Das Gespenst aus dem Hause Indebetou

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1793
Niklas Natt och Dag
Aus dem Schwedischen von Leena Flegler
erschienen am 01.03.2019 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-06131-5

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„Ein wilder und ungewöhnlicher Mix, der das ganze Krimigenre revolutioniert.“ So äußert sich laut Buchrückseite der Schriftsteller Arne Dahl zu diesem Roman. Ganz soweit würde ich nicht gehen, aber „1793“ gehört definitiv zum Besten, was ich an historischen Kriminalromanen bisher gelesen habe.
Dunkle Zeiten sind es, die Niklas Natt och Dag da ins Leben zurückruft. Die französische Revolution droht auch nach Schweden überzugreifen, der Thron ist umstritten, die Rechtsprechung willkürlich. Die Reichen sind sehr reich, die Armen bitterarm. Stockholm riecht in weiten Teilen nach Kloake, ein Menschenleben hat nicht viel Wert. In diesen Zeiten erregt eine Leiche recht wenig Aufsehen. Die eine aber, die diesen Roman in Gang bringt, ist so verstümmelt, dass doch zwei Menschen sich berufen fühlen, nach dem Mörder zu suchen: der an Tuberkulose im Endstadium erkrankte Jurist Cecil Winge und der einarmige Ex-Matrose Mickel Cardell. Dieses ungleiche Duo ergänzt sich erstaunlich gut, leider wird Winges Zustand keine Fortsetzungen zulassen.
Es ist nicht leicht zu lesen, was Winge und Cardell im Laufe ihrer Ermittlungen zu Tage bringen. Brutal ist der Roman, detailgenau und düster. Darin erinnert er mich an die Reihe um den französischen Kommissar Le Floch, die durchaus einen ähnlichen Aufbau hat und auch durch Detailtreue und historische Genauigkeit beeindruckt. Zudem ermittelt Le Floch in vergleichbaren Zeiten, nämlich kurz vor der Revolution in Frankreich.
Was diesen Roman für mich so außergewöhnlich macht, sind allerdings nicht der Mordfall und seine Grausamkeiten. Es ist die Zeit, die sich Natt och Dag für die Entwicklung seiner Charaktere läßt. Wir erfahren, wo sie herkommen, was sie umtreibt, wovon sie träumen oder was sie sich erhoffen. Und es gelingt ihm, den Roman dadurch spannender zu machen statt langatmiger. Im Grunde erleben wir eine Führung durch das Stockholm des Jahres 1793, durch Weinstuben und Gerichtssäle, vom Spinnhaus bis zum Adelsgut. Der Mord dient dabei streckenweise als roter Faden, der alles zusammenhält. Eine solche Konstruktion ist durchaus gewagt, aber in diesem Falle mehr als gelungen. Es ist also gar nicht genau zu sagen, was man da eigentlich liest, einen historischen Roman oder einen Krimi. Im Grunde ist das aber gleichgültig, wenn es denn so hervorragend geschrieben ist wie „1793“.

Ich danke dem Piper Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen zu diesem Roman:

literaturwerkstatt-kreativ/blog https://literaturwerkstattkreativblog.wordpress.com/2019/03/10/1793-von-niklas-natt-och-dag/
zeilenliebe https://zeilenliebe.com/2019/03/01/1793/

Arg betulich

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Mord auf Selchester Castle
Elizabeth Edmondson
Aus dem Englischen von Peter Beyer
erschienen am 18.02.2019 im Goldmann Verlag
ISBN 978-3-442-48824-7

