Erster Auftritt, Philip Marlowe

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Der große Schlaf
Raymond Chandler
Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert
erschienen am 25. September 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07078-1

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Unzählige mit Hut und Trenchcoat ausgestattete, toughe Ermittler lassen sich auf ihn zurückführen: Philip Marlowe. Ich werde ihn auf ewig mit Humphrey Bogart in Verbindung bringen, obwohl der ihn tatsächlich in nur einem einzigen Film verkörpert hat, 1946 in „The big sleep“.
Marlowe ist Privatdetektiv, ehemals Ermittler für die Polizeibehörde, entlassen wegen Befehlsverweigerung. Er ist zielstrebig, wenig auf seine Sicherheit bedacht, ruchlosen Frauen gegenüber mehr oder weniger immun und trinkfest.
In „Der große Schlaf“ hat er seinen ersten Auftritt, weitere Bände folgten.
General Sternwood, alt, reich und mit zwei hübschen Töchtern gesegnet, bittet Marlowe Spielschulden seiner jüngsten Tochter zu überprüfen. Relativ schnell landet er in einem Netz aus Spielhöllen, Schmuddelheft-Dealern und Kleinkriminellen. Und die Töchter des Generals hat er auch noch am Hals.
Mit seinen Romanen führt Chandler die von Dashiell Hammett begründete Tradition der hardboiled novels, des zutiefst amerikanischen Krimis, fort. Handlungsorte sind zumeist unpersönliche Großstädte, die Grundstimmung ist düster, Laster breiten sich aus. Der Ermittler bewegt sich sicher durch diese Schattenwelt, mit einem eigenen Ehrenkodex versehen, wortkarg und hart im Nehmen. Und immer gibt es eine schöne Frau, die ihn in Versuchung führt, selten mit gutem Ausgang.
Diese Krimis stehen im Gegensatz zu den vielfach englischen Vertretern des Genres mit ihren allwissenden Detektiven á la Hercule Poirot, die Verbrechen allein durch Denken lösen, ohne sich großartig die Finger schmutzig zu machen, und häufig in gehobenen Kreisen spielen.
Was ich aber im Vergleich zu heutigen Krimis faszinierend finde: sie kommen ohne großartige Metzeleien oder übertriebene Sexszenen aus. Wenn Blut eingesetzt wird, dann, um einen Tatbestand zu unterstreichen, um der schwarzweißen Stimmung ein rotes Ausrufezeichen hinzuzufügen. An Spannung fehlt es trotzdem nicht.
Die Neuübersetzung des 1939 erschienenen Bandes „Der große Schlaf“ erscheint mir sehr gelungen. Die Sprache ist lakonisch, frisch ohne Schnörkel. Allerdings habe ich auch keine andere deutsche Ausgabe zum Vergleich hier.
Ich hoffe allerdings, dass das nur der Auftakt war für weitere Neuübersetzungen auch der anderen Bände. Denn ein entstaubter Chandler ist eine Zierde für jedes Krimiregal.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

 

Pamela Mitford

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Die Schwestern von Mitford Manor – Gefährliches Spiel
Jessica Fellowes
Aus dem Englischen von Andrea Brandl
erschienen am 02.September 2019 im Pendo Verlag
ISBN 978-3-86612-453-0

