Die Schönheit im Unvollkommenen

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Kintsugi
Miku Sophie Kühmel
erschienen am 28. August 2019 im S. Fischer Verlag
ISBN 978-3-10-397459-1

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Kintsugi ist eine japanische Technik, zerbrochenes Porzellan mit Gold zu kitten. Um die Schönheit im Unvollkommenen zu betonen.
Im Roman sind es aber weniger die Brüche im Porzellan, als vielmehr in den Beziehungen der vier Protagonisten zueinander, die dieser Technik bedürften.
Max und Reik möchten ihren zwanzigsten Jahrestag still in ihrem Haus am See feiern. Eingeladen ist nur ihr bester Freund Tonio und dessen Tochter Pega, die sie mehr oder weniger zu dritt aufgezogen haben. Max, der kontrollierte und minimalistische Archäologe und Reik, der chaotische Künstler, gelten als Traumpaar. Doch nach zwanzig Jahren gibt es Risse im Gefüge und die im Raum stehende Frage, ob das alles war, was das Leben zu bieten hat. Der alleinerziehende Tonio dagegen ist eifersüchtig auf Max, dessen Vorgänger er wohl war, und auf die finanzielle Sicherheit, in der das Paar lebt. Seine Tochter ist ausgezogen und er muss sein Leben umstellen. Pega nun kämpft mit ihren eigenen Problemen, die sie aber nur bedingt mit ihren drei „Vätern“ besprechen möchte.
Miku  Sophie Kühmel gelingt es sehr feinfühlig, das Beziehungsgefüge zu beschreiben. Jeder Protagonist bekommt seine eigene Stimme, seinen eigenen Teil des Buches. So erfährt der Leser nach und nach mehr über die Zusammenhänge, über die Vergangenheit, über gemeinsam Erlebtes.
Unterbrochen werden die Erzählteile immer wieder von Dialogen, die quasi die Spitze des Eisbergs zeigen und erst mit dem zuvor erlesenen Unterbau Bedeutung bekommen.
„Kintsugi“ ist ein sehr stiller, warmherziger Roman über das Leben, die Liebe und die Zeit.
Einzig den japanischen Überbau habe ich als eher aufgezwungen empfunden. Und streckenweise erging es mir mit der Sprache ähnlich. Zu bildreich, zu gewollt künstlerisch klingen manche Sätze für mich. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen, die Geschichte trägt sich selbst, ohne Schnörkel.
Der Bezug zu Japan, zur japanischen Kultur scheint der Autorin allerdings sehr wichtig gewesen zu sein. Das zeigt sich nicht nur in Titel und Kapitelüberschriften, sondern findet sich auch im Text wiederkehrend. Und hat mich irritiert. Denn bis auf den wirklich gut gewählten Titel erschließt sich mir der Grund dafür nicht. Aber vielleicht fehlt mir da auch einfach literarisches Grundwissen.
Schlußendlich stand der Debütroman Miku Sophie Kühmels durchaus zu Recht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2019. Und ich bin sehr gespannt auf die nächsten Werke der Autorin.

 

 

Das Leben ein Traum

Der Gott der Stadt von Christiane Neudecker

Der Gott der Stadt
Christiane Neudecker
erschienen am 19.August 2019 im Luchterhand Literaturverlag
ISBN 978-3-630-87566-8

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1995. Hochschule für Schauspielkunst Erwin Piscator Berlin. Die Erstsemester im Fachbereich Schauspielregie sollen gemeinsam ein Konzept für die Aufführung eines Faust-Fragments des Schriftstellers Georg Heym entwickeln. Angestachelt von Ehrgeiz, und grenzenloser Bewunderung für ihren Mentor, den Starregisseur Korbinian Brandner, und belastet mit diversen eigenen Problemen, gehen die Studenten dabei immer weiter an ihre Grenzen und darüber hinaus. Bis es zu einem Todesfall kommt.

