Charmanter Roadtrip

image-978-3-7117-2065-8

Anatol studiert das Leben

Susanne Falk

2018 erschienen im Picus Verlag

ISBN 978-3-7117-2065-8

bestellen

 

Pünktlich vor Toreschluß, d.h. Weihnachten, möchte ich noch den charmantesten und verrücktesten Roman des Jahres vorstellen. Wer also noch nach Geschenken sucht oder sich selbst eine Freude machen möchte, dem sei dieser wunderbare Roman ans Herz gelegt.
Anatol ist anders. Er hat Anschlußschwierigkeiten, einen Zähltick und weiß trotz intensiver Beobachtung nicht so richtig, wie Menschen eigentlich funktionieren. In seiner großen, lauten, warmherzigen Familie ist das kein Problem, aber im Umgang mit Fremden kommt es doch regelmäßig zu Unstimmigkeiten. Damit er menschliches Verhalten noch besser studieren kann, ist Anatol Museumswärter geworden: die Besucher betrachten die Bilder, Anatol betrachtet die Besucher. Bis sie eines Tages vor einem Chagall steht: Marcelline, Kunststudentin aus Nantes. Und Anatol entdeckt die Liebe. Kurzentschlossen packt er sich bei nächster sich bietender Gelegenheit den Chagall unter den Arm und macht sich auf den Weg nach Nantes. Zu Fuß. Ohne Geld. Ohne Jacke. Mit der Polizei auf den Fersen.
Der Roman ist vollgepackt mit Leben und unzähligen skurrilen Charakteren, allen voran Anatols Großmutter, einer gefeierten Burgschauspielerin mit Josef-Meinrad-Spleen. Eine völlig verrückte, komplett unglaubwürdige Geschichte, die aber so liebenswürdig ist, dass man sich wünscht, sie könne wahr sein. Anatol berührt die Menschen auf seinem Weg und er berührt dabei auch die Leser. Was mich allerdings am meisten beeindruckt hat, ist, wie geschickt Susanne Falk die Waage hält zwischen Skurrilität, Rührseligkeit, Romantik, Spannung, Drama und Abenteuer. Die Mischung ist nämlich genau richtig, kippt nie in ein Extrem und ist auch niemals zu abgedreht. Und sie ist ein Plädoyer für Menschlichkeit und Liebe, für Akzeptanz und gelebtes Anderssein. Weil „anders“ eben meist nicht schlechter ist, sondern nur ein anderer Blickwinkel. Und andere Blickwinkel erweitern den Horizont. Ein wirklich ganz entzückender, vergnüglicher Roman mit einer riesigen Portion Warmherzigkeit. Ein Vorrat für kalte Zeiten.

Shakespeare in Tasmanien

b_fj05_tasmanien_shakespeare

In Tasmanien

Nicholas Shakespeare

Aus dem Englischen von Hans M. Herzog

erschienen am 01.02.2005 im Mare Verlag

ISBN 978-3-936384-40-6

 

Nicholas nicht William. Man möge mir den Titelscherz verzeihen, es war einfach zu verlockend. Wenn auch nicht ganz so berühmt wie sein Namensvetter, so ist Nicholas Shakespeare dennoch ein Garant für gehobene britische Literatur. Ich habe einige seiner Romane mit großem Vergnügen gelesen und mich ehrlich gefreut, als ich dieses Buch in einem meiner Stapel mit ungelesenen Büchern entdeckt habe. (Eine Zeit lang habe ich mit System gelesen, immer ein altes und ein neues Buch im Wechsel. Neue Bücher wurden strikt hinten unten einsortiert und waren bis sie vorne oben angekommen waren meist vergessen. Daher habe ich tatsächlich Fundstücke im Bestand. Erstaunlicherweise erwerbe ich trotzdem Bücher nie doppelt, bisher jedenfalls nicht.)
„In Tasmanien“ nun ist kein Roman, sondern eine Art Spurensuche. Die Geschichte Tasmaniens ist nämlich eng verknüpft mit einem Teil der Familie des Schriftstellers. Anthony Fenn Kemp, einer der selbsternannten Gründerväter des Landes war der Schwager des Vaters seiner Großmutter, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. Indem er das abenteuerliche Leben dieses Verwandten rekonstruiert, erkundet Shakespeare auch die Geschichte des Eilands Tasmanien, einer ehemaligen Sträflingskolonie Großbritanniens, die 1901 ihre Unabhängigkeit erlangt. Weil es ihm aber nicht genügt, nur über den britischen Part zu berichten, folgen auch Ausführungen über Leben, Elend und Sterben der Aborigines und die vermutliche Ausrottung des tasmanischen Tigers.
Ich denke, man muss sich schon ein wenig für Land und Leute interessieren, um an dieser literarischen Rundreise Gefallen zu finden. Ich fand es streckenweise wirklich hochspannend, wie es Shakespeare gelingt Vergangenes wieder zum Leben zu erwecken. Und die Familienüberlieferung kennt eben so manche Anekdote zu den Hauptpersonen, die kein Geschichtsbuch liefern würde. Andererseits führt Shakespeares akribische Detailliebe bisweilen auch zu einem dezenten Gähnen. Allerdings wirklich nicht oft, und wer daher die Möglichkeit hat, dieses inzwischen vergriffene Buch zu lesen, der sollte nicht zögern, geht aber das Risiko ein, danach kurzerhand in den nächsten Flieger steigen zu wollen, um die Schauplätze mit eigenen Augen zu erkunden.

