Geschichte eines Hauses

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Gott wohnt im Wedding
Regina Scheer
erschienen am 25. März 2019 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-60016-9

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Um damit zu beginnen, ich habe „Machandel“ leider noch nicht gelesen, den preisgekrönten Debütroman Regina Scheers. Daher kann ich über „besser“ oder „schlechter“ nicht urteilen. Und eigentlich bin ich ganz froh darüber, ohne Erwartungen an diesen Roman gegangen zu sein. Es wäre nämlich immens schade gewesen, wenn er mich auch nur ein Deut weniger berührt hätte, weil ich falsche Vorstellungen im Kopf gehabt hätte.
Das Buch erzählt die Geschichte eines Hauses im Wedding, einem an Geschichten reichen Berliner Stadtteil. 1890 erbaut, steht nun sein Abriss bevor. Zuletzt haben rumänische Wanderarbeiter dort gewohnt, meist Roma, und seit ihrer Geburt 1918 die alte Frau Romberg.
Intensiv und mit offensichtlich viel Hintergrundwissen berichtet Frau Scheer über die Parallelen und Unterschiede im Umgang mit den Juden und den Roma im Dritten Reich. Sie erzählt von U-Booten (untergetauchte Juden, die versuchen den Häschern zu entkommen), von Arbeitslagern, von Schmerz, Verrat und Tod. Sie erzählt von den „Zigeunern“, die vor, während und vor allem auch nach dem Krieg überall unerwünscht sind, von fehlender Anerkennung, mangelndem Schuldbewußtsein der Deutschen und Behördenterror.
Ich habe mich immer für geschichtsbewußt gehalten und dennoch ist mir der Umgang mit den Sinti, den deutschen Roma, nur am Rande bewußt gewesen und schon gar nicht das Ausmaß der Verfolgung.
Das Alles in einen Roman verpackt zu haben, der einerseits spannend geschrieben ist und andererseits die Zusammenhänge verdeutlicht, ist eine Kunst. In dem Berliner Mietshaus treffen Juden, Roma und Deutsche aufeinander, kreuzen sich Lebenswege. Da trifft der alte Leo Lehmann, gerade aus Israel mit seiner Enkelin eingetroffen, auf Gertrud Romberg, die ihn und einen Freund vermutlich an die Gestapo verraten hat. Aber hat sie wirklich? Dort wohnt Laila Fidler, die nicht ahnt, dass ihre Großeltern auch schon genau dieses Haus bewohnt haben. Laila, die in Deutschland aufgewachsen ist, versucht auch den vielen aus Rumänien eingereisten Roma bei den Behördengängen zu helfen. Ihr Stiefvater ist Mitglied einer Organisation, die Sinti und Roma eine Stimme geben möchte.
Der Roman ist sicherlich nicht dafür geeignet, einfach zur Unterhaltung gelesen zu werden. Er ist nicht schwer zu lesen, nein, aber der Inhalt ist bisweilen schwer zu fassen. Und man muss schon bereit sein, mit dem großen Personal zu leben. Man kann eine derart breit gefächerte Geschichte nicht mit drei Personen erzählen. Schließlich wird ein Zeitraum von fast einhundert Jahren abgedeckt.
Und dann, ja, das muss ich noch schreiben, brauchen wir solche Bücher derzeit. Jetzt, wo der Ruck nach Rechts deutlich spürbar wird und die braune Sauce wieder aus allen Abwasserkanälen quillt, sollten wir uns immer und immer wieder bewusst machen, dass wir unsere Geschichte noch lange nicht aufgearbeitet haben. Dass man eben nicht den Deckel auf den Topf setzen und die Geschichte verleugnen oder zu den Akten legen kann. Daher kann ich diesen Roman wirklich nur jedem ans Herz legen.