Weggesuchtet. Ein Wort, bei dem sich jedes Mal meine Nackenhaare hochstellen, wenn ich es in einer Rezension lese. Und doch ist es das erste, was mir in den Kopf kommt, wenn ich an diesen Roman denke. Einen Tag und eine Nacht habe ich mit diesem über 600 Seiten starken Buch verbracht, im letzten Drittel schon gewaltig mit dem Schlaf kämpfend, aber ich wollte es nicht weglegen, wollte unbedingt weiterlesen.
Dabei könnte ich nicht einmal sagen, ob der Roman gut oder mittelmäßig ist. Ob jemand, der die darin beschriebene Welt nicht kennt, ihn genauso spannend fände, genauso plausibel. Ich habe gelesen und mich erinnert. An all die Tanzsäle, in denen ich Blut und Schweiß gelassen habe, an all die Lehrer, die wir grenzenlos verehrt haben, obwohl sie im Nachhinein betrachtet, das Wort Pädagogik vermutlich nicht einmal hätten buchstabieren können, an die Euphorie bei einem Lob, sei es auch noch so klein und im Vorbeigehen gemurmelt, an die weltenzerstörende Kraft einer Kritik, die selten fördernd, sondern meist einfach nur weit unter der Gürtellinie lag. Tanz, nicht Schauspiel. Aber so gleich in den Abläufen.
Die Erwin Piscator-Hochschule gibt es nicht. Aber sicherlich ein Dutzend andere, die genau so funktionieren. In denen ehemalige Sänger/Tänzer/Schauspieler ihr Wissen weiter geben, mal im besten Sinne, indem sie es teilen und den Nachwuchs nach Kräften fördern und mal gedankenlos niedermachend, im Glanze ihrer eigenen Wichtigkeit, nicht ahnend, was ihr bedenkenlos verteiltes Gift anrichten kann.
Erinnert habe ich mich auch an die Freude zu lernen. Wissen anzusammeln über mein Fachgebiet, intensiv ein Thema zu erarbeiten, Neuland zu erobern. Wie bei mir nicht anders zu erwarten, stapeln sich hier die Bücher zum Thema Theater, zu Tanz- und Theatergeschichte, Anatomie, Künstlerbiographien, Bildbände.
Das alles findet sich in diesem Roman. Dazu kommt die Spannung der Wendejahre, als Osten und Westen in den Köpfen noch geteilt waren. Die Piscator liegt in Ostberlin, die Lehrer stammen noch aus den alten DDR-Theaterzeiten, Christiane Neudecker bindet sie sehr geschickt in die dortige Theaterlandschaft ein. Die Erstsemester sind zum Großteil aus dem Westen. Welten treffen aufeinander, Traditionen treffen auf Unverständnis.
„Für mich ist „Der Gott der Stadt“ ein großartiges Buch, das mich sprachlich und inhaltlich überzeugen konnte.
Weggesuchtet.

Ich danke dem Luchterhand Literaturverlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

letteratura https://letteraturablog.wordpress.com/2019/09/01/fragment-christiane-neudecker-der-gott-der-stadt/
literaturleuchtet https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/09/01/christiane-neudecker-der-gott-der-stadt-luchterhand-verlag/

Leben

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Der Beginn
Carl Frode Tiller
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger und Nora Pröfrock
erschienen am 24. Juni 2019 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-75820-3

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„Ich wartete noch einen Moment, dann zog ich den Wagen auf die Gegenfahrbahn.“

Terje liegt nach einem Suizidversuch im Krankenhaus, seine Lebenszeit ist nur noch knapp bemessen. Er blickt zurück, immer weiter in Richtung Vergangenheit.
Carl Frode Tiller erzählt von einem Leben, in dem es von Anfang an nur wenig Chancen gibt. Terjes Mutter kämpft mit Depressionen und Alkohol, sein Vater verlässt die Familie schon früh. Nicht erkannte und nicht behandelte Depressionen führen wohl auch zu Terjes Selbstmord. Erkennen kann man das aber nur im Nachhinein, im täglichen Überlebenskampf bleibt keine Zeit für solche Schlussfolgerungen.
Stück für Stück folgen wir Terje zurück in seiner Lebensbahn, lesen von der gescheiterten Ehe, dem schlechten Verhältnis zu Mutter und Schwester, erfahren von seinen Gewaltausbrüchen als Teenager und den Überforderungen seiner Kindheit. Vieles bleibt für den Leser im Moment des Lesens undurchsichtig, klärt sich bruchstückhaft erst mit dem nächsten Schritt. Mal liegen nur Tage zwischen den einzelnen Momenten, mal sind es Jahre. Immer ist da aber Terje, schwankend zwischen Aggression und maskenhaftem Lächeln.
Ein düsteres, realistisches Bild zeichnet Tiller in diesem Roman. Zeigt, dass die Wurzeln für einen Suizid ganz weit in der Vergangenheit liegen können, verschüttet durch den Alltag und Phasen des vermeintlichen Glücks.
Mit dem Ende vor Augen, erhalten die einzelnen Szenen eine ganz andere Bedeutung, achtet man auf Anzeichen weitaus mehr als man das hätte tun können, wäre der Roman dem normalen Lebensverlauf gefolgt.
Dass das Konzept überhaupt aufgeht, ist Tillers Schreibstil zu verdanken. Immer geradlinig, mit schwarzem Humor, lässt er den Leser nicht komplett in Düsternis versinken. Er bleibt nah an seinem Protagonisten und ihm gelingt dabei das Kunststück, Terjes Handlungsweisen nachvollziehbar zu machen, selbst bei Gewaltausbrüchen. Trotz der Bruchstücke bleibt ein roter Faden erkennbar. Ein ganzes, kompliziertes Leben so lakonisch in Worte zu fassen, das ist nicht jedem gegeben. Daher verwundert es auch nicht zu lesen, dass Tiller zu Norwegens bedeutendsten Gegenwartsautoren gehört.

