater versucht den Lebensstandard zu erhalten, verschuldet sich dabei jedoch hoffnungslos. Nach seinem frühen Tod versucht Melvlle sich mit allerhand Jobs über Wasser zu halten. Mit 21 Jahren heuert er auf einem Walfänger an, flieht aber beim ersten Zwischenhalt. Die nun folgenden recht abenteuerlichen Jahre führen zu Melvilles erstem Roman 1846 „Typee“. Weitere Werke folgen.
Melvilles Arbeit ist in weiten Teilen, nun, „maritim angehaucht“, man sollte ihn jedoch keineswegs darauf reduzieren. Vier der hier vorliegenden Erzählungen haben mich besonders angesprochen: Billy Budd, Benito Cereno, Bartleby und Der Glockenturm.
In „Billy Budd“ geht es um einen jungen Seemann, der nach einem scheinbaren Mord im Affekt zum Tode verurteilt wird. Die drohende ausbrechende Meuterei verhindert er noch selbst durch seinen letzten Ausspruch. Das Ganze hat mich sehr an die Hornblower-Romane erinnert: strenges, aber gerechtes Reglement auf englischen Kriegsschiffen etc. Ich muss gestehen, es war weniger der Inhalt als vielmehr die Umsetzung, die mich begeistert hat. Der Schreibstil entwickelt definitiv einen eigenen Sog, während der Inhalt mich recht kalt liess. Das liegt aber daran, dass diese ganze „ein Menschenleben für die Disziplin“-Geschichte, die ja oft Inhalt von Kriegsromanen ist, mir immer schon unverständlich war und ist.
Anders dagegen „Benito Cereno“. Der Befehlshaber eines Robbenfängers entdeckt ein gekentertes Sklavenschiff und leitet die Rettung ein. Melville gelingt es durchgängig, eine unterschwellig bedrohliche Stimmung aufzubauen. Der Leser erkennt recht früh, dass etwas nicht stimmt und ahnt auch, was es sein könnte, während der Protagonist im Dunkeln tappt. Nach heutigem Denken ist allerdings die Beschreibung der Sklaven sehr fragwürdig, 1855 dachte man da definitiv anders.
„Bartleby“ hat weitestgehend die Wallstreet als Schauplatz und ist einfach großartige Literatur. Bartleby, der namensgebende Protagonist, beginnt als Gerichtsschreiber in einer Kanzlei. Er ist unauffällig bis zu dem Tag, wo er eine Bitte mit „Ich möchte lieber nicht.“ beantwortet. Die sich daraus entwickelnde Geschichte ist surreal, kafkaesk (lange vor Kafka) und perfekt umgesetzt – ein echtes Juwel.
„Der Glockenturm“ handelt vom Bau eines ebensolchen Turmes, dem Guss der Glocke und einem dämonischen Baumeister. E.T.A. Hoffmann hätte das Thema nicht besser umsetzen können. Sein Coppelius hätte sich auf diesem Glockenturm recht wohl gefühlt.

Es war definitiv sinnvoll, Melville erneut zu lesen. Sein Schreibstil, sein Sprachfluss haben mich begeistert, wenn auch eher bei den weniger meerlastigen Werken. Als nächstes werde ich wohl „Mardi“ lesen,  eine literarische Umsetzung seiner Erlebnisse nach der Flucht von dem Walfänger und Verbindungsglied zwischen „Typee“ und „Moby Dick“.

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für die zur Verfügung gestellten Leseexemplare.