Ich danke dem Penguin Verlag für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

Kuhle Bücher https://kuhlebuecher.com/2019/04/20/gott-wohnt-im-wedding-von-regina-scheer/
Cascarax https://cascarax.wordpress.com/2019/04/22/viele-geschichten-und-ein-sprechendes-haus-regina-scheers-neuer-roman-gott-wohnt-im-wedding/
Jüdische Allgemeine https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/gehen-oder-bleiben-2/

Aufbaujahre

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Westend
Martin Mosebach
erschienen am 19.02.2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 9678-3-498-00105-6

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Dieser 1992 erstmals erschienene Roman ist schlicht ein großartiges Stück deutscher Literatur in Tradition von Manns „Buddenbrooks“. Über drei Generationen hinweg verfolgt Martin Mosebach das Leben zweier Familien im Frankfurter Westend in der Nachkriegszeit.
Alfred Labonté wächst nach dem Tod seiner Mutter und dem Verschwinden seines Vaters bei seinen Großtanten auf. Die Familie zehrt noch vom Ansehen seines Urgroßvaters, der einen allseits bekannten Kolonialwarenladen führte.
Lily Has dagegen ist die Tochter eines Kunstsammlers und gezwungenermaßen Nutznießers des Familienvermögens, welches seine Mutter in einer Haus- und Grundstücksverwaltung festlegen liess.
Zwei Familien, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten: die Schwestern Labonté, die Wert legen auf Anstand, Manieren und Traditionen, die einen Haushalt führen, in dem nahezu alle Handlungen vorherbestimmt sind und immer noch den Regeln ihres Vaters folgen, stehen im Grunde für das Leben vor dem Krieg. Lilys Vater Eduard dagegen stammt zwar auch aus einer traditionsreichen Familie, wurde aber von seiner Mutter von den Geschäften ferngehalten und hat nun einen Vorstandsposten in der „Verwaltung“, deren wahre Leitung jedoch in den Händen seines Vetters Fred Olenschläger nebst Sekretärin liegt. In dem Versuch, sich freizuschwimmen, beginnt Eduard moderne Kunst zu sammeln und wendet sich überhaupt von allen Familientraditionen ab.
Diese Zusammenfassung ist allerdings nur grob und wird der Vielschichtigkeit des Romans keineswegs gerecht. Denn Mosebach erzählt nicht nur eine Familiengeschichte, nein, er betrachtet aus dem Kleinen das Große, schafft ein Panorama der deutschen Nachkriegszeit aus den Menschenschicksalen, den Veränderungen im Viertel, in der Stadt, in der Welt. Die Zeiten ändern sich, ein Menschenschlag stirbt aus, ein anderer entsteht, Häuser werden abgerissen, eine neue Architektur wird umgesetzt, Beton ist nun á la mode.
Als Kind hatte ich ein Bilderbuch über einen Bauernhof im Wandel der Zeiten. Und ein wenig habe ich mich daran erinnert gefühlt bei der Lektüre. Jede Seite zeigte eine weitere Modernisierung. Die Nachkriegszeit brachte ähnlich rasante Änderungen und nicht alle Menschen konnten ebenso rasant umdenken.
Martin Mosebachs Charakterzeichnungen sind grandios: vom Hausmeister mit obligatorischem Schäferhund über den nur äußerlich weltmännischen Architekten bis zur Geliebten Has‘ mit dem goldenen Haarkranz, alle sind einerseits Individuen mit persönlichen Neigungen und andererseits Stellvertreter ihrer Art.
Hinzu kommen die elegante Sprache, der feine Humor und die Tatsache, dass der Roman trotz seiner fast 900 Seiten keine Sekunde langatmig ist, sondern durchgängig auf seinem hohen Niveau bleibt, mit einem Erzählfluss, wie man ihn nur ganz selten noch erleben darf. Ein sprachliches und erzählerisches Meisterwerk mit einer beeindruckenden stofflichen Dichte!
Wer sich für dieses Kapitel deutscher Geschichte interessiert, abseits von Petticoat und Italiensehnsucht, dafür detailgenau und tiefgehend, der zumindest einen Blick werfen in dieses Buch, dass mir durchgehende Lesefreude bereitet hat.