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Besprechungen:

letteratura https://letteraturablog.wordpress.com/2019/08/29/das-leben-rueckwaerts-verstehen-carl-frode-tiller-der-beginn/
Esthers Bücher https://esthersbuecher.com/2019/08/26/carl-frode-tiller-der-beginn/

Kein schöner Land

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Der grosse Garten
Lola Randl
2019 erschienen im Verlag Matthes & Seitz
ISBN 978-3-95757-709-2

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Finde den Regenwurm in Dir oder Meine Probleme und ich ziehen aufs Land.
Ich muss gestehen, dieses Buch ist so überhaupt gar nicht mein Fall, wie es gar nichter kaum geht. Frau zieht von Stadt aufs Land, um beim Pastinaken ernten zu sich selbst zu finden. Im Schlepptau hat sie den Mann, den Liebhaber, zwei Kinder, eines namenlos und ein Gustav, die Mutter. In der Stadt zurück bleiben der Analytiker und die Therapeutin. Erzählt wird in einem an Mariana Leky erinnernden Stil, nur ohne Charme und ohne Okapi, dafür gestellt naiv und damit spätestens ab Seite 3 eintönig.
Mann und Liebhaber verstehen sich bestens, der Analytiker und sein gutes Stück sind sich auch einig, die Therapeutin therapiert weitestgehend allein, weshalb sie irgendwann keine Lust mehr hat und die Zeit lieber sinnvoller nutzen möchte, die Mutter gärtnert und mosert, manchmal auch andersherum, das eine Kind ist nicht erwähnenswert und dem anderen ist unsere aufs Land geflüchtete Städterin nicht gewachsen, weil sie das Kind in sich nicht suchen muss, sondern es scheinbar einfach geblieben ist.

“ Gustav ist mein Kind. Ich habe zwei Kinder. Der Gustav ist das zweite Kind. Früher hieß der Gustav nur das Baby. Die Menschen haben mich immer ein bisschen böse angeschaut, wenn ich mein Kind das Baby genannt habe. Dabei war er doch das Baby. Unsere Katze heißt ja auch eigentlich Alaska Oslo. (…) Jetzt ist das Baby schon vier und heißt Gustav und die Katze heißt Katze.“
Und so mäandert der Text durch den Jahresverlauf, bisweilen blitzen dabei dann doch Pointen auf, die aber bald wieder in der Flut der Wörter versinken.
Die Kapitel sind kurz, so daß ich dazwischen immer mal wieder die Möglichkeit hatte, mich um Mann und Kind, Hund und Garten zu kümmern und Marmelade einzukochen und die Tatsache zu genießen, daß die Gute in die Uckermark gezogen ist und nicht etwa in unserem 900-Seelen-Dorf irgendwo ihr Unwesen treibt.
Weil aber offensichtlich recht viele Menschen den Humor der Autorin teilen, ist das Buch auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Und deshalb ist es wahrscheinlich besser als ich es finde. In diesem Falle kann ich gut damit leben.

