Being Julia

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Theater
W. Somerset Maugham
Aus dem Englischen von Renate Seiller und Ute Haffmans
erschienen am 01. März 1998 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-20163-5

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William Somerset Maugham ( 25.01.1874 – 16.12.1965) war lange Zeit einer der meistgelesenen Schriftsteller Englands. Inzwischen scheint er ein wenig in Vergessenheit zu geraten, was jedoch schade ist, weil er einen leichtfüssigen Schreibstil mit Niveau zu verbinden vermochte.
„Theater“ ist eine Gesellschaftskomödie, wie sie in den 30iger und 40iger Jahren des letzten Jahrhunderts  beliebt waren.
Die alternde Schauspielerin Julia Lambert ist mit dem gefeierten Regisseur Michael verheiratet, führt aber eine Affaire mit dem jugendlichen Buchprüfer Tom. Lord Charles Tamerly und die Kunstmäzenin Dolly de Vries sind ebenfalls in sie verliebt.
Nachdem Tom sie für eine Jüngere verlässt, Charles sie zwar anschwärmen, aber nicht wirklich berühren möchte und Dolly aus Eifersucht ihre Affaire fast an Michael verrät, stellt Julia erschöpft fest, dass sie für derartige Kapriolen wohl zu alt geworden ist.
Im Grunde ist dies der komplette Inhalt, nur ist das Ganze natürlich hübsch ausgeschmückt und mit ein paar wirklich amüsanten Szenen versehen.
Der Titel „Theater“ bezieht sich wohl mehr auf Julias Benehmen als auf ihren Beruf. Sie ist immer Diva, auf der Bühne oder dahinter. Das macht das Zusammenleben mit ihr nicht einfach, andererseits hat sie es aber auch nicht leicht mit dem selbstverliebten Michael.
Man merkt dem Roman an, wie sehr Maugham es genossen haben muss, die frivole Julia zu entwickeln, mit all ihrem Charme und all ihren Schwächen. Und so ganz glaubt man es ihr auch nicht, wenn sie am Schluss des Buches Enthaltsamkeit gelobt. Es wäre auch wirklich zu schade…
Der Roman wurde übrigens zweimal verfilmt, einmal mit Lilli Palmer und Charles Boyer 1962 und einmal mit Annette Benning und Jeremy Irons 2004.
Ich lese Maughams Romane immer wieder gern und empfehle sie daher auch wirklich gern. Guter Stil kommt eben selbst bei Romanen bisweilen mit Frack und Lackschuhen daher…

Aufbruch

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Damals
Siri Hustvedt
Aus dem Englischen von Uli Aumüller und Grete Oswald
erschienen am 05.März 2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-03041-4

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Eine junge Frau kommt aus der Provinz nach New York, um einen Roman zu schreiben. Komplett auf sich allein gestellt, versucht sie den Alltag zu bewältigen. Dabei trifft sie naturgemäß auf allerhand Menschen, auch sehr skurrile. Großstadt eben. Und nicht irgendeine, sondern New York. In den ersten Wochen erkundet die junge Frau die Stadt, fährt Strassenbahn, hält sich lange in Buchhandlungen auf, schreibt Tagebuch. Ein Jahr hat sie sich gegeben, ein Jahr lang hat sie ein Stipendium für vergleichende Literaturwissenschaften an der Columbia University, in diesem Jahr muss ihr Debütroman fertiggestellt werden, muss aus ihr eine Schriftstellerin werden.
Abgelenkt wird sie von der Nachbarin im angrenzenden Appartement, deren nächtelanges Gemurmel sie wach hält und immer mehr beschäftigt, bis sie sich selbst mit dem Ohr an der Wand wiederfindet…
Siri Hustvedt ist unbestritten eine der intelligentesten Autorinnen der Gegenwart. Und es ist wohl in vielen Teilen ihre eigene Geschichte, die sie hier verarbeitet. Was diesen Text so besonders macht, ist der kluge Blick auf die Details eines weiblichen Lebens in der Großstadt, die ungeschriebenen Do’s und Don’ts für Frauen im öffentlichen Raum, die selbstverständlichen Erwartungen der Männer an gutaussehende Frauen und die genauso selbstverständliche Übergriffigkeit.
Gleichzeitig erlebt man das Werden einer jungen Schriftstellerin, die Prägung der Großstadt auf das Landei, die spürbare Erweiterung des Horizonts und der sich wandelnde Blick auf das Umfeld.
Hustvedt schreibt aus der Warte der gereiften Frau, blickt auf die 23jährige und ihre Vorstellungen und Träume zurück, nutzt Tagebucheinträge, um sich dieser jungen Frau anzunähern. Während Annie Ernaux beispielsweise mit kühlem Blick versucht das frühere Selbst zu sezieren, spielt Hustvedt mit Fiktion und Realität. Der Leser vermeint, die Geschichte der Autorin wiederzuerkennen, kann sich dessen aber nie sicher sein.
„Damals“ ist mein erster Roman von Siri Hustvedt. Und während die Kenner andere Werke bevorzugen, haben mich Schreibstil und Aufbau hier vollkommen überzeugt. Was die Vorfreude auf weitere Romane nur erhöht.
Eine Bemerkung am Rande, die mich aber umtreibt: Siri Hustvedt wird oft vorgeworfen, sie protze beim Schreiben zu sehr mit ihrem Wissen. Warum genau findet man das z.B. bei Umberto Eco charmant und bei einer Frau übertrieben? Und was genau spricht eigentlich dagegen, Wissen einfließen zu lassen, wenn man es denn schon hat?
Es sind Schriftstellerinnen wie Siri Hustvedt, die einen rein männlichen Literaturkanon zu einer verstaubten Lächerlichkeit machen.

