Frühling, Sommer und Herbst

37897179_1919543261424773_4515388870216384512_n

Die dunkle Blume

John Galsworthy

Aus dem Englischen von Christiane Agricola

erschienen 1986 im Gustav Kiepenheuer Verlag

 

John Galsworthy, 1867-1933, Nobelpreisträger. Wenn man ihn hierzulande noch kennt, dann wahrscheinlich, weil er Autor der „Forsyte Saga“ ist, eines Epos über Aufstieg und Niedergang einer englischen Familie.
„Die dunkle Blume“ ist eines seiner unbekannteren Werke. Es erzählt über Frühling, Sommer und Herbst im Leben des Künstlers Mark Lennan: die erste Liebe, die große Liebe und die letzte Liebe. Als junger Mann verliebt sich Lennan in Anna, die Frau seines Mentors. Eine schnell aufflackernde Leidenschaft, die ebenso schnell verlischt. Jahre später trifft er auf Olive, die leider schon verheiratet ist. Ein Kampf zwischen Liebhaber und Ehemann fordert ein schreckliches Opfer. Und im Herbst seines Lebens trifft Lennan, inzwischen selbst verheiratet, auf die deutlich jüngere Tochter eines alten Bekannten und muss sich der Frage stellen, ob ein neuer Anfang für ihn noch möglich ist.

Ein feinsinnig geschriebenes Buch über das Leben und seinen mäandernden Verlauf, mit wunderbaren Landschaftsbeschreibungen. Außerdem eine Gesellschaftsstudie des Lebens im viktorianischen Zeitalter mit all seiner Enge und Fremdbestimmtheit.
Galsworthy hat wohl durchaus eigene Erlebnisse und Erfahrungen einfließen lassen und seine Charakere teilweise an reale Personen angelehnt. So ähnelt Olive wohl seiner späteren Frau Ada, die zum Zeitpunkt des Kennenlernens noch mit Galsworthys Vetter verheiratet war.

Es ist bedauerlich, dass Galsworthy nicht (mehr) bekannter ist. Denn es lohnt sich definitiv auch heute noch seine wohl komponierten Werke zu lesen und neu zu entdecken. Vielleicht wäre es ja auch an der Zeit, eine Neuauflage zu wagen? Oder gibt es sie schon und ich weiß es nur nicht? Wünschenswert wäre es ja…

Ein sprachlicher Wirbelsturm

Chita von Lafcadio Hearn

Chita

Lafcadio Hearn

Aus dem Englischen von Alexander Pechmann

erschienen im btb Verlag

ISBN 978-3-442-71624-1

bestellen

 

Ich hatte eine vage Erinnerung an den Autor Lafcadio Hearn, als ich diesen Roman in den Vorschauen entdeckte. Eine meiner Jugendlieben studierte Japanologie und damals habe ich alles über Japan gelesen, was ich finden konnte. Erst, um den jungen Mann zu beeindrucken, später dann, weil mich das Thema tatsächlich interessierte. Dabei stolpert man zwangsläufig irgendwann über Hearn, der sich mit Land und Leuten sehr beschäftigt hat und auch eine Japanerin heiratete. Überhaupt scheint dieser Autor ein ziemlich spannendes, wenn auch sicherlich nicht einfaches Leben geführt zu haben, ein reisereiches Leben.
Und so hat er auch eine Zeit lang in New Orleans gelebt, wo er diesen Roman verfasste, der 1889 erschien. Er beruht wohl in Teilen auf wahren Begebenheiten und erzählt die Geschichte eines Mädchens, das während eines gewaltigen Sturmes von einem Fischer gerettet wird und bei ihm und seiner Frau aufwächst.
Mehr nicht? Nein, tatsächlich nicht wesentlich mehr. Das Büchlein ist schmal, der Roman nicht allzu umfangreich. Aber wie diese Geschichte erzählt wird, das ist groß, sprachgewaltig, wortmächtig. Hearn malt mit Worten, zeichnet die Natur nach, die Gewalt eines Wirbelsturms, die Farben des Meeres, beschreibt Stimmungen äußerst genau, läßt das Bayou, die Flussmündung des Mississippi und die vorgelagerten Inseln vor den Augen des Lesers entstehen, erschafft mit wenigen Strichen eigenständige Charaktere und führt dabei noch in die Eigenarten dieses Landstrichs ein. Und das alles auf 117 Seiten. Gedrängt, getrieben, übersprudelnd und doch nie den roten Faden verlierend. Ein wirklich beeindruckendes Buch, das einen die Frage stellen läßt, warum Hearn eigentlich nicht bekannter ist?
Dem btb Verlag sei Dank gesagt für diese sorgsame und bedachte Ausgabe. Hearn setzt die Dialekte und sprachlichen Besonderheiten der Gegend ein, um sein Bild lebendiger zu machen und daher war ich recht froh über die Anmerkungen, die ebendiese übersetzt und erklärt haben. Auch das informative Nachwort Alexander Pechmanns hilft recht gut, den Autor und sein Werk einzusortieren. Und nun hoffe ich natürlich, dass weitere Romane aus der Feder dieses Autors in der nächsten Zeit, ähnlich liebevoll bearbeitet, erscheinen. Und diesem Buch wünsche ich viele Leser, die sich wie ich an der besonderen Sprache erfreuen können.