Ich danke dem Rowohlt Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

Kuhle Bücher https://kuhlebuecher.com/2019/04/08/westend-von-martin-mosebach/

Unweit von Bagdad

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Babel
Kenah Cusanit
erschienen am 28.01.2019 im Hanser Verlag
ISBN 978-3-446-26165-5

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1913. Robert Koldewey leitet die Ausgrabung Babylons und leidet an einer Blinddarmentzündung. Das ist, sehr knapp formuliert, der Inhalt des Debütromans von Kenah Cusanit. Die Altorientalistin legt mit ihrem ersten Roman ein sprachliches Meisterwerk vor. Selten habe ich so sprachverliebte, wohlformulierte Sätze gelesen. Dennoch, der Funke springt nicht über. Schon nach kurzer Zeit habe ich das Gefühl, Cusanit schreibt für einen exklusiven Menschenschlag, den Archäologie studiert habenden Leser. Minutiös breitet sie Koldeweys Handlungen vor uns aus, mit der Geduld, die wohl auch von Nöten ist, will man dem Boden historische Schätze entreissen. Mir wird der Text dadurch jedoch zu langatmig, kurz, er überfordert mich.
Die Überraschung: lautes Vorlesen hilft, den feinen Humor zu erkennen, den Faden zu behalten und mich nicht im Wortgewirr zu verlieren (da gewinnt der Titel noch eine ganz andere Bedeutung). Aber auch mein Mann winkt nach kurzer Zeit ab, dabei ist er deutlich geschichtsinteressierter als ich. Also kämpfe ich einsam weiter, hoffe auf Zugang, scheitere.
Mein Fazit: „Babel“ ist ein unglaublich sprachverliebter Text, fast schon zu durchformuliert. Cusanit schreibt sichtlich nicht für den Leser, sie schreibt eine Gesamtkomposition, in der jedes Wort sorgsam ausgewählt wurde. Und das ist tatsächlich auch der Grund, warum ich nicht aufgegeben habe. In diesem Roman finden sich großartige Sätze, Abschnitte. Da rückt der Inhalt tatsächlich in den Hintergrund.
Wahrscheinlich ist es Jammern auf ganz hohem Niveau, aber ich vermisse trotzdem eine gewisse Lebendigkeit zwischen den funkelnden Wortjuwelen. Und dann: eine Blinddarmentzündung bleibt eben eine Blinddarmentzündung, egal wie nett man sie beschreibt. Und 267 Seiten Blinddarm sind mir dann doch zuviel.

Weitere Besprechungen zu diesem Roman:

Die letzten kritischen Leser https://kritischeleser.wordpress.com/2019/03/12/babel/

 

Das Gespenst aus dem Hause Indebetou

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1793
Niklas Natt och Dag
Aus dem Schwedischen von Leena Flegler
erschienen am 01.03.2019 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-06131-5

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„Ein wilder und ungewöhnlicher Mix, der das ganze Krimigenre revolutioniert.“ So äußert sich laut Buchrückseite der Schriftsteller Arne Dahl zu diesem Roman. Ganz soweit würde ich nicht gehen, aber „1793“ gehört definitiv zum Besten, was ich an historischen Kriminalromanen bisher gelesen habe.
Dunkle Zeiten sind es, die Niklas Natt och Dag da ins Leben zurückruft. Die französische Revolution droht auch nach Schweden überzugreifen, der Thron ist umstritten, die Rechtsprechung willkürlich. Die Reichen sind sehr reich, die Armen bitterarm. Stockholm riecht in weiten Teilen nach Kloake, ein Menschenleben hat nicht viel Wert. In diesen Zeiten erregt eine Leiche recht wenig Aufsehen. Die eine aber, die diesen Roman in Gang bringt, ist so verstümmelt, dass doch zwei Menschen sich berufen fühlen, nach dem Mörder zu suchen: der an Tuberkulose im Endstadium erkrankte Jurist Cecil Winge und der einarmige Ex-Matrose Mickel Cardell. Dieses ungleiche Duo ergänzt sich erstaunlich gut, leider wird Winges Zustand keine Fortsetzungen zulassen.
Es ist nicht leicht zu lesen, was Winge und Cardell im Laufe ihrer Ermittlungen zu Tage bringen. Brutal ist der Roman, detailgenau und düster. Darin erinnert er mich an die Reihe um den französischen Kommissar Le Floch, die durchaus einen ähnlichen Aufbau hat und auch durch Detailtreue und historische Genauigkeit beeindruckt. Zudem ermittelt Le Floch in vergleichbaren Zeiten, nämlich kurz vor der Revolution in Frankreich.
Was diesen Roman für mich so außergewöhnlich macht, sind allerdings nicht der Mordfall und seine Grausamkeiten. Es ist die Zeit, die sich Natt och Dag für die Entwicklung seiner Charaktere läßt. Wir erfahren, wo sie herkommen, was sie umtreibt, wovon sie träumen oder was sie sich erhoffen. Und es gelingt ihm, den Roman dadurch spannender zu machen statt langatmiger. Im Grunde erleben wir eine Führung durch das Stockholm des Jahres 1793, durch Weinstuben und Gerichtssäle, vom Spinnhaus bis zum Adelsgut. Der Mord dient dabei streckenweise als roter Faden, der alles zusammenhält. Eine solche Konstruktion ist durchaus gewagt, aber in diesem Falle mehr als gelungen. Es ist also gar nicht genau zu sagen, was man da eigentlich liest, einen historischen Roman oder einen Krimi. Im Grunde ist das aber gleichgültig, wenn es denn so hervorragend geschrieben ist wie „1793“.

