Mein Sehnsuchtsort

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Mein Amrum
Annette Pehnt
erschienen am 19. März 2019 im Mare Verlag
ISBN 978-3-86648-293-7

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Mein Amrum wird auf ewig der Ort sein, wo mein Sohn laufen gelernt hat, wo meine meerverrückten Hunde in den Wellen toben können, wo es Urlaubstradition ist, abends eine letzte Runde über die Wandelbahn in Wittdün zu machen, der Ort, an dem ich erkannt habe, dass ich nur am Meer wirklich glücklich bin. Der Grund also, warum ich jetzt zwei Kilometer hinter dem Nordseedeich wohne, zwar nicht auf der Insel, aber trotzdem mit Salzgeruch in der Luft und Möwen im Garten.
Amrum war meine erste richtige Begegnung mit einer Insel und Liebe auf den ersten Blick. Und immer, wenn es gerade im Leben nicht läuft, wenn ich mich nach einer Auszeit sehne, dann sehe ich die stille Weite des Kniep vor mir, die Bohlenwege im Abendlicht, höre den Wind rauschen und möchte augenblicklich die nächste Fähre entern.
Warum ich das erzähle? Weil es genau darum in Annette Pehnts feinfühlig-klugem Buch geht, weil es sich beim Lesen anfühlte, als sei es nur für mich geschrieben. Sie reist regelmäßig nach Amrum, diesmal zum ersten Mal mit ihrer Hündin, erzählt von ihren Erlebnissen, von der Insel, von Überlegungen und Gedanken, die beim Erkunden und Wiederentdecken aufkommen. Auch von der merkwürdigen Erkenntnis, dass man Amrum entweder nicht mag oder über alles liebt, schwarz oder weiß, kein grau. Und dass jeder, der die Insel liebt, es auch liebt zu erzählen, was sie denn so liebenswürdig macht, was man unbedingt gesehen, erwandert, besucht oder verzehrt haben sollte.
Schön auch die Geschichten über die Hündin, über ihr Ankommen auf der Insel. Immer schon habe ich mir Hunde gewünscht. Unvergessen ist die Freude meines ersten Rüden über Meer und Wellen, über endlos lange Spaziergänge und eine sandige Nase. So hatte ich mir das Leben mit Hund vorgestellt…
Eine stille Liebeserklärung ist dieses Buch, passend für eine Insel, die Ruhe und Weite ausstrahlt, die einem Raum gibt zum Nachdenken, zum sich selbst Finden und zum tief Durchatmen.

Ich danke dem Mare Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Eine Reise in die Antike

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Eine Odyssee
Mein Vater, ein Epos und ich
Daniel Mendelsohn
Aus dem Englischen von Matthias Fienbork
erschienen am 04. März 2019 im Siedler Verlag
ISBN 978-3-8275-0063-2

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Es gibt sie meist nur einmal im Jahr, diese ganz besonderen Bücher, die sich abheben von der Masse, die anders sind, in kein Raster passen. In diesem Jahr scheint das Mendelsohns „Eine Odyssee“ zu sein. Das Buch eines Altphilologen über die Irrfahrten des Odysseus, aber auch darüber, was man heute noch aus einem jahrhundertealten Epos lernen kann und ein Buch über Beziehungen, zwischen Partnern, zwischen Eltern und Kindern. Weiterlesen

Wenn Manen mahnen

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Rückwärtswalzer
Vea Kaiser
erschienen am 07.März 2019 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05142-1