 

 

Rundherum schön

produkt-10004025

Meine Familie und andere Tiere

Gerald Durrell

Aus dem Englischen von Andree Hesse

erschienen am 02.11.2018 im Piper Verlag

ISBN 978-3-492-05917-6

bestellen

 

Endlich kann ich mal wieder hemmungslos schwärmen! Dieses Buch ist nahezu perfekt. Zum einen hat es einen wunderbar passenden Einband, auf dem viele der Tierchen zu sehen sind, denen man im Laufe der Lektüre begegnet und zum anderen ist es einfach so charmant und lustig geschrieben, dass man es nur höchst ungern wieder aus der Hand legt.
Auf der Flucht vor dem nasskalten Wetter Englands zieht die Familie Durrell auf die griechische Sonneninsel Korfu. Fünf Jahre bleiben sie dort, fünf Jahre, die allen unvergesslich geblieben sein dürften. Zu diesem Zeitpunkt ist der Autor Gerald Durrell zehn Jahre alt und interessiert sich zum Leidwesen seiner Familie sehr für die Fauna der Insel. Im Laufe der Jahre nehmen sie vier Hunde, diverse Schildkröten, eine Möwe, zwei Elstern und anderes Getier, einschließlich einer Skorpionmutter und Brut, bei sich auf. Meine Bewunderung gilt dabei Mutter Louisa, die mit unendlicher Ruhe und Liebenswürdigkeit die Eskapaden ihrer Kinder ausbadet. Denn neben Gerry wären da noch der dreiundzwanzigjährige Larry, auf dem Wege zum Schriftsteller, allwissend und über den Dingen stehend; der neunzehnjährige Leslie, ein Waffennarr und Traumschiffbauer und die achtzehnjährige Margo, deren knappe Badeanzüge die gesamte männliche Inseljugend auf den Plan ruft.
Selten habe ich ein so unbeschwert fröhliches Buch gelesen, so durchgehend geschmunzelt und gekichert. Diese Erinnerungen sind sonnenwarm und liebevoll und so gut geschrieben, dass ich sogar die detaillierten Beschreibungen diverser Insekten hochspannend fand. Und ich bin sonst kein großer Freund langbeiniger Krabbelviecher…
Eine meiner liebsten Szenen ist diese: Gerry hat Geburtstag und die Familie plant eine kleine, feine Feier. “ Wir hatten abgemacht, nur wenige Leute zur Party einzuladen. Menschenmassen seien nicht unsere Sache, sagten wir uns, und deshalb hielten wir zehn sorgfältig ausgesuchte Gäste für das Äußerste, worauf wir uns einlassen wollten. (…) Nachdem wir uns einvernehmlich darauf geeinigt hatten, ging jedes Familienmitglied los und lud zehn Leute ein.“ Erst am Tag vor der Party fällt auf, dass jeder andere zehn Leute geladen hatte und es nun 46 zu erwartende Gäste sind. Natürlich rettet die Mutter die Situation und es wird ein schönes Fest.
Aus dem kleinen Gerry wurde übrigens ein weltweit bekannter Tierschützer und Erforscher seltener Arten. Das mag auch daran gelegen haben, wie offen seine Familie seine Interessen unterstützt und gefördert hat. Und so ist dieses Buch eigentlich nicht nur charmant, sondern auch eine Art Lehrbuch für den Umgang mit Kindern. Obwohl ich persönlich keine Wasserschlangen in der Badewanne haben möchte, aber sogar die findet man ganz nett, so lange, wie sie in der Geschichte bleiben jedenfalls.
„Meine Familie und andere Tiere“ ist meine diesjährige Empfehlung für Weihnachtsgeschenkesuchende. Es ist herzerwärmend, aber nicht kitschig, leicht zu lesen, aber nicht seicht, witzig, aber nicht albern, kurz: es ist nahezu perfekt.