Ich danke dem Piper Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen zu diesem Roman:

literaturwerkstatt-kreativ/blog https://literaturwerkstattkreativblog.wordpress.com/2019/03/10/1793-von-niklas-natt-och-dag/
zeilenliebe https://zeilenliebe.com/2019/03/01/1793/

The beautiful landscape of battlefields, cemeteries and ruins

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Winterbergs letzte Reise
Jaroslav Rudis
erschienen am  25.02.2019 im Luchterhand Literaturverlag
ISBN 978-3-630-87595-8

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Dieses Buch ist eine Zumutung. Es ist großartig, anders, stellenweise unfassbar witzig, abgrundtief traurig, irrsinnig, todlangweilig, aber vor allem eine Zumutung. Man muss es lesen wollen, wirklich wollen. Nur, warum sollte man wollen wollen?
Kurz zum Inhalt, wobei man den Inhalt im Grunde nicht kurz, wenn überhaupt, zusammenfassen kann:
Jan Kraus, gebürtiger Tscheche, ist 1986 nach Deutschland geflohen. Dort ist er über Umwege Krankenpfleger und Sterbebegleiter geworden.
Derzeit versorgt er den 99jährigen Wenzel Winterberg, der schon in den letzten Zügen liegt (was würde er diesen Begriff „in den letzten Zügen liegen“ lieben, zumindest wäre er Anlass für einen Vortrag). Winterberg hat aber noch eine Aufgabe zu erledigen und so reisen die Beiden per Zug (Winterberg liebt Züge), bewaffnet mit einem Baedecker von 1913, durch halb Mitteleuropa.
Der Leser erlebt diese Reise mit den Augen Jan Kraus‘, aber eigentlich ist der Roman ein fast durchgehender Monolog Winterbergs. Über Gott und die Welt, Kriegsschauplätze, Sehenswürdigkeiten, Bahnhöfe und Feuerhallen, jaja, neinnein, darüber, ob man „geschichtlich durchblickt“, über die Schlacht von Königgrätz, tschechisches Bier, Frauen, Zugfahrpläne. Ein nicht endenwollendes Gesabbel (nein, ich will es nicht anders nennen, will ich nicht), ähnlich einlullend wie lange Bahnfahrten. Und in diesem Fluss von Baedeckerabschnitten, Beschreibungen der Landschaft, Betrachtungen zur Geschichte finden sich immer wieder Hinweise auf das, was Winterberg quält, auf das, was Kraus mit sich herumschleppt und nicht verarbeiten kann. So dass man beim Lesen immer wieder aufschreckt, weil man denkt, man hätte den Zielbahnhof verpasst oder den Umsteigehalt, den einen wichtigen Hinweis halt, die Andeutung, die über Sinn und Unsinn entscheidet, aber schnell folgt der nächste Redeschwall, der Zug fährt weiter.
Warum also, zum Henker, sollte man sich das antun? Weder Kraus noch Winterberg sind sympathisch, man beginnt sie trotzdem zu mögen, sicherlich, ein wenig zumindest, aber vor allem beginnt man zu denken. Über den Krieg, über Diktaturen, über den Tod, darüber, was einen Menschen zerbricht und wie schnell das geht, wie unverhofft, wie wenig man planen kann, wie schnell man vom Täter zum Opfer wird und umgekehrt und auch darüber, wie sehr sich die Geschichte immer in der Gegenwart spiegelt.
Dieser Roman ist ein ganz und gar irrwitziges Projekt, sperrig. Er verlangt vom Leser Arbeit und Geduld und Durchhaltewillen. Und das ganz ohne Belohnung. Außer den Erkenntnissen, die man sich vielleicht beim Lesen selbst erarbeitet hat. Was dann wiederum mehr ist, als man von den meisten anderen Büchern sagen kann.
Und soll man diesen Roman nun lesen? Man soll. Wenn man denn bereit ist, sich einzulassen auf diesen Text. Wenn man sich nicht nur besäuseln lassen möchte von Literatur.Wenn man aktiv und selbständig denken möchte. Sonst begibt man sich in die Gefahr an hochgradiger Langeweile zu sterben. Irgendwo zwischen Königgrätz und Sarajewo.