 

Weitere Besprechungen:

literaturgeflüster https://literaturgefluester.wordpress.com/2019/10/06/der-grosse-garten/
dasdebuet https://dasdebuet.com/2019/09/17/literaturpreis-lola-randl-der-grosse-garten-nominiert-fuer-den-franz-tumler-Literaturpreis/

Sommer 1969

getimage

Der Sommer meiner Mutter
Ulrich Woelk
erschienen am 25. Januar 2019 im Verlag C. H. Beck
ISBN 978-3-406-73449-6

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Ulrich Woelks Roman über den einen, den besonderen Sommer, der ein ganzes Leben verändern kann, ist schmal, aber intensiv. Und schon der erste Satz gibt die Richtung vor, die alle Ereignisse nehmen werden:

„Im Sommer 1969, ein paar Wochen nach der ersten bemannten Mondlandung, nahm sich meine Mutter das Leben.“

Der elfjährige Tobias kann es kaum erwarten, das erste Mal soll ein Mensch den Mond betreten. Fast genauso wie für die Mondlandung, interessiert er sich aber bald für die Tochter der neuzugezogenen Nachbarn. Und auch zwischen den Erwachsenen scheint es zu knistern…
Auf gerade einmal 189 Seiten läßt Woelk ein ganzes Jahrzehnt aufleben, vor allem das Spannungsfeld zwischen Emanzipation und der Hausfrau am heimischen Herd. Die Nachbarsfrau ist moderner, freier, geht zu Demonstrationen, trägt Jeans. Die zaghaften Versuche von Tobias‘ Mutter, es ihr gleich zu tun, werden in der Familie nicht gut aufgenommen. Die engen Grenzen, zwischen denen Frauen noch vor gar nicht so viel Jahren leben mussten, werden präzise aufgezeigt. Im Grunde geht es um nicht weniger als eine Revolution und ihre Opfer.
Woelks Konzept ist dabei ebenso einfach wie effektiv, wie nebenbei läßt er Mode, Design und Stil der Endsechziger einfließen. Der ganze Roman wirkt so wie ein Fotoalbum voller alter Polaroidbilder: der erste Wagen der Mutter, Schwarzweiß-Fernseher, Hosen mit Bügelfalten, griechisches Essen.
Hier sitzt jeder Satz, jedes Wort. Länger hätte der Roman nicht sein dürfen, nicht ohne wässriger zu werden. Ohne Abschweifungen und Umwege erzählt Tobias seine Geschichte, eine Geschichte von Liebe, Freiheit und Schuld, genauso schön wie beklemmend.
Für mich steht „Der Sommer meiner Mutter“ zu Recht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis als einer der herausragenden Romane dieser Saison.

Weitere Besprechungen:

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Buch-Haltung https://buch-haltung.com/so-spannend-wie-trockenes-mondgestein/

William James Sidis

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Das Genie
Klaus Cäsar Zehrer
als Taschenbuch erschienen am 28. August 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-24473-1

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Mit „Das Genie“ hat Zehrer einen wirklich großartigen Debütroman vorgelegt. Es handelt sich um die Romanbiographie von William James Sidis, erst Wunderkind und dann Exzentriker. Sidis wird 1898 in New York als Sohn russischer Einwanderer geboren. Er wächst als Versuchskaninchen für die Lernmethode seines Vaters Boris Sidis auf. Schon in frühester Kindheit beherrscht er mehrere Sprachen, kann lesen, schreiben und rechnen. Mit neun hat Sidis seine Schullaufbahn beendet, mit elf Jahren beginnt er ein Studium in Harvard.
Doch nach und nach machen sich die Schwachstellen der Sidis-Methode bemerkbar. Durch die Konzentration auf Wissensvermittlung und den Mangel an Liebe und Zuwendung entstehen immer stärkere gesellschaftliche Anpassungsstörungen. Und mit wem soll sich auch ein gefeiertes Wunderkind auf Augenhöhe unterhalten? Sidis lebt zwischen Erfolgsdruck und ungehemmter Bewunderung und schon bald in seiner ganz eigenen Welt mit wenig Berührungspunkten zur Außenwelt. Er kann schon mit zehn Jahren Vorträge zur Vierten Dimension halten, aber Freundschaften zu schließen, das vermag er nicht. Viele von Sidis Verhaltensweisen lassen ein Asperger-Syndrom vermuten, eine Variante des Autismus.
Klaus Cäsar Zehrer gelingt es ebenso einfühlsam wie spannend Sidis‘ Lebenslauf nachzuvollziehen. Die Romanform erlaubt es ihm, die bloßen biographischen Daten auszuschmücken, die Charaktere lebendig zu machen. Dabei scheint er sich allerdings nie allzu weit vom historisch Verbürgten zu entfernen. Sidis gilt zwar nach wie vor als das größte Genie seines Jahrhunderts, aber weil er daraus nie einen Nutzen zu ziehen verstand, ist er fast völlig in Vergessenheit geraten. Zehrers Roman gewährt ihm den verständnisvollen Blick, der wohl auch zu Lebzeiten nötig gewesen wäre.
Und so entdeckt man sich dabei, durch die 645 Seiten zu rasen, die Sprache hat einen ganz eigenen Sog und es gibt nur wenige Längen, und dabei in eine andere Zeit einzutauchen. Das ist für mich das Großartige an Literatur: die Möglichkeit, andere Zeiten und Welten zu erleben, Wissen zu sammeln, im Kopf zu reisen. Und mit Klaus Cäsar Zehrer als Reiseleiter war es mir ein besonderes Vergnügen!