Ich danke dem btb Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Heißgeliebter Jeeves

17741

Ehrensache, Jeeves!

P.G. Wodehouse

Aus dem Englischen von Thomas Schlachter

erschienen 2018 im Insel Verlag

ISBN 978-3-458-17741-8

bestellen

 

Manchmal hat man so gänzlich unerfüllbare Wünsche. Wünsche, die nie, nie, niemals in Erfüllung gehen können, egal, wie schön man sich das auch ausmalt. Ich möchte einen Jeeves. Bitte nicht falsch verstehen, ich sehne mich keineswegs nach einem Butler oder Kammerdiener, nein, ich möchte einen Jeeves. Ausschließlich.
Ich bin den Romanen um diesen Genialsten seiner Zunft gänzlich verfallen. So schwarz kann kein Tag gewesen sein, dass mich nicht schon die ersten Sätze in haltloses Kichern verfallen lassen. Und ich bin somit dem Insel Verlag unendlich dankbar, für die wunderschönen Ausgaben, so elegant wie britisch, die derzeit herausgegeben werden.
„Ehrensache, Jeeves!“ ist nun schon der zweite Band. Der arme Bertie Wooster kämpft sowohl mit der holden Weiblichkeit als auch mit der Familie, versucht der Heirat mit einem blonden Naivchen zu entgehen, wird genötigt, ein silbernes Kuhkännchen zu stehlen und landet aufgrund falscher Verdächtigungen und diverser Intrigen ringsum beinahe hinter schwedischen Gardinen. Retter in der Not ist natürlich sein Kammerdiener und Butler Jeeves, der für jedes Problem im Handumdrehen eine geschickte Lösung findet. Was bei dem Talent, mit dem Wooster zielgenau jedes Fettnäpfchen mitnimmt, wahrhaftig keine leichte Aufgabe ist.

P.G.Wodehouse ist ein phantastischer Schriftsteller. Einer, den man wegen seiner humorigen Bücher nicht unterschätzen darf. Die Präzision seiner Pointen, die Frische des Textes, dem man seine achtzig Jahre definitiv nicht anmerkt, die geschliffenen Sätze machen ihn zu einem der großen britischen Autoren. Seine Werke sind Allgemeingut, jeder in England kennt Bertie Wooster, Gussie Fink-Nottle oder Stiffie Byng.
Ähnlich wie Evelyn Waugh nimmt Wodehouse die Eigenarten der englischen Oberschicht aufs Korn, aber ohne dessen Bissigkeit und Zynismus. Wodehouses Blick ist liebevoller, menschlicher, humorvoller.

Eine kongeniale Verfilmung der Bücher gibt es übrigens auch, wenn auch schon älter. Mit Stephen Fry als Jeeves und Hugh Laurie als Wooster ist die Serie hochkarätig und überaus passend besetzt. So gut besetzt sogar, dass mir beim Lesen genau die Beiden vor Augen standen. Wer das Lesevergnügen also filmisch erweitern möchte, dem sei die Serie ans Herz gelegt.

Ich für meinen Teil hoffe nun ganz stark, dass der Insel Verlag seine Jeeves- Reihe fortführt und gelobe hiermit, mir jeden weiteren erscheinenden Band zuzulegen. Bücher, die zu jeder Zeit Licht und Lachen ins Leben bringen können, gibt es nicht allzuviele und auf dem Niveau noch weniger.