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Auf sechs Bände ist diese Krimireihe ausgelegt. Sechs Bände, weil es sechs Mitford-Schwestern gibt. Die Mitfords sind eine englische Adelsfamilie, die in den Zwanzigern bis Vierzigern des letzten Jahrhunderts von sich reden machten. Die Schwestern waren ebenso hübsch wie unangepasst. Man sprach von Diana der Faschistin, Jessica der Kommunistin, Unity der Hitler-Verehrerin, Nancy der Schriftstellerin, Deborah der Duchess und Pamela der farblosen Geflügelbratenliebhaberin.
Band 1 beschäftigte sich mit der ältesten Schwester, Nancy, die tatsächlich eine Karriere als Schriftstellerin machte. In Band 2 nun geht es um Pamela, die Bodenständigste der Schwestern. Sie scheint sich hauptsächlich mit Pferden und Kochen beschäftigt zu haben und Skandalen weitestmöglich aus dem Weg gegangen zu sein.
Jessica Fellowes verknüpft das Leben jeder Schwester mit einem erfundenen Mord, d. h. sie mischt Biographisches mit Erfundenem. Im ersten Band ist ihr das sehr charmant gelungen, Band 2 dagegen ist leider eher verworren und langatmig.
An Pamelas 18. Geburtstag stürzt einer der Gäste vom Kirchturm in den Tod. Des Mordes verdächtigt wird ein Dienstmädchen. Das aus dem ersten Band schon bekannte Kindermädchen Louisa Cannon beginnt zu ermitteln. Zu Hilfe kommt ihr dabei wieder der Polizist Guy Sullivan. Wir folgen Louisa nun vom beschaulichen Mitford Manor ins trubelige London der Roaring Twenties mit der schillernden Meisterdiebin Alice Diamond im Mittelpunkt. Jessica Fellowes hat erneut hervorragend recherchiert, aber diesmal hapert es in der Umsetzung. Die Charaktere bleiben blass, die Story ist begrenzt glaubwürdig. Selbst das Prickeln zwischen Louisa und Guy entfällt weitestgehend. Da hilft auch eine Konkurrentin in Form von Guys Kollegin Mary Moon nicht.
Die Protagonisten scheinen stets gehetzt unterwegs zu sein, von Party zu Party, von Club zu Club, auf den Straßen Londons. Und Louisa hat für eine Angestellte erstaunliche Möglichkeiten und Freiheiten. Sie scheint ihren Dienstplan beständig ungestraft umstürzen zu dürfen und tummelt sich in der Großstadt, wenn sie eigentlich auf dem Lande Kinder hüten sollte.
Alles in allem ist Band 2 solide Krimikost mit Downton Abbey-Flair, dabei etwas uninspiriert. Vermutlich konnte die Autorin mit der lieben Pamela wenig anfangen. Daher bin ich tatsächlich gespannt auf die nächsten beiden Bände, die mit der Faschistengattin Diana und dem Hitler-Fangirl Unity etwas schillernderes Personal aufzuweisen haben.

Ich danke dem Piper Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

 

Hinter der Maske

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Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle
Stuart Turton
Aus dem Englischen von Dorothee Merkel
erschienen am 24. August 2019 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50421-7