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Blut ist eben doch dicker als Wasser und niemand wird zurückgelassen. Zumindest nicht in der Familie Prischinger. Als Lorenz vor der Pleite steht und seine Freundin ihn verläßt, darf er ganz selbstverständlich bei seiner Tante Hedi und ihrem Lebensgefährten Willi einziehen. Seine beiden anderen Tanten Mirl und Wetti gehen dort auch ein und aus. In Notfällen halten die Prischinger eben zusammen. Ein ebensolcher Notfall ist Willis plötzlicher Tod. Denn der gebürtige Montenegriner möchte in seinem Heimatland begraben werden, allein es fehlt das Geld für die Überführung. Und so machen Lorenz und seine Tanten sich mit dem gefrorenen Willi auf dem Beifahrersitz seines Pandas auf den langen Weg nach Montenegro…
Vea Kaiser hat mit „Rückwärtswalzer“ ein gleichermaßen charmantes, witziges und berührendes Buch geschrieben. Leichtfüssig, aber nie seicht, erzählt sie mit Rückblenden vom Leben der Protagonisten von der Nachkriegszeit bis zur Gegenwart und macht damit deutlich, wie sehr unsere Vergangenheit uns prägt bzw. die Erlebnisse der Elterngeneration auf das Werden der Kinder einwirken. Sepp zum Beispiel, Lorenz‘ Vater, hätte sich als Kind Anerkennung für seinen Lerneifer gewünscht und darum überschüttet er seinen Sohn mit Lob, weshalb der wiederum sich für ein verkapptes Genie hält und erst lernen muss, auch auf andere einzugehen. So trägt jeder sein Päckchen und gibt es gewissermaßen unbewußt weiter. Und wird dabei seinerseits beeinflusst von den Taten der Ahnen (im Alten Rom „Manen“ genannt).
Dass man auch bei den engsten Verwandten häufig den größten Teil der prägenden Ereignisse nicht kennt, macht die Sache nicht einfacher. Denn so entstehen im Grunde unnötige Konflikte und Mißverständnisse.
Was hier eher dramatisch klingt, beschreibt Vea Kaiser schwungvoll und mit treffsicherem Humor. Ich habe mit den Schwestern gelacht, geweint, gelitten und gehofft, der Roadtrip möge einen guten Verlauf nehmen und Onkel Willi friedlich in montenegrinischer Erde enden.
Ich kann es nur wiederholen: ein charmanter, leichtfüssiger Roman, dem ich von Herzen viele Leser wünsche! Meine Leseliste jedenfalls ist mal wieder länger geworden, weil ich nun natürlich auch die anderen Romane der Autorin lesen möchte…

Ich danke dem Verlag Kiepenheuer & Witsch herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen zu diesem Roman:

Buchrevier https://buchrevier.com/2019/03/07/vea-kaiser-rueckwaertswalzer/
Andreas Kück Leselust https://andreaskueckleselust.com/2019/03/12/rezension-vea-kaiser-rueckwaertswalzer-oder-die-manen-der-familie-prischinger/

The beautiful landscape of battlefields, cemeteries and ruins

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Winterbergs letzte Reise
Jaroslav Rudis
erschienen am  25.02.2019 im Luchterhand Literaturverlag
ISBN 978-3-630-87595-8

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Dieses Buch ist eine Zumutung. Es ist großartig, anders, stellenweise unfassbar witzig, abgrundtief traurig, irrsinnig, todlangweilig, aber vor allem eine Zumutung. Man muss es lesen wollen, wirklich wollen. Nur, warum sollte man wollen wollen?
Kurz zum Inhalt, wobei man den Inhalt im Grunde nicht kurz, wenn überhaupt, zusammenfassen kann:
Jan Kraus, gebürtiger Tscheche, ist 1986 nach Deutschland geflohen. Dort ist er über Umwege Krankenpfleger und Sterbebegleiter geworden.
Derzeit versorgt er den 99jährigen Wenzel Winterberg, der schon in den letzten Zügen liegt (was würde er diesen Begriff „in den letzten Zügen liegen“ lieben, zumindest wäre er Anlass für einen Vortrag). Winterberg hat aber noch eine Aufgabe zu erledigen und so reisen die Beiden per Zug (Winterberg liebt Züge), bewaffnet mit einem Baedecker von 1913, durch halb Mitteleuropa.
Der Leser erlebt diese Reise mit den Augen Jan Kraus‘, aber eigentlich ist der Roman ein fast durchgehender Monolog Winterbergs. Über Gott und die Welt, Kriegsschauplätze, Sehenswürdigkeiten, Bahnhöfe und Feuerhallen, jaja, neinnein, darüber, ob man „geschichtlich durchblickt“, über die Schlacht von Königgrätz, tschechisches Bier, Frauen, Zugfahrpläne. Ein nicht endenwollendes Gesabbel (nein, ich will es nicht anders nennen, will ich nicht), ähnlich einlullend wie lange Bahnfahrten. Und in diesem Fluss von Baedeckerabschnitten, Beschreibungen der Landschaft, Betrachtungen zur Geschichte finden sich immer wieder Hinweise auf das, was Winterberg quält, auf das, was Kraus mit sich herumschleppt und nicht verarbeiten kann. So dass man beim Lesen immer wieder aufschreckt, weil man denkt, man hätte den Zielbahnhof verpasst oder den Umsteigehalt, den einen wichtigen Hinweis halt, die Andeutung, die über Sinn und Unsinn entscheidet, aber schnell folgt der nächste Redeschwall, der Zug fährt weiter.
Warum also, zum Henker, sollte man sich das antun? Weder Kraus noch Winterberg sind sympathisch, man beginnt sie trotzdem zu mögen, sicherlich, ein wenig zumindest, aber vor allem beginnt man zu denken. Über den Krieg, über Diktaturen, über den Tod, darüber, was einen Menschen zerbricht und wie schnell das geht, wie unverhofft, wie wenig man planen kann, wie schnell man vom Täter zum Opfer wird und umgekehrt und auch darüber, wie sehr sich die Geschichte immer in der Gegenwart spiegelt.
Dieser Roman ist ein ganz und gar irrwitziges Projekt, sperrig. Er verlangt vom Leser Arbeit und Geduld und Durchhaltewillen. Und das ganz ohne Belohnung. Außer den Erkenntnissen, die man sich vielleicht beim Lesen selbst erarbeitet hat. Was dann wiederum mehr ist, als man von den meisten anderen Büchern sagen kann.
Und soll man diesen Roman nun lesen? Man soll. Wenn man denn bereit ist, sich einzulassen auf diesen Text. Wenn man sich nicht nur besäuseln lassen möchte von Literatur.Wenn man aktiv und selbständig denken möchte. Sonst begibt man sich in die Gefahr an hochgradiger Langeweile zu sterben. Irgendwo zwischen Königgrätz und Sarajewo.

