The Honourable Miss Fisher

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Tod am Strand
Kerry Greenwood
Aus dem australischen Englisch von Regina Rawlinson
erschienen am 13.Mai 2019 im Insel Verlag
ISBN 978-3-458-36405-4

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Ich bekenne es freimütig: ja, auch ich bin Miss Fisher-Fan. Ich habe sämtliche Staffeln der Serie gesehen und geliebt. Und es hat mich geärgert, dass die Buchreihe auf der die Serie beruht, allenfalls antiquarisch erhältlich war. Nun hat der Fischer Verlag einen Band der Reihe veröffentlicht. Nicht den ersten, nein, irgendeinen und ob weitere folgen, steht in den Sternen. Ich muss gestehen, dass mich das arg irritiert.
Aber nun zum Roman. Eine Blumenparade mit Miss Fisher als Blumenkönigin steht an, als eines der Blumenmädchen halbtot am Strand aufgefunden wird und Adoptivtochter Ruth spurlos verschwindet. Natürlich beginnt Phryne Fisher sofort zu ermitteln…
Dies ist tatsächlich einer der seltenen Fälle, in denen die Verfilmung besser ist als die Vorlage. Was im Film keck und spritzig daher kommt, ist im Buch doch eher betulich und altbekannt. Die spannungsgeladene Verbindung zu Inspector Jack Robinson, die in der Serie großen Raum einnimmt, ist im Buch eher nebensächlich als erotisch, dafür hält sich Phryne einen asiatischen Liebhaber nebst Ehefrau. Tatsächlich liest sich der Roman ganz nett und ist im Urlaub oder nach stressigen Arbeitstagen eine hübsche, aber seichte Ablenkung, mehr jedoch nicht. Ein Hoch auf die Serienmacher, die diese australische Miss Marple in die energiegeladene und glamouröse Miss Fisher verwandelt und damit die Serie so großartig gemacht haben!
2020 soll übrigens ein Miss Fisher-Film in die Kinos kommen, der Phryne wohl in die Kronkolonie Indien schicken wird. Ich bin gespannt.
Was nun den Verlag geritten hat, einen wahllosen Einzelband zu veröffentlichen, bleibt geheimnisvoll. Das nun wiederum passt aber irgendwie zum Titel der Reihe „Miss Fishers mysteriöse Mordfälle“. Vielleicht sind bei dem Blumenfest ja auch die Vorgängerbände verschollen…

Ein Krokodil in Tel Aviv

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Achtzehn Hiebe
Assaf Gavron
Aus dem Hebräischen von Barbara Linner
erschienen am 08. April 2019 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-71861-0

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Witzig. Rasant. Respektlos. Sehr unterhaltsam. Das verspricht der Klappentext des Verlages bei diesem neuen Roman des israelischen Bestsellerautors.
Witzig ist das Buch stellenweise durchaus, wenn man sich denn Stan und Ollie im modernen Tel Aviv vorstellen kann. Rasant ist es auch, immerhin ist der Protagonist Taxifahrer. Respektlos fand ich es eigentlich nicht, dafür manchmal ein wenig geschmacklos und wenn wir das „sehr“ streichen, stimmt der Rest auch.
Es fällt mir ein wenig schwer, den Finger auf die Wunde zu legen, nicht, weil ich nicht wüßte, wo es schmerzt, sondern, weil der Text sich als Krimi verkleidet hat und es daher unfair wäre, den Inhalt zu breit auszuwalzen.
Eitan Einoch, genannt „Krokodil“ (jaha, daher der wenig einfallsreiche Titel meiner Kolumne) ist Taxifahrer in Tel Aviv und außerdem gescheiterter Hobbydetektiv. Bei einer seiner Fahrten lernt er Lotta Perl kennen, eine charmante ältere Dame, die regelmäßig zum Friedhof gefahren zu werden wünscht. In einem ihrer Gespräche gesteht sie, Angst davor zu haben ermordet zu werden und engagiert Einoch, um in einer privaten Sache Nachforschungen zu betreiben. Dieser kontaktiert dafür seinen ehemaligen Kollegen Bar und wirft sich ins Getümmel.
Für mich ist Plausibilität wichtig, besonders bei einer Krimihandlung. Leider toben Bar und Einoch derartig naiv durch das Geschehen, dass mir der Spass recht schnell verging. Dazu kommen Handlungsteile, deren Wahrscheinlichkeit an Null grenzen, aber Dreh- und Angelpunkte der Story sind. Die achtzehn Hiebe des Titels sind nämlich reale Peitschenhiebe. Würde man die Person, die für die Verabreichung gesorgt hat, fünfzig Jahre später heiraten wollen, ohne Kontakt in der Zwischenzeit wohlgemerkt?
Von Seite zu Seite wurden mir die Protagonisten unsympathischer. Nun muss man Romanhelden nicht mögen, hier war es aber wohl eigentlich so angedacht. Vielleicht bin ich aber auch schlicht eine Generation zu alt. Ich fühlte mich an das Spiel „Scotland Yard“ erinnert, während ich mit dem Taxi über das Spielbrett, Verzeihung, durch Tel Aviv sauste. Vielleicht hätte ich auch besser ein männlicher Leser sein sollen, der sich für Viagra und schöne Frauen interessiert. Vielleicht…
Vielleicht ist dieser Roman aber auch einfach trotz der Jubelkritiken mittelmäßig. Oder ich bin zu miesepetrig für den Inhalt. Jedenfalls passen wir nicht zusammen, das Krokodil und ich.