Ich danke dem Piper Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Bulgarien

Das dunkle Land von Elizabeth Kostova

Das dunkle Land

Elizabeth Kostova

Aus dem Englischen von Thomas Mohr

am 01.10.2018 erschienen im Wunderraum Verlag

ISBN 978-3-336-54792-0

bestellen

 

Eines wird beim Lesen dieses Romans schnell deutlich: Elizabeth Kostova liebt Bulgarien. Und sie scheint sich sehr mit der Geschichte des Landes befasst zu haben. Doch genau das wird ihr leider auch zum Verhängnis…
Aber von Anfang an: die junge Amerikanerin Alexandra Boyd reist nach Sofia, die Hauptstadt Bulgariens, um dort Englisch zu unterrichten. Am Hotel angekommen, hilft sie einer Familie mit Taxi und Gepäck und behält versehentlich eine schwarze Tasche. In dieser Tasche findet sie ein Kästchen mit der Asche eines Verstorbenen. Alexandra macht sich auf die Suche nach den Besitzern. Hilfe erhält sie unerwartet von dem jungen Taxifahrer Asparuh, der aber seine eigenen Geheimnisse mit sich trägt.
Elizabeth Kostova hat unglaublich viel Herzblut in ihren Roman gesteckt und ein Thema bearbeitet, dass ihr wohl sehr wichtig war. Aber sie hat, bewusst oder nicht, keine Prioritäten gesetzt beim Schreiben und so ist dieses Buch weder Fisch noch Fleisch. Zwei Drittel des Romans sind ein reiner Roadtrip. Alexandra und Asparuh, genannt „Bobby“, gondeln von Ort zu Ort durch halb Bulgarien. Sie fahren von A nach B, werden nach C weitergeschickt, nach D umgeleitet und von E wieder zurück nach B gesendet. Das Muster ist eigentlich immer gleich. Die Beiden kommen irgendwo an, die Familie ist nicht dort oder weiter gereist, sie hecheln hinterher. Das wird auf die Dauer vorhersehbar und auch langatmig. Da hilft es auch nicht, zwischendurch die Geschichte vom dramatischen Verschwinden von Alexandras Bruder Jahre zuvor einzuschieben. Bis zum Schluß des Buches habe ich mich gefragt, warum sich kein wohlmeinender Lektor fand, der diesen eher irritierenden Teil mit einem kräftigen roten Strich versehen hat. Sei’s drum… Während wir so durch Bulgarien rollen, erfahren wir einiges über Land und Leute, eine Landesführung ist also mit eingeschlossen. Relativ früh kommen Krimielemente ins Spiel, Bobby ist plötzlich bewaffnet und benimmt sich wie Bond, Asparuh Bond. Wir halten soweit fest: ein Roadtrip im Baedeckerton mit Agenten-Asparuh. Das klingt zugegeben fürchterlicher als es ist, denn das Ganze liest sich eigentlich ganz nett, wenn auch ein wenig zäh.
Und dann kommt der Kern der Sache: die Geschichte des Verstorbenen Stoyan Lazarov. Hätte Elizabeth Kostova doch nur diesen Teil geschrieben, sich nur darauf konzentriert. Denn zumindest der erste Teil ließ es mir eiskalt den Rücken herunter laufen. Hier ist sie plötzlich ganz nah am Geschehen, an den Menschen, hier macht sie Elend und Hilflosigkeit spürbar. Für mich hätte es das ganze Drumherum nicht gebraucht, wäre eine kompakte Novelle um Lazarov ergreifender gewesen als dieser ganze dicke Band. Und seit Beenden des Romans frage ich mich: hat sie ihrer Geschichte nicht getraut? Hat sie gedacht, nur das reicht nicht? Wollte sie ganz Bulgarien, gestern und heute, in ein Buch pressen? Warum verwässert jemand mutwillig seine eigene unglaublich intensive Geschichte? Warum?
Der Roman ist übrigens, ganz Kind des Wunderraum Verlags, wunderschön gestaltet und daher zumindest ein Schmuckstück im Regal.