Ich danke dem Rowohlt Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

letteratura https://letteraturablog.wordpress.com/2019/06/27/memories-of-the-future-siri-hustvedt-damals/
literaturleuchtet https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/04/06/siri-hustvedt-damals-rowohlt-verlag/
LiteraturReich https://literaturreich.de/2019/04/13/siri-hustvedt-damals/

Abendstunden

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Feiertagskinder
Eduard von Keyserling
erschienen am 30.September 2019 im Manesse Verlag
ISBN 978-3-7175-2498-4

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2018 erschien im Manesse Verlag eine Komplettausgabe der Erzählungen Keyserlings, die mich vollkommen verzaubert hat. So war es natürlich keine Frage, dass ich den 2019 erschienen Band mit späten Romanen auch lesen musste.
Eduard Graf von Keyserling wird im Mai 1855 im baltischen Kurland geboren. Er geht auf ein deutsches Gymnasium und studiert im Anschluss Rechtswissenschaften in Dorpat. Wegen eines Skandals flieht er nach Wien, um dort Philosophie und Kunstgeschichte zu studieren.
Keyserling erkrankt schon in jungen Jahren an Syphilis, was später zu vielerlei körperlicher Gebrechen und Blindheit führt. Von 1895 bis zu seinem Tode 1918 lebt er in einem von seinen unverheirateten Schwestern geführten Haushalt in München.
Die in diesem Band zusammengefassten Romane erfassen die Werke der Jahre 1911-19: Wellen, Abendliche Häuser, Fürstinnen und das posthum erschienene Feiertagskinder.
Allen gemeinsam ist eine abendliche Untergangstimmung, das Wissen, dass mit dem Ersten Weltkrieg eine Ära beendet wird, ein Lebensstil untergeht.
Obwohl baltischer Herkunft beschreibt Keyserling doch das Leben in preussischen Adelshäusern, das Festhalten an sinnlos gewordenen Traditionen, das Warten auf Erlösung, das Erstarren in überkommenen Verhaltensmustern. Still ist es auf den Landgütern, häufig gibt es finanzielle Probleme und das Aufbegehren der Jungen erstickt an der leidensfähigen Duldermiene der Alten. In Keyserlings Romanen kommt der Verfall leise und schleichend, zeigt sich in ungesagt bleibendem, in sachte geschlossenen Türen, in einem unmerklichen Kopfschütteln, im Ablehnen alles Neuen. Unterbrochen wird die Stille höchstens durch einen Pistolenschuß, mit dem ein junger Adliger seinem sinnlos scheinenden, mit Spielschulden verdorbenem Leben ein scheinbar ehrenvolles Ende setzt.
Es ist die Kunst Keyserlings, dieses vermeintlich verstaubte Sujet in feine, schwebende Sätze zu fassen, Sätze von wunderbarer Eleganz und Leichtigkeit, deren Erdenschwere erst im Nachgang deutlich wird. Wie sterbende Schmetterlinge gleiten zarte Frauen durch abendliche Gärten, in ihrer anerzogenen Empfindsamkeit kaum lebensfähig. Überhaupt die Landschaftsbeschreibungen. Wie kein anderer nutzt Keyserling Wälder, Parks und Gärten, um Stimmungsbilder zu erschaffen, arrangiert Stilleben aus Blumen und Früchten, malt Portraits von weißen Sommerkleidern vor blühendem Phlox.
Das ist so großartig zu lesen, dass man sich wirklich fragt, wie es dazu kommen konnte, dass Keyserling heutzutage fast in Vergessenheit gerät? Wo doch der etwas handfestere Fontane mit bisweilen ähnlichem Stil auch weiterhin gelesen wird?
Es bleibt zu hoffen, dass kommentierte Ausgaben wie diese hier, die mit ihrem umfänglichen Anhang Keyserlings Leben und Zeit erfassbar machen, zu einer Wiederentdeckung führen. Meine Bibliothek wäre jedenfalls ohne seine Werke unvollständig.