Und wenn ich einen Wunsch frei hätte…siehe oben.

Ich danke dem Insel Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Theater, das Tor zur Welt

 

Wilhelm Meisters Lehrjahre

Johann Wolfgang Goethe

erschienen 1977 in der Reihe dtv weltliteratur

 

In den letzten Tagen war es recht ruhig auf meinem Blog – und hier präsentiere ich den Grund dafür. Neben dem phantastischen Wetter und der damit einhergehenden Gartenarbeit hat auch der liebe Wilhelm mich vom Schreiben abgehalten. Wenn man nämlich vergißt, dass es sich um Weltliteratur, einen Bildungsroman und hehre Kunst handelt, dann liest man den Prototyp der Soap Opera schlechthin.

Ein junger Kaufmannssohn interessiert sich brennend für das Theater und verliebt sich folgerichtig in eine Schauspielerin. Zerschmettert von ihrer vermeintlichen Untreue, beginnt er im Kontor seines Vaters zu arbeiten, der ihn kurz darauf auf eine Geschäftsreise schickt. Unterwegs trifft Wilhelm erneut auf Schausteller und zieht bald mit ihnen durch die Lande…

Der Roman ist prall gefühlt mit schönen Damen unterschiedlicher Natur, mit Baronen und Grafen, mit höfischer Pracht und Schaustellerelend. Es gibt Kämpfe, Entführungen, Ver- und Entlobungen, einen Harfenspieler und die Turmgesellschaft. Wilhelmen ist gewiss kein Kostverächter und Goethe nimmt kein Blatt vor den Mund.

Über die genaue Interpretation mögen sich die Literaturwissenschaftler die Köpfe heiß reden, die war ja schon zu des Autors Zeiten umstritten, für mich liest sich das Ganze wie ein Schelmen- und Reiseroman mit einer gehörigen Portion Augenzwinkern. Wie sich die Handlung beständig ver- und entwickelt, schon fast vergessene Personen plötzlich den Raum betreten, eine bedeutende Rede halten oder ein Rätsel lösen, und kurz danach auch wieder in der Versenkung verschwinden, das kann einfach nicht durchweg ernst gemeint sein, nein, auch nicht 1795/96. Überhaupt, diese Unmenge an Personal, verteilt über acht Bücher, da hat Goethe mit Sicherheit seinen Spass gehabt. Der Theatermensch gibt tiefen Einblick in die Welt des Schauspiels zu seiner Zeit, den Traum von einem deutschen Nationaltheater, von durchgearbeiteten Interpretationen, aber auch in das Leben weitgehend talentfreier Überlandtruppen, die mühsam sich Essen und Schlafplatz erspielen müssen. Da hat der mit ausreichend Geld versehene Wilhelm bisweilen gut reden, da ist sich jeder selbst der nächste.

Und da es im Roman unter anderem auch um eine Aufführung von Shakespeares „Hamlet“ geht und ja im Moment das Hogarth Shakespeare Project läuft, wo namhafte Schriftsteller Shakespeares Stücke neu interpretieren: eine solche Neuinterpretation von den Lehrjahren könnte auch ein spannendes Unterfangen sein. Womit wir bei der anfangs erwähnten Soap Opera wären, heutige Drehbuchschreiber müssten ihre helle Freude an dieser Vorlage haben, wie es da knistert und munkelt und tuschelt und kungelt, wie die Damen und Herren „Bäumchen, wechsel Dich“ spielen, mal die eine lieben, mal den anderen. Vielleicht würde so ein Projekt auch unseren Klassikern zu mehr Aufmerksamkeit verhelfen und zu der Feststellung, dass der „olle“ Goethe so verstaubt gar nicht ist…

Kiss me, Kate!

