Liebe, Kunst und Ringelreihen

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Die Sparsholt-Affäre
Alan Hollinghurst
Aus dem Englischen von Thomas Stegers
erschienen am 11.März 2019 im Blessing Verlag
ISBN 978-3-89667-626-9

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Ich springe ausnahmsweise einmal gleich ohne Umschweife in das Thema: Wandlungen in der englischen Gesellschaft von 1940 bis zur Gegenwart, dargestellt anhand des Umgangs mit Homosexualität. Was klingt wie eine trockene Abhandlung, ist stattdessen ein geistreicher, charmanter und absolut lesenswerter Roman.
Zunächst befinden wir uns im Oxford der Kriegsjahre. Freddie Green berichtet von der Liebe seines guten Freundes Evert Dax zu einem Mitstudenten namens David Sparsholt. Dessen Ausrichtung ist unklar, immerhin ist er verlobt und direkte Nachfragen sind aufgrund der Gesetzeslage nicht ungefährlich. Schließlich galt Homosexualität damals als strafbares Delikt.
Was auch immer in Oxford damals geschah, David wird Vater eines Sohnes, Johnny. Und dessen Lebensweg ist der rote Faden des Romans. Wir lesen über die erste Verliebtheit in einen französischen Austauschschüler, erleben, wie der Wunsch wächst, Künstler zu werden, wie Johnny über Umwege Vater einer Tochter wird und versucht, ein glückliches und erfülltes Leben zu führen. Überschattet wird dieser Versuch allerdings von einem Skandal rund um seinen Vater, der dessen Leben und Ehe zerstört und auch den Sohn stark beeinflusst.
Ein sprachlich hervorragender Roman, der feinfühlig mit einem schwierigen Thema umgeht. Was macht es mit einem Menschen, wenn die Hälfte seines Lebens im Verborgenen stattfinden muss, wenn Gesellschaft und nahe Umgebung die Neigungen, die man ja nicht beeinflussen kann, nicht akzeptieren, schlimmer noch verachten? Welche Veränderungen sind möglich, wenn Liebe nicht mehr strafbar ist und verhältnismäßig offen gelebt werden darf?
Der Roman hat eine besondere Ausstrahlung, die ich nur schwer beschreiben kann. Vielleicht ist es die auch heute noch seltene Selbstverständlichkeit, mit der über gleichgeschlechtliche Liebe gesprochen wird. Die sich ja nicht unterscheidet von der gesellschaftlich anerkannten Form.
Vielleicht sind es aber auch die Charaktere, die britische Kultiviertheit und der Schreibstil, „geistreich“ laut Klappentext, „geistreich, berührend und brillant“. Und besser kann man es eigentlich auch gar nicht zusammenfassen.

Ich danke dem Blessing Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Hollywood 1922

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Der blutrote Teppich
Christof Weigold
erschienen am 11. April 2019 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05141-4