Isländer-Saga

Die Sturlungen von Einar Karason

Die Sturlungen
Einar Karason
Aus dem Isländischen von Kristof Magnusson
als Taschenbuch erschienen am 14.Januar 2019 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-71753-8

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Die Wikingerzeit interessiert mich schon länger und ich habe daher natürlich auch bereits einige Bücher zu dem Thema gelesen. Dieses aber ist besonders. Es handelt vom Aufstieg und Fall eines isländischen Clans, den Sturlungen. Die Isländer haben im Gegensatz zum Rest von Europa schon im Mittelalter einen sehr eigenen Kopf gehabt. Sie haben nämlich Bücher geschrieben und zwar in ihrer Landessprache. In einer Zeit, wo im Rest der Welt kaum jemand lesen und schreiben konnte, wo allenfalls in den Klöstern aufwendig religiöse Texte hergestellt und wenn überhaupt, dann auf Latein geschrieben wurde, wurden auf einer kleinen rauhen Insel ganze Sagas auf Isländisch bzw Altnordisch niedergeschrieben, wurde aus der mündlichen Überlieferung tatsächlich auch eine schriftliche. Und diesem Umstand verdanken wir auch die Texte über die Sturlungen, mehr noch, einer ihrer Anführer, genannt Skalden-Sturla, hat eine Chronik hinterlassen, die genauestens den Werdegang seiner Familie beschreibt.
Über zehn Jahre hat sich Einar Karason der Übertragung und Bearbeitung der Saga in eine modernisierte Form gewidmet. Und ich kann sagen, es war die Zeit wert! Mit Karasons Hilfe wird die Sturlungen-Zeit wieder lebendig, erlebt man Schlachten, Intrigen und Kämpfe hautnah. Man liest fassungslos vom Untergang Sturla Sighvatssons und fast seiner ganzen Sippschaft, hofft mit seinem Bruder Kakali auf einen Neuanfang, leidet mit Gissur nach dem grausamen Mord an seiner Familie.
Ständig wechselnde Perspektiven geben dem Leser eine Rundumsicht. Man muss sich allerdings auch an viele unterschiedliche Erzählstimmen gewöhnen. Die Vorteile überwiegen jedoch. Jede Stimme bringt eine eigene Sichtweise und Meinung mit, so dass man bei Kämpfen quasi in den Kopf beider Parteien schauen kann. Man erkennt schnell, wie Zwiste entstehen, wie Blutrache funktioniert, wenn man sie als gegebenes Muss akzeptiert hat, und dass Kämpfende auch damals schon unter posttraumatischen Belastungsstörungen litten. Allzu zimperlich darf man bei der Lektüre übrigens nicht sein: es rollen Köpfe und diverse andere Gliedmassen und auch in den wenigen Friedenszeiten war das Leben hart und opferreich.
Kristof Magnusson ist eine großartige Übersetzung ins Deutsche gelungen. Die einfache und doch melodische Sprache passt zu den beschriebenen Menschen, passt zu der Zeit und ist doch durchgängig flüssig lesbar. Dadurch habe ich die 827 Seiten schneller bewältigt als erwartet und mochte mich eigentlich noch gar nicht von dem Text lösen.
Insgesamt eine wirklich gelungene Neubearbeitung eines mittelalterlichen Stoffes, ein tiefer Einblick in isländisches Leben und Wirken zur Zeit der Wikinger und dabei unerwarteterweise spannend wie ein Abenteuerroman. Ganz fabelhaft!