Charmanter Roadtrip

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Anatol studiert das Leben

Susanne Falk

2018 erschienen im Picus Verlag

ISBN 978-3-7117-2065-8

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Pünktlich vor Toreschluß, d.h. Weihnachten, möchte ich noch den charmantesten und verrücktesten Roman des Jahres vorstellen. Wer also noch nach Geschenken sucht oder sich selbst eine Freude machen möchte, dem sei dieser wunderbare Roman ans Herz gelegt.
Anatol ist anders. Er hat Anschlußschwierigkeiten, einen Zähltick und weiß trotz intensiver Beobachtung nicht so richtig, wie Menschen eigentlich funktionieren. In seiner großen, lauten, warmherzigen Familie ist das kein Problem, aber im Umgang mit Fremden kommt es doch regelmäßig zu Unstimmigkeiten. Damit er menschliches Verhalten noch besser studieren kann, ist Anatol Museumswärter geworden: die Besucher betrachten die Bilder, Anatol betrachtet die Besucher. Bis sie eines Tages vor einem Chagall steht: Marcelline, Kunststudentin aus Nantes. Und Anatol entdeckt die Liebe. Kurzentschlossen packt er sich bei nächster sich bietender Gelegenheit den Chagall unter den Arm und macht sich auf den Weg nach Nantes. Zu Fuß. Ohne Geld. Ohne Jacke. Mit der Polizei auf den Fersen.
Der Roman ist vollgepackt mit Leben und unzähligen skurrilen Charakteren, allen voran Anatols Großmutter, einer gefeierten Burgschauspielerin mit Josef-Meinrad-Spleen. Eine völlig verrückte, komplett unglaubwürdige Geschichte, die aber so liebenswürdig ist, dass man sich wünscht, sie könne wahr sein. Anatol berührt die Menschen auf seinem Weg und er berührt dabei auch die Leser. Was mich allerdings am meisten beeindruckt hat, ist, wie geschickt Susanne Falk die Waage hält zwischen Skurrilität, Rührseligkeit, Romantik, Spannung, Drama und Abenteuer. Die Mischung ist nämlich genau richtig, kippt nie in ein Extrem und ist auch niemals zu abgedreht. Und sie ist ein Plädoyer für Menschlichkeit und Liebe, für Akzeptanz und gelebtes Anderssein. Weil „anders“ eben meist nicht schlechter ist, sondern nur ein anderer Blickwinkel. Und andere Blickwinkel erweitern den Horizont. Ein wirklich ganz entzückender, vergnüglicher Roman mit einer riesigen Portion Warmherzigkeit. Ein Vorrat für kalte Zeiten.