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Vor etwa einem Jahr erschien der erste Band dieser Reihe über den deutschen Privatdetektiv Hardy Engel, verkrachter Schauspieler, Expolizist, der im Hollywood der 1920iger gestrandet ist und nun Kriminalfälle löst. Ich war und bin hellauf begeistert von dieser Mischung aus Fakten und Fiktion, von den Charakteren, dem ganzen Aufbau des Romans.
Und nun also Band 2 mit einem weiteren Mordfall hinter den Kulissen. Diesmal geht es um den Regisseur William Desmond Taylor, der offenbar kurz nach einem Telefonat mit Engel ermordet wurde. Und die Polizei ist mehr als gewillt, den aufmüpfigen „Schnüffler“ als Tatverdächtigen festzunehmen.
Wenn der erste Band so hervorragend ist, habe ich beim Nachfolger immer ein wenig Angst. Wird das Niveau bleiben? Wird der nächste Band eigenständig sein oder nur am Vorgänger abgekupfert?
Beim ersten Anblick des Buches war ich ernsthaft enttäuscht. War Band 1 noch fest gebunden, ein goldener Backstein sozusagen und als Mordinstrument durchaus geeignet, handelt es sich nun um ein Taschenbuch mit arg dünnen Seiten. Da hat der Verlag wohl kostengünstig gedacht. Aber vielleicht greift der klassische Krimileser ja auch lieber zu einem Taschenbuch?
Und der Inhalt? Nun…
Offen gestanden gefällt mir der zweite Band noch besser als der erste. Er ist straffer, einen Tick spannender und vertraute Charaktere gewinnen noch mehr Profil.
Man gewinnt den Eindruck, es müsse Christof Weigold höllischen Spass bereiten, Hardy Engel durch das Labyrinth Hollywood zu geleiten und dabei reale Figuren lebensecht einzubauen. Sei es „Uncle Carl“ Laemmle oder Ernst Lubitsch, Charlie Chaplin oder Douglas Fairbanks (Senior, der Junior war zu dem Zeitpunkt erst dreizehn Jahre alt). Es gibt auch ein paar wirklich witzige Szenen mit Dorothy Parker und dem Algonquin Round Table.
Ich finde es immer gerade bei Krimis sehr schwer, eine Besprechung zu schreiben, die alles Wesentliche enthält, aber nicht zu viel verrät. Aber ich muss doch unbedingt verkünden, dass ich stark hoffe, dass Miss Polly Brandeis, die Engel diesmal von Zeit zu Zeit bei seinen Ermittlungen unterstützt, uns für die nächsten Bände erhalten bleibt. Überhaupt, die nächsten Bände: möge dem Autor nicht die Puste ausgehen, möge der Verlag die Reihe weiter verlegen (meinetwegen auch als Taschenbuch), möge es noch genug Stoff geben und Hardy Engel bis ins hohe Alter ermitteln und möge es mindestens die nächsten zehn Jahre im Frühjahr einen weiteren Band geben! Ich erkläre die Hardy Engel-Romane hiermit offiziell zu meiner derzeit liebsten Krimi-Reihe. Ich hoffe sehr, wir kommen noch bis in die Dreißiger Jahre, zu meinen Hausgöttern Astaire, Stewart, Gable, zu Busby Berkeley und Ruby Keeler usw. Und daher lege ich allen Krimi-, Film,- Hollywood,- und Philipp Marlowe- Interessierten diese Reihe ans Herz!

Ich danke Kiepenheuer & Witsch herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Erste Liebe

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Siebzehnter Sommer
Maureen Daly
Aus dem Amerikanischen von Bettina Obrecht
erschienen am 15.April 2019 im Kein & Aber Verlag
ISBN 978-3-0369-5990-0

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Dieser 1942 erschienene Roman ist ein Klassiker der amerikanischen Literatur. Er beschreibt einen unvergesslichen Sommer im Leben der siebzehnjährigen Angie Morrow, den Sommer der ersten Liebe.
Angie lebt mit ihrer Familie in einer typischen amerikanischen Kleinstadt. Jeder kennt jeden, abends und an den Wochenenden trifft man sich Drugstore oder geht ins Kino. Am Anfang des Sommers lernt sie Jack Duluth näher kennen, einen Mädchenschwarm des Ortes. Überraschenderweise verlieben sie sich ineinander.
Das nun Folgende beschreibt Maureen Daly ebenso feinfühlig wie anrührend. Denn eigentlich passiert gar nicht viel. Geschrieben 1942, da galt bei der ländlichen Bevölkerung schon ein Kuss fast als ungehörig. Feste Beziehungen wurden von den Eltern nur bedingt gern gesehen. Trotzdem sehen Angie und Jack sich täglich, machen Bootsausflüge, Spaziergänge, treffen sich mit Freunden. Die gerade erst der Kindheit entwachsene Angie verzaubert Jack komplett, auch wenn sie sich ihm nicht an den Hals wirft, keinen Alkohol trinkt und ihre Eltern beständig um Erlaubnis bitten muss.
Mit der Lektüre taucht man ein in eine andere Welt. Eine frische, nach reiner Baumwolle riechende sommerliche Welt. Denn neben der zarten Liebe beschreibt Daly auch Angies Familienleben, gemeinsame Picknicks, das Einmachen der Pfirsiche, Jäten der Beete. Angie lebt in einer heilen Welt, mit liebevollen Eltern und netten Schwestern. Selbst ihre Schwester Lorraine, die einen Hauch von Düsterkeit in die gleißende Helle bringt, verliert Kopf und Ehre nicht komplett.
Mich hat dieser Roman verzaubert. Daly war selbst erst 21, als der Roman erschien und somit sehr nah dran an ihrer Protagonistin. Und sie erzählt so lebensnah von den Gedanken einer Siebzehnjährigen, von ihren Wünschen und Träumen, von den Irrungen und Wirrungen auf dem Weg zum Erwachsensein, dass man wirklich glaubt, Angie selbst zu hören, die von diesem einen, so besonderen Sommer berichtet, der aus dem Kind eine junge Frau macht. An den damit verbundenen Gefühlen dürfte sich auch gar nicht so viel geändert haben, selbst wenn es heute dabei nicht mehr ganz so keusch zugeht.