Ich danke dem Wunderraum Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Midwinter Break

getimage

Schnee in Amsterdam

Bernard MacLaverty

Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser

erschienen am 20.September 2018 im C. H. Beck Verlag

ISBN 978-3-406-72700-9

bestellen

 

Stella und Gerry verbringen ein verlängertes Wochenende in Amsterdam. Sie sind ein eingespieltes Paar, beide schon im Ruhestand, der Sohn aus dem Haus. Die Reise ist ein Weihnachtsgeschenk Stellas an ihren Mann, der nicht ahnt, dass sie damit noch anderes bezwecken könnte, als nur ein paar schöne Tage mit Besichtigungen.
Die Ruhe des Erzählens bei Bernard MacLaverty ist trügerisch. Er betrachtet einen Abschnitt aus dem Leben des Paares wie unter dem Mikroskop. Freitag bis Montag –  fast minutiös verfolgen wir den Tagesablauf, die Gespräche, die kleinen Gewohnheiten und Reibereien. Der Leser erfährt wenig über das Davor und nichts über das Danach. Gerry ist Alkoholiker, so viel wird relativ schnell deutlich, und Stella ist damit nicht glücklich, hat dem aber wohl wenig entgegen zu setzen.
Sie machen Besichtigungen und Spaziergänge, gehen in Restaurants, schlafen im Hotel. Es ist nichts Außergewöhnliches an diesem Paar, auf den ersten Blick zumindest nicht. Aber zwischen den Zeilen lauern Risse und Brüche. Stella und Gerry sind von Nordirland nach Schottland gezogen oder doch geflohen, sie haben die Religionskonflikte wohl hautnah erlebt, ihr Leben war scheinbar wenig friedlich.
MacLaverty ist ein Meister der Zwischentöne, der Andeutungen. Nichts liegt hier einfach klar zutage, um alles rankt ein leichter Nebel. Aber Stella und Gerry verhalten sich eben so, wie man das tut, wenn man sich unbeobachtet wähnt. Sie müssen einander nichts erklären und in ihren Gesprächen gibt es Zwischentöne, die nur sie selbst erkennen und verstehen. Der Autor gibt uns Einblick in einen eingegrenzten Zeitraum im Leben der Beiden und lässt uns mit unseren Beobachtungen weitgehend allein.
Ein ständiges „Warum“ war mein Begleiter beim Lesen. Warum macht Gerry dies, warum sagt Stella das, oder auch warum machen oder sagen sie dieses oder jenes nicht. Irgendwann ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass wir in die meisten Leben in unserem Umfeld deutlich weniger Einblick erhalten und trotzdem Urteile fällen. Uns aus wenigen Informationen ein Bild zusammenbasteln, das zu unseren Erfahrungen  passt.
Der Roman hat mich nachdenklich gemacht, die Sprache hat mich begeistert. Trotzdem hat das Buch mich letztendlich nicht völlig überzeugt. Das mag aber daran liegen, dass ich gerne mehr gewusst hätte, dass der kleine Einblick mich irgendwie unbefriedigt zurückliess, dass ich lieber einen Anfang und ein Ende hätte. Dabei ist das Leben ja eher so vage, so fragil, wie hier beschrieben. Wer diese Erkenntnis aushält, der dürfte mit dem Roman sehr glücklich werden.

Ich danke dem C.H. Beck Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Eine Reise in die Vergangenheit

9783550081859_cover

Ein mögliches Leben

Hannes Köhler

erschienen 2017 im Ullstein Verlag

ISBN 978-3-550-08185-9

bestellen

 