Die stoerrische Braut von Anne Tyler

Die störrische Braut

Anne Tyler

Aus dem Englischen von Sabine Schwenk

erschienen als TB 2018 im Penguin Verlag

ISBN 978-3-328-10181-9

bestellen*

 

Ein weiterer Band aus dem Hogarth Shakespeare Project hat den Weg zu mir gefunden, und zwar Anne Tylers Version von „Der Widerspenstigen Zähmung“.
Für die, die noch nicht davon gehört haben: acht namhafte Autoren interpretieren innerhalb des Projekts ein Stück Shakespeares neu. So widmet sich beispielsweise Edward St Aubyn König Lear oder Margaret Atwood dem Sturm. Jede Interpretation bisher war auf ihre Art spannend, obwohl sie unterschiedlicher nicht sein könnten.
„Die störrische Braut“ ist dabei sicherlich die heiterste Version eines Shakespeare-Stückes. Das Buch liest sich wie eine luftige Sommerliebesgeschichte mit leicht verschrobenem Personal.

Kate und ihre Schwester Bunny wachsen nach dem Tod ihrer Mutter bei ihrem Vater auf, einem nur in der Arbeit aufgehenden Wissenschaftler. Kate führt den Haushalt, erzieht ihre jüngere Schwester und arbeitet zusätzlich noch in einem Kindergarten. Ihr Leben fließt in den ewig gleichen Bahnen dahin, bis ihr Vater auf die Idee kommt, sie mit seinem russischen Mitarbeiter Pjotr verheiraten zu wollen, weil dessen Visum ausläuft. Im Grunde eine Zumutung, und Kate weigert sich strikt. Dummerweise findet sie Pjotr eigentlich immer anziehender…

Ich muss gestehen, ich kenne keine weiteren Bücher von Anne Tyler, obwohl sie zu den bekanntesten amerikanischen Schriftstellerinnen zählt. In diesem Falle ist ihr eine fröhliche und locker-flockige Umsetzung des Stoffes gelungen, mit diversen Anspielungen auf das Musical „Kiss me, Kate“ von Cole Porter. Ihre Charaktere hat sie liebevoll mit sehr eigenen Zügen ausstaffiert und ihr „Fleischpapp“ wird mir noch lange mit Schaudern in Erinnerung bleiben.
Kate wandelt sich zusehends von der leicht verbiesterten, einsamen Jungfer zur liebenden, fürsorglichen Ehefrau. Das ist vergnüglich zu lesen, aber ist es auch zeitgemäß? Natürlich kann man von einem Shakespeare-Stück keine modernen Ansichten erwarten, und der Komödiencharakter entsteht ja durch die Wandlung der widerspenstigen Katharina, aber die originale Zähmung sieht man meistens in ihrem zeitlichen Kontext. Hier handelt es sich um eine Neuinterpretation und da wäre es sicherlich erlaubt gewesen, jahrhundertealte Wertvorstellungen in Frage zu stellen oder zumindest ironisch zu brechen. In Ansätzen ist das sicherlich vorhanden, wenn zum Beispiel zum Schluß das gleichberechtigt arbeitende Ehepaar gezeigt wird. (Ich denke, ich verrate hier nicht zuviel, das Ende von „Der Widerspenstigen Zähmung“ ist ja schon länger kein Geheimnis mehr.) Aber ich hätte mir davon durchaus mehr gewünscht.
So ist „Die störrische Braut“ eine leichte, in Teilen sogar seichte Liebeskomödie mit wenig Tiefgang geworden, ohne das Original großartig zu hinterfragen. Aber es reicht bei diesem Stück eben nicht, nur das Kleid gegen eine Jeans zu tauschen. Mir zumindest nicht.

Ich danke dem Penguin Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

Weitere Meinungen zu diesem Buch:

BritLitScout https://britlitscout.wordpress.com/2017/08/04/the-hogarth-shakespeare-project-i/
schiefgelesen https://schiefgelesen.net/2017/07/08/shakespeare-the-taming-of-the-shrew-anne-tyler-vinegar-girl/
Literaturlese https://literaturlese.wordpress.com/2017/05/19/anne-tyler-die-stoerrische-braut/
Lillis Buchseite https://lillisbuchseite.wordpress.com/2017/02/01/rezension-zu-die-stoerrische-braut-von-anne-tyler/

A dance to the music of time

9783423145947

Eine Frage der Erziehung

Anthony Powell

Aus dem Englischen von Heinz Feldmann

erschienen 2017 im dtv Verlag

ISBN 978-3-423-14594-7

bestellen *

 