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„Agatha Christie meets Und täglich grüßt das Murmeltier“, so steht es auf der Buchrückseite. „Ein teuflisch spannender Kriminalroman.“ meint die Times dazu. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen an das Debüt des Reisejournalisten Stuart Turton.
Der Inhalt ist kompliziert, so kompliziert, dass eine Kurzbeschreibung schwierig ist, will man nicht zuviel verraten. Und das will ich definitiv nicht, sollen doch meine Nachfolger unter ähnlich vor Spannung abgekauten Fingernägeln leiden wie ich.
Irgendwo im Wald, meilenweit vom nächsten Dorf entfernt, liegt das Anwesen der Hardcastles. Die Familie wohnt dort schon lange nicht mehr. Das Haus ist eine Ruine, bewohnbar gemacht nur für ein Ereignis: einen Maskenball. Auf dem Höhepunkt des Festes begeht die Tochter des Hauses, Evelyn Hardcastle, scheinbar einen Selbstmord. Die Besonderheit: der Tag wiederholt sich so oft in Endlosschleife, bis jemand die tatsächlichen Geschehnisse darlegen kann.
Auf den ersten Blick ein klassischer britischer Landhauskrimi, -ein von der Welt abgeschlossenes Gelände, eine begrenzte Anzahl Gäste, ein durch Kombinationsgabe zu lösendes Vergehen – , erhöht Turton mit dem Zeitschleifendreh die Spannung ins Unendliche. Jeder Tag beginnt anders, die Karten müssen quasi neu gemischt werden, nur das Grundgerüst verläuft gleich. Der Leser hetzt mit dem Autor Beweismittel suchend durch den Text, muss Finten erkennen und um das Leben einiger Ballgäste fürchten, während die Zeit von Seite zu Seite abläuft.
Meine Familie musste zwei Tage mit den Buchdeckeln kommunizieren, weil es mir wirklich extrem schwer gefallen ist, Pausen einzulegen. So bin ich tatsächlich in kürzester Zeit durch die 604 Seiten gerauscht und habe mir dabei mehrfach selbst auf die Finger geklopft, um nicht auf die letzten Seiten zu schauen.
Einziger Wermutstropfen: das Ende mit der abschließenden Auflösung des gesamten Geschehens war mir zu weit hergeholt. Ich hatte mich schon während des Lesens danach gefragt und war dann ein wenig enttäuscht. Aber niemand sollte sich davon nun vom Lesen abhalten lassen! Turton ist es wirklich gelungen, den Whodunit in die Gegenwart zu holen, den Staub abzuklopfen und einen unerwartet großartigen Dreh einzuführen, der es ihm erlaubt, fast jeden Ermittlertypus auftreten zu lassen. Und , aber das ist nur eine Vermutung meinerseits, die auch keineswegs stimmen mag, wir treffen auf alte Bekannte im neuen Kleid: Sherlock Holmes, Nero Wolfe, Philip Marlowe. Da ich nicht alle entschlüsseln konnte, kann das jedoch auch schlicht meine blühende Phantasie sein. Passen würde es allerdings zu diesem ausgeklügelten Werk allemal.
Ein abschließender Tipp: man nehme sich Zeit und Ruhe zum Lesen, nebenher laufen lassen kann man diesen komplexen Roman definitiv nicht.

Ich danke dem Tropen Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

Leselust Andreas Kück https://andreaskueckleselust.com/2019/08/25/rezension-stuart-turton-die-sieben-tode-der-evelyn-hardcastle/

Landhaus-Krimi

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Dreizehn Gäste
J. Jefferson Farjeon
Aus dem Englischen von Eike Schönfeld
erschienen am 23. März 2019 im Klett-Cotta Verlag
ISBN 978-3-608-96392-2

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Ein verregneter Sonntag, keinerlei Verpflichtungen, der Regen prasselt gegen die Scheiben, auf der Couch mit Wolldecke, der Tee dampft, links ein Hund und rechts ein Hund, in der Hand ein klassischer britischer Krimi- das kommt dem Paradies schon recht nahe…
Und darum freut es mich ganz außerordentlich, dass der Klett-Cotta Verlag seit geraumer Zeit wunderschöne leinengebundene britische Krimis veröffentlicht, von mal mehr mal weniger bekannten Autoren.
Diesmal handelt es sich um einen Landhaus-Krimi von J. Jefferson Farjeon, erstmals erschienen 1936. Farjeon war ursprünglich kein Unbekannter in der Krimiwelt, eines seiner Bücher wurde sogar von Hitchcock verfilmt, ist aber inzwischen weitgehend in Vergessenheit geraten. Seine Plots sind oft recht verwickelt, ein klitzekleines bißchen zu konstruiert und die Charaktere dadurch ein wenig blass. Das wird aber aufgehoben durch den Spannungsbogen und die überraschenden Auflösungen.
So auch diesmal. „Dreizehn Gäste“ ist wie ein Ausflug nach Downton Abbey mit Mord zum Dinner. Wir befinden uns auf Bragley Court, dem Anwesen Lord Avelings. Selbiger hat zwölf Gäste zu einer Party eingeladen, durch einen Zufall werden es dreizehn. Eine Unglückszahl! Prompt kommt kurze Zeit später ein Gast ums Leben.
Der Ablauf ist ganz klassisch: als Mörder in Frage kommen nur Hausbewohner, Gäste und Personal. Der Gärtner ist es nicht, so viel verrate ich gerne. Aber gut behütet auf dem Sofa ist es ein Genuss, den Mörder mit zu entlarven, zumal auf detailgetreue Schilderungen etwaiger Verletzungen verzichtet wird. Für mich ist genau das auch der Reiz an diesen Romanen. Es ist mehr eine literarische Form von Sudoku, verlockt zum Kombinieren und Mitraten, und weniger Gemetzel mit ein bißchen Handlung dazwischen.
Wer sich also für derartige Lektüre ähnlich begeistern kann wie ich, der möge einen Blick zu Klett-Cotta werfen und wird dort bestimmt fündig.