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Besprechungen:

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Familienbande

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Die Altruisten
Andrew Ridker
Aus dem Englischen von Thomas Gunkel
erschienen am 23. September 2019 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-60024-4

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Vor einigen Wochen bekam ich überraschend Buchpost aus dem Penguin Verlag. Ich habe mich wirklich sehr darüber gefreut, daher auf diesem Wege herzlichen Dank dafür!
Leider konnte ich trotz meiner Freude wenig mit dem Roman anfangen. Dabei ist er „das Sensationsdebüt aus den USA“, ist „kühn, klug, komisch“ und Gary Shteyngart findet ihn brillant.
Ich nicht. Bedauerlicherweise.
Es geht um die Familie, die man sich ja bekanntermaßen nicht aussuchen kann. In diesem Falle um Francine und Arthur und ihre erwachsenen Kinder Ethan und Maggie. Francine ist der Mittelpunkt, die, die alles zusammenhält. Nach ihrem Krebstod bricht der Kontakt zwischen Arthur und seinen Kindern mehr oder weniger ab. Arthur beschäftigt sich mit seiner nicht vorhandenen Professorenkarriere und seiner Geliebten, Maggie will die Welt retten und Ethan hat sich in seiner Designerwohnung eingeigelt.
Bis Arthur seine Kinder einlädt, um sie zu bitten, auf ihr Erbe zu verzichten, um sein Haus zu retten.
Soweit, so gut. Es hätte mir ungemein geholfen, wenn es eine, nur eine einzige nicht nervige oder unsympathische Person gegeben hätte. Arthur ist eine Vollkatastrophe, Maggie unerträglich und Ethan, naja, Ethan spielt auch mit. Das Lesen hat mich zunehmend angestrengt, zumal mir der Sinn hinter der Geschichte verborgen blieb. Arthur ist ausschließlich mit sich selbst beschäftigt, kreiselt nur um sein Wohl oder Wehe, Maggie leidet am Elend der Welt und Ethan kämpft mit seiner Homosexualität.
Ich fand den Roman nicht kühn, warum auch? Klug ist der Autor sicherlich, keine Frage, der Roman vielleicht auch, aber komisch ganz sicher nicht. Und die feine Ironie ist mir auch entgangen.
Kurz, die Altruisten und ich waren überhaupt nicht auf einer Wellenlänge. Ich finde das schade, freue mich aber für diejenigen, die Humor und Inhalt mehr zu würdigen wußten.

Ich danke dem Penguin Verlag für das Leseexemplar.

 

 

Dame Edith Sitwell

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Die Dame hinter dem Vorhang
Veronika Peters
erschienen am 23. September 2019 im Wunderraum Verlag
ISBN 978-3-336-54808-8