„Im Frühling liebe ich die Morgendämmerung“

Kopfkissenbuch von Sei Shonagon

Kopfkissenbuch
Sei Shonagon
Aus dem Japanischen von Michael Stein
erschienen am 15.April 2019 im Manesse Verlag
ISBN 978-3-7175-2488-5

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Sei Shonagon erblickt um 966 in Japan das Licht der Welt, als Tochter eines Provinzstatthalters. Sie erhält schon früh Zugang zu Literatur und Lyrik, ihr Vater ist ein anerkannter Experte für Dichtkunst. Das ist ungewöhnlich für ein Mädchen, aber es wird von einem sehr engen Verhältnis zwischen Vater und Tochter berichtet.
Etwa um 990 tritt Shonagon in den Dienst als Zofe der Kaiserin Sadako, dort beginnt sie ihr Kopfkissenbuch zu schreiben, eine Art Tagebuch. Sie berichtet über Hofklatsch und Intrigen, über Feste, ihr Verhältnis zur Kaiserin, über Vorlieben und Abneigungen.
Dem Manesse Verlag ist es zu verdanken, dass dieses Tagebuch nun erstmals vollständig übersetzt vorliegt. Nachwort, Personenverzeichnis und Anmerkungen komplettieren diese sorgfältig gestaltete Ausgabe, die es dem Leser ermöglicht seinen Blick eintausend Jahre zurück zu senden, an den japanischen Kaiserhof der Heian-Zeit. Shonagons Betrachtungen sind erstaunlich wenig gealtert, elegant formuliert und zeigen einen intelligenten und klaren Blick auf ihr Umfeld. Ihre Beschreibungen des Hofzeremoniells oder diverser Festlichkeiten sind lebendig und farbenfroh, ihre Charakterisierungen hochrangiger Persönlichkeiten sind zumeist überaus scharfzüngig und pointiert. Es ist ein wahres Lesevergnügen, Shonagon in ihre Welt zu folgen. Beeindruckend ist ihr Blick für Stimmungen, Natur oder Schönheit im Alltag. Die Kehrseite ist die Verachtung alles Häßlichen und Ärmlichen, ein typisches Verhalten privilegierter Menschen ihrer Zeit.
Besonders hervorzuheben ist an dieser Übersetzung das Fehlen jeglichen Japankitschs. Die Sprache ist poetisch und präzise, ohne falsche Überzuckerungen oder schwülstige Formulierungen. Daher ist es nur angemessen, Michael Stein für diese wunderbar feinfühlige Ausgabe zu danken, die einen Klassiker japanischer Literatur zu neuem Leben erweckt hat.

Ich danke dem Manesse Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Amerikanischer Klassiker

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Grashalme
Walt Whitman
Nachdichtung von Hans Reisiger
erschienen am 24.April 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-24497-7

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Ungefähr drei Monate lang lag dieser Band auf meinem Nachttisch, stückchenweise habe ich mich vorwärts gearbeitet. Damit habe ich nicht gerechnet, wirklich nicht. Ich habe still für mich zu lesen begonnen, dann beschlossen, diese Texte müssten laut gelesen werden, dann gemerkt, dass meine Stimme nicht klangvoll genug ist, also zurück zum stillen Lesen, dann bin ich doch wieder deklamierend durch das Zimmer gerannt… kurz, ich habe mich wirklich abgearbeitet und mir alle Mühe gegeben den Funken zu entzünden. Schließlich handelt es sich hier um einen der größten Klassiker der amerikanischen Literatur, geliebt von unzähligen Lesern. Von mir nicht, fürchte ich. Das macht mich nervös. Denn tatsächlich stellt sich ja ein Gefühl des Ungebildetseins fast augenblicklich ein, wenn ein seit Jahrzehnten gelobtes Buch, gar ein Meilenstein der Literatur, mich nicht berührt. Wobei das so komplett eigentlich gar nicht stimmt. Es hat mich fasziniert, wie weltoffen und vorurteilsfrei Whitman geschrieben hat. Ungewöhnlich für die Zeit und weit weg vom heutigen Amerika. Man fragt sich unwillkürlich, was Whitman, ein Verehrer Abraham Lincolns, wohl zu Trump und Konsorten zu sagen hätte, er, der von einem freien und stolzen Amerika träumte, frei von der Verstaubtheit Europas, mit Platz für die Träume eines jeden Menschen.
Hymnisch sind viele der Texte, dazu gemacht, laut verkündet zu werden, wenn nur nicht die Aufzählungen wären, für mich das hervorstechendste Stilmerkmal, andererseits ja typisch für Mythenschreibung. Dort stört es mich selten, hier dagegen schon. Warum? Wenn ich das wüßte.
Egal, wie lange ich Für und Wider erwäge, feststelle, daß mir „Grashalme“ aufgrund der Thematik, der Einstellung und der Schönheit der Sprache doch gefallen hätte haben müssen und obwohl ich mir den Zugang zu den Texten nahezu erzwingen wollte, es hat nicht funktioniert. Das zuzugeben fällt mir schwer, ich habe Grenzen schon immer nur ungern akzeptiert. Aber so ist es nun: ich kann leider keine aussagekräftige Besprechung schreiben, weil mir der Zugang zu den Texten fehlte.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Ein Krokodil in Tel Aviv