Shakespeare in Tasmanien

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In Tasmanien

Nicholas Shakespeare

Aus dem Englischen von Hans M. Herzog

erschienen am 01.02.2005 im Mare Verlag

ISBN 978-3-936384-40-6

 

Nicholas nicht William. Man möge mir den Titelscherz verzeihen, es war einfach zu verlockend. Wenn auch nicht ganz so berühmt wie sein Namensvetter, so ist Nicholas Shakespeare dennoch ein Garant für gehobene britische Literatur. Ich habe einige seiner Romane mit großem Vergnügen gelesen und mich ehrlich gefreut, als ich dieses Buch in einem meiner Stapel mit ungelesenen Büchern entdeckt habe. (Eine Zeit lang habe ich mit System gelesen, immer ein altes und ein neues Buch im Wechsel. Neue Bücher wurden strikt hinten unten einsortiert und waren bis sie vorne oben angekommen waren meist vergessen. Daher habe ich tatsächlich Fundstücke im Bestand. Erstaunlicherweise erwerbe ich trotzdem Bücher nie doppelt, bisher jedenfalls nicht.)
„In Tasmanien“ nun ist kein Roman, sondern eine Art Spurensuche. Die Geschichte Tasmaniens ist nämlich eng verknüpft mit einem Teil der Familie des Schriftstellers. Anthony Fenn Kemp, einer der selbsternannten Gründerväter des Landes war der Schwager des Vaters seiner Großmutter, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. Indem er das abenteuerliche Leben dieses Verwandten rekonstruiert, erkundet Shakespeare auch die Geschichte des Eilands Tasmanien, einer ehemaligen Sträflingskolonie Großbritanniens, die 1901 ihre Unabhängigkeit erlangt. Weil es ihm aber nicht genügt, nur über den britischen Part zu berichten, folgen auch Ausführungen über Leben, Elend und Sterben der Aborigines und die vermutliche Ausrottung des tasmanischen Tigers.
Ich denke, man muss sich schon ein wenig für Land und Leute interessieren, um an dieser literarischen Rundreise Gefallen zu finden. Ich fand es streckenweise wirklich hochspannend, wie es Shakespeare gelingt Vergangenes wieder zum Leben zu erwecken. Und die Familienüberlieferung kennt eben so manche Anekdote zu den Hauptpersonen, die kein Geschichtsbuch liefern würde. Andererseits führt Shakespeares akribische Detailliebe bisweilen auch zu einem dezenten Gähnen. Allerdings wirklich nicht oft, und wer daher die Möglichkeit hat, dieses inzwischen vergriffene Buch zu lesen, der sollte nicht zögern, geht aber das Risiko ein, danach kurzerhand in den nächsten Flieger steigen zu wollen, um die Schauplätze mit eigenen Augen zu erkunden.

 

 

Rundherum schön

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Meine Familie und andere Tiere