Ich danke dem Manesse Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Hamutal

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Die Fremde
Stefan Hertmans
Aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm
erschienen am 11.Dezember 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-24506-6

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Stefan Hertmans Roman „Krieg und Terpentin“ war eine der großen Entdeckungen des Jahres 2018 für mich. Selten hat mich ein Buch so in Bann gezogen, wie dieses über das Leben von Hertmans‘ Großvater.
Daher war es sehr naheliegend, auch Hertmans‘ neues Buch zu lesen, das so ganz anders ist und irgendwie doch ähnlich. Auch hier begibt sich Hertmans auf Spurensuche, folgt den Wegen seiner Protagonistin bis nach Kairo, versucht einen Lebensweg zu entschlüsseln. Doch diesmal liegt dieses Leben weit zurück, um 1100 im tiefsten Mittelalter, zur Zeit der Kreuzzüge. Hertmans stößt auf Texte über eine junge Normannin adliger Herkunft, die zum Judentum konvertiert. Und recherchiert, bis er dieses Leben in Grundzügen vor sich sieht.
Vigdis verliebt sich bei Spaziergängen mit ihrer Gouvernante in ihrer Geburtsstadt Rouen in den jungen jüdischen Scholaren David, Sohn des Oberrabiners von Narbonne. Man versucht, diese Liebe zu unterbinden und schickt Vigdis in ein Kloster, aus dem ihr mit Hilfe Davids die Flucht gelingt.
Wenn man bedenkt, in welcher Zeit wir uns befinden, sind diese wenigen Sätze ungeheuerlich. Eine junge Adlige, gebildet und gut ausgebildet, um eine Ehe nach Wunsch des Vaters einzugehen, eine Ware also, die teuerstmöglich verkauft werden soll, um Verbindungen und Reichtum zu bringen, flieht mit einem jüdischen Mann, den sie gar nicht kennen sollte geschweige denn lieben, aus dem Elternhaus. Nicht mit irgendeinem Mann, was schon schlimm genug wäre, nein, sondern mit einem jüdischen, einem Christusmörder. Wir erinnern uns, es wird nicht mehr lange dauern, bis Papst Urban II zu den Kreuzzügen aufrufen wird, um Jerusalem von allem unchristlichen zu befreien.
Die beiden Liebenden ziehen auf geheimen Wegen nach Narbonne, zu Davids Familie. Dort konvertiert die inzwischen schwangere Vigdis und wird sich nun Hamutal nennen.
Welche Eigenständigkeit und Kraft es zu damaliger Zeit von einer jungen Frau verlangt, diesen Weg zu gehen, ist heute kaum noch vorstellbar. Und so wird Hamutal auch kein friedliches Leben verbringen. Beständig auf der Flucht vor den Häschern des Vaters und als Jüdin für viele Freiwild, wird sie nur wenige halbwegs glückliche und ruhige Jahre haben. Sie wird für ihre Kinder bis nach Kairo reisen, wo ihre Lebensgeschichte in der dortigen Synagoge per Zufall erhalten bleibt und lange, lange Zeit später in Hertmans Hände gelangt.
Diese Lebensgeschichte ist genauso faszinierend wie grausam, zeigt sie doch die Kraft der Liebe gegen religiösen Extremismus. Wie friedlich hätte Hamutals Leben verlaufen können, gäbe es keine Religionen mit dem Anspruch auf alleiniges Recht.
Hertmans gelingt es, Hamutal eine Stimme zu geben, einen Platz in der Erinnerung. Es gelingt ihm, ihr besonderes Schicksal behutsam hervorzuheben, vom Staub zu befreien.
Und obwohl Hamutals Leben im dunklen Mittelalter gelebt wurde, weit weg von unserer heutigen Zeit, wie viele Frauen sind wohl heute genauso wie sie auf der Flucht? Um ihre Liebe zu leben, um Kinder in Sicherheit zu bringen, um ein lebenswertes Leben führen zu können? Die Parallelen sind erschreckend. Der religiöse Extremismus ist noch genauso stark wie auch der Judenhass, in weiten Teilen der Welt dürfen Frauen immer noch nicht frei über ihr Leben verfügen und Kreuzzüge heißen inzwischen nur anders. Wie weit also sind wir trotz aller Technisierung wirklich entfernt vom „düsteren“ Mittelalter?