Ich danke dem btb Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Pater Brown

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Pater Brown Stories
G. K. Chesterton
alle 2004 erschienen im Diogenes Verlag

 

Ich verbinde Pater Brown immer augenblicklich mit dem Schauspieler Heinz Rühmann, der die Figur in einigen possierlichen Filmchen verkörpert hat, die ich als Kind geliebt habe. Schlecht gewählt war die Besetzung, folgt man Chestertons Beschreibung, ganz sicher nicht, entspricht aber trotzdem nicht dem Geist der Geschichten.
Pater Brown, ein kleiner Mann mit großem Intellekt, sehr wendig, gütig, aber mit unverrückbaren Ansichten, sehr gläubig natürlich, aber ohne andere damit zu belästigen. Dieser ruhige, unauffällige Mann also kann um zig Ecken denken, bleibt an Lösungswillen und Findigkeit sicher nicht hinter Miss Marple oder Hercule Poirot zurück und löst so die kniffeligsten Kriminalfälle mit einem sanften Lächeln.
Gilbert Keith Chesterton war selbst der katholischen Kirche sehr verbunden, was man den Stories natürlich durchaus anmerkt. Gleichzeitig ist er aber ein Meister darin, sich die ungewöhnlichsten Szenarios auszudenken, von Diebstahl bis zu Mord. Pater Brown lässt er dann von den Indizien auf das Wesen des Täters schließen, d.h. Brown versucht die Denkweise des Täters zu verstehen, um größeres Unglück zu vermeiden. Ihm zur Seite steht häufig ein geläuterter Dieb, der nun als Detektiv arbeitet, ein Mann fürs Grobe, wenn benötigt.
Die Kurzgeschichten sind alle ein wenig betulich, aber niemals unspannend zu lesen. Immer wird wert auf Stil und Raffinesse gelegt, Blut fließt eher nebenbei. Die Lektüre eignet sich also hervorragend für Zugfahrten, Caféhausbesuche etc, ist aber sicherlich eher für Leser interessant, die Freude an altmodischen Winkelzügen und Konstellationen haben und zur Unterhaltung nicht sieben Leichen pro Seite benötigen. Ich mag die Stories sehr, weil sie zum einen so herrlich britisch sind und weil zum anderen Chesterton weit besser schreiben konnte als so mancher preisgekrönte Autor.
Vor geraumer Zeit habe ich mit Richter Di und Bruder Cadfael zwei weitere zu Unrecht fast vergessene Krimicharaktere beschrieben, da reiht sich Father Brown ganz wunderbar mit ein. Ein Hoch auf die Autoren, die ihre Reihen mit soviel Wortwitz, Charme und Intelligenz geschrieben haben, dass man auch heute noch jeden Band mit Vergnügen liest.