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Die Bücher des Wunderraum Verlags sind eigentlich alle hübsch. Es sind sozusagen Wohlfühlbücher für Leseratten. Fest gebunden mit Lesebändchen, einem zum Thema passenden Cover und Vorsatzband, das lässt Augen leuchten.
Noch mehr Glanz bekamen meine Augen allerdings bei diesem Roman beim Lesen des Klappentextes. Es geht um Dame Edith Sitwell, eine der größten britischen Schriftstellerinnen ihrer Zeit, exzentrisch, spitzzüngig, eine Ikone.
Geboren 1887 auf Renishaw, einem Herrenhaus in Yorkshire, als Tochter eines Baronet, wächst sie in gesicherten, aber lieblosen Verhältnissen auf. Von der Mutter ob mangelnder Schönheit verachtet, vom Vater wegen ihres freien Geistes kritisiert, blüht sie erst mit 25 Jahren nach einem Umzug nach London auf, wo sie sich mit ihrer Gouvernante eine Wohnung teilt. Sie bekommt Kontakt zu anderen Künstlern, veröffentlicht erste Arbeiten. Es folgen Ruhm und Anfeindungen, ein wechselvolles Leben, das 1964 endet.
Diesem Weg folgt auch der Roman, aber aus Sicht einer fiktiven Bediensteten, einer Art Kammerzofe. Eigentlich keine schlechte Wahl, denn näher hätte kaum eine Person der privaten Edith Sitwell kommen können. Eigentlich deshalb, weil das Buch selbst leider einer Edith Sitwell wenig gerecht wird. Das hat sie wahrlich nicht verdient, Bestandteil eines seichten Downton Abbey-Abklatsches zu werden. Und eine derart naive, aber von sich eingenommene Person wie diese Jane Bannister hätte sie wohl auch kaum zu ihrer Vertrauten gemacht.
Warum ist das eigentlich so, dass „Literatur für Frauen“ so häufig hinter ihren Möglichkeiten zurück bleibt und sich lieber mit der xten Beschreibung einer Perlenkette abgibt? Es ist ja logisch, dass ein Dienstmädchen damaliger Zeit keine hohe Literatur schreibt, aber muss das Ganze denn so platt klingen, so vorhersehbar, so austauschbar? Der Roman hangelt sich am Leben der Protagonistin entlang, kein Charakter ist ausgearbeitet, vielmehr besteht er aus name dropping und dazu passenden Anekdötchen. Tiefgang? Fehlanzeige.
Dabei wäre das Potential ja da gewesen. Wie geht es einer Bediensteten mit einer so ungewöhnlichen Herrin? Wie geht sie damit um, einerseits berühmte Künstler kennenzulernen und andererseits jederzeit Tee servieren zu müssen? Wie ist es, ein Leben lang nur am Rand zu stehen und dem Getümmel zuzusehen?
Schlußendlich ist Jane nur das Vehikel, um über Dame Edith Sitwells Leben zu plaudern. Das ist mir persönlich einfach zu wenig. Zumal da jede Biographie aufschlußreicher ist.

Ich danke dem Wunderraum Verlag für das zur Verfügung gestellte Lesexemplar.

 

 

21. Juli 1969

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Wo wir waren
Norbert Zähringer
erschienen am 12. März 2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-07669-6

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Am 21. Juli 1969 betritt der erste Mensch den Mond. Und von dieser Nacht ausgehend, erzählt Zähringer die Geschichte seiner Protagonisten. Er springt dabei in den Zeitebenen, verschränkt die Leben seiner Charaktere miteinander und schafft so ganz unaufgeregt das Panorama eines ganzen Jahrhunderts.
Man muss aufmerksam lesen, denn nebenbei Erwähntes wird wieder aufgegriffen, Personen oder Ereignisse tauchen in anderen Zusammenhängen auf, müssen neu bewertet werden. Das geschieht ohne überzogene Dramatik, die Erzählweise ist ruhig. Das hilft dem Leser den Überblick zu behalten zum einen, zum anderen aber auch das zu ertragen, was da erzählt wird. In einem Jahrhundert mit gleich zwei Kriegen gibt es eben nicht nur schöne Momente. Von Bombennächten ist die Rede, aber auch von Kindesmissbrauch in Waisenheimen, von Selbstmordversuchen. Der Bogen reicht von den Gräben des Ersten Weltkrieges bis zum IT-Boom der Achtziger.
Beeindruckend ist dieser Roman, sprachlich und inhaltlich. Vor allem kommt er ohne die derzeit so beliebten fiktiven Welten, ohne plakativen Fingerzeig auf Mißstände aus. Den Finger auf die Wunde legt Zähringer trotzdem. Er läßt dem Leser allerdings den Spielraum selbst zu denken. Das ist eine selten gewordene Kunst und daher ist es umso erfreulicher, wenn sie so souverän beherrscht wird.
„Wo wir waren“ steht zwar auf der Longlist für den diesjährigen Deutschen Buchpreis, ist aber das Buch, von dem man, zumindest war das mein Eindruck, am wenigsten gehört hat. Das empfinde ich als überaus bedauerlich, wäre es doch in meinen Augen ein verdienter Shortlist-Kandidat gewesen. Denn wo findet man noch Autoren, die lange Bögen schlagen können ohne den Erzählfaden zu verlieren, die Weitwinkel statt Makroaufnahme wählen, große Bühne statt Kammerspiel?
2001 erschien Norbert Zähringers Debüt. Seitdem hat er nur vier weitere Romane herausgebracht. Auch das ist selten geworden: ein Autor, der seinen Texten Zeit gibt. Einen Eindruck davon gibt die Rechercheliste am Ende des Romans.
Wer also wirklich großartige Literatur lesen möchte, der sollte „Wo wir waren“ eine Chance geben…