„Eine Frage der Erziehung“ ist der erste Band der zwölfbändigen Reihe „Ein Tanz zur Musik der Zeit“ des englischen Schriftstellers Anthony Hopkins. Darin wird die englische Gesellschaft und ihr Wandel vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zum Ende der Sechziger Jahre sehr detailgetreu und umfassend beschrieben.
Der erste Band nun beginnt 1921 in einem britischen Internat. Wir beobachten Nick Jenkins, dessen Leben in dem Zyklus erzählt wird, und seine Freunde Charles Stringham und Peter Templer beim traditionellen Tee, bei Verwandtenbesuchen, im Umgang mit dem Lehrpersonal. Sofort stolpert man über offensichtliche Eigentümlichkeiten britischen Internatswesens, darüber, dass es akzeptierte Arten des Benehmens und selbst des „Über die Stränge Schlagens“ gibt und unakzeptable. Den Unterschied kennt man – oder verrät sogleich die Nichtzugehörigkeit zu entsprechenden Gesellschaftsschichten.
Im weiteren Verlauf begleiten wir Jenkins zu einem Sprachaufenthalt nach Frankreich, bei den ersten Schritten auf der Universität und erleben seine ersten Verliebtheiten. Im Grunde passiert nicht viel. Jenkins berichtet über seine Erlebnisse, teilt seine Gedanken dazu und öffnet dabei ganz nebenbei und im Plaudertone die Tore zu einer verlorenen Welt.
Ich glaube, man muss diese Art des Schreibens mögen. Es ist wie mit Koriander, entweder man liebt ihn oder man findet ihn seifenartig im Geschmack, dazwischen gibt es nichts. Hier ist es wohl ebenso. Ich kenne diverse Stimmen, die dem Buch gepflegte Langeweile vorwerfen, denen Handlung fehlt, Spannung, Ereignisse. Ich habe diesen ersten Band geliebt und fast ohne Unterbrechung gelesen, wollte und konnte mich nicht trennen von diesem anderen Leben, diesem durchaus auch ereignislosen Alltag in einer mir eher fremden Gesellschaft, diesem Blick auf Personen und die Gründe ihres Verhaltens. Und ich freue mich darüber, dass ja nun noch elf weitere Bände auf mich warten, sofern dem Verlag nicht zwischendrin die Puste ausgeht, was ich mir gar nicht ausdenken mag. Zwei weitere Bände sind schon erschienen, zwei werden demnächst erscheinen. Sollte also in nächster Zeit hier Stille herrschen, dann tanze ich zur Musik der Zeit.

 

Weitere Rezensionen zu diesem Buch:

Blog des Bücherladens Appenzell https://buecherladenappenzell.wordpress.com/2018/01/05/eine-frage-der-erziehung/

Curt Goetz

Wer kennt ihn noch, Curt Goetz, einst einer der besten deutschen Komödienschreiber? Seine Stücke wurden unzählige Male auf Theaterbühnen gespielt und auch verfilmt, u.a. mit Willy Fritsch, Gustav Gründgens, Laurence Olivier, Cary Grant, Elisabeth Flickenschildt, Walter Giller, Dietmar Schönherr… Die Liste ist lang und hochkarätig.

Goetz wird 1888 als Sohn eines Kaufmanns in Binningen, in der Schweiz geboren, wächst allerdings nach dem frühen Tod des Vaters im Heimatort der Mutter, Halle an der Saale, auf. Seine künstlerische Begabung wird gefördert, 1907 hat er sein Bühnendebüt in Rostock. 1911 geht er nach Berlin und beginnt dort, Boulevardtheaterstücke zu schreiben, wenig später auch Drehbücher für Stummfilme.
1923 heiratet er in zweiter Ehe die Schauspielerin Valerie von Mertens, fortan seine „geliebte Ehefrau“. 1939 geht das Paar nach Hollywood, um mehr über das dortige Filmwesen zu lernen, wird vom Zweiten Weltkrieg überrascht und bleibt. Zunächst bei MGM unter Vertrag, gefällt Goetz die amerikanische Filmindustrie wenig. Stattdessen kauft er sich eine Hühnerfarm und beginnt zu züchten.
Nach dem Krieg zieht das Ehepaar in die Schweiz, wo Goetz 1960 verstirbt.