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Ich habe ja nun schon diverse Male erwähnt, dass ich gerne britische Krimis lese. Bei mir muss es durchaus nicht blutig sein, solange das Buch charmant, gerne ein wenig verschroben, aber logisch aufgebaut ist. Eben passend zu Kamin, Gummistiefeln und Hochmoor. Oder Scones, Tee und Hochadel. Ich scheue da kein Klischee…
Der Vorgänger dieses Romans, „Der Tote in der Kapelle“, entsprach dem weitestgehend. Schauplatz ist eine alte Burg und das dazugehörige Dorf. Es gibt ein ansprechendes Ermittlerduo, eine Teestube, einen Buchladen und einen verschwundenen Earl. Wunderbar zum Schmökern und Entspannen.
Der zweite Band nun baut auf dem ersten auf. Wobei das schon fast übertrieben formuliert ist. Sagen wir besser, der zweite Band spielt im gleichen Setting. Allerdings gibt es kaum Besuche im Dorf und somit auch keine putzigen Dorfbewohner, fehlt das Knistern zwischen den beiden Hauptpersonen Hugo und Freya zur Gänze, wirkt es ein wenig so, als wären der Autorin die Ideen ausgegangen. Kurz, die Handlung stagniert. Zwar wurde ein Nachfolge-Earl aus dem Hut gezaubert, ein Amerikaner gar, aber das Potential, das ein waschechter Amerikaner im traditionell-dörflichen Britannien geboten hätte, das wurde nicht andeutungsweise ausgeschöpft. Man überlege sich nur, welche schönen Szenen sich da auf der kalten, uralten Burg seiner Vorfahren hätten ergeben können. Stattdessen gibt es ein paar halbgare Mordversuche, denen der gute Mann mühelos entrinnt bzw die er kaum wahr nimmt. Wenn man auf mich mit einer Armbrust schießen würde, würde ich danach übrigens nicht entspannt durchs Dorf tapsen. Aber ich bin ja auch kein Earl.
Nein, dieser zweite Band war selbst mir zu spannunglos. Da helfen auch keine Spielchen mit alten elektrischen Leitungen im Wintergarten. Da hätte nur noch ein erzählerischer Blitzschlag helfen können, aber der blieb leider aus.

Weitere Besprechungen:

Esthers Bücher https://esthersbuecher.wordpress.com/2019/02/24/elizabeth-edmondson-mord-auf-selchester-castle/

Richter Di

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Der Wandschirm aus rotem Lack
Robert van Gulik
Deutsch von Gretel und Kurt Kuhn
erschienen 1990 im Diogenes Verlag

Vor ein paar Tagen habe ich ja schon die historische Krimireihe um den mittelalterlichen Mönch Cadfael vorgestellt. Jetzt möchte ich noch weiter in der Zeit zurückgehen und zwar in das China der Tang-Dynastie. Dort läßt der niederländische Schriftsteller und Sinologe van Gulik nämlich seinen Richter Di ermitteln, d.h. zwischen 650 und 700. Jeder der 14 Bände enthält drei miteinander verschränkte Fälle, die Di durch Besonnenheit, Klugheit und Kombinationsgabe löst. In dem oben abgebildeten Roman z.B. geht es um den Tod einer Kanzlersgattin, den vermeintlichen Selbstmord eines Seidenhändlers und veruntreute Rechnungen.
Spannend sind nicht nur die Fälle selbst, sondern natürlich auch das Umfeld. Da Di in allen Gesellschaftsschichten recherchiert, erhält man fast nebenbei einen Einblick in das Leben zu der Zeit, von angesehenen Oberhäuptern bis hin zu Dieben und Prostituierten. Außerdem durchläuft Di in den Bänden die Stationen der damaligen Beamtenlaufbahn. Er startet als Bezirksbeamter und endet als Präsident des obersten Gerichtshofes. Van Gulik beschreibt sehr lebendig auch die jeweiligen mit den Ämtern verbundenen Aufgaben.
Begleitet wird Di von vier Helfern, einem Diener, den er von seinem Vater übernommen hat, einem früheren Betrüger und Falschspieler und zwei Brüdern, die ehemals die ehrenvolle Tätigkeit des Straßenräubers innehatten. Sie kennen sich in ihrem jeweiligen Gebiet gut aus, haben Kontakte oder dienen, im Falle der Brüder, bisweilen auch als Leibwache.
Leider ist diese ungewöhnliche Krimireihe nur noch antiquarisch erhältlich. Es lohnt aber trotzdem nach den Bänden Ausschau zu halten und mit ihnen eine Reise ins Alte China zu unternehmen.