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Achtzehn Hiebe
Assaf Gavron
Aus dem Hebräischen von Barbara Linner
erschienen am 08. April 2019 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-71861-0

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Witzig. Rasant. Respektlos. Sehr unterhaltsam. Das verspricht der Klappentext des Verlages bei diesem neuen Roman des israelischen Bestsellerautors.
Witzig ist das Buch stellenweise durchaus, wenn man sich denn Stan und Ollie im modernen Tel Aviv vorstellen kann. Rasant ist es auch, immerhin ist der Protagonist Taxifahrer. Respektlos fand ich es eigentlich nicht, dafür manchmal ein wenig geschmacklos und wenn wir das „sehr“ streichen, stimmt der Rest auch.
Es fällt mir ein wenig schwer, den Finger auf die Wunde zu legen, nicht, weil ich nicht wüßte, wo es schmerzt, sondern, weil der Text sich als Krimi verkleidet hat und es daher unfair wäre, den Inhalt zu breit auszuwalzen.
Eitan Einoch, genannt „Krokodil“ (jaha, daher der wenig einfallsreiche Titel meiner Kolumne) ist Taxifahrer in Tel Aviv und außerdem gescheiterter Hobbydetektiv. Bei einer seiner Fahrten lernt er Lotta Perl kennen, eine charmante ältere Dame, die regelmäßig zum Friedhof gefahren zu werden wünscht. In einem ihrer Gespräche gesteht sie, Angst davor zu haben ermordet zu werden und engagiert Einoch, um in einer privaten Sache Nachforschungen zu betreiben. Dieser kontaktiert dafür seinen ehemaligen Kollegen Bar und wirft sich ins Getümmel.
Für mich ist Plausibilität wichtig, besonders bei einer Krimihandlung. Leider toben Bar und Einoch derartig naiv durch das Geschehen, dass mir der Spass recht schnell verging. Dazu kommen Handlungsteile, deren Wahrscheinlichkeit an Null grenzen, aber Dreh- und Angelpunkte der Story sind. Die achtzehn Hiebe des Titels sind nämlich reale Peitschenhiebe. Würde man die Person, die für die Verabreichung gesorgt hat, fünfzig Jahre später heiraten wollen, ohne Kontakt in der Zwischenzeit wohlgemerkt?
Von Seite zu Seite wurden mir die Protagonisten unsympathischer. Nun muss man Romanhelden nicht mögen, hier war es aber wohl eigentlich so angedacht. Vielleicht bin ich aber auch schlicht eine Generation zu alt. Ich fühlte mich an das Spiel „Scotland Yard“ erinnert, während ich mit dem Taxi über das Spielbrett, Verzeihung, durch Tel Aviv sauste. Vielleicht hätte ich auch besser ein männlicher Leser sein sollen, der sich für Viagra und schöne Frauen interessiert. Vielleicht…
Vielleicht ist dieser Roman aber auch einfach trotz der Jubelkritiken mittelmäßig. Oder ich bin zu miesepetrig für den Inhalt. Jedenfalls passen wir nicht zusammen, das Krokodil und ich.

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Chapeau, Mr. Wilder!