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Ein lebenswertes Leben

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Rückkehr nach Old Buckram
Phillip Lewis
Deutsch von Sigrid Ruschmeier
erschienen am 04.November 2019 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-75845-6

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Fast würde ich ja sagen, „Rückkehr nach Old Buckram“ sei der perfekte Schmöker für freie Tage, wenn nicht das Wort Schmöker ein Hauch von Trivialität umwehen würde. Und trivial ist dieser Roman nun wirklich nicht. Phillip Lewis‘ Debüt besticht durch seine feingezeichneten Charaktere, die Beschreibungen der umgebenden Natur und die Dichte seiner Erzählung. Man fühlt sich förmlich eingeladen nach Old Buckram, dieses Provinznest in den Blauen Bergen North Carolinas. Und damit sind wir dann doch irgendwie wieder beim Schmöker…
Aber von vorne: Henry Astor ist in Old Buckram aufgewachsen. Zusammen mit seinem Vater, seiner Mutter, seinen Schwestern, in einem riesigen alten Haus etwas außerhalb des Ortes. Seine Kindheit ist beileibe nicht unbeschwert, aber geprägt vom Zusammenhalt der Familie und der gemeinsamen Liebe zu Büchern. Henrys Vater arbeitet, unter dem Gespött der anderen Dorfbewohner, an einem Roman und das Leben im Haus wird dem untergeordnet. Still zu sein, wenn der Vater schreibt, auf kleine Aufmerksamkeiten zu hoffen, den Vater durch Bücherwissen zu beeindrucken, das ist Henrys Alltag.
Doch eines Tages stirbt eine der Schwestern und kurz darauf verschwindet der Vater spurlos. Die Familie zerbricht. Und Henry zieht es nach der Schule in die Ferne, weit weg von Old Buckram.
Das Buch beginnt mit seiner Rückkehr. Stück für Stück wird mehr von der Familiengeschichte enthüllt, erfahren wir mehr über die Vorgeschichte der Charaktere, über ihre Träume, Wünsche und Realitäten.
Lewis gelingt es hervorragend, herauszuarbeiten, wie es einem als Außenseiter in einer Dorfgemeinschaft geht, wie einsam Bildung und individuelle Träume machen können. „Rückkehr nach Old Buckram“ ist trotz allen Ernstes ein fast märchenhaft verwunschenes Buch, wozu das Haus mit seiner riesigen geheimnisvollen Bibliothek viel beiträgt und die Abgeschiedenheit des Ortes.
Ein wirklich schönes, anrührendes Buch und ein kleines Geschenk für Bücherfreunde.

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Besprechungen:

Feiner reiner Buchstoff https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2019/12/17/rueckkehr-nach-old-buckram/

Ein Jahr ist vergangen

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1794
Niklas Natt och Dag
Aus dem Schwedischen von Leena Flegler
erschienen am 03.01.2020 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-06194-0