Bruder Cadfael

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Das Licht auf der Straße nach Woodstock

Ellis Peters

aus dem Englischen von Jürgen Langowski

erschienen 1996 im Heyne Verlag

 

Es ist mal wieder Zeit für Fundstücke im Bücherregal. Wobei das diesmal kein richtiger Fund war, weil ich ja weiß, dass ich Cadfael-Romane dort habe. Aber sie sind im Buchhandel vergriffen, was ich äußerst schade finde.
Bruder Cadfael ist ein Mönch, der zwischen 1120 und 1145, in der Benediktinerabtei Shrewsbury in England, Kriminalfälle löst. In diesem Band erfahren wir, wie es dazu kommt, dass der Krieger Cadfael das Schwert niederlegt, um die Kutte zu wählen. Dabei löst er natürlich gleich seinen ersten Fall und hat sozusagen seine Berufung gefunden. Es ist eine aufregende Zeit, in der er da lebt. Der Thron ist heiß umkämpft. Hunger, Armut und Seuchen bedrücken die Menschen, von denen viele in Leibeigenschaft leben.
20 Bände hat Ellis Peters von 1977 bis 1994 ihrem kämpferischen Mönch gewidmet, der bei Unrecht nicht ruhen kann, bis er den Schuldigen gefunden hat, unabhängig von dessen Stand und Macht. Gut recherchiert, kommt die Reihe mit wenig Blut aus, vielmehr wird die mittelalterliche Abtei und der dazugehörende Ort Shrewsbury zu neuem Leben erweckt. Dank Cadfaels Heilertätigkeiten erfährt man auch viel über Kräuter und Tinkturen, die zu der Zeit genutzt werden.
In den Neunzigern wurde die Reihe mit Sir Derek Jacobi verfilmt. Ich mag die Serie, auch wenn sie natürlich heutigen Verfilmungsansprüchen nicht mehr gerecht wird.
Im Grunde liegt da ein kleiner, inzwischen nahezu unbekannter Schatz, den man wieder auflegen und ganz sicher auch spannend neu verfilmen könnte.

Cormoran Strike

Weisser Tod von Robert Galbraith

Weisser Tod

Robert Galbraith

Deutsch von Wulf Bergner, Christoph Göhler und Kristof Kurz

erschienen am27.Dezember 2018 im Blanvalet Verlag

ISBN 978-3-7645-0698-8

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Ich hatte ja so meine Zweifel. Und ich konnte sie verstehen. Joanne K. Rowling meine ich. Ich mag die Harry Potter-Bände, wirklich. Ich finde sie unglaublich phantasievoll, lebendig und hervorragend geschrieben. Aber der Hype darum geht mir nun schon seit geraumer Zeit auf den Nerv.
Als ich dann las, Frau Rowling hätte nun unter dem Pseudonym Robert Galbraith einen Krimi verfasst, dachte ich zuerst etwas eher unfreundliches, etwas in Richtung „auch das noch“. Und fast im selben Augenblick dachte ich, was soll sie auch sonst machen, damit die Leute ihre weiteren Bücher lesen ohne zu vergleichen? Da das Pseudonym ja aber schneller gelüftet war als man „Cormoran Strike“ sagen kann, war es eigentlich auch für die Katz. Oder eine Werbemasche, dann war es erfolgreich. Nichtsdestotrotz hätte ich über all diesen Überlegungen fast vergessen, dass Frau Rowling eines wirklich gut kann, nämlich spannende Geschichten erzählen. Und als mir das wieder einfiel, griff ich zum Buch…
Inzwischen habe ich gerade den vierten Band der Reihe gelesen. Und warte seitdem sehnsüchtig auf den fünften (nicht lachen!). Die Reihe um den Privatdetektiv Cormoran Strike und seine Assistentin Robin Ellacott ist ebenso spannend wie charmant. Besonders beeindruckend finde ich dabei, dass Frau Rowling eigentlich ausschließlich mit altbekannten Versatzstücken arbeitet: der eigenbrötlerische Privatdetektiv, seine attraktive rothaarige Partnerin, die Frage, ob sie nun ein Paar werden oder nicht. Obwohl man das alles kennt, hundertemal woanders gelesen hat, ist es keine Sekunde langweilig. Es sind Details, die den Unterschied machen: Strikes Beinprothese, die eben nicht irgendwie cool ist, sondern bei Belastung schmerzt, Robins Panikattacken, seit sie fast Opfer eines Serienmörders geworden wäre, Geldsorgen, seltsame Klienten – lebendige Charaktere eben und trotz der Schablonenhaftigkeit nicht hölzern. Ein modernisierte Version des klassischen Krimis, nahe an Elizabeth Georges Stil.
Auch, wenn die einzelnen Bände bzw Fälle abgeschlossen sind, würde ich chronologisches Lesen empfehlen, denn die Entwicklung des beständigen Personals ist fortlaufend und der Einstieg in den 4.Band z.B. wird leichter, wenn man weiß, was Strike dazu bringen konnte, unangemeldet in Robins Hochzeit zu platzen.
Wenn man also gut geschriebene Krimis mag, die nicht zielgerichtet kurz und knapp der Lösung zustreben, sondern ausufernd (ca 860 Seiten) den Fall von jeder möglichen Seite betrachten, die genug Raum haben für Privatbesuche bei den Ermittlern und ihrem Umfeld, dann dürfte man an dieser Reihe seinen Spass haben.
Da bisher jeder Band dicker war als der vorhergehende, bin ich übrigens sehr gespannt, welche Seitenzahl uns im fünften Band erwartet. Aber das nur am Rande…