Ich danke demKein & Aber Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Geschichte eines Hauses

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Gott wohnt im Wedding
Regina Scheer
erschienen am 25. März 2019 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-60016-9

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Um damit zu beginnen, ich habe „Machandel“ leider noch nicht gelesen, den preisgekrönten Debütroman Regina Scheers. Daher kann ich über „besser“ oder „schlechter“ nicht urteilen. Und eigentlich bin ich ganz froh darüber, ohne Erwartungen an diesen Roman gegangen zu sein. Es wäre nämlich immens schade gewesen, wenn er mich auch nur ein Deut weniger berührt hätte, weil ich falsche Vorstellungen im Kopf gehabt hätte.
Das Buch erzählt die Geschichte eines Hauses im Wedding, einem an Geschichten reichen Berliner Stadtteil. 1890 erbaut, steht nun sein Abriss bevor. Zuletzt haben rumänische Wanderarbeiter dort gewohnt, meist Roma, und seit ihrer Geburt 1918 die alte Frau Romberg.
Intensiv und mit offensichtlich viel Hintergrundwissen berichtet Frau Scheer über die Parallelen und Unterschiede im Umgang mit den Juden und den Roma im Dritten Reich. Sie erzählt von U-Booten (untergetauchte Juden, die versuchen den Häschern zu entkommen), von Arbeitslagern, von Schmerz, Verrat und Tod. Sie erzählt von den „Zigeunern“, die vor, während und vor allem auch nach dem Krieg überall unerwünscht sind, von fehlender Anerkennung, mangelndem Schuldbewußtsein der Deutschen und Behördenterror.
Ich habe mich immer für geschichtsbewußt gehalten und dennoch ist mir der Umgang mit den Sinti, den deutschen Roma, nur am Rande bewußt gewesen und schon gar nicht das Ausmaß der Verfolgung.
Das Alles in einen Roman verpackt zu haben, der einerseits spannend geschrieben ist und andererseits die Zusammenhänge verdeutlicht, ist eine Kunst. In dem Berliner Mietshaus treffen Juden, Roma und Deutsche aufeinander, kreuzen sich Lebenswege. Da trifft der alte Leo Lehmann, gerade aus Israel mit seiner Enkelin eingetroffen, auf Gertrud Romberg, die ihn und einen Freund vermutlich an die Gestapo verraten hat. Aber hat sie wirklich? Dort wohnt Laila Fidler, die nicht ahnt, dass ihre Großeltern auch schon genau dieses Haus bewohnt haben. Laila, die in Deutschland aufgewachsen ist, versucht auch den vielen aus Rumänien eingereisten Roma bei den Behördengängen zu helfen. Ihr Stiefvater ist Mitglied einer Organisation, die Sinti und Roma eine Stimme geben möchte.
Der Roman ist sicherlich nicht dafür geeignet, einfach zur Unterhaltung gelesen zu werden. Er ist nicht schwer zu lesen, nein, aber der Inhalt ist bisweilen schwer zu fassen. Und man muss schon bereit sein, mit dem großen Personal zu leben. Man kann eine derart breit gefächerte Geschichte nicht mit drei Personen erzählen. Schließlich wird ein Zeitraum von fast einhundert Jahren abgedeckt.
Und dann, ja, das muss ich noch schreiben, brauchen wir solche Bücher derzeit. Jetzt, wo der Ruck nach Rechts deutlich spürbar wird und die braune Sauce wieder aus allen Abwasserkanälen quillt, sollten wir uns immer und immer wieder bewusst machen, dass wir unsere Geschichte noch lange nicht aufgearbeitet haben. Dass man eben nicht den Deckel auf den Topf setzen und die Geschichte verleugnen oder zu den Akten legen kann. Daher kann ich diesen Roman wirklich nur jedem ans Herz legen.