Ich danke dem btb Verlag herzlich für das zur Verfügung gestellte Leseexemplar.

Weitere Besprechungen:

letusreadsomebooks https://letusreadsomebooks.com/2018/02/20/einar-karason-die-sturlungen-die-grosse-islaender-saga/

Ulenspiegel

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Tyll
Daniel Kehlmann
erschienen am 09.10.2017 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-03567-9

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Wenn ich an den Dreißigjährigen Krieg denke, fällt mir als Erstes immer der „Wallenstein“ von Gero Mann ein, ein wahres Mammutwerk, das das Leben des Feldherrn geradezu minutiös nachverfolgt. Besonders die seitenlangen Beschreibungen dessen, was ein Tross alles so mitführt, stehen mir da in bleibender Erinnerung vor Augen. Aber gerade diese übergenauen Schilderungen der Abläufe machen auch das Grauen so nachvollziehbar und die Dauer begreifbar.
Zeitgleich denke ich sofort an Grimmelshausens „Die Abenteuer des Simplicius Simplicissimus“ , einen Roman über einen jungen Adligen, der vom Krieg gewaltig gebeutelt wird, aber trotzdem irgendwie versucht zu überleben. Dabei muss der Held mehrfach die Seiten wechseln und findet keinen ruhigen Flecken in einem Land, indem ständig ganze Heere unterwegs sind, die wie die Heuschrecken alles kahlfressen und zum Dank Tod, Pest und Elend hinterlassen.
Kehlmanns „Tyll“ kommt etwas leichtfüssiger daher, aber nicht minder anschaulich. Der Autor verlegt das Leben des berühmten Schelmen Till Eulenspiegel vom 14. in das 17. Jahrhundert und mit diesem Tyll Ulenspiegel, wie Kehlmann ihn zeitgetreu nennt, erlebt der Leser alle Facetten dieses Krieges.
Tyll wächst als Müllersohn auf. Sein Vater ist aber eher an der Erklärung des Wesens der Welt interessiert, an Heilkunde und Magie, als an Mehl. Er gerät in Konflikt mit der Inquisition und wird zum Tode verurteilt. Tyll muss fliehen. Unterwegs schließt er sich einem Schausteller an und zieht alsbald mit Balladen, Seiltanz und Akrobatik durch die Lande. Nach und nach entwickelt er sich zu einer Legende, einem der wenigen Menschen, dem alle Stände in irgendeiner Form Achtung entgegenbringen. Und so ist er das Verbindungsglied in einer Geschichte, die aus vielen einzelnen Mosaikteilchen besteht. Wir erfahren von den Beweggründen und Nöten des Winterkönigs und seiner Frau (so genannt, weil seine Herrschaft nur einen Winter hielt), reiten mit Martin von Wolkenstein in Kriegsgebiet, versuchen mit Athanasius Kircher einen Drachen zu finden oder lesen vom harten Leben der Schausteller, die ja noch weit unter den Bauern stehen und irgendwo bei den Bettlern anzusiedeln sind.
Diese Perspektivwechsel geben dem Buch Tiefe, besonders, weil Kehlmann nie den roten Faden verliert, die Geschichte nie ausfasert oder sich in irgendwelchen Weiten verliert. Kehlmann nähert sich seinem Thema von allen Seiten an und bleibt dabei dem Kern nahe. Der Krieg ist dieses Thema, ob er nun aus religiösen oder machthungrigen Gründen geführt wird, der Krieg und die sich auflösende altbekannte Welt.
Ein großartiges Buch, das ein sehr komplexes Thema in einen wunderbar lesbaren Roman verwandelt. Und Tyll, der passt in diese Zeit deutlich besser als in seine angestammte, sein manchmal fast ans Bösartige grenzender Witz entspricht perfekt dem Lebensgefühl einer haltlosen Zeit.