Chandler auf jiddisch

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Die Vereinigung jiddischer Polizisten

Michael Chabon

Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Fischer

erschienen am 16.04.2008 als HC und am 16.08.2018 als TB bei Kiepenheuer & Witsch

ISBN des TB 978-3-462-05238-1

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Sitka, Alaska. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Atombombe auf Berlin, durften sich geflüchtete Juden dort mit Erlaubnis der Amerikaner einen eigenen kleinen Staat errichten. Nun soll die Enklave zurück an die USA fallen und die dort wohnenden Juden wären wieder heimat- und staatenlos. In dem Chaos der Abwicklung und inmitten sich auflösender Behörden und Zuständigkeiten geschieht in einem kleinen, schmierigen Hotel ein Mord. Ein junger Schachspieler wird mit einer Kugel im Kopf auf seinem Zimmer aufgefunden. Der zufällig im selben Hotel wohnende Polizist Meyer Landsman beginnt zu ermitteln und sticht dabei in ein Wespennest.
Was für ein grandioser Roman! Einerseits ein Krimi im Stile Chandlers, mit einem Protagonisten, der ähnlich zerbeult agiert wie Philip Marlowe, andererseits aber auch ein Blick auf die unterschiedlichen Strömungen jüdischen Lebens. Die Chassidim und Zionisten kommen dabei eher schlecht weg, verhalten die „Schwarzhüte“ sich doch ähnlich wie die Mafia und haben ihr Netzwerk über ganz Sitka gespannt.
Mit ungeheurer Fabulierlust, viel Wortwitz und genauso viel Einfühlungsvermögen führt uns Chabon durch seine Welt bzw durch Meyer Landsmans Welt. Glaube, Politik, Schach, die große Liebe, Identitätsfragen, Chabon verbindet und mischt diese Themen hemmungslos. Sein Blick ist zugleich zynisch, schwarzhumorig und liebevoll. Das muss einem erst einmal gelingen! Und wenn dann noch Ureinwohnerrecht auf jüdische Befindlichkeiten trifft, wird die Mischung explosiv…
Es ist beeindruckend, wie mühelos Chabon ein Meer durchquert, das klippenreicher nicht sein könnte. Er überschreitet Grenzen und verteilt seine Spitzen hemmungslos in jede Richtung: seien es geldgierige Stammesregierungen, tiefgläubige Mafiosi, gewinnorientierte Amerikaner oder attentatsbereite Zionisten. Und so ganz nebenbei zeigt dieser Roman auch, dass Menschlichkeit und Fanatismus sich ausschließen. Immer.
Wer also Krimis mag, wer… ach, Unfug! Lest dieses Buch, es ist einfach rundherum großartig!