Gerald Durrell

Aus dem Englischen von Andree Hesse

erschienen am 02.11.2018 im Piper Verlag

ISBN 978-3-492-05917-6

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Endlich kann ich mal wieder hemmungslos schwärmen! Dieses Buch ist nahezu perfekt. Zum einen hat es einen wunderbar passenden Einband, auf dem viele der Tierchen zu sehen sind, denen man im Laufe der Lektüre begegnet und zum anderen ist es einfach so charmant und lustig geschrieben, dass man es nur höchst ungern wieder aus der Hand legt.
Auf der Flucht vor dem nasskalten Wetter Englands zieht die Familie Durrell auf die griechische Sonneninsel Korfu. Fünf Jahre bleiben sie dort, fünf Jahre, die allen unvergesslich geblieben sein dürften. Zu diesem Zeitpunkt ist der Autor Gerald Durrell zehn Jahre alt und interessiert sich zum Leidwesen seiner Familie sehr für die Fauna der Insel. Im Laufe der Jahre nehmen sie vier Hunde, diverse Schildkröten, eine Möwe, zwei Elstern und anderes Getier, einschließlich einer Skorpionmutter und Brut, bei sich auf. Meine Bewunderung gilt dabei Mutter Louisa, die mit unendlicher Ruhe und Liebenswürdigkeit die Eskapaden ihrer Kinder ausbadet. Denn neben Gerry wären da noch der dreiundzwanzigjährige Larry, auf dem Wege zum Schriftsteller, allwissend und über den Dingen stehend; der neunzehnjährige Leslie, ein Waffennarr und Traumschiffbauer und die achtzehnjährige Margo, deren knappe Badeanzüge die gesamte männliche Inseljugend auf den Plan ruft.
Selten habe ich ein so unbeschwert fröhliches Buch gelesen, so durchgehend geschmunzelt und gekichert. Diese Erinnerungen sind sonnenwarm und liebevoll und so gut geschrieben, dass ich sogar die detaillierten Beschreibungen diverser Insekten hochspannend fand. Und ich bin sonst kein großer Freund langbeiniger Krabbelviecher…
Eine meiner liebsten Szenen ist diese: Gerry hat Geburtstag und die Familie plant eine kleine, feine Feier. “ Wir hatten abgemacht, nur wenige Leute zur Party einzuladen. Menschenmassen seien nicht unsere Sache, sagten wir uns, und deshalb hielten wir zehn sorgfältig ausgesuchte Gäste für das Äußerste, worauf wir uns einlassen wollten. (…) Nachdem wir uns einvernehmlich darauf geeinigt hatten, ging jedes Familienmitglied los und lud zehn Leute ein.“ Erst am Tag vor der Party fällt auf, dass jeder andere zehn Leute geladen hatte und es nun 46 zu erwartende Gäste sind. Natürlich rettet die Mutter die Situation und es wird ein schönes Fest.
Aus dem kleinen Gerry wurde übrigens ein weltweit bekannter Tierschützer und Erforscher seltener Arten. Das mag auch daran gelegen haben, wie offen seine Familie seine Interessen unterstützt und gefördert hat. Und so ist dieses Buch eigentlich nicht nur charmant, sondern auch eine Art Lehrbuch für den Umgang mit Kindern. Obwohl ich persönlich keine Wasserschlangen in der Badewanne haben möchte, aber sogar die findet man ganz nett, so lange, wie sie in der Geschichte bleiben jedenfalls.
„Meine Familie und andere Tiere“ ist meine diesjährige Empfehlung für Weihnachtsgeschenkesuchende. Es ist herzerwärmend, aber nicht kitschig, leicht zu lesen, aber nicht seicht, witzig, aber nicht albern, kurz: es ist nahezu perfekt.

Ich danke dem Piper Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Bulgarien