Weitere Besprechungen:

KrimiLese https://krimilese.wordpress.com/2019/07/26/j-jefferson-farjeon-dreizehn-gaeste/
Andreas Kück https://andreaskueckleselust.com/2019/04/17/rezension-j-jefferson-farjeon-dreizehn-gaeste/
Buchkenner https://buchkenner.wordpress.com/2019/04/27/dreizehn-gaeste-j-jefferson-farjeon/

The Honourable Miss Fisher

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Tod am Strand
Kerry Greenwood
Aus dem australischen Englisch von Regina Rawlinson
erschienen am 13.Mai 2019 im Insel Verlag
ISBN 978-3-458-36405-4

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Ich bekenne es freimütig: ja, auch ich bin Miss Fisher-Fan. Ich habe sämtliche Staffeln der Serie gesehen und geliebt. Und es hat mich geärgert, dass die Buchreihe auf der die Serie beruht, allenfalls antiquarisch erhältlich war. Nun hat der Fischer Verlag einen Band der Reihe veröffentlicht. Nicht den ersten, nein, irgendeinen und ob weitere folgen, steht in den Sternen. Ich muss gestehen, dass mich das arg irritiert.
Aber nun zum Roman. Eine Blumenparade mit Miss Fisher als Blumenkönigin steht an, als eines der Blumenmädchen halbtot am Strand aufgefunden wird und Adoptivtochter Ruth spurlos verschwindet. Natürlich beginnt Phryne Fisher sofort zu ermitteln…
Dies ist tatsächlich einer der seltenen Fälle, in denen die Verfilmung besser ist als die Vorlage. Was im Film keck und spritzig daher kommt, ist im Buch doch eher betulich und altbekannt. Die spannungsgeladene Verbindung zu Inspector Jack Robinson, die in der Serie großen Raum einnimmt, ist im Buch eher nebensächlich als erotisch, dafür hält sich Phryne einen asiatischen Liebhaber nebst Ehefrau. Tatsächlich liest sich der Roman ganz nett und ist im Urlaub oder nach stressigen Arbeitstagen eine hübsche, aber seichte Ablenkung, mehr jedoch nicht. Ein Hoch auf die Serienmacher, die diese australische Miss Marple in die energiegeladene und glamouröse Miss Fisher verwandelt und damit die Serie so großartig gemacht haben!
2020 soll übrigens ein Miss Fisher-Film in die Kinos kommen, der Phryne wohl in die Kronkolonie Indien schicken wird. Ich bin gespannt.
Was nun den Verlag geritten hat, einen wahllosen Einzelband zu veröffentlichen, bleibt geheimnisvoll. Das nun wiederum passt aber irgendwie zum Titel der Reihe „Miss Fishers mysteriöse Mordfälle“. Vielleicht sind bei dem Blumenfest ja auch die Vorgängerbände verschollen…

Ein Krokodil in Tel Aviv

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Achtzehn Hiebe
Assaf Gavron
Aus dem Hebräischen von Barbara Linner
erschienen am 08. April 2019 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-71861-0