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Die Fortsetzung von Niklas Natt och Dags letztjährigem Erfolgsroman ist da. Damit hatte ich nicht zwingend gerechnet. Nachdem Natt och Dag den interessanteren seiner beiden Ermittler im vorherigen Band sterben liess, war mein erster Gedanke, dass daher wohl kein weiterer Band geplant sei. Den Körper ohne den Kopf ermitteln zu lassen, erschien mir begrenzt sinnvoll. Dem Autor ging es wohl ähnlich. Und so hat er für die nun doch erfolgte Fortsetzung eine Lösung ersonnen, die für mich der einzige Haken am ansonsten überaus gelungenen zweiten Teil ist, wenn sie auch die Möglichkeit bietet, nun eine ganze Reihe zu entwickeln. Die Lösung, anders werde ich sie aus Spannungsgründen nicht nennen, erscheint mir wenig plausibel, ein wenig zu sehr aus der Trickkiste des Schriftstellers gezogen. Aber sei’s drum… Denn, es geht weiter!
Jean Michael Cardell, zutiefst getroffenes Überbleibsel eines Duos, ist am Boden angekommen. Um den Schmerz über den Verlust Winges zu ertragen, säuft und prügelt er sich durch die Tage. Bis eine Frau ihn in einem bizarren Mordfall um Hilfe bittet: ihre Tochter wurde in der Hochzeitsnacht bestialisch gefoltert und umgebracht. Angeblicher Täter soll der frisch angetraute Ehemann sein, der nun sein Leben in einem Irrenhaus fristet. Die Frau glaubt dieser offiziellen Version nicht und irgendetwas an ihrer Geschichte bringt Cardells Gerechtigkeitssinn zum Klingen…
Natt och Dags Romane sind definitiv nichts für zartbesaitete Seelen. Sein Stockholm um 1790 hat keine nett für den Leser gefegten Gassen. Der Dreck ist kniehoch, der Gestank unerträglich, die Menschen sind in weiten Teilen verroht und arm jenseits aller heutigen Vorstellungen. Ich bin kein Freund allzu blutiger Darstellungen, aber dieser Autor metzelt sich nicht sinnlos durch seine Bücher. Seine zugegeben sehr drastischen Beschreibungen entsprechen den Verhältnissen. Die Armen- und Irrenhäuser waren eine beständige Drohung für alle Mittellosen, die Zustände grauenerweckend. Und auch das Spinnhaus aus dem ersten Teil hat seine alptraumhafte Existenz nicht aufgegeben. Überhaupt begegnen wir so einigen Charakteren aus dem ersten Teil wieder, etwas, was ich an Reihen durchaus schätze, die Fortentwicklung wichtiger Charaktere. Keine aus der Zeit gefallenen Einzelfälle, sondern ein bleibendes Umfeld, auch das macht eine Romanreihe realistischer.
Fazit: der zweite Teil ist meiner Meinung nach ein kleines bisschen weniger ausgereift als der erste wirklich herausragende Teil. Das sollte aber für den Leser keinen Ausschlag geben, denn auch der zweite Teil besticht durch einen ungewöhnlichen Kriminalfall, tiefe Einblicke in die schwedische Gesellschaft um 1790, sehr realistische Beschreibungen, eine akribische Recherche zu den Gegebenheiten und Spannungsbögen, die ununterbrochenes Lesen zu einem Muss machen. Chapeau!

Ich danke dem Piper Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

 

The impossible dream

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Quichotte
Salman Rushdie
Aus dem Englischen von Sabine Herting
erschienen am 14. Oktober 2019 im C. Bertelsmann Verlag
ISBN 978-3-570-10399-9