Das dunkle Land von Elizabeth Kostova

Das dunkle Land

Elizabeth Kostova

Aus dem Englischen von Thomas Mohr

am 01.10.2018 erschienen im Wunderraum Verlag

ISBN 978-3-336-54792-0

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Eines wird beim Lesen dieses Romans schnell deutlich: Elizabeth Kostova liebt Bulgarien. Und sie scheint sich sehr mit der Geschichte des Landes befasst zu haben. Doch genau das wird ihr leider auch zum Verhängnis…
Aber von Anfang an: die junge Amerikanerin Alexandra Boyd reist nach Sofia, die Hauptstadt Bulgariens, um dort Englisch zu unterrichten. Am Hotel angekommen, hilft sie einer Familie mit Taxi und Gepäck und behält versehentlich eine schwarze Tasche. In dieser Tasche findet sie ein Kästchen mit der Asche eines Verstorbenen. Alexandra macht sich auf die Suche nach den Besitzern. Hilfe erhält sie unerwartet von dem jungen Taxifahrer Asparuh, der aber seine eigenen Geheimnisse mit sich trägt.
Elizabeth Kostova hat unglaublich viel Herzblut in ihren Roman gesteckt und ein Thema bearbeitet, dass ihr wohl sehr wichtig war. Aber sie hat, bewusst oder nicht, keine Prioritäten gesetzt beim Schreiben und so ist dieses Buch weder Fisch noch Fleisch. Zwei Drittel des Romans sind ein reiner Roadtrip. Alexandra und Asparuh, genannt „Bobby“, gondeln von Ort zu Ort durch halb Bulgarien. Sie fahren von A nach B, werden nach C weitergeschickt, nach D umgeleitet und von E wieder zurück nach B gesendet. Das Muster ist eigentlich immer gleich. Die Beiden kommen irgendwo an, die Familie ist nicht dort oder weiter gereist, sie hecheln hinterher. Das wird auf die Dauer vorhersehbar und auch langatmig. Da hilft es auch nicht, zwischendurch die Geschichte vom dramatischen Verschwinden von Alexandras Bruder Jahre zuvor einzuschieben. Bis zum Schluß des Buches habe ich mich gefragt, warum sich kein wohlmeinender Lektor fand, der diesen eher irritierenden Teil mit einem kräftigen roten Strich versehen hat. Sei’s drum… Während wir so durch Bulgarien rollen, erfahren wir einiges über Land und Leute, eine Landesführung ist also mit eingeschlossen. Relativ früh kommen Krimielemente ins Spiel, Bobby ist plötzlich bewaffnet und benimmt sich wie Bond, Asparuh Bond. Wir halten soweit fest: ein Roadtrip im Baedeckerton mit Agenten-Asparuh. Das klingt zugegeben fürchterlicher als es ist, denn das Ganze liest sich eigentlich ganz nett, wenn auch ein wenig zäh.
Und dann kommt der Kern der Sache: die Geschichte des Verstorbenen Stoyan Lazarov. Hätte Elizabeth Kostova doch nur diesen Teil geschrieben, sich nur darauf konzentriert. Denn zumindest der erste Teil ließ es mir eiskalt den Rücken herunter laufen. Hier ist sie plötzlich ganz nah am Geschehen, an den Menschen, hier macht sie Elend und Hilflosigkeit spürbar. Für mich hätte es das ganze Drumherum nicht gebraucht, wäre eine kompakte Novelle um Lazarov ergreifender gewesen als dieser ganze dicke Band. Und seit Beenden des Romans frage ich mich: hat sie ihrer Geschichte nicht getraut? Hat sie gedacht, nur das reicht nicht? Wollte sie ganz Bulgarien, gestern und heute, in ein Buch pressen? Warum verwässert jemand mutwillig seine eigene unglaublich intensive Geschichte? Warum?
Der Roman ist übrigens, ganz Kind des Wunderraum Verlags, wunderschön gestaltet und daher zumindest ein Schmuckstück im Regal.

Ich danke dem Wunderraum Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Midwinter Break

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Schnee in Amsterdam

Bernard MacLaverty

Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser

erschienen am 20.September 2018 im C. H. Beck Verlag

ISBN 978-3-406-72700-9

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Stella und Gerry verbringen ein verlängertes Wochenende in Amsterdam. Sie sind ein eingespieltes Paar, beide schon im Ruhestand, der Sohn aus dem Haus. Die Reise ist ein Weihnachtsgeschenk Stellas an ihren Mann, der nicht ahnt, dass sie damit noch anderes bezwecken könnte, als nur ein paar schöne Tage mit Besichtigungen.
Die Ruhe des Erzählens bei Bernard MacLaverty ist trügerisch. Er betrachtet einen Abschnitt aus dem Leben des Paares wie unter dem Mikroskop. Freitag bis Montag –  fast minutiös verfolgen wir den Tagesablauf, die Gespräche, die kleinen Gewohnheiten und Reibereien. Der Leser erfährt wenig über das Davor und nichts über das Danach. Gerry ist Alkoholiker, so viel wird relativ schnell deutlich, und Stella ist damit nicht glücklich, hat dem aber wohl wenig entgegen zu setzen.
Sie machen Besichtigungen und Spaziergänge, gehen in Restaurants, schlafen im Hotel. Es ist nichts Außergewöhnliches an diesem Paar, auf den ersten Blick zumindest nicht. Aber zwischen den Zeilen lauern Risse und Brüche. Stella und Gerry sind von Nordirland nach Schottland gezogen oder doch geflohen, sie haben die Religionskonflikte wohl hautnah erlebt, ihr Leben war scheinbar wenig friedlich.
MacLaverty ist ein Meister der Zwischentöne, der Andeutungen. Nichts liegt hier einfach klar zutage, um alles rankt ein leichter Nebel. Aber Stella und Gerry verhalten sich eben so, wie man das tut, wenn man sich unbeobachtet wähnt. Sie müssen einander nichts erklären und in ihren Gesprächen gibt es Zwischentöne, die nur sie selbst erkennen und verstehen. Der Autor gibt uns Einblick in einen eingegrenzten Zeitraum im Leben der Beiden und lässt uns mit unseren Beobachtungen weitgehend allein.
Ein ständiges „Warum“ war mein Begleiter beim Lesen. Warum macht Gerry dies, warum sagt Stella das, oder auch warum machen oder sagen sie dieses oder jenes nicht. Irgendwann ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass wir in die meisten Leben in unserem Umfeld deutlich weniger Einblick erhalten und trotzdem Urteile fällen. Uns aus wenigen Informationen ein Bild zusammenbasteln, das zu unseren Erfahrungen  passt.
Der Roman hat mich nachdenklich gemacht, die Sprache hat mich begeistert. Trotzdem hat das Buch mich letztendlich nicht völlig überzeugt. Das mag aber daran liegen, dass ich gerne mehr gewusst hätte, dass der kleine Einblick mich irgendwie unbefriedigt zurückliess, dass ich lieber einen Anfang und ein Ende hätte. Dabei ist das Leben ja eher so vage, so fragil, wie hier beschrieben. Wer diese Erkenntnis aushält, der dürfte mit dem Roman sehr glücklich werden.