Ich danke dem Penguin Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

Kuhle Bücher https://kuhlebuecher.com/2019/04/20/gott-wohnt-im-wedding-von-regina-scheer/
Cascarax https://cascarax.wordpress.com/2019/04/22/viele-geschichten-und-ein-sprechendes-haus-regina-scheers-neuer-roman-gott-wohnt-im-wedding/
Jüdische Allgemeine https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/gehen-oder-bleiben-2/

Dreiecksgeschichte

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Das wilde Herz
Andrea De Carlo
Aus dem Italienischen von Petra Kaiser und Maja Pflug
erschienen am 01.April 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-30074-1

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Erschienen am 01. April. Im Nachhinein gibt mir das sehr zu denken. Es wäre ein sehr kostspieliger Scherz, dennoch…
Dem Diogenes Verlag kann ich im Großen und Ganzen blind vertrauen. Gut, mein Ausflug in einen Roman Paulo Coelhos war nicht sehr erfolgreich, aber das wird aufgewogen von Dutzenden wunderbarer Bücher.
Was allerdings jemanden dazu bewogen haben mag, diese Schmonzette zu veröffentlichen, um der es in der heutigen Besprechung geht, das vermag ich ganz ehrlich nicht zu erahnen. Es sei denn, es wäre eben doch ein Aprilscherz gewesen.
Mara hat eine spezielle Vorliebe für schwierige Männer und eine große Liebe zu einem baufälligen Haus in Ligurien. Derzeit ist sie mit einem englischen Anthropologen verheiratet. Da der Herr weder charmant, noch fürsorglich oder wenigstens irgendwie nett ist, läuft es überraschenderweise nicht so gut in der Ehe. Mr. Nolan (kommt von nölen – und dieser Kalauer entspricht durchaus dem Niveau des Romans) ist erstens eine wandelnde Nervensäge, zweitens ein elender Besserwisser, drittens gebildeter als der Rest der Welt und viertens als Engländer in Italien sowieso verloren. Ja, Klischees bedient Herr De Carlo besonders gern…
Als nun besagter Ehegatte bei der Reparatur des Daches des oben erwähnten Häuschens in Ligurien durch selbiges kracht, tritt Ivo Zanovelli in Maras Leben. Lange schwarze Haare, gut definierte Muskeln, Motorradfahrer und in der Lage, das Dach schneller zu richten als jeder andere, dazu das Odeur des Geheimnisvollen – an dieser Stelle war ich kurz vor einem Abbruch, aber ich bin ja eine tapfere Leserin – , leider auch irgendwie jähzornig, leicht verletzt, wenig gebildet, so gar nicht englisch (ich vermute allerdings, das soll ein Pluspunkt sein) und ständig in Schwierigkeiten.
Der Rest verläuft wie Schmonzette eben verläuft, unterbrochen von langen mit anthropologischen Thesen gespickten Monologen des Gehörnten. Wenn Nichttänzer über Ballett schreiben, passiert häufig Ähnliches, da wird jeder angelesene Fachbegriff in den Text geworfen, ob’s passt oder nicht.
Sprachlich ist der Roman eine echte Herausforderung, da De Carlo, wrrrrammwrrrrammm woosh woosh wreeeaaammmwrrrstkrrr, jedes Nebengeräusch in den Text miteinbaut, so dass der Leser die aufkeimende Langeweile mit heiterem Geräuscheraten, strok mmmbrrr sgwoinnk, bekämpfen kann. Wenn er denn sein eigenes Wort noch versteht.
Wer bis hier gekommen ist, hat sicherlich begriffen, dass ich mit diesem Buch so überhaupt gar nichts anfangen konnte. Und dabei will ich es auch belassen.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar und die Geduld mit der Rezensentin.