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Hat es Spass gemacht, Mr. Wilder?
Billy Wilder & Cameron Crowe
Aus dem amerikanischen Englisch von Rolf Thissen
erschienen am 06. Mai 2019 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-14008-5

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Unter dem Namen Kampa Salon bringt der noch junge, aber überaus engagierte Kampa Verlag Gesprächsbände heraus, mit namhaften Schriftstellern, Denkern, Regisseuren, Kulturschaffenden.
Und innerhalb dieser Reihe sind nun auch die Aufzeichnungen Cameron Crowes erschienen, der das rare Glück hatte, mit dem wohl bekanntesten Regisseur seiner Zeit, Billy Wilder, über seine Filme und sein Leben plaudern zu dürfen. Wilder drehte mit den damaligen Hollywoodgrößen, mit Audrey Hepburn, Marilyn Monroe, Marlene Dietrich, mit Jack Lemmon, Gary Cooper, Humphrey Bogart, um nur einige zu nennen. Jeder seiner Filme ist besonders, viele Filme sind auch heute noch weltweit bekannt und beliebt.
Es ist unfassbar großartig, dass es Crowe gelang, den interviewscheuen Wilder zu überzeugen, denn herausgekommen ist ein Gesprächsband, der gleichermaßen lebensklug, charmant und witzig ist. Der 90jährige Wilder plaudert aus dem Nähkästchen, erzählt von Dreharbeiten, von Schauspielermarotten, bewertet seine eigenen Filme und hat sogar bisweilen Tipps für seinen jungen Kollegen. Selbst das Privatleben wird gestreift, Wilders Jugend in Deutschland, der Verlust seiner Familie in Auschwitz. Wilder weicht dabei häufig geschickt aus, es gibt Bereiche, über die er sichtlich nicht sprechen möchte. Das ist nachvollziehbar zum einen und zum anderen bietet sein Hollywoodleben genügend Gesprächsstoff für den faszinierten Leser. Eine komplette Ära wird hier erneut zum Leben erweckt, Glanz und Glamour inklusive.
Ich interessiere mich schon recht lange für Filmgeschichte und kenne daher die meisten der angesprochenen Filme. Ich habe dieses Buch mit großem Vergnügen gelesen und füge es mit ebenso großer Freude meiner Film- und Theaterbuchsammlung hinzu. Für einen Leser, der keinen Billy Wilder-Film kennt, dürfte es allerdings ein wenig schwierig zu lesen sein. Am besten besorgt man sich vorher „Manche mögen’s heiss“, „Zeugin der Anklage“, „Sabrina“ oder „Das Appartement“ (oder alle zusammen) und sieht sich die Filme an. Wem sie nicht gefallen, dem ist eh nicht zu helfen und alle anderen können dann den trockenen Humor Wilders genießen, der schon seine Filme so herausragend gemacht hat.

Ich danke dem Kampa Verlag herzlich für das Leseexemplar und werde es hegen und pflegen und regelmäßig anstrahlen.

Pater Brown

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Pater Brown Stories
G. K. Chesterton
alle 2004 erschienen im Diogenes Verlag

 