 

Weitere Besprechungen:

arcimboldisworld https://arcimboldisworld.com/2018/08/25/daniel-kehlmann-tyll/
Zwischen Buchdeckeln https://zwischen-buchdeckeln.blog/2018/08/05/buchgedanken-daniel-kehlmann-tyll/
Culturama https://kulturaspekte.wordpress.com/2017/12/28/der-gestank-des-todes-tyll-von-daniel-kehlmann/
LiteraturReich https://literaturreich.wordpress.com/2017/11/23/daniel-kehlmann-tyll/

Richter Di

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Der Wandschirm aus rotem Lack
Robert van Gulik
Deutsch von Gretel und Kurt Kuhn
erschienen 1990 im Diogenes Verlag

Vor ein paar Tagen habe ich ja schon die historische Krimireihe um den mittelalterlichen Mönch Cadfael vorgestellt. Jetzt möchte ich noch weiter in der Zeit zurückgehen und zwar in das China der Tang-Dynastie. Dort läßt der niederländische Schriftsteller und Sinologe van Gulik nämlich seinen Richter Di ermitteln, d.h. zwischen 650 und 700. Jeder der 14 Bände enthält drei miteinander verschränkte Fälle, die Di durch Besonnenheit, Klugheit und Kombinationsgabe löst. In dem oben abgebildeten Roman z.B. geht es um den Tod einer Kanzlersgattin, den vermeintlichen Selbstmord eines Seidenhändlers und veruntreute Rechnungen.
Spannend sind nicht nur die Fälle selbst, sondern natürlich auch das Umfeld. Da Di in allen Gesellschaftsschichten recherchiert, erhält man fast nebenbei einen Einblick in das Leben zu der Zeit, von angesehenen Oberhäuptern bis hin zu Dieben und Prostituierten. Außerdem durchläuft Di in den Bänden die Stationen der damaligen Beamtenlaufbahn. Er startet als Bezirksbeamter und endet als Präsident des obersten Gerichtshofes. Van Gulik beschreibt sehr lebendig auch die jeweiligen mit den Ämtern verbundenen Aufgaben.
Begleitet wird Di von vier Helfern, einem Diener, den er von seinem Vater übernommen hat, einem früheren Betrüger und Falschspieler und zwei Brüdern, die ehemals die ehrenvolle Tätigkeit des Straßenräubers innehatten. Sie kennen sich in ihrem jeweiligen Gebiet gut aus, haben Kontakte oder dienen, im Falle der Brüder, bisweilen auch als Leibwache.
Leider ist diese ungewöhnliche Krimireihe nur noch antiquarisch erhältlich. Es lohnt aber trotzdem nach den Bänden Ausschau zu halten und mit ihnen eine Reise ins Alte China zu unternehmen.

Bruder Cadfael

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Das Licht auf der Straße nach Woodstock

Ellis Peters

aus dem Englischen von Jürgen Langowski

erschienen 1996 im Heyne Verlag

 