Hollywood 1922

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Der blutrote Teppich
Christof Weigold
erschienen am 11. April 2019 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05141-4

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Vor etwa einem Jahr erschien der erste Band dieser Reihe über den deutschen Privatdetektiv Hardy Engel, verkrachter Schauspieler, Expolizist, der im Hollywood der 1920iger gestrandet ist und nun Kriminalfälle löst. Ich war und bin hellauf begeistert von dieser Mischung aus Fakten und Fiktion, von den Charakteren, dem ganzen Aufbau des Romans.
Und nun also Band 2 mit einem weiteren Mordfall hinter den Kulissen. Diesmal geht es um den Regisseur William Desmond Taylor, der offenbar kurz nach einem Telefonat mit Engel ermordet wurde. Und die Polizei ist mehr als gewillt, den aufmüpfigen „Schnüffler“ als Tatverdächtigen festzunehmen.
Wenn der erste Band so hervorragend ist, habe ich beim Nachfolger immer ein wenig Angst. Wird das Niveau bleiben? Wird der nächste Band eigenständig sein oder nur am Vorgänger abgekupfert?
Beim ersten Anblick des Buches war ich ernsthaft enttäuscht. War Band 1 noch fest gebunden, ein goldener Backstein sozusagen und als Mordinstrument durchaus geeignet, handelt es sich nun um ein Taschenbuch mit arg dünnen Seiten. Da hat der Verlag wohl kostengünstig gedacht. Aber vielleicht greift der klassische Krimileser ja auch lieber zu einem Taschenbuch?
Und der Inhalt? Nun…
Offen gestanden gefällt mir der zweite Band noch besser als der erste. Er ist straffer, einen Tick spannender und vertraute Charaktere gewinnen noch mehr Profil.
Man gewinnt den Eindruck, es müsse Christof Weigold höllischen Spass bereiten, Hardy Engel durch das Labyrinth Hollywood zu geleiten und dabei reale Figuren lebensecht einzubauen. Sei es „Uncle Carl“ Laemmle oder Ernst Lubitsch, Charlie Chaplin oder Douglas Fairbanks (Senior, der Junior war zu dem Zeitpunkt erst dreizehn Jahre alt). Es gibt auch ein paar wirklich witzige Szenen mit Dorothy Parker und dem Algonquin Round Table.
Ich finde es immer gerade bei Krimis sehr schwer, eine Besprechung zu schreiben, die alles Wesentliche enthält, aber nicht zu viel verrät. Aber ich muss doch unbedingt verkünden, dass ich stark hoffe, dass Miss Polly Brandeis, die Engel diesmal von Zeit zu Zeit bei seinen Ermittlungen unterstützt, uns für die nächsten Bände erhalten bleibt. Überhaupt, die nächsten Bände: möge dem Autor nicht die Puste ausgehen, möge der Verlag die Reihe weiter verlegen (meinetwegen auch als Taschenbuch), möge es noch genug Stoff geben und Hardy Engel bis ins hohe Alter ermitteln und möge es mindestens die nächsten zehn Jahre im Frühjahr einen weiteren Band geben! Ich erkläre die Hardy Engel-Romane hiermit offiziell zu meiner derzeit liebsten Krimi-Reihe. Ich hoffe sehr, wir kommen noch bis in die Dreißiger Jahre, zu meinen Hausgöttern Astaire, Stewart, Gable, zu Busby Berkeley und Ruby Keeler usw. Und daher lege ich allen Krimi-, Film,- Hollywood,- und Philipp Marlowe- Interessierten diese Reihe ans Herz!

Ich danke Kiepenheuer & Witsch herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Gallowglass

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Liebesbeweise
Barbara Vine
Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann
erschienen am 20. März 2019 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-24493-9

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„Gallowglass“ ist der Originaltitel dieses Romans von Barbara Vine alias Ruth Rendell, der englischen Queen of Crime. „Gallowglass“ kommt vom gälischen „gallóglach“ und bedeutet in etwa Söldner, Vasall. Genauer bezeichnet man damit schottische Krieger, die für irische Könige im Mittelalter als Leibwache, aber auch Handlanger arbeiteten und aufgrund ihres Status als Landesfremde nicht durch persönliche Bande gehemmt und somit als ihrem Herrn treu ergeben betrachtet wurden.