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Witzig. Rasant. Respektlos. Sehr unterhaltsam. Das verspricht der Klappentext des Verlages bei diesem neuen Roman des israelischen Bestsellerautors.
Witzig ist das Buch stellenweise durchaus, wenn man sich denn Stan und Ollie im modernen Tel Aviv vorstellen kann. Rasant ist es auch, immerhin ist der Protagonist Taxifahrer. Respektlos fand ich es eigentlich nicht, dafür manchmal ein wenig geschmacklos und wenn wir das „sehr“ streichen, stimmt der Rest auch.
Es fällt mir ein wenig schwer, den Finger auf die Wunde zu legen, nicht, weil ich nicht wüßte, wo es schmerzt, sondern, weil der Text sich als Krimi verkleidet hat und es daher unfair wäre, den Inhalt zu breit auszuwalzen.
Eitan Einoch, genannt „Krokodil“ (jaha, daher der wenig einfallsreiche Titel meiner Kolumne) ist Taxifahrer in Tel Aviv und außerdem gescheiterter Hobbydetektiv. Bei einer seiner Fahrten lernt er Lotta Perl kennen, eine charmante ältere Dame, die regelmäßig zum Friedhof gefahren zu werden wünscht. In einem ihrer Gespräche gesteht sie, Angst davor zu haben ermordet zu werden und engagiert Einoch, um in einer privaten Sache Nachforschungen zu betreiben. Dieser kontaktiert dafür seinen ehemaligen Kollegen Bar und wirft sich ins Getümmel.
Für mich ist Plausibilität wichtig, besonders bei einer Krimihandlung. Leider toben Bar und Einoch derartig naiv durch das Geschehen, dass mir der Spass recht schnell verging. Dazu kommen Handlungsteile, deren Wahrscheinlichkeit an Null grenzen, aber Dreh- und Angelpunkte der Story sind. Die achtzehn Hiebe des Titels sind nämlich reale Peitschenhiebe. Würde man die Person, die für die Verabreichung gesorgt hat, fünfzig Jahre später heiraten wollen, ohne Kontakt in der Zwischenzeit wohlgemerkt?
Von Seite zu Seite wurden mir die Protagonisten unsympathischer. Nun muss man Romanhelden nicht mögen, hier war es aber wohl eigentlich so angedacht. Vielleicht bin ich aber auch schlicht eine Generation zu alt. Ich fühlte mich an das Spiel „Scotland Yard“ erinnert, während ich mit dem Taxi über das Spielbrett, Verzeihung, durch Tel Aviv sauste. Vielleicht hätte ich auch besser ein männlicher Leser sein sollen, der sich für Viagra und schöne Frauen interessiert. Vielleicht…
Vielleicht ist dieser Roman aber auch einfach trotz der Jubelkritiken mittelmäßig. Oder ich bin zu miesepetrig für den Inhalt. Jedenfalls passen wir nicht zusammen, das Krokodil und ich.

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Pater Brown

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Pater Brown Stories
G. K. Chesterton
alle 2004 erschienen im Diogenes Verlag

 