Krimikomödie

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Immer Ärger mit Harry

Jack Trevor Story

Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow

2018 erschienen im Dörlemann Verlag

ISBN 978-3-03820-054-3

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Der November ist nicht gerade mein liebster Monat. Meistens ist es dunkel, nass und kalt, ich mag mich noch nicht vom Sommer trennen und Weihnachten ist zunächst nur ein kleiner Lichtpunkt am Ende des Tunnels. Zu keinem anderen Zeitpunkt des Jahres findet man mich so sicher mit Buch und Tee unter einer Wolldecke.
Aber wenn mir dann in dieser finst’ren Zeit ein Buch wie dieses in die zähneklappernden Finger gerät, kann es passieren, dass der Sommer für einen Tag zurück kommt. „Immer Ärger mit Harry“ ist ein Schätzchen, eine seltene Perle des schwarzen Humors und in der Ausgabe des Dörlemann Verlags innen wie außen perfekt. In weinrotes Leinen gebunden und mit einer Jagdszene auf dem Vorsatzpapier, ist das Buch einfach wunderschön und hat als I-Tüpfelchen sogar ein Lesebändchen. Wer also noch nach Geschenken sucht, möge dieses Büchlein ins Auge fassen.
Der Roman ist ein Klassiker britischer Krimiliteratur. Veröffentlicht 1949, wurde er 1955 von Alfred Hitchcock verfilmt. In meinem Jahrgang und darunter dürfte wirklich noch jeder den Film oder zumindest den Titel kennen.
Harry liegt tot im Wald. Scheinbar wurde er ermordet und nach und nach tauchen diverse Personen auf, die alle Grund zu der Annahme haben, sie hätten Schuld an seinem verfrühten Ableben. Was nun folgt, ist britischer Humor in Perfektion. Genüsslich beschreibt Jack Trevor Story, wer nun mit wem wie versucht die Leiche zu beseitigen, wer sich dabei in die Quere und wer sich näher kommt. Das ist streckenweise einfach herrlich komisch, auf diese alte elegante Art, ohne unter die Gürtellinie zu gehen oder gewollt zu wirken. Ein charmanter, unbeschwerter Lesespass und gleichzeitig ein Glanzstück englischer Kriminalliteratur -perfekt!

Und keiner hat es gemerkt?

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Das Geheimnis der Grays

Anne Meredith

aus dem Englischen von Barbara Heller

erschienen 2018 im Klett-Cotta Verlag

ISBN 978-3-608-96299-4

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Ich liebe britische Krimis. Ja, ich weiß durchaus, dass das einigen schon bekannt ist. Aber ich hätte mich trotzdem unendlich gefreut, die Rezension in bereits bekannter Weise zu verfassen. Ich hätte irgendetwas von Schnee, Kaminen, Tee und Scones erzählen können, von warmen Wolldecken und wohligem Lesegefühl.
Aber mein Lesegefühl war keineswegs wohlig und am Tee hätte ich mich wahrscheinlich verschluckt. Dabei ist der dritte Band der Weihnachtskrimi-Reihe von Klett-Cotta wieder wunderschön aufgemacht und meine Vorfreude war entsprechend groß.
Am Anfang war auch noch alles gut, soweit das bei einem Krimi möglich ist. Die Grays, eine recht verzweigte Familie trifft sich über die Weihnachtsfeiertage bei Adrian Gray, dem Familienoberhaupt. Ein altes Landhaus, Schnee, und jede Menge Menschen mit Sorgen und Nöten. Relativ schnell wird der alte Gray tot aufgefunden. Genauso schnell erfahren wir, wer der Mörder ist. Anne Meredith möchte den Fall nämlich auch aus der Perspektive des Mörders zeigen. Das ist übrigens nicht der Grund meines anhaltenden Ärgers, auch wenn man das meinen könnte. Die Idee ist nicht unspannend.
Der Roman ist von 1933. Man hat das meist so nicht vor Augen, aber weite Teile der Briten waren Hitler durchaus gewogen. Er wurde bewundert und hofiert, seine Pläne keineswegs abgelehnt. Dazu gehörte auch eine Abneigung gegen Juden, die die Autorin scheinbar geteilt hat.
Eine der Töchter des Hauses ist mit einem Aktienspekulanten verheiratet, der an einem riskanten Manöver scheitert und viele Menschen in den Ruin treibt. Zuerst stolperte ich über folgende Formulierung: „Doch er hielt eisern am Familiensinn seines Volkes fest und scheute – seine Frau ausgenommen – körperliche Kontakte.“ (S 38) Welches Volk sollte das denn sein, fragte ich mich, war doch bisher nichts über Eustace berichtet worden, das vermuten liess, er sei kein Engländer. Aufklärung erfolgt nicht, nur auf Seite 41 heißt es dann: „Mit dem feinen theatralischen Gespür seines Volkes fand Eustace genau die pathetischen Phrasen…“ Und immer noch tappte ich im Dunkeln. Auf Seite 42 dann die Lösung: Es hieß, Juden seien korpulent, ja geradezu fett, besonders die Finanzleute unter ihnen, aber man konnte sich niemanden vorstellen, der weniger dem literarischen Bild der Juden entsprach als Eustace. Nur der gewiefte Ausdruck des dunklen Gesichts und das glatt aus der bleichen Stirn gekämmte Haar verrieten seine Abstammung.“ Am gewieften Gesichtsausdruck erkennt man den Juden? Interessant, durchaus. Diesem Mann soll dann die Schuld für den Mord in die Schuhe geschoben werden, er hätte es laut Anne Meredith auch mehr verdient als der Mörder, ein jämmerlicher, selbstsüchtiger Möchtegernkünstler ohne Verantwortungsgefühl, den die Autorin aber deutlich bevorzugt.
Wie kann man ein solches Buch veröffentlichen, ohne im ja doch vorhandenen Nachwort auch nur mit einer Silbe auf diese den Roman durchströmenden Tendenzen einzugehen? Wie kann man nett über diese Autorin plaudern, über ihre Erfolge und Misserfolge und wechselnden Pseudonyme berichten und ihre judenverachtende Schreibweise völlig unter den Tisch kehren? Einer Autorin, die noch in den letzten Sätzen des Romans diesem Eustace, dem Schacherer mit „der markanten Nase“ (damit auch kein Klischee fehlt) jeglichen Lebenswert abspricht.
Nicht eine Kritik erwähnt diesen Umstand, die meisten, die ich gelesen habe, sind wohlwollend. Ernsthaft? Ich lese gerne und häufig Krimis aus dieser Zeit, aber so etwas ist mir noch nicht untergekommen. Es kann doch nicht sein, dass nur ich das so wahrnehme? Ich bin nicht nur nicht amüsiert, ich bin irritiert, traurig und vor allem zornig. Und wenn es nach mir geht, kann Miss Meredith auch wieder in der Versenkung verschwinden, aus der man sie so unverdient hervorgezogen hat.