„Ich wußte jetzt, was ich war, was er in mir sah. Einen Gallowglass, den Gefolgsmann seines obersten Dienstherrn.“

Sandor bewahrt Klein-Joe davor, sich vor eine Londoner U-Bahn zu werfen. Er nimmt den depressiven jungen Mann auf und behauptet, sein Leben gehöre nun ihm. Schnell sieht Klein-Joe in Sandor Elternersatz, Lehrer und Befehlsgeber. Aber Sandor plant ein Verbrechen und Klein-Joe soll ihm dabei helfen…

Wer nun einen blutigen, nervenzerfetzenden Thriller erwartet, möge sich lieber bei den skandinavischen Thrillerautoren umsehen. Denn Barbara Vine entwickelt ihren Plot in aller Ruhe. Dabei lässt sie sich immer wieder in die Karten sehen, man meint schon vorauszuahnen, was passieren wird, aber schlußendlich ist es dann immer doch ein wenig anders als gedacht. Fast gemächlich entfaltet sich das Szenario, größtenteils beschrieben von Klein-Joe, der, man merkt es zügig, nicht die hellste Kerze am Baum ist. Während jener noch unsicher durch die Lande tappst, sieht der Leser das Unheil schon kommen, langsam und unaufhaltsam. Barbara Vine läßt sich Zeit. Zeit für ihre Figuren und deren Geschichte, Zeit für den Handlungsverlauf, Zeit für die Beschreibung der Spielorte. Das ist heute so nicht mehr üblich. Aber zum einen ist der Roman von 1990, also fast dreißig Jahre alt, damals liefen die Uhren irgendwie noch langsamer, und zum anderen schreibt sie so gekonnt und elegant, dass man einen schnelleren Handlungsverlauf gar nicht vermisst. Fast bin ich geneigt, in diesem Falle von „herrlich altmodisch“ zu sprechen. Denn ich schätze diese unblutige Eleganz, die Fähigkeit, bedrohliche Situationen subtil und ohne Kettensäge aufzubauen sehr. Ich möchte mich nach dem Lesen nämlich gar nicht alptraumgeplagt im Bett wälzen, mir reicht der leichte Schauer und die Gänsehaut während der Lektüre völlig aus.
Ein wenig lebendigere Charaktere hätte ich mir gewünscht und einen etwas glaubhafteren Schluß, aber insgesamt habe ich diesen Roman mit Vergnügen gelesen.

Ich danke dem Diogenes Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Das Gespenst aus dem Hause Indebetou

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1793
Niklas Natt och Dag
Aus dem Schwedischen von Leena Flegler
erschienen am 01.03.2019 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-06131-5