Aufbaujahre

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Westend
Martin Mosebach
erschienen am 19.02.2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 9678-3-498-00105-6

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Dieser 1992 erstmals erschienene Roman ist schlicht ein großartiges Stück deutscher Literatur in Tradition von Manns „Buddenbrooks“. Über drei Generationen hinweg verfolgt Martin Mosebach das Leben zweier Familien im Frankfurter Westend in der Nachkriegszeit.
Alfred Labonté wächst nach dem Tod seiner Mutter und dem Verschwinden seines Vaters bei seinen Großtanten auf. Die Familie zehrt noch vom Ansehen seines Urgroßvaters, der einen allseits bekannten Kolonialwarenladen führte.
Lily Has dagegen ist die Tochter eines Kunstsammlers und gezwungenermaßen Nutznießers des Familienvermögens, welches seine Mutter in einer Haus- und Grundstücksverwaltung festlegen liess.
Zwei Familien, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten: die Schwestern Labonté, die Wert legen auf Anstand, Manieren und Traditionen, die einen Haushalt führen, in dem nahezu alle Handlungen vorherbestimmt sind und immer noch den Regeln ihres Vaters folgen, stehen im Grunde für das Leben vor dem Krieg. Lilys Vater Eduard dagegen stammt zwar auch aus einer traditionsreichen Familie, wurde aber von seiner Mutter von den Geschäften ferngehalten und hat nun einen Vorstandsposten in der „Verwaltung“, deren wahre Leitung jedoch in den Händen seines Vetters Fred Olenschläger nebst Sekretärin liegt. In dem Versuch, sich freizuschwimmen, beginnt Eduard moderne Kunst zu sammeln und wendet sich überhaupt von allen Familientraditionen ab.
Diese Zusammenfassung ist allerdings nur grob und wird der Vielschichtigkeit des Romans keineswegs gerecht. Denn Mosebach erzählt nicht nur eine Familiengeschichte, nein, er betrachtet aus dem Kleinen das Große, schafft ein Panorama der deutschen Nachkriegszeit aus den Menschenschicksalen, den Veränderungen im Viertel, in der Stadt, in der Welt. Die Zeiten ändern sich, ein Menschenschlag stirbt aus, ein anderer entsteht, Häuser werden abgerissen, eine neue Architektur wird umgesetzt, Beton ist nun á la mode.
Als Kind hatte ich ein Bilderbuch über einen Bauernhof im Wandel der Zeiten. Und ein wenig habe ich mich daran erinnert gefühlt bei der Lektüre. Jede Seite zeigte eine weitere Modernisierung. Die Nachkriegszeit brachte ähnlich rasante Änderungen und nicht alle Menschen konnten ebenso rasant umdenken.
Martin Mosebachs Charakterzeichnungen sind grandios: vom Hausmeister mit obligatorischem Schäferhund über den nur äußerlich weltmännischen Architekten bis zur Geliebten Has‘ mit dem goldenen Haarkranz, alle sind einerseits Individuen mit persönlichen Neigungen und andererseits Stellvertreter ihrer Art.
Hinzu kommen die elegante Sprache, der feine Humor und die Tatsache, dass der Roman trotz seiner fast 900 Seiten keine Sekunde langatmig ist, sondern durchgängig auf seinem hohen Niveau bleibt, mit einem Erzählfluss, wie man ihn nur ganz selten noch erleben darf. Ein sprachliches und erzählerisches Meisterwerk mit einer beeindruckenden stofflichen Dichte!
Wer sich für dieses Kapitel deutscher Geschichte interessiert, abseits von Petticoat und Italiensehnsucht, dafür detailgenau und tiefgehend, der zumindest einen Blick werfen in dieses Buch, dass mir durchgehende Lesefreude bereitet hat.

Ich danke dem Rowohlt Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

Kuhle Bücher https://kuhlebuecher.com/2019/04/08/westend-von-martin-mosebach/

Gallowglass

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Liebesbeweise
Barbara Vine
Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann
erschienen am 20. März 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-24493-9

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„Gallowglass“ ist der Originaltitel dieses Romans von Barbara Vine alias Ruth Rendell, der englischen Queen of Crime. „Gallowglass“ kommt vom gälischen „gallóglach“ und bedeutet in etwa Söldner, Vasall. Genauer bezeichnet man damit schottische Krieger, die für irische Könige im Mittelalter als Leibwache, aber auch Handlanger arbeiteten und aufgrund ihres Status als Landesfremde nicht durch persönliche Bande gehemmt und somit als ihrem Herrn treu ergeben betrachtet wurden.