Ich verbinde Pater Brown immer augenblicklich mit dem Schauspieler Heinz Rühmann, der die Figur in einigen possierlichen Filmchen verkörpert hat, die ich als Kind geliebt habe. Schlecht gewählt war die Besetzung, folgt man Chestertons Beschreibung, ganz sicher nicht, entspricht aber trotzdem nicht dem Geist der Geschichten.
Pater Brown, ein kleiner Mann mit großem Intellekt, sehr wendig, gütig, aber mit unverrückbaren Ansichten, sehr gläubig natürlich, aber ohne andere damit zu belästigen. Dieser ruhige, unauffällige Mann also kann um zig Ecken denken, bleibt an Lösungswillen und Findigkeit sicher nicht hinter Miss Marple oder Hercule Poirot zurück und löst so die kniffeligsten Kriminalfälle mit einem sanften Lächeln.
Gilbert Keith Chesterton war selbst der katholischen Kirche sehr verbunden, was man den Stories natürlich durchaus anmerkt. Gleichzeitig ist er aber ein Meister darin, sich die ungewöhnlichsten Szenarios auszudenken, von Diebstahl bis zu Mord. Pater Brown lässt er dann von den Indizien auf das Wesen des Täters schließen, d.h. Brown versucht die Denkweise des Täters zu verstehen, um größeres Unglück zu vermeiden. Ihm zur Seite steht häufig ein geläuterter Dieb, der nun als Detektiv arbeitet, ein Mann fürs Grobe, wenn benötigt.
Die Kurzgeschichten sind alle ein wenig betulich, aber niemals unspannend zu lesen. Immer wird wert auf Stil und Raffinesse gelegt, Blut fließt eher nebenbei. Die Lektüre eignet sich also hervorragend für Zugfahrten, Caféhausbesuche etc, ist aber sicherlich eher für Leser interessant, die Freude an altmodischen Winkelzügen und Konstellationen haben und zur Unterhaltung nicht sieben Leichen pro Seite benötigen. Ich mag die Stories sehr, weil sie zum einen so herrlich britisch sind und weil zum anderen Chesterton weit besser schreiben konnte als so mancher preisgekrönte Autor.
Vor geraumer Zeit habe ich mit Richter Di und Bruder Cadfael zwei weitere zu Unrecht fast vergessene Krimicharaktere beschrieben, da reiht sich Father Brown ganz wunderbar mit ein. Ein Hoch auf die Autoren, die ihre Reihen mit soviel Wortwitz, Charme und Intelligenz geschrieben haben, dass man auch heute noch jeden Band mit Vergnügen liest.

Agentenroman

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Kriegslicht
Michael Ondaatje
Aus dem Englischen von Anna Leube
erschienen am 11.August 2018 im Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-25999-7

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Ondaatje gehört für mich zu diesen Schriftstellern, die über Tütensuppen schreiben könnten und ich wäre immer noch begeistert.
Sein neuer Roman „Kriegslicht“ ist nicht zwingend an allen Stellen plausibel, manches erscheint arg überzeichnet, aber Ondaatjes Stil und seine besonderen Charaktere machen auch diesen Roman für mich zum Meisterwerk.
London, 1945. Unter mysteriösen Umständen werden Nathaniel und seine Schwester von den Eltern verlassen. Eine berufliche Reise entpuppt sich als Lüge, die Eltern bleiben spurlos verschwunden. Allerdings nicht ohne völlig fremden Personen die Aufsicht über ihre Kinder übertragen zu haben. Personen mit Namen wie „Der Falter“ oder „Der Boxer“.
Ondaatje beschäftigt sich hier mit den Auswirkungen englischer Spionageaufträge auf die Mitarbeiter. Mit Rache für Kriegsverbrechen. Mit fehlendem Schutz für Familienmitglieder. Stück für Stück gelingt es Nathaniel, die Vergangenheit seiner Mutter aufzudecken, ein Puzzle, bei dem die meisten Teile fehlen. Und er muss erkennen, dass seine Schwester keineswegs seine Erinnerungen teilt, sondern ganz eigene Vorstellungen davon hat, was damals passiert ist.
Ein literarischer Spionage-Roman also, sehr britisch und mit einem Sog, der mich nur ungern Lesepausen einlegen liess.
Ich weiß, dass die Geister sich an diesem Buch scheiden. Einige finden es komplett unrealistisch, andere wiederum, wie ich, lieben den Erzählstil, das Ondaatjesche „Flair“. Ich kenne mich zu wenig mit Wahrscheinlichkeiten im Leben von Spionen aus, um entscheiden zu können, ob die Geschichte so überhaupt hätte passieren können. Muss sie nämlich auch nicht, die Freiheit hat Literatur. Mir ist allerdings meistens wichtig, dass Charaktere in sich schlüssig aufgebaut sind, in ihren Handlungen glaubhaft sind. Und ich zumindest konnte den Verlauf nachvollziehen.
Daher: ein weiterer Roman des großartigen Schriftstellers, spannend, poetisch, gekonnt.