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„Ein wilder und ungewöhnlicher Mix, der das ganze Krimigenre revolutioniert.“ So äußert sich laut Buchrückseite der Schriftsteller Arne Dahl zu diesem Roman. Ganz soweit würde ich nicht gehen, aber „1793“ gehört definitiv zum Besten, was ich an historischen Kriminalromanen bisher gelesen habe.
Dunkle Zeiten sind es, die Niklas Natt och Dag da ins Leben zurückruft. Die französische Revolution droht auch nach Schweden überzugreifen, der Thron ist umstritten, die Rechtsprechung willkürlich. Die Reichen sind sehr reich, die Armen bitterarm. Stockholm riecht in weiten Teilen nach Kloake, ein Menschenleben hat nicht viel Wert. In diesen Zeiten erregt eine Leiche recht wenig Aufsehen. Die eine aber, die diesen Roman in Gang bringt, ist so verstümmelt, dass doch zwei Menschen sich berufen fühlen, nach dem Mörder zu suchen: der an Tuberkulose im Endstadium erkrankte Jurist Cecil Winge und der einarmige Ex-Matrose Mickel Cardell. Dieses ungleiche Duo ergänzt sich erstaunlich gut, leider wird Winges Zustand keine Fortsetzungen zulassen.
Es ist nicht leicht zu lesen, was Winge und Cardell im Laufe ihrer Ermittlungen zu Tage bringen. Brutal ist der Roman, detailgenau und düster. Darin erinnert er mich an die Reihe um den französischen Kommissar Le Floch, die durchaus einen ähnlichen Aufbau hat und auch durch Detailtreue und historische Genauigkeit beeindruckt. Zudem ermittelt Le Floch in vergleichbaren Zeiten, nämlich kurz vor der Revolution in Frankreich.
Was diesen Roman für mich so außergewöhnlich macht, sind allerdings nicht der Mordfall und seine Grausamkeiten. Es ist die Zeit, die sich Natt och Dag für die Entwicklung seiner Charaktere läßt. Wir erfahren, wo sie herkommen, was sie umtreibt, wovon sie träumen oder was sie sich erhoffen. Und es gelingt ihm, den Roman dadurch spannender zu machen statt langatmiger. Im Grunde erleben wir eine Führung durch das Stockholm des Jahres 1793, durch Weinstuben und Gerichtssäle, vom Spinnhaus bis zum Adelsgut. Der Mord dient dabei streckenweise als roter Faden, der alles zusammenhält. Eine solche Konstruktion ist durchaus gewagt, aber in diesem Falle mehr als gelungen. Es ist also gar nicht genau zu sagen, was man da eigentlich liest, einen historischen Roman oder einen Krimi. Im Grunde ist das aber gleichgültig, wenn es denn so hervorragend geschrieben ist wie „1793“.

Ich danke dem Piper Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen zu diesem Roman:

literaturwerkstatt-kreativ/blog https://literaturwerkstattkreativblog.wordpress.com/2019/03/10/1793-von-niklas-natt-och-dag/
zeilenliebe https://zeilenliebe.com/2019/03/01/1793/

Arg betulich

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Mord auf Selchester Castle
Elizabeth Edmondson
Aus dem Englischen von Peter Beyer
erschienen am 18.02.2019 im Goldmann Verlag
ISBN 978-3-442-48824-7

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Ich habe ja nun schon diverse Male erwähnt, dass ich gerne britische Krimis lese. Bei mir muss es durchaus nicht blutig sein, solange das Buch charmant, gerne ein wenig verschroben, aber logisch aufgebaut ist. Eben passend zu Kamin, Gummistiefeln und Hochmoor. Oder Scones, Tee und Hochadel. Ich scheue da kein Klischee…
Der Vorgänger dieses Romans, „Der Tote in der Kapelle“, entsprach dem weitestgehend. Schauplatz ist eine alte Burg und das dazugehörige Dorf. Es gibt ein ansprechendes Ermittlerduo, eine Teestube, einen Buchladen und einen verschwundenen Earl. Wunderbar zum Schmökern und Entspannen.
Der zweite Band nun baut auf dem ersten auf. Wobei das schon fast übertrieben formuliert ist. Sagen wir besser, der zweite Band spielt im gleichen Setting. Allerdings gibt es kaum Besuche im Dorf und somit auch keine putzigen Dorfbewohner, fehlt das Knistern zwischen den beiden Hauptpersonen Hugo und Freya zur Gänze, wirkt es ein wenig so, als wären der Autorin die Ideen ausgegangen. Kurz, die Handlung stagniert. Zwar wurde ein Nachfolge-Earl aus dem Hut gezaubert, ein Amerikaner gar, aber das Potential, das ein waschechter Amerikaner im traditionell-dörflichen Britannien geboten hätte, das wurde nicht andeutungsweise ausgeschöpft. Man überlege sich nur, welche schönen Szenen sich da auf der kalten, uralten Burg seiner Vorfahren hätten ergeben können. Stattdessen gibt es ein paar halbgare Mordversuche, denen der gute Mann mühelos entrinnt bzw die er kaum wahr nimmt. Wenn man auf mich mit einer Armbrust schießen würde, würde ich danach übrigens nicht entspannt durchs Dorf tapsen. Aber ich bin ja auch kein Earl.
Nein, dieser zweite Band war selbst mir zu spannunglos. Da helfen auch keine Spielchen mit alten elektrischen Leitungen im Wintergarten. Da hätte nur noch ein erzählerischer Blitzschlag helfen können, aber der blieb leider aus.