Adamsberg auf Abwegen

Der Zorn der Einsiedlerin von Fred Vargas

Der Zorn der Einsiedlerin

Fred Vargas

Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze

am 29.10.2018 erschienen im Limes Verlag

ISBN 978-3-8090-2693-8

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Um damit gleich zu beginnen, ich liebe die Krimis von Fred Vargas und sie stehen ausnahmslos alle in meiner Bibliothek. Ich mag die Art, wie Kommissar Adamsbergs mäandernde Gedanken mich zwingen mein Lesetempo herunterzufahren, damit ich nichts Entscheidendes verpasse; ich mag es, wie die Realität an den Rändern verschwimmt, um dem Unwahrscheinlichen Raum zu geben; ich mag Vargas‘ ungewöhnliche Ideen, den häufigen geschichtlichen Bezug, bei dem ich immer auch etwas lerne. Daher musste der neue Roman auch am Tag des Erscheinens bei mir einziehen.
Doch ich muss gestehen, ich bin enttäuscht. So wie Adamsberg kurz vor einem Burn-out zu stehen scheint, scheint auch seiner Autorin die Luft auszugehen. Gerade das Privatleben des Kommissars, sein Sohn, seine verlorene Liebe waren der Gegenpol zu den bizarren Fällen, machten Adamsberg menschlich. Das Alles fehlt in diesem Band zur Gänze. Nun ist er nur noch unfehlbarer Ermittler, der seine Kollegen in den Wahnsinn treibt, Kollegen, die übrigens auch von lebendigen Charakteren zu Schablonen erstarrt zu sein scheinen. Man verstehe mich nicht falsch, Vargas komponiert und formuliert nach wie vor fabelhaft, aber es wirkt eher mühselig als leichtfüssig. Ich glaube, eine etwas weniger außergewöhnliche Ermittlung und etwas mehr Konzentration auf die Entwicklung der Charaktere könnte dem Ganzen gut tun.
Der Hauptfall ist so ungewöhnlich, wie man es von der Autorin gewohnt ist. Es geht um Spinnenbisse und Einsiedlerinnen, um Vergeltung und Missbrauch. Und auch, wenn ich diesen Band deutlich schlechter im Vergleich zu den anderen fand, habe ich ihn an einem Tag gelesen. 506 Seiten. Unansprechbar für die Aussenwelt. Was nur zeigt, dass auch ein mittelprächtiger Vargas immer noch deutlich besser ist als neunzig Prozent aller anderen Krimis. Und nun bleibt mir nur zu hoffen, dass der nächste Band wieder besser gelingt und Fred Vargas wieder zurückfindet zu ihrer wunderbaren Truppe, die sich ja dadurch ausgezeichnet hat, dass sie eben nicht nur Stereotypen abgebildet hat, formelhaft erstarrte Gestalten, sondern aus lebendigen Charakteren besteht.
Für Ersttäter empfiehlt es sich übrigens tatsächlich mit Band 1 zu beginnen und nicht mittendrin, finde ich. Auch wenn die Fälle abgeschlossen sind, baut das Zwischenmenschliche aufeinander auf, versteht man die Menschen besser mit ihrem Hintergrund. Wer also mit den Vargas-Krimis beginnen möchte, der greife zu „Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord“.