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Ein frohes neues Jahr zunächst! Möge es viele erfüllte und unerfüllte Träume, Aventiuren, Quests und Abenteuer enthalten!
Diese Quest habe ich schon im letzten Jahr erlebt, aber wie könnte man das Jahr besser beginnen als mit einer Hommage an einen der größten literarischen Charakter: Don Quichotte?
Salman Rushdie, begnadeter Erzähler und literarischer Grenzgänger, hat sich des Ritters von der traurigen Gestalt angenommen und ihn in die heutige Zeit überführt.
Der Handelsvertreter Ismael Smile verliebt sich in einen Fernsehstar und begibt sich auf eine Aventiure, die ihn durch ganz Amerika führt, ihm einen Sohn beschert (und ihm und uns viele Erkenntnisse), um sich Salma R.s Liebe würdig zu erweisen bzw sie zu gewinnen.
Gespickt ist der Roman mit unzähligen Querverweisen auf Literatur, Geschichte, Film, Kunst, Gott und die Welt. Rushdie breitet diabolisch lächelnd (zumindest stelle ich ihn mir so vor) die enorme Bandbreite seines Wissens vor uns aus und schaut genüßlich dabei zu, wie der nicht feuilletongeprüfte Leser darin heillos ertrinkt. Soll heißen, das Feuilleton jubelt, ich nicht, ich strample. Oder suche den Faden der Ariadne. Versuche, mich in diesem Wissenslabyrinth mit philosophischen Ansätzen zurecht zu finden, habe Erkenntnisse, begegne feuerspeienden Windmühlen, Anklängen an „Sophies Welt“, langweile mich, ärgere mich, kichere haltlos, runzle die Stirn, schlage Dinge nach, erfreue mich an Satzkonstruktionen – kurz, begebe mich auf die Suche nach dem heiligen literarischen Gral und nach meiner liebsten Romangestalt.
Dabei muss ich meine Mission leider als gescheitert betrachten, die rushdie’sche Wortwoge hat mich überrollt, mir fehlt der Background oder vielleicht auch die Fähigkeit mich einzulassen auf diesen sprachlichen Wogenprall. Für mich ist das Buffet zu voll, zu viel der Andeutungen, zu viel der Spielereien, zu viel an Bedeutung, Verwicklung, Spiegelung.
Das ist schade, ist dies doch der erste Roman Rushdies, den ich nicht mit Begeisterung gelesen habe, aber mit Begeisterung lesen wollte.
Ich möchte ihn aber dennoch empfehlen. Zum einen, weil ich Don Quichotte eben so liebe (daher empfehle ich das Original gleich mit) und zum anderen, weil Rushdie so großartige Sätze schreibt wie diesen:

Einst lebte an verschiedenen Adressen quer durch die Vereinigten Staaten von Amerika ein Reisender indischen Ursprungs, fortgeschrittenen Alters und mit schwindenden geistigen Kräften, der angesichts seiner Liebe zum geistlosen Fernsehen viel zu viel Lebenszeit im gelben Licht von geschmacklosen Motelzimmern verbracht hatte, wo er es bis zum Exzess schaute, und der als Folge eine absonderliche Form des Hirnschadens davongetragen hatte.“

Und das ist erst der Anfang…

Ich danke dem Bertelsmann Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

Bücheratlas https://buecheratlas.com/2019/11/12/salman-rushdies-quichotte-im-land-der-unbegrenzten-fernsehserien-und-Schmerzmittel/
Buchweiser https://buchweiser.com/2019/10/11/quichotte-von-salman-rushdie/

Joseph von Hammer-Purgstall

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Der Hammer
Dirk Stermann
erschienen am 17.09.2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-04701-6

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Was für ein Roman! Ich mag die Formulierung „prall gefühlt mit…“ ja nicht so sehr, aber selten passte sie so gut wie hier: prall gefüllt nun also mit Farben, Gerüchen, Träumen und Illusionen, mit Politik, Sprache, Geschichte, mit Joseph Hammer, mit Bildern aus dem Orient und aus den schmutzigsten Gossen Wiens.
1787. Der dreizehnjährige Joseph wird von seinem Vater aus der österreichischen Provinz nach Wien gebracht, um Zögling an der Orientalischen Akademie zu werden. Dort soll er Sprachen lernen. Höchstes Ziel ist es, nach Abschluß der Ausbildung nach Konstantinopel beordert zu werden. Joseph ist genauso talentiert wie ehrgeizig und so sollte seinen Träumen wenig im Weg stehen…
Dirk Stermann ist mit „Der Hammer“ eine großartige Romanbiographie gelungen, an der der echte Joseph von Hammer-Purgstall wohl seine Freude gehabt hätte. Komplett aus der Sicht seines Protagonisten geschrieben, sehen wir von Hammer ein ums andere Mal an der Natur der Menschen scheitern und dabei quasi im Vorbeigehen Großes vollbringen. Der Hammer ist brilliant, aber eben auch unbequem, wenig diplomatisch und von niederer Herkunft, Adelstitel und -sitz kommen erst spät im Leben. Und so ziehen die guten Posten an ihm vorbei, leidet er lautstark unter der Unfähigkeit seiner Vorgesetzten, verkriecht sich zunehmend hinter seinen Büchern und Übersetzungen.
Stermann erweckt die Wiener Gesellschaft zu neuem Leben, lässt die Puppen tanzen, sogar Napoleon höchstselbst hat einen Auftritt, von Metternich darf Gift verspritzen und der König Bälle suchen wie ein gut abgerichteter Apportierhund.
Romane mit geschichtlichem Hintergrund sind kein einfaches Feld. Viel zu häufig werden dabei Menschen mit heutigem Benehmen und Denken in ein historisches Setting gepresst. Heraus kommen austauschbare und blutleere Erzählungen mit ein bisschen aufgemalter Kulisse. Ganz anders ist da dieser Roman: Sprache, Verhalten, Umgebung, alles passt zusammen. Der Erzähler sieht, was Hammer sieht, riecht, was Hammer riecht, wittert mit ihm Ämtermissbrauch und Vetternwirtschaft und läßt den Leser am egozentrischen Weltbild seines Protagonisten teilhaben. Und trotzdem verschmilzt er nicht kritiklos, man spürt schon recht schnell, wo der Hammer schief hängt. Ein wirklich lesenswerter Roman über ein großes Talent und einen Grantler erster Güte, bei dem man sich die Zeit nehmen sollte, ihn Seite für Seite zu genießen.