Martin, Lehrer mit befristeten Verträgen, Single mit unehelichem Kind, das Leben irgendwie ziellos und in der Schwebe, fährt mit seinem Großvater nach Amerika. Der möchte sich noch einmal das Kriegsgefangenenlager in Texas ansehen, in dem er interniert war, möchte noch einmal amerikanische Luft schnuppern. Für den Enkel ist diese Reise nicht einfach, war sein Großvater doch kein liebevoller, in seinem Leben präsenter Mensch. Und so wird diese Reise auch zu einer Annäherung, je mehr Martin über die Vergangenheit seines Großvaters erfährt und seine Beweggründe verstehen lernt.
Wer nun denkt, dies sei „schon wieder einer dieser langweiligen, staubtrockenen “ Romane über den Zweiten Weltkrieg, der irrt gewaltig. Denn diese Spurensuche ist äußerst spannend. Köhler wechselt zwischen Gegenwart und Vergangenheit, räumt Puzzleteilchen zu Puzzleteilchen und hat scheinbar hervorragend recherchiert.
Über das Leben kriegsgefangener deutscher Soldaten in Amerika wußte ich ehrlicherweise nur wenig. Und gar nichts über die Strömungen zwischen den hartgesottenen, unbelehrbaren Hitlerfanatikern und denen, die froh, dem Alptraum entronnen zu sein, mit den Amerikanern kooperieren; nichts über die Brutalität und Bandenbildung, aber auch nichts über die Bildungsmöglichkeiten in den Camps und die gute Versorgung.
Der Autor ist ein Meister der Zwischentöne, einer, der nüchtern und doch einfühlsam schreibt, der nichts beschönigt oder wegredet. Und so wirkt die Unmenschlichkeit, die Verrohung der Hitlergetreuen noch unbegreiflicher, ist teilweise nur schwer erträglich zu lesen, eben weil die Sprache nicht roh ist.
„Ein mögliches Leben“ ist ein grossartiges Buch, ein wichtiges Buch, gerade derzeit, wo die alte Schlange „Faschismus“ wieder ihr Haupt erhebt, wo gesellschaftsfähig wird, was nie wieder aus den Sumpflöchern hätte kriechen dürfen. Es ist aber auch ein großartiges Buch, weil es sich mit einem fast vergessenen Part deutscher Kriegsgeschichte beschäftigt und den Bogen zur Gegenwart zieht, zu den Kindern und Enkeln der Überlebenden, deren eigenes Leben natürlich beeinflußt wird von den Erlebnissen der vorangegangenen Generationen.

Weitere Besprechungen dieses Buches:

Lesen macht glücklich https://lesenmachtgluecklich.wordpress.com/2018/03/22/rezension-hannes-koehler-ein-moegliches-leben/
jancak https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/02/28/ein-moegliches-leben/
Ronja Waldgänger https://notizenderwaldgaengerin.blog/2018/02/16/hannes-koehler-ein-moegliches-leben-mehr-als-ein-reiner-kriegs-und-nachkriegsbericht/
dieartderidagratias https://dieartderidagratias.com/2018/02/25/15245/

Waugh auf Reisen

Pressebild_Expeditionen-eines-englischen-GentlemanDiogenes-Verlag_72dpi

Expeditionen eines englischen Gentleman

Evelyn Waugh

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-07026-2

bestellen

 