Ich verbinde Pater Brown immer augenblicklich mit dem Schauspieler Heinz Rühmann, der die Figur in einigen possierlichen Filmchen verkörpert hat, die ich als Kind geliebt habe. Schlecht gewählt war die Besetzung, folgt man Chestertons Beschreibung, ganz sicher nicht, entspricht aber trotzdem nicht dem Geist der Geschichten.
Pater Brown, ein kleiner Mann mit großem Intellekt, sehr wendig, gütig, aber mit unverrückbaren Ansichten, sehr gläubig natürlich, aber ohne andere damit zu belästigen. Dieser ruhige, unauffällige Mann also kann um zig Ecken denken, bleibt an Lösungswillen und Findigkeit sicher nicht hinter Miss Marple oder Hercule Poirot zurück und löst so die kniffeligsten Kriminalfälle mit einem sanften Lächeln.
Gilbert Keith Chesterton war selbst der katholischen Kirche sehr verbunden, was man den Stories natürlich durchaus anmerkt. Gleichzeitig ist er aber ein Meister darin, sich die ungewöhnlichsten Szenarios auszudenken, von Diebstahl bis zu Mord. Pater Brown lässt er dann von den Indizien auf das Wesen des Täters schließen, d.h. Brown versucht die Denkweise des Täters zu verstehen, um größeres Unglück zu vermeiden. Ihm zur Seite steht häufig ein geläuterter Dieb, der nun als Detektiv arbeitet, ein Mann fürs Grobe, wenn benötigt.
Die Kurzgeschichten sind alle ein wenig betulich, aber niemals unspannend zu lesen. Immer wird wert auf Stil und Raffinesse gelegt, Blut fließt eher nebenbei. Die Lektüre eignet sich also hervorragend für Zugfahrten, Caféhausbesuche etc, ist aber sicherlich eher für Leser interessant, die Freude an altmodischen Winkelzügen und Konstellationen haben und zur Unterhaltung nicht sieben Leichen pro Seite benötigen. Ich mag die Stories sehr, weil sie zum einen so herrlich britisch sind und weil zum anderen Chesterton weit besser schreiben konnte als so mancher preisgekrönte Autor.
Vor geraumer Zeit habe ich mit Richter Di und Bruder Cadfael zwei weitere zu Unrecht fast vergessene Krimicharaktere beschrieben, da reiht sich Father Brown ganz wunderbar mit ein. Ein Hoch auf die Autoren, die ihre Reihen mit soviel Wortwitz, Charme und Intelligenz geschrieben haben, dass man auch heute noch jeden Band mit Vergnügen liest.

Hollywood 1922

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Der blutrote Teppich
Christof Weigold
erschienen am 11. April 2019 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05141-4

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Vor etwa einem Jahr erschien der erste Band dieser Reihe über den deutschen Privatdetektiv Hardy Engel, verkrachter Schauspieler, Expolizist, der im Hollywood der 1920iger gestrandet ist und nun Kriminalfälle löst. Ich war und bin hellauf begeistert von dieser Mischung aus Fakten und Fiktion, von den Charakteren, dem ganzen Aufbau des Romans.
Und nun also Band 2 mit einem weiteren Mordfall hinter den Kulissen. Diesmal geht es um den Regisseur William Desmond Taylor, der offenbar kurz nach einem Telefonat mit Engel ermordet wurde. Und die Polizei ist mehr als gewillt, den aufmüpfigen „Schnüffler“ als Tatverdächtigen festzunehmen.
Wenn der erste Band so hervorragend ist, habe ich beim Nachfolger immer ein wenig Angst. Wird das Niveau bleiben? Wird der nächste Band eigenständig sein oder nur am Vorgänger abgekupfert?
Beim ersten Anblick des Buches war ich ernsthaft enttäuscht. War Band 1 noch fest gebunden, ein goldener Backstein sozusagen und als Mordinstrument durchaus geeignet, handelt es sich nun um ein Taschenbuch mit arg dünnen Seiten. Da hat der Verlag wohl kostengünstig gedacht. Aber vielleicht greift der klassische Krimileser ja auch lieber zu einem Taschenbuch?
Und der Inhalt? Nun…
Offen gestanden gefällt mir der zweite Band noch besser als der erste. Er ist straffer, einen Tick spannender und vertraute Charaktere gewinnen noch mehr Profil.
Man gewinnt den Eindruck, es müsse Christof Weigold höllischen Spass bereiten, Hardy Engel durch das Labyrinth Hollywood zu geleiten und dabei reale Figuren lebensecht einzubauen. Sei es „Uncle Carl“ Laemmle oder Ernst Lubitsch, Charlie Chaplin oder Douglas Fairbanks (Senior, der Junior war zu dem Zeitpunkt erst dreizehn Jahre alt). Es gibt auch ein paar wirklich witzige Szenen mit Dorothy Parker und dem Algonquin Round Table.
Ich finde es immer gerade bei Krimis sehr schwer, eine Besprechung zu schreiben, die alles Wesentliche enthält, aber nicht zu viel verrät. Aber ich muss doch unbedingt verkünden, dass ich stark hoffe, dass Miss Polly Brandeis, die Engel diesmal von Zeit zu Zeit bei seinen Ermittlungen unterstützt, uns für die nächsten Bände erhalten bleibt. Überhaupt, die nächsten Bände: möge dem Autor nicht die Puste ausgehen, möge der Verlag die Reihe weiter verlegen (meinetwegen auch als Taschenbuch), möge es noch genug Stoff geben und Hardy Engel bis ins hohe Alter ermitteln und möge es mindestens die nächsten zehn Jahre im Frühjahr einen weiteren Band geben! Ich erkläre die Hardy Engel-Romane hiermit offiziell zu meiner derzeit liebsten Krimi-Reihe. Ich hoffe sehr, wir kommen noch bis in die Dreißiger Jahre, zu meinen Hausgöttern Astaire, Stewart, Gable, zu Busby Berkeley und Ruby Keeler usw. Und daher lege ich allen Krimi-, Film,- Hollywood,- und Philipp Marlowe- Interessierten diese Reihe ans Herz!