Weitere Besprechungen:

Esthers Bücher https://esthersbuecher.wordpress.com/2019/02/24/elizabeth-edmondson-mord-auf-selchester-castle/

Richter Di

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Der Wandschirm aus rotem Lack
Robert van Gulik
Deutsch von Gretel und Kurt Kuhn
erschienen 1990 im Diogenes Verlag

Vor ein paar Tagen habe ich ja schon die historische Krimireihe um den mittelalterlichen Mönch Cadfael vorgestellt. Jetzt möchte ich noch weiter in der Zeit zurückgehen und zwar in das China der Tang-Dynastie. Dort läßt der niederländische Schriftsteller und Sinologe van Gulik nämlich seinen Richter Di ermitteln, d.h. zwischen 650 und 700. Jeder der 14 Bände enthält drei miteinander verschränkte Fälle, die Di durch Besonnenheit, Klugheit und Kombinationsgabe löst. In dem oben abgebildeten Roman z.B. geht es um den Tod einer Kanzlersgattin, den vermeintlichen Selbstmord eines Seidenhändlers und veruntreute Rechnungen.
Spannend sind nicht nur die Fälle selbst, sondern natürlich auch das Umfeld. Da Di in allen Gesellschaftsschichten recherchiert, erhält man fast nebenbei einen Einblick in das Leben zu der Zeit, von angesehenen Oberhäuptern bis hin zu Dieben und Prostituierten. Außerdem durchläuft Di in den Bänden die Stationen der damaligen Beamtenlaufbahn. Er startet als Bezirksbeamter und endet als Präsident des obersten Gerichtshofes. Van Gulik beschreibt sehr lebendig auch die jeweiligen mit den Ämtern verbundenen Aufgaben.
Begleitet wird Di von vier Helfern, einem Diener, den er von seinem Vater übernommen hat, einem früheren Betrüger und Falschspieler und zwei Brüdern, die ehemals die ehrenvolle Tätigkeit des Straßenräubers innehatten. Sie kennen sich in ihrem jeweiligen Gebiet gut aus, haben Kontakte oder dienen, im Falle der Brüder, bisweilen auch als Leibwache.
Leider ist diese ungewöhnliche Krimireihe nur noch antiquarisch erhältlich. Es lohnt aber trotzdem nach den Bänden Ausschau zu halten und mit ihnen eine Reise ins Alte China zu unternehmen.

Bruder Cadfael

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Das Licht auf der Straße nach Woodstock

Ellis Peters

aus dem Englischen von Jürgen Langowski

erschienen 1996 im Heyne Verlag

 

Es ist mal wieder Zeit für Fundstücke im Bücherregal. Wobei das diesmal kein richtiger Fund war, weil ich ja weiß, dass ich Cadfael-Romane dort habe. Aber sie sind im Buchhandel vergriffen, was ich äußerst schade finde.
Bruder Cadfael ist ein Mönch, der zwischen 1120 und 1145, in der Benediktinerabtei Shrewsbury in England, Kriminalfälle löst. In diesem Band erfahren wir, wie es dazu kommt, dass der Krieger Cadfael das Schwert niederlegt, um die Kutte zu wählen. Dabei löst er natürlich gleich seinen ersten Fall und hat sozusagen seine Berufung gefunden. Es ist eine aufregende Zeit, in der er da lebt. Der Thron ist heiß umkämpft. Hunger, Armut und Seuchen bedrücken die Menschen, von denen viele in Leibeigenschaft leben.
20 Bände hat Ellis Peters von 1977 bis 1994 ihrem kämpferischen Mönch gewidmet, der bei Unrecht nicht ruhen kann, bis er den Schuldigen gefunden hat, unabhängig von dessen Stand und Macht. Gut recherchiert, kommt die Reihe mit wenig Blut aus, vielmehr wird die mittelalterliche Abtei und der dazugehörende Ort Shrewsbury zu neuem Leben erweckt. Dank Cadfaels Heilertätigkeiten erfährt man auch viel über Kräuter und Tinkturen, die zu der Zeit genutzt werden.
In den Neunzigern wurde die Reihe mit Sir Derek Jacobi verfilmt. Ich mag die Serie, auch wenn sie natürlich heutigen Verfilmungsansprüchen nicht mehr gerecht wird.
Im Grunde liegt da ein kleiner, inzwischen nahezu unbekannter Schatz, den man wieder auflegen und ganz sicher auch spannend neu verfilmen könnte.