Ich danke dem C.H. Beck Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Eine Reise in die Vergangenheit

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Ein mögliches Leben

Hannes Köhler

erschienen 2017 im Ullstein Verlag

ISBN 978-3-550-08185-9

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Martin, Lehrer mit befristeten Verträgen, Single mit unehelichem Kind, das Leben irgendwie ziellos und in der Schwebe, fährt mit seinem Großvater nach Amerika. Der möchte sich noch einmal das Kriegsgefangenenlager in Texas ansehen, in dem er interniert war, möchte noch einmal amerikanische Luft schnuppern. Für den Enkel ist diese Reise nicht einfach, war sein Großvater doch kein liebevoller, in seinem Leben präsenter Mensch. Und so wird diese Reise auch zu einer Annäherung, je mehr Martin über die Vergangenheit seines Großvaters erfährt und seine Beweggründe verstehen lernt.
Wer nun denkt, dies sei „schon wieder einer dieser langweiligen, staubtrockenen “ Romane über den Zweiten Weltkrieg, der irrt gewaltig. Denn diese Spurensuche ist äußerst spannend. Köhler wechselt zwischen Gegenwart und Vergangenheit, räumt Puzzleteilchen zu Puzzleteilchen und hat scheinbar hervorragend recherchiert.
Über das Leben kriegsgefangener deutscher Soldaten in Amerika wußte ich ehrlicherweise nur wenig. Und gar nichts über die Strömungen zwischen den hartgesottenen, unbelehrbaren Hitlerfanatikern und denen, die froh, dem Alptraum entronnen zu sein, mit den Amerikanern kooperieren; nichts über die Brutalität und Bandenbildung, aber auch nichts über die Bildungsmöglichkeiten in den Camps und die gute Versorgung.
Der Autor ist ein Meister der Zwischentöne, einer, der nüchtern und doch einfühlsam schreibt, der nichts beschönigt oder wegredet. Und so wirkt die Unmenschlichkeit, die Verrohung der Hitlergetreuen noch unbegreiflicher, ist teilweise nur schwer erträglich zu lesen, eben weil die Sprache nicht roh ist.
„Ein mögliches Leben“ ist ein grossartiges Buch, ein wichtiges Buch, gerade derzeit, wo die alte Schlange „Faschismus“ wieder ihr Haupt erhebt, wo gesellschaftsfähig wird, was nie wieder aus den Sumpflöchern hätte kriechen dürfen. Es ist aber auch ein großartiges Buch, weil es sich mit einem fast vergessenen Part deutscher Kriegsgeschichte beschäftigt und den Bogen zur Gegenwart zieht, zu den Kindern und Enkeln der Überlebenden, deren eigenes Leben natürlich beeinflußt wird von den Erlebnissen der vorangegangenen Generationen.

Weitere Besprechungen dieses Buches:

Lesen macht glücklich https://lesenmachtgluecklich.wordpress.com/2018/03/22/rezension-hannes-koehler-ein-moegliches-leben/
jancak https://literaturgefluester.wordpress.com/2018/02/28/ein-moegliches-leben/
Ronja Waldgänger https://notizenderwaldgaengerin.blog/2018/02/16/hannes-koehler-ein-moegliches-leben-mehr-als-ein-reiner-kriegs-und-nachkriegsbericht/
dieartderidagratias https://dieartderidagratias.com/2018/02/25/15245/