Ich danke Kiepenheuer & Witsch herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Gallowglass

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Liebesbeweise
Barbara Vine
Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann
erschienen am 20. März 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-24493-9

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„Gallowglass“ ist der Originaltitel dieses Romans von Barbara Vine alias Ruth Rendell, der englischen Queen of Crime. „Gallowglass“ kommt vom gälischen „gallóglach“ und bedeutet in etwa Söldner, Vasall. Genauer bezeichnet man damit schottische Krieger, die für irische Könige im Mittelalter als Leibwache, aber auch Handlanger arbeiteten und aufgrund ihres Status als Landesfremde nicht durch persönliche Bande gehemmt und somit als ihrem Herrn treu ergeben betrachtet wurden.

„Ich wußte jetzt, was ich war, was er in mir sah. Einen Gallowglass, den Gefolgsmann seines obersten Dienstherrn.“

Sandor bewahrt Klein-Joe davor, sich vor eine Londoner U-Bahn zu werfen. Er nimmt den depressiven jungen Mann auf und behauptet, sein Leben gehöre nun ihm. Schnell sieht Klein-Joe in Sandor Elternersatz, Lehrer und Befehlsgeber. Aber Sandor plant ein Verbrechen und Klein-Joe soll ihm dabei helfen…

Wer nun einen blutigen, nervenzerfetzenden Thriller erwartet, möge sich lieber bei den skandinavischen Thrillerautoren umsehen. Denn Barbara Vine entwickelt ihren Plot in aller Ruhe. Dabei lässt sie sich immer wieder in die Karten sehen, man meint schon vorauszuahnen, was passieren wird, aber schlußendlich ist es dann immer doch ein wenig anders als gedacht. Fast gemächlich entfaltet sich das Szenario, größtenteils beschrieben von Klein-Joe, der, man merkt es zügig, nicht die hellste Kerze am Baum ist. Während jener noch unsicher durch die Lande tappst, sieht der Leser das Unheil schon kommen, langsam und unaufhaltsam. Barbara Vine läßt sich Zeit. Zeit für ihre Figuren und deren Geschichte, Zeit für den Handlungsverlauf, Zeit für die Beschreibung der Spielorte. Das ist heute so nicht mehr üblich. Aber zum einen ist der Roman von 1990, also fast dreißig Jahre alt, damals liefen die Uhren irgendwie noch langsamer, und zum anderen schreibt sie so gekonnt und elegant, dass man einen schnelleren Handlungsverlauf gar nicht vermisst. Fast bin ich geneigt, in diesem Falle von „herrlich altmodisch“ zu sprechen. Denn ich schätze diese unblutige Eleganz, die Fähigkeit, bedrohliche Situationen subtil und ohne Kettensäge aufzubauen sehr. Ich möchte mich nach dem Lesen nämlich gar nicht alptraumgeplagt im Bett wälzen, mir reicht der leichte Schauer und die Gänsehaut während der Lektüre völlig aus.
Ein wenig lebendigere Charaktere hätte ich mir gewünscht und einen etwas glaubhafteren Schluß, aber insgesamt habe ich diesen Roman mit Vergnügen gelesen.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Das Gespenst aus dem Hause Indebetou