Ich lese Waugh wirklich gern. Genauso wie ich Wodehouse lese und Anthony Powell. Letzterem hat er eine gewisse Spritzigkeit voraus und den Humor des Ersteren ersetzt er durch Zynismus. Ich lese bisweilen auch gern Karl May, aber dazu später mehr…
Bei diesem Buch Waughs handelt es sich nicht um einen Roman über die höheren Kreise Englands, sondern um einen Reisebericht. Dem Autor gelingt es, als Sonderberichterstatter der Times, der Krönung Haile Selassies beizuwohnen und er hängt dem Ereignis noch eine Reise durch Kenia, Sansibar, Kongo und Südafrika an. Selassie wurde 1930 zum König von Äthiopien ernannt und das Whoiswho der Diplomatenwelt reiste geschlossen an. Mittendrin Waugh, der schnelle Berichterstattung nicht unbedingt zu seinen Talenten zu zählen scheint, das aber auch nicht zugeben mag und viel lieber sein Gift über die Kollegen verspritzt. Überhaupt ist die ganze Angelegenheit für ihn viel zu aufgebauscht und dass die Hälfte der Gäste wichtiger ist als er, trägt auch nicht zu seinem Vergnügen bei. Da es sich bei allem Genörgel aber nun einmal um Waugh handelt, liest sich der Bericht trotzdem ganz amüsant, allerdings von stetem irritierten Kopfschütteln begleitet.
Die sich daran anschließende Reise jedoch entsprach wohl so ganz und gar nicht seinen Vorstellungen. Da erleben wir einen nöligen, standesbewußten Engländer, der natürlich immer den bestmöglichen einzuschlagenden Weg wüsste, wenn nicht seine verheerend unfähigen Mitmenschen das verhindern würden. Die Züge fahren nicht, die Schiffe warten nicht, die Hotels sind unterirdisch, die Menschen langweilig (Europäer) oder affenartig (Afrikaner), die Landschaft ist staubig, die Organisation grottig.
Bei Karl Mays Reiseberichten habe ich als Jugendliche immer die endlosen Landschaftsbeschreibungen überflogen und mich von Abenteuer zu Abenteuer gehangelt, auch damals schon mit einem breiten Lächeln über das immerwährende Heldentum des Old Shatterhand oder Kara ben Nemsi. Ein Graus die Vorstellung, diese Romane hätten nur aus Landschaftsbeschreibungen bestanden! Waugh wäre allerdings nicht Waugh, wenn nicht von Zeit zu Zeit brillante Spitzen aus dem eher langweiligen Satzbrei herausragen würden, so beispielsweise seine kleine Klettertour in Aden. Alles in allem würde ich aber dazu raten, eher zu seinen Gesellschaftsstudien zu greifen und die Abenteuerreisen Herrn May zu überlassen. Wobei der sie ja am Schreibtisch sitzend absolviert hat, während Waugh immerhin tatsächlich unterwegs war.

Ich danke dem Diogenes Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Ohne Worte

u1_978-3-596-29836-5

Ein Engel für Miss Flint

Moira Young

Aus dem Englischen von Alice Jakubeit

erschienen 2017 im S. Fischer Verlag

ISBN 978-3-596-29836-5

bestellen*

 

Es wird Bloggern ja recht häufig vorgeworfen, sie schrieben zu unkritisch, man fände zu selten richtige Verrisse, alles wäre immer zu positiv. Das liegt meines Erachtens daran, dass man mit der Zeit schon ein Gefühl dafür entwickelt, welche Bücher man lesen möchte und welche einem so gar nicht gefallen würden. Daher findet man bei mir beispielsweise keine Thrillerrezensionen. Außerdem sehe ich keinen Wert darin, die Arbeit eines anderen mit Gehässigkeiten, egal wie wohlformuliert, zu überhäufen. Seine Meinung schreiben, sicher, aber muss ich dazu ausfallend werden?
Wie auch immer, heute ist alles anders. Heute gibt es hier einen Verriss. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich freundlich bleibe.

Ich habe mich vergriffen. Das ist natürlich mein eigenes Versagen. Scheinbar braucht es nur einen kleinen Jungen mit Hund und den Vergleich mit „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ im Klappentext und mein sonst so untrügliches Bauchgefühl schlägt Purzelbäume. Ich habe mir diesen Roman selbst gekauft, er wurde mir nicht zugesendet, nicht von wohlmeinenden Freunden geschenkt, nein, ich habe ihn ausgesucht und zur Kasse getragen.

Der Inhalt ist kurz skizziert. Kleiner Waisenjunge, obdachlos, wächst in grauer, freudloser Stadt auf. Malen, singen, tanzen, alles verboten. Trifft alte Schabracke, die ihn (13 Jahre alt) als Chauffeur anstellt. Die Dame verstirbt unterwegs und reist als Geist weiter.


Ja, nicht? Habe ich auch gedacht.
Dabei wird jedes mögliche Klischee bis zum Äußersten ausgereizt. Fast wäre es der Autorin gelungen, mir meinen liebsten Weihnachtsfilm „Ist das Leben nicht schön?“ mit James Stewart zu verleiden. Auch ich habe nämlich durchaus meine kitschigen Momente. Aber ununterbrochenes Gebimmel zur Fließbandengelproduktion macht mich grantig. Sehr grantig. Später kommen dann noch die Kelten ins Spiel. Kein mystisches Buch ohne Keltengefasel. Denen müssen doch im Grabe die Ohren klingeln. Bekommt davon eigentlich auch ein Engel Flügel? Egal, dank diesem Buch herrscht da oben eh Überfüllung.
Davy David, so heißt phantasievollerweise das Oldtimer fahrende Bengelchen, ist übrigens der nächste Fra Angelico. Malt mit Stöckchen hochkünstlerische Engel auf nicht schnell genug fliehende Untergründe.