Es ist mal wieder Zeit für Fundstücke im Bücherregal. Wobei das diesmal kein richtiger Fund war, weil ich ja weiß, dass ich Cadfael-Romane dort habe. Aber sie sind im Buchhandel vergriffen, was ich äußerst schade finde.
Bruder Cadfael ist ein Mönch, der zwischen 1120 und 1145, in der Benediktinerabtei Shrewsbury in England, Kriminalfälle löst. In diesem Band erfahren wir, wie es dazu kommt, dass der Krieger Cadfael das Schwert niederlegt, um die Kutte zu wählen. Dabei löst er natürlich gleich seinen ersten Fall und hat sozusagen seine Berufung gefunden. Es ist eine aufregende Zeit, in der er da lebt. Der Thron ist heiß umkämpft. Hunger, Armut und Seuchen bedrücken die Menschen, von denen viele in Leibeigenschaft leben.
20 Bände hat Ellis Peters von 1977 bis 1994 ihrem kämpferischen Mönch gewidmet, der bei Unrecht nicht ruhen kann, bis er den Schuldigen gefunden hat, unabhängig von dessen Stand und Macht. Gut recherchiert, kommt die Reihe mit wenig Blut aus, vielmehr wird die mittelalterliche Abtei und der dazugehörende Ort Shrewsbury zu neuem Leben erweckt. Dank Cadfaels Heilertätigkeiten erfährt man auch viel über Kräuter und Tinkturen, die zu der Zeit genutzt werden.
In den Neunzigern wurde die Reihe mit Sir Derek Jacobi verfilmt. Ich mag die Serie, auch wenn sie natürlich heutigen Verfilmungsansprüchen nicht mehr gerecht wird.
Im Grunde liegt da ein kleiner, inzwischen nahezu unbekannter Schatz, den man wieder auflegen und ganz sicher auch spannend neu verfilmen könnte.

Shakespeare in Tasmanien

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In Tasmanien

Nicholas Shakespeare

Aus dem Englischen von Hans M. Herzog

erschienen am 01.02.2005 im Mare Verlag

ISBN 978-3-936384-40-6

 

Nicholas nicht William. Man möge mir den Titelscherz verzeihen, es war einfach zu verlockend. Wenn auch nicht ganz so berühmt wie sein Namensvetter, so ist Nicholas Shakespeare dennoch ein Garant für gehobene britische Literatur. Ich habe einige seiner Romane mit großem Vergnügen gelesen und mich ehrlich gefreut, als ich dieses Buch in einem meiner Stapel mit ungelesenen Büchern entdeckt habe. (Eine Zeit lang habe ich mit System gelesen, immer ein altes und ein neues Buch im Wechsel. Neue Bücher wurden strikt hinten unten einsortiert und waren bis sie vorne oben angekommen waren meist vergessen. Daher habe ich tatsächlich Fundstücke im Bestand. Erstaunlicherweise erwerbe ich trotzdem Bücher nie doppelt, bisher jedenfalls nicht.)
„In Tasmanien“ nun ist kein Roman, sondern eine Art Spurensuche. Die Geschichte Tasmaniens ist nämlich eng verknüpft mit einem Teil der Familie des Schriftstellers. Anthony Fenn Kemp, einer der selbsternannten Gründerväter des Landes war der Schwager des Vaters seiner Großmutter, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. Indem er das abenteuerliche Leben dieses Verwandten rekonstruiert, erkundet Shakespeare auch die Geschichte des Eilands Tasmanien, einer ehemaligen Sträflingskolonie Großbritanniens, die 1901 ihre Unabhängigkeit erlangt. Weil es ihm aber nicht genügt, nur über den britischen Part zu berichten, folgen auch Ausführungen über Leben, Elend und Sterben der Aborigines und die vermutliche Ausrottung des tasmanischen Tigers.
Ich denke, man muss sich schon ein wenig für Land und Leute interessieren, um an dieser literarischen Rundreise Gefallen zu finden. Ich fand es streckenweise wirklich hochspannend, wie es Shakespeare gelingt Vergangenes wieder zum Leben zu erwecken. Und die Familienüberlieferung kennt eben so manche Anekdote zu den Hauptpersonen, die kein Geschichtsbuch liefern würde. Andererseits führt Shakespeares akribische Detailliebe bisweilen auch zu einem dezenten Gähnen. Allerdings wirklich nicht oft, und wer daher die Möglichkeit hat, dieses inzwischen vergriffene Buch zu lesen, der sollte nicht zögern, geht aber das Risiko ein, danach kurzerhand in den nächsten Flieger steigen zu wollen, um die Schauplätze mit eigenen Augen zu erkunden.