„Ich wußte jetzt, was ich war, was er in mir sah. Einen Gallowglass, den Gefolgsmann seines obersten Dienstherrn.“

Sandor bewahrt Klein-Joe davor, sich vor eine Londoner U-Bahn zu werfen. Er nimmt den depressiven jungen Mann auf und behauptet, sein Leben gehöre nun ihm. Schnell sieht Klein-Joe in Sandor Elternersatz, Lehrer und Befehlsgeber. Aber Sandor plant ein Verbrechen und Klein-Joe soll ihm dabei helfen…

Wer nun einen blutigen, nervenzerfetzenden Thriller erwartet, möge sich lieber bei den skandinavischen Thrillerautoren umsehen. Denn Barbara Vine entwickelt ihren Plot in aller Ruhe. Dabei lässt sie sich immer wieder in die Karten sehen, man meint schon vorauszuahnen, was passieren wird, aber schlußendlich ist es dann immer doch ein wenig anders als gedacht. Fast gemächlich entfaltet sich das Szenario, größtenteils beschrieben von Klein-Joe, der, man merkt es zügig, nicht die hellste Kerze am Baum ist. Während jener noch unsicher durch die Lande tappst, sieht der Leser das Unheil schon kommen, langsam und unaufhaltsam. Barbara Vine läßt sich Zeit. Zeit für ihre Figuren und deren Geschichte, Zeit für den Handlungsverlauf, Zeit für die Beschreibung der Spielorte. Das ist heute so nicht mehr üblich. Aber zum einen ist der Roman von 1990, also fast dreißig Jahre alt, damals liefen die Uhren irgendwie noch langsamer, und zum anderen schreibt sie so gekonnt und elegant, dass man einen schnelleren Handlungsverlauf gar nicht vermisst. Fast bin ich geneigt, in diesem Falle von „herrlich altmodisch“ zu sprechen. Denn ich schätze diese unblutige Eleganz, die Fähigkeit, bedrohliche Situationen subtil und ohne Kettensäge aufzubauen sehr. Ich möchte mich nach dem Lesen nämlich gar nicht alptraumgeplagt im Bett wälzen, mir reicht der leichte Schauer und die Gänsehaut während der Lektüre völlig aus.
Ein wenig lebendigere Charaktere hätte ich mir gewünscht und einen etwas glaubhafteren Schluß, aber insgesamt habe ich diesen Roman mit Vergnügen gelesen.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Bewegte Bilder

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Aus dem Licht
Marente de Moor
Aus dem Niederländischen von Bettina Bach
erschienem am 18.02.2019 im Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-26176-1

Erhältlich bei Eurem lokalen Buchhändler.

 

Dieses Lesehalbjahr gestaltet sich seltsam. Das ist nun schon das dritte Buch in Folge, neben „Babel“ und „Winterbergs letzte Reise“, das ich zwar für sprachlich brilliant halte, aber auch unfassbar anstrengend zu lesen. Vielleicht sollte ich meine Auswahlkriterien überarbeiten. Andererseits kann/soll/muss Literatur ja durchaus fordernd sein und eigene Grenzen verschieben… Weiterlesen

Wenn Manen mahnen

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Rückwärtswalzer
Vea Kaiser
erschienen am 07.März 2019 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05142-1