Ich könnte so noch geraume Zeit fortfahren. Aber das wäre ernsthaft zuviel der Aufmerksamkeit. Ich erfreue mich gerade an dem Gedanken, diesen Text auf dem Laptop zu formulieren. Bei einer Schreibmaschine wäre ich eventuell ja selbst zur Flügelproduzentin geworden. Klimbim.

Theater, das Tor zur Welt

 

Wilhelm Meisters Lehrjahre

Johann Wolfgang Goethe

erschienen 1977 in der Reihe dtv weltliteratur

 

In den letzten Tagen war es recht ruhig auf meinem Blog – und hier präsentiere ich den Grund dafür. Neben dem phantastischen Wetter und der damit einhergehenden Gartenarbeit hat auch der liebe Wilhelm mich vom Schreiben abgehalten. Wenn man nämlich vergißt, dass es sich um Weltliteratur, einen Bildungsroman und hehre Kunst handelt, dann liest man den Prototyp der Soap Opera schlechthin.

Ein junger Kaufmannssohn interessiert sich brennend für das Theater und verliebt sich folgerichtig in eine Schauspielerin. Zerschmettert von ihrer vermeintlichen Untreue, beginnt er im Kontor seines Vaters zu arbeiten, der ihn kurz darauf auf eine Geschäftsreise schickt. Unterwegs trifft Wilhelm erneut auf Schausteller und zieht bald mit ihnen durch die Lande…

Der Roman ist prall gefühlt mit schönen Damen unterschiedlicher Natur, mit Baronen und Grafen, mit höfischer Pracht und Schaustellerelend. Es gibt Kämpfe, Entführungen, Ver- und Entlobungen, einen Harfenspieler und die Turmgesellschaft. Wilhelmen ist gewiss kein Kostverächter und Goethe nimmt kein Blatt vor den Mund.

Über die genaue Interpretation mögen sich die Literaturwissenschaftler die Köpfe heiß reden, die war ja schon zu des Autors Zeiten umstritten, für mich liest sich das Ganze wie ein Schelmen- und Reiseroman mit einer gehörigen Portion Augenzwinkern. Wie sich die Handlung beständig ver- und entwickelt, schon fast vergessene Personen plötzlich den Raum betreten, eine bedeutende Rede halten oder ein Rätsel lösen, und kurz danach auch wieder in der Versenkung verschwinden, das kann einfach nicht durchweg ernst gemeint sein, nein, auch nicht 1795/96. Überhaupt, diese Unmenge an Personal, verteilt über acht Bücher, da hat Goethe mit Sicherheit seinen Spass gehabt. Der Theatermensch gibt tiefen Einblick in die Welt des Schauspiels zu seiner Zeit, den Traum von einem deutschen Nationaltheater, von durchgearbeiteten Interpretationen, aber auch in das Leben weitgehend talentfreier Überlandtruppen, die mühsam sich Essen und Schlafplatz erspielen müssen. Da hat der mit ausreichend Geld versehene Wilhelm bisweilen gut reden, da ist sich jeder selbst der nächste.

Und da es im Roman unter anderem auch um eine Aufführung von Shakespeares „Hamlet“ geht und ja im Moment das Hogarth Shakespeare Project läuft, wo namhafte Schriftsteller Shakespeares Stücke neu interpretieren: eine solche Neuinterpretation von den Lehrjahren könnte auch ein spannendes Unterfangen sein. Womit wir bei der anfangs erwähnten Soap Opera wären, heutige Drehbuchschreiber müssten ihre helle Freude an dieser Vorlage haben, wie es da knistert und munkelt und tuschelt und kungelt, wie die Damen und Herren „Bäumchen, wechsel Dich“ spielen, mal die eine lieben, mal den anderen. Vielleicht würde so ein Projekt auch unseren Klassikern zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen und zu der Feststellung, dass der „olle“ Goethe so verstaubt gar nicht ist…

El Dorado

U1_978-3-87134-838-9.indd

Die goldene Stadt

Sabrina Janesch

erschienen 2017 im Rowohlt Verlag

ISBN 978-3-87134-838-9

bestellen

 