Ich danke dem Rowohlt Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Fanny

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Die Königin schweigt
Laura Freudenthaler
erschienen am 09.September 2019 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-71705-7

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Fanny und ihr Bruder wachsen in den 30iger Jahren auf dem elterlichen Hof auf. Der Vater ist sehr streng, das Leben hart. Schon früh müssen die Kinder mit anpacken. Trotzdem darf Fanny später sogar eine weiterführende Schule besuchen, die Kinder sollen es einmal besser haben.
Eine kurze Phase des Glücks erlebt Fanny mit dem Schulmeister des Dorfes. Sie verlieben sich, gehen tanzen, heiraten, bekommen einen Sohn. Fanny ist nun die Schulmeisterin, zuständig für die Mittagsspeisung der Schulkinder, geachtet im ganzen Dorf.
Nebenbei hilft sie weiter auf dem Hof aus. Bis der Bruder im Krieg stirbt, die Eltern den Hof verkaufen.
Ihr Mann stirbt bei einem Autounfall, Fanny ist nun alleinerziehend. Sie verläßt das Dorf, sucht ihr Auskommen in der großen Stadt.
Fannys ganzes Leben läßt Laura Freudenthaler an uns vorbei ziehen. Ein Leben geprägt von harter Arbeit, Unglück, Tod und Schweigen. Denn über Gefühle redet man nicht, das hat Fanny von kleinauf so gelernt. Wenn es gar nicht mehr geht, nimmt man den Strick, ansonsten presst man die Lippen aufeinander und macht den Rücken lang.
Alles zieht so an Fanny vorbei, der Schmerz, die Liebe, Einsamkeit, ohne dass sie es wagt, die Gefühle zu teilen. Nur wenn sie allein ist, kann sie der Gedankenflut nicht Einhalt gebieten, rollt alles über sie hinweg.
Ganz allein treffen wir sie im Alter an, nur eine Enkelin hat sie noch, unerreichbar, irgendwo im Ausland. Ein ganzes diszipliniertes, hartes Leben- und am Ende bleibt davon nichts hängen, am Ende sind die Hände leer und die Räume stumm.
Lakonisch schreibt die Autorin über Fanny, so wortkarg wie ihre Protagonistin. Leid durchzieht das Buch, Trauer, nicht endenwollendes Unglück. Aber Fanny hält durch und dafür gebührt ihr Bewunderung, neben dem Mitleid, das sie nicht wollen würde.
Ein stilles, aber dennoch beeindruckendes Buch über ein nicht ungewöhnliches Frauenschicksal, über eine „einfache“ Frau und ihr dennoch erinnerungswürdiges Schicksal.