Weitere Besprechungen:

Esthers Bücher https://esthersbuecher.com/2019/05/04/michael-ondaatje-kriegslicht/
letteratura https://letteraturablog.wordpress.com/2018/08/26/verstehen-was-geschah-michael-ondaatje-kriegslicht-2/
Exlibris https://exlibris-jmalula.com/2018/09/14/kriegslicht/

Operation an der lebenden Schriftstellerin

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Erinnerung eines Mädchens
Annie Ernaux
Aus dem Französischen von Sonja Finck
erschienen am 02.10.2018 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-42792-7

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„How can we know the dancer from the dance?“ – Aus „Among School Children“ von William Butler Yeats

Diese Zeile ging mir beim Lesen von Annie Ernauxs Buch nicht aus dem Kopf. Sie schreibt über ihre Erinnerungen an sich selbst als junges Mädchen von 18 Jahren. Es ist der Sommer 1958 und Annie kehrt zum ersten Mal dem Elternhaus den Rücken. Sie ist Jugendbetreuerin in einem Sommercamp und voll freudiger Erwartung der Abenteuer, die da kommen mögen. Die lassen auch nicht auf sich warten. Nur werden sie Annie für immer belasten und Wunden schlagen, die nicht wirklich heilen.
Bücher wie dieses sind wichtig. Es ist gut und richtig, dass Frauen offen sprechen über Mißbrauch, und über das, was man heute Mobbing nennt. Es ist wichtig, dass Mädchen lernen, sich und ihren Körper wertzuschätzen und nicht den Begierden anderer zu unterwerfen.
Denn das, was mit Annie geschehen ist, ist sicherlich viel mehr Frauen genauso ergangen, als wir vermuten. Und solange die Schuld bei sexueller Nötigung auf die Frau abgeladen wird, herrscht eben Scham und Schweigen.
Deshalb ist es großartig, wenn gerade Frauen der älteren Generationen dieses Schweigen brechen, wenn sie imstande sind, die Geschehnisse im Nachhinein richtig einzuordnen, wenn sie erkennen, dass nicht sie diejenigen sind, die sich zu schämen haben.
Aber Annie Ernaux geht weiter. Sie seziert das Mädchen förmlich, das sie einmal war. Kühl und beherrscht analysiert sie die Umstände, versucht Gefühle nachzuvollziehen und daraus resultierende Handlungen. Die junge Annie könnte auch eine Fremde sein, ein erfundener Charakter. Das Ringen um Genauigkeit zeigt, dass es nicht so ist.
Aber, und damit kommen wir zu Yeats, wie tief muss die Verletzung gegangen sein, dass ein Mensch sich derartig von sich selbst trennen kann? Der Text ist in seiner kühlen Emotionslosigkeit erschütternd, emotionslos wohlgemerkt, nicht gefühllos. Annie Ernaux weiß sehr wohl, wie es dem jungen Mädchen ergangen ist, hat sich aber soweit abgekoppelt, dass sie über sich selbst nur Vermutungen anstellen kann:
“ Ich folge diesem Mädchen von Bild zu Bild, seit dem Abend, als sie mit ihrer Zimmergenossin den Keller betreten und H sie zum Tanzen aufgefordert hat, aber es gelingt mir nicht, die Bewegung zu verstehen, die Logik, die zu ihrem derzeitigen Zustand geführt hat.“
Es ist mir nicht leicht gefallen, dieses Buch zu lesen. Da, wo ich wütend geworden bin, blieb Ernaux kühl, da, wo ich am liebsten geschrien und getobt hätte gegen die Ungerechtigkeiten, gegen den Machtmißbrauch, gegen die damaligen Sitten, analysiert sie die Situation.
Und trotzdem, Frauen, lest Annie Ernauxs Erinnerungen, sie sind ein Meilenstein in der Frauenliteratur und öffnen die Augen über Machtstrukturen und die Mechanismen, die Frauen immer wieder in die Schuldfalle schicken. Und geht danach hoffentlich mit geraderem Rücken durchs Leben.