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1793
Niklas Natt och Dag
Aus dem Schwedischen von Leena Flegler
erschienen am 01.03.2019 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-06131-5

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„Ein wilder und ungewöhnlicher Mix, der das ganze Krimigenre revolutioniert.“ So äußert sich laut Buchrückseite der Schriftsteller Arne Dahl zu diesem Roman. Ganz soweit würde ich nicht gehen, aber „1793“ gehört definitiv zum Besten, was ich an historischen Kriminalromanen bisher gelesen habe.
Dunkle Zeiten sind es, die Niklas Natt och Dag da ins Leben zurückruft. Die französische Revolution droht auch nach Schweden überzugreifen, der Thron ist umstritten, die Rechtsprechung willkürlich. Die Reichen sind sehr reich, die Armen bitterarm. Stockholm riecht in weiten Teilen nach Kloake, ein Menschenleben hat nicht viel Wert. In diesen Zeiten erregt eine Leiche recht wenig Aufsehen. Die eine aber, die diesen Roman in Gang bringt, ist so verstümmelt, dass doch zwei Menschen sich berufen fühlen, nach dem Mörder zu suchen: der an Tuberkulose im Endstadium erkrankte Jurist Cecil Winge und der einarmige Ex-Matrose Mickel Cardell. Dieses ungleiche Duo ergänzt sich erstaunlich gut, leider wird Winges Zustand keine Fortsetzungen zulassen.
Es ist nicht leicht zu lesen, was Winge und Cardell im Laufe ihrer Ermittlungen zu Tage bringen. Brutal ist der Roman, detailgenau und düster. Darin erinnert er mich an die Reihe um den französischen Kommissar Le Floch, die durchaus einen ähnlichen Aufbau hat und auch durch Detailtreue und historische Genauigkeit beeindruckt. Zudem ermittelt Le Floch in vergleichbaren Zeiten, nämlich kurz vor der Revolution in Frankreich.
Was diesen Roman für mich so außergewöhnlich macht, sind allerdings nicht der Mordfall und seine Grausamkeiten. Es ist die Zeit, die sich Natt och Dag für die Entwicklung seiner Charaktere läßt. Wir erfahren, wo sie herkommen, was sie umtreibt, wovon sie träumen oder was sie sich erhoffen. Und es gelingt ihm, den Roman dadurch spannender zu machen statt langatmiger. Im Grunde erleben wir eine Führung durch das Stockholm des Jahres 1793, durch Weinstuben und Gerichtssäle, vom Spinnhaus bis zum Adelsgut. Der Mord dient dabei streckenweise als roter Faden, der alles zusammenhält. Eine solche Konstruktion ist durchaus gewagt, aber in diesem Falle mehr als gelungen. Es ist also gar nicht genau zu sagen, was man da eigentlich liest, einen historischen Roman oder einen Krimi. Im Grunde ist das aber gleichgültig, wenn es denn so hervorragend geschrieben ist wie „1793“.

Ich danke dem Piper Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen zu diesem Roman:

literaturwerkstatt-kreativ/blog https://literaturwerkstattkreativblog.wordpress.com/2019/03/10/1793-von-niklas-natt-och-dag/
zeilenliebe https://zeilenliebe.com/2019/03/01/1793/