Die goldene Stadt

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Alchimie einer Mordnacht

John Banville alias Benjamin Black

Aus dem Englischen von Elke Link

erschienen am 04.10.2018 im Verlag Kiepenheuer & Witsch

ISBN 978-3-462-04919-0

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Dieser Roman war für mich eines der Must-Reads dieses Herbstes. Zum einen, weil ich historische Krimis sehr mag. Die Mischung aus historischen Begebenheiten und kriminalistischer Spannung ist unschlagbar, wenn gut gemacht. Dazu spielt der Roman in Prag, einer Stadt, die ich wirklich liebe und die geschichtsträchtige Schauplätze für eine ganze Reihe historischer Romane zur Verfügung hätte. Und zum anderen, weil der Autor nun einmal John Banville heißt. Meinetwegen auch „alias Benjamin Black“. John Banville gehört zu den Hochkarätern der irischen Literatur und wenn John Banville einen historischen Krimi veröffentlicht, dann lese ich ihn. Punkt.
Das waren natürlich recht hohe Erwartungen, mit denen ich an das Buch herangegangen bin. Und sie wurden tatsächlich in fast allen Punkten erfüllt. Lebendiger kann man den Hof Rudolfs II. um 1599 gar nicht beschreiben. Es muss Banville ein unbändiges Vergnügen bereitet haben, durch Prags alte Strassen zu streifen, eine Besichtigung von Rudolfs Menagerie zu organisieren, mit Johannes Kepler um die Häuser zu ziehen und im Goldenen Gässchen seine Zelte aufzuschlagen. Er fährt üppig alles auf, was Haus und Hof der damaligen Zeit zu bieten hatten, inclusive der Konkubine des Kaisers. Was dabei ein wenig verloren geht, das ist der Kriminalfall. Ja, es gibt schon recht zügig eine Leiche und bald darauf auch schon die zweite, aber der vom Kaiser mit der Lösung des Falles beauftragte Christian Stern tappst derart naiv durch die Ränke und Intrigen des Hofes, dass er nur deshalb nicht von irgendeinem Ränkeschmied des Lebens beraubt wird, weil der Autor sonst das Sightseeing abbrechen müsste. Zumindest so mein Eindruck. Erstaunlicherweise hat mich das aber wenig gestört, weil ich nämlich so damit beschäftigt war, mir die von Banville heraufbeschworenen Bilder auszumalen, dass ich gar keine Zeit hatte, mich darüber zu wundern. Wer also einen hochspannenden, mit einem zielgerichteten Ermittler ausgestatteten Krimi á la „Commissaire Le Floch“ erwartet, wird diesen Roman schreiend in die Ecke pfeffern. Wer aber bereit ist für eine Reise in die Goldene Stadt zu Zeiten, als es dort noch Alchimisten und Magier zuhauf gab, als man dort noch versuchte, Stroh zu Gold zu spinnen, wer Einblick haben möchte in die Abläufe eines kaiserlichen Hofes, der wird belohnt mit einem farbenprächtigen historischen Roman, geschrieben von einem Wortmagier und Geschichtenerzähler erster Güte.
Wer bis hierher gekommen ist, vermisst nun eventuell eine kleine Inhaltsangabe. Aber gerade die möchte ich hier vermeiden. Und eigentlich geht es sowieso um die prächtige Stadt an der Moldau.

Ich danke Kiepenheuer & Witsch für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.