Ich danke dem Rowohlt Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

Lesen macht glücklich https://lesenmachtgluecklich.wordpress.com/2019/09/14/rezension-buchpreisbloggen-norbert-zaehringer-wo-wir-waren/

Sehnsucht

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West
Carys Davies
Deutsch von Eva Bonné
erschienen am 10. Juni 2019 im Luchterhand Literaturverlag
ISBN 978-3-630-87606-1

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In der heutigen Zeit einen Western zu schreiben, das ist schon eher ungewöhnlich. Diesen dann mit 204 Seiten eher anzulegen wie eine Novelle, das ist gewagt.
Carys Davies gelingt dieses Wagnis. Die Geschichte über Cy Bellman, der 1815 auszieht das Fürchten zu lernen, ist so voller Poesie, Melancholie und Sehnsucht, dass man sie so schnell nicht vergisst.
Besagter Cy Bellman ist Maultierzüchter in Pennsylvania, die Frau ist verstorben, er hat eine 12jährige Tochter Bess und eine Schwester namens Julie. Durch kluge Entscheidungen und harte Arbeit hat er ein gutes Auskommen, Lesen und Schreiben beherrscht er auch leidlich. In der Zeitung liest er vom Knochenfund eines unbekannten Wesens. Die Idee, dieses Wesen aufzuspüren, lässt ihn nicht mehr los. Und so entschließt er sich, gen Westen zu ziehen und danach zu suchen in den unerforschten Teilen des Kontinents. Bess bleibt mit ihrer Tante Julie zurück. Bis auf die Hilfe eines Nachbarn sind sie auf sich allein gestellt.
Von diesem Moment an verläuft die Erzählung zweigleisig. Wir lesen über Bellmans Abenteuer, die Einsamkeit, die Härten der Natur, über seine wenigen Begegnungen mit Menschen. Parallel dazu erfahren wir, wie es Bess geht mit ihrer wenig liebevollen Tante, lesen über ihre zunehmende Einsamkeit und die Gefahren für ein junges, sich entwickelndes Mädchen ohne Vater.
„West“ hat in weiten Teilen eine fast märchenhafte Stimmung, besonders am Ende, wo eine sehr spezielle gute Fee ihren Auftritt hat, und trotzdem geht es hier nicht um Wildwest-Romantik. Bellman folgt zwar seinen Träumen, zahlt aber den Preis dafür in einer realen Welt, während Bess wenig Spielraum für Träume hat. Ihr bleibt nur die Hoffnung, ihr Vater käme irgendwann zurück.
Es ist eine Kunst, so viel Stoff in so kurzer Form zu bearbeiten, ohne dass der Text überladen und gekünstelt wirkt. So sehr man es sich auch wünscht, der Roman dürfte nicht länger sein, er würde seinen Zauber verlieren. Cary Davies gelingt es, alle Elemente des klassischen Westerns einzubauen, den „lonesome rider“, die „weißer Mann trifft roten Mann“-Thematik, die Freiheit in der Natur, ohne Klischees zu übernehmen. Sie schreibt über einen Mythos und entmythisiert ihn gleichzeitig. Eine wirklich großartige Umsetzung und Neuinterpretation eines scheinbar altbekannten Sujets.

Ich danke dem Luchterhand Literaturverlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Besprechungen:

Buchperlenblog https://buchperlenblog.com/2019/06/20/rezension-carys-davies-west/
letusreadsomebooks https://letusreadsomebooks.com/2019/07/31/carys-davies-west/
Esthers Bücher https://esthersbuecher.com/2019/08/13/carys-davies-west/
Kuhle Bücher https://kuhlebuecher.com/2019/06/22/west-von-carys-davies/