In dieser ganzen Zeit verfasst Goetz diverse Theaterstücke, die Novelle „Tatjana“, den Roman „Die Tote von Beverly Hills“, Drehbücher und seine Memoiren – ein Vielschreiber auf hohem Niveau. Am Bekanntesten sind sicherlich seine Stücke „Das Haus in Montevideo“ über eine fatale Erbschaft und „Dr. med. Hiob Prätorius“ über einen Arzt, der eigene Wege geht.

Goetz‘ Humor ist über der Gürtellinie, dabei aber nicht ohne Tiefgang, sein Stil zu vergleichen mit amerikanischen Screwballkomödien. Die Dialoge sind flüssig, schlagfertig und mit einem Augenzwinkern, das ich bei heutigen Stücken oft vermisse. Auch Goetz wirft bisweilen die berühmte Torte, aber eben nicht im Dauerzustand. Plakative Kalauer sind seine Sache nicht, aber für ein Kichern ist er immer gut.
Vielleicht sind seine Stücke inzwischen tatsächlich ein wenig angestaubt, aber mit ein wenig Pusten und Wedeln entdeckt man echte Juwelen deutschen Boulevardtheaters.

29390973_1757265727652528_1834228813_o

In meinem Bücherschrank findet sich diese Ausgabe seiner Gesammelten Bühnenwerke, erschienen 1952 in der Verlagsbuchhandlung F.A. Herbig. Es fehlen naturgemäß die nach ’52 geschriebenen Stücke.
Wenn man die Bühnenstücke so nacheinander liest, begleitet man den Autor auch ein wenig in seiner Entwicklung, sieht den Weg, den er vom ersten Stück „Der Lampenschirm“ bis zum bereits erwähnten „Prätorius“ zurückgelegt hat – und stellt fest, dass guter Humor in großen Teilen eben doch kein Alter kennt…

Buchschätze

lieber-daddylonglegs

Lieber Daddy Long Legs

Jean Webster

Aus dem Englischen von Ingo Herzke

erschienen 2017 im Königskinder Verlag

ISBN 978-3-551-56044-5

bestellen

 

Seit ich denken kann, liebe ich Fred Astaire-Filme. Ich kann stundenlang mit glänzenden Augen vor dem Fernseher sitzen und mir eine Tanzszene nach der nächsten ansehen. Und es ist mir normalerweise dabei gänzlich egal, wer seine Tanzpartnerin ist (wobei Ginger Rogers, Cyd Charisse und Rita Hayworth, in genau dieser Reihenfolge, mir durchaus lieber sind als die anderen, egal, wie gut sie tanzen). Und natürlich kenne ich auch „Daddy Long Legs“ und finde den Film ganz wunderbar und das, obwohl die grausliche Leslie Caron die Hauptrolle spielt. Jahaaa, richtig, „grauslich“ – ich mag sie überhaupt gar nicht. Dummerweise spielt sie in ein paar wirklich guten Tanzfilmen mit, man kommt also nicht drumherum. Aber wie gesagt, ich finde „Daddy Long Legs“ ganz wunderbar und das liegt unter anderem an der entzückenden Geschichte.
Irgendwann bin ich in der örtlichen Bücherei über den Roman von Jean Webster gestolpert, der die Vorlage zum Film darstellt, und habe ihn mir damals regelmäßig ausgeliehen. Wahrscheinlich hätte ich ihn auswendig mitsprechen können…
Tja, und dann bin ich erwachsen geworden – eine sehr dumme Idee im Übrigen, die ich inzwischen nach Leibeskräften umzukehren versuche – und habe Film und Buch bestimmt zwanzig Jahre nicht mehr gesehen. Bis…

Bis ich in einer Buchhandlung die wirklich wunderschöne Ausgabe des Königskinder-Verlags entdeckt habe. An der Kasse teilte man mir dann mit, “ es sei aber nur ein Kinderbuch, dafür allerdings ganz nett“. Wer im Zusammenhang mit Kinderbüchern „nur“ benutzt, der hat von der ganzen Sache wenig Ahnung, finde ich, habe aber schweigend bezahlt und meinen Schatz nach Hause getragen.
Selten findet man ein derart liebevoll gestaltetes Buch. Rosen, wo man hinblickt, auf dem Einband, dem Vorsatz, dem Schutzumschlag. Den ziert zusätzlich noch die Silhuette eines Herrn mit Zylinder, dem eine gewisse Ähnlichkeit zu Herrn Astaire nicht abzusprechen ist. Einen Inhalt gibt es auch, und der ist nicht zu vernachlässigen: Jean Webster hat einen federleichten Briefroman über ein junges Waisenmädchen geschrieben, das seinen Weg findet, fröhlich, keck, ehrlich und liebenswürdig. Der Roman zaubert dem Leser blitzschnell ein Lächeln ins Gesicht, obwohl bei genauerer Betrachtung gar nicht alles immer so zum Lächeln ist. Das sind Waisenhäuser nie, und um 1912 noch weniger.