Cormoran Strike

Weisser Tod von Robert Galbraith

Weisser Tod

Robert Galbraith

Deutsch von Wulf Bergner, Christoph Göhler und Kristof Kurz

erschienen am27.Dezember 2018 im Blanvalet Verlag

ISBN 978-3-7645-0698-8

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Ich hatte ja so meine Zweifel. Und ich konnte sie verstehen. Joanne K. Rowling meine ich. Ich mag die Harry Potter-Bände, wirklich. Ich finde sie unglaublich phantasievoll, lebendig und hervorragend geschrieben. Aber der Hype darum geht mir nun schon seit geraumer Zeit auf den Nerv.
Als ich dann las, Frau Rowling hätte nun unter dem Pseudonym Robert Galbraith einen Krimi verfasst, dachte ich zuerst etwas eher unfreundliches, etwas in Richtung „auch das noch“. Und fast im selben Augenblick dachte ich, was soll sie auch sonst machen, damit die Leute ihre weiteren Bücher lesen ohne zu vergleichen? Da das Pseudonym ja aber schneller gelüftet war als man „Cormoran Strike“ sagen kann, war es eigentlich auch für die Katz. Oder eine Werbemasche, dann war es erfolgreich. Nichtsdestotrotz hätte ich über all diesen Überlegungen fast vergessen, dass Frau Rowling eines wirklich gut kann, nämlich spannende Geschichten erzählen. Und als mir das wieder einfiel, griff ich zum Buch…
Inzwischen habe ich gerade den vierten Band der Reihe gelesen. Und warte seitdem sehnsüchtig auf den fünften (nicht lachen!). Die Reihe um den Privatdetektiv Cormoran Strike und seine Assistentin Robin Ellacott ist ebenso spannend wie charmant. Besonders beeindruckend finde ich dabei, dass Frau Rowling eigentlich ausschließlich mit altbekannten Versatzstücken arbeitet: der eigenbrötlerische Privatdetektiv, seine attraktive rothaarige Partnerin, die Frage, ob sie nun ein Paar werden oder nicht. Obwohl man das alles kennt, hundertemal woanders gelesen hat, ist es keine Sekunde langweilig. Es sind Details, die den Unterschied machen: Strikes Beinprothese, die eben nicht irgendwie cool ist, sondern bei Belastung schmerzt, Robins Panikattacken, seit sie fast Opfer eines Serienmörders geworden wäre, Geldsorgen, seltsame Klienten – lebendige Charaktere eben und trotz der Schablonenhaftigkeit nicht hölzern. Ein modernisierte Version des klassischen Krimis, nahe an Elizabeth Georges Stil.
Auch, wenn die einzelnen Bände bzw Fälle abgeschlossen sind, würde ich chronologisches Lesen empfehlen, denn die Entwicklung des beständigen Personals ist fortlaufend und der Einstieg in den 4.Band z.B. wird leichter, wenn man weiß, was Strike dazu bringen konnte, unangemeldet in Robins Hochzeit zu platzen.
Wenn man also gut geschriebene Krimis mag, die nicht zielgerichtet kurz und knapp der Lösung zustreben, sondern ausufernd (ca 860 Seiten) den Fall von jeder möglichen Seite betrachten, die genug Raum haben für Privatbesuche bei den Ermittlern und ihrem Umfeld, dann dürfte man an dieser Reihe seinen Spass haben.
Da bisher jeder Band dicker war als der vorhergehende, bin ich übrigens sehr gespannt, welche Seitenzahl uns im fünften Band erwartet. Aber das nur am Rande…