El Dorado, sagenumwobene Stadt der Inkas, strotzend vor Gold und gut versteckt vor Eindringlingen, irgendwo in Peru gelegen, El Dorado, das schon so viele Glückssucher inspirierte, doch nie sein Geheimnis preisgab, dieses El Dorado fasziniert auch den Jungen Rudolph August Berns, der mit seinen Eltern in Uerdingen am Rhein lebt. Ein verträumter Junge, der sich stundenlang damit beschäftigen kann, sich abenteuerliche Geschichten auszudenken, der zusammen mit seinem Vater Gold wäscht im Rhein.
Kinder werden erwachsen und geben meistens ihre Träume und Phantasien irgendwann auf. Nicht so Berns. Sein ganzes Leben richtet er darauf aus, die verschollene Inka-Stadt zu entdecken, scheut weder harte Arbeit, noch die Trennung von seiner Familie – und reist tatsächlich nach Peru.

Sabrina Janesch, die mich zuletzt mit ihrem Roadmovie „Tango für einen Hund“ sehr begeistern konnte, hat sich der Geschichte des fast unbekannten Entdeckers Augusto Berns angenommen. Herausgekommen ist eine literarische Biographie und ein Abenteuerroman im Stile Karl Mays, nur lebensechter. Berns ist eine Art moderner Don Quixote, ein Glaubender, den noch so viele Hindernisse nicht davon abhalten können seinen Traum zu leben und seinen Weg zu gehen.
Er zieht ins Hochland von Peru und findet dort Machu Picchu und zwar 1867, 44 Jahre bevor Hiram Bingham diese Entdeckung für sich reklamiert. Doch damit scheint Berns‘ Glückssträhne erschöpft, eine weitere Ausforschung mißlingt, sein Name gerät in Vergessenheit.

Sabrina Janesch erweckt ihn wieder zum Leben, diesen Ritter von scheinbar gar nicht so trauriger Gestalt und zeigt dabei nicht nur seine träumerische Seite, sondern auch, was eigentlich sein Antrieb ist: Gold. Berns geht es gar nicht wirklich in erster Linie darum, die Überreste einer verlorenen Stadt zu finden, sondern er sucht, was viele vor ihm auch nicht gefunden haben, den verlorenen Schatz der Inkas, El Dorado, die goldene Stadt. Die aber zu seinem Leidwesen kein Gold enthält, zumindest nicht sichtbar. Dass er dem Leser dennoch sympathisch bleibt, dass sein Handeln in weiten Teilen nachvollziehbar ist, verdanken wir, oder vielmehr er, Sabrina Janeschs einfühlsamen Schreiben. Sie behält aber trotzdem dabei auch hier ihren eher lässigen, pathosfreien Stil, der das Lesen so mühelos macht und trotzdem nicht an Tiefe verliert.
Das Buch hat durchaus einige wenige Längen, besonders im hinteren Teil. Das ist dem biographischen Stil des Romans geschuldet; ein Leben ist meistens in den Aufbruchsjahren spannender, weil jugendliche Frische und Lebensmut auch den Leser mitreißen, weil in weniger Zeit mehr passiert. Gleichwohl ist der Roman nie trocken oder gar langweilig. Nein, ich glaube, Augusto Berns wurde hier ein wunderbares Denkmal gesetzt, das seinem Sinn für Abenteuer und gute Romane bestimmt voll entspräche.

Auch die Aufmachung des Romans ist überaus gelungen. Der Schutzumschlag zeigt eine alte Landkarte, der Titel findet sich in einer Art goldenem Medaillon. Die Stimmung des Romans wurde damit schon wunderbar eingefangen. Ein goldenes Lesebändchen setzt den Tüpfel auf das i. Ein Schatz für das Buchregal.

 

Weitere Rezensionen zu diesem Buch findet ihr hier:

Petras Bücher Apotheke https://petrasbuecherapotheke.wordpress.com/2018/02/18/die-goldene-stadt-sabrina-janesch/
Wortgestalten https://wortgestalten.com/2017/11/30/sabrina-janesch-die-goldene-stadt/
Lieblingsleseplatz https://lieblingsleseplatz.wordpress.com/2017/08/19/die-goldene-stadt-von-sabrina-janesch/
Riccis Literaturweltblog https://literaturweltblog.wordpress.com/2017/11/11/die-roman-rezension-die-goldene-stadt-von-sabrina-janesch/
Bücherwurmloch http://www.buecherwurmloch.at/2018/03/14/sabrina-janesch-die-goldene-stadt/