„Lieber Daddy Long Legs“ ist also ein rundherum gelungenes Glücklich-Mach-Buch erster Güte, auch wenn es angeblich „nur“ ein Kinderbuch ist. Ist es genau genommen allerdings keineswegs, sondern ein ausgesprochen charmantes Buch für junge Damen, romantisch, durchaus klug und mit einer wirklich liebenswerten Protagonistin.
So. Und jetzt gehe ich frevelhafterweise fernsehen. Something’s gotta give…

 

Weitere Rezensionen zu diesem Buch:

Buchperlenblog https://buchperlenblog.wordpress.com/2018/01/12/rezension-jean-webster-lieber-daddy-long-legs/
Bücherschmöker https://buecherschmoeker.com/2017/11/10/rezension-lieber-daddy-long-legs-von-jean-webster/
Trallafittibooks https://trallafittibooks.com/2017/10/02/vorstellung-jean-webster-lieber-daddy-long-legs/
Irve liest https://irveliest.wordpress.com/2017/12/10/jean-webster-lieber-daddy-long-legs/

Lady Fox

Dame zu Fuchs von David Garnett

Dame zu Fuchs

David Garnett

übersetzt von Maja Hummitzsch

erschienen 2018 im btb-Verlag

ISBN 978-3-442-71557-2

bestellen

 

Der 1892 geborene David Garnett gehörte zur sogenannten Bloomsbury Group rund um Virginia Woolf, E.M. Forster und einige andere namhafte Autoren, Künstler und Wissenschaftler. Seine Buchhandlung Birrell & Garnett war zeitweise ein beliebter Treffpunkt für die Mitglieder dieses illustren Kreises.
„Dame zu Fuchs“, 1922 erschienen, war Garnetts erster schriftstellerischer Erfolg.

Die Tebricks sind ein frisch verheiratetes Ehepaar und wohnen gerade im ersten gemeinsamen Heim, als Lady Tebrick sich bei einem Spaziergang urplötzlich in eine Füchsin verwandelt.
Naturgemäß bringt eine solche Verwandlung Verwirrungen und Handlungsbedarf mit sich. Geheimhaltungsmaßnahmen werden getroffen, das Personal entlassen und so findet sich der verzweifelte Ehemann allein mit seiner Füchsin wieder, die immer mehr ihren nun tierischen Instinkten nachgibt.

Was man als puren Klamauk hätte inszenieren können, macht Garnett zu einer berührenden Geschichte über die Facetten der Liebe und gesellschaftliche Erwartungen. In urteilsfreiem, leichtem Plauderton erzählt er vom wachsenden Freiheitsdrang der Füchsin, den die Lady niemals offen hätte zeigen dürfen, von Jagdinstinkt und Essmanieren und davon, welche Veränderungen jemand aus Liebe, Einsamkeit und Verzweiflung bereit ist einzugehen, nahezu bis zur Selbstaufgabe.

Die Verwandlung selbst ist nicht der Schwerpunkt des Textes, sondern das, was sie nachfolgend auslöst. Es wird angedeutet, dass es so etwas in der Familie der Lady, gebürtige Fox, schon einmal gegeben haben könnte, beteuert, dass das Erzählte wahr und bewiesen ist und damit sind die Weichen gestellt, um sich auf die Folgen zu konzentrieren. Und die sind beträchtlich. Immer wieder die Frage: kann man jemanden zähmen und auf alte Charaktermerkmale festnageln? Wieviel Veränderung verträgt eine Ehe? Wieviel Freiheit sollte man bereit sein zu geben? Und darf man jemanden schützen, der den Schutz nicht wünscht?