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Blut ist eben doch dicker als Wasser und niemand wird zurückgelassen. Zumindest nicht in der Familie Prischinger. Als Lorenz vor der Pleite steht und seine Freundin ihn verläßt, darf er ganz selbstverständlich bei seiner Tante Hedi und ihrem Lebensgefährten Willi einziehen. Seine beiden anderen Tanten Mirl und Wetti gehen dort auch ein und aus. In Notfällen halten die Prischinger eben zusammen. Ein ebensolcher Notfall ist Willis plötzlicher Tod. Denn der gebürtige Montenegriner möchte in seinem Heimatland begraben werden, allein es fehlt das Geld für die Überführung. Und so machen Lorenz und seine Tanten sich mit dem gefrorenen Willi auf dem Beifahrersitz seines Pandas auf den langen Weg nach Montenegro…
Vea Kaiser hat mit „Rückwärtswalzer“ ein gleichermaßen charmantes, witziges und berührendes Buch geschrieben. Leichtfüssig, aber nie seicht, erzählt sie mit Rückblenden vom Leben der Protagonisten von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart und macht damit deutlich, wie sehr unsere Vergangenheit uns prägt bzw. die Erlebnisse der Elterngeneration auf das Werden der Kinder einwirken. Sepp zum Beispiel, Lorenz‘ Vater, hätte sich als Kind Anerkennung für seinen Lerneifer gewünscht und darum überschüttet er seinen Sohn mit Lob, weshalb der wiederum sich für ein verkapptes Genie hält und erst lernen muss, auch auf andere einzugehen. So trägt jeder sein Päckchen und gibt es gewissermaßen unbewußt weiter. Und wird dabei seinerseits beeinflusst von den Taten der Ahnen (im Alten Rom „Manen“ genannt).
Dass man auch bei den engsten Verwandten häufig den größten Teil der prägenden Ereignisse nicht kennt, macht die Sache nicht einfacher. Denn so entstehen im Grunde unnötige Konflikte und Mißverständnisse.
Was hier eher dramatisch klingt, beschreibt Vea Kaiser schwungvoll und mit treffsicherem Humor. Ich habe mit den Schwestern gelacht, geweint, gelitten und gehofft, der Roadtrip möge einen guten Verlauf nehmen und Onkel Willi friedlich in montenegrinischer Erde enden.
Ich kann es nur wiederholen: ein charmanter, leichtfüssiger Roman, dem ich von Herzen viele Leser wünsche! Meine Leseliste jedenfalls ist mal wieder länger geworden, weil ich nun natürlich auch die anderen Romane der Autorin lesen möchte…

Ich danke dem Verlag Kiepenheuer & Witsch herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen zu diesem Roman:

Buchrevier https://buchrevier.com/2019/03/07/vea-kaiser-rueckwaertswalzer/
Andreas Kück Leselust https://andreaskueckleselust.com/2019/03/12/rezension-vea-kaiser-rueckwaertswalzer-oder-die-manen-der-familie-prischinger/

Unweit von Bagdad

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Babel
Kenah Cusanit
erschienen am 28.01.2019 im Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-26165-5

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1913. Robert Koldewey leitet die Ausgrabung Babylons und leidet an einer Blinddarmentzündung. Das ist, sehr knapp formuliert, der Inhalt des Debütromans von Kenah Cusanit. Die Altorientalistin legt mit ihrem ersten Roman ein sprachliches Meisterwerk vor. Selten habe ich so sprachverliebte, wohlformulierte Sätze gelesen. Dennoch, der Funke springt nicht über. Schon nach kurzer Zeit habe ich das Gefühl, Cusanit schreibt für einen exklusiven Menschenschlag, den Archäologie studiert habenden Leser. Minutiös breitet sie Koldeweys Handlungen vor uns aus, mit der Geduld, die wohl auch von Nöten ist, will man dem Boden historische Schätze entreissen. Mir wird der Text dadurch jedoch zu langatmig, kurz, er überfordert mich.
Die Überraschung: lautes Vorlesen hilft, den feinen Humor zu erkennen, den Faden zu behalten und mich nicht im Wortgewirr zu verlieren (da gewinnt der Titel noch eine ganz andere Bedeutung). Aber auch mein Mann winkt nach kurzer Zeit ab, dabei ist er deutlich geschichtsinteressierter als ich. Also kämpfe ich einsam weiter, hoffe auf Zugang, scheitere.
Mein Fazit: „Babel“ ist ein unglaublich sprachverliebter Text, fast schon zu durchformuliert. Cusanit schreibt sichtlich nicht für den Leser, sie schreibt eine Gesamtkomposition, in der jedes Wort sorgsam ausgewählt wurde. Und das ist tatsächlich auch der Grund, warum ich nicht aufgegeben habe. In diesem Roman finden sich großartige Sätze, Abschnitte. Da rückt der Inhalt tatsächlich in den Hintergrund.
Wahrscheinlich ist es Jammern auf ganz hohem Niveau, aber ich vermisse trotzdem eine gewisse Lebendigkeit zwischen den funkelnden Wortjuwelen. Und dann: eine Blinddarmentzündung bleibt eben eine Blinddarmentzündung, egal wie nett man sie beschreibt. Und 267 Seiten Blinddarm sind mir dann doch zuviel.

Weitere Besprechungen zu diesem Roman:

Die letzten kritischen Leser https://kritischeleser.wordpress.com/2019/03/12/babel/