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

 

Lee Miller

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Die Zeit des Lichts
Whitney Scharer
Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner
erschienen am 26.Oktober 2019 im Klett-Cotta Verlag
ISBN 978-3-608-96340-3

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Nun ist es mir schon wieder passiert. Und inzwischen gibt es keine Entschuldigung mehr dafür, daß ich immer wieder darauf hereinfalle. Scheinbar kann ich die Hoffnung nicht aufgeben, es wäre einmal nur anders.
Wovon ich rede? Von Romanen mit biographischem Anteil, die vorgeben, das Leben irgendeiner Künstlerin ins rechte Licht rücken zu wollen und dann doch nur ihre Beziehung zu irgendeinem berühmten Mann ausloten.
Es gibt unzählige Frauen, die es wert sind, daß über sie geschrieben wird. Vergessene Malerinnen, Schriftstellerinnen, Forscherinnen, deren Werk oft genug von ihren Ehemännern belächelt oder im Gegenteil als eigene Arbeit ausgegeben wurde. Frauen, die ihren eigenen Weg unbeirrt gegangen sind und damit nicht ins Weltbild ihrer Zeit passten. Frauen, die Männerberufe ergriffen haben, trotz aller Widerstände.
So eine Frau ist Lee Miller.
Lee Miller wird 1907 in Poughkeepsie, New York, als Tochter eines photographiebegeisterten Vaters geboren. In ihren Jugendjahren dient sie ihm als Modell, Mißbrauch nicht ausgeschlossen. Mit sieben Jahren jedenfalls wird sie gegen Gonorrhoe behandelt.
Als junge Frau arbeitet sie zunächst als Photomodell, unter anderem für die Vogue. Doch der Wunsch, selbst Künstlerin zu sein, wird immer stärker, und so reist sie 1929 nach Paris, um die dortige Kunstszene zu erkunden.
Sie trifft auf den Photokünstler Man Ray, die beiden werden ein Paar. Durch ihn lernt sie das Photographenhandwerk und findet schnell einen eigenen Stil. Ihre Arbeiten sind so gut, daß Ray sie teilweise, laut Roman, als eigene Werke ausgibt. Es kommt zum Bruch.
Lee Miller eröffnet zunächst ein eigenes Photostudio in Paris. In den kommenden Kriegszeiten macht sie sich allerdings einen Namen als Photoreporterin. Sie berichtet über die ersten Napalmeinsätze, hält die Zustände in Konzentrationslagern fest. An diesen Erlebnissen zerbricht sie. Kriegsneurosen versucht sie mit Alkohol zu bekämpfen.
1947 heiratet sie den Künstler Roland Penrose und zieht mit ihm aufs Land. Kurze Zeit später wird ein Sohn geboren. Lee Miller arbeitet immer weniger, trinkt immer mehr. 1977 verstirbt sie an Krebs.
Das ist eine Kurzbiographie, in der ich einige Lebensabschnitte gestrichen habe, u.a. Reisen durch den Orient, weitere Lebensgefährten. Ein abenteuerliches Leben, mit vielen Höhen und Tiefen.
Und auf was genau konzentriert sich der Roman? Genau, auf die vergleichsweise kurze Affäre mit Man Ray. Als gäbe es über Lee Miller sonst nichts zu erzählen, als wäre das der wichtigste Part ihres Lebens gewesen.
Dabei fängt es so gut an: mit einer völlig zerrütteten Frau, aus der Form gegangen und vernachlässigt, aber mit großartigen Kochkünsten, die versucht, völlig betrunken ein Dinner auszurichten. Und die hingeworfenen Informationsschnipsel lassen unzählige Fragen entstehen: was ist geschehen, was treibt diese Frau an, was hat sie erlebt, wer ist sie eigentlich?
Dann der Schnitt, Paris 1929. Den Rest der 392 Seiten geht es hauptsächlich um Lee und Man Ray. Und, als wäre es der Autorin auch aufgefallen, finden sich jeweils unmotiviert kurze Abschnitte aus anderen Lebensteilen, hauptsächlich Kriegserlebnisse. Da, wo es spannend wird, nämlich ab dem Moment der Trennung, wo sich eine junge Künstlerin auf eigene Beine stellt, da bricht das Buch ab.
Und ausgerechnet Paula McLain, die ein ähnliches Buch über Martha Gellhorn und Hemingway geschrieben hat, darf die Lobeshymne auf der Rückseite abliefern. Andererseits ist das ja durchaus passend.
Der Roman ist übrigens gut geschrieben und durchaus spannend zu lesen und sicherlich ein Highlight in diesem Genre, das will ich gerne zugeben. Und vielleicht ist es ja auch schon ein Erfolg, wenn über diese Frauen überhaupt geschrieben wird, sei es auch in Form einer gehobenen Liebesschnulze. Aber gefallen muss mir das deshalb noch lange nicht.

Ich danke dem Klett-Cotta Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.