Es freut mich sehr, dass diese feine Erzählung, in der großartigen Übersetzung von Maria Hummitzsch, ihren Weg wieder in die Buchläden findet. Es wäre wahrlich schade gewesen, wäre dieses Kleinod britischer Erzählkunst in Vergessenheit geraten.

Ich danke dem btb-Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

 

Weitere Rezensionen zu diesem Buch findet ihr hier:

Vanessas Bücherecke https://vanessasbuecherecke.wordpress.com/2018/01/09/garnett-david-dame-zu-fuchs/
World of tination https://booksoftination.wordpress.com/2018/01/25/david-garnett-dame-zu-fuchs/

 

Die ewigen Jagdgründe

Pressebild_Tod-in-HollywoodDiogenes-Verlag_72dpi

Tod in Hollywood

Evelyn Waugh

Übersetzung von Andrea Ott

erschienen 2018 im Diogenes Verlag

ISBN 978-3-257-24421-2

bestellen

 

Achtung, dieses Buch ist böse! Es enthält eine geballte Ladung schwarzen Humor aus der spitzen Feder Evelyn Waughs, des Meisters der treffsicheren Pointen und brillanten Formulierungen.

Waugh, der 1947 nach Amerika reiste, um Details zur Verfilmung seines wohl berühmtesten Buches „Wiedersehen in Brideshead“ zu klären, stolperte über den dort üblichen Umgang mit Toten und Beerdigungen. Das inspirierte ihn zu dem Roman „Tod in Hollywood“, wo er mit großem Vergnügen die Kuriositäten des amerikanischen Bestattungswesens unter die Lupe nimmt.

Der bislang in Amerika erfolglose britische Schriftsteller Dennis Barlow arbeitet beim Tierbestatter „Die ewigen Jagdgründe“, um finanziell über die Runden zu kommen. Dort werden mit größtem Aufwand und gemäß den Wünschen ihrer Halter die verstorbenen Lieblinge zurecht gemacht und zur letzten Ruhe gelegt. Großes Vorbild dabei sind „Die elysischen Gefilde“, das entsprechende Pendant aus der Menschenwelt, ein riesiges Gelände mit allen Schikanen, dem perfekten Tod gewidmet. Heerscharen von Meistern ihrer Kunst arbeiten an einer durchinszenierten Aufbahrungschoreographie, vom passenden letzten Gesichtsausdruck (erhaben oder amüsiert schmunzelnd, bei Kindern gerne mit strahlendem Engelslächeln), über ein aufhübschendes Makeup bis zum aufwendig bestickten Totenhemd, vom Mahagonisarg bis zum passend duftenden Blumenarrangement.
Als ein Freund Barlows sich das Leben nimmt, ein ehemals erfolgreicher Drehbuchschreiber, der die Erfolgsleiter abwärts gerutscht ist, um schlußendlich sein Büro von jemand anderem besetzt zu sehen und daraufhin den Strick zu wählen, wird dem jungen Mann die Aufgabe übertragen, sich um die entsprechenden Bestattungsmodalitäten zu kümmern. So kommt er in Kontakt mit der liebreizenden Aimée Thanatogenos, einer Makeup-Artistin in den Diensten der „Elysischen Gefilde“ und…

Nun ja, ich möchte nicht zuviel verraten. Nur so viel: dem verstorbenen Freund Barlows dürfte im Leben nicht halb soviel Aufmerksamkeit zuteil geworden sein wie nach seinem Ableben. Und Evelyn Waugh scheint kein Freund amerikanischer Geflogenheiten gewesen zu sein. Selten schreibt er so bitterböse, lässt er an seinen Protagonisten so wenig gute Haare. Waugh wäre aber nicht Waugh, wenn er nicht trotzdem herrlich amüsante Stellen eingebaut hätte, wenn er nicht Witziges im Geschäft mit dem Tod entdeckt und den Finger darauf gelegt hätte, wenn es nicht ein paar entzückend skurrile und überspitzt dargestellte Charaktere gäbe, die einen böse kichernd zurücklassen.

Ich persönlich liebe die Romane Waughs sehr und ich hoffe, dass dieser Autor, dessen Bücher kein bißchen eingestaubt sind, dessen Sprache auch nach Jahrzehnten noch frisch und spritzig geblieben ist, dass dieser Autor noch lange, lange Zeit seine Leser finden wird.

Ich danke dem Diogenes